Jahrgang (959 Zreitag, den 29. Dezember Nummer (00 Maria Sie würden sicher nicht wollen, gebändigt durch Boufsarts vor- verpflichtet, umsonst zu geben. 2. w daß sie sie umsonst verteilten." „D nein", rief Roosje, vollständig nehme Ausdrucksweise. „Die Herren der Völker sind nicht ie«/i rf'f was ihnen gehört, was ihr Eigentum ist und ihre erhabene Ausstrahlung, nämlich den Adel. Uebrigens war ihre erhabene Majestät damals im Kriege mit Preußen unter Friedrich II. Der Kurfürst von Bayern behauptete, Ansprüche auf Wien zu haben. Die Ungarn allerdings griffen für sie zu den Waffen, die Holländer schickten ihr Geld und Truppen, unter denen sich auch einer Ihrer Vorfahren befand. Er verlor das rechte Ohr und die Nasenspitze durch einen Schuß auf dem Schlachtfelds. Ihre kaiserliche Majestät, die sicher Geld brauchte in diesen schwierigen Zeiten, in diesem Kreuzzug des guten Rechts gegen die Welt ..." „Ach ja", unterbrach Roosje, „ich verstehe, das war damals, als Gottsried von Bouillon ..." Bouffart hustete diskret. „Viertausend Gulden, das ist viel." ,Hch erlaube mir, der Frau Baronin zu sagen, daß der Titel sie wert ist. Er verleiht Zutritt zur besten Gesellschaft, zu der der Reichen und Mächtigen. Der Adel, der die Frau Baronin sofort in die höhere und bevorrechtete Kaste bringt, würde von mehr als einer reichen bürgerlichen Dame gern mit einer Million bezahlt werden. Die jungen Bankiers, selbst die reichsten, schätzen sich glücklich, in ihren Eheverbindungen wemg- stens eine Patrizierfamilie zu haben, und Sie, Sie können sogar..." % „Immer Geld", sagte Roosje, „das war nicht schön von Theresia." , daß!» ie # mb In b ttai e läute । r W ewock i ertri* l :tl i)üt ।aes k ! er ß Jtoo? anbhik m hiiü bie b i Ä« „Daran habe ich recht spät gedacht. Jetzt lassen Sie mich mein Wappen sehen!" „Hier ist es, Frau Baronin." Es zeigte einen silbernen Balken in rotem Felde, bedeckt von vier verbundenen Andreaskreuzen neben einem blauen Balken. „Gut, sehr gut", sagte, Roosje, die durch Worte wie „rotes Feld", „silberner Balken", „blauer Balken" so bezaubert wurde, daß sie ihr ins Blut einzudringen und dort heraldische Blutkörperchen und adelige Metalle einzuführen schienen. „Ist mein Ring schon fertig?" fragte sie. „Ja, Frau Baronin." „Wieviel wiegt er?" „Eine Unze Gold." „Wieviel kostet er?" „Dreihundertfünfzig Franken." . .. ,Las macht zweihundertsiebzig Franken für die Arbeit und die Gravur?" „Ja, Frau Baronin." „Geben Sie mir die Rechnung!" „Hier ist sie." „Nicht quittiert?" .. „ „Frau Baronin hat mich nicht ermächtigt zu zahlen. „Mißtrauen Sie mir?" Roosje öffnete eine kleine Schublade, die mit Goldstücken gefüllt war, »itb zählte Bouffart dreihundertfünfzig Franken auf. „Entschuldigen Sie, Frau Baronin, die Herrscher können auf Grund göttlichen Rechtes Adelstitel verkaufen. GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage;um Gietzener Anzeiger Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 13. Fortsetzung. Die Bitte des Herrn van Parcq wurde dem Hofrat in Wien übergeben und von diesem mit einer höflichen Weigerung, die vielleicht durch das nicht genügend hohe Angebot des Herrn von Parcq begründet war, wieder zurückgeschickt; dieser lieh sich aber nicht abschrecken, sondern richtete eine neue Bittschrift an die Kaiserin und bot viertausend Gulden. Von neuem wurde die Bittschrift an den Hofrat in Wien gesandt und diesmal mit der schmeichelhaften Annahme der viertausend Gulden und der Uebersendung des Adelsbriefes beantwortet, der dem Herrn von Parcq den Baronstitel und das Recht, seinem Namen den der van Steelandt hinzuzufügen, verlieh. „Geben Sie mir eine Empfangsbescheinigung", mahnte sie. Bouffart gab sie ihr. „Dars ich Ihnen ein Trinkgeld anbieten?" fragte Roosje. „Frau Baronin", sagte Bouffart entrüstet, „ein Trinkgeld? Nein, mir nennen das Honorar." Er hatte schon vom Goldschmied eine Vergütung bekommen. Roosje, „haben Sie einen Papllfranken, der wird Ihnen Gluck bringen. r „Einen'Franken?" sagte Bouffart in unhöflichem, trockenem Ton. „3d> bekomme fünfundzwanzig Prozent." „Was, fünfundzwanzig Prozent! Aber das macht ja etwa zweiund- achtzig Franken und fünfzig Centimes." „Ja." Roosje zählte sie ihm auf, wobei ihre Finger zitterten „Das nenne ich gut bezahlt", sagte sie zähneknirschend. „Das ist noch nicht alles. Frau Baronin schuldet mir noch den Pre.» für das Malen des Wappens, für die Kosten des Entwurfes, der Abschrift und der Gebühr für die Eintragung des Adelsbriefes Eine Kleinia. leit! Fünfhundert Franken!" ä „Fünfhundert Franken!" rief Roosje wütend. „Glauben Sie, daß ich sie habe, oder daß ich sie Ihnen geben werde? Sie sind ein..." Sie war im Begriff zu sagen „Dieb!" „Verzeihung,. Frau Baronin, mit dieser Arbeit haben Sie mich beauftragt, und Sie werden sie mir auch bezahlen." Bouffart steckte die Papiere wieder in die Tasche seines Ueberrockes und erklärte: „Ich könnte Sie vors Gericht bringen und Ihren Briefwechsel veröffentlichen, in dem Sie zugestehen, was Sie waren ... Wirtin des .Kaiserlichen Wappens'!" Diese letzten Worte wurden sehr laut gesprochen. --Herr Bouffart", beschwichtigte ihn Roosje schüchtern, „wenn man Sie hörte? Schweigen Sie! Hier sind fünfhundert Franken!" Bouffart ging fort, nachdem er Roosje ihren vorschriftsmäßig ausgestellten Adelsbrief übergeben hatte. Auf der Treppe jagte er sehr laut: „Stuf Wiedersehen, Frau Baronin!" In diesem Augenblicke legte befriedigte Eitelkeit ein wohltueredes Pflaster auf die dem Geize Roosjes geschlagene Wunde. znich» inen *1 »I M in dq T reld> in bti Hündi, m um gr°bn in, «j Jen mi mpsch Rn tro lCchch iuf, ui us eit Hu en, inj IcheidiV Ionin« iber te es Sch aus iip nberut| le ziw ihn, i» Ärullto Der folgende Vorgang spielte sich zwei Tage später in Roosjes Zi>..