Zreitag, den 31. März Jahrgang 1939 Nummer 26 ömmgm Ä)ivrungen Vornan Son Theodor Montane 10. Fortsetzung. „Franke. Da war mal einer in der Ohmgasse, Grotzböttchermeister, und lütte bloß ein Auge: das heißt, das andere war auch noch da, man bloß innj weiß und sah eigentlich aus wie ne Fischblase. Un wovon war es? hn Reisen, als er ihn umlegen wollte, war abgesprungen und mit der Spitze gerat) ins Auge. Davon war es. Ob er von da herstammt?" „Nein, Frau Dörr, er is gar nich von hier. Er is aus Bremen." „Ach so. Na, denn is es ja ganz natürlich." Frau Nimptsch nickte zustimmend, ohne sich über diese Naturlichkeits- -ersicherung weiter aufklären zu lassen, und fuhr ihrerseits fort: „Un ion Bremen bis Amerika dauert bloß vierzehn Tage. Da ging er hin. t u er war so was wie Klempner oder Schlosser oder Maschinenarbeiter, iber als er sah, daß es nich ging, wurd er Doktor und zog rum mit liufer kleine Flaschen und soll auch gepredigt haben. Und weil er so gut iredigte, wurd er angestellt bei... Ja, nun hab ich es wieder vergessen, iber es sollen lauter sehr fromme Leute sein und auch sehr anständige." „Herr, du meine Güte", sagte Frau Dörr. „Er wird doch nich... irtt, wie heißen sie doch, die so viele Frauen haben, immer gleich sechs «der sieben und" manche noch mehre... Ich weiß nich, was sie mit so riefe machen." ... Es war ein Thema, wie geschossen für Frau Dorr. Aber die Nimptsch ferutjigte die Freundin Zind sagte „Nein, liebe Dörr, es is doch anders. ?ch hab erst auch so was gedacht, aber da hat er gelacht und gesagt: > bewahre, Frau Nimptsch. Ich bin Junggesell. Und wenn ich mich ver- Mrate, da denk ich mir, eine ist grade genug.“' „Na, da fällt mir ein Stein vom Herzen", sagte die Dörr. „Und wie km es denn nachher? Ich meine, drüben in Amerika." „Nu, nachher kam es ganz gut und dauerte gar nich lange, so war i m geholfen. Denn was die Frommen find, die helfen sich immer untermander. Und hatte wieder Kundschaft gekriegt und auch sein altes Metier rfeber. Und das hat er noch und is in einer großen Fabrik hier in der Wpnicker Straße, wo sie kleine Röhren machen und Brenner und Hähne mb alles, was sie für den Gas brauchen. Und er ist da der Oberste, so nie Zimmer- oder Mauerpolier, un hat wohl hundert unter sich. Un is tri sehr reputierlicher Mann mit Zylinder un schwarze Handschuh. Un h»t auch ein gutes Gehalt." „Un Lene?" „Nu, Lene, die nähm ihn schon. Und warum auch nid)? Aber sie kann V den Mund nicht halten, und wenn er kommt und ihr was sagt, dann uirb sie ihm alles erzählen, all die alten Geschichten; erst die mit Kuhl- ttein (un is doch nu schon so lang, als wär's eigentlich gar nich gewesen) tiib denn die mit dem Baron. Und Franke, müssen Sie wissen, ist ein firner un anständiger Mann, un eigentlich schon ein Herr." „Wir müssen es ihr ausreden. Er braucht ja nich alles zu wissen; Dzu denn? Wir wissen ja auch nich alles." „Wall, woll. Aber die Lene ..." Achtzehntes Kapitel. Nun war Juni 78. Frau von Rienäcker und Frau von Sellenthin Haren den Mai über auf Besuch bei dem jungen Paare gewesen, und utter und Schwiegermutter, die sich mit jedem Tage mehr emrebeten, 'Ire Käthe blasser, blutloser und matter als sonst vorgefunden zu haben, h-lten, wie sich denken läßt, nicht aufgehört, auf einen Spezialarzt zu gingen, mit dessen Hilfe, nach beiläufig sehr kostspieligen gynäkologischen Utferfudjungen, eine vierwöchentliche Schlangenbader Kur als vorläufig verläßlich festgesetzt worden war. Schmalbach könne bann folgen. Käthe wtfe gelacht unb nichts davon wissen wollen, am wenigsten von Schlan- Mbab, „cs sei so was Unheimliches in dem Namen, und sie fühle schon I6ik Aiper an der Brust"; aber schließlich hatte sie nachgegeben unb in den Mn beginnenden Reisevorbereitungen eine Befriedigung gefunden, die Süßer war als die, die sie sich von der Kur versprach. Sie fuhr täglich in l’l! Stadt, um Einkäufe zu machen, und wurde nidjt müde, zu versichern, sie jetzt erst das so hoch in Gunst und Geltung stehende „shopping r1- englischen Damen begreifen lerne: so van Laden zu Laden zu wan- unb immer hübsche Sachen unb höfliche Menschen zu finden, das a doch wirklich ein Vergnügen unb lehrreich dazu, weil man so vieles *>e, was man gar nicht kenne, ja, wovon man bis dahin nicht einmal 'fa Namen gehört hätte. Botho nahm in der Regel an diesen Gängen l|» Ausfahrten teil, unb ehe die letzte Juniwoche heran war, war bie "i-be Rienäckerfche Wohnung in eine kleine Ausstellung von Reise- l-kten umgewandelt: ein Riesenkossex mit Messingbeschlag, den Botho mcht ganz mit Unrecht den „Sarg seines Vermögens" nannte, leitete den Reigen ein; bann kamen zwei kleinere von Iuchtenleder, samt Taschen, Decken unb Kissen, und über bas Sofa hin ausgebreitet lag bie Reifegarberobe mit einem Staubmantel obenan unb einem Paar wunbervoller dicksohliger Schnürstiefel, als ob es sich um irgendeine Gletscherpartie gehandelt hätte. Den 24.3uni, Johannistag, sollte bie Reise beginnen; aber am Tage vorher wollte Käthe den cercle intime noch einmal um sich versammeln, unb |o waren denn Wedell unb ein junger Osten unb selbstverständlich aud) Pitt unb Serge zu verhältnismäßig früher Stunde geladen worden Dazu Käthes besonderer Liebling Balafrä, her bei Mars-la-Tour, damals nod) als „Halderstäbter", bie große Attacke mitgeritten unb wegen eines wahren Prachthiebes schräg über Stirn unb Backe seinen Beinamen erhalten hatte. Käthe saß zwischen Wedell unb Balafre unb sah nicht aus, als ob sie Schlangenbabs ober irgendeiner Badekur der Welt besonders bedürftig sei; sie hatte Farbe, lachte, tat hundert Fragen und begnügte sich, wenn ber Gefragte zu sprechen anhob, mit einem Minimum von Antwort. Eigentlich führte sie bas Wort, unb keiner nahm Anstoß daran, weil sie bie Kunst des gefälligen Nichtssagens mit einer wahren Meisterschaft übte. Palafre fragte, wie sie sich ihr Beben in den Kurtagen benke? Schlangen- bab sei, nicht bloß wegen seiner Heilwunber, fonbern viel, viel mehr nod) wegen seiner Langenweile berühmt, unb vier Wochen Babelangeweile seien selbst unter ben günstigsten Kurverhältnissen etwas viel. „Oh, lieber Balafre", sagte Käthe, „Sie bürfen mich nicht ängstigen unb würden es aud) nicht, wenn Sie wüßten, wieviel Botho für mich getan hat. Er hat mir nämlich acht Bände Novellen als freilich unterste Schicht in den Koffer gelegt, unb bamit sich meine Phantasie nicht kur- ro-ibrig erhitze, hat er gleich noch ein Buch über künstliche Fischzucht mit zugetan.' Balafre lachte. „Ja. Sie