SietzenerZamilienblMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1959 Montag, den 50. Oktober Nummer 81 so ils hatte Ann In diesem Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 19. Fortsetzung. Sie zog ihren Karren, er war mäßig beladen, ein Ulan saß auf dem Bock, sie hatte gut gefressen, aber vielleicht hat ein Pferd auch eine Seele, die seufzen oder sich freuen will. Es blieb unerforfcht, ob das ugenblick wieherte ein Pferd. Es war Louisom Die Stute, die in Mereville samt Wagen von dem Ulanenkommando requiriert worden war und die still und beschaulich und ohne zu wissen, daß ihr einstiger Pfleger in der Nähe war, am Ende des Zuges dahin- tolperte, glaubte sich vergessen. ........ rwurf nichts. „ ute die Böswilligkeit der ®rifette. Auch Poiporence fühlte es. Eine ritterliche Art erwachte in ihm, außerdem gefiel ihm der neue Fahrgast. Das war einmal etwas anderes als Germaine. Eigentlich war er immer für das Zarte gewesen. Poiporence hatte sich in Blisse- ron in den eiskalten Brunnen tauchen lafsen. Nun war er klar wie das Wasser, dem er seine Nüchternheit verdankte. Das Bad tilgte die letzten Spuren feiner Trunkenheit. Er richtete sich auf und grunzte jäh Die Griselle, die diesen Laut, ter stets irgendeine Rede ankündigte, kannte, griff ein: „Halte ja dein Maul!" zischte sie, „mit dir rechne ich noch ab!" Der Wachtmeister Krätke hatte sich längst mit einem wachsamen Ohr der Entwicklung des Redestreites gewidmet. „Wollt chr wohl!" brüllte er. Setting sah, daß Poiporence die Finger der Grifette aus Anns Haar, in das sie sich verkrallt hatten, löste. Die Ulanen lachten. „Die Dicke ist ein Teufel!" sagte Krätke und meldete sein« Beobachtungen. „Aber was soll man mit ihr machen! Man kann chr doch nicht eins überziehen?" , er ließ wie 6et feinen Gäulen sozusagen -r verneigte sich, fo gut dies im Wagen möglich war, vor Ann: „Verzeihen St«, aber so muß man mit ihr reden, sonst wird sie frech. Vielleicht werde ich dieses Weib eines Tages het- raten sie ist ein herzensgutes Wesen, sie hat außerdem Vorzüge, über « ‘^“2 M.eJer ®teUe nicht sprechen möchte. Aber ich glaube, sie braucht Woche ihre Tracht Prügel, sonst ist ihr nickt wohl! Und was Sie betrisft, Mademoiselle, ich habe oft von Spionen sprechen hören, ich habe nie geglaubt, daß ich einem begegnen würde, noch dazu einem weib- '.djen! Meine Hochachtung, Mademoiselle! Verfügen Sie über mich! Ich betrachte Sie als meinen Vorgesetzten!" • die Dienste des Trainsoldaten Poiporence zu verfügen, war im Augenblick keine Gelegenheit. Doch dankte Ann mit einem Blick Sie suhlte aber, daß sie eigentlich auf einem Scheiterhaufen stand um den d:e Flammen des Verdachtes hochschlugen Wahrhaftig! Nicht ein Mensch, nicht einmal das Herz des Mannes, der Ann zu lieben vorgegeben hatte, glaubte an ihre Schuldlosigkeit Wenn nun jene Frau, die ihr in Paris den Brief nach Calais überreichte, wirklich die Helferin einer Spionagegruppe gewesen war? Zwar war Anns Hilfe erheuchelt worden, aber war Ann trotzdem dann nicht verdächtig, ja schuldig? Auch der Griselle gingen Gedanken durch den Kopf. Und nachdem einer von ihnen alle Windungen des Hirns durchlaufen hatte, befreite er sich durch einen Schrei. Denn Germaine hatte erkannt: „Und ich — ich habe mit ihr getauscht! Ich bin eine Mitschuldige! Ich werde erschossen!" Die Griselle schlug die Hände vors Gesicht und weinte. Aber sogleich trocknete die Wut in wetterwendischem Wechsel ihre Tranen. Die Griselle vergaß, wo sie war, sie dachte auch nicht an di« rächende Hand Theophils, der ihr doch eben gedroht hatte. Sie stürzte ich auf Ann nick schüttelte sie: „Warum hast du nicht gleich gesagt, daß du eine Spionin bist?" £nmJtU0enbLiff °uMrte, in dem sie freiwillig oder unfreiwillig ver- Itutnmen mutzte. Trotzdem hatte die Griselle nicht schlecht beobachtet. Kelling streifte Ann mit zergrübelten nachdenklichen Mienen. Es waren immer nur Sekunden, daß der Premierleutnant sein Herz auf einem Abweg er- l u p p r(?. «Sntu t rr Asm die Griselle zurechtwies, wehmütig Beifall. Halt« sich die Griselle nicht unflätig benommen, wäre sie nicht ausge- wiesen worden, und dann hätte Ann Moreland keine Gelegenheit ge- tauschen. Und man säße in Mereville. Ach, und vielleicht säße das Gluck dabei und wärmte die Herzen ' 10 „Verzeihen Sie, Herr Maire! Ich habe Ihre Bürgschaft mißbraucht!" & inr t,e,LmL ®ei$er Stimme, sie trug wirklich Reue in der Stele, ätber schließlich hatte sie ja ßabatuts Bürgschaft nicht verlangt. Er meinte, daß er jetzt vieles verstehe, was ihm vorher unklar ge- wesen s« sie haoe die Rolle als hilflose Reisende unnachahmlich gespielt, aber auf jeden Fall habe man eine Patriotin in Ann Moreland zu £ Sie moge, wenn sie auch ihr eigenes Schicksal nicht abwenden tonne, wenigstens die Unschuld der anderen Verhafteten beteuern und Nachweisen. An dieser traurigen aber festen Rede des Mair« von Mereville er- 5?nnte Ann, daß der Maire sie für eine Spionin hielt und von ihrer • "E' D"? ““o begreiflich, denn der Hauptmann '""ernburg hatte ja ganz andere Leute überzeugt als den Maire h», Worte belebten auch Poiporence. Er sagte verweisend zu der Griselle: „Da horst du es! Diese Dame ist eine Patriotin!Und wenn bu ihr noch em böses Wort sagst, klebe ich dir eine hinter die Ohren!" Zu gleicher Zeit geschah von feiner Seite eine so deutliche Geste daß Germaine in Abwehr die Hände vor das Gesicht hielt. „Du Lump wage es!" zischte sie. " Aber er schlug nicht zu, nur die Peitsche tanzen. Er .... Losgefahren, festgefahren! Täppisch, blindwütig, eigensinnig. Mit kahler Rücksichtslosigkeit andere mit ins Unglück gerissen! „Eigentlich bist du schuld, daß wir auf dem Leiterwagen sitzen! vieh ßabatut an, er ist zerschmettert!" grollte die Griselle. Der Maire verzichtete auf diese Fürsprecherin, er