- mer ab. „Mama, du siehst, wie sie weint", sagte Margarete zu ihrer Mutter, die stehend und verachtungsvoll abwechselnd einmal ihren Ring betrachtete und das andere Mal die Falten eines hellbraunen Taftkleides peinlich genau legte. Margarete fuhr fort: „Du mußt nicht soviel deinen Ring und dein Kleid ansehen, sondern lieber der armen Siska, die dich so liebt, weniger Kummer bereiten." Siska meinte in einer Ecke und verbarg den Kopf in einer seltsam weiß-blau geränderten Schürze, dem Blau und Silber des Wappens der neuen Baronin. Ihr hellblaues Kleid, am Aermel und am Rocksaum mit breiten Seidenstreifen eingefaßt, war mit großen roten Knöpfen, deren Farbe ebenfalls im Wappen vorhanden war, geschlossen. Auf der Bluse bemerkte Margarete nicht ohne starkes Beftemden eine Art Schild aus zusammengenähten Tuchstücken, das in Rot, Silber und Blau das Wappen der wohledlen Familie von Sieelandt darstellte. Es war der Einbildungskraft Roosjes entsprungen. Die dicken, roten, männlichen Hände Siskas kamen nach röter und dicker aus den engen Aermeln ihres heraldischen Kleides hervor, das, oben weit geöffnet, ihren mageren Hals zeigte und an manchen Stellen ihre gelbliche Haut und die stämmigen, muskulösen Schultern sehen ließ. „Nein, Frau Baronin", sagte sie plötzlich, „ich will mich nicht so kleiden, ich schäme mich. Man wird mich für ein Straßenmädchen halten. Ich sehe darin aus, als ob ich verrückt wäre. Die Jungen laufen hinter mir her und werfen mich mit Steinen. Lieber verstecke ich mich im Kohlenkeller und gehe überhaupt nicht mehr aus. Ich weiß nicht, ob das die große Mode ist, sich so aller Welt in Blau, Weiß, Rot und Scheckig zu zeigen wie eine Musterkarte. Ich mache diese große Mode nicht mit. Mein Vater war Erdarbeiter, meine Mutter Aufwärterin, und sie liefen vor niemandem verkleidet herum, und so will ich es auch machen. Sie würden sich arg schämen — Gott hab' sie selig —, wenn sie mich in diesem Aufzuge sehen würden. Frau Margarete, Fräulein Grietje , setzte sie zärtlich hinzu, „bitten Sie die Frau Baronin, da sie es nun einmal ist, mir mein Merinokleid für alle Tage und mein Baumwollkleid für die Sonntage zu lassen. Eine Schürze will ich gerne tragen. ben 'grat1 em <1* begtii t W lit ei" rr‘,1 »nl»1 d-' Hifi1! "ti » em ® aber ganz weiß ohne Randverzierung, das ist sauberer, und wenn die Frau Baronin die Wäsche bezahlen ... und .. „Gut, Fräulein Siska", sagte Roosje hart. „Ich bin Frau unb nicht Fräulein", unterbrach beleidigt die arme Sklavin. , . , „ .. v „Wenn man Frau zu einer Dienerin sagt, wie soll man mich Sann nennen", warf Roosje ein. „Frau Baronin. Eine merkwürdige Baronin übrigens, das mutz Ihnen einmal gesagt werden." „Hinaus!" rief Roosje und faßte sie beim Arm. „Ja, ich werde hinausgehen", antwortete Siska und gab ihr einen heftigen Stotz, so daß sie löslich. „Ja, ich werde lieber heute als morgen fortgehen und besser gleich als später, aber ich will Ihnen vorher noch meine Meinung sagen. Ich weiß nicht, welche Ehrgeizwespe Sie gestochen hat, aber Sie werden lächerlich und unerträglich „Siska!" versuchte Margarete zu umerbrechen. „Lassen Sie mich sprechen", sagte Siska, die jetzt richtig böse wurde. „Liebes Fräulein, lassen Sie mich sprechen. Lange werde ich es nicht mehr tun. Mein Herz ist seit sechs Wochen zu schwer. Die Baesin behandelt mich wie einen bösen Hund; ich werde immer nur beschimpft, und niemals dankt man mir. Als sie auf Sie und Ihr Glück eifersüchtig war, Frau Margarete, habe ich ihr ihren Zorn verziehen, aber jetzt liegt es anders. Irgend etwas ist in sie eingedrungen, das ich nicht kenne, etwas Häßliches und Unnatürliches. Ich träume jede Nacht von einer Katze, die jo groß ist wie ein Mann und die um dos Haus schleicht. Ich sage mir, wenn sich das nicht ändert, gibt es ein Unglück. Glauben Sie mir, Grietje, ich liebe Sie, ich möchte immer bei Ihnen fein, um Sie zu schützen, aber ich kann hier nicht mehr bleiben. Nein, nein, halten Sie mich nicht zurück, ich muh fortgehen. Frau Roosje", wandte sie sich dann an Roosje, „Gott möge Sie nicht bestrafen, das ist alles, was ich erbitte. Aber lassen Sie mich fortgehen, Fräulein Grietje, lassen Sie mich fortgehen. Ich sage Ihnen ja, daß ich nicht mehr hierbleiben will. Der Teufel ist hier; in der Nacht pfeift er im Kamin, und ich höre ihn hohnlachen, wenn es windig ist. Ich sage Ihnen, ich fürchte mich in meinem Zimmer. Wenn ich nicht die Tür doppelt verschlösse und nicht ein großes Messer an meinem Bett hätte, könnte ich nicht schlafen. Ich sage Ihnen, ich will sortgehen. Das Unheil schleicht um das Haus. Wer wird meinen? Wer wird leiden? Wer wird sterben? Ich kann es nicht sagen, aber ich tjabe Furcht und will fortgehen." Siska verlieh das Zimmer, und Margarete folgte ihr. Sie gingen beide in dos Zimmer der ergebenen Sklavin. Dort zog Siska das Wappenkleid aus, wobei sie es in Stücke rih. Mit einem Freudenschauer legte sie wieder ihr altes schwarzes Kleid an, fetzte ihre weiße Mütze auf und zog die großen Schuhe an. Dann raffte sie alles, was sie an Kleidungsstücken besaß, zusammen und legte es in eine große, längliche, grün angestrichene Holzkiste. „Bleib' bei uns", bat Margarete, „bleibe bei uns, ich habe' dich gern, das weißt du ..." „Oh, ich auch, Fräulein, Frau wollte ich sagen, ich auch." „Gut also, bann bleib’. Ich kenne unb liebe dich. Bleib' bei mir, wenn du nicht bei Mama bleiben willst, die wirklich häßlich zu dir ist, das muß ich zugeben; aber sie ijt alt unb muß gepflegt werden." „Nein, Fräulein, nein, ich habe hier Furcht." ,^Hast du