Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1959 Hreitag, den. 29. September Nummer 75 Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heilerer Roman von Kurt Heynicke Copyright by Deutsche Verlags-Anstglt Stuttgart 10. Fortsetzung. „Seltsam", zögert Baernburg, „aber den Inhalt des Briefes kennen Sie doch?" „Ich pflege mir anvertraute Brief« nicht zu öffnen!" erwidert Zinn stolz. Der Hauptmann. überhört die Anzüglichkeit und lächelt. In seinem Lächeln wird ihr stummer Zorn zu Staub. Er reißt den Umschlag auf: „Sie sagen. Sie haben keine Ahnung Mn feinem Inhalt?" „Nein. Ich bin nicht neugierig", versetzt sie, erbittert über das Berhör. „Aber ich", meint Baernburg und liest: „Mein teurer Armand! Falls die Deutschen, was der Himmel ver- ’üten möge, etwa Calais besetzen sollten und wir einander keine Nach- 'icht geben können, sende bitte alle Nachrichten über die Insel Guernsey, >iso über England. Heber diesen Postweg hat der Feind bestimmt keine Nacht. Herr Lubin wird über unseren Aufenthalt immer unterrichtet ein. Dies in Eile, bevor die Deutschen kommen! Charles." Baernburg läßt den Brief auf den Tisch fallen. „Was für Nachrichten lallen über Guernsey geschickt werden, Miß Moreland?" „Das weiß ich doch nicht!" „Nicht?" „Hätte ich es nötig, einen Brief mitzunehmen, wenn mir der Emp- iänger bekannt wäre? Dann könnte ich ihm ja alles mündlich sagen!" „Unverdächtige Worte, friedlich wie ein Familienbild! Aber können Sie Worte nicht, wenn der Empfänger den Schlüssel dazu hat, etwas Mz anderes bedeuten?" Die Feder des Schreibers Adamaux knirscht über das Papier. Er schreibt irgendeine Liste, die der Ma,re ihm ausgegeben hat. Baernburg entdeckt ein zweites Papier: „Noten", sagt er. „Ein Lied! Ein Geschenk meines Gesanglehrers!" Baernburg liest auch den Brief Spamantes. Dann sagt er: „Es kann einer solchen Lage alles verdächtig sein, auch die Noten! Ja diese perlt! Weil sie am unverdächtigsten aussehen! Welcher Mittel bedient Ich Spionage nicht?" Das Kratzen der Feder des Schreibers Adamaux gleicht dem Nagen enes Insekts, es ist der einzige Laut in einem kalten gefährlichen Schwei- !?n. Plötzlich sagt der Maire feierlich: „Ich bürge für Miß Moreland. Kiß Moreland steht mir nahe." Ann macht eine unsichere Bewegung nach ihm hin. Sie fühlt, er will (in Opfer bringen, sie muß es zurückweifen. . Der Hauptmann verspürt Lust, sich in das durchschaute «piel zu bischen: „Steht Ihnen Herr Labatut in der Tat so nahe? Wie nahe kenn?" in ich Ann will weder den Maire verletzen, noch will sie Empfindungen Kucheln, die sie nicht hat. So schweigt sie. , Schade, daß sie ein Weib ist. Männer können, wenn ihnen unbehag- ist, losbrüllen und dazwischenschlagen, höhnen und spotten, ohne in kn Berdacht zu geraten, verworfen zu fein. Aber da holt Labatut nach, was er versäumt hat: ... - Miß Moreland, ich habe gestern abend nicht sagen können, was ich i hle. Ich weiß, das Gewicht meiner Worte ist nicht geringer, wenn :ch w, vor so strengen und ernsten Zeugen Sie bitte, meine Frau zu Herben!" Er verläßt seinen Platz nicht, aber er verneigt sich vor Ann. Dann W er zu Baernburg: „Sie werden daraus erkennen, daß ich Miß «oreland für unverdächtig halte, und daß ich bereit bin, mem Schicksal 11 oos ihre zu binden, und daß ich mit meinem Leben bürge! Der Hauptmann blickt aber auf Ann Moreland: und da Ann in ®riem Gefühl, das zwischen Lachen und Weinen verwirrend schwankt, nchts tun kann als schweigen, weiß auch er nicht, was er jagen joll. „ Schließlich meint er nicht ohne Humor? „Wenn mich nicht alles tauscht, > mes ein Heiratsantrag?" „ k „Da steht Ann Moreland und weiß nicht ein und aus. Aus der kühle "Alischen Welt kommt kein Hauch herüber, um Labatus Liebesfeuer em schlafen zu lassen. Aus ihrer Umgebung.in die Fremde gefallen, ist Ann nur ein Weib, allein, auf Reifen, was nicht für schicklich und sogar für gefährlich gilt. Ratlosigkeit und Verwirrung stürzen auf sie ein. Gestern streifte das schlafende Herz em Zauberhauch wie ein erster Falter im Frühling eine Blume, aber der Falter ist verschwunden, ein Schmetterlingflug macht keinen Frühling und ein Augenblitz und ein Zucken des Herzens keine Liebe. Welch ein Gedanke, Königin von Mereville zu werden! Sie möchte gern ein Lachen herbeirufen, aber es erstickt in dem Gedanken, daß ein braver Mann aus Neigung und Sorge wirbt, um einen Schatten aus ihrem Leben zu scheuchen. Allein der Schatten wird nicht ewig drücken. Labatut meint es gut, aber wie kann sie, ohne ihn zu verletzen, nein sagen? Hnd wohin nach diesem Nein? Daß sie nicht mehr hierbleiben kann, erscheint gewiß. Da kommt ihr der Offizier, der ihr langes Schweigen mit gutem Grund und einem sicheren Gefühl versteht, zu Hilfe. Er sagt: „Nun, dieser Antrag ist eine Angelegenheit zwischen Ihnen und Herrn Labatut, ich lohne es ab, ihn als einen Beweis für Schuld ober Nicht- schuld zu nehmen. Auch ist von diesen Dingen hier keine Rede, es ist mei.neA Amtes, einen Verdacht zu hegen, aber keineswegs darf ich anklagen. Darum will ich an das Oberkommando berichten, das mag entscheiden, was weiter geschehen soll." Labatut wischt sich über die Stirn, das seidene Tuch (er hatte es aus Paris imtgebracht) ist nah von Schweiß, oh, feine Seele ist bewegt. „Sie haben daher", sagt Baernburg- zu Ann Moreland, „Stuben- arre|t in der Mairie. Ich nehme die Bürgschaft des Herrn Maire für Ihr Bleiben an!" Sv geschieht, was sie nicht wünscht: Sie muß in Mereville bleiben. Labatut ist mutig gewesen, dieses Zeugnis kann er sich ausstellen. Nein, er hat keineswegs die Lage ausgenutzt, in die Ann gekommen ist. er hat versucht, sie zu erleichtern. Ein wenig Egoismus ist dabei, gewiß. Er wird trotzdem nicht auf eine Antwort drängen. Er hofft insgeheim, daß das Gefühl der Hilflosigkeit Ann unteriodjen wird. Dieses Joch wird seine Kraft werden. Ann