versuchte eine Geste der Abwehr, sie gelang nur halb, weil der Wagen über einen stein stolperte und die ßeiber der Insassen aneinanderstieß. Germaine benutzte den Augenblick, ihren Ellenbogen in Poiporences Rippen zu Üoßen. Er rächte sich eine Sekunde später, indem er sie vergüngt in die Wade zwickte. Aber an der Gefangenschaft Germaines und Theophil ivahrhaftig keine Schuld. Sie erwiderte auch auf den Vo Sie fpürte die Böswilligkeit der Griselle. Auch ~ Theophil gedachte der Ohrfeige und meinte, daß es darüber hinaus feiner Abrechnung mehr bedürfe. Er dehnte sich und spie gemächlich über den Wagenrand: „Du bist so dumm wie dick! Abrechnung! Glaubst da, man wird uns beide in ein und dieselbe Zelle sperren?" „Warum nicht? Damit ich dich dort gegen die Wand schmeiße, denn mehr bist du nicht wert!" sagte die Erstelle gehässig. Darnach spürte Germaine, daß Theophil nicht beleidigt war, son- dc-a sich an ihrer Wut vergnügte, darum wandte sie sich ihrem ersten opfer wieder zu. „Du, ob du weißt, was mit uns geschieht?" Sie schalt derb und ‘tut: „Erst mißbraucht einen die Person, dann ist sie zu stolz, mit mfereinem zu reden!" „Schweigen Sie, Griselle!" sagte ßabatut plötzlich. „Ach der verliebte Gockel!" kicherte die Magd. Als sie sah, daß es «n Ulanen offenbar gleichgültig war, ob im Wagen gesprochen wurde "der nicht, hatte sie keine Hemmungen mehr. ,T)u mußt doch etwas wissen!" bohrte sie. Ann Moreland war ein Achtes Wild, es wehrte sich nicht. Es konnte weder fliehen noch sich Wteden. Die ehemalige Wirtschafterin des Herrn Beauvstage hetzte, sie selbst von ihrer eigenen Unruhe gehetzt wurde, weiter: „Man hht doch, daß der Offizier Augen macht. Ich wette, wenn du ihm einen Hnk gibst, holt er dich nicht nur vom ßeiterwagen, sondern auch aus der Me! Nun, und dann tu etwas für uns!" Cs riß Ann Moreland aus ihrem Dahindämmern, als die Griselle »en Geliebten erwähnte. Es war ein Blitz, der niederfiel. Nicht aus fterem Himmel, aber doch unerwartet. Germaines Frechheit war wie >! belebende Spritze eines Arztes. Ann war auf einmal voller An- ibffsluft. „Schweigen Sie, Griselle!" sagte Ann, „Sie haben ja nur Angst!" y« das stimmte. Germaine redete, weil sie das Bedürfnis hatte, sich "brr die ßage hinwegzu täuschen. Sie ahnte, daß die Täuschung in Es war überhaupt eine nützliche Fahrt für Ann Moreland. In emem harten und mitleidslosen Gefährk*hatte sie noch nie gesessen. Sie wurde geschüttelt wie ein Würfel im Würfelbecher, ihre in der Verwirrung verfilzten Gedanken ordneten sich, aber seltsam: diese Ordnung war eine Abrechnung. Du hast geglaubt, sagte ein Gedanke, du könntest alles erzwingen und ertrotzen! Nein, meinte ein anderer Gedanke, wenn man etwas Außergewöhnliches will, muß man auch selber etwas Außergewöhnliches sein. dieser Reise. * verdös Warum läßt der Herrgott dasflerj nur so Marne Sprünge machen? Vielleicht war alles ein Spuk: der Tanz der Gefühle vorn Himmelsblick zum Höllenschmerz. Er wünschte inbrünstig, daß alles vorbei wäre. Hier war es leicht, zu überwinden. Hier waren Manner, Pferde und die Pflicht. Das Ortsgefängnis bildete die Front eines Deitenhofes der Mairie. Es lag in einem Torbogen, der so schmal war, daß die Wagen nicht 9 Sellinq nahm die Landkarte und prüfte den Standort, dann sagte er zu Krütke: „Vor uns ist Meaux." In Meaux war das Hauptquartier. Krätke fragte, ob der Herr Premierleutnant nicht ein paar Mann vorausschicken wolle, um zu erkunden, wo sich das Quartier des Regimentsstabes befinde. In dem sehr besetzten Meaux gäbe es sonst sicher Selling meinte aber, er wolle feine Leute zusammenhalten, man würde in Meaur schon durch Befragen alles herausholen. Das Glück war ihm hold, der Stab lag in einem Gutshof an der Landstraße, dicht bei Meaux. „ . Der Regimentskommandeur kam im Augenblick des Eintreffens der Ulanen die Freitreppe des Herrenhauses herunter. Es sah aus wie em Willkomm, war aber nur ein Zufall. . . Man hatte das Gefühl, daß der Oberst Freiherr von Tot eben seine zur Fortbewegung auf der Erde nur mit einem gewissen Widerwillen benutzte und daß er den hierzu seitens der Natur nun einmal festgesetzten natürlichen Zwang bedauerte. Er hatte einen bei aller betonten Haltung ungemein lässigen Gang, ja dieser Gang war seine Haltung, einmalig und nicht nachzunahmen, sowohl es die jüngeren Df fixiere mitunter versuchten. . Tottleben behauptete, und dies selten und unprahlerisch, daß er die Stunden seines Lebens, die er nicht aus dem Pferderücken verbracht habe zählen könne. Er war überdies ein bekannter Herrenreiter gewesen uni> hielt (einen eigenen Rennstall. Es gab in bet Tat feinen Ulanen, rInanem Glattrasierten, etwas rötlichen, sehr schmalen Gesicht nistete vorübergehend ein wohlwollendes Lächeln: „Ah, da sind Sie ja^Kellmgi Der Premierleutnant meldete sein Eintreffen und beschrankte sich darauf, zu berichten, daß Hauptmann Baernburg ihm vier Gefangene übergeben habe, die gewisser Beziehungen zur feindlichen Spionage verdächtig seien. . „„ „Dann wird wohl der Infanterist feinen Rapport dazu machen? bemerkte Tottleben ohne Anteilnahme. Selling erwiderte, dies (ei wohl anzunehmen. Der Hauptmann habe auch eine solche Andeutung gemacht. . „Natürlich! Läßt er sich nicht entgehen, Selling! Sriegt doch em Lob, wenn er recht hat! Sie sind also sozusagen nur der Gesälligkeitstrans- porteur gewesen?" . Selling spürte, daß der Oberst ein verhaltenes Mißfallen an dem Transport batte. Wahrscheinlich wünschte er, daß die Ulanen entweder ihren Fang selber machen oder es der Infanterie überlassen sollten, die Gefangenen ins Sittchen zu geleiten. . „Wenn ich nicht irre, ist das Ortsgefängnis als Arrestlokal eingerichtet Sitzen schon ein paar Franktireurs drin. Bringen Sie die Bagage dorthin Da können sie nicht austneifen. Und wir sind sie los. Ist