Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Montag, den 28. August Nummer 66 ahrgang 1959 Wenn Sie das tun", sagte er, „wenn Sie das tun ... dann..; oiel- Aber Die nicht. Vollendete..." schloß der Wut. Ach, dieser mit der Wurzel aus auf dem alle blühen- Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke Copyright 6p Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart im Dienste der Wohltätigkeit zu stehen. Nur das leise der Italiener. Die Träne an ihren Wimpern war eine Träne Mann riß alle Sehnsüchte, diese holden Blumen, und warf sie auf den Kehrichthaufen der Vernunft, seb die richtige Tafte herunter. „Ach ja", lächelte Ann unschuldig und Irnn es übrigens auswendig. Es ist mein Sie strahlte, bevor sie ihre Stimme so schweigt, ist sie reizend, dachte das i»n Paris. Aber Ann Moreland schwieg nicht. legte das Notenblatt weg. „Ich schönstes Lied." erhob, den Meister an. Wenn Herz des ersten Gesanglehrers Er legte die Hände zusammen und fragte still: „Weshalb wollen Sie fingen?" „Ich liebe die Musik", erwiderte sie trotzig. Und schrie: „Ueberhaupt, ich will frei sein! Ich will weder Gilbert Jllington heiraten noch einen andern, und ich will auch nicht werden wie Tante Vivianl" Er nahm ihren Trotz und legte ihn in das Gefäß seiner Weisheit. Dann kam seine stille Beredsamkeit und zerstäubte ihren Zorn wie Pulver. „Ach", sagte er, „frei? Oh, Signorina, ich kenne diesen Gilbert nicht! Aber die Kunst ist eine strengere Herrin als die Liebe! Die Musen schenken dem Menschen nichts, man muß mit ihnen ringen, und selbst wenn man zum Siege berufen ist, lassen sie einen hundertmal unterliegen, bevor sie die Krone reichen!" Sein Blick glitt hinaus auf die Straße, auf ein anderes graues Haus, auf dunkle Fenster, denn drüben lag keine Sonne. Und er dachte zurück an viele Menschen, denen er begegnet war. Dann sagte er lächelnd: „Die Liebe — ach, auch die Liebe ist Gesang! Wenn die Liebe singt, mit der unhörbaren Stimme der Seele, dann brauchen Sie keinen Unterricht bei dem alten Spamante!" Es befremdete sie, daß der alte Mann von der Liebe sprach, aber sie ahnte, daß sie ihm Wissen, Weisheit, Güte und Lächeln gegeben hatte. Allein sie verstand ihn nicht, denn in ihrer Seele waren die Flügel des goldenen Vogels noch gefaltet, und darum trat, roas' sich in ihrem Herzen regte, nur als kühler Widersprach hervor: „Bei Gilbert singt die Liebe nicht", sagte sie. Sie stand vor ihm in ihrer strahlenden Jugend. Er sah sie mit heiterem Wohlgefallen an. Die Krinoline, dieses Rundgestell um den weiblichen Körper, war abgeschafft, die Herrscherin im Reiche der Frau, die Mode, hatte einen kühnen Sprung gemacht und begann zu verdammen, was sie gestern noch „Dann?" fragte sie drohend. In ihrem Herzen war ein Gewitter, gleich entlud es sich, in ihren Augen blitzte es schon. „Es würde nicht höstich sein, Signorina, nur das Schönste ist würdig, 1. Fortsetzung. Unsicher klappte er den Deckel des Instrumentes herunter und wieder h>ch. „Oh", sagte er, „oh!" Ann Moreland fürchtete den Kampf, den Spamante in seinem Herzen schrie. Wenn er bewegt war, läutete es aus ihm mit tausend unsichtbaren klöckchen. Man fühlte es und konnte sich darnach richten. „Ich möchte es noch einmal versuchen, Meister", sagte sie schnell. Sie shlug den Ton auf dem Flügel an. Spamante sah auf das Notenblatt. „Falsch", schrie er, „falsch! und den Träume verwesen. (Nur die Launen leben weiter, sie werden weder von der Vernunft noch von der Güte umgebracht. Aber dies war keine Laune. Dies war Traum.) „Die Kunst ist eine strenge Herrin, Signorina! Man kann sie pflegen im stillen Haus. Für sich, für die, die wir lieben, sofern sie uns anhören wollen! Dann ist Kunst ein Spiel, eine süße Beschäftigung, eine Verzauberung. Man läßt sich beschenken von der Kunst, Signorina. In der Kunst ist Nehmen seliger denn Geben." Herz, wo liegst du im Ouartter? messen, die Träume segelten nicht auf einem ungewissen Meer. Sie schwammen in dem Strom der Zeit, denn die Sterne der Bühnen leuchteten geehrt in den Salons, das Begehren Arms war weder absonderlich noch verdammenswert. Dante Vivian, die stets für Experimente war, bestärkte sie in ihrem Plan, es erhöhte Vivians Anteilnahme, daß Sir Anthony und die Familie dagegen fein würde. Sie erwartete einen kleinen Skandal und freute sich darauf. Und nun stand das „Nein" des großen Spamante auf und errichtete Barrikaden zwischen Ann Moreland und dem Ruhm. „Nun", erwiderte Ann trotzig, „dann werde ich zu meinem Vergnügen fingen! Für die Wohltätigkeit! Für die Verteidiger von Paris! Für Kinder und Frauen der tapferen Krieger werde ich fingen!" Welch ein Tiger lauert in dieser Frauenseele! dachte er. Er schloß den Flügel. Sein Gesicht hatte sich verklärt, es spiegelte tausend Genüsse wider, die dem Maestro durch die Kunst widerfahren waren, und die er „Meine Liebe ist wie eine kleine weiße Wolke, Alle Wolken liebt der Wind so sehr, Und die Wolken reisen mit dem Winde, Mit den Wolken reist die Liebe übers Meer! Und die Wolken und die Liebe fliegen auf gen Himmel, Und der Himmel ist nicht mehr allein, Wind und Wolken sind im Licht vergangen. Wo mag meine unruhvolle Liebe sein? Hoch am Himmel träumen aber tausend ©ferne, Jeder Stern schickt seinen Traum zu mir. Jeder Traum ist schwer und voll von Sehnsucht, „ Denn an jeden Stern hing ich den Traum von dir! Ihr war wie einem Bergsteiger, der den Gipfel erklommen hak. Das L-nd liegt besiegt zu seinen Füßen. „Geben Sie es auf", sagte Spamante, der anderer Meinung war. Ihre Entschlossenheit hatte feinen Willen unterschätzt. Sie stand nicht As einem Gipfel, sondern schaute in das schwarze Moorwasser der Ent- imschung. Nur eine letzte Hoffnung kräuselte sich in seiner Tiefe: er will "ich vielleicht nur einschüchtern. . „Ach, wenn ich nur lernen könnte! Ich fühle, es ist nur eine Klemig- •ai i seltsames Mädchen. r , hi. « Eines Tages hake sie auf Tante Vivians mißklingendem Klavier die s-»ntniffe erneuert, die ihr einst auf Moreland Cast e eine alte Gouver- «nnte beigebracht hatte. Die würdige Dame Einte, Musik fei eine 5-ofterin in allen Lebenslagen. Dieser philosophischen Medizin erinnerte litt) Ann. L Darum wollte sie Sängerin werden. Zum Trost und aus Trotz. Denn Min lag der Freiheit breite Straße vor ihr. Der Wunsch war nicht ver- leicht auch selbst gegeben hatte in seiner guten Zeit. „Ich fühle es aber: mir fehlt nur eine Kleinigkeit", beharrte sie. sie sagte es schon schwächer. „Ja", erwiderte er verzückt, „nur eine Kleinigkeit, Signorina! Gnade, die Gnade!" Und da sie ihn verwirrt ansah, fuhr er fort: „Wünschen Sie dieser Gnade teilhaftig zu sein! Wem sie vom Schicksal gegeben ist, dem wird sie zu Geißelhieoen!" Er steigerte sich: „Der muß Augenblicke köstlichen Empfindens mit Verzweiflung, Not, Elend, Feindschaft bezahlen! Meist, Signorina, ist die Kunst durch eine Hölle gegangen, bevor sie himmlisch beglückte! Aber nur, wer die Gnade erfuhr, darf Kunst geben — die andern mögen sich mit dem glückhaften Genuß begnügen!" gepriesen hatte. Der Verlust solcher Drapierung hob die Jugend Anns auf den Thron, aus den sie gehörte. Aus dem köstlichen Spitzenkrägelchen stieg der Hals, eine schlanke Säule. Die Büste hätte es nicht nötig gehabt, geschnürt zu werden, der Rock, der sich nur wenig bauschte, verhüllte ihre Gestalt bis zum Knöchel, leicht genug, um eine zärtliche Ahnung zuzulassen. Meister Ruggiero verstand ganz und gar, daß bei Gilbert die Liebe nicht „sänge". Aber er verhieß: „Vielleicht nicht bei Gilbert, aber einmal, Signorina, wird sie fingen!" Und plötzlich wandte er sich und setzte sich an den Flügel und sang schüchtern, wie zu sich selbst: „Es hat eine dämmernde Stunde Zärtlich die Seele belauscht, Die heimlichen Träume des Herzens Sind von der Sehnsucht berauscht. Seltsame Märchen bereiten Lächelnd ein heiteres Licht, Goldene Wünsche erheben Jubelnd ihr flammend Gesicht. Und einst erklingt in der Runde, Was sich die Seele erdacht; Lieder und Worte der Liebe Blühn in der zaub'rischen Nacht..." Ann stand still. Die rührte sich nicht. Auch ihr Atem schwieg. Lange. Dann fetzte sie aus ihren eigensinnigen Kops ein Hütchen, dessen unterer Rand die trotzige Stirn lustig bedeckte. Sie warf noch einen Blick auf Spamante, der am Flügel faß. Darnach ging sie, leise. Als sie die Tür schloß, erwachte der Maestro aus feiner Versunkenheit. Ach, dachte er, ich habe ihr weh getan, aber besser weh getan, als durch die Welt verdorben. Er ging ihr nach. Sie stand noch an der Haustür. Nun drehte sie sich um und gab ihm die Hand. Sie sagte aber nichts, sondern nickte nur; das hieß wohl: Ja, Maestro, ich habe verstanden, ich träume nicht mehr, ich bin wach. Man kann ein« Hoffnung mit Willkür zerschlagen, dadurch wird sie kaum für ewig vernichtet sein. Aber Ueberredung, die aus der stillen Kraft der .-Ueberzeugung kommt, zerstört. Denn die Ranken des Widerstandes können sich nicht einmal mehr an den Baum des Trotzes klammern. Di« Mild« hat ihn vorher umgelegt. „Weshalb bleiben Sie überhaupt in Paris, Signorina? Paris wird bald keine gute Stadt mehr fein!" „5cf) fürcht« mich nicht, Maestro", erwiderte sie, „auch sagt jedermann, daß die Deutschen Paris niemals angreifen werden!" „Jedermann", meinte er verächtlich, „feien Sie nicht wie jedermann und hallen Sie das Unmögliche für möglich, dann werden Sie niemals überrascht werden." Es klang wie ein Orakelfpruch In Wahrheit waren es die letzten Worte, die Ann Moreland von Spamante hörte. Gilbert Jllington erreichte Paris mit einem Zug, von dem es hieß, daß er einer der letzten fei, da sich die Preußen der Bahnlinie näherten. In Paris wunderte man sich über diese Prophezeiung und verlachte sie. Die Stadt erschien dem jungen Egländer wie eine aus tausend Kulissen zusammengesetzte großartige Szene. Zwar schien äußerlich alles wie früher: über den bekannten Gebäuden schwebte der verklärende Glanz der Tradition als Bürge für die Unveränderlichkeit der einmal gegebenen Form. Paris war nicht etwa traurig ober bedrückt ober niedergeschlagen! Es lachte! In den Lachen war ein schriller Klang. Die Sorglosigkeit war allzu hartnäckig gewollt. Sie fiel in den Alltag und veränderte ihn. Paris fang. Marfchgefänge und Kriegslieder warfen sich mit ihren ernsten Noten auf die Keckheit der alten Melodien und erdrückten sie. An die kriegerischen Gesänge klammerte sich das Volk von Paris, mit den Liedern flog es in Gedanken auf die Hügel der Zuversicht und sah, daß der Herbst die Bäume zu färben begann. Daß er nur ja nicht die grüne Hoffnung färbte! Bunt war Paris jetzt nicht nur vom Herbst, auch von Uniformen! Aber die Uniformen waren ja, das glaubten die Parifer, nicht der Herbst, sondern der Frühling der Nation. Der Kaiser war gefangen, aber die Republik erhob die Fahne und das Schwert. Die Republik wird das Batertanb retten! Die Republik war ein wenig zu laut und glich darin einem Menschen, der seine eigne Stimm« hören muß, damit ihm die andern glauben, was alles er vermag und er am Glauben der andern den eignen wiederum aufrichten kann. Di« Republik war wie ein Mensch, dessen Mund di« Tat vorweg- genommen hat, nun ist die Kraft nicht mehr edel und keusch genug, zum Siege vorzubrechen. So gab sich Paris, als Gilbert es begrüßte. Ein Kutscher, der die schwarzrote Uniform der Nationalgard« trug, fuhr Jllington in ein kleines Hotel in der Rue Lafayette. „Nehmen Sie die erste beste Unterkunft, die ich kenn«! Die Hotels und Gasthöfe sind überfüllt!" rief der Rofselenker. ,Me feinen Leute, die rund um Paris in ihren Landhäusern sitzen, haben alles im Stich gelassen und wähnen sich hier in Sicherheit! Prassen, sitzen herum und drücken sich! Aber der Pariser ist Patriot!" Er wies auf leine_Uniform. Rock und Beinkleider waren aus