muß seine Hilfe suchen. Die Hilfe aber ist die Nußschale, in welcher der süße Kern der Liebe steckt. Baernburg gibt der Ordonnanz einen Wink. Der Soldat trägt die Tasche auf Anns Zimmer. „Es kann eine Woche dauern, bis das Oberkommando entscheidet", sagt Baernburg. Und dann strahlen um seine Augen und Lippen heitere Fältchen: „Da haben Sie Zeit genug, einen ehrenvollen Antrag zu erwägen!" Das sagt er lächelnd und in einem ganz andern Ton« als bisher. Sie wundert sich darüber. Als Ann die Treppe hinaufgeht, steht sie die Griselle zum ersten Male Die Griselle schneuzt sich unanständig. Sie fühlt sich im Käfig und blickt von unten her wie ein Tier, das den Gittern zürnt. Jetzt ruft man sie auf. Weidlich gibt seinen Bericht, die Beschreibung entfaltet den Vorfall nüchtern und ohne den Humor, der zwischen Gans und Tornister- wurs gelächelt hat. Hebrig bleibt die strenge Beschuldigung, den Besatzungstruppen ordinären Widerstand geleistet zu haben. „Ist Ihnen die Perion bekannt?" fragt Baernburg den Maire. „Es ist Germaine Griselle, Wirtschafterin, zugezogen aus Vignelles für wer, jetzt beim Rentner Boauvifage" antwortet Labatut. „Wo ist Beauvisage?" Labatut hebt die Schultern. Er weiß es nicht. Er wünscht im stillen, Beauoisage zu sein, dann wäre er weit weg von Mereville. „Du könntest mir ruhig helfen, Labatut", sagt die Griselle plötzlich. Der Maire fährt zusammen, macht ein saures Gesicht und schielt auf Adamaux. Adamaux ist vielleicht das Gehör von Mereville. Wie leicht könnte di« lose Zunge der Griselle auf solchen Umwegen ßabaluts Schande durch Mereville läuten. Aber Adamaux scheint nichts zu hören. Er sieht unbeteiligt aus wie der abnehmende Mond. Vielleicht ist es auch Ergebenheit, die er durch feine Teilnahmlostgkeit ausdrückt. Baernburg horcht vergüngt auf. Ei sieh, zwischen welchen Klippen bewegt sich das Oberhaupt von Mereville gleich einem armen Schifflein im Sturm der Liebe! Von Griselle zu Ann Moreland! Es ist «in Casanova, dieser Herr Labatut. Germaine aber fährt, von keiner Mäßigung gesegnet, hitzig fort: .Läßt man so feine alten Freunde im Stich, Labatut?" Der Schreiber hustet. Die Feder zittert und macht einen Tintenklecks. ßabatut fegt es so aus, daß Adamaux das VerhaNen der Grffelke NöS Herzensgrund mißbilligt. „Verteidige mich, Maurice!" hetzt die Griselle. „Schweigen Sie!" ruft der gequälte Laba tut. Aber fein Rus klingt blechern wie der Ton einer verstopften Trompete. „Sie stehen miteinander aus vertrautem Fuße?" fragte Baernburg den Maire und denkt sich das seine. „Die Griselle war einmal, bevor sie bei Beauvisage in Stellung ging, acht Wochen in meinem Hause." Er ergänzt: „Meine Wirtschafterin pflegte in dieser Zeit ihre kranke Schwester in Amiens." Germaine fühlt sich weniger befangen, sie gerät ins Plaudern: „Ach, die Männer, alle sind sie gleich, nicht nur, daß man das Haus sauber hält und ihnen die Frau im Hause ersetzt — möchten sie auch noch —" „Genug!" sagte der Hauptmann. Aber sein Wort lacht. Germaine schiebt einen scheuen Blick zu dem Offizier hinüber, um an seinen Mienen zu erkennen, wie das Wetter steht. * Aber die Strenge sitzt wieder fest in Baernburgs Mienen. Germaine fühlt, daß jetzt ein Blitz niederbrechen wird. „Sie haben deutsche Soldaten aus dem Hause gewiesen!?" Die Griselle stößt eine etfi'ge Gebärde in die Luft und will etwas sagen. Aber die Rede wird ihr schon im Anfang weggenommen, denn Baernburg vollendet: „Sie sind also eigentlich ortsfremd, und Ihr Herr ist geslohen, nun, wie wäre es, wenn auch Sie das Haus verlassen, in dem Sie deutsche Soldaten ungern sehen, wie wäre es, wenn Sie überhaupt aus Mereville verschwänden?" „Es war die Gans, die Gans brachte mich auf", zetert die Griselle, aber der Hauptmann sagt bereits der Ordonnanz, die das Protokoll der Verhandlung führt, in die Feder: „Germaine Griselle aus Bignelles sur mer, Wirtschafterin, wird auf Befehl des unterzeichneten Ortskommandanten aus Mereville ausgewiesen wegen unflätigen Benehmens gegen die Besatzungstruppen und in der Richtung ihres Heimatortes abgeschoben. Alle militärischen Stellen werden ersucht, diesem Transport ihren Beistand zu gewähren, damit die Griselle schleunigst aus dem Üperativns- und Etappengebiet entfernt wird." Baernburg blickt auf den in armseliger Versunkenheit verharrenden ßabatut, bevor er nachdenklich hinzufügt: „Die Griselle ist eines leichten Lebenswandels verdächtig. Begleitmannschaften sollen jedes Gespräch mit der Genannten vermeiden! Sie ist keinen Augenblick ohne Aussicht zu lassen!" „ Dann überlieft der Hauptmann den Bogen, den ihm die Ordonnanz reicht, nickt zufrieden, als hätte er seine eigene Beförderung in der Hand, und unterschreibt. Er hat ein wahrhaft weises Urteil gefällt. „Oder", wendet er sich an den Maire, .wollen Sie auch hier mit Leib und Leben bürgen?" ßabatut macht ein Jammergesicht. Die süße Vergangenheit hat Schimmel angesetzt, di,e Erinnerung schmeckt nicht mehr. Roch ahnt die Griselle nicht, was ihr bevorsteht. Mit Vergnügen übersetzt Baernburg dem Maire die Urkunde und befiehlt ihm, die aufsässige Magd zu unterrichten. ßabatut gehorcht, er spricht bedrückt und leise, denn er erwartet Hohn, Spott und Frechheit. Die Griselle aber scheint bereits zerschmettert, ihr freches Gesicht ist gelöst und mild. Sie sieht mit gesenkter Stirn von unten her auf die Runde wie am Anfang und bewegt den Körper, als stände sie im Regen und empfinde die Kälte der rieselnden Tropfen. Baernburg läßt ihr noch sagen, daß sie geringes Gepäck mitführen dürfe und sich gegen fünf Uhr früh auf dem Place b’armes einzufinden habe. Denn im Morgengrauen, lange vor dem Tag, muß die Feldpost von Beauvillers durch Mereville kommen. Mit diesem Fuhrwerk soll die Griselle weitergeschickt werden. „Sie sorgen dafür, Unteroffizier Weidlich!" Der Quartierältefte des