gut. Selling. Freut mich, daß Sie wieder da sind! Wir rücken bald ab aus i0UISeUing mußte stillschweigend zugeben, daß diese Antwort sich de». Tatsachen besser anschmiegte als sein gefuhlsrascher.Ginn^n®: „Macht zwei Zellen frei", befahl der Leutnant ferner Wachmannscyo „in eine die Weiber, in die andere die Serie!" (Sortierung folgt? d'^Des^haw°unterließ der Premierleutnant eine weitschweifige Erklärung. Er warf nur hin: „Spionageverdacht" und blieb zugeknöpft. Der Leutnant schob die Grifelle und Ann vorwärts. Ann zögerte^ da stopfte der Offizier sie unfänft in den schwarzen Turgang. „Nun vorwärts!" schalt er. Ann stolperte, der Griss war ziemlich ^derb gewesen. „Herr Leutnant, Sie haben es trotzdem mit einer Dame zu tun. t,m©ord,üe6e9nni)ie Ulanen die Wagen mit den Gefangenen im Haupthof stehen der, eine ungewöhnliche Erscheinung m dieser Gegend, gepflastert war freilich mit jener Art von Steinen, die man Satzenkopse nennt. Aum Absteigen ermuntert, verhielten sich die vier Hastlinge angesichts des düsteren Zieles ihren Temperamenten entsprechend Herr Labatut sammelte die Reste seiner Wurde und flickte sie zu einem Protest zusammen. Er wünschte vernommen zu werden. Der Be- “ysÄüSfw Seite zur anderen geschlagen. Augenblicklich schwang es auf der weh- ■"SStfXS SoU M. M- 1- und küßte Germaine. Dies sei wohl für lange Zeit die letzte Umarmung, -L SZkRSS 38TJWS* "»“• «• ► -- «ÄN w-» na %*»?**; des Galgenhumors. Vielleicht stand jenes entsetzliche Bauwerk ar seinem Hals ziemlich nahe, wenn es ihm nicht gelang, feine Uu ..,alb nachzuweifen/Denn ein Soldat in Zivilkleidern hinter der Front der Deutschen war verdächtig, da half kein Märchen und keme Wahrheit. I märtigen in London. Ich mag es nicht leiden, daß man mir langer mißtraut. Ich dulde, denke ich, schon genug!' In dieser Stunde und in solcher Umgebung wirkten aber die Worte wie der Wunsch einer Irren. Und es war doch ein berechtigtes Verlangen und der Lage der Ann Moreland durchaus angemessen Sie hatte sich mit voller Ueberlegung an Kratke gewandt und nicht an den Premierleutnant, denn sie machte den Versuch, Selling in ihrem Herzen auszutilgen. Der Versuch war noch nicht zu Ende. Es war em ^^ath'gab^abeT’üas Anliegen an Setting weiter. Der meinte es sei wohl Sache des Gerichtsoffiziers, Wünsche entgegenzunehmen. Doch war Selling entschlossen, auch wenn sein Dienst hier zu Ende war, Ann nicht aus seiner Aufmerksamkeit zu lassen. . ..... Der Offizier, welcher die Aufsicht über das Gefängnis führte muh e geholt werden. Er war ein Infanterieleutnant und über tue fpate Störung nicht erfreut. Er ließ es merken. Dafür hafchte er eine Bemerkung Settings, daß es gewiß men ger anstrengend und darum angenehmer sei. Gefangene bewachen zu lassen, 0,5 Der Ußeutnan? nahn? die gereizte Bemerkung mit Schweigen zur Senntnis, darnach war die gute Stimmung wiederhergestettt. Er er kündigte sich: „Was ist das für ein Quartett? Was hat es ousgefreff_en. Darüber hatte Setting zwar während des Marsches nachgedacht, d er immer noch nicht entschlossen war in die eiligen Rapfen Säern burgs zu treten. Aber sein Grübeln sah nur Nebel, nichts als Nebel tn Es war ein anstrengender Ritt. Die ungefederten Wagen schüttelten J^de^Rast^in^der die Pferde getränkt und gefüttert wurden, mar Setting eine Last. Er haßte diesen Transport und wollte ihn los fern. Ann hatte wenig Ortssinn. Sie hätte sonst bemerkt, daß es nicht nach Norden, dem Ziel ihrer einstigen Wünsche ging Es war chraberauch ganz gleich, ob ihr die Sonne in den Rucken schien aber in das Gesicht brannte, sie war auch nicht geübt, dem Stand dieses Gestirns die Tageszeit und die Himmelsrichtung wie ein Fährtensucher abzulesen. Der Himmel erreichte das Schieferblau der Dämmerung, die Sterne zogen still und unversehens herauf, bann aber tarnen Wolken und mi'iditen bas Licht der Sterne weg. Dörfer, Weiler, Gehöfte am Weg, jede Ortschaft war ein immer gewisseres Zeichen, daß das ganze Gebiet im Besitz der Deutschen war: überall lag eine starke Besatzung. . . . Sie wirkte beinahe unkriegerisch und wie langst emgearbnet m den Tageslauf. Hier war, so schien es freilich nur, nie eine andere Ordnung Wiehern der Ausdruck des Mißvergnügens oder des Wohlbehagens war. Aber Louifon brachte den Premierleutnant Selling auf einen Gedanken. „Die Moreland soll vom ßeiterroagen herunter. Setzen Sie sie auf den Trainwagen, den wir in Möreville gesunden haben. f°8te Kelling und fügte hinzu, als müße er den Befehl rechtfertigen: „Wer weiß, roa die Gefangenen sonst alles miteinander reden! -f3n dem Wagen begegnete sie uns zum erstenmal auf der Landstraße", erinnerte Srätke. „, . Ja, sittsam", bemerkte der Prem>erleutnank und kehrte sich ab Poiporenee aber, der erst jetzt Lomfon bemerkte, war "oller ©ef,- mut Aber da er Louison nicht nahe sein konnte, versöhnte er sich mit der Grifelle und legte feinen Sopf an ihre mächtige Brust. Dort schlieff er ein. Denn er konnte in jeder Lage fchlasen. Es ist dies den meisten Soldaten aller Nattonen qemeinfam. . Ann Moreland aber faß wieder auf dem Bock und es war, von des Stationsvorstehers Fehlen abgefefjen, genau wie damals Eustons Hin (erteil schwankte im gemütlichen Trab hin und her, thr Schwanz schlug ab und zu nach Fliegen, die Hufe klapperten einschläfernd, es war alles sanft, ruhevoll-bewegt, sriedlich-beglückend. . Daß der Weg nicht in Freiheit ging, war der einzige Fehler an 4 „Ich habe nur meine Pflicht getan", erwiderte Selling verwirrt. „Oh, das weiß ich", sagte Ann und ließ sich von der Wache 'N . Innere des Hauses führen. Erft einige Sekunden spater fiel ihr ein, oa? nun der Versuch, Selling nicht mehr zu beachten, mißlungen war Der Infanterieleutnant bemerkte, daß bas Weib Haltung Zeige, gefalle ihm. Aber dann kam er auf Settings Einwurf zuruck und Jag ; „Herr