lmhen, lieber Freunb, und wissen doch erst bie kleinere Hälfte, die Haupthälfte (Botho tut nämlich nichts ohne Grund unb Ursache) ist feine Motivierung. Es war natürlich bloß Scherz, was ich ba vorhin von meiner mit Hilfe der Fifchzuchtsbrofchüre nicht zu schädigenden Phantasie sagte, das Ernste von der Sache lief darauf hinaus, ich müsse dergleichen, die Broschüre nämlich, endlich lesen, und zwar aus Lokalpatriotismus; denn die Neumark, unsre gemeinsame glückliche Heimat, ist seit Jahr und Tag schon die Brut- und Geburtsstätte ber künstlichen Fischzucht, unb wenn ich von diesem nationatökonomisch so wichtigen neuen Ernährungsfaktor nichts wüßte, fo dürft ich mich jenfeits ber Ober im ßanbsberger Kreise gar nicht mehr sehen lassen, am allerwenigsten aber in Berneuchen, bei meinem Vetter Borne." Botho wollte das Wort nehmen, aber sie schnitt es ihm ab unb fuhr fort: „Ich weiß, was du sagen willst, unb daß es wenigstens mit ben acht Novellen nur so für alle Fälle fei. Gewiß, gewiß, du bist immer fo schrecklich vorsichtig. Aber ich denke, ,aUe Fälle' sollen gar nicht kommen. Ich hatte nämlich gestern noch einen Brief von meiner Schwester Ine, die mir schrieb, Anna Gräoenitz sei feit acht Tagen auch da. Sie kennen sie ja, Wedell, eine geborene Rohr, charmante Blondine, mit der ick) bei ber alten Zülow in Pension unb sogar in berfetben Klasse war. Unb ich entsinne mich noch, wie mir unfern vergötterten Felix Bachmann gemeinschaftlich anschwärmten und sogar Verse machten, bis bie gute alte Zülow sagte, sie verbäte sich solchen Unsinn. Unb Elly Winterfelb, wie mir Ine schreibt, käme wahrscheinlich auch. Unb nun sag ich mir, in Gesellschaft von zwei reizenben jungen Frauen — unb ich als brüte, wenn auch mit ben beiben andern gar nicht zu vergleichen —, in fo guter Gesellschaft, sag ich, muß man doch am Ende leben können. Nicht wahr, lieber Balafre?" Dieser verneigte sich unter einem grotesken Mienenspiel, bas in allem, nur nicht hinsichtlich eines von ihr selbst versicherten Zurückstehens gegen irgendwen sonst in ber Welt, feine Zustimmung ausbrürfen sollte, nahm aber Nichtsbestoweniger sein ursprüngliches Examen wieder auf und sagte: „Wenn ich Details hören könnte, meine Gnädigste! Das einzelne, sozusagen die Minute bestimmt unser Glück unb Unglück. Und der Tag hat der Minuten so viele." „Nun, ich denk es mir so. Jeden Morgen Briese. Dann Promenadenkonzert und Spaziergang mit ben zwei Damen, am liebsten in einer verschwiegenen Allee. Da setzen wir uns bann unb lesen uns die Briefe vor, die wir dock) hoffentlich erhalten werden, und lachen, wenn er zärtlich schreibt, unb sagen ,ja, ja'. Und dann kommt das Bad, unb nach dem Bade bie Toilette, natürlich mit Sorglichkeit und Liebe, was doch in Schlangenbad nicht ununterhaltlicher fein kann als in Berlin. Cher das Gegenteil. Unb bann gehen wir zu Tisch unb Haden einen alten General zur Rechten unb einen reichen Jnbustriellen zur Linken, unb für Industrielle hab ich von Jugend an eine Passion gehabt. Eine Passion, bereit ich mich nicht schäme. Denn entweder Haden sie neue Panzerplatten erfunden ober unterseeische Telegraphen gelegt oder.einen Tunnel gebohrt SieRenerScimilicnblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ober eine Kotier-Eisenbahn angelegt. Und dabei, was ich auch nicht verachte, sind sie reich. Und nach Tische Lesezimmer und Kaffee bei heruntergelassenen Jalousien, so daß einem die Schatten und Lichter immer aus der Zeitung umhertanzen. Und dann Spaziergang. Und vielleicht, wenn wir Glück haben, haben sich sogar ein paar Frankfurter oder Mainzer Kavaliere herüber verirrt und reifen neben dem Wagen her; und das muh ich Ihnen sagen, meine Herren, gegen Husaren, gleichviel ob rot oder blau, kommen Sie nicht auf, und von meinem nzilitärischen Standpunkt aus ist und bleibt es ein entschiedener Fehler, daß man die Gardedragoner verdoppelt, aber die Gardehusaren sozusagen einfach gelassen hat. Und noch unbegreiflicher ist es mir, daß man sie drüben läßt. So was Apartes gehört in die Hauptstadt." Botho, den das enorme Sprechtalent feiner Frau zu genieren anfing, suchte durch kleine Schraubereieu ihrer Schwatzhaftigkeit Einhalt zu tun. Aber feine Gäste waren viel unkritischer als er, ja erheiterten sich mehr denn je über die „reizende kleine Frau", und Balafre, der in Kälhe- bewunderung obenan stand, sagte: „Rienäcker, wenn Sie nach ein Wort gegen Ihre Frau sagen, so sind Sie des Todes. Meine Gnädigste, was dieser Oger von Ehemann nur überhaupt will, was er nur krittelt? Ich weiß es nicht. Und am Ende muß ich gar glauben, daß er sich in feiner Schwerenkavallerie-Ehre gekränkt fühlt und — Pardon wegen der Wort- fpielerei! — lediglich um feines Harnisch willen in Harnisch gerät Rienäcker, ich beschwöre Sie! Wenn ich solche Frau hätte wie Sie, so wäre mir jede Laune Befehl, und wenn mich die Gnädigste zum Husaren machen wollte, nun, so würd ich schlankweg Husar, und damit basta. Soviel aber weiß ich gewiß und möchte Leben urtb Ehre darauf verwetten, wenn Seine Majestät solche beredten Worte hören könnte, so hätten die Gardehufaren drüben keine ruhige Stunde mehr, lägen morgen schon im Marschquortier in Zehlendorf und rückten übermorgen durchs Brandenburger Tor hier ein. Oh, dies Haus Sellenthin, das ich, die Gelegenheit beim Schopf ergreifend, in diesem ersten Toaste zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male leben lasse! Warum haben Sie keine Schwester mehr, meine Gnädigste? Warum hat sich Fräulein Ine bereits verlobt? Bor der Zeit und jedenfalls mir zum Tort." Käthe war glücklich über derlei kleine Huldigungen und versicherte, daß sie, trotz Ine, die nun freilich rettungslos für ihn verloren fei, alles tun wolle, was sich tun lasse, wiewohl sie recht gut wisse, daß er, als ein unverbesserlicher Junggeselle, nur bloß fo rede. Gleich danach aber ließ sie die Neckerei mit Balafre fallen und nahm das Reisegespräch wieder auf, am eingehendsten das Thema, wie sie sich die Korrespondenz eigentlich denke. Sie hoffe, wie sie nur Wiederholen könne, jeden Tag einen Brief zu empfangen, das sei nun mal Pflicht eines zärtlichen Gatten, werd es aber ihrerseits an sich kommen lassen und nur am ersten Tage von Station zu Station ein Lebenszeichen geben. Dieser Vorschlag sand Beifall sogar bei Rienäcker, und wurde nur schließlich dahin abgeändert, daß sie zwar aus jeder Hauptstation bis Köln hin, über das sie trotz des Umwegs ihre Route nahm, eine Karte schreiben, alle