schwarzem Tuch mit roten Streifen, an der gleichsarbenen Mütze befanden sich Stickereien, die den Offizier bezeichneten. Gilbert hielt es für angemessen, zu bemerken, wie gut dem Herrn die Uniform stände. Durch solch« Schmeichelei ein wenig nähergekommen, fragte er, ob man denn überall in Paris des Glaubens sei, daß die Deutschen die riesig« Festung nicht belagern könnten? „Vorsicht, Tiefe? Herr, Vorsicht! Keine mMä risch e n Gespräche, wen» Ihnen Ihr« Ruhe lieb ist! Gar mancher ist mißverstanden worden unt in argen Verdacht gekommen. Paris wimmelt von Spionen, sagt man Was mich betrifft, fo glaube ich nicht, daß die Deutschen Paris bezwinge» können." „Ich bin Engländer", meinte Gilbert, „und kenne Paris." „Engländer?!" Und dann stellte sich der Mann vor: „Kapitän Blano bois, Kapitän der Nationalgarde Blancbois, Patriot und Fuhrwerls- befitjer!" Er verneigte sich auf feinem Kutfchbock, zwar in Richtung der Gäule, weil es gegen den Fahrgast zu unbequem war, doch blieb es immerhin «ine würdige Verbeugung unter Ehrenmännern. Nun konnte Gilbert einige Fragen über die Nationalgarde stellen, ohne für seinen Kopf, den er ja in Paris noch brauchte, fürchten z» muffen. „Die Nationalgarde im Kaiserreich? Ein Klub braver Familienväter! Beamte, Advokaten, Kaufleute, die glücklich waren, an besonderen Tage» vor dem Kaiser paradieren zu dürfen! Sehen Sie: Viele sind in Mi Nationalgarde eingetreten, um sich Bekanntschaften und die eine ober andere vorteilhafte Verbindung zu verfchasfenl Damit aber", schmettert! Blancbois, „wird die Republik ein Ende machen! Wer sich jetzt für bit Nationalgarde einschreiben läßt, hat nur eine Aufgabe: di« Pflichterfiih lung fürs Vaterland! Jo, wir sind ein Volk in Uniform!" Es war eine kleine Rede; sie fchwellte die Brust des Kapitäns uni beschleunigte den Laus der Roste, aber Gilbert hatte sie nur zum Teil verstanden. „Aber Teufeleien können Paris zur Uebergabe zwingen, Teufeleien, die mit den Deutschen nichts zu tun haben..." flüsterte Blancbois spät« vertraulich, indem er sich zu feinem Fahrgast umdrehte, aber als be-r Atem schon in dem Wort lag, das er nun sagen wollte, polterte Trommel' schlag die Straße herauf und hieß ihn, die Gäule zügeln. Zwischen den Bajonetten einiger Infanteristen ging ein gefangene:! preußischer Husar. Er war ein kleiner untersetzter Mann mit einem blonden Schnuw bart, frischen gebräunten Wangen und neugierigen und keineswegs furdjt famen Augen. Wahrscheinlich wurde er zu einer Vernehmung geführt; einer bei Infanteristen rief der Menge zu, man habe den Preußen bei Nosty-le> grand ge angen. Das Volk johlte und warf di« Fäuste hoch. Der Husar meinte wohl, daß er nie wieder im Leben solches Aussehen erregen würde, aber zweifelt los drohte ihm die Gefahr, den Händen feiner Betreuer entrissen un2 von der verhetzten Menge zerstampft zu werden. Manchmal drängte eine Woge Leiber gegen den Transport, die 3m; fanteriften schalten: „Ihr Teufel, laßt ihn! Wir follen ihn zum General Trochu bringen!" General Trochu war der Kommandant von Paris. Der Tambour schlug wild auf die Trommel los, als könne er damit die Andringenden erschrecken. Die schrille Stimme eines Weibes schwebte über dem Tumult: „(h wird ja doch nichts sagen, sie sind verstockt, diese Preußen!" Das Volk machte sich daran, einen Keil zwischen die Infanteristen und den Gefangenen zu treiben, aber die Soldaten hieben mit iw Kolben drein. Ein Mann in einer langen blauen Bluse schrie: „Laßt ihn, laßt ihn, zu Trochu! Damit Papa Trochu wieder einmal einen Preußen sieht! Bedenkt, Bürger, er muß sich an die Preußen gewöhnen!" Er lachte jo schallend, daß fein Lachen ansteckte. Das Lachen ergrij I die Menge, die Wut schlug jich in Spott um. Die Infanteristen benutzten den glücklichen Augenblick, ihren fangenen in einen vorüberfahrenden geschlossenen Wagen zu schieben unB ihn so der ungewissen Teilnahme der Meng« zu entziehen. „War das der erste Preuße, den Sie zu Gesicht bekamen?" fragte Herr Blancbois, als er langsam durch die sich auflösende Ansamni-- lung fuhr. „Jedenfalls der erste preußische Soldat, den ich gesehen habe", erwiderte Gilbert. Er hätte aber gern das Gespräch dort wieder angeknüpst. wo es aufgehört hatte. Welche Teufeleien waren es, die Paris zu Bobern zwingen konnten? Da er jedoch keine Neugier zeigen wollte, erfuhr er nie, was Hem Blancbois gemeint hatte. Gilbert kam nicht darauf, daß jede belagerte Festung und jedes belagerte Land zwei innere Feinde hat: den Hunge» und die Uneinigkeit. Bald fchickte der Kapitän das Feuer feiner Beredsamkeit vergeblich gegen den Hotelwirt, der von feinem Haufe behauptete, daß es ganz umD gar besetzt sei. Jllington war nicht der erst« Gast, den der Fuhrwerksbefitzer dem Hotel zuführte. Blancbois ärgerte sich. Dann hatte er einen Einfall. In der Nähe fei ja ein Uebungsplatz der Nationalgarden! Da läge es doch nahe, im Hotel eine ständige Wache einzurichten! Der Wirt schien jedoch nicht geneigt, den Kapitän der Nationalgard§ für diesen Vorschlag zu umarmen, , „Eine glückliche Anregung", sagte Blancbois, „man wird mir dam» bar sein!" Der Wirt wollte wie viele Pariser zu jener Zeit trotz eines nur manbes von Schwüren und Beteuerungen selbst den Grad und bi« Fo^ men seiner Vaterlanbsliebe bestimmen. . Doch hatte er auf einmal für Jllington den besten Raum des Hotel» übrig. Blancbois zwinkerte Gilbert zu, Gilbert bedankte sich. Ihm war zumute wie einem, der sich durch Trinken Mut macht- Darum trank er das Leben von Paris wie Wein. Gilbert wollte sich berauschen lasten, daß er erregt und bewegt vor Ann stehen konnte. Aber er gehörte zu den Trinkern, die nichts vertragen können uu die, wenn sie sich auf dem Gipfel glauben, bereits in den Abgrund o Unlust gefallen find und es nur noch nicht begriffen haben. (Fortsetzung folgt.) Oer Schatzgräber. Von I. W. von Goethe. Arm am Beutel, krank am Herzen, Schleppt