Hauses Beauvisage erinnert gehorsamst daran, daß er Wachdienst in der Mairie hat. „Um so besser! Eine Abschrift des Ausweisungsbefehls bekommt die Griselle mit. Achten Sie daraus, wenn sie die Postkutsche besteigt, und schärsem Sie dem begleitenden ßandwehrmann ein, sich mit der Person so wenig wie möglich abzugeben." Weidlich reißt die Hände an die Hosennaht. Auf einmal bemitleidet er die Magd. Aber es ist zu spät, ein Herz zu haben. Die rauhe Stimme muh sich erfüllen. Ungewißheit erzeugt Unruhe. Unruhe verwandelt die Welt. Sie stellt das Weltgebäude auf Gegensätze: Rosenrot und Tiefschwarz. Diese Mischung ist einer ruhigen Seelenstimmung verderblich. Niemand kann Unruhe geruhig im Lehnstuhl ertragen, man will fliehen: irgendwohin. Theophil vermochte aber den Raum, den er einnahm, nicht zu verwandeln, das schräge Dach, die unverputzte Wand öffnete sich keinem Willen, keinem Zauberspruch. Er konnte nicht einmal in seinem Käsig umherlaufen, denn die Bodendecke war niedrig. Anfänglich hatte er geglaubt, daß Germaine ihn mied, um seinen Aufenthalt nicht zu verraten. Aber wie lange sollte diese Verborgenheit anhalten? Gewiß hatte nur ein glücklicher Zufall den einen oder anderen Quartiergaft verhindert, sich einmal den Boden anzusehen. Als aber Germaine immer langer fortblieb, wurde Theophils Gemüt wie ein Kessel, in dem Wasser kocht und dessen Dampf nicht entweichen kann Unterdes war aber die Griselle in das Haus zurückgekehrt. Sie schlich auf Zehen, ja sie preßte die Lippen auseinander, als hätte sie Angst, daß ihr Zorn sie noch einmal in bittere Gefahr bringen könnte. Sie ging so leise, daß die Soldaten sie nicht hörten. Sie holte eine Laterne, stapfte lautlos auf den Boden und stolperte in Theophils Verschlag. Langsam, als mache es ihr Mühe, alles zu begreifen, mit einer Schwere, die den sonst wenig gefühlvollen Poiporence peinigte, erzählte sie. „GdjroefneretT* fagte er. „Du konntest -Ich gar nicht dümmer le. nehmen." Sie blickte ihn mit runden Augen an, wie eine Kuh, die ben J ■ Fleischhacker vorübergehen sieht und ihr Ende ahnt. „3a, ja", büfleite • Theophil und dachte daran, daß Vorwürfe nichts änderten. „Gutes, dummes Herz", sagte er und tätschelte sie zärtlich. Sie hatte Brot mitgebracht und griff nach dem Himmel dieses Dm j chlags und holle einen Stern herunter. Der Himmel waren aber bie \ Dachsparren und der Stern eine Wurst. „Ich geh' nicht weg, ich geh' nicht weg!" brach es plötzlich aus ihr.! Sie warf sich verzweifelt an Theophils Hals. „Wirft müssen, liebe Seele, die Deutschen lassen nicht mit sich spaßen', H bemerkte er sanft. „ßabatut, dieser Feigling, hat mich im Stich gelassen!" „Sei ihm nicht bös, gegen die Deutschen ist er ein ßäuschen", ml widerte Theophil und begann im Schein der ßaterne Wurst und $iot! zu schneiden. I Seine Ruhe, sein gleichmäßiges Kauen, seine stumpfe und friedlich« s Glückseligkeit empörten Germaine. Aber Poiporence schien zunächst von aller Unbehaglichkeit erlöst. Seim I Gedanken hatten sich noch nicht der Zukunst zugewandt. Er war ein: langsamer Denker. „Friß nur, friß", sagte sie grob und verärgert, „lange wirst »u nicht mehr essen!" „Bis an mein seliges Ende werde ich das, Geliebte", grinste er unb | fügte hinzu: „Ob freilich immer so fett — weiß ich nicht!" senkst du nicht daran, was aus dir werden soll, wenn ich smt I muß?" Poiporence streckte sich auf dem Strohsack aus. Er sah in die Dach I jparren, auf die Würste und Speckseiten. Er glitt wie im Traum an | ihnen vorbei, feine Gedanken liefen aus der Stadt hinaus ins Weile, I Graue. „3ch werde deine Kleider anziehen und statt deiner verschwinden!" i phantasierte er. Sie sah auf die blaue Haut seines Kinns. Es war so männlich unb I bärtig, daß er auch nach der Rasur kein Weib vorzutäuschen vermoch!« I „Dieser ßabatut", begann Theophil von neuem, „irre ich mich nicht I hast du einmal etwas mit ihm gehabt — machte er dir kein heimliches I Zeichen? Vielleicht konnte er in Gegenwart des Offiziers nicht fo fpre= I chen, wie er wollte?" „Ein heimliches Zeichen? Richt, daß ich wüßte!" „Du bist eine Patriotin! Er muß dir helfen, verstehst du? Reim I ihn vor ganz Mereville einen Verräter, wenn er dich im Stich läß li' I Wenn ich ihn nur nicht beschimpft hätte! dachte sie, aber Theophil I aufmunternde Worte kräftigten ihr Herz. Und plötzlich küßte sie den Geliebten und schlich aus dem Hause. I Die Straßen waren still. Die Sterne träumten am Himmel so h:ll I wie in einem Kindermärchen. Sie wußte einen Nebeneingang in die Mairie. Die Tür war off m, I Germaine schickte ein stoßseufzerifches „Gott sei Dank" zum Himni:!. I Von der Straße her klapperte der Schritt des Wachtpostens. Die Griselle kannte den Weg in ßabatuts. Schlafzimmer genau. Sie I zog die Schuhe aus, auf Strümpfen huschte sie hinauf. Einmal knarck I die Stiege. An dieser Stelle, erinnerte sie sich, hatte sie immer getnarrtl Sie zog die Klinke nieder, öffnete leise und unterdrückte einen Schrei. I Ein Kerzenstümpfchen nährte zitternd eine Flamme. 