deinetwegen Furcht, Siska?" „Nein, Grietje, nein. Ihretwegen", setzte sie ganz leise hinzu, „Ihretwegen habe ich Furcht." „Nun also, dann muht du gerade bei mir bleiben, um mich zu verteidigen. Ich werde Mama eine andere Dienerin geben. Du wirst mich antieiben und mich frisieren." „Ich bin so ungeschickt." „Du wirst lernen, geschickt zu jein", und dabei umarmte unb küßte Margarete sie. „Du wirst mich vor der großen Katze schützen. Wenn du Lärm hörst, wirst du dein Messer nehmen, und niemand wird wagen, sich zu rühren." „Ach, Fräulein, Frau", sagte Siska, „ist es wirklich wahr, daß ich immer, immer bei Ihnen jein werde? Wie gut werden Sie gepflegt werden. Ader wird Jeanette nicht eifersüchtig fein?" „Sie ist auf Mama böfe", antwortete Margarete. „Wen werden Sie zur Bedienung Frau Roosjes nehmen?" „Bis ich jemanden finde, der ihr zusagt, werde ich es tun." „Ha, das ist gut", jagte Siska, die jchon unruhig war, wenn sie daran dachte, Roosje könne auf sich allein angewiesen jein. Inzwischen sah die alte Frau allein in ihrer Wohnung, den zweifelhaften Freuden der Eitelkeit hingegeben, glättete sorgfältig die Falten ihres hellbraunen Taftkleides unb jah mit Stolz auf ihren großen, golbenen Wappenring. In biefer Nacht träumte sie, sie führe in einem vierspännigen Wagen mit einem Vorreiter an einem Hellen Sonntage bei einer großen militärischen Parabe über ben Schloßplatz in Brüssel. Die Trommler schlugen, bie Regimentsmusik spielte bie Braban?onne, die Glocken läuteten unb Salutschüsse donnerten. Der König nahm feinen Hut vor ihr ab, unb die Soldaten präsentierten. Paul, der inzwischen ein Bettler geworden war, schmutzig und zerlumpt aussah unb einen langen Bart trug, stützte sich auf einen großen Stock unb streckte ihr, ba er in der ersten Reihe der Menge stand, feine fettige Mütze hin. Sie warf ihm einen Centime hinein unb fuhr dann mit ihren vier Pferden im Galopp davon. ..Jetzt endlich werde ich ihn vernichten", dachte sie bei sich. 3. Roosjes Hochmut wurde bald unerträglich. Siska weinte den ganzen Tag; die Köchin verlangte, wenn sie bleiben sollte, eine Lohnerhöhung; wenn sie nur bie Nasenspitze der Frau Baronin sah, flüchtete sie. Das . -"ltmädchen. bas TOorgnrete liebte, beklagte sich niemals, konnte aber bei ihrem heiteren und entschlossenen Charakter nicht an sich halten, in Abwesenheit der jungen Herrin ber Neugeadelten ins Gesicht zu lachen. Das machte Roosje gar nichts aus. Sie betete sich selbst an, genoß ich selbst wie ein schmackhaftes Gericht. Immer wieder durchlas fie das heraldische Kauderwelsch ihres Adelsbriefes und dacht« daran, sich eine Baronskrone aus fünf Perlen machen zu lassen, um sie abends zu Haus« bei verschlossenen Türen, wenn sie ganz allein sei, zu tragen und sich so im Spiegel bewundern zu können. Die Nachbarn und Bauern erzählten, man sähe fie im herrschaftlichen Wagen, begleitet von schönen Herren und Damen; baß fie sich ausblase, viel rede und mit Kopf und Händen ihre Worte noch besonders betone, während große Hunde neben ober vor bem Wagen herliefen. So war es auch, und das war für bie ehemalige Gastwirtin von solchem Reiz, baß ihr nichts mehr auf ber Welt galt als ihr Adel, vornehme Leute, Wappen, große Hunde und Spazierfahrten im Wagen. Sie bekam vor ihrem Körper eine grenzenlose Ächtung; bestand er nicht aus einem Teig, der noch aus der Zeit vor der Sintflut her- ftammte? Sie widmete ihrer Perfon eine peinliche, beständige, übertriebene Pflege. Ihre Hände wurden schon nach vierzehn Tagest^ schon. Sie schmückte und puderte sich, rieb sich mit allen Arten von Salben, Pulvern und Mixturen ein, so daß sie in einer scheußlichen Weise verjüngt erschien. Das Dienstmädchen behauptete, Roosje wolle sich wieder verheiraten. Dem war nicht so. Ms dahin hatte Roosje Paul schon verachtet, jetzt verachtet sie ihn noch mehr und in noch hochmütigerer Art. Manchmal sagte sie: „Ihm werde ich es heimzahlen, diesem Bettler, diesem Bürgerlichen!" Sie hörte nicht auf, ihre Tochter zu lieben, die ihre einzig« und wirkliche Liebe war. Margarete war adelig wie sie und aus ihrem Blute. Einmal trat sie in das Zimmer des „bürgerlichen" Paul ein, als er sich gerade anzog; fie wollte sehen, ob feine Füße den ihrigen glichen. 4. Eines Tages sagte Paul zu Margarete: „Ich habe wirklich eine Engelsgeduld! Aber jetzt bin ich am End«. Die Finger fribbeln mir. Ich fühl«, daß ich beim geringsten Wort... „Ich habe gern, daß du geduldig bist", erwiderte Margarete. „Aber ba dir bie Finger kribbeln und du jemanden schlagen mußt..." Paul gab ihr ein paar Klapse, sie blieb ihm nichts schuldig, unb so war er bald beruhigt, worauf Margaret« ihm als Zeichen zarter Unterwürfigkeit die Hanb küßte und sagte: „Bist du jetzt zufrieden,^mein sanfter Herr, Mama auf meinem Rücken geschlagen zu haben?" Solche Vorgänge häuften sich. Durch Bitten, Zärtlichkeit unb Liebe hatte Margarete Paul oft daran gehindert, gegen ihre Mutter so ausfällig zu werden, daß Roosje gezwungen worben wäre, die Villa zu verlassen und wieder in bie Leere und Einsamkeit zurückzukehren. Am andern Tage sagt« Paul zu Margarete: „Ich brauche Luft, ich ersticke hier und du auch, du bist nicht glücklich. Wir wollen drei Wochen Urlaub nehmen unb Schwiegermama ber Gesellschaft ihres Adels Überlasten." „Wenn du Luft brauchst und hier erstickst, so wollen wir bahin gehen, wohin du willst", antwortete Margarete. „Wohin wollen wir gehen?" „Nach Ostende, ans Meer." „Ans Meer", rief Margarete fröhlich und klatschte in die Hände wie ein Kind. „Ja, ans Meer, Salzluft ahnen ... Und um nicht mehr von Morgen bis Abend beleidigt zu werden." Als Margarete Roosje von dem Reiseplan Mitteilung machte, bezeugte