Nummer 57 Freitag, den 28. Juli hrgang 1939 sich «f dem Trichterfeld. Nur elf Sturmwagen entrinnen ihrem bitteren Schicksal und gelangen, Mu Teil noch beschädigt, alle aber verschrammt von Geschoßsplittern und Aaschinengewehrgarben, in ihre Ausgangsstellungen zurück. Der Tank- irgriff auf Juviucourt ist abgeschlagen, erstickt in Blut und Tod und Kämmen. Auf der ganzen Frontbreite zwischen dem Aisneknie und dem Brnnont sicht die feldgraue Abtvchrfront eisern und unbeirrt immer noch in der h«uptverteidigungslinie, steht noch da, als der Abend sich niedersenlt nrb die Zeit anbricht, da die Vorhut des grimmen Mangin schon in Ge- Mhrschußweite der Kathedrale von Laon operieren müßte. * Deutscher Heeresbericht vom 16. April 1917 abends. An der Aisne hat der große französische Durchbruchsstoß mit weitlegtem Ziel nach zehntägigem Massenfeuer begonnen. Auf der vierzig ilometer breiten Angrisfsfront ist der erbitterte Kampf um unsere vorderen Stellungen im Gange. Französischer Heeresbericht vom 16. April 1917 abends. Zwischen Soissons unb Reims griffen wir nach mehrtägiger Artillerie- nbereitung heute'morgen die deutschen Linien auf einer Ausdehnung von > Kilometern an. Die Schlacht lvurde in dieser ganzen Front, lvo der Feind Äeutende Kräfte und eine zahlreiche Artillerie gesammelt hatte, mit bbitterung geführt. Die Tapferkeit unserer Truppen besiegte den energi- Hen Widerstand des Gegners. Zwischen Soissons und Craonne siel die zmze erste Stellung der Deutschen in unsere Gewalt. Oestlich von Craonne ichmen unsere Truppen die zweite deutsche Stellung südlich Juviucourt. Weiter südlich schoben wir unsere Linie bis zum Westrand von Bermericourt iirb bis zum Aisne-Kanal vor zwischen Louvre und Courey. Wiederholte luftige Angriffe nördlich von La Ville-aux-Bois brachen mit beträchtlichen Verlusten für den Feind in unserem Feuer zusammen. Deutscher Heeresbericht vom 17. April 1917. Westlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. An der Aisne ist eine der größten Schlachten des gewaltigen Krieges md damit der Weltgeschichte im Gange. Seit dem 6. April hält ununter- stochen die Feuervorbereitung mit Artillerie und Minenwerfern an, strch die die Franzosen in noch nie erreichter Dauer, Maß und Heftigkeit «ufere Stellungen sturmreif, Misere Batterien kampfunfähig, unsere Truppen mürbe zu machen versuchten. Am 16. April, frühmorgens, setzte von Ioupire an der Aisne bis Betheney, nördlich von Reims, der auf einer Istont von 40 Kilometern mit ungeheurer Wucht von starken Jnfantene- Iriften geführte und durch Nachschub von Reserven genährte, rief gegliederte Dirchbruchsangriff ein. Am Nachmittag warf der Franzose neue Masten in den Kampf und führte starke Nebenangriffe gegen unsere Front zwischen Cife und Conde zur Aisne. Bei dem heutigen Feuerkampf, der die Stellungen einebnet und breite tiefe Trichterfelder schafft, ist die starre Verteidigung nicht mehr möglich. Der Kampf geht nicht mehr um eine Linie, sondern Mi eine ganze tiefgestaffelte Befestigungszone. So wogt das Ringen um hie vordersten Stellungen hin und her mit dem Ziel, selbst toenn dabei Küegsgerät verlorengeht, lebendige Kräfte zu sparen, den Femd durch fätoete blutige Verluste entscheidend zu schwächen. Diese Aufgaben sind dank der vortrefflichen Führung und der glanzenden inpferkeit der Truppen erfüllt. ,, „, . , . „ Am gestrigen Tage ist der große französische Durchbruchsversuch, dessen liel sehr weit gesteckt war, gescheitert, die blutigen Verluste des Feindes 'd sehr schwer, über 2100 Gefangene sind in unserer Hand geblieben. 