ihre Karten ober, fo viel ober fo wenig ihrer fein möchten, in ein gemeinschaftliches Kuvert stecken solle. Das habe bann ben Vorzug, baß sie sich ohne Furcht vor Postexpebienten unb Briefträgern über ihre Reisegenossen in aller Ungeniertheit aussprechen könne. Rach betn Diner nahm man braußen auf bem Balkon ben Kaffee, bei welcher Gelegenheit sich Käthe, nachbem sie sich eine Weile gesträubt, in ihrem Reisekostüm- in Rembranbthut unb Staubmantel samt umgehängter Reisetasche präsentierte. Sie sah reizend aus. Balafre war entzückter benn je unb bat sie, nicht allzusehr überrascht fein zu wollen, wenn sie ihn Am anbern Morgen, ängstlich in eine Coupeecke gebrückt, als Reifekavalier vor- finben sollte. „Vorausgesetzt, baß er Urlaub kriegt", lachte Pitt. „Oder beiertiert", setzte Serge hinzu, „was ben Hulbigungsakt freilich erst vollkommen machen würbe." ' So ging bie Plauberei noch eine Weile. Dann verabschiebete man sich bei ben liebenswürbigen Wirten unb kam überein, bis zur Lützowplatzbrücke zusammenzubleiben. Hier aber teilte man sich in zwei Parteien, unb wüh- renb Balafre samt Webell unb Osten am Kanal hin weiter schlenderten, gingen Pitt unb Serge, bie noch zu Kroll wollten, auf ben Tiergarten zu. „Reizenbes Geschöpf, biefe Käthe", sagte Serge. „Rienäcker wirkt etwas prosaisch baneben, unb mitunter sieht er so sauertöpsisch unb neunmalroeife brein, als ob er bie kleine Frau, bie, bei Lichte besehen, eigentlich klüger ist als er, vor aller Welt entschuldigen müsse." Pitt schwieg. „Unb was sie nur in Schwalbach ober Schlangenbad soll?" fuhr Serge fort. „Es Hilst doch nichts. Und wenn es Hilst, ist es meist eine sehr sonderbare Hilfe." Pitt sah ihn von der Seite her an. „Ich finde, Serge, du russifizierst dich immer mehr, ober was dasselbe sagen will, wächst dich immer mehr in deinen Namen hinein." „Immer noch nicht genug. Aber Scherz beiseite, Freund, eines ist Ernst in der Sache: Rienäcker ärgert mich. Was hat er gegen die reizende, kleine Frau. Weißt du's?" „Ja." „Nun?" „She is rather a little silly. Oder, wenn du's deutsch hören willst: sie dalbert ein bißchen. Jedenfalls ihm zuviel:" Neunzehntes Kapitel. » Käthe zog zwischen Berlin und Potsdam schon die gelben Vorhänge vor ihr Coupesenster, um Schutz gegen bie beftänbig stärker roerbenbe Blen- bung zu haben, am Lnisenufer aber waren an bemselben Tage keine Vorhänge herabgelassen, unb bie Vormittagssonne schien hell in bie Fenster ber Fran Nimptsch unb füllte bie ganze Stube mit Licht. Nur bet Hinter- grunb lag im Schatten, unb hier ftanb ein altmodisches Bett mit hoch ausgetürmten unb rot- unb weißkarierten Kissen, an bie Frau Nimptsch sich lehnte. Sie saß mehr als sie lag, benn sie hatte Wasser in ber Brust unb litt heftig an asthmatischen Beschwerden. Immer wieder wandte sie den Kops nach bem einen offenstehenbei: Fenster, aber doch noch häufiger nach bem Kaminofen, auf besten Herbstelle heute kein Feuer brannte. Lene faß neben ihr, ihre Hanb haltend, unb als sie sah, baß der Blick der Alten immer in derselben Richtung ging, sagte sie: „Soll ich Feuer machen, Mutter? Ich dachte, weil du liegst und die Bettwärme hast, und weil es so heiß ist — “ Die Alte sagte nichts, aber es kam Lenen doch so vor, als ob ste's wohl gern hätte. So ging sie denn hin und bückte sich und machte ein Feger. Als sie wieder ans Bett kam, lächelte die Alte zusrieden und sagte: „Ja, Lene, heiß ist es. Aber du weißt ja, ich muß eS immer sehn. Und wenn ich es nicht sehe, bann denk ich, es ist alles aus, unb fein Leben und kein Funke mehr. Und man hat doch so feine Angst hier..." Und dabei wies sie nach Brust und Herz. „Ach, Mutter, du denkst immer gleich an Sterben. Und ist doch so oft fchon Dorübergegangen." „Ja, Kind, oft is es vorübergegangen, aber mal kommt es, unb nut Siebzig da kann es jeden Tag kommen. Weißt du, mache das andere Fenster auch noch auf, dann is mehr Luft hier, und das Feuer brennt bester. Sieh doch bloß, es will nicht mehr recht, es raucht so..." „Das macht die Sonne, die grabe braufsteht..." „Unb bann gibt mit von ben grünen Tropfen, bie mir bie Dörr gebracht hat. Ein bißchen hilft es boch immer." Lene tat wie geheißen, unb ber Kranken, als sie bie Tropfen genommen hatte, schien wirklich etwas besser unb leichter ums Herz zu werben. Sie stemmte bie Hanb aufs Bett unb schob sich höher hinauf, unb als ihr £ ne noch ein Kissen ins Kreuz gestopft hatte, sagte sie: „War Franke schon hier?" „Ja, gleich heute srüh. Er fragte immer, eh er in bie Fabrik geht." „Is ein sehr guter Mann." „Ja, bas ist er." „Unb mit bas Konventikelsche..." „ ... Wirb es fo schlimm nicht fein. Unb ich glaube beinah, baß er feine guten Grunbsätze ba her hat. Glaubst bu nicht auch?" Die Alte lächelte. „Nein, Seite, bie kommen vom lieben Gott. Unb ber eine hat sie, unb ber andere hat sie nicht. Ich glaube nich recht ans Lernen un Erziehen ... Und hat er noch nichts gesagt?" „Ja, gestern abend." „Un was hast du ihm geantwortet?" „Ich habe- ihm geantwortet, daß ich ihn nehmen wolle, weil ich ihn für einen ehrlichen und zuverlässigen Mann hielte, der nicht bloß für mich, sondern auch für dich sorgen würde..." 0 Die Alte nickte zustimmend. „Und", fuhr Lene fort, „als ich das so gesagt hatte, nahm er meine Hand und ries in guter Laune: ,91a, Lene, benn also abgemacht!' Ich aber schüttelte ben Kops unb sagte, baß bas so schnell nicht ginge, benn ich hätt ihm noch was zu bekennen. Unb als er fragte: was? erzählt ich ihm, ich hätte zweimal ein Verhältnis gehabt: erst... na, bu weißt ja, Mutter... unb ben ersten hätt ich ganz gern gehabt, unb ben anbern hätt ich sehr geliebt, und mein Herz hinge noch an ihm. Aber er fei jetzt glücklich verheiratet unb ich hätt ihn nie wieber gesehen, außer ein einzig Mal, unb ich wollt ihn auch nicht wiebersehn. Ihm aber, ber es fo gut mit uns meine, hätt ich bas alles sagen müssen, weil ich keinen unb am wenigsten ihn hintergehen wolle..." ,;Jott, Jott", weimerte bie Alte bazwischen. „ ... Unb gleich banach ist er ausgestanben unb in feine Wohnung rubergegangen. Aber er war nicht böse, was ich ganz beutlich sehen konnte. 