ich meine langen Tage. Armut ist die größte Plage, Reichtum ist das höchste GutI Und, zu enden meine Schmerzen, Ging ich, einen Schatz zu graben. „Meine Seele sollst du haben!" Schrieb ich hin mit eignem Blut. Und so zog ich Kreis um Kreise, Stellte wunderbare Flammen, Kraut und Knochenmark zusammen: Die Beschwörung war vollbracht. Und auf die gelernte Weise Grub ich nach dem alten Schatze Auf dem angezeigten Platze: Schwarz und stürmisch war die Nacht. Und ich sah ein Licht von weitem, Und es kam gleich einem Sterne Hinten aus der fernsten Ferne, Eben als es zwölfe fchlug. Und da galt kein Borbereiten. Heller ward's mit einem Male Von dem Glanz der vollen Schale, Die ein schöner Knabe trug. Holde Augen sah ich blinken Unter dichtem Blumenkränze; In des Trankes Himmelsglanze Trat er in den Kreis herein. Und er hieß mich freundlich trinken; Und ich dacht': „Es kann der Knabe Mit der schönen, lichten Gabe Wahrlich nicht der Böse sein." „Trinke Mut des reinen Lebens I Dann verstehst du die Belehrung, Kommst mit ängstlicher Beschwörung Nicht zurück an diesen Ort. Grabe hier nicht mehr vergebens! Tages Arbeit, abends Gäste! Saure Wochen, frohe Feste! Sei dein künftig Zauberwort." Goethe und die serdüche Literatur. Von Dr. Hermann Dreyhaus. Heute vor 190 Jahren, am 28. August 1749, „mittags mit dem Glockenschlag zwölf", kam Goethe in Frankfurtn a. M. zur Welt. Der Staatsbesuch des Prinzregenten Paul von Jugoslawien in Berlin feite der Vertiefung der freundschaftlichen Beziehungen so mannigfacher ’t zwischen dem führenden Balkanstaat und dem Dritten Reich. Dabei 'i nicht zuletzt auch der kulturellen gedacht worden, deren Pflege schon ■ii mehr als anderthalb Jahrhunderten in beiden Ländern mit ver- ^rdnisvoller Hingabe geschieht. Unter den Deutschen ist vor allem kein fe'ingerer als Goethe selbst zu nennen, der säst ein halbes Jahrhundert re sich die Förderung der serbischen Volkslieder hat angelegen sein Men. Goethe erlebte mit Bewußtsein sein deutsches Volkstum zuerst in «daßburg — trotz dessen politischer Zugehörigkeit zu Frankreich. Aus feer Stimmung heraus fand er den Weg zum Verständnis auch ‘[nieten Volkstums, zumal wenn sich dies ihm in der Unberührtheit ™er Jugend zeigte. Ein solches Empfinden beseelt« ihn, als ihm 1775 SJ'e Schrift „Die Sitten der Morlacken", eines serbisch-dalmatinischen ;!c ksstammes, zu Gesicht kam. Sie begeisterte ihn zu dem ergreifenden feucht .^lagegesang der edlen Frauen des Asan Aga", das 1778 in *[Kt Volksliedersammlung erschien, in welcher der Herausgeber den ?«sang von Milosch Kobilitsch und Duko Brankowitsch" aus dem fechen Stoffgebiet beisteuerte. Beide Gedichte gehören zu den zahl- [chen Heldenliedern, die in dem serbischen Volke seit dem 14. Jahr- federt entstanden. Sie sind geboren aus dem Schmerz um den Plötzen Verfall des in der Mitte des Jahrhunderts von dem jugendlichen Men. Stefan Duschan (1331 bis 1355) gegründeten Großserbenreiches ? der blutigen Schlacht auf dem Amfelfelde 1389, in welchem Jahre fe mehr und mehr sich durchsetzende Unterwerfung der Balkanoolker jfer das türkische Joch begann. Sie haben sich aber, viele Jahrhunderte «durch sich nur Mündlich fortpflanzend, erhalten, bis im 19. Jayr- ,'vi)ert endlich, ebenso nach und nach, die Befreiung kam. Die ioch- .[»ttgkeit der Wirkung dieser Lieder ist einer der überzeugendsten Be- [ch für die Bedeutung des Volksliedes bzw. der Nationalliteratur für Erhaltung eines Volkes auch in fchwerster Bedrückung. -Oabei sind die serbischen Volkslieder, wie man sie kurz nennt, durch- ) nicht zum größten Teil politischer Natur. Schön die eben genannten en die beiden Hauptrichtungen an. Der „Gesang von Milosch >s allerdings das am meisten politische Lied. Er will die Niederlage auf dem Amselfeld deuten. Die Unbegreiflichkeit eines so schnellen Machtniederganges kann aus dem Volksdenken heraus nur durch einen schnöden Verrat erklärt werden. Die Ueberlieferung bezichtigt Buko und seinen riesenhaften Sohn. Das Lied führt die Angelegenheit aus dem Gebiet des Staatlichen und Politischen in das des rein Menschlichen. Vuko beschuldigt aus gekränktem Ehrgeiz seinen Nebenbuhler, den edlen Milosch, des Verrats. Um sich zu rechtfertigen, schleicht sich dieser am Morgen des Schlachttages in das Zelt des türkischen Sultans Murad und erdolcht chn. Dabei widerfährt ihm natürlich das gleiche Schicksal. Doch bringt er das Opfer vergeblich. Die durch den Mord entfachte Kompfeswut der Türken bereitet den slawischen Balkanvolkern eine vernichtende Niederlage. Das Lied kann den peinvollen geschichtlichen Ablaus fortlassen. Es begnügt sich mit dem Heldeuschicksal und bleibt dabei ebenso nahe dem Menschlichen wie Goethes Klogegesang, in dem die Mutterliebe den ungetreuen Gatten bezwingt, wenn sie dabei auch selbst zugrunde geht. Beide Gedichte haben nach ihrem Erscheinen viel Aufsehen erregt und mancherlei Erörterungen, besonders über das Goekhejche Gedicht, ausgelöst. Dadurch weckten sie ein steigendes Interesse des deutschen Volkes an der serbischen Dichtung^ Dieses wurde noch mehr gefördert, als der Osten durch die Feldzüge Napoleons nach Aegypten, dem Balkan und schließlich nach Rußland in Mitteleuropa recht handgreiflich« Gestalt annahm, in dem er seine Völker quer durch Deutschland über den Rhein weg bis zur Seine schickte. Dieser engen Berührung Mischen Osten und Westen, wie sie die Kriegsereigniss« herbeisührten, entsprach die friedliche Entwicklung. Ein allgemeiner Geisteszug nach dem Osten machte sich geltend. In den Jahren 1812/13 konnte sich Goethe in eine eben erschienen« Uebersetzung der Werke des persischen Dichters Hafis versenken, was ihm geradezu ein Erlebnis bedeutete und auch tatsächlich wurde, als in den anschließenden Jahren die Begegnung mit Marianne von W ille m«r den „West-östlichen Divan" heranreifen ließ. So innerlichst vorbereitet und