2$o der Gegner an wenigen Stellen in unsere Limen eingedrungen l wird noch gekämpft. Neue feindliche Angriffe sind zu erwarten . Die Truppe sieht den kommenden schweren Kämpfen mit Vertrauen Mgegem Der Erste Generalguartiermeister: Ludendorsf. Lim Armee meutert SCHIGKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Bericht von P. L.L1tighoffer Lopgright b y Bertelsmann Gütersloh 12. Fortsetzung. Vierundsechzig von ihnen bleiben im Trichterfeld stecken, können . . «licht mehr durch eigene Kraft befreien. Die Besatzung verläßt die Wagen md flüchtet rückivärts, umbellt von deutschem Gewehrfeuer. Sirbeuundfünfzig Panzerwagen liegen völlig zerstört, brennend, migeworfen, mit geöffneten Flanken, ohne Farbe, ohne Leben, zerstreut Der Zusammenbruch beginnt. Paris ist das Herz Frankreichs. Paris spricht und Frankreich hört zu. Paris ist das Herz der Ration, ist's erst recht jetzt, im Wirbel des Krieges. Paris allein macht die öffentliche Meinung. Und dieses Paris steht beim Morgengrauen des 16. April 1917 auf den Straßen, an den Fenstern und lauscht hinaus gegen Nordosten, wo die Front tobt. Der kalte Norb- ostwind bringt unentwegt die dumpfen Schallwellen heran. Und so vernimmt ganz Paris das letzte Aufflackern aller Kräfte zum Auftakt des entscheidenden Sturmangriffs. Und daun läßt das Feuer nach. Vielleicht wird auch der Schall jetzt vom Lärm der erwachenden Riesenstadt erstickt. Der Bürger begibt sich an seine Arbeit, geht seiner täglichen Beschäftigung nach im frohen Bewußtsein, daß der Poilu unter dem Kommando von Nivelle schon ordentliche Arbeit leisten wird. Er, der Bürger, kann nichts tun, als den Abend abwarten und die Bekanntgabe der neuesten Meldungen. Aber die Stunden fließen an solchen Tagen guälend langsam dahin. Vielleicht läßt sich draußen an den Gürtelbahnhöfen der Pariser Bannmeile etwas erfahren. Große Truppentransporte, aber auch Lazarettzüge, werden nicht durch Paris geführt. Hierzu besteht keine Möglichkeit, weil der Pariser Stadtkern ja nur Sackbahnhöfe hat. Die große Gürtelbahn aber vermeidet diesen Kern und ist von jedem Punkt der Stadt aus in kurzer Zeit mit den üblichen Beförderungsmitteln zu erreichen. Also fahren um die Frühnachmittagsstunden dieses kalten Montags zahlreiche Bürger hinaus zu den Bahnhöfen der Gürtelmeile. Und siehe, lange brauchen sie nicht zu warten. Schon gegen 14 Uhr keucht ein langer Lazarettzug heran, ein Transport von der Angrisfsfront. Der Zug hält; es ist üblich, daß alle Lazarettzüge hier eine kurze Verpflegungspause einlegen. Sofort durchbrechen die Neugierigen die schwachen Absperrungen und nähern sich den Wagen. Sie kommen wohlgelaunt und freudig herbei. Sie schwenken ihre Hüte, klatschen begeistert in die Hände und rufen: „Bravo, ihr herrlichen Poilus, das habt ihr wieder mal gut gemacht, den Boches da oben habt ihr's gegeben! Das Vaterland dankt euch, seinen Befreiern." Einige Zivilisten machen ihre Photoapparate frei, um den Lazarettzug mit den verwundeten Helden der Durchbruchsschlacht zu knipsen. Andere kommen vertrauensvoll näher, um Einzelheiten, interessante Einzelheiten zu erfahren. Aber die verwundeten Poilus sind schlecht gelaunt. Warum? Was ist los? Weshalb sind die Gesichter der Männer im Lazarettzug so finster? Verwundete sind meist freundlich, zufrieden, bescheiden und dankbar für jede Anteilnahme. Diese Poilus aber schreien die Photographen an und brüllen weithinschallend über den Bahnhof: „Haltet nur den Mund, ihr Heimkrieger!! Schweigt von Durchbruch und Sieg, haha--Geht mal hinauf an den Damenweg und schaut euch die Schweinerei an. Zehn Tage lang hat Nivelle getrommelt und hak die Deutschen für mausetot erklärt. Und nun kommen