Premierleutnant, Damen fahren verzeihen Sie, Nicht unter bectung auf Leiterwagen. Und wer diese Schwelle »berschrntet der J weder Herr noch Dame, sondern fchlichtweg Insasse der Zelle Rum „Ich freue mich von ganzem Herzen, Herr Oberst!" sagte Selling so leidenschaftlich, daß der Borgesetzte stutzte. . „Verstehe! So ein Herumgeschicke in Etappenkommandos ist ein Dreck für einen ordentlichen Reiter. Trösten Sie sich! Wir haben es auch nicht besser gehabt!" Der Oberst grüßte und ging hinüber tn die Stalle. (Eine heiße Welle überlief das Herz Settings. Ihm war, als fei er nach langer Wanderung erst jetzt zu Haufe, dort, wo er hmgehorte, beim Regiment Der Infanterist bekam das längste Gesicht feines Hebens, vssenba, wollte der Samerab von ber Sanallerie bie Umgangsformen des Ball faals auf den Verkehr mit weiblichen Galgenvögeln übertragen? Ann hatte aber gemerkt, daß Selling bie wahrfche.nl, ch unabsichtlich- Härte bes andern rügte. Sie stand noch in dem dusteren Türrahmen u'w fugte: „Ich danke Ihnen, Herr Premierleutnant, für Ihre Freundlichst Auch für die, die Sie mir auf dem Transport erwie en haMn. machte dabei eine Geste gegen die Grifelle, die bereits im Haus Das Kind. Von Walter Kruppa. So erstand noch nie ein Morgen, so erglomm noch nie ein Licht, wie es aus den Augen bricht, die im Wiegenschiff geborgen. Wiegenschiss schwingt voller Träume. Kleine Hand wächst aus dem Schlas, und der Lichtpfeil, der sie traf, gittert golden durch die Bäume. In den Bäumen wohnt der Wind, der bas tiefe Traumlied raunt. Kinderauge groß bestaunt kleine Welt bei Bett und Spind. Kleine Welt wächst durch den Raum. Mann und Frau stehn Hand in Hand. Von der Lieb, die sie band, blüht des Kindes Zeitenbaum. Hilde hieß sie. Erzählung von Eugen Kusch. Hilde hieß sie, die sich ihren ersten roten Gummiball vom Herzen |j um ihn mir zu schenken; die mir die erste Beule an den Kops ichlug, iii mit der zusammen ich die ersten Tränen der Rührung vergoß, als N ein totes Kaninchen begruben. Sie war drei Jahre älter als ich, lita aber nicht in den Reihen der Gleichaltrigen, sondern beschäftigte s wunderbarerweise ausschließlich mit mir. Zwischen Morgen und icht gab es kaum etwas, das wir nicht gemeinsam taten. Als ich bann auch zur Schule ging, hänselten mich die Buben ihret- igen ober verprügelten mich gar, aber da konnte es bei solch einer ütuferei geschehen, daß sie ungerufen kam, um mit ihren drei Sommer mgeren und dickeren Armen gewaltig zu meinen Gunsten auszuräumen. Unsere Freundschaft führte bann auch unsere Mütter zusammen. Vst jajen die beiden Frauen am gemeinsamen Kajfeetisch und wir, nach- in wir den Kuchen verschlungen und dann vor Ungeduld bie Fransen ns der Tischdecke gezupft hatten, trieben uns in den unteren Regionen rschen Stuhlbeinen und Teppich herum, während oben von Konzerten, Estinnen und Kochrezepten gesprochen wurde. Wenn dann unsere Lmmen die der Mutter Überboten ober eine Vase zu Boden frei, ob- »hl wir gar nicht in ihrer Reichweite waren, schob sich Hildes Mutter k Lorgnon auf die Nase und sah nach uns mit einem Gesicht, wie i-nn sie den Boden nach Insekten absuchen wollte. Denn sie war über « Maßen kurzsichtig und konnte alles, was annähernd hell war, an- l:tt der Sahne in den Kaffee gießen. Später liefen wir auch nach dem chmaus nicht von der Plaudertafel fort, fondern halfen nun, die Unter« fitunq mit bestreiten und Frau Rosamundes Stielbrille konnte jetzt t;u dienen, uns mit einem Blick zufammenzufasfen, wie wenn wir ton ein bestimmtes, den Eltern unter dem Sammelwort „Zukunft Iksr nahegehendes Alter erreicht hätten. . __ Mit dieser sogenannten Zukunft nahm es aber bald eine unerroarte.e Renbunq: Hildes Vater wurde nach Berlin versetzt; eines Morgens imd der Möbelwagen vor der Tür, Männer in blauen Kitteln rissen lii vertraute Ordnung der Wohnung herzlos auseinander, und als pe ^gefahren waren, hockte ich stumm weinend in den leeren Simmern inb malte mit dem Finger in allen Gangarten der ^reibtunft Sjilbcs Hinten an bie matten Fenster und auf den staubigen Fußboden. Darauf |n.g ich entschlossen zu meiner Mutter und sagte ihr, ich hatte letzt das „Da^ wünschen der Herr wohl, daß ich ihm den Kopf abhacke? fragte ii nicht unfreundlich und nahm von meinem Kummer keine weitere 'Schon nach einigen trostlosen Tagen spürte ich, wie beschämend (it es sich weiterleben ließ, wenn freilich niemals mehr solch schone etunben komme» würden, als die mit ihr — alles was trubgewesn, Ütl ins Wesenlose wie Asche unter dem Rost, und die ferne fylbe mürbe 107 meinem inneren Auge eine kleine Heilige. Wie spater - einmal ein 8ld kam, auf bem ein durchschnittlich hübscher Backfisch die Studenten- Utze keck auf bem Ohr fitzen hatte, bebauerte ich den Photographen, kr ihr wahres Aussehen so sehr verkannt hatte. Als letztes hörte ich von ihr, daß sie sich von der, Univerjttat weg einen? jungen Doktor verheiratet hatte. Ich suhlte mich groß im Magen und dachte, daß alles sei nur ein Irrtum — wenn bie Ehe •iseinanbergegangen wäre, würde Hilde schon ö" mir heimfinben Ich mir ja jung genug, um so empfinden zu dürfen, aber ich muh gestehen i«g ein R?st davon auch fernerhin vorhielt; es war außer der alten 81 Neigung eine Hintertür, wie Phantasten sie sich schaffen, wen s wn Gegebenen nicht zurechtzukommen glauben ... Wie idi vor einiger Zeit wieder einmal in Berlin war, hatte ich sie, bie ja jetzt irgendwo in der Welt leben konnte, ers ach, 'it nach ein paar beruflichen ^erfolgen mube ms ftotel tarn '/hm das Adreßbuch zur Hand, und nun stellte es sich heraus b ß^cy I ih°en jetzigen Namen längst vergessen hatte, aber chf f<±irieb $■ au Rosamunde, und da so nur Hildes Mutter ^ .»'ttechnev I 4 an sie. Die Freundin selbst war es, die nur antwortete u ) | | E den kommenden Nachmittag einlub. ren h,e erffCn