diese, um sich besonders gewählt auszudrücken, „ihr lebhaftes Bebauern, ihre Frau Tochter und ihren Herrn Schwiegersohn nicht ins Bad begleiten zu können, aber fie habe Einladungen zu Diners vom Grafen S..., dem Herzoge von Z ... und Herrn Baron von A ..., Herr Ritter von D..., sehr reich und trotz seines niebern Adels zur Gesellschaft gehörend, habe ben Wunsch ausgesprochen, Roosje möge ihm bie Ehre erweisen, einige Tage auf seinem Landsitz zuzubringen Trotz des von ihr empfundenen Bedauerns, mit ihrer Tochter nicht die Zerstreuungen und Vergnügungen der Seebäder teilen zu können, sehe sie sich doch gezwungen, fie allein fahren zu lassen mit ihrem Gatten, dessen angenehme Gesellschaft ihr sicherlich genügen würde. Sie sprach ihre aufrichtigen Wünsch« aus, die beiden möchten in guter Gesundheit wieder ins Schloß zurückkehren. Sie bat nur ihre Frau Tochter, während ihrer Abwesenheit die Schlüssel des Hauses ihr überlassen zu wollen und der Dienstmagd di« nötigen Befehle zu geben, daß sie dem Range einer Dame von Familie und aus großem Hause entsprechend bedient werde. Mit Ruh« nahm Paul diesen Kugelregen konventioneller Phrasen entgegen. Er antwortete: „Die Frau Baronin kann ber genauesten Ausführung ihrer Befehle versichert (ein. Ich werb« die Ehre haben, meine Frau Gemahlin zu bitten, bie Schlüssel ihrer Frau Baronin-Mutter zu übergeben, der den Ausdruck meiner ganz besonderen Hochachtung zu übermitteln ich die Ehre habe." Hierauf verneigte sich Paul bis zum Boden unb wollte hinausgehen. Margarete wollte vor der Abreise Roosje noch einmal um ben Hals fallen, aber Roosj«, die frisch gemalt war, schob sie zurück und reichte ihr bie Hand zum Küste. Margarete begriff sofort, küßte die Hand und verzichtete auf weiteres. Paul verließ, rückwärts schreitend und sich fortwährend verneigend, bas Zimmer. Roosje wagte nicht ärgerlich zu werden, aus Furcht, man könne bemerken, daß sie begriffen habe, ber ihrem Haß teuerste Feind mache sich über sie luftig. Margarete ging hinaus, Paul folgte ihr. Im Vorraum angekommen, I schloß er Margarete in seine Arme und küßte fie schlicht bürgerlich. Am andern Morgen gegen fünf Uhr fuhren sie ab und trafen bei Anbruch ber Nacht m Ostende ein. (Fortsetzung folgt.) Tierkreis Kalenderblatt. Von Walter Kruppa. Steinbock und Wassermann tragen das Jahr in den Zeitengrund. Viele schwarze Vögel klagen. Die kalten Winde jagen aus offenem Himmelsmund. Winternot geht durch die Lande und pocht an das dunkele Haus, Nun schür die Glut zum Brande. Es nagt der Frost am Gewände und säuft alle Brunnen aus. Wassermann blickt auf die Fische, die gläsern schwimmen im Wind. Dein sattes Bild verwische. Gib fort das Brot vom Tische, den wärmenden Rock vom Spind. Du kannst nicht einsam gehen im dunklen Jahreskreis. Allein wirst du verwehen, eh Stier und Widder stehen überm jungen Blütenreis. Landmann aber lebt mit und in der der Oes Menschen Tun im Zahreslauf. Bon Ernst v. Niebel schütz. Das finkende Jahr fordert den Menschen zu Betrachtungen aus, die ihn über die kurze Spanne seines Lebens hinausführen, ihn in den erhabenen Rhythmus des Weltganzen eingliedern. Daß die am Himmelszelt« nach ewigen Gesetzen vorrückende Sonnenscheibe mit ihrer zu allen Jahreszeiten verschieden starken Strahlungskraft über jeder menschlichen Tätigkeit als Ordnerin waltet, davon hat der naturentwöhnte Stadtbewohner von heute kaum noch eine lebendige Vorstellung. Der ‘ ' 1 Natur und verfolgt altsinerksam -en Lauf des Himmelsgestirns, weil er weih, daß Nichtbefolgung feiner Gesetze der eigenen Tätigkeit Unsegen bringen würde. In früheren Zeiten wird diese Verbundenheit des menschlichen Daseins mit der Natur viel inniger gewesen sein, da bei der geringeren Zuverlässigkeit des auf dem Sonnenjahr ausgebauten Kalenders die jedem sichtbare Sonne der einzig untrügliche Wegweiser durch das Arbeitsjahr war. Das aber hatte eine wichtige Folge. Indem der Meysch ständig die Sonne befragen mußte und sie als Spenderin des Segins verehrte, stand er mitsamt seiner Arbeit in kosmischen Zusammenhängen, durste er sich als Glied eines allumfassenden Arbeitsprozesses fühlen, den nicht er bestimmte, in dessen unabänderlichen Walten aber erst das Werk seiner Hände zu einer „Kultur" im echten Sinne wurde Schreitet doch die Sonne vor unseren Augen alljährlich jenen großen Weltenring ab, der seit uralter Zeit als „Tierkreis" bezeichnet wirb — das Himmelsband der zwölf Sternbilder, das die Sonne auf ihrer Bahn durchlaufen muß, um nach Ablauf eines Jahres wieder die Stelle zu erreichen, von der sie ausgegangen ist. Aus diesem Wege aber verwandelt sie fortwährend die Heilkraft, die sie der Erde spendet und die das Gedeihen der Frucht bewirkt. Das wußten unsere Vorfahren nicht nur, wie auch wir es wissen, sondern fie erlebten es. Sie erlebten es mit jener Hingabekraft und jenem Demutgefühl, kurz mit der Frömmigkeit, die noch Goethe hatte, wenn er von der „Ruhe in Gott dem Herrn" sprach. Zeugnis solcher Empfindungen sind die sogenannten „M o n a t s b i l d e r , die, immer in Verbindung mit den Tierkreiszeichen, an vielen mittelalterlichen Domen auftreten und besonders in der romanischen und gotischen Bauplastik eine große Rolle spielen. Es sind die monumentalen Kalender, die unter dem Symbol der zwölf Sternbilder den Jahreslauf des Tages- oeftirns am Firmament begleiten und uns In der Gestalt des ru|tigen Landmannes von der Abhängigkeit aller menschlichen Tätigkeit von der ewigen Macht so eindrucksvoll zu berichten wissen. Denn wenn ste auch den irdischen Menschen darstellen, wie er im Schweiße seines Angesichts Vorkehrungen zu seiner leiblichen Ernährung trifft, o finit es