3n «rtennbaie: Ordnung waren soldatische Kleidungsstücke im Zimmer verteilt. Auf M I Bett aber lag der Hauptmann, halb entkleidet. Es schien, als sei « mitten im Auskleiden, von unsagbarer Müdigkeit befallen, daran hindert gewesen, sich ordentlich zur Ruhe zu legen. • Sie stand angewurzelt wie ein Baum. || Sie sah nach dem ichlafenden Mann hinüber, aber es hatte nw keinen Zweck, ihm zu Füßen zu sinken und ihn um Gnade zu bitter Denn die Menschen sind mit Recht ungehalten, wenn man sie aus beit Schlaf reißt. Bösere Gedanken tarnen der Griselle nicht. Darum wandte st« ll® still ab und ging davon. Vielleicht wohnte Maurice ßabatut jetzt in Fremdenzimmer? Die Griselle hatte ihre Schuhe unter den Arm geklemmt, aber Aufregung machte di« Ellenbogen zittern und sie verlor eines der tjarttf« Bekleidungsstücke. Das Poltern hob die große Stille des Hauses aus-, Weg, nur weg vom Treppenhaus! Dort war das Fremdenzimnm Wie gut, daß sie hier einmal acht Wochen zu Hause, ach wie sehr P Hause gewesen war! « II Als sie die Augen hob, um sich zurechtzufinden, sah sie ein« Gestnii angekleidet am Fenster sitzen. i „Verzeihung!" sagte die Griselle. Die Straßenlaterne vor dem fW schickte genügend ßicht herein. Germaine Griselle erkannte di« Frau, «« der Hauptmann verhört hatte. I „Ich suche ßabatut", sagte sie, „und ich möchte ihn sprechen. Ich b5 Germaine Griselle, seine srühere Wirtschafterin!" „Sie sind also die Griselle", erwiderte Ann Moreland. „Er hat erzählt, daß Sie ausgewiesen find!" „Ich geh' aber nicht raus! Ich geh' nicht weg von hier!" zischt« 0,1,11 maine. Und bann geschah etwas Seltsames: der Griselle kamen die Tran«e Sie sank aus die Bettkante, drückte durch ihr Gewicht di« Kissen ein »'.» meinte wie eine Frau, die in tiefer Not ist. Ann Moreland nahm ihre Hand und sagte: „Erzählen Sie!" Wie wohl das tat, endlich einmal zu einer Frau sprechen zu könn«a die keine geschwätzige Nachbarin, keine mannsneidische Mitmagd w' Es war so schon, als wenn man dem lieben Gott selber etwas erzayu^ „Vielleicht kann ich Ihnen helfen", sagte die Engländerin. Sie v> besserte sich aber sogleich und meinte betont: „Ich will lagen, welle- j kann ich uns beiden Helsen!" (Fortsetzung folgt.) Gesang der Bauern. Von Herbert Böhme. Sind wir nicht alle Bauern des Lebens, graben die Saat in den irdenen Schoß, und schritten dennoch alle vergebens, einte uns nicht ein gemeinsames Los: Gäben die Väter uns nicht ihre Spuren, fuhren die Wagen der Ahnen nicht aus, würde die Ernte nur Spreu sein, und Suren tönten wohl um ein geborstenes Haus. Sind wir nicht alle Säer und Saaten, Säer auf unserem erdenen Feld, Saat eines Blutes aber und Taten, eines Glaubens in dieser Welt. Wie wir über die Aecker schreiten, Gott mißt die Spuren hinter uns ab, wird uns selber zur Ernte bereiten oder dem schlechten Sämann das Grab. Sind wir nicht alle nur Zeit in Gezeitei tragen erntend uns selber zur Mahd, doch es ruft uns aus Ewigkeiten: . Bauer, bist du Spreu oder Saat. Bauer, mähst du den Anger des Lebens, mähst im Geheimen du dich und ihn. Und du standest dem Tod nicht vergebens, wird noch dein Acker den Enkeln erblühn. Oie ewige Stimme der Erde. Von Hermann Stehr. <15 Gestalt ob wurde fugend in kr Sonne Werte wie tollten, um to Wellen Das Licht war von der Wimper des Ewigen geglitten, und nach der tugen, langen Finsternis wandelte die Erde in der Schönheit der Sonne iikch den Raum. Die frohe Erde genoß ihr junges Glück, und der Um- hg ihrer Seligkeit wuchs und baute sich als leuchtender blauer Kreis t die Unendlichkeit des Weltalls. Als Gott der Herr das sah, sagte er ■t sich: „Siehe, nun hat auch die Erde ihren Himmel!" — Die sreund- tdjen Gedanken des Ewigen sanken zur Erde nieder, und die willige icholle schuf daraus die zarten Leiber der kleinen Pflanzen, die ihre Hütter um sich ausbreiteten und dann ihr buntes Gesicht zum Himmel xndeten, Gott entgegen, ohne zu ermüden, solange über die Sonne nicht l< Nacht des Schlafes kam. Wenn aber das Dämmern immer dichter lis Licht verhüllte, so legten sie ihre Köpfchen aus die Blätter und i-arteten geduldig, bis das Auge der Sonne wieder aufging. Darauf i: gönnen sie von neuem ihren stummen Dienst. Sie erhoben ihre Blätter, !e süß und weich waren wie die Händchen winziger Kinder, und wenn i? ihr Gesicht wendeten, so erbebte ihr Leib in großer Freude. Aber nichts hatte eine Stimme auf der ganzen, weiten Gotteserde. Sie der glühende Traum einer stillen Seele rann Tag und Nacht von n Bergen. Die Wasser reihten lautlos Welle an Welle. Regungslos hing lis schimmernde Tuch der Luft über der Erde, und selbst das Gewölk ls Himmels wandelte geräuschlos seine Farben und schlupfte stumm in Gestalt. Das dauerte Tag um Tag und Nacht um Nacht nicht anders. Der Atem der Erde geriet ins Stocken und lag ihrem geheimen Munde. Die Hitze der Luft stieg, das Auge rötete sich an feiner eigenen Glut. Das Gewölk am fymmel im Fieber, und wenn die Pflanzen ihre Blätter in die Waffer sie zu kühlen, wurden sie schwarz und verwelkten; denn auch ______ waren warm geworden und gingen ihren Weg mit glasig- ixen Armen. , „Die Erde leidet an ihrer Inbrunst", sagte nachdenklich die ewige loriidjt zu sich. „Ich will ihr eine Stimme geben, daß sie sich nenne £ne soll entzweit (ein in sich. Ihre Seele gehe einher zwischen dem Rus $ 5 Mundes und ihrem Wesen immerdar!" „ . . Also sprach der Herrgott, der sah, daß fein Frieden auf Erden eine Iranüjeit geworden war, erhob sich von feinem Sitze, sank auf die Kraft liner Flügel und eilte durch das Weltall. Der Donner seiner Schwing ' füllte den Raum, und die Säulen des Seins bebten. Die Welten Werten bei seinem Vorüberslug wie Küchlein unter dem Gefieder des Ablers . Als die Fittiche des Ewigen über die Erde hinftrichen, rüttelte er sie, M eine Deckfeder sich daraus löste. Sie >ank hernieder "vd bohrte sich unten mit ihrer Spitze in den Boden, der den Abhang eines Berges deckte. Wurzeln liefen alsbald von ihr, und das Land^trantte fie mit hnen Säften, die darin auf und nieder fliegen und ihre 8orm roanbelten '°ch den Gesetzen der Erde. Ihr schimmernder Schaft wurde ew Stamm tort wie Stein und rissig anzusehen gleich den Felsen. ÄhreFahne: ober '-rwandelte sich in ein grünes Gefieder. Das hob und s°utte sich an ' »send Besten und Zweigen. Ehe sich dreimal der Morgen erneu hatte das Rauschen heimisch geworden auf der Erde d e Ü-chm n ihre ^ele ergoß, die sonst stumm in den Tiefen gelegen fjatte J ten Kummer, ihr Lachen und ihre schwere Weisheit, und allemal wenn tos Rauschen feine grünen Schwingen rührte, klang es, al f ch 'Eiche des Unnennbaren vorüber. h ih j. Nun war der erste Baum erschaffen, und die