ii Was ziehe ich nur an, und roas bringe t4 4’ ® . minö.efte von ®=banfen und die weiteren, bah ich nun doch mcht wußte. Doch gleich kam es mir beruhigend zum Bew W™,- ja unsere gemeinsamen glücklichen Kindertage h probewekse ekne Schublade meines Gedächtnisses auszog, da war sie BTs obenan voll von lebendiger Vergangenheit. Weißt du noch, wie wir Wasser in den Brieskasten pumpten und welch ein Gesicht der Postbote machte, als er eine solch ungewohnte Last in feinen braunen Sack füllte? — und hundert Dinge mehr könnte ich sie fragen. Alles aber würde darauf hinausgehen, daß wir uns nun endlich wiedergetroffen, weil das Leben ein altes Versehen gut gemacht hatte. Es war ein vornehmes Haus, das ich pünktlich betrat — wie klug und findig sie fein muß, daß sie als alleinstehende Frau hier wohnen kann. Und ich sah nochmals prüfenb an mir herab, wie ich läutete. Kinderschritte kamen und bas erste, was ich bei geöffneter Tür wahrnahm, war ein Lorgnon vor einer winzigen Person: Frau Rosamunde. Ihr glühten bie Backen, unb mit höchster Stimme rief sie ein Mal um das andere bie himmlische Güte an. Dann stellte sie, der ich einmal bis zum Gürtel gereicht hatte, sich auf bie Zehenspitzen, um mir beim Ausziehen behilflich zu fein. Im Zimmer stand ein Hausmütterchen unbestimmten Alters und wartete mit unsicherem Lächeln. Hätte ich sie in der Straßenbahn getroffen, so würde ich ihr meinen Platz eingeräumt haben ohne sie weiter zu beachten, doch nun war es Hilde, die Gefährtin auf einem schönsten Stück Weg einstiger Tage. Daß an ihr gar nichts Besonderes war, und ich sie eigentlich auch nicht wieder erkannte, machte mich befangen; ich wagte kaum, ihr mein kleines Geschenk zu überreichen, und sie widerum sah so aus, als wüßte sie nicht wohin damit. Der Kaffeetisch war schon gedeckt, daß wir uns nun setzten, bedeutete die erste Erleichterung. Hilde bediente mich, unb ihre Mutter bestritt die Unter- Haltung, ich mußte mich wundern, wie eifrig die kleine Frau war, als gälte es ihre eigene Kindheit — während den beiden Hauptbeteiligten nichts zu sagen einfiel. Hilde sah mich ein paar Mal an unb lächelte bann wieder hilflos, wie wenn sie sagen wollte: ,,5a, siehst du — bas also ist nun aus mir geworden!" Frau Rosamunde erinnerte sich ganz vortrefflich an alles, was einst gewesen, nur glaube ich, machte sie mir jetzt keine rechte Freude damit. Allmählich nahm auch Hilde Anteil am Gespräch, begann mit lässiger Hand ein wenig in der Vergangenheit zu kramen, die für sie von so viel Neuem verschüttet schien. Und dann fiel mit einem Male ein ganz unerwartetes Stichwort: - „Mein Mann wird auch bald kommen!" — Ich weiß nicht, was für ein Gesicht ich dazu machte. Zehn Minuten später betrat ein Herr, der seinen eleganten Anzug gut aussüllte, das Zimmer und stellte sich mit herablassender Höflichkeit vor Er rieb sich jovial unb von sich überzeugt bie Hände, warf mir noch einen abschätzenden Blick zu, kam aber dann wohl zu dem Ergebnis, daß ich ungefährlich sei, denn er setzte sich beruhigt an den Tifch. Die nächste Viertelstunde sprach er kein Wort, ah gemächlich alles auf, was wir an Kuchen übrig gelassen hatten, und ich ärgerte mich, letzt, die schöne Fruchttorte nicht genommen zu haben. Eine seiner ersten Fragen an mich, als er sich den Mund abwischte, war, wovon ich denn lebte. . , . .. . So so Sie schreiben", meinte er nut ironischer Befriedigung, wie wenn ich gesagt hätte, ich wäre Feuerfresser ober profeffionaler Skatspieler, und es half auch nichts, baß ich mein Jahreseinkommen als bas eines Monats ausgab. Er war Direktor eines großen Unternehmens unb sprach über seine Geschästsmethoden, bie er nur >m Um« qang mit Verlegern anempfahl, bald von den schlechten Zeiten, weil er es vielleicht doch nicht für ausgefchlossen hielt, baß ich ihn zum Schluß noch anpumpte. Hilde feufzte einmal stumm, und nun erkannte ich plötzlich ihr Gesicht von einst wieder. Aber nun konnte ich nicht mehr sagen, was nur uns anging; ihr Mann, der blutjunge Doktor von einst, war für die allerrealste Gegenwart, und als ich mich verabschiedete, wieder- zukommen versprach, obschon ich wußte, daß es niemals der Fall fein würde, begleitete mich Frau Rosamunde zum nächsten Dorortbahnhos unb überraschte mich bamit, baß sie mit ihrer zarten Kinderstimme ein paar eigene Gedichte über entschwundene glückliche Jugendtage aussagte _ >ierliche lebensvolle Gebilde, die getragen von einem Schimmer jener lächelnden Trauer waren, wie sie sich mir auf Hildes Gesicht gezeigt hatte. Wie ich dem Frauchen die Hand dafür drückte war ich gerührt unb blieb es auch noch, als ich im überfüllten Zug saß nut dem Blick auf grell beleuchtete Straßen unb ben ruhigen, klar ausgestirnten Himmel. ________ Oktober. Von Hermann Hesse. Herbst will es werben allerwärts Ob Astern auch unb Georginen Im Garten blühn mit Freudemienen, Sie tragen doch geheimen Schmerz. Die Abenbberge träumen nun So goto unb rot am blauen Bande, Als wär es rings im weiten Lande Um lauter Glanz unb Pracht zu tun. Auch meine Träume schmücken sich Unb summen liebe Iugendweifen Und tun bekränzte Heimatreisen Und blicken still unb feierlich. Unb bennoch weiß mein tiefster Sinn; Von meines Lebens Sonnenzelten Ist wieber eine im Entgleiten Unb heute, morgen schon bahin. M Lc Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. — Druck und Verlag: Brühlsche Untversitätsdruckerei, R. Lange, Gießen. Oie Geister am Mummelsee. Von Eduard Morike. Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht spät Mit Fackeln so prächtig herunter? Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht? Mir klingen die Lieder so munter. O nein! So sage, was mag es wohl sein? Das, was du da stehest, ist Totengeleit, Und was du da hörst, sind Klagen. Dem König, dem Zauberer, gilt es zuleid. Sie bringen ihn wieder getragen. O weh! So sind es die Geister vom See! Sie schweben hinunter ins Mummelseetal — Sie haben den See schon betreten — Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal — Sie schwirren in leisen Gebeten — D schau Am Sarge die glänzende Frau! Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor; Gib acht, nun tauchen sie nieder! Es schwankt eine lebende Treppe hervor, Und drunten schon summen die Lieder. Hörst du? Sie singen ihn unten zur Ruh. Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn! Sie spielen in grünendem Feuer: Es geisten die Nebel am Ufer dahin, Um Meere verzieht sich der Weiher — Nur still! Ob dort sich nichts rühren will? Es zuckt in der Mitten — o Himmel! Ach hilf! Nun kommen sie wieder, sie kommen! Es orgelt im Rohr, und es klirret im Schilf: Nur hurtig, die Flucht nur genommen! Davon! Sie wittern, sie Haschen mich schon! Morela Wen!* Wisse ,Ts- ,,Se »Ah *nn I ;r nid)i hiffiger Die kann s (Eint itrjen »Ob . Er xdie! Bitterfe Erst '“»e ix tajsB ,en»ani Cs °nnte him bi ne| bjj 4" 'M die nm fei JW Bntei“ diente «te», Setti 5« Id) '«Zett ®e» ^°rie L. •itrat .Sie S K ■ Oas graue Gold des Todes. Von Annie Franca-Harrar. Tunesien und die Häfen an der Großen Syrthe sind heute gar nicht mehr so weit entfernt, als daß nicht viele Reiselustige bei einem „trip“ nach Nordafrika einmal ihren Weg dorthin nehmen sollten. Allmählich hat es sich herumgesprochen, daß man da unten noch einmal das wirkliche, das wahrhaftige Märchen des Orients erleben kann. Sfax und Sousse sind die wichtigsten Häfen. Ja, nun muß ich wohl erst erklären, weshalb denn Phosphat als eine so große Kostbarkeit gilt. Nicht nur um im Handel Geld damit zu verdienen, sondern wirtlich, weil er ein Mittel ist, um halsstarrige und gänzlich ausgeschöpfte Böden wieder zur Fruchtbarkeit zu bringen. Man kennt ja diese Klage, die das ganze Mittelalter erfüllte und die in der Neuzeit mehr denn je die Köpfe der Agrarpolitiker belastet. Freilich hat man heute in allen Ländern Kunstdünger, weil die Viehwirtschaft auch nicht annähernd so viel Abfaltstosfe produziert, als man brauchte, um den todmüden Böden, die die Ernte von Jahrhunderten getragen haben, wieder apszuhelsen. Aber Kunstdünger ist kein Allheilmittel. Hier soll nur gesagt werden, daß der Phosphat gewissermaßen der einzige „natürliche Kun st dünge r" ist, und daß er darum den Vorzug vor allen künstlichen Präparaten hat. Phosphat, wenn man ihn nicht in mineralischem Zustand findet, ist nämlich, knapp und wesentlich gesagt, der letzte auf uns gekommene lieber« rest ungeheuerer, vorzeitlicher Tierfriedhöfe. Es gibt ihn also nur an gewissen Orten und unter ganz gewissen Umständen. Zu den wenigen Punkten, in Europa, die diese Auszeichnung genießen, außer den ober- österreichischen Höhlen, die aber leider schon seyr ausgebeutet sind, gehört vor allem die fränkische Schweiz, besonders die Gegend um Gößweinstein. Dort hat der Boden alle Eigenschaften einer Art übergrünten Karstes, er ist voll von Löchern und unterirdischen Höhlen, in denen Wildwässer auftauchen und rätselhaft wieder verschwinden. Dort sind z. B. m der sog. „Zoolithenhöhle" bei Gailenreuth im Lauf von unzählbaren Jahrtausenden Berge von Tierknochen zusammengeschwemmt worden. Auch haben ganze Generationen von Höhlenbären da unten in diesen finsteren, schwer zugänglichen Felsgruben gehaust, haben dort wer weiß wie viele Mahlzeiten gehalten, sind endlich selber gestorben und verwest, und ihre Knochen versanken langsam durch die eigene Schwere in dem feuchten, glitschigen Grundlehm. Bis der Mensch den uralten Totengrund verschollenen Lebens aufstöberte und durch Erfahrung sich darüber belehren ließ, daß solcher „Höhenlehm", angereichert durch eine Ueberfülle mineralischer Stoffe, mit den allerbesten Dünger ergibt und den Feldern gerade das roieberbringt, was ihnen mit jeder Ernte aufs Neue entzogen wird. Denn alles Lebendige dreht sich in ein und demselben Ring. Wenn nun ein solches umweltliches Knochenlager in offenen Gruben liegt, wenn der Boden inzwischen sogar zu mehr oder weniger hartem Felsqrund geworden ist, der aber immer noch seine wertvollen Reichtümer festhält, dann spricht man von Phosphatlagern. Solcher Phosphat gehört zu den wichtigsten Bodenschätzen von Süd- und Mitteltunesien. Die Lager sind sehr groß. Aber weil Phosphat wie auch Petroleum sich in biologisch begrenzter Zeit nicht neu nachbilden (kann, sucht man schon lange, neue Lager aufzufinden. Vielleicht wirb darum nicht ganz zu Unrecht der letzte Marokkokrieg als eine Art „Phoz. phatkrieg" bezeichnet, denn tatsächlich liegt im Rif ein mehr als anfefjtt« liches „boonebed“, so daß Frankreich lieber diesen fürchterlichen Guerillv krieg mit den marokkanischen Bergstämmen aus sich nahm, als aus iie Ausbeute dieser Gruben zu verzichten. Jawohl, es ist heute wie in tun Tagen der primitiven Urväter: Brot wird mit Gold ausgewogen irnb mit Blut bezahlt. Auch die USA. haben ihre Phosphattager, und wenn man 1850 schon gewußt hätte, welche Bedeutung in diesem weißlichgrauen, mit Knoche», stücken untermischten Pulver steckt, so könnte man vermuten, daß der nordamerikanische Staatenbund darum den Ankauf der „floridanischen Kolonie" von der spanischen Krone mit solcher Energie betrieben habe, Was aber den Phosphat anlangt, so haben ihn die USA. offenbar mit. erworben, wie einer einen alten Schreibtisch kauft, dessen Geheimfach mit Goldstücken angefüllt ist. Hätte man vor achtzig Jahren über die Entwicklung der späteren Düngerindustrie Bescheid gewußt (freilich wurde Liebig, der als erster davon sprach, damals noch von den Bischöfen von der Kanzel bekämpft), so würde der Stadtverband statt fünf vielleicht fünfzig oder mehr Millionen Dollars für Florida haben zahlen müssen. Aber was er kaufte, war Sumpf und Sand. Und die Spaniir hatten schon gar feine Ahnung, welche Möglichkeiten sie damit aus den Händen gaben. Heute bestreitet Florida über die Hälfte der Phosphatproduktion der Welt allein. Oestlich von der Tampabucht, im Pol!