doch nicht eigentlich weltliche Bilder, sondern Mittel zur Versinnbildlichung einer übergeordneten Heilsordnung. Sie lehren, daß aus menschlicher Arbeit nur dann Segen und Freude erwachsen kann, wenn ste durch den Bezug auf das Unfaßbare geadelt und so in höherem Sinne zweckooll wird 3n jenen frühen Jahrhunderten, als. das Leben noch einchch war und die Erde ohne verderbliche Hilfsmittel ihre Gaben den Menschen reichte, erblickte man in den Vorgängen der Keimung, Sprossung und Reifung etwas Heiliges und Göttliches etwas der eigenen eee ge - heimnisooll Verwandtes. Man sagte sich, so wie nach langer Gr e - nacht im Erdenschoß die zarte Pflanze ,m Frühling der Scholle harte Kruste durchbricht und unter dem wärmenden Strahl der Sonne hre oberen Gliedmaßen hoch und höher reckt, erst die Blute, dann^diki Frucht entfaltet, so ist auch der Mensch, der Erdoerwurzelte und Sonnenbedurf- lige ein Kind zweier Welten, eines Unten und eines Oben. Silber Jein Dienst an der Erde kann nicht gedeihen, wenn er mcht immer wieder sich aus geistigen Höhen die Kräfte herabfleht, die allein seiner Hande Arbeit fruchtbar machen und aus Menschenwerk Gottesdienst werden lassen Erlösung der Erde durch den Menschen: das ist sein Dank, der Dank des Sohnes an die Slutter. Wandlung der Erde durch Elnswerden mit dem Geiste: das ist der letzte Sinn einer jeden „Kultur . Noch Luther ha las Brot als ein himmlisches Geschenk zu grüßen gewußt. «Ei, du liebes Brot, durch wieviel Fährlichkeiten bstt du mir gekommen, Fah l'chkeiten des Wassers und des Feuers Fährlichkeiten derMenschen und bet Tiere, Fährlichkeiten auf dem Feld und in der Muh.e, und liegst du vor mir und grüßest mich als ein Bote meines Gottes." Ob heule noch viele Brotesser so sprechen können? Steinerne Kalender nannten wir die Monotszyklen an den Eingängen der mittelalterlichen Kirchen. Es sind Reliefs, entweder an den Bogenläufen der Portale, also in Halbkreissorm angebracht, oder auch an deren Psosten übereinander gereiht. Den Tierkreiszeichen sind die einzelnen Arbeitsbilder beigegeben, wobei die einzelnen Monatsbeschäftigungen einem gewissen Schema unterliegen, bei aller Anlehung an die Ueberlieserung aber doch die Freiheit haben, sich den klimatischen und Bodenverhältnissen der betreffenden Gegend anzupassen. Die Folge ist also in Frankreich anders als in Deutschland, dort wieder anders als in Italien. Landesbrauch und örtliche Gegebenheiten bestimmen die Bilderwahl, so daß beispielsweise im Mai keineswegs überall das gleiche Monatsbild erscheint. Auch der Platz wechselt je nach den Erfordernissen. So weichen die Reliefs, am Straßburger Münster insofern von der Regel ab,- als sie hier an den Sockeln der großen Statue an einem der westlichen Eingangsportale austreten, und zwar in Gestalt von gotischen Vierpässen, die meist nur eine, höchstens zwei Figuren enthalten. Da sehen wir etwa im Januar einen Mann mit einem Januskopf, der sein Mahl verzehrt, der Februar wärmt sich am Kamin die Füße, der März beschneidet den Rebstock. Der April ist als ein Jüngling mit Blumen in den Händen dargestellt, während im Mai ein Ritter über Land reitet. Im Juni wird die Wiese, im Juli das Getreide gemäht. Der August drischt das Korn, der September kellert die Trauben, dem Oktober, der die junge Säat ausstreut, folgt der November als ein Mann, der damit beschäftigt ist, Holz von einem Baume zu brechen, während der Dezember das Schwein schlachtet und damit an den Januar anschließt, der es verzehrt. Fast ebenso häufig wie in der Bauplastik der großen Dome findet man die Monatsbilder in der gotischen Buchmalerei und gelegentlich, im Freiburger Münster etwa, in den Zyklen der Glasfenster. Sinn und Bedeutung dieser anmutigen Darstellungen aber sind immer die gleichen: Lobpreis der Schöpfung und des göttlichen Urwesens der Well, das in der Sonne ewig wirkt und schafft, sich in aller Erscheinung herrlich offenbart, feiner Geschöpfe sich freut und will, daß einem jedem fein tägliches Brot werde. Wo bist du, Sonne, blieben? Von Hans Sturm. „Wo bist du, Sonne, blieben?" fang Paul Gerhardt im Dreißigjährigen Kriege. „Wann wirst du wieder hoch im Mittag stehen?" lautete Dantes Frage, die er als „Allmutter über der Mutter (Rom) des Abendlandes" gepriesen hat. Es ist dieselbe Sonne, ob sie sich durch winterliche Nebel des Nordens ringt ober heiter über südlichen Breiten liegt, die Sonne der Edda, die Sonne Homers. Die Stunde des Sonnenaufgangs ist hier wie dort, damals wie heute ein Fest, doch — wer weiß um einen Sonnenaufgang! Petrarca sah einen solchen über der Ewigen Stabt. Auf stillen Pfaden schritt er durch die Nacht zum Monte Pincio; einige Sterne geleiteten ihn und ein winziger Mond. Er dachte nur eines: Auswärts! Da klang's plötzlich wie ein heller, froher Harfenton, wie der Beckenschlag eines Götterreigens, dann war es wie ferner Zimbelklang und darauf wie bas Ausschlagen von weinlaubumrankten Schilden, sie tauchte aus dem Gewölk auf, die Sonne, nein, sie war da, mit einemmal, und warf über alles ihren mächtigen Glanz wie blitzenden Segen, die ewig heitere Sonne Homers. Wundersam wandelt sich das Tagesgestirn in seinem Ausgang, nach ihm richten, mit ihm wandeln sich seine winzigen Geschöpfe. Schwer hebt sich die Sonne der Edda am kalten Nachthimmel hoch, um jeden Baum, jeden Fels, jeden Wolkensaum ringt fie; je mehr sich die Nachtalben chr entgegenftemmen, um so gewaltiger ist ihr endlicher Sieg über di« brodelnde Tiefe, von ihrer Höhe streut s e zwiefachen Glanz über die Welk. Aus Nacht und Dämmerung stieg sie empor, Nebel fielen von ihr ab, und nun strahlt sie hoch über der giftigen Brut aus Niflheim. Wie der Tag mit dem