Luft fta 9 J ujrtjte erstaunt, was seine grünen Zungen redeten. S , . „„ JlJen Zeit schon wie heute, sehr schwatzhaft und Normte ch galten. Nachdem fie eine Weile schweigend zugehort hatte, bei bM 4 mit soviel Rauschen, als sie zu tragen imstande war und ei te davon m ihren leiblichen Schwestern, den Wolken, zu melLen was ch Neues ' °>Snet hatte. Die standen fernab am Himmel in lautwier Dtage. ... Die Luft stieg immer höher. Als das Rauschen die«Wett n des^ Welt ,Us lullte, dehnte es sich zu einem großen Brausen und war kaum mey zu bändigen. Die Wolken konnten ein Bangen nicht bemelstern, ihr Herz pochte so gewaltig, daß sie am ganzen Leibe zitterten. Endlich wurden sie ganz grau vor Schrecken und slohen am Himmel dahin. Die Lust schrie ihnen aus Leibeskräften zu, sich doch nicht zu fürchten. Die Wolken aber wollten nicht hören, sondern eilten ohne Umsehen weiter fort. Der Schweiß troff nur so von ihnen und fiel in großen Tropfen zur Erde. Zuletzt konnten sie nicht mehr, lagen erschlagen und fielen daraus erschöpft ganz hinter die Berge. Die Luft hatte unterdes das Rauschen auch verloren. Sie ließ sich mißmutig in die Ebene nieder. Nach einigem Brüten aber raffte sie sich auf und war heiterer als sonst, denn sie hatte eine gar leichte Seele. Während sie hin und her ging, probierte sie, ob das Rauschen nachzumachen sei. Allein, so sehr sie sich auch zusammennahm, sie brachte nichts heraus,, als einen langen, verschwommenen Ton. Der flog nur weniges über die blauen Blumen des Ginsters. Außer den kleinen Blüten des Ginsters vernahm ihn nur noch die Sonne mit ihren allgegenwärtigen Strahlen. Sie wurde von dem eintönigen Summen der Erde fo müde, daß fie vergaß, die Dämmerung von ihren Augen zu verscheuchen und vorzeitig einschlief. Der Gesang der Luft ging auch gemach in ein traumhaftes Lallen über. Die kleinen Pflanzen falteten ihre Blättchen, die weich und süß waren wie winzige Händchen kleiner Kinder, neigten das bunte Köpfchen zur Seite und schlummerten auch ein. Da war es wieder Nacht, und der blaue Himmel wachte allein, hoch und still. Die Erde aber redete ununterbrochen mit dem grünen Rauschen, das ihr Gott geschenkt hatte. Sie redete schon allenthalben mit ihm, denn es waren kleine Flügelein von dem ersten Baum ausgegangen, die in sich lebendiges Rauschen trugen. Die flogen überall herum, und fanden sie einen Ort, wo gut zu wohnen schien, funken fie nieder und wuchsen und rauschten, wie es fein mußte. Bald hatten alle Erhebungen der Erde ihr Rauschen: die hohen Berge ein mächtiges, tiefes, das wie Brausen klang; die Hügel ein mildes, singendes, und es war, als trügen fie die Flügel der Wildtaube, die über dem Neste kreist. Die Luft lag jedoch noch immer über die Ebene hin und schlief, und niemand war da, der das viele Rauschen nahm und forttrug. Da floß es auf die Erde nieder und gab seinen Geist auf. Es wurde ein schwarzer schwerer Schatten, der über den Berg hinunterrieselte. Er kam bis an das Wasser und fiel hinein. Als er aber die lebendigen Wellen berührte, bekam er seinen verlorenen Geist wieder, verwandelte sich und wurde, was es gewesen: ein fröhliches Rauschen. Die Wellen freuten sich, auch eine Stimme zu haben, und ließen ihrs Seele hineinsließen. Die Wasser haben ein tieferes, vielfältigeres Innere als die Erde, und ihr Rauschen war bald ein Schluchzen, bald ein Singen, und manchmal redete es mit den dunklen, unbegreiflichen Lauten eines uranfänglichen Tiefsinnes. So trugen die Wasser das Rauschen aus dem Gebirge, immer weiter in bas Land hinein und noch viel, viel weiter. Sie glänzten und zitterten vor Glück, so oft sie die tiefen Augen des Himmels auf sich ruhen fühlten. Aus den Bächen wurden Flüsse, aus den Flüssen Ströme. Es kam zuletzt soviel Rauschen zusammen, daß es die wandernden Wasser kaum zu ertragen vermochten. Sie blieben stehen und bildeten das unabsehbare Meer. Das Rauschen der ganzen Erde lag darüber hin. Darunter atmete die Brust des endlosen Wassers in ruhigen tiefen Stoßen nach dem Takt der Gestirne, die in den Hohen vorüberzogen. So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag der unraftvollen Menschenzeit. Noch immer wiegt das Rauschen sein Gefieder über den Meeren. Wer es hort, den ergreift es in tiefster Brust; denn die Seele kennt gar wohl die Fittiche ihres ewigen Herrn... Das Stuck Erde. Von Karl Heinrich Waggerl. Gott liebt den Gärtner. Den Bauern ja auch und den Handwerker und was ihm sonst noch um die Füße stolpert, aber den Gärtner besonders« Er war ja selber einer am Anfang, als er noch sagen konnte, es sei gut Unb barum schaut er es mit freundlichen Augen an, wenn irgendwo ein Mensch einen Igaun aufschlägt unb bie Erbe umgräbt und zu pflanzen anfängt. Blumen unb allerhanb Kraut und vielleicht sogar einen Apfelbaum in der Mitte. Ach, fein eigener Garten wurde ihm bald verleidet, aber die Gärtner der Adamskinder läßt er gesegnet sein. Was für eine Freude, breitbeinig über den Beeten zu stehen unb den Finger in bie Erbe zu bohren! Nicht mit einem Werkzeug, nein, mit bem Finger muß es geschehen, nur bas gibt ein richtiges Loch für die Wurzeln nach Weite und Tiefe. Unb es ist so gute Erbe, dunkle, krümelige, fast kommt einem bie Lust an, selbst ein wenig davon zu kosten. Sie müßte nach etwas Nahrhaftem schmecken wie würziges Brot. Anderswo hat man Kresse hingesät ober Petersilie, da ruht bas Geheimnis noch verborgen. Von Stunbe zu Stunde läuft man hin unb schaut sich Wasser in bie Augen, — regt sich noch immer nichts? Obwohl man doch Mist untergegraben und Jauche zugegossen hat, lauter gute Sachen?. Oh, wär' man selbst ein Rettichkorn, man schosse nur so aus dem Boden« 2lber endlich keimt es ja doch, wie geschieht das? Knallt es leise wie von einem Kuß, wenn der Samen seine Schalen sprengt, oder wartet er nur darauf daß man verdrießlich wird