abgestimmt konnte er von 1815 ab zum andern Mal der serbischen Dichtung dienen. Nunmehr unmittelbar! Die Befreiung der Griechen und Serben war inzwischen zu einer dringlich erscheinenden Frag« der europäischen Politik geworden. Bereits aus dem Wiener Kongreß spielte sie eine Rolle. Hier wurde es von Bedeutung, daß Jakob Grimm von den Vertretern der preußischen Regierung als Fachmann für altdeutsche Handschriften, deren Rückgewinnung als erwünscht erschien, mitgebracht worden war. Jakob Grimm und sein Bruder Wilhelm waren Goethe schon seit einer Reihe von Jahren durch ihre Forschungen über das deutsche Altertum und Märchen persönlich bekannt. In Wien konnte es daher Jakob wagen, eine Auswahl griechischer Lieder durch einen Freund, der sie übersetzt hatte, an Goethe zu schicken. Sie fanden im ganzen dessen Beisall. Das ermunterte, den Anerbietungen eines in Wien lebenden und hier für fein unterjochtes Vaterland wirkenden serbischen Sprachforschers Buk Stefanowitsch Karadschitsch näher zu treten. Jakob Grimm sah sich durch ihn veranlaßt, selbst eifrigst serbische Sprachstudien zu machen, die ihn bald befähigten, das von Buk herausgegebene Bändchen serbischer Lieder zu verstehen. In diesem befand sich auch Goethes Klagegesang von 1778 in serbischer Sprache. Goethe freute sich über diese Aufmerksamkeit wie über die beigegebene wörtliche Uebersetzung der einzelnen Lieder. Doch ließen ihn in der nächsten Zeit das Mariannen- ertebnis wie häusliche Ereignisse nicht zur planmäßigen Verfolgung der eingeschlagenen Wege kommen. Diese Zeit benutzten Jakob Grimm zur Werbung für die serbischen Volkslieder in seinem Bekanntenkreis und Vuk zur Erweiterung seiner Sammlung, die er schließlich auf drei Bände brachte. Es gelang ihm, in Leipzig einen Verleger zu finden, und zuletzt durfte er, auf einen empfehlenden Bries von Jakob Grimm hin, sogar Ende 1823 vor dem Dichterfürsten in Weimar selbst erscheinen und ihm sein Werk überreichen. Ein zweiter Besuch erfolgte im Anfang des nächsten Jahres. Goethe lebte damals vollkommen im Banne der serbischen Gedichte. Er beteiligte sich wieder an ihrer Neugestaltung in deutscher Sprache. Anlaß dazu gab ihm ein Fräulein Therese Albertine Luise von Jakob aus Hall«, die durch Grimmsche Besprechungen auf die ferbischen Volkslieder verwiesen worden war. Sie gewann das Vertrauen des Dichters und veröffentlichte 1825 unter seiner wohlwollenden Förderung einen Band „Volkslieder der Serben metrisch übersetzt und historisch eingeleitet" unter dem Pseudonym Talvj (den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- und Zunamen). Goethe schrieb über diesen einen größeren Aufsatz „Serbische Lieder" in der Zeitschrift „Kunst und Altertum". Darin würdigt er natürlich in erster Linie die Sache selbst, d. h. die serbischen Lieder. Dabei fällt sein Hauptinteresse den Gedichten mit vorwiegend menschlichem Inhalt zu. Im Sinne dieses Aufsatzes ist es aber auch wichtig, nachdrücklich zu unterstreichen, daß er nicht zuletzt die südslawisch-deutschen Kulturbeziehungen fördert, indem er das Gewicht seiner Persönlichkeit in die Waagschale wirst. Er bekennt unumwunden, nicht nur selbst seit Jahrzehnten sich dem Studium der serbischen Lieder gewidmet zu haben, sondern auf alle Weise für sie eingetreten zu fein. Als sachliche Unterlage dienen ihm die Vorarbeiten von Jakob Grimm, den er als einen „Sprachgewaltigen" feiert. Beachtlich ist heute noch das Grundsätzliche, das er über Volkslieder sagt. Er verlangt: „In Maße muß man dergleichen Gedichte vor sich sehen, da alsdann Reichtum und Armut, Beschränktheit oder Weitfinn, tiefes Herkommen ober Tages- slochheit sich eher gewahren und beurteilen läßt." Goethe konnte mit der Förderung der südslawisch-deutschen Beziehungen zufrieden sein. Schon drei Jahre später (1828) bemerkte er bei der Ankündiaung neuer Dichtungen in derselben Zeitschrift: „Die serbische Poesie hat sich nach einem fünfzigjährigen Zaudern, manchen eingeleiteten, aber stockenden Versuchen, endlich in den Literaturen des Westens ausgebreitet, daß sie weiter keiner Empfehlung bedarf und sogar des Neuesten fast überflüssig scheint." Dieses Urteil Hot in steigendem Maße in dem darauffolgenden Jahrhundert seine Berechtigung gefunden. Mit dem Tankschiff rheinabwärts. Von Wilhelm von Priem er n. Das Auto der Werkleitung windet sich vorsichtig durch die quadratartig angelegten Straßenzüge der Fabrikstadt, die ihren Namen nach den verschiedenen Provuktionen der einzelnen Betriebe führen: Schwefelsäure-, Salpetersäure-, Butadienstraße. Im Vorbeifahren lese ich die Bezeichnung: Bau 183, Bau 546 und so weiter. Eine gigantische Stätte der Arbeit, diese Betriebe der IG.- Farben in Ludwigshafen! Es ist gerade Feierabend oder besser Schichtwechsel. Wir schieben uns langsam hindurch. Trupp für Trupp strömt aus den Werken oder kommt uns entgegen. Dazwischen quietschende Rangierzüge mit den hohen schweren Talbot-Spezialwagen, beladen mit spanischem Schwefelkies, dann wieder die langen Wagenreihen der Werkbahn, die dis Belegschaften hin und her von dem sechs Kilometer entfernten Oppau befördert. Plötzlich ein Weg, der durch wogende Kornfelder und landwirtschaftliche Kulturen führt. Auch dieser Grund und Boden gehört dem Werk. Wir befinden uns zwischen zwei Welten: hinter uns die mächtigen rauchenden Schlote von Ludwigshafen und vor uns noch einmal das gleiche gewaltige Bild der nie verklingenden Symphonie der Arbeit: Oppau mit seinen riesigen Stickstoff-Fabriken, dem Hauptwerk in Ludwigshafen an Ausdehnung und Bedeutung nicht nachstehend. Dann weiter den Rhein hinunter, an Krananlagen vorüber, deren Zyklopenhände eben noch in den Bauch der Leichter griffen, die mit ihrer gewichtigen Last vorn Schwefelkies aus SUdspanien von Rotterdam heraufkamen, oder den entschwefelten Kies in ihn hinein schütteten zu letzter Verarbeitung in den Kupferhütten