ersten Sonnenstrahl beginnt, so begann für unsere Borfahren bas Jahr um die Mitte der Wintersonnwendnacht, denn von da ab begann der Anstieg des „helfenden Lichts", von dem ste sagten: „Die Sonne scheint keinen Hunger ins Land!" Die Weisen unter ihnen wußten schöne „Lichtsprüche", die sich von Mund zu Mund forterbten: Du Volk aus der Tiefe, Du Volk aus der Nacht, Vergiß nicht des Lichtes, Bleib" auf der Wacht! Die Worte „Tiefe" und „Nacht" sind hier gleichbedeutend mit „Norden". Die vielen Bräuche zur Wintersonnwende sind alle ein hohes Bekenntnis unserer Altvorderen zu den waltenden Kräften der Natur; um ihr zu danken, veranstaltete man in vorchristlicher Zeit die „Winteropfer", von denen sich manches Ueberbleibfel bis in unsere Tage hinein erhallen konnte, natürlich nur mehr als Sinnbild. Das früher feierlich begangene Anbrennen des Mittwinterseuers soll den neuen Anstieg der Sonne versinnbildlichen und ihre wachstums- fördernde Kraft beuten. Jeber aus ber Gemeinbe mußte ein Holzscheit mit- bringen; aus den Scheitern würbe ein „Flammenberg" errichtet, auf dessen Spitze eine Strohpuppe stand, gefüllt mit allen das Wohl der Menschen störenden dämonischen Mächten. Dann setzten vier junge Burschen den Holzstoß an den vier „Windecken" in Brand. Sobald die Flammen aufloderten, entzündete jeder, der eigen Haus und Hof besaß, eine Strohfackel (Pechschwanz) an dem „Flammenberg", und nun begann der Fackellauf über die Felder, um die Ställe, um das Wohnhaus und schließlich um die Famille und das Gesinde; alles sollte so gefeit werden gegen Krankheit, Mißwuchs, Not und Tod. Am Ende wurde das sorgsam ausgelöschte Herdfeuer mit der Strohfackel wieder entfacht; war einem die Fackel vorher erloschen, so durfte er fie nur an der Fackel eines Nachbarn ober Verwandten wieder entzünd-n. Der Fackellauf war nicht nur eine Huldigung an die Allmutter Sonne, sondern gleichzeitig ein Bekenntnis zic brüderlicher Gemeinschaft. Waren die Fackeln abgebrannt, wurden sie aut dem Dorfanger auf einen Haufen geworfen und verbrannt; dazu sang der Spruchsprecher, indeß sich alle bei der Hand nahmen, den alten Spruch: Warum einzeln Verladern In dürftigem Brand? Fackeln zusammen! Hand in Handl Nach dem Abbrennen des Mittwinterfeuers versammelten sich die Teilnehmer zu Hause um den großen Tisch, aßen und tranken zu Ehren der „helfenden Lichtgötter" und begannen dann, aus der Asche und den verkohlten Ueberresten des „Feuerberges", den die vier Burschen gegen ein kleines Entgelt verteilten, allerlei für das kommende Jahr zu prophezeien; etwas Asche hob jeder auf, um sie in den künftigen Monaten als „Zaubersand" verwenden zu können gegen die „unsichtbaren Feinde der Sunna", wii> in alten Zaubersprüchen zu lesen ist. So sehnten sich auch unsere Ahnen nach dem neuen Lichte, und ihr Tun war nichts anderes, als was das D'chterwort sagt: Wo bist du, Sonne, blieben? Silvester in Schabernack. Bon Hermann Walter Kaden. Das Dorf Schabernack liegt einsam, von Feldern und Wäldern umgeben, in einer großen Talmulde. Keine Eisenbahn dringt dahin. Ein Fluß flieht an seinem Rande, doch trägt er weder Schffe noch Kähne, dazu ist er zu klein und ungestüm, — so kommt kein hauch aus der großen Welt in das kleine Nest, und die große Welt weiß nichts von ihm, und deshalb will ich etwas davon erzählen. Versteht sich, daß das Dors eine Kirche hat. Um sie herum scharen sich im Ring die Häuser, als hätten sie Angst, das Gotteshaus möchte davonlaufen, und sie müßten es deshalb mit ihrem steinernen Wall bewachen. Gärten und Felder liegen dazwischen, das Schulhaus, das Wirtshaus und das Gemeindeamt. Die Bewohner sind fleißig und aufgeweckt, lustig und listig, zu allerhand Streichen aufgelegt, und immer bereit, dem lieben Nachbarn ein Schnippchen zu schlagen. Daher der Name des Dorfes Schabernack. Viele sind mit dem schnurrigen Witz auf die Welt gekommen: der Bürgermeister der Lehrer, der Gastwirt, der Postbote, der Nachtwächter und mancher andere, ja, sogar Hochwürden der Herr Pfarrer wurde mit diesem prickelnden Wasser getauft, und wer die Gabe nicht von Natur aus besaß, der hat sie im Beisammensein mit den Schabernackern gelernt, und beherrscht sie so gut wie diese. Das Erfreuliche ist, sie tun sich mit ihren närrischen. Streichen nicht sonderlich weh, das macht, weil sie schon einen tüchtigen Puff vertragen können, und weil fie gewohnt sind, über jede Dummheit herzhaft zu lachen, auch wenn sie selbst die Gefoppten sind. Hunderte von lustigen Geschichten könnte ich über sie schreiben. Sie foppen und hänseln sich, wo sie nur können, und haben ihre diebische Freude daran. Ohne Ulk versauert das Leben, so sagen sie, und das ist zwar keine tiefe, aber eine hausbacken gesunde Weisheit. Dieses Jahr sind sowohl der Postbote als auch der Nachtwächter die bevorzugten Ziele der Schabernacker gewesen. Den Nachtwächter Schillripp haben sie zur Kirchweih erst mit Sauerkraut und Bier vollgefüllt und ihm dann die Hose ans Hemd genäht, ihm auch Mehl ins gewundene Horn getan, daß er nach dem Blasen aussah wie ein Gespenst. Und den Igel im Bett und die Gummibürste hat ihnen der Postbote Knall auch nicht vergessen. Für die Sllvesternacht haben sich nun die beiden einen Vergeltungsplan ausgedacht. Das ganze Dorf soll ihren Possen fühlen. Schulmeister und Küster werden eingeweiht. Sie sind aus Knalls und Schillrips Seite. Fraulich ist nur, ob diesmal der Pfarrer mittun wird. Der Küster äußert Bedenken. Aber da kommt das Glück zu Hilfe: Hochwürden wollen einige Tage bis zum Neujahr verreisen. Also stellt der Küster, wie ausgemacht, in der Nacht zwischen dem dreißigsten und einunddreißigsten Dezember die Kirchturmuhr um