9iur litt er's nicht, als ich ihn, wie sonst, bis an bie Flurtür bringen wollte." Frau Nimptsch war ersichtlich in Angst unb Unruhe, wobei sich sreilich nicht recht erkennen ließ, ob es um bes eben Gehörten willen ober aus Atemnot war. Es schien aber säst bas letztere, benn mit einem Male sagte sie: „Lene, Kinb, ich liege nicht hoch genug. Du mußt mir noch bas Gesangbuch unterlegen." Lene wibersprach nicht, ging vielmehr unb holte bas Gesangbuch. Als sie's aber brachte, sagte bie Alte: „Nein, nich bas, bas ist bas neue. Das alte will ich, bas bi de mit ben zwei Klappen." Unb erst als Lene mit bem bitten Gesangbuche wieber ba war, fuhr bie Alte fort: „Das hab ich meiner Mutter selig auch holen müssen unb war noch ein halbes Kinb bamals unb meine Mutter noch keine fufszig unb saß ihr auch hier unb konnte keine Lust kriegen, unb bie großen Angstaugen guckten mich immer so an. Als ich ihr aber bas Porstsche, bas sie bei ber Einsegnung gehabt, unterschob, ba würbe sie ganz still unb ist ruhig eingeschlafeu. Unb bas möcht ich auch. Ach, Lene. Der Tob ist es nich ... Aber bas Sterben ... So, so. Ah, bas Hilst." Lene weinte still vor sich hin, unb weil sie nun wohl sah, daß der guten alten Frau letzte Stunde nahe fei, schickte sie zu Frau Dörr unb ließ sagen, „es stehe schlecht unb ob Frau Dörr nicht kommen wolle". Die ließ benn auch zurücksagen, „ja, sie werbe kommen ..." unb um bie sechste Stunde kam sie wirklich mit Lärm und Trara, weil Seifefein, auch bei Kranken, nicht ihre Sache war. Sie stappste nur fo durch die Stube hin, daß alles fchütterte und klirrte, was auf und neben dem Herde lag, und dabei verklagte sie Dörr, der immer grab in ber Stabt sei, wenn er mal zu Hause fein solle, unb immer zu Hause wär, wenn sie ihn zum Kuckuck wünsche. Dabei hatte sie ber Kranken bie Hanb gebrückt unb Sene gefragt, ob sie benn auch tüchtig von ben Tropfen eingegeben habe. Ja." ff Wieviel benn?" „Fünf... fünf alle zwei Stunden." Das fei zu wenig, hatte die Dörr darauf versichert und unter Aus- kramung ihrer gesamten medizinischen Kenntnis hinzugefetzt: „fie habe bie Tropfen vierzehn Tage lang in ber Sonne zieh» lassen, unb wenn man fie richtig einnahrne, fo ginge bas Wasser weg wie mit ner Plumpe. Der alte Seite brüben im Zoologischen sei schon wie ne Tonne gewesen unb habe fchon ein Vierteljahr lang keinen Bettzipvel mehr gefehn, immer aufrecht in’n Stuhl un alle Fenster weit ausgerisfeu, als er aber vier Tage lang bie Tropfen genommen, sei's gewesen, wie wenn man auf eine Schweinsblase brücke: hast bu nicht gesehen, alles raus un wieber lapp un schlapp." (Fortsetzung folgt.) Mensch im Werk. Don Heinrich Lersch. Die Nacht hat ein dunkles Tuch vor mein Fenster gehängt $ib alles Leben zu mir herein in die Stube gedrängt. Nun lebt jedes Ding, das vor mir im Lichtschein der Lampe ruht, Als durchzög' es mich wie ein lebendiges, pochendes Blut. Jetzt tritt aus dem Tisch und Schrank der Schreiner hervor. Der mit dem Sinnen beim Wirken daran seine Seele verlor. Aus dem Ofen der Schmied, aus den Wänden der Maurergesell, Aus dem Tuche der Weber, dem Schranke der Schreiner; die ordnen sich schnell Und stehn in der Reihe. Sie lächeln und grüßen mich stumm. Da hüftert’5 im Buchschrank. Und alle wenden sich um: Da werden die Bücher lebendig. Aus ihrer Zeilengruft Steigen die Dichter hervor, wie wenn das Leben sie ruft. Sie stehen vor mir, wie das Leben sie sah, Wie sie litten und kämpsten; so sind sie mir nah. Sie sagen mir alle mit stummer Gebärde: „Sieh, wir sind dein!" Verschweben, verschwinden, und ich bin wieder allein. Die Nacht hat ein dunkles Tuch mir vor das Fenster gehängt Und alles Leben zu mir herein in die Stube gedrängt. Aus Böhmens und Mährens musikalischer Vergangenheit. Von Hans Joachim Moser. Wenn an irgend einem Punkt die kulturellen Schwereverhältnisse zwischen Sudetendeutschland und Tschechentum klar abzulesen sind, so auf d-M Gebiet der Tonkunst, obgleich die Musik doch eines der slawischen tziiupttalente darstellt. Nimmt man die Hussitenlieder aus, die aber z. T. een der gregorianischen Kirchengesangstradition abhängen, z. T. auch »em deutschen Volksgcsang beeinslußt sind, so zeigt sich ernsthafte kunst- Alsikalische Betätigung der Tschechen erst um 1600 in gelegentlichen, m 1700 in stärkeren Spuren — aber wie Czcrnohorski (ber Lehrer Martinis und Glucks) in die italienische Musikgeschichte als „Padre Boemo" hnübergewachsen ist, so wurden ein Dismas Zelenka, ein Franz und Georg Benda, ein Dussek und Tomaschek von der deutschen Musik- rttwicklung völlig ausgesogen, während die Tuma, Zach, Seeger u. a. »m ihren Zeitgenossen als kernechte Deutsche betrachtet worden sind. !er Oberpsälzer Gluck ist nur in westlerischen Chauvinistengehirnen halber o ct ganzer Tscheche gewesen, der große Geigenmeister der Mannheimer Lchule, Johann Stamitz (Steinmetz) einzig von hoffnungslosen Zwischen- iilchlcrn für keinen reinen Deutschen erklärt worden (dabei hat noch sein Großvater im steirischen Marburg gesessen). Erst im 19. Jahrhundert hat lii) eine tschechische Komponistenschule eigner Prägung aus dem Folkloristi- Ihenheraufgearbeitet, aber auch diese Smetana, Dvorak, Alban Förster, gacnko Fibich, Leos Janacek wären ohne deutsche Vorschulung und Betreuung keinesfalls das geworden, was sie geworden sind. Wenn der böhmisch-mährische Raum eine Musiklandschaft hohen, wenn nicht sogar ersten Ranges heißen darf, so verdankt er das fast ausschließlich deutscher Volkskultur. So haben sich in der Jglauer Sprachinsel noch die altertümlichsten bäurischen Fiedeln erhalten, und die herrlichsten deutschen kollslieder sind (besonders durch den Sudetendeutschen Walter Hensel, dm Führer der Finkensteiner Jugendsingbewegung) im Kuhländchen, bei Mährisch-Trübau, im Schönhengstgau gesammelt worden. Wenn wir m Reich „böhmische Musikanten" tressen, so sind sie meist Sudetendeutsche, ■ die in Graßlitz eine reiche Musikinstrumentenbauindustrie entwickelt hatten inb erst vor den Stürmen der Gegenreformation großenteils nach Mark- uukirchen im Vogtland übergesiedelt sind. Auch die erzgebirgischen Musikbegabungen, aus denen so mancher Leipziger Thomaskantor hervor- zewachsen ist, stammen z. T. nachweislich von „böhmischen", d. h. sudetendeutschen Glaubensslüchtlingen ab. Mag das „Christ genade", das ein Prager Chronist die Edlen,des Boh- merherzogs schon im 10. Jahrhundert zur Begrüßung des Sachsenbischofs lhietmar anstimmen läßt, richtiger erst dem Gebrauch des 12. Jahrhunderts ^gewiesen werden, so ist doch mit dem 13. Jahrhundert allenthalten mit bett deutschen Stadtgründungen auch deutsche Singart in das vordem mrkomannisch-quadische, dann slawische Land eingeströmt, und unsere Minnesänger haben manchen ihrer Besten an den Hof König Ottokars «tsandt — so ließ sich dort Heinrich Frauenlvb, der Tannhäuser und bei allem ein Fahrender, Der