von Duisburg. Das Material wird restlos ausgenutzt. Zuletzt wird ihm noch sein Kupfer-, Silberund Goldgehalt entzogen. ' In der starken Nachmittagssonne des heißen Junitages gleißen auf einem langgestreckten Schiff über der Wasserlinie sechs weit über mannshohe Aluminiumkessel. Schier endlose, schlangenartig gewundene Rohrleitungen aus dem gleichen Metall verbinden sie mit dem Land. Sie verschwinden am Kai, um irgendwo dort an dem riesigen Bau zur Linken, der mit seinen Essen in den Himmel ragt, zu verschwinden. Dazwischen ein Streifen Land, mit Grasnarbe und vereinzelten Bäumen bewachsen, dann der breite Werkbahnhof von Oppau mit seinem ewigen Kommen und Gehen und Rangieren endloser Züge. Wir sind am Ziel, am Tanc- schtsf I. Q. 4 angelangt. Kapitän Page hat uns schon von weitem gesehen, schwenkt die Mütze und kommt uns entgegen. „Von Herzen willkommen", begrüßt er mich und schüttelt mir die Hand. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört, wir werden uns schon gut miteinander vertragen!" Lieber Käpten Page, heute kann ich es sogar schriftlich bestätigen, daß wir gute Freunde geworden sind. Du warst mir ein lieber, prachtvoller Kamerad, manche Stunde haben wir miteinander verplaudert und haben uns gut verstanden. Mehr noch sogar, wir waren uns ganz nahe, aber das geht nur uns etwas an. Ich werde dich gewiß nicht vergessen, dich und dein schmuckes Schiff mit der nützlichen, aber nicht ungefährlichen Salpetersäureladung. Und dann waren da deine guten, braven Jungens, der Matrose Flory Bernhard und der Schiffsjunge Jupp, um die du dich wie ein Vater sorgtest, daß sie auch genügend Schlaf hatten nach dem langen heißen Arbeitstag auf dem Rhein, die du bekochtest, ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren, und die dir. genau so zugetan schienen wie du ihnen mit ihren 19 und 17 Jahren. Nietzsche sagt in „Jenseits von Gut und Böse": „Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham und etwas Kostbares!" Dieses Dichterwort patzt so recht auf euch drei. Der verantwortungsvolle Dienst und die schwer« Arbeit haben euch äußerlich hart und wortkarg gemacht, aber man spürt doch sehr bald, wie bei euch das warme Blut im Herzen schlägt. Käpten Page führt mich gleich durch seine kleine Wohnküche, in der es stets vor Sauberkeit blitzt, in seine Kabine. Ueberall Mullgardinen vor den Fenstern, keine Bullaugen, sondern regelrechte Fenster, weit- geöffnet, durch die die frische Rheinluft ungehindert hereinströmt. Urgemütlich und wohnlich: Schreibtisch, Sofa mit Tisch, Stühle, in der Ecke das Radio und daneben dann die geräumige zweibettige Schlafkabine. Besuch ist auch schon da, eine Dame von der großen Werksbücherei, die soeben eine rotlackierte Bücherkiste mit den zum Teil neuesten Erscheinungen auf dem Büchermarkt gebracht hat, und die gewöhnlich nach 3 bis 4 Monaten umgewechselt werden. Es sind jedesmal 12 Bücher, fast ladenneu, in Original- oder besten festen Werkbänden, die der Besatzung von I. O. 4 für diese Zeit zur Verfügung stehen. Später durfte ich mit die geistige Fracht nach Belieben betrachten. Da war „Liselotte von der Pfalz" von Ernst Berger, „Brot für 2 Milliarden Menschen" oder „Der Kampf um die Ernährung der Welt" von Anton Zischka, dann tonten „Zauber und Grauen des Südmeeres" von F. D. Omma-- neu und „Eines Arztes Weltfahrt" von Victor Heiser, ferner Hervey Alle ns spannender Roman „Antonio Adverso" und John Knittels „Therese Etienne" zum Vorschein. Außer „Mein Kamp f" ist an politischer Literatur auch Sven H e d i n s „50 Jahre Deutschland" nicht vergessen. Auch alte Bekannte gibt es wie Ludwig Ganghofers „Schloß Hubertus", und Karl Mays „Sklavenhändler" ist natürlich gleich an Jupp weitergewandert. Aber es bleibt freilich wenig Zeit zum Lesen. Abends ist man meist müde nach der schweren Arbeit des Tages. Während ich es mir nun in meiner gemütlichen, blitzsauberen Gästekabine bequem mache, die in nichts der Touristenklasse auf großen Ozeandampfern nachsteht, höre ich, wie draußen die Ladearbeit zu Ende geht. Die Rohrschlüuche werden mit äußerster Vorsicht gerade abgeschraubt und die Ventile geschlossen. Die Arbeiter haben dicke Gummihandschuhe an den Händen und sind mit allen Schutzmitteln versehen. Mir fallen die immer wiederkehrenden Warnungen ein, die ich in allen Betrieben der Schwefelsäurefabrik heute so häufig las: „Wenn du mit Säuren umgehst, denke an dein« Augen!" Run, di« Brühe der Salpetersäure ist keineswegs harmloser. Dicke gelbbraune Rauchschwaden ziehen noch einmal aus den Tanköfsnungen, aber sie werden von der frischen Adendbrise glücklicherweise sofort vertrieben, ehe sie Schaden anrichten können. 9lur. ist der Teufel gefangen, sein tödliches Gift ruht wohlverwahrt in de« festen Kesseln aus Duralumin, die es so leicht nicht wieder hergeben. 60 000 Liter birgt ein jeder dieser Ungeheuer. Jede Säure erfordert ihr besonderes Metall, dem sie nichts anhaben kann. Eisen würde von Salpetersäure sehr bald zerfressen, wie Aluminium wiederum etwa siir Schwefelsäure nicht möglich wär«. Mit berechtigtem .Stolz zeigt mir der Kapitän sein Reich, das mit allen technischen Errungenschaften und ungemein praktisch eingerichtet ist Sogar ein Kühlschrank ist vorhanden. Seinen Inhalt sollte ich bdb kennenlernen, denn schon macht mir Page mein Abendbrot: westfälische warme Wurst mit' kleinen Delikateßgurken. Aufschnitt, so viel ich nwt und Butter und Brot. Gegen 8 Uhr verläßt er mich, die Jungens sich schon lange an Land gegangen, er will heute noch Muttern helfen, Bohnen zu pflanzen. „Nein, sie kommt nicht mit; wissen Sie, jetzt, wo iit Kinder erwachsen sind, ein Sohn ist bei der Verwaltung in Leverkuici, der andere wird Chemiker, da hat meine Frau zu viel zu tun, unfr kleines Anwesen in Ordnung zu halten, das sie ganz allein beforst. Morgen um 8 etwa fahren wir ab, ich wecke um sieben, und nun .recht gute Nacht' und sorgen Sie sich um nichts, es kann nichts passieren!" Da saß ich nun mutterwindaklein an Bord des I. G. 4 auf dem Rhein bei meinen lieben Giftkesseln, und bewachte Werte von rund 150 (MO Reichsmark. Allerdings stehlen würde sie niemand, dessen war ich durchaus sicher. Ich stellte mir einen KUchenstuhl hinter die Schanz und träumte in den wundervollen Junihimmel hinaus. Unsagbar schön dieses gewaltig! Lied der Arbeit zur Linken, die Riesenbauten mit den schwarzen Schloten, die in das Purpurrot der Abendglut griffen. Gleichmäßig ertönte dis Pochen und Hämmern der Wasserpumpe, unaufhörlich, mein Wiegenlied für diese Rackst. Der Kapitän hatte rührend für mich gesorgt. Ein Fläschchen Vier hatte ich bereits vorhin vertilgt, jetzt stand ein Liter Rheinwein neben mir, den ich langsam auspichelte, bis ich meine gleißenden „Gißbrüder" da nicht mehr sah und mit der nötigen Bettschwerx im mollig!« Federbett versank. Der Lärm der Pumpe drüben kam nun gegen tw Schlaf des Gerechten nicht mehr an. Punkt 8 Uhr in der Frühe wurde der Laufsteg eingezogen, licht," I. G 4 die Anker zur Talfahrt. In gravitätischem Bogen wurde beigedrs st ein Grüßen und Winken, dann dreimal drei Glockenschläge, das „5« Gottes Namen" hallt über das Wasser. Welche einfache schlichte Frömmigkeit liegt in diesem alten Schifferbrauch! Ich denke an die allsonntägliche Fürbitte des Geistlichen in unseren Kirchen: „und behüte in Sonder- heit die Schiffe, welche auf der Fahrt sind". Wir machen etwa 24 Stundenkilometer talwärts. Der Motor hämmert und dröhnt, daß die $er- ständigung schwierig wird. Page steht unermüdlich am Steuerrad, d>v ungefähr anderthalb Meter Durchmesser hat, beständig hißt er die blaue Flagge, die die Stelle etwa eines Autowinkers innehat, und zieht iit sofort wieder ein, wenn das entgegenkommende Schiff passiert ist. Noch einem Stündchen ist Worms erreicht mit seinem wundervollen Dom. Di lieben alten Türme grüßen in den Morgen hinein. In den Anlagen am Rheinufer wirft der grimme, bronzene Hagen seinen Nibelungenschatz m den Strom, womit er anscheinend nie fertig wird, und dann di« altehrwürdige Liebfrauenkirche. Weiter auf dem heiligen, deutschen Schicksalsstrom. Guntersblum, Oppenheim mit seiner Katharinenkirche und bem Beinhaus, das 30 000 Schädel der im Dreißigjährigen Kriege Gefallen.« birgt und Nierstein mit den edelsten Lagen auf rostroten SchieserberM die ein jeder von der Weinkarte her kennt. Florys und Jupps hat sich währenddessen der Scheuerteufel bemächti-st Das Großreinmachen wird gründlich besorgt. Beide stehen in hoh-!' Gummistiefeln auf den Kesseln, scheuern, schrubben und spritzen, daß &1 Bäche aus den Ausgußlöchern strömen. Selbst die Kommandobrücke uÄ gehörig von außen vorgenommen. Das Wasser fließt schon durch a.üi Ritzen, aber im Nu trocknet alles wieder die heiße Sonne, di« jetzt H schmerzend auf das Aluminium brennt. Da ist es schon besser auf bii grünen Ufer zu blicken, aus das Metternichsche Schloß, von Reben uim geben, auf die weltbekannten Weinorte Eltville, Oestrich, Rüdesheirn, Aßmannshausen, auf das Niederwalddenkmal, den SDläufeturm, dm Binger Loch und die wunderbaren alten Burgen, von denen Pag« Sage kennt. Schon im „goldenen Mainz" wurde er von einem Kolleg m am Steuer abgelöst. In Bingen kam der Lotse hinzu. Die Fahrt wur> kaum verlangsamt. Alle enterten wie die Katzen an Bord. Freund W verwandelte sich während dessen in einen Brillat-Savavin, in ein.» „Kochkäpten", und mit welcher Liebe und Sorgfalt war das Mm bereitet:- Fleischbrühe mit Semmelklötzen, paniertes Schweinskotelett JW” frischem Spinat! Am späteren Nachmittag weckte mich ein muskulW Arm, der mir ein Schälchen mit den ersten Kirschen zum KabinenfenM hineinreichte. , So verging ein unvergleichlich schöner Junitag auf dem Rhein. Fwr liche Menschen an den Usern oder in den Strandbädern wie in Kable"! Auf dem Strom ein beständiges Kommen und Gehen der schmucker weitzen Köln-Düsseldorfer-Dampfer und der Schleppzüge aller am W angrenzenden Nationen. Der Abend sank, als Köln erreicht war, wo ich gebeten hatte, mm Kai abgesetzt zu werden. Der Himmel verglühte in wundervollen Farbe'- Die Domtürme blühten rosenrot in ihrer seinen Gotik. Der Abschied w» den drei Getreuen war schwer. Was war das für eine liebe Samer®: schäft gewesen, was für ein Erlebnis! Wir schüttelten uns immer mie®-’ die Hände, dann drehte I. G. 4 wieder bei, lag breit auf dem Strom w« hämmerte unter der großen Eisenbahnbrücke hindurch. Ich blickte i$m lange nach. Die drei lieben Menschen winkten und winkten, bis Schiff in der Strombiegung verschwand mit dem Kurs auf ßecerfuR das ich nun morgen selbst in seiner ganzen Größe und vorbildlichen Are--' kennenlernen sollt«. Meine Tankschiff-Fahrt von Werk zu Werk rv" beendet. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brüh Ische Unlverjitäksdruckerel A. Lange, Gietze». Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer 59 Zreitag, den 4. August ahrgang 1939 Colm ir A Aätec6.U6 , sie jetzt, uolour & Grey Control Chart «s Blue Cyan White Grey 1 0 cm hei Und dann bricht der Sturm los — und die Russen werden im deutschen Maschinengewehrfeuer zusammengeschossen. Nur Trümmer der stolzen angreifenden Regimenter kehren zurück, ohne ihr Ziel erreicht zu haben. In der Seele der geschlagenen Muschiks keimt der Haß gegen jene, die sie erneut fruchtlos gegen die Deutschen jagten. Und nun leihen sie den höhnenden Sprechern und Anhängern der Sowjets ein willfähriges Ohr. Dieser Einsatz der Russen am Brimont soll in den nächsten Wochen für Frankreich verhängnisvoll werden. Deutscher Heeresbericht. Großes Hauptquartier, 19. April 1917 Eine Armee meutert SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Bericht von p. 8. Lttighoffer Divisionen, die als Hilfskorps gedacht waren, sind vom Gift der Zersetzung und der Unbotmäßigkeit, das ihre Heimat töten soll, noch nicht erfaßt. Sind sie's wirklich noch nicht? Scheinbar ist noch alles ruhig, aber es sind in letzter Zeit Briefe aus Rußland an die Hilfsdivisionen gelangt. Es gärt langsam, vorerst noch unmerklich, aber es gärt. Jetzt, da die Truppe eingesetzt werden soll, macht sich eine böse Unruhe bemerkbar. Es arbeitet in diesen Männern, die nicht einsehen wollen und einsehen können, daß jetzt, da Rußland mit Deutschland Waffenruhe vereinbart hat, zum -V R"Kland ist groß und weit. Und was sollen die 'M* Boden verteidigen? Ihr weites, entferntes " terchen Rußland? Ach, lächerlich, das wird mutigen opfern fehl. Bei La Bille-aux-Bois, dessen Waldstellungen für uns ungeeignet geworden waren, richteten wir uns in einer hinteren Befestigungslinie ein. Am Brimont jagte der Gegner die in Frankreich liegenden Russen zu vergeblichem verlustreichem Angriff ins Feuer... Wie verhält sich nun Nivelle? Wie nimmt er diese verhängnisvollen Nachrichten auf? Seine Tagesberichte find bescheiden und klingen ganz anders als die großen Versprechungen, die er vorher in die Welt hinausgeschickt hat. Die rücksichtslose Fortsetzung der Angriffskämpfe ist ja befohlen. Bisher waren nur etwa die Hälfte aller Divisionen im Feuer. Mit noch fast dreißig unversehrten Divisionen hofft Nivelle noch einen bedeutenden Erfolg zu erringen. Vielleicht wird ihm ganz plötzlich, ganz unverhofft der Durchbruch gelingen. Den Briten gegenüber aber muß er sich irgendwie rechtfertigen. Marschall Haig hat bisher viel größere Erfolge erzielt. Sein Geländegewinn zählt nach Kilometern, wo Nivelle nur mit Hun- 9 10 ire Pflicht tun, wenn es den 2>eutja?en e< fragen. Was find zwei Divisionen? Nichts, eine Bagatelle, nichts, eine Heinigteit. Zwei Divisionen können innerhalb von zehn Minuten über- innnt werden. Aber auch für das deutsche Heer ift’s eine große Tragik, laß es diesen günstigen Augenblick nicht erkannte und nicht nutzen konnte. Frankreichs Heer ist müde. Und den Keim zu dieser Müdigkeit hat iner gelegt, der es gut mit seiner Nation meinte und nur für sie lebte, - Nivelle, der Oberbefehlshaber. — „Truppen aller deutschen Stärnrne." Im Eifer und im Angriffswillen, der sich ganz auf die Armee Anthoine bschränkt, hat Nivelle den nennenswerten Teilerfolg der Armee Mangin »versehen. Die VI. Armee konnte, in machtvollem Nachdrücken, den feld- ürauen Hauptgürtel nach Norden abdrängen und das scharfe Aisne-Knie »usbllgeln. Ueberhaupt, General Mangin wird feine Kampfesfreudigkeit auch weiterhin zeigen und Schritt für Schritt, hundert Meter um hundert Sieter, die deutsche Verteidigungslinie vor seinem Abschnitt zum Ausdeichen zwingen. Aber man wird erst später aus diesem stückweisen, langsamen, mühseligen Borrücken einen großartigen Sieg basteln und rn als Erfolg der französischen Waffen sondergleichen preisen. Diese Frontverkürzung kommt aber, streng genommen, der deutschen Heeres- litung nicht ungelegen, denn nunmehr sind die Höhen des Damenweges rreicht. Am Affenberg mit der berüchtigten Klaraschlucht an der Laffaux-Ecke, drnn nördlich am Fort Conde vorbei auf der Spur der einstigen Straße, be man Chenrin des Dames nennt, wird der Feldgraue erklären: „Bis nirhe weitert'1 Uni) er wird keinen .Sduili-mnhi: meirfieai Kunden sollte das Gelände genommen wert,».., —------------ chehr als ein halbes Jahr soll es dauern bis zur Wegnahme dieser kurzen Erecke, Und jeder Schritt Bodengewinn soll mit dem Blut stürmender ivilus getränkt sein. . Es ist geradezu seltsam, wie wenig Aufmerksamkeit General Nivelle "r Augenblick den Fortschritten der Armee Mangin schenkt. Es geht ihm "chl schnell genug. Das Vorrücken Meter um Meter, wie es dort geschieht, 9mügt dem Hitzkopf nicht. Er wird also noch einmal die Armee Anthoine z.m Durchbruch vorschicken. , Am 18. April wird Wiederholung der Kämpfe befohlen. Schon beim uchen Morgengrauen gurgelt das Trommelfeuer und brodelt auf der 8 nzen Front. Diesmal soll der Brimont, dieser starke Eckpfeiler in der ,^l!chen Verteidigungslinie, zu Fall gebracht werden. Und den Russen 1 4 °ie Ehre zufallen, den Brimont genommen zu haben. ». Väterchen Zar ist längst abgesetzt. Die russische Revolution ist gewesen. 6Dec die im Winter 1916/17 von Odessa in Marseille gelandeten russischen ünreden können. Was versteht der russische Waffenbrüderschaft! Der Zar ist abgesetzt: geschworen. Nun ist niemand mehr da, für ) gehen könnte oder müßte, kein Zar, keine Ms. Der Muschik weiß nicht, was er tun soll. Heimat Wiedersehen möchte. Und er weiß dufte geben wird da vorne in der Schlacht, n will. Er kennt die Deutschen, der kleine deutsche Soldat zäh und hartnäckig ist. Als n allen Regimentern des Zaren, dieser Hartum also noch einmal gegen ihn marschieren? dte Kameraden auf. Es bilden sich Soldalen- rtunitionsfarren und halten scharfe Änklage- sowjetrussischem Muster abgestimmt. Sollen —* , < befolgt werden? Sollen die russischen Regimenter zum Angriff marschieren oder nicht? Die Offiziere beschwören ihre Soldaten, erklären ihnen die Notwendigkeit des Marschierens und Kämpfens, erinnern sie an die Pflicht. „Der Zar wird wiederkommen", sagen sie, „er wird ganz bestimmt wiederkommen und Rußland regieren, unser armes Rußland, das augenblicklich nur eine Krankheit durchmacht. Und dann wird Väterchen Zar von euch Rechenschaft fordern." Die Regimentskommandeure erscheinen, heben die alten, ruhmreichen, verblichenen Regimentsfahnen und Standarten hoch, zeigen sie den Muschiks und erinnern sie an den Fahneneid. Und da erleiden die Sowjets eine Abfuhr. Die Truppe bekennt sich zur alten Zarentreue. Popen kommen und segnen die knienden Kompanien. Die Offiziere küssen das Kreuz nach alter Sitte. Mit dem Zarenlied auf den Lippen, Fahnen und Standarten entfaltet, marschieren die russischen Hilfsdivisionen in ihre Sturmstellungen. 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