und einmal gar nicht mehr hingeht, und bann öffnet er sich lautlos in ber Heimlichkeit? Man traut feinen Augen nicht, vorhin war noch alles kahl, und nun liegt plötzlich ein zartgrüner Schimmer über dem Beet! m ri , , Von nun an geht ber Gärtner mit geblähter Brust umher, als wäre er nicht bloß ein armer Maulwurf mit erdigen Schaufelhänden, sondern als hätte er das alles selber gemacht, Grünes und Gelbes, unb es wüchse von feinen Gnaden. Er stellt sich auch an den Zaun und mustert bie Beets bes Nachbarn — ja, die halten den Vergleich natürlich bei weitem nicht aus Der Salat steht zwar hoher, aber was ist das schon Großartiges« Salat» Nicht viel besser als Untraut. Von feineren Sorten keine Spur, ober soll bas vielleicht Monatsrettich (ein, dieses kümmerliche Zeug dort tn der Ecke? Cs währt nicht lange, so kommt der Nachbar auch herbei, und die sich jetzt gegenüberstehen, diese beiden sind nicht mehr der Christoph und der Jakob, sondern zwei kleine Könige an der Grenze ihres Reiches, zwei neidische und ränkesüchtige Despoten, Was fehlt bloß deinem Salat? fängt der Christoph arglistig an. Ich meine, weil er nicht gedeihen will? Hast du Mäuse oder setzt du ihn zu tief? Beim Kopfsalat, erklärt Christoph, mutz man nämlich darauf achthaben, dah nicht Grünes in die Erde kommt, sonst bräunt er sich und bleibt zurück. Aber für Jakob ist das zum Lachen, so ein Gespreize, hat man dergleichen schon gehört! Wo es doch eben darauf ankommt, die ersten Blättchen gut einzuhäufeln, damit die Pflanze stämmig wird und die Zeit hat, in die Breite zu wachsen! Nimm es nicht übel, sagt Jakob, aber jetzt wird mir klar, weil bei dir alles ins Kraut schietzt und keine Köpfe macht. So! Also keine Köpfe? Christoph ist bis in die Knochen beleidigt. Und wer liefert denn für den Pfarrhof und den Lehrer? Salat, wie? Und feinstes Gemüse, und das bis in den Herbst hinein, wenn in deiner Schottergrube noch nicht einmal die Erbsen aufgegangen sind! Erbsen? Hast du Erbsen gesagt? Das kommt Jakob gerade recht, da kann er gleich einmal auf Christophs Hühner zu reden kommen. Ob der sich nämlich einbildet, daß Jakob noch lange zusehen werde, wenn er sein räudiges Viehzeug Tag für Tag zum Stehlen herüberschicke? Diebshühner, verdammte, fräßen einem die Saat aus dem Boden, und dann habe Christoph noch die Frechheit, hier zu stehen und von den Erbsen zu schwatzen! Tut er auch, jawohl. Ist ja lächerlich, drei unschuldig« Hühnerchen! Was die wohl fräßen, und außerdem ließen sie ohnehin mehr guten Mist zurück, als sie an schlechten Erbsen mitnähmen. Und das möge sich Jakob auch gesagt sein lassen: Wenn schon vom Halsumdrehen die Rede sei, so käme nur eine einzige Kreatur ^in Betracht, nämlich ein gewisser Nero. Der grübe nicht bloß Erbsen heraus, sondern ganze Kohlköpfe mit Stumpf und Stiel, und was er dafür hinpflanze, davon wolle Christoph gar nicht reden. Aber es ist'schon wahr, sagt er, wie der Herr, so der Hund, was die Unflätigkeit betrifft. Darauf hat Jakob nichts mehr zu erwidern. Schluß mit dem Geschwätz. Mit Worten kann er sich nicht Luft machen, und deutlicher will er bei diesem Gerippe nicht werden. Er spuckt nur verächtlich über den Zaun, und Christoph täte desgleichen, wenn er noch Zähne dazu hätte. Sind sie nun Totfeinde fürs ganze Leben? Ach nein, obwohl sie zornrot auseinander laufen und Pech und Schwefel vom Himmel wünschen, natürlich für nebenan. Ein wenig später reut sie der Handel schon. Christoph lockt mit lauter Stimme seine Hühner, und Jakob pfeift dem Hund. Weder Huhn noch Hund ist in der Nähe, aber sie wollen einander nichts an friedlicher Lebensart schuldig bleiben. Das würzt ja nur die Arbeit, ein wenig Großtuerei und Geplänkel, schon von altersher gehören Spieß und Spaten zusammen. Im Grunde ist es bloß die Freude am Besitz, die auf solche Art laut wird. Anhänglichkeit für diesen kleinen Fleck Boden, der einem so unverrückbar und sicher unter den Beinen liegt, und der niemals vergehen kann wie alle anderen Güter der Welt. Was immer geschehen mag, ein Mensch kann nicht ganz elend werden und zugrunde gehen, so lange ihm Noch ein Stück einener Erde gehört. Wird ihm aber das genommen ober triebe ihn die Torheit davon, und hätte er auch Glück in der Fremde, er wäre doch zeitlebens nur Gatt am eigenen Tisch. Mächtig und doch angesehen vielleicht, aber wahrhaft glücklich nie, so ganz ruhig und sorglos im Herz»« Leben im Ackerboden. Bon vr. R a o u l F r a n c Nachdem unsere ganze Bildung eine papierene Form angenommen hat, hoben ganz sicher mehr Menschen in Frankreich Gedichte und Romane zum Preise des Ackers kennengelernt, als die Ackererde selbst einmal aufmerksam angesehen. Nur einmal tut man das im praktischen Leben, nämlich wenn man einen Acker ober ein Stück ©artenlanb tauft. Dann nimmt man wohl eine Hanbvoll des künftigen Besitzes auf, läßt die Krümel burch die Finger rinnen, ob der Boden locker fei, humusreich, feucht, ob er fett ober sandig oder lehmig, kurz, ob er fruchtbar fei. Von einem Leben in dieser Erd« weih nternanb etwas: darauf achtet man nicht, und tollte Zufällig dem Kauflustigen aus feiner Handvoll Erde eine rote Milbe ober ein Spinnchen den Arm hinauflaufen, so hält er das höchstens für fatal und für ein Zeichen von Verwahrlosung. Aber je mehr solche Kleintiere in der Ackerkrume hausen, desto vertrauensvoller kann man das Feld kaufen. Ja, man müßte, und man tut e« neuettens auch, einen Bodenkundigen befragen, der mit Erdbohrer und Mikroskop sich ein paar Tage geduldig hinsetzt und Probe um Probe durchmustert, bis er sagen kann: Im Kubikzentimeter dieses Bodens sind an hunderttausend Kleinlebewesen außer den Bodenbakterien, deren Zahl ich aber erst binnen zwei Wochen genau feststellen könnte. Es überwiegen aber die nützlichen, und so kann ich heute schon sagen, welchen Wert der Boden hat. Natürlich