< County, hat man die Lager aufgedeckt. Sie sind so gewaltig, daß sie an manchen Stellen mehr als hundert Fuß in die Tiefe hinabreichen, urb es gibt Geologen, die vor ein paar Jahren feststellten, daß man noch mit einem Vorrat von mindestens zweihundert Millionen Tonnen unan$(> griffener Phosphatvorräte rechnen könne. Das bedeutet einen ganz gehörigen Poften in der Bodenwertrechnung, denn heute, wo Florida noh nicht ganz 2 000 000 Tonnen exportiert, trägt ihm diese Ausfuhr allein jährlich an 19 Millionen Dollar. Wasser leistet die Hauptarbeit. Ganz ähnlich wie bei der australischen Goldwäscherei bringen starke Strahlen aus hydraulischen Spritzen die Phosphatfelsen zur Zerkleinerung. Was zuletzt übrig bleibt, ist ein seiner Grus, hell adjenfarben, ähnlich wie grobgemahlener Mergel. Der man- dert dann, wenn er nicht über Tampa verschifft wird (denn Tampa!|i der Hauptphosphathafen Floridas) zum Teil sogleich in die Dünge o fabrifen, die sich in der Nähe der Stadt Barto und Mulberry angejiebelt haben, oder auf dem Landweg weiter nach allen Himmelsrichtungen. Bi; gegen Ocala hinaus ziehen sich die Bänke, die sämtlich einem Iru-'t bodenchemifcker Gesellschaften gehören. Soweit oas Geschäftliche vom Standpunkt des Agrarpolitikers am. Ader was hat sich nun eigentlich in Wahrheit ereignet? Mußte sich ereignen, ehe ein solches gigantisches „boonebed“ entstehen konnte? E« ist sehr bequem, sich der landläufigen Meinung anzuschließen, die sagt, es seien eben aus der Zeit, da Florida oder wenigstens dieser Teil dcc damaligen Halbinsel unter dem Ozean lagen, die Reste von unendlich vielen Meerestieren hier zusammengetragen worden. Da niemand sie tu ihrer völligen Auflösung störte, so hätte der Boden all diesen Phosphor aus,Tausenden von Riesenknock-en in sich ausgenommen, denn von diese« Knochen seien ja noch im Phosphat kleine Reste zu finden, die jetzt freilich ganz versteint und selber Fels geworden sind. Das letztere ist nun allerdings richtig, denn das mit den Knochen in Phosphat stimmt wirklich. Er wimmelt von kleinen und kleinsten Bruchstücken, deren Form unzweifelhaft die Herkunft aus tierischen Körper« bestätigt. Aber woher kamen denn überhaupt so viele Tierkörper? Wen« es Seewesen waren, so kann man einwenden, daß es später als in der Kreide nur noch wenige solcher Wasserriesen gegeben hat, Wale, Seekiihr, alle Robbenartigen ausgenommen. Denkt man aber an Landgeschöpsr, so steht dem wieder entgegen, daß zur fraglichen Zeit, also im Tertiär ganz Florida mit Ausnahme eines winzigen Jnselhügelchen unter dem Meeresspiegel abgesunken war. Auch wenn man mit den günstigsten Um- ständen rechnet, mit seichten Buchten, wellengeschützten Lagunen, unrotbec- stehlichen Strömungen, die von früher alles Tote und Lebende Ijeram- trugen — auch bann widerspricht die außerordentliche Mächtigkeit der Phosphatlager allen Begriffen, die sonst von der oorweltlichen Tierwelt gebräuchlich sind. Das müßten ja Riesenherden gewesen sein, unübersehbare Scharen. Gewimmel, gegen das dichtbesetzte Vogelfelsen einsam unü1 verlassen sind. Dabei zweifellos große Geschöpfe, denn bas sieht mar aus den Knochenüberresten. Große Tiere, von denen man anderseits bo* weiß, daß sie niemals so massenhaft ganze Landstriche erfüllen, einfadj. weil sie sonst nicht Lebensraum genug haben. Woher nahmen sie dir Futtergebkrge, wenn sie dort lebten, ganz gleich, ob sie nun Tier — oder Pflanzenfresser waren? Und wenn sie tot, als Leichen herangetriebeni wurden, wenn vielleicht nur ihre Knochen dort strandeten — woher kamen sie, wo waren diese Tierparadiese, woher n)urbe diese Uebersüik des Lebens erzeugt? Fragen, deren Beantwortung aussichtslos ist. In Europa hak man aus jenen Tagen des Tertiär schon Spuren von Menschen. Was war aber in Florida? Er lag ja damals fast völlig i® Meer. Nein, wir wissen nichts, wir können nichts wissen. So lächerlich es klingt, man kann wirklich nicht viel anderes tun, als diese Phosphat - lager, diesen seltenen und erlesenen Reichtum obbauen, verkaufen, >n Düngerfabriken verarbeiten und wieder in den Boden bringen, dann" der Kreislauf von Tob und Erneuerung, ber auch unser Dasein erhält, sich abermals an einem Punkt, wo er lange stockte, in Bewegung setzt So wie wir die Riesenwälber verschollener Vorzeit als Kohle destilliereri und Derbrennen, so wie wir alle Elemente durcheinanderschütteln und aus Holz, Stein, Metall, Luft und Wasser zehntausend neue Dinge machen, verbrauchen und abermals in anderer Form verwerten, wir, bis unermüdlichen Umwandler und Verwandler unseres Gestirnes, wir, di» närrischen Hexenmeister, deren Einbildungen üder die Sterne hinaue- reichen und die wir weder den Anfang noch das Ende des großen RätfelZ „Leben" kennen. Montag, den 2. Oktober Jahrgang 1939 Nummer 76 Herz, wo liegst du Colöur & Grey Control Chart 6 8 L 9 £ z ■■ > allerfrüheste» Morgen holprig über den bewegte, war ein altes Vehikel, das der Die Kutsche, die sich am Place d'armes von Mereville n in im !, jn • $8* oeduiW ihm ner H ich q M )obii lilch rürf. ! » neu, tiii|i di! >ben Uni !