wir drüben an und finden eine wohlorganisierte Abwehr. Solch ein Maschinengewehrfeuer hat noch nie ein Mensch erlebt! Geht zum Teufel mit eurem Hurrapatriotismus. Die Armee ist verraten worden. Irgendwelche Schufte haben uns zur Schlachtbank geführt. Und die Schwarzen find laufen gegangen. Jawohl, Mangins Schwarze sind ausgerissen wie Schafe im Hagelwetter, und wir mußten die Lücke schließen und noch schnell die deutschen Gegenstöße auffangen. Eine Schweinerei sondergleichen! Das ist Verrat, das ist Verrat! Man hat uns gemordet---1 Mord! Verrat! Nieder mit General Durchbruch---!" Entsetzt weichen die Neugierigen zurück. Was sie zu hören bekamen, ist ja furchtbar. Wirklich, roenn’s so ist, Dann ist Verrat im Spiel. Was hat sich in Wirklichkeit ereignet, welche furchtbaren Kräfte sind am Werke, um Frankreich den Todesstoß zu versetzen? Der Zug fährt an. Um weitere Zwischenfälle und störende Unruhe zu verhindern, hat der Bahnhofskommandant sofortige Abfahrt befohlen, ohne Verpflegung. Er wird auch weiterhin dafür sorgen, der entsetzte Bahnhofskommandant, daß keine Verwundetentransporte hier mehr Aufenthalt nehmen, hier nicht und nirgendwo in der weiten Pariser Bannmeile. Nur weg, weit weg aus dem Bereich dieser Stadt, in deren wirrem Riesengehirn eine solche Nachricht rasch in Niedergeschlagenheit übergeht und von Mund zu Mund verhängnisvoll weitergetragen wird. Nur rasch fort mit den Verwundetentransporten! Sie sollen Paris nicht mehr berühren und das Herz Frankreichs nicht mehr in Angst und Schrecken jagen. Die verwundeten Poilus, Frankreichs ruhmvolle Söhne, find plötzlich unerwünscht. ..... Der Kommandant handelt weise. Aber er kann diesen hundert und mehr Neugierigen Den Mund nicht verschließen, ihnen, die gekommen waren, um in vaterländischer Begeisterung Die wunden Krieger zu begrüßen, und Die nun in einen grauenvollen Abgrund blicken. Nein, ihnen kann Der Kommandant dieses Bannmeilenbahnhofs nichts verbieten. Denn diese Männer sind schon wieder unterwegs, sahren nach Paris zurück, erzählen überall ihre Wahrnehmungen. Wie Das sprichwörtliche Lauffeuer geht Die böse Nachricht durch Die Hauptstadt, und Die vaterländische Begeisterung schlägt um in tiefste iehenerzamilMbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Traurigkeit, und dann in Wut über angeblichen Verrat an der Sache Frankreichs. Und diese aufgeregte Menge, diese Masse Mensch, dieses Paris, Gehirn und Herz Frankreichs, versteht nicht, daß alles jo ist, wie es sein mußte, daß man sich diese Enttäuschung selbst zuzuschreiben hat, weil man planmäßig die öfsentliche Meinung mit der Unterschätzung des deutschen Gegners vergiftete, weil man ständig eigene Niederlagen verschwieg und den Feind als nichtswürdig und feig hinstellte. Jetzt rächt sich die rosarot gestimmte Propaganda einer unsachlich eingestellten Presse. Nicht Nioelle hatte versagt, sondern die französische Presse, die in Schönfärberei machte, wo sachliche und ernste Aufklärung viel besser und beruhigender gewirkt hätte. Nicht Nivelle und keiner dieser Generäle hat Frankreich verraten oder im Stich gelassen, sondern die öffentliche Meinung wurde wochenlang, monatelang, jahrelang planmäßig vergiftet. Aber Paris will das noch nicht einsehen. Paris kocht und brodelt vor Ungeduld. Was ist geschehen da vorne, da oben an der Front? Was? Wie? Wann? Und durch wen? Die Front liegt wieder erstarrt. Die Front wird aber erneut aufleben und sich aus der eisernen Umklammerung des feldgrauen Gegners zu befreien suchen, um noch einmal und immer wieder den Sprung in die Eben« hinab und an den Rhein zu wagen. Aber bei jeder Bewegung