interessiert man sich nun für diese Bodenlebewesen. Um aber mit ihnen bekannt zu machen, muß ich ein sehr buntes, merkwürdiges ganz gebeimnisvolles Bild machen. Ich muß da zunächst einladen, einmal des Nachts wiederzukommen und mit Blendlaterne und Fernalas bewaffnet, unseren Garten nach einem abendlichen Frühlingsregen, etwa um Mitternacht zu besuchen. Um diese Stunde ist ein guter Teil der vertrauten Tierwelt bereits schlafen gegangen, aber jene, auf die es uns an kommt, sind eben erst aufgeftanben. Feldmäuse schlüpfen und manch' «m tm Feld nistender Vogel piepst ersckywcken auf, wenn ihn der Sttohl der Blendlaterne trifft. Aber wir lassen ihn ruhig entkommen. Aus den V e r a n t w o r t l i ch . vr. Fr. W. L ange. — Druck und Verla Schollen selbst, die vom Nachttau fettig glänzen, kriecht bedächtig Oit( fähiges Kleingetier. Tagsüber waren sie verborgen in den zahllch Spalten und Ritzen, die ein guter Ackerboden Haden soll, und zu ber«! ' Vermehrung eben geackert, geeggt, gehackt und geharkt wird. In d, feuchten Nacht sind sie obenauf und genießen das Leben auf ihre M« Tausendfüßler sind es, winzige Steinkriecher, flohartige Tysanuren uJ allerliebste Käser, von deren Dasein man nie etwas erfahren hätte, miirij man sie nicht soeben bei nächtlicher Versammlung überraschen. Neben ibnm wimmelt eine unangenehme Gesellschaft. Kleine blutrote und getateJ winzige, schneeweiße Würmer bohren sich durch die obersten Gänge. M sind die Borsten- und Fadenwürmer des Ackers. In ihrem Reich ist ein« König, den jeder kennt, aber niemand beachtet, nämlich der Regenwimii Um diese Stunde ist er gar nicht so träge und stupid wie oben im läge»! licht. Da sind zwei eng verschlungen. Sollte gerade Mitternacht im Rege»! wurmleben die große Liebesstunde sein? Andere arbeiten still, aber einfig Sie schleppen abgefaUene Blätter und ziehen sie tief hinunter. Ied« I Landwirt würde entzückt zusehen. Gerade das ist es, was er sich wünsch! Jemand sollte auf das feinste den Boden durchpflügen und die fjuniuf.lj bildenden, faulenden Pflanzenteile sorgfältig durcheinander mengen. W nimmermüde Nachtschicht der Regenwürmer besorgt das auf das treM lichste. Sie verdienen von der dankbaren Menschheit ein Denkmal bafür,! Dabei ist nicht einmal das Schaufeln und Forttragen die HaM leiftung dieser nächtlichen Kerftierlarven und Wurmwelt. Sie nähren sch! von Pilzfäden und Pilzsporen: sie verzehren kleinere Mitbewohner ist« dunklen Welt, die meisten aber sind Erdverzehrer und die Bobenwiirm«, -i alle, vom mehr als dezimeterlangen roten Tauwurm bis zum winzige kaum sichtbaren Fadenwürmchen sind darin Meister. Man ist auf beit Gedanken gekommen, im Innern der Regenwürmer und ihrer Gefühilei, nachzusehen, von was sie sich eigentlich nähren, und hat sich dabei »! den obigen Tatsachen überzeugt. Sie sieben gleichsam die Erde durch il)r«t;| Leib, und sie bleibt dann seiner, gekrümelter, fruchtbarer zurück. M einem Hektar guten Garten- ober Ackerlandes leben gut eine $ie*| Million bis 500 000 Regenwürmer, und viele Millionen der Kleinen, oW sie, man kann es mit gutem Recht sagen, gäbe es weder Gemüse mm Brot oder Obst. Warum verzehren sie so unersättlich Erde? Auch das haben die otw erwähnten neuen Untersuchungen klargestellt..Jn dieser Erde leben oid(; Kleinlebewesen, Pilzfäden, Kleinalgen, Wurzelfüßler, Infusorien. Und imju ] wird dieses Mahl noch von den verschiedenen faulenden Pflanzenstoistn gewürzt. In den wenigen Wochen, in denen der Bodenfrost des Winieti!! alles Leben auch unter der Erdoberfläche zum Stillstand zwingt, fte-Uen! sie diese Arbeit ein. Aber elf Monate lang sind diese Würmer nicht nut die Zerstörer, sondern auch die Mehrer der Bobenlebewelt; denn in bwn, was sie hinterlassen, leben die ganz Kleinen auf bas trefflichste, ja, nur in btefen, vom Darmschleim angefeuchteten, in lauter winzigste KörnäM 1 zerlösien, meist bunteibraun ober tiefschwarz geworbenen, durchoerdmM Erbmassen fühlen sie sich wirklich wohl. Sie selbst wieberholen vi«W bas Werk ber Bobenwürmer unb zersetzen verrottete Pflanzen, verwesende Tierreste, zerlösen zusammengebackene Erbklümpchen. So geht bas Tag unb Nacht weiter, unermüblich in bie Jahrhundert! die eine Schicht schläft, bie anbere tritt an, bie Generationen roedjjtlni sich ab wie eine nie reißenbe Kette. Diese tieferen Zusammenhänge finb freilich ben Menschen ber Pr»ii«,j noch verborgen; sie wissen nichts vom Kleinleben im Ackerdoben, fenweit/j ihre kleinsten und fleißigsten Arbeiter nicht von Angesicht zu Angesicht Die Namen Bodenwürmer, Rädertiere, Wurzelfüßler, Springschwänji, Barttierchen, Milben, Tausendfüßler sind ihnen leerer Schall; wer N'ch Wirkliches von Bodenpilzen, Bodenbakterien, Blaualgen, ®rüna(flÄ Kieselalgen? Aber diese Zwölfheit von Schutzgeistern des Brotes betreut das Menschengeschlecht feit dem ersten Tag. an dem ein Urahn bet genialen Einfall hatte, nicht mühsam da und dort auf langer Wander« die Samen von Gräsern einzusammeln und zu verzehren, sondern diiesi Samen in die Erde zu stecken und bie baraus sprießenbe ®etreibepflch Hut d« im ih 66 iin E Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1959 Hreltag, -en t September Nummer 67 Colöur & Grey Control Chart Yellow Green Grey 3 Grey 2 enli ibn 11 22 L 9 S £ V 6 8 strategischen Leidenheimisch genug, um )« in« •aiti iloft d W aßen*1 berfB M „« illi n geschehen sind!" „Die Vergangenheit ist mir ganz gleichgültig! Diese Hecken auch! Und die Geschichten, an die Sie denken, sind wahrscheinlich so frivol, daß ich erröten würde, wenn ich sie hörte! Ich liebe Ann, und alles andere ist mir gleich! Und Ann will ich holen! Und wenn ich mit ihr in England ankomme, dann wird sie wohl selbst so weit sein, anzunehmen, daß sie und ich unzertrennlich sind! Deshalb müssen Sie mir helfen! Ann schlagt nach Ihnen! Und Sie wissen, daß es gar nicht so viel Manner geben würde, die Anns Zauber aushalten, wenn er sich von seiner dauerhaften Seite zeigt!" Es war die längste Rede, die er in der Sache Ann gehalten hatte, sic war umfangreicher als seine Werbung bei Sir Anthony. „Sie sind berechnend wie Ihre Mutter, mein höflicher Junge", sagte Vivian. „Sie denken, hab' ich Ann erst in England, dann kompromittiere ich sie mit meiner Gegenwart?" , Kompromittiere?" «VKUClU/l uug ine ^arjacye, oasi cte Manner nicht zum Dienst in r Linie bestimmt waren, das ihre dazu bei, alles leichter zu nehmen, tis es notwendig war. Gilbert fühlte, daß die Hingabe an die große Sache dadurch den Reiz i»es Unzweckmäßigen bekam. Wie Pilze nach dem Regen schossen einfache, auf Klapptischen eingerichtete Verkaufsstände hoch. An süßen Sachen und an goldbraunem Liibat litt Paris noch keinen Mangel, man konnte um runde in Mehl- ucker getauchte Kuchen würfeln, während heisere Kommandorufe in den pielerischen Lärm schallten, den dieses Treiben heraufbeschwor. Leiermänner und Lautensänger traten in Wettbewerb, sie gerieten in Streit, weil sie einander ihre Standplätze neideten. Ihr Gebrüll bekämpfte sich, daß kein Mensch mehr ein Wort verstand und Kinder mit Geschrei um die Kampfhähne herumtanzten. Ein Zeitungsverkäufer vermehrte seine Einnahmen durch den Verlauf eines Heftchens: „.Anleitung, in vierundzwanzig Stunden ein voll- dmmener Soldat zu werden!" Die Schrift fand bei den Nationalgarden leißcnden Absatz. Für Gilberts nördliches und von Frankreich durch den Kanal ge- leenntes Empfinde^ war es unbegreiflich, daß dieser dem ernsten Waffen- 'ondwerk dienende Platz zur Niederlassung eines Volksfestes wurde. Ihm wirbelte noch der Kopf, als er sich am Nachmittag von Herrn »lancbois zu Vivian Moreland und damit zu Ann fahren ließ. Er war mit Hoffnung beladen und auf eine Enttäuschung gefaßt. Teufel, dachte er, mir ist zumute wie einer Granate, die unterwegs ist wd nicht weiß, ob sie ein Blindgänger sein oder zünden wird. Fürwahr ein zeitgemäßer Vergleich. Denn irgendwo fern scholl 1 ansnendonner. Das Haus, welches Vivian Moreland bewohnte, lag in einem Part übe der Rue de Valois.............. ........ i® leit, s rf 19 20 21 12 13 ie vier Wände ihrer rn, sie kommen!" »ans Welt noch nicht 14 15 16 17 18 ich liitN IM M Ltz »fc ’M unjen Rä * fr« nnti m 61» L t>, dik toi chl» M n.M en i1[ lpd" dllli» 9 10 4 5 6 7 8 2 3 Gegenteil, sie blieb stehen und umarmte Gilbert. . An diesem zärtlichen und verwandtschaftlichen Empfang erkannte Gilbert, daß Vivian inzwischen besser als ihr Ruf geworden sein mußte. 113 u>ar aber nur ihre gute Laune. . Denn in jenem Augenblick, in dem sie wie viele Menschen ihrer Art Erkenntnis gewann, daß ihr die Welt nichts Neues mehr bieten ^.nnte, kam der Krieg. Das Leben wurde wieder spannend für Vivian Moreland. . Da sie Engländerin war, blieb ihr Anteil an der Zeitgeschichte in den ^tzen der Zurückhaltung hängen, sie konnte den Lauf der Dinge von -mer höheren Warte betrachten, die in solchen Fällen nur den Gottern ben neutralen Zeitungsberichterstattern Vorbehalten ist. Vivian hatte Landkarten gekauft und ihnen ein ganzes 3imtner ein- ’ raumt. Sie hingen an den Wände» und lagen auf den Tischen, sie ^rey wie ein Bilderbuch des Krieges, dessen Zeichnungen von Vwmns Phantasie bunt ausgemalt wurden. Ocm 1 jW hOi >( fff auf eiOf esfi1*1 ck I1 »i iit^ r DihJ fit1' bis J f i Blue White Magenta Black Cyan Grey 1 Red Grey 4 .5” iittu; Landschaften mit Städten, Dörfern, Flüssen, Felder^ wuchsen in Livians Betrachtung zur Wirklichkeit: Regimenter, Divisionen, Armeekorps marschierten und bezeichneten die strategischen Linien, die Vivian Moreland dem Genie Moltkes nachempsand. — oaAesA Pariser Bekannten den Tag von Sedan, pietä^y stossen hatten und zog sich daher die Feind- he Voraussage lachten und ihr später nicht cht gehabt hatte. n! Hier! Sehen Sie!" Sie zeigte ihm die uesken Nachrichten eingesteckt hatte. \llf< Öen weniger aus den Zeitungen, die nach ' Bevölkerung zu beruhigen, sie hatte viel- enen sie zwar auch mißtraute, deren Nach- fer war, wenn sie den letzten und vorletzten ^yiV^ ,htete. Die meisten Nachrichten erhielt sie iutt ich Sie holen", sagte Gilbert, von der Umgebung verwirrt. „Mich?" fragte Vivian. „Auch Ann", erwiderte Jllington mit einem Versuch, diplomatisch zu [ein; „Sir Anthony schickt mich." „Ich will Ihnen sagen, was Ihnen mein Bruder ausgetragen hat: wenn Vivian mitkommen will, bring sie mit. Wenn nicht, lasse sie wo der Pfeffer wächst." Sie hatte Sir Anthonys Rede ziemlich genau getroffen. Sie macht einen ja doch verlegen, dachte Gilbert. Er versuchte das Gespräch in eine Richtung zu lenken, die seinem Herzen teuer, ihm aber auch voller Aengfte war: „Hat Ann öfter von mir gesprochen?" „Man soll bei Noisy-le-grand eine preußische Patrouille gefangen haben", sagte Vivian und suchte mit einem ihrer Stecknadelfähnchen den Ort. „Das ist wahr", bestätigte Gilbert und erzählte, wie er dem blauen Husaren begegnet war, und daß dieser in Gefahr gewesen sei. Sie steckte das Fähnchen ein und sagte leichthin: „Und was Ann betrifft, so sage ich Ihnen int Vertrauen, sie hält nicht viel von Ihnen! Aber da sie bisher überhaupt noch keine Ahnung von Männern hat, brauchen Sie dem keine Bedeutung beizulegen." Sie seufzte wie eine Sibylle, die im Hinterhof Dienstmädchen empfängt und keine große Kunst anweuden muß, um die Schicksale unter Kartenschlag wohltätig zu raten: „Es sind schon die merkwürdigsten Verbindungen zustande gekommen!" Gilbert fühlte, daß diese Bemerkung keine Ermunterung darstellte. Er konnte es aber nicht verhindern, daß sich die Not seines Herzens auf feine Zunge legte: „Und hier in Paris — hat sie — ich meine — sagen Sie es mir! Hat sie irgendwelche Bekanntschaften?" Tante Vivian grinste. „Wenn Männer verliebt sind, geben sie sich