Ausgabe 
23.7.1771
 
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,46 Wochenblatt«

lernt zu haben, daß ich antwortete, daß die Reihe an mit als einer Fremden zuerst wäre, und ich den Augenblick die Ehre haben wurde, auf ihrem Zimmer zu seyn. Sie waren aber so geschwind hinter der Magd drein, daß ich, ich wollte oder nicht, mir endlich ihre Höflichkeit gesallen taffen mußte. .. . ,.. .

Die beyden Frauenzimmer waren so geputzt, daß icp sogleich crro- thete, da ich meinen Anzug mit geschwinden Bücken überlief, jd) hatte aber noch so viel Gegenwart des Geistes, daß ich meine Verwunderung, sie in einem Negligee zu sehen, der besser als meine prächtigsten Staatsklei­der war, verbergen konnte Wir sprachen von Suchen, von denen man zu reden pflegt, wenn man beyderseits fremd ist, von der Reise, von dem Ort meines jetzigen Auffenthaltcs, und dergleichen mehr, aber alles war so trocken und steif, daß ich vielleicht darüber eingeschlafen seyn wurde, wenn ich nicht von Zeit zu Zeit durch ein gnädiges Fräulein aufgeweckt worden wäre. Ich sähe mich verschiedentlich um, ob nicht etwa noch eine andre Person im Zimmer sey, die sie meynen möchten: denn sie selbst waren zwey Schwestern. Die älteste von ihnen , die die Mine eines ganz redlichen Mädgenö hatte, bemerkte endlich meine Verwirrung, und fieng mitemem ganz sanften und vertraulichen Ton an. Ich merke daß Sie unsre Spra­che nicht verstehn. Ich meyne niemand anderst als Sie selbst. Da ihr Herr Papa hier eine der grösten Bedienungen bekleidet, so giebt man ihm den Titel: Jbro Gnaden: und Sie als seine Tochter Hessen also mit Recht: gnädiges Fräulein. Nehmen Sie meine Freyheit nicht ungnä­dig: ich sähe daß ihnen dieser Tittel fremd vorkam.

Wre groß war mein Erstaunen! Ich wußte nicht was ich sagen soll­te, Ich harte geglaubt, daß Sie meiner spottete, wenn mich nicht ihre offenherzige Mine von dem Gegentheil versichert hätte Ich wußte noch nicht daß ein Mann von Verdiensten, wie ich von meinem Vatter ohne Schmeichekey sagen kann, den Adel ohne weitere Umstände durch die Be­dienung selbst erhielte. Ich wußte wohl daß man den Adel mit Geld er. kaufen konnte: aber ich war versichert, daß mein Vatter dieses nicht ge- than batte. Und daß wir nicht von einem alten adlichen Geichlecbt wa­ren, wußte ich noch b sser Alles dieses dachte ich in der G.schwindrgkeit, und blieb sprachkoß fitzen, ohne ihr ein Mort antworten zu können.

Ja! fuhr CHIormde, so hieß die älteste Schwester, fort , das ist ganz gewiß! Und denken Sie ja nicht, gnädiges Fräulein - Hier gieng mir ein Stich ins Hertz: schon fieng ich halb an zu wünschen , daß es wahr