wird die feldgraue Klammer fester, rücksichtsloser zupacken. Vorläufig ruht noch die Front und schöpft Atem zum neuen Tag, denn Nioelle will morgen, am 17. April, noch einmal di« ganze Streitmacht einsetzen, noch einmal alles marschieren lassen, was ein Gewehr tragen kann, noch einmal zur Sprengung des feldgrauen Gürtels rücksichtslos und machtvoll anfetzen. Wichtiger als die langsam nachlassenden und sicher absterbenden Einzelkämpfe um kleinere Grabenstücke und Trichterwüsten sind jetzt die Ereignisse hinter der französischen Front. In Majsen strömen die verwundeten Poilus nach hinten. Jawohl, die Verwundeten des ersten Lazarettzuges, die damals am Rande des Pariser Häusermeeres solch böse Nachricht verbreiteten, hatten recht, als sie von einem bisher nicht gesehenen Einsatz deutscher Maschinengewehre sprachen und die zielbewußte Abwehr der deutschen Front erwähnten. Daher auch die ungeheure Zahl von Verwundeten. Zu Tausenden, zu aber Tausenden strömen sie nach hinten. An der Spitze die Leichtverwundeten, die Männer mit geringeren Schüssen, jene, die sich noch helfen können, die noch mit eigener Kraft vom Fleck kommen. Nur weg, nur rasch fort aus dieser Zone des Todes, nur fort und nicht mehr gewartet, nicht mehr gezögert! Dahinter, viel langsamer, kommen die Humpelnden mit Beinschüssen. Sie gehen ineinandergehakt, vielfach gestützt oder getragen von Feldgrauen, denen.das Soldatenlos ein-bitteres Schicksal als Kriegsgefangene bereitet hat. Und dann kommen die andern, die Schwerverwundeten auf Bohren, die blutigste Deute der Schlacht. Männer mit Brustschüssen, mit schweren Bein- und Bauchschüssen. Und sie alle haben nur eine Genugtuung und nur einen Trost — die Hoffnung auf baldig« und anständige Hilfe irgendwo in einem Feldlazarett —. Jawohl, da hinten wird man sie sachgemäß verbinden, laben, verpflegen, man wird sie sanft und gut behandeln, weich betten, ihnen Gelegenheit geben, die müden Glieder aus- zustxecken. Und man wird sie dann in langen Lazarettzügen ins friedliche Hinterland befördern, in den werdenden Frühling irgendwo im Süden. So glauben die nach rückwärts hastenden oder getragenen Verwundeten. Sie haben ein Anrecht auf diesen Glauben an die rasche, selbstverständliche Hilfe. Aber die Wirklichkeit ist anders. Die Wirklichkeit ist furchtbar. Die wenigen Lazarettzüge sind schon um die achte Morgenstunde überfüllt. Leichtverwundete haben sie einfach im Sturm genommen. Nicht genug. Aus zwei Zügen müssen schlotternde und vor Angst bebende unverwundete Senegalneger gejagt werden. Mit Waffengewalt treibt man die Neger heraus, wirft sie durchs Fenster ins Freie, wenn sie nicht gutwillig den Platz räumen wollen; man treibt sie vom Bahnsteig. „Abfahren", schreien die Leichtverwundeten, „wir wollen weg ins Innere, los, haut ob!" Das Zugpersonal aber weigert sich abzufahren, denn es hat Anweisung, nur bettlägerige Verwundete mitzunehmen, keine Armschüsse, keine Schul- terschüsse, keine leichten Kopfschüsse. Aber jene, die Schwerverwundeten um die es geht, die hier mitfahren sollen, sind noch nicht da, werden erst im Lause des Nachmittags oder gar erst am Abend hier eintreffen. „Und wir, was sollen wir denn", schreien die Leichtverwundeten voller Empörung, „sind wir vielleicht räudige Hunde, haben wir unsere Pflicht da oben auf den Höhen nicht getan? Es gibt ja genug Züge in Frankreich, warum stellt man nicht genügend Züge bereit? Fahrt uns schon mal weg ins Hinterland, dann habt ihr Platz für die Nachrückenden. Wir wollen ja gern für unsere schwerverwundeten Kameraden zurücktreten, wenn cs fein muß, aber wenn wir hier bleiben sollen, dann gebt uns an, an wen wir uns zu wenden haben! Wo ist hier ein Lazarett, wo ist hier ein Verbandplatz, wo ist hier eine Verpflegungsstelle für Verwundete? Wo kann man die notwendigen Tetanusspritzen gegen Wundstarrkrampf bekommen? Sprecht doch schon, ihr Pflasterkästen und Karbolmäuschen. Wo ilt hier der Sanitätsdienst? Ja bitte, wo ist er--?!" 