eine Stunde zurück — Am andern Morgen tritt der Postbote, der zugleich Gemeindediener ist, seinen Gang etwas später als gewöhnlich an. „ „Kommst heut recht spät, Knall", sagt der erste Bauer und schielt nach der Kuckucksuhr an der Stubenwand. „Spät?" ruft entrüstet Knall. „Rück deine Zwiebel z'recht, 's ist nicht zehn, 's ist erst neun Uhr in der Früh." „Die Uhr geht genau", streitet der Bauer. „Bist du blind, daß du die Turmuhr nimmer erkennst?" Der Bauer tritt ans Fenster und blinzelt in die verschneite Landschaft hinaus. „Meiner Seel", spricht er, „an der Kirchenuhr ist es erst neun." Zur Bekräftigung tut jetzt die Turmuhr neun gewaltige Schläge, „hol dich der Kuckuck mit deiner Kuckucksuhr!" höhnt der Postbote. Der Bauer geht mit starkem Schritt nach der Wand und dreht den Zeiger um eine Stunde zurück. — So geschieht es im Laufe des Tages in ganz Schabernack, dafür sorgen auch der Schulmeister und der Küster, und ein gut Teil der Dörfler hört schon am Kirchturmschlag, daß in seiner Uhr der Teufel sitzt, und dreht sie von selbst zurück. Darüber redet man nicht, und so errät niemand den schnurrigen Plan. Die Silvesternacht bricht an. Die Turmuhr schlägt Stunde um Stunde falsch, und der Nachtwächter Schillripp tutet zum Ueberfluß in sein Horn und singt mit rostiger Stimme: „härt ihr Leut und laßt euch sagen, die Glocke, die hat elf geschlaaen. Bewahrt das Feuer und das Licht, vergeht den alten Schillripp nicht? So tutet und singt er schon seit einer stattlichen Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. — Druck und Verla Reihe von Jahren, vollkommen unnötig, aber die Schabernacker lasse nicht gern von einer Gewohnheit, und wenn sie noch so unsinnig ist. heute lacht sich Schillripp eins ins Fäustchen, denn während die Uh elfmal schlägt und er elfmal tutet, ist es in Wirklichkeit schon Mitte: nacht, und das neue Jahr bricht an. Das wissen außer ihm nur Knal der Postbote, Mullm, der Lehrer, und Spitzbauch, der Küster. Er mein ihr Lachen von allen Seiten zu hören. Die Schabernacker vergessen den Endreim ihres Nachtwächters nichi Sie reichen ihm aus den Häusern Grog und Punsch, Stollen und Pfeffer kuchen, füllen seine Taschen mit Geld und Tabak und denken mit kein« Sttbe mehr an den Sauerkrautspaß und die ans Hemd genähte Hose. Schillripp stapft durch den Schnee, in der linken Hand die Laterne, in der rechten den mittelalterlichen Spieß. Er sieht aus, wie ein Geist aus der Ritterzeit. Katzen schreien vor den mondbeschienenen Giebeln un| sträuben vor ihm das Fell. Minute um Minute verrinnt. Die Schabernacker sehen erwartungsvol auf ihre Wanduhren: sie zeigen nahe auf zwölf. Die Fenster werde,! geöffnet, daß man den Schlag der Kirchturmuhr nicht überhöre, denn fu sind sehr gewissenhaft und halten auf Ordnung und Pünktlichkeit. Mittlerweile hebt droben im- Turm der Küster das Schlagwerk ach und dreht den Zeiger auf eins. Und nun schlägt es dröhnend durch die Nacht. Ein einziger Schlag Nichts weiter. Die Schabernacker haben die dampfenden Groggläser gefaßt, sie wolleq gerade mit vollen Lungen „Prosit Neujahr" schreien, da bleibt ihnen das Wort in den Kehlen stecken. Ein Schlag nur, ein einziger Schlag!? Was ist mit der Turmuhr los? Sie eilen an die Fenster, spähen nach dem Kirchturm hinauf. Er liegt im Mondenlicht. Klar hebt sich das Zifferblatt, vom Monde versilbert, aus grauem Gemäuer ab. Deutlich steht der klein« Zeiger auf der Eins, der große mitten auf der Zwölf. Ein Uhr also, da ist kein Zweifel. Aber an ihren Stubenuhren ist es grab Mitternacht. Sie rufen den Nachtwächter an. Der leuchtet sie mit der Laterne an, lacht, daß ihm die Kleider am Leibe schlottern. „Prost Bier und Sauerkraut!" ruft er laut. „Wißt ihr Dummköpfe denn nicht mehr, daß ihr bie Uhren um eine Stunde zurückgestellt habt? Nun ist das neue Jahr längsi- schon in Schabernack, und ihr Hosenannäher und Mehlhornfüller habt seinen Anfang verpaßt." Er lacht und stampft vor Vergnügen den Schnee, und wenn auch da» Licht seines Verstandes nicht mehr so klar schimmert wie das in feiner' Laterne, sondern vom vielen Grog- und Punschgenipp bedenklich flattert, — so viel sieht er doch, daß die verdutzten Schabernacker heimlich zur Türe gehn, — und er ahnt die Gefahr und rennt in den nächsten Torweg hin ein. Es ist das Haus des Färbers. Im Hofe stehen allerhand Fässer herum. Schillripp stolpert über ein solches Faß, schlägt mit der Wucht, feines Körpers auf ein anderes, drückt es zusammen, und fällt mit berat Kopf in eine klebrige, zähe Flüssigkeit. Durch den Fall wird der Färber aufmerksam und kommt in den Hof. Prustend und schüttelnd wischt Schillripp wieder zum Tore hinaus und sauft bie Straße hinab. Hinter ihm her rennen die Schabernacker. ,Lur Kirche", denkt Schillripps umnebelter Kopf, „zu Florian Spitz- bauch, dem Küster." Der hat den Lärm gehört und späht aus der Kirchturmluke heraus. _ „Laß Zwölfe schlagen, Florian, oder sie dreschen uns tot!" schreit Schillripp, saust um die Ecke, findet das Seitenpförtletn zur Kirche offen, durchquert das Schiff, sucht ein Versteck und sinkt taut schnaufend hinter einen schützenden Vorhang zu Boden. Und dann tut er, was wohl für einen Nachtwächter das allerschicklichste ist: er schläft wie ein Murmeltier. Die lustigen Schabernacker haben natürlich nicht im entferntesten daran gedacht, einen Menschen zu töten, oder auch nur ernsthaft zu prügeln — aber dem Küster stieg der Punsch gleichfalls zu Kopfe, und da er zu jenen gehörte, die Alkohol mutlos macht, und nicht zu den anderen, die im Rausch Berge versetzen, — jo Überfiel ihn bei Schillripps Verzweiflungsruf eine heillose Angst. Er dreht mit schnellem Schwung bie Zeiger der