Unverzagte, hören, der den Geiz Rudolfs »en Habsburg witzig verspottet hat. Ulrich von Eschenbgch pries in zarten Versen die Vorzüge der Geige, und in Eger beschenkte König Wenzel die aller Welt zusammengeströmten Spielleute. Unter den Luxemburgern bühte Mülich von Prag (Heinrich von Mügeln?), von dem sich einige Aelodien erhalten haben, im 15. Jahrhundert wirkte hier ein Komponist Paul von Broda, und das „Hohenfurtcr Liederbuch" spiegelt in geistlichen llnsormungen den reichen Bestand sudetendeutschen Volksgesanges, aus dem zumal entzückende Tanzlieder hervorlugen. Michael Weißes Gesang- d-ch der „böhmischen Brüder" (1531) ist samt seinen Nachfolgers eine ganz iüerwiegend deutsche Leistung gewesen. , . Ein bedeutender lutherischer Polyphonist starb 1546 in Böhmisch Le«pa - der in Tetschen geborene Superintendent Balthasar Resinarius f^artzer), von dem zahlreiche Werke damals in Wittenberg gedruckt worden jjb. Dann sind vor allem Eger (wo der fleißige Musiksammler Clemens Stephani ans Buchau und der Volksliedbearbeiter Jobst v. Braut starben) und Joachimstal (als Sih des liederreichen Kantors Nikolaus Herman) wichtig für die deutsche.Musik geworden, um von zahlreichen Kleinmeistern daselbst zu schweigen. In Prag ließ 1582 Christof Schwäher (Hecyrus) sein deutsches Gesangbuch erscheinen, zehn Jahre später orgelte dort an der Heinrichskirche der Schlesier Joh. Knösel, dann bis zur Schlacht am weißen Berge Valerius Otto. Prag war am Ende des 16. Jahrhunderts vor allem durch die Anwesenheit der kaiserlichen Kapelle unter den Vlamen Philipp de Monte und Jakob Regn art eine der ersten Musikstädte der Welt. An einer Nebenkirche komponierte der große Kramer Jakob Handl (Gallus), und in Reichenberg erwuchs der prachtvolle Motettenmeister Christoph Demantius. Wie dieser unter den Glaubcnsverfolgungen des Dreißigjährigen Krieges nach Freiberg auswandern wußte, so der hoch- begabte Brüxer Andreas Hammerschmied nach Zittau; ihnen folgten zahlreiche sudetendeutsche Musiker ins Altreich nach. Nur im evangelisch verbliebenen Asch durfte noch der treffliche Sebastian Knüpfer aufwachsen, dessen Kantaten und deutsche Madrigale zu den fesselndsten Leistungen des Mittelbarock zählen. , , Gewiß hängt es mit der habsburgischen Kulturpolitik des 17. Jahrhunderts zusammen, daß nunmehr das Schwergewicht der Musikpflege in Böhmen sich auf das Gebiet der nicht so leicht ins Lutherische abgleitenden Instrumentalmusik verlagerte. Ihr Hauptvertreter im Zeitalter Kaiser Leopolds 1. wurde der 1644 zu Wartenberg geborene Franz Ignaz Heinrich Biber (später als „von Bibern" geadelt), der das größte Geigergenie seiner Zeit geworden ist uXjd sich in zahlreichen wagemutigen Virtuosenkompositio- nen für sein Instrument, aber auch aus Salzburger Kapellmeisterpflichten als Messensetzer bewährt hat. Durch die außerordentliche Begünstigung der katholischen Kirchenmusik bis aufs kleinste Dorf in Böhmen ist das Land weiland Marbolds im 18. Jahrhundert (nach den Worten des musikalischen Reisenden Burney) zum „Konservatorium Europas" geworden. Hier sprang „wie ein Shakespeare'' der originelle Stürmer und Dränger Johann Stamitz hervor, dem sich in seinem Freunde Anton Filtz ein nicht viel geringeres „Originalgenie' der neueren Symphonik gesellte. In Prag fand Mozarts „Figaro' jenes volle Verständnis, das ihm in Wien zunächst versagt geblieben war- für Prag schrieb er den „Don Giovanni" und „Titus", aus dem böhmischen Raum strömten zahlreiche deutsche Musikbegabungen wie Leopold Gaßmann, Anton Rösler, Wenzel Müller nach Wien, bis mit der Gründung des Prager Konservatoriums 1811 ein neuer Mittelpunkt der Musikpflege im Lande selbst entstand. Zahlreiche namhafte Musiker sind an dieser Anstalt Lehrer oder Schüler gewesen von Dionys Weber aus Welschau und Wagners Jugendfreund Kittl über die Musikgelehrten Ambros und Prohaska bis aus den Modernisten heutiger sudetendeutscher Musik Fidelio Finke aus Josephsstadt. Nennen wir unter seinen Generationsgenossen nur Felix Petyrek, Theodor Veidl, Isidor Stögbauer, Edmund Nick, Paul Königer, Johs. Bammer, so ergibt sich das vielseitigste Bild und eine erstaunliche Schau über reiche und echte tonsetzerische Begabungen. Möge dem Nachwuchs durch die Rückverdeutschung der großen musikalischen Lehrstätten und Kunstinstitute neuer Lebensraum und Aufstieg gesichert werden! Verstand oder Instinkt? Von Geh. Rat Professor Dr. August Bier. Wir entnehmen den folgenden Aussatz mit Genehmigung des Verlages I. F. Lehmann, München 15, dem Buche „Die Seele" von Geh. Rat Prof. Dr. A. Bier (geh. RM. 6,20, Lwd. RM. 7,40). Der weltberühmte Arzt und Forscher hat sich nach 40jähriger überaus erfolgreicher Tätigkeit in die Einsamkeit zurückgezogen; aber nie hat er aufgehört, sich mit dem Studium biologischer Fragen zu beschäftigen. Ein Hanptmittel für die Erhaltung der Art ist der Instinkt der Elternliebe, insbesondere der der Mutterliebe, und doch sehen wir, daß zahlreiche Arten kleiner Vögel das Kuckucksei ausbrüten und den jungen Fremdling, der ihr eigen Fleisch und Blut aus dem Neste wirft, mit der rührendsten Liebe und mit Ausbietung aller Kräfte, die dazu gehören, unvben gefräßigen Riesen zu sättigen, Pflegen. Die Henne brütet Enteneier aus unb läßt für die Angehörigen ber ihr völlig fremben Art ihr Leben. Die Hünbm säugt ben jungen Fuchs unb ben jungen Wolf und vergißt darüber den von Ch. Darwin betonten Rassen- und Artenhaß der nahen Verwandten. Zugvögel, die angeblich das Wetter lange vorausfühlen sollen, gehen massenhast zugrunde, wenn nach trügerischen Frühlingstagen ein Kälterückschlag mit Schnee und Eis emtritt, was zum Beispiel im Jahre 1935 Dom 6. bis 10. März bei uns der Fall war. Viele Instinkte fehlen dem Menschen. Den dicht bevorstehenden Wetter- liinschlag, den Tiere voraussühlen, merkt nur noch der kranke Mensch in feinen rheumatischen Gliedern, in seinen Hühneraugen und Frostbeulen. Der normale Sinn dafür ist dem Menschen verlorengegangen. Das Schwimmen, das jedem Säugetier von Natur aus gegeben ist, muß er sich mühsam anlernen. , Ä , Nicht einmal fallen kann er. Die Ausbildung tm Ringen fängt bezeichnenderweise mit Fallenlernen an. Die Katze unb ber Hunb, die aus größerer Höhe herabstürzen, kommen auf die Füße und brechen sich nichts. Aehnlich zweckmäßig kann der Mensch nur fallen, wenn er schwer betrunken ist, dann sackt er zusammen wie eine Gliederpuppe. Fällt der nüchterne Mensch, so steift er in seiner Angst in höchst unzweckmäßiger Weise