3a, wo ist hier der Sanitätsdienst? Er ist nicht da. Daran hat man ">cht gedacht. An solche Dinge hat man wirklich nicht gedacht bei der Vorbereitung des großen Vormarsches. Gewiß, mit großen Verlusten hat man gerechnet. Aber diese Verluste würden sich auf einer langen Strecke von der Aisne bis zum Rhein hinziehen. Nicht ohne große Opfer würde man die Befreiung Frankreichs erreichen. Aber auf diesem noch unzerstörten Zwischengelände würden sich manche Gelegenheiten zur Unterbringung der Verwundeten finden. Man würde die eroberten deutschen Lazarettbaracken und Sanitätseinrichtungen für sich beanspruchen können. Nun aber ist alles anders gekommen. Die harten Verluste sind da, und zwar auf kleinem Raum. Und die deutschen Sanitätsbaracken liegen «roch weitab als fernes Ziel im feindlichen Hinterland. Eine ganz« Armee Verwundeter sucht vergeblich Schutz, Rat und Hilfe. Die wenigen Divi- fions-Verbandplatze sind im Augenblick überschwemmt. Alle Kirchen und schulen und Scheunen sind mit Verwundeten belegt. Dazu kommt noch die Enge aller Unterkunftsmöglichkeiten. Denn hier steht ja immer noL die Verfolgungsarmee des Generals Duchesne eng zusammengeballt und wartet auf den Befehl zum endgültigen Vorstoß, zum Vormarsch in die Ebene. Die Nacht sinkt nieder. Eine eisige, furchtbar« Schnee- und Regen- nacht ift’s, eine böse Aprilnacht. Immer noch hält der traurige Zuzug Verwundeter an. Jetzt, im Schutze der Dunkelheit, bringt man die schlimmsten Fälle, die Schwerverwundeten herbei, trägt sie auf Bahren oder in Zeltbahnen frei über das Trichterfeld hinweg nach hinten. Aber für diese Verwundeten ist jetzt kein Fleckchen mehr frei, kein Dach, keine Strohhütte, kein Stuhl, nichts mehr. In Eil« hat man Leerzüge aller Art herbeibefohlen.'Aber vor Morgengrauen können sie nicht da sein. Was geschieht mit den Schwerverwundeten, ja, was soll mit ihnen geschehen? Sie müssen warten. Und die Schwerverwundeten warten-- liegen draußen im Freien auf Bahren, in den Dorfstraßen, auf matschigem Feld. Glücklich, wer noch ein« Heine regengeschützte Ecke unter einem. Dachvorsprung ergattern kann. In den Häusernischen kauern sie, Männer mit Bauchschüssen, zu dreien und vieren raffen sie sich auf und wanken langsam ins Hinterland auf der Suche nach einer Bleibe, Männer mit Brustschüssen, mit Blutgerinsel hn Mundwinkel, säst schon Sterbende. Die wenigen Aerzte arbeiten unverdrossen. Nur die schwersten Fäll« kommen auf den Operationstisch. Alles andere wird mit einer raschen Spritze — abgefertigt. — Nach und nach hat man die Leichtverwundeten abg« schoben und die vorhandenen Plätze mit den schwersten Fällen belegt Aber auch für sie reicht die verfügbare Bettenzahl bei weitem nicht aus. Und derweilen wankt das Heer der Leichtverwundeten ziel- und planlos gegen Süden. Viele Soldaten, deren Verwundung nur leichter Natur sind, bleiben auf der Strecke liegen und sterben am Wegrand, weil sich bie Wunden durch Kälte, Feuchtigkeit und Ueberanftrengung entzünden, verschlimmern und Fieber verursachen. Innerhalb weniger Stunden erleidet Frankreich eine zweite Niederlage. Die erste Niederlage mar oben auf den Höhen, war das Mißlinget des erhofften gigantischen Durchbruchs und des frischsröhlichen Vormarsches bis zum Rhein. Die zweite Niederlage ist