Uhr: es schlägt nacheinander zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Uhr. Die Schabernacker stehn auf dem Kirchplatz und gaffen zum Zifferblatt hinauf. Es dämmert in ihren Schädeln — sie laufen davon, um Schlag Mitternacht wieder zu Hause zu fein und bas Neujahr zu feiern. Doch wieder warten sie umsonst: der Küster überhastet sich, das Schlagwerk klemmt, bie Uhr bleibt auf Glock zehn stehn und rührt sich nicht mehr. — Am Neujahrsmorgen steht der Pfarrer auf der Kanzel und predigt seiner Gemeinde. Und als er gerade den Segen erteilt hat und feierliche Stille herrscht, gähnt und klirrt es Hinterm Altar, und eine Gestalt, laternen- und spießbewehrt schwankt in das Kirchenfchifs. Das Gesicht ist grasgrün lackiert. Wie das eines Laubfrosches. Erst ist bie Gemeinde verdutzt, bann aber erhebt sich ein heiteres Lachen, hell wie die Silberstimme der kleinen Orgel, nur stärker und brausender. Der Pfarrer verharrt noch mit heiligem Ernst, doch als er die geschnitzten Engel der Kanzel und die gemalten an Wänden und Fenstern sieht, ist ihm, als lachten auch sie. Da hält es ihn nicht, er nimmt einen Zipfel feiner Soutane an den Mund und kichert verstohlen hinein. Er ist ein Gottesmann, doch auch ein Mensch, dessen Herz, neben der ernsten, auch eine lustige Kammer hat. Und er denkt: der liebe Gott wird seinen Kindern darum nicht böse fein, weil wir in seinem Hause uns einmal aus volkkr Seele freun. Nicht nur den fröhlichen Geber, auch den fröhlichen Lacher hat unser Herrgott lieb. — Das war Silvester in Schabernack. Man hat es weder dem ins Lackfah gefallenen Nachtwächter Schillripp, noch feinen Kumpanen nach- getragen Kommt Zeit, kommt auch die Gelegenheit, denken die Schabernacker. Und des Nachtwächters Schrei ist zur stehenden Redensart geworben, wenn einer den anderen spaßhaft bedrohen will: „Laß Zwölfe schlagen, Florian, ober ich dresche dich tot." g: Brühlsche Unioerfitätsbruderei, R. Lange, Gießen «NI lilöh -por. > hti eint) räai N MS leridl innr fein* Mhl SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger «uni ————__.___=. Jahrgang (939 Zreitag, den (. Dezember Nummer 93 Die Hochzeitsreise Statt Siska recht zu geben, wurde Roosje vor Wut ganz blaß. »WiE schrie sie. ..du. die ich im Schweiße meines Angesichtes »iel zutraulicher. iingen alle etwas tief. Leierkästen und einige lärmende R Gassenhauer gröhlten, störten das der Natur dargebracht, hit dem die armen Leute auf den Flügeln des Gesänge esanges ihren Gefühlen Lauf ließen. ____ cm 6 8 L 9 £ £ Liebe für das zu Kbre». der fe « ft in r i(i erst ii)Ieir, ieeiiw itnM liebte, gegen Roosje zu verteidigen. meinte sie schüchtern, „sie wird sehr traurig sein, wenn sie i ihr, daß sie Sie nicht besuchen :te, die sie liebte, gegen Roosje zu verteidigen. Ra rAi"i4s^At>w ItA »MtrS , hicuuv jic. ju/uu;ivm, r/|iv wn erfährt ... Gewiß, es ist nicht recht von iv., — „ ...---- , . . , mt ... Aber schließlich, sie ist doch ganz jung verheiratet ... 3d) hab s «en ja erzählt: Als ich jung verheiratet war, ging ich nur zu meiner beit und konnte es nie erwarten, meinen Mann wiederzusehen. Aber tzdem muß ich zugeben, daß Frau Margarete .. »Frau I?" unterbrach Roosje Siskas Erklärung. Entschuldigen Sie, Fräulein Orietje; trotzdem muß ich zugeben, sie recht hartherzig zu Ihnen ist" .Nicht wahr?" »3a, recht hartherzig, Baesin. In dem Gefühle, sein Kind würde die Fehler und Vorzüge in Mutter erben, verfolgt« er, wie sich Margaretens Geist im Verhältn lung Gl i* es, ! । m 'erbe, ch°I!< *. ml. ilioiti W • - - . • —/ — — —■ Angesichtes er- osne|ZX raus diese Nahrung bestand: in der Woche v m Sonntag mit einigen Gramm gekochten ionat zehn Franken an deine Eltern schickst, i>e ..." — Die verdiene ich schwer genug, igft es, Grietje schlechtzumachen!? Ich kann aber nicht d u, du Tellerspülerin." >inBen, Sie und Ihre Teller. Sie haben kein rei' roer wäscht, näht und bügelt, holt alles Hutter? Bin ich das nicht? Und Sie werfen ,ten vor' ble ich verdiene; woanders kann undzwanzig haben, wenn ich wollte. Dafür -X/iwX — Sie streifte ihre Aermel hoch: „Wenn ,. . , . r- Sr wcm auch, was sie leisten können. Wenn bei Ihnen bleibe, obwohl Sie mich wie einen Hund behandeln bann tue ich es nur, weil Sie gut zu Frau Margarete waren. Das' beweist daß Sie hier etwas haben." Siska zeigte auf ihr Herz. „Sonst, bas erkläre ich Ihnen ganz offen: Regt voor de vuist, Recht gebt vor Gewalt, sonst ließe ich Sie ohne weiteres sitzen." Unb damit drehte sie Roosje den Rücken zu und legte in ihrer Anfügung eine Schaufel Kohlen auf die Kartoffeln. Als sie sich bann wieder 9too5je zuwandte bemerkte sie in ihrer Verwirrung nicht die langsam auf den Tifch fallenden dicken Tränen der alten Frau. 9 , "Swka!" sagte sie, „geh fort, wenn du willst, laß die arme, alte Mutter ohne Kind allein. Laß mich sterben, laß mich verrecken! Wozu ist man nod; nutze, wenn man alt ist? Liebe nur Fra—a—u Margarete, recht so! ülber mich ... Weil meine Tochter mich verläßt, weil alles mich verläßt mußt du mich eben auch verlassen!" Siska meinte. „Baesin, Herrin, seien Sie nicht traurig. Ich liebe Sie auch, glauben Sie mir. Alles, was ich gesagt habe, war nur im Zorn gesagt." Sie fiel Roosje um den Hals, und Roosjes Tränen wurden Freuden- tränen, weil sie nicht mehr allein auf der Welt war. Sie beschlossen nun, in aller Stille auszuziehen und die Gardinen an den Fenstern zu lassen, bis sie anderwärts eine neue Wohnung gefunden haben würden; sie schworen, nie den Fuß über die Schwelle dieses Lumpendoktors" zu setzen, der für sich allein die ganze Liebe, alle Gedanken Znetjes in Anspruch nahm, Grietjes, jetzt die so leicht vergeßliche Fra—a—u Margarete. W.