«W 'i$«h Mm im *, Watin kreuzung, Kellings Mienen waren, wenn er sich von seinen Untergebenen nicht beobachtet glaubte, der leidenschaftlichste Widerspruch gegen sein« eigene Anwesenheit in Blisseron. Tabakpfeife, die verstopft war, reinigen zu dürfen. Der Postillon entdeckt« an der Ofentür einen Draht, den er stumm seinem Begleiter reichte. Der andere nahm di« Pfeife mißmutig auseinander und stocherte in dem Pfeifenrohr herum. ~ ~ t , Die Griselle deutete gestenreich an, daß im Flur ein Bündel m.t einigen Habseligkeiten liege, das sie mitnehmen wolle. „Aber nur bis Blisseron das Weib!" sagte der Landwehrmann. .Marum nur bis dorthin?" fragte Weidlich. „Weil wir nur bis Blisseron Postorder haben!" Und wer fährt die Post von Blisseron weiter?" fragte Weidlich. - hm« Wl los irtifi 11; 11 i|h» |cnm®n 1 Iljig n Äjtn '«tf !t. hi! IßlH** lltlü "1 0« 14 15 16 17 18 19 20 21 22 *W er P'Ä u IturM SlitjtW französischen Post gehört und bereits seinen Dienst lang« vor Errichtung der ersten Eisenbahn getan haben mußte. Man vermißt bei ihrem Anblick sofort den Schwager mit blinkendem Horn und dachte an den Postillon von Lonjumeau. Die deutsche Feldpost aber hatte die Kutsche nüchtern und unromantisch beschlagnahmt und sie auf eine der sogleich eingerichteten Linien, welche di« einzelnen Kommandos verband, gesetzt. Der Tag war, wie gesagt, in Mereville noch nicht erwacht, das Licht dehnt« sich noch, die Stube in der Mairie war schwarz. Unteroffizier Weidlich schlief, während vor der Mairie der letzte Wachtposten der Nacht sich auf Ablösung freute. Niemand hatte sich darum gekümmert, wo Germaine Griselle die Nacht verbrachte, da man sie im Hause des Herrn Beauvisage vermutete. So wunderte sich auch Weidlich nicht, als Germaine in die Stube trat. Di« Tür knirschte in den Angeln, es klang wie das Lachen eines Schelmen. Gestern hatte die Tür noch nicht gekreischt. Die Griselle nahm die Vorhänge von den Fenstern, die Stube füllt« sich mit dem falben grauen Licht des langsam heraufkriechenden Tages. Weidlich blinzelte durch die schlaftrunkenen Lider und erinnert« sich sogleich: Ach dieses Weib! „3a du großmäulige Zänkische, nun geht es fort, das hast du davon!" sagte Weidlich, und Germaine verstand es nicht. Aber sie begriff wohl den Sinn dieser Worte, sie hob die Arm« steif von den Hüften und ließ sie wieder fallen; die Geste sollte wohl heißen, daß sie sich in ihr Schicksal ergebe. Auf der Postkutsche saßen ein Postillon und ein Landwehrmann. Die beiden stiegen ab. Sie fröstelten, denn der Morgen war kühl. Der Postillon hob einen Postsack aus der Kutsche. Der Landwehrmann suchte mit den Augen und erkannte die Mairie an dem Posten, der vor dem Hause stand. Die beiden schlenderten hinüber. Der Platz war still. lj ilt11 rabn 5 jaiW her» W irf"! 1 Cyan Grey 1 Green Grey 2 Yellow Grey 3 Red Grey 4 Blue White Magenta Black i ®flgt «ut. wuro« Poiporence munter. »I, [Kid Er öffnete den Verschlag, zog die Griselle zu sich herein und wurde Es war nachtschwarz im Raume, die Stund« zu heimlicher Liebkosung wie geschaffen, denn die Soldaten im Hause schliefen. Der kühnen Liebe schönste Eigenschaft ist die Sorglosigkeit. Aber Germaine wehrte ihn hart ab und zwang ihn zum Zuhören. Die beiden hielten Kopf an Kopf eine flüsternde Zwiesprache, eine ähnliche wie sie vorhin in der Mairie mit Ann Moreland geschehen war. Theophil küßte sie, nachdem er alles vernommen hatte, dann sagte er nbrünftig: „Wenn das nur gut geht!" Aber er wehrt« ihr nicht, als sie davonging. Er lauschte ihr lange nach und glaubte zu hören, daß sie das Haus wiederum verließ. Der Hauptplatz von Blisseron konnte in keiner Weise mit dem Place b’armes von Mereville ausnehmen. CTn Schelm zeigt mehr, als er hat, und Blisseron war ein biederes Dorf und nicht schelmisch genug, sich anders zu geben, als es war. m Es versuchte nichts vorzutäufchen: es, war ein Dorf mit Wohnhäusern, Scheunen und einer Dorfstraße. Zwei große Landstraßen kreuzten sich hier, just an deren ochnitt- auntt weitete sich die Dorfstraße zu einem Platz, auf dem aber weder Baum noch Strauch stand. Es sah aus, als habe sich das Dorf heftig llewehrt, etwas von dem Grün zu übernehmen, das die Natur rings um Blisseron mit Verschwendung ausgestreut hatte. Doch war der Platz nicht ohne Leben, es rauschte zwar feines Vaumes Krone im Wind, dafür sandte ein plätschernder Röhrenbrunnen seinen strahl in ein langes rechteckiges Becken, dessen aus derbem Holz gesettig- *r breiter Rand eine handliche Unterlage für die Wäsche war, welche Blisserons Frauen und Möade an diesem Brunnen und in diesem Becken Duschen. Sie Bewohner von Blisseron waren minder zurückhaltend als die von Mdreville. Die Natur bestimmt den Taglauf des Bauern, ob draußen, M Stall oder auf der Tenne. Die Natur verlangt, für dos Brot,p I « r Bor der Posthalterei stieß er auf Krätke: „Wie gefällt es Ihnen **" DaneszX iophische Gelassenheit zurück und erwidert«, pictäYy nirgends beklagen dürfe. Es fei wunderschön, isseron. Kelling blickte sich um, als sei das SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Inne, die aus Holzschuhen bunwestrump,i . Reiber waren ein sehr vergnügliches Bild, das sich dem Premierleut Selling bot. Er wunderte sich, wie wenig der Krieg dieses Dors verändert hatte, ssreilirfj, (,;er roar weder ein Äefecht, geschweige eine .9 Jhj' ^ dörfliche oder bürgerliche Tageslouf hatte in dieser Gegend, die ruh g » .^esitz genommen worden war, kaum eine Unterbrechung h, ' ^.'denschasten, welche sich gegen die Eroberer zu sammeln versuchten, sieben in den S'uben und Kammern versteckt und wandelteni sichI in rUMpf« Ergebenheit oder Haß gegen die eigene Führung, von der man Inzwischen vollzog sich die Einschließung von Paris, und Kellings Manen hüteten zu ihres Premierleutnants Mißvergnügen eine ö «■■■< t zuwerfen lassen — ich lese meinen Brief r Nähe die Gefahr steht und mich ansieht! rvir halten am Waldrand, vor uns, wo der Wolke am Horizont lagert, dort ist Paris! W fein! Hier hocken! Krätke, heulen Sie!" und die Post war auf ruhiger Straße rgendwo verborgen und es tarne sich nur । hoffe, freudige Abwechslung blüht uns frei» r zaghaft, „die Feldpost kommt heute!" • Rädchen, die ihr sauber gezahnt ineinander- rieffegen der Heimat über die einsamen Kom- h wünschte, ich könnte mir die Zeichen der