ferne Glieder, so daß die Gewalten an langen Hebeln wirken, Knochenbrüche, Verrenkungen, innere Stauchungen und Zerrungen verursachen. Denn diese indirekten Gewalten sind die schwersten und gefährlichsten. Tzere vermeiden instinktiv Giftpflanzen. Der Kulturmensch nimmt sis ahnungslos auf und geht daran zugrunde. Aehnlich verhalten sich die verstallten Haustiere; Pferde fallen ebenso ungeschickt wie der Mensch und vergiften sich an einem unserer einheimischen Waldbäume, der Eibe. Doch gewinnen die Haustiere ihre normalen Instinkte schnell wieder. So werden ausgebrochene Kühe und «chwemo In wenigen Tagen „wild" und sind dann ebenso schwer zu überlisten wie Hirsche und Wildschweine. Oft findet beim Kulturmenschen ein Kamps zwischen Instinkt und Verstand statt, der gewöhnlich mit dem Siege des letzteren endet. Der Kulturmensch verlor den Ortssinn, der Naturvölkern und Tieren in so hohem Maße gegeben ist. Dafür aber baute er Wege und Wegweiser, erfand den Kompaß und zeichnete Landkarten. Damit kam er viel weiter, als je der normale Ortssinn ein Geschöpf geführt hat. Freilich ist er verraten und verkauft, wenn er jene Hilfsmittel nicht zur Hand hat. Und wieviel Sinne mag der Mensch noch verloren haben! Ich sah einmal, wie an einem frühen Sommermorgen ein Edelmarder ein Eichhörnchen jagte. Durch die Kronen etwa siebzigjähriger Kiefern ging die wilde Jagd, die schließlich damit endete, daß das Eichhörnchen zu Boden fiel oder sich fallen ließ, um dem überlegeneren Gegner zu entwischen. Ich habe nie etwas Geschickteres und Gewandteres im Springen gesehen als von jenem Edelmarder, selbst nicht in den Affenkäfigen unserer zoo- logischen Gärten. Ich sagte mir, mit was für Sinnen muß dieses Tier begabt sein, von denen der Mensch keine Ahnung mehr hat oder an die nur Anklänge noch vorhanden sind! Der Marder sprang blitzschnell ohne Zögern von Ast zu Ast und bewegte sich in der luftigen Höhe schneller und sicherer als am Boden. Sagen wir, er macht einen Sprung von einem Ast zum andern, die 3 m und 2 cm von einander entfeint sind. Springt er bloß 3 m, so liegt er unten, aber ich zweifle daran, ob dies überhaupt vorkommt. Was geht dabei alles in dem Tiere vor sich! Es muß unbewußt die Entfernung schätzen und genau das Kraftmaß kennen, das die Muskeln entwickeln, um sicher den erwünschten Ast zu erreichen, und natürlich hat er noch vieles andere nötig. Und doch, der kluge Mensch kann, wenn er sich überlegt und verstandesmäßig vorbereitet und einübt,' dasselbe, wie unsere Akrobaten mit ihren staunenswerten Leistungen jeden Tag zeitigen. Mit bewundernswerter Sicherheit erklimmt die schwindelfreie Gemse bedeutende Höhen, aber der Mensch steigt höher und erreicht schwierigere Grate. Pfeilschnell durchschneiden Wander- und Baumfalke die Lüfte, aber der erfindungsreiche Mensch ersann mit seinem überlegenen Verstände das Flugzeug, das noch schneller fliegt. Die Instinkte werden durch Erfahrungen und Ueberlegungen denkgemäß beeinflußt. Der unbewußte Instinkt und die planmäßige Zweckhandlung, die am ausgeprägtesten beim Menschen zu jenem hinzutritt, bilden Gegensätze und werden zur Harmonie, wenn sie richtig gemischt sind. Die Hand. Von Ruth Schaumann. Hat mir nicht dunkel die Zigeunerin Die kleine offne Kinderhand beschaut? „Ein Weg durch Wildnis hier, ein Kranz zur Braut, Ein Kreuz aus Eschen und ein Stern darin, Ein Lilienkelch, bis an den Rand betaut, > Und den Verlust als süßesten Gewinn." Zu fernen Wäldern wich die Frau dahin Und unser Hofhund bellte hart und laut. Ich wusch die Hand an diesem Abend nicht. Ich sah den Stern darauf, den Kelch, den Kranz — Das Kreuzchen mir am Hals war aus Korallen. Den Weg zur Wildnis ging die ZurEsichl, Das Kreuz aus Eschen nur allein hat Glanz Für mich und dich, dem meine Hand verfallen. Einst, als der Vater uns mitnahm ... Von C r n st K r e u der. Meinen Vater kümmerte es nicht, daß sich in der Gabelsbergerstrahe hinter uns die Fenster öffneten, wenn wir sonntags früh aufbrachen. Ich war damals etwa zehn, mein Bruder neun; wir trugen alle drei spitze grüne Tirolerhüke mit Eichelhähersedern, Rucksäcke und für das Flachland vielleicht etwas sonderbare Wanderstäbe. Als mein Vater noch an gelte, hatte er sich verschiedene große Angelruten aus Bambus zugelegt. Aus diesen kräftigen Bambusftöcken schnitt er drei verschieden hohe Wanderstäbe, sie überragten uns um etliches, in feiner Werkstatt drehte er aus Elfenbeinabfällen — die waren noch von feinem Vater, der ein Elfenbeinschnitzer war — drei schöne große Knöpfe, die obenauf kamen, und so schüttelten die Leute in den offenen Fenstern die Köpfe, wenn wir mit diesen mächtigen Stöcken bewafsnet wie eine Bergsteigerfamilie die Stadt verließen. Denn weit und breit war fein Gebirge, und es kam niemand auf den Gedanken, wozu wir diese Stöcke Mitnahmen. Sie stehen heute noch in einer Ecke der Rumpelkammer meiner Eltern, und ich betrachte sie gern; denn mit ihnen sind wir über viele Wasserläufe meiner Heimat am Main gesprungen, wenn sie nicht gerade flußähnliche Breite hatten. Die Brückchen und Stege draußen waren für uns nicht vorhanden: wir sprangen. Erst kam mein Vater, ich sehe ihn noch, er nahm fast keinen Anlauf, und schon war er im Stabhochsprung überm Bach; dann mußte ich springen, und zuletzt kam mein Bruder. Ich will nicht verschweigen, daß wir in der ersten Zeit oft genug im Schlamm statt auf dem jenseitigen Ufer landeten; aber allmählich konnten wir die Breite des Wassers richtig schätzen, wir wurden Wasserschätzer, und ich habe noch heute ein gutes Augenmaß. Auf unseren Sonntagsausflügen sahen wir natürlich oft unsere Schulkameraden mit ihrem Vater oder beiden Eltern. Sie mußten ihre neuen Sonntagsanzüge tragen, Matrosenbluse mit Anker und Mütze mit Bändern, und gesittet und wohlerzogen vor ihren Eltern herspazieren; es sah ungemein künstlich aus, wie auf einer Karikatur. Da hatten wir es bedeu- lsnd besser. Waren genügend Bäche übersprungen und hatten wir bei Wald erreicht, dann dauerte es nicht lange, bis mein Vater drei annähernli gleich hohe und nicht zu dicke Bäume herausgesucht hatte. Wir legten bie Rucksäcke und die Stöcke auf den Waldboden, auch die Hüte; es durste sich jeder „seinen" Baum aussuchen; und da wir gute Kletterer waren, hatten wir immer wieder die Hossnung, unseren Vater zu schlagen. Ml dem Ruf „Los!" sprangen mir an den Stämmen hoch und kletterten wie die Teufel. Aber sein lachendes Gesicht mit dem Spitzbart tauchte immer zuerst aus dem Wipfellaub auf, und dann winkte er uns aus der schwankenden Krone zu. Schuhe und Kleider wurden dabei nicht besser, es gab Löcher und Winkelrisse; und obwohl mir vor dem Kriege nicht und später erst recht nicht rnohlhabend mären, setzte mein Vater die Gesundheit seiner Buben stets über alle kleinlichen Bedenken. Hungrig mürben mir auch dabei; aber ein zünftiger Wanderer sorg! erst für" andere Dinge, bevor er seinen Magen füllt; denn er ist ja den Unbilden des Wetters preisgegeben. Und so lernten mir Damals schon rnetterfeste Hütten bauen, und ich glaube, ich kann es heute noch. Wir drangen tiefer in den Wald ein, und dort, rno es am hellen Tage fchummrig und menig unheimlich mar, mahlten mir unser Lager. Es ging dann schon gewöhnlich gegen Mittag, und mir tappten eifrig unter den Bäumen umher und suchten tote und abgebrochene Aeste — grünes Holz durften mir nicht nehmen. Dann mürbe die Hütte mit den drei Kammern gebaut. Die Aeste mürben in den Waldboben gesteckt, drei Reihen nebeneinander in einem Meter Abstand, bann hinten die Reihe für die Rückrnand. Standen die Aeste fest, rnurden sie von oben bis unten mit dünnen Reisern verflochten, ebenso bie Aeste, die bas Dach bildeten, zuletzt schleppten mir große Moosstücke herbei, bie mit zugespitzten Holzstäbchen an den Außenrnänden befestigt mürben. Die größten Moosteppiche mürben für das Dach verrnendet. Die Hütte mar fertig; mir krochen hinein, konnten der Länge nach darin liegen, jeder in feiner „Kammer", aber es war so dunkel darin, daß mir zum Mittagessen mieden hinauskrochen. Mit geschmärzten Fingern, die oft verkratzt und blutig roaren, öffneten mir die großen rotgelben Bouillonwürfeldosen, die mit Kartoffelsalat gefüllt roaren, den unsere Mutter noch in der Frühe für uns zubereitet hatte. Ob uns je wieder ein Kartoffelsalat so gut schmeckt wie damals im Walde vor unserer selbstgebauten Hütte? Wir waren natürlich unbändig stolz auf unser Werk, versicherten einander, daß weder Sturm noch Wolkenbruch ihr etwas anhaben könne und daß sie so gut versteckt liege, daß niemand sie fände. Und ich erinnere mich, daß wir vierzehn Tage später die Hütte unversehrt miederfanden; sogar die Moosteppiche, mit denen mir den Eingang verdeckt hatten, hingen noch dort. Nach dem Essen zog sich unser Vater in seine Kammer zurück und schlief. Das mar für uns ein äußerst michtiger Augenblick; denn nun konnten mir „auf Wache" gehen. Wir suchten uns jeder einen kräftigen Buchenknüppel, verabredeten einen Warnungspfiff und und schlichen leise davon. In unserer Einbildungskraft trieben sich in den Wäldern finstere und unheimliche Gestalten umher, die den Spaziergängern auflauerten, um sie zu überfallen und zu berauben. Und die Tatsache, daß unser Vater auf größeren Wanderungen stets seinen alten Trommelrevolver mitnahm — im Üederfutteral, die Patronen roaren eingefettet und hatten Bleikugeln —, erhöhte den Nimbus der Gefahr. Wir schlichen ängstlich in der Laubdämmernis umher, spähten mie Trapper, zuckten bei dem leisesten Knacken zusammen, hörten auch einmal jemand in der Ferne vorüber- zehen, trafen uns wieder und tauschten flüsternd und gewichtig unsere Beobachtungen aus. Dann erwachte der Vater, und der Aufbruch begann. Für den Nachmittag war gewöhnlich der Bau von Bachmühlen vorgesehen. Wir hatten jeder ein Taschenmesser und konnten schon bald eigene Mühlen verfertigen. Am liebsten war uns ein Bach in einer Wiese in der Nähe des Waldrandes. Er durfte nicht breit sein, mußte klares Wasser Haden und keine Wasserpflanzen. Zuerst schnitzten wir die beiden Astgabeln, in denen die Achse des Mühlrades laufen sollte. Sie wurden rechts und links in das Bachufer gesteckt. Dann mußten an dem dicken Stab der Achse in der Mitte zwei dünnere Stäbe übers Kreuz festgebunden werden; die Stäbchen wurden an den Enden eingeschnitten und rechteckige Rinden- stückchen hineingezwängt: die Schaufeln des Mühlrades. Nun war das Mühlrad fertig, wurde in die Gabeln gelegt, das Wasser ersaßte die kleinen Schaufeln leicht von unten, und die Mühle drehte sich, sie lief. Nur klapperte sie nicht. Stolz gingen wir den Bach hinauf und hinunter und besichtigten unsere kleinen, flinken Mühlen, und mir fanden sie viel hübscher als alle großen Mühlen. Auf dem Heimweg erzählte mein Vater uns dann Geschichten, meistens aus der eigenen Jugend; er konnte gut erzählen, aber am' liebsten war uns die Geschichte mit dem unheimlichen Bett. Vor vielen Jahren kehrte eines Abends ein reicher Mann in einem etwas sonderbaren Hotel ein; es war in Brüssel oder Paris; er ging bald ins Bett, konnte aber, obwohl er müde war, lange nicht einschlafen und betrachtete beim Schein der Nachtlampe die Tapeten und die Bilder an den Wänden. Plötzlich erschrak er furchtbar; denn der alte Mann auf dem einen Bild hatte auf einmal keinen Kopf mehr. Er sprang aus dem Bett — da hatte der alte Mann wieder seinen Kopf, und nun sah der Reisende mit gesträubten Haaren, wie sich der schwere Betthimmel langsam heruntersenkte, um den Schläfer zu ersticken. Arn nächsten Tage hatten wir. natürlich noch viel mehr erlebt, wenn wir unseren Schulkameraden in den Pausen von unserer Wanderung berichteten. Besonders mein Bruder schreckte nicht vor den abenteuerlichsten Geschichten zurück, die er mühelos erfand, und die gewöhnlich damit endeten, daß er unseren Vater aus einer schrecklichen Lebensgefahr errettete. Wenn mir jetzt zuweilen an Sonntagnachmittagen im Elternhaus versammelt sind und von den Wanderstöcken, den Hütten und Mühlen erzählen, schmunzelt der Vater zufrieden. Und bann nehmen wir ihn zu einem Abendtrunk mit und lassen uns noch einmal berichten, wie das war, als er uns einst mitnahm. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen. Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang ,939 Srettag, den 3. Marz Nummer,8 itt,u au Colour & Grey Control Chart* * ' im Klub metjr." ite Vergangenheit erinnern könnte." 19 20 15 7 8 £ S V 9 L 8 6 '* ldhM «nta w litt n de ichdü inte itttyl titel -W ÜS« anio- ftanb ine® ’intf ib* Pflichtgefühl. Du lachst, und es tim sich nicht anders sagen. Und nun lal lieber und sehen in die Mondsichel." Wirklich, der Mond stand drüben über dem Elefantenhause, das in dem niederströmendcn Silberlichte noch phantastischer aussah als gewöhnlich. Lene wies darauf hin, zog die Mantelkapuze fester zusammen und barg :id)li gh nfeh >ab«' „Nein", sagte Lene, „nicht jetzt", und bog in einen Seitenweg ein, Lessen hochstehende Himbeerbüsche fast über den Gartenzaun hinauswuchsen. „Ich gehe so gern an deinem Arm. Erzähle mir etwas. Aber etwas recht Hübsches. Oder frage." „Gut. Ist es dir recht, wenn ich mit den Dörrs anfange?" id neckend blieb sie stehen und bückte sich, um auf einem t Erdbeerbeete, das sich in Front von Zaun und Hecke rüherdbeere zu suchen. Endlich hatte sie, was sie wollte, ~ !,en eines wahren Prachtexemplars zwischen die Lippen t und sah ihn an. >)t säumig, pflückte die Beere von ihrem Munde fort und ’ie- te, das hast du recht gemacht. Aber höre nur, wie Sultan ir jein; soll ich ihn losmachen?" hier ist, hab ich dich nur noch halb. Und sprichst du dann ■ ■ * Etlichen Frau Dörr, so hab ich dich so gut wie gar nicht 21 22 eile; Wei Ei! e bi: . roe* * ent:: n I ' IN :in tz l SluS. 16 17 18 Lene hatte sich in Bothos Arm gehängt und schritt mit ihm auf das Ende des Gartens zu, wo zwischen zwei Silberpappeln eine Bank stand. „Wollen wir uns setzen?" .... 9 10 11 12 13 14 5 6 2 3 4 ein i * et bi* nr*‘ rieter :eutib‘ »nbi X X A „Meinetwegen." „Ein sonderbares Paar. Und dabei, glaub ich, glücklich. Er muß tun, was sie will, und ist doch um vieles klüger." „Ja", sagte Lene, „klüger ist er, aber auch geizig und hartherzig, und das macht ihn gefügig, weil er beständig ein schlechtes Gewissen hat. Sie sieht ihm scharf auf die Finger und leidet cs nicht, wenn er jemand Übervorteilen will. Und das ist es, wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig macht." „Und weiter nichts?" , „Vielleicht auch noch Liebe, so sonderbar es klingt. Das heißt Liebe von einer Seite. Denn trotz seiner Sechsundfünfzig oder mehr ist er noch wie „Gut", lachte Botho, „Sultan mag bleiben, wo er ist. Ich bin es zufrieden. Aber von Frau Dörr muß ich noch weiter sprechen. Ist sie wirklich so gut?" „Ja, das ist sie, trotzdem sie sonderbare Dinge sagt, Dinge, die wie Zweideutigkeiten klingen und es auch sein mögen. Aber sie weiß nichts davon, und in ihrem Tun und Wandel ist nicht das geringste, was an iyi „Ay, das qaji vu gut nippte. „Weiß es Gott, ich habe gestern nichts ge'_ erst recht nicht, was mir so geschmeckt hätte. Hoch Lene! Das eigentliche Verdienst in der Sache hat aber doch unsere Freundin, Frau Dörr, ,weil's ihr so geschuddert hat', und so bring ich denn gleich noch eine zweite Gesundheit aus: Frau Dörr, sie lebe hoch!" „Sie lebe hoch!" riefen alle durcheinander, und der alte Dörr schlug Wieder mit seinem Knöchel ans Brett. Alle fanden, daß es ein feines Getränk sei, viel feiner als Punschextrakt, der im Sommer immer nach bitterer Zitrone schmecke, weil es meistens alte Flaschen seien, die schon von Fastnacht an im Ladenfenster in der grellen Sonne gestanden hätten. Kirschwasser aber, das sei was Gesundes und nie verdorben, und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da müßte man doch schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche. Diese Bemerkung machte Frau Dörr, und der Alte, der es nicht darauf ankommen lassen wollte, vielleicht weil er diese hervorragendste Passion seiner Frau kannte, drang auf Aufbruch: „Morgen sei auch noch ein Tag." sich an seine Brust. So vergingen ihr Minuten, schweigend und glücklich, und erst als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, wieder aufrichtete, sagte sie: „Woran hast du gedacht? Aber du mußt mir die Wahrheit sagen." „Woran ich dachte, Lene? Ja, fast schäm ich mich, es zu sagen. Ich Green Grey 2 Magenta Black Cyan Grey 1 Red Grey 4 Yellow Grey 3 I vernarrt in seine Frau, und bloß weil sie groß ist. Beide haben mir die wunderlichsten Geständnisse darüber gemacht. Ich bekenne dir offen, mein Melckmack wäre sie nicht." oanesZx. ; unrecht, Lene; sie macht eine Figur." mctaWy macht eine Figur, aber sie hat keine. Siehst du ihr die Hüften eine Handbreit zu hoch sitzen? Aber so md ,Figur' und stattlich' ist immer euer drittes Wort, drum kümmert, wo denn die Stattlichkeit eigentlich „Hat sie denn eine?" „Ja. Wenigstens stand sie jahrelang in einem Verhältnis und ,ging mit ihm', wie sie sich auszudrücken pflegt. Und darüber ist wohl kein Zweifel, daß über dies Verhältnis und natürlich auch über die gute Frau Dörr selbst Diel, sehr viel geredet worden ist. Und sie wird auch Anstoß über Anstoß gegeben haben. Nur sie selber hat sich in ihrer Einfalt nie Gedanken darüber gemacht und noch weniger Vorwürfe. Sie spricht davon wie von einem unbequemen Dienst, den sie getreulich und ehrlich erfüllt hat, bloß aus Pflichtgefühl. Du lachst, und es klingt auch sonderbar genug. Aher es läßt ' issen wir die Frau Dörr und setzen uns l* i fj°r 1 nflt« ngft Botho und Lene redeten zu, doch noch zu bleiben. Aber die gute Frau Dörr, die wohl wußte, „daß man zuzeiten nachgeben müsse, wenn man die Herrschaft behalten wolle", sagte nur: „Laß, Leneken, ich kenn ihn; er geht nu mal mit die Hühner zu Bett." „Nun", sagte Botho, „wenn es beschlossen ist, ist es beschlossen. Aber dann begleiten wir die Familie Dörr bis an ihr Haus." Und damit brachen aNe auf und ließen nur die alte Frau Nimptsch zurück, die den Abgehenden freundlich und kopfnickend nachsah und dann aufstand und sich in den Großvaterstuhl setzte. Fünftes Kapitel. Bor dem „Schloß" mit dem grün« und rotgestrichenen Turme machten Botho und Lene halt und baten Dörr in aller Förmlichkeit um Erlaubnis, nack tu. kien Garten aeben und eine halbe Stunde darin promenieren in darin. „Du mußt nicht gleich denken, daß ich vorhabe, mich bei der Gnädigen melden zu lassen, und darfst es nicht anders nehmen, als ob ich gesagt hätte, ich fürchte mich vor der Kaiserin. Würdest du deshalb denken, daß ich zu Hofe wollte? Nein, ängstige dich nicht; ich verklage dich nicht." „Nein, das tust du nicht. Dazu bist du viel zu stolz und eigentlich eine kleine Demokratin und ringst dir jedes freundliche Wort nur so von der Seele. Hab ich recht? Aber wie's auch sei, mache dir auf gut Glück hin ein Bild von meiner Mutter. Wie sieht sie aus?" „Genau so wie du; groß und schlank und blauäugig und blond." „Arme Lene (und das Lachen war diesmal auf feiner Seite), da hast du fehlgeschossen. Meine Mutter ist eine kleine Frau mit lebhaften schwarzen Augen und einer großen Nase." „Glaub es nicht. Das ist nicht möglich." „Und ist doch so. Du mußt nämlich bedenken, daß ich auch einen Vater habe. Aber das fällt euch nie ein. Ihr denkt immer, ihr seid die Hauptsache. Und nun sage mir noch etwas über den Charakter meiner Mutter. Aber rate besser." „Ich denke mir sie sehr besorgt um das Glück ihrer Kinder. „Getroffen..."