das Versagen auf dem Gebiet des Sanitätswesens. In der sorglosen und sträflichen Unterschätzung des Gegners hatte man solche Verluste nicht für möglich gehalten und dementsprechend auch nur geringe Sanitätskräfte bereitgehalten. Die Leichtverwundeten marschieren in langen, endlosen Kolonnen hinkend durch Dörfer und Weiler und Städtchen. Beim Morgengrauen sind sie in Fere-en-Tardenois, dann unten an der Marne. Gegen Mittag des 17. April kommt die Spitze der Kolonne schon nach Chateau Thierry. Im Lause des Tages wanken auch zwei- bis dreitausend Verwundete durch das Hauptguartier des Generals Nivelle, ziehen vorbei, finsteren Blicks, Nase am Boden, ohne zu grüßen, ohne einen der zahlreichen hier anwesenden Stabsofiiziere zu beachten. Nivelle steht am Fenster seines Quartiers und blickt hinaus, sieht die armen Poilus vorbeigehen, die blutige Beute der Schlacht, die namenlosen Helden, die stillen Dulder ohne Bleibe, ohne Aufenthalt, ohne die Möglichkeit, irgendwo die Glieder auszuruhen, ja, sogar noch ohne Verpflegung. Jetzt erst versteht er, daß irgendwo große Fehler begangen wurden, daß nicht alles so ist, wie es sein sollte. Er hat auch für den kleinen Poilu ein Herz und kann es nicht zugeben, daß ein verwundeter Soldat, der für bas Vaterland fein Blut vergoß, nicht einmal Hilfe finden kann ober sie auf eigene Faust suchen muß. Eine Schmach, daß solches gerade in seiner Angriffsarmee möglich ist. General Nivelle nimmt sich vor, diesen unerhörten Fall genauestens zu untersuchen. Er wird jeden zur Rechenschaft ziehen, der beim Sanitätsdienst vorn versagt hat. Aber er wird nicht mehr dazu kommen, denn ihn, nur ihn allein wird man für oll diese Fehler verantwortlich machen. Ihm allein wird man alles aufbürden und alle Schuld beimeffen und niemals zugeben wollen, daß er nur das Beste gewollt hat. Im Augenblick kann sich General Nivelle ufn di« Verwundeten nicht kümmern, denn er steht vor großen Entscheidungen. Es geht jetzt um Fortsetzung ober Abblasen der Schlacht überhaupt. Mißmutig wendet sich der Oberbefehlshaber zu seinen Offizieren hin, zeigt mit der flachen Hand hinaus auf die blutverkrustete, lehmgrau« Elendsmasse, die am Fenster vorbeizieht, und sagt: „Meine Herren, bitte, sehen Sie sich das an! Ist bas würdig? Kann Frankreich solches verantworten? Ist es möglich, daß ein So Iba t, der für Frankreich geblutet hat, so behandelt wird? Ich werde strenge Maßnahmen ergreifen, meine Herren, strenge Maßnahmen---!" Draußen zieht der Heerbann der Verwundeten vorbei. Einer der Offiziere aus Nivelles Umgebung schreibt einen Befehl an den Ortskommandanten von Dormans: „Sie haben streng daraus zu achten, daß Züge von Rückläufern, aber auch von Verwundeten, die zu Fuß ins Hinterland gehen, nicht mehr durch Dormans kommen. Alle diese Transporte müssen vor dem Städtchen abgefangen und umgeleitet werden--—!" General Nioelle darf die Wahrheit nicht erfahren. Und wie steht's mit Paris? Darf Paris die Wahrheit erfahren? Durch Paris geistert, wie ein Lauffeuer, am Nachmittag dieses 16. April bie Nachricht vom Zwischenfall im Bannmeilenbahnhos. Von Mund zu Mund, von Gasse zu Gasse, von Stadtviertel zu Stadtviertel wird bie Nachricht weitergegeben, mit Kommentaren versehen, ja noch erbittert ausgeschmückt. Nur wenige Menschen haben feit Kriegsbeginn einen ungebrochenen Optimismus bewahrt, einen Eigenmut, der sich auch in den schlimmen Tagen der Marnefchlacht bewährt hat und seine Feuerprobe bestehen konnte als Galieni, mit Hilfe der Pariser Autodroschken, einen Ausfall gegen Norden wagte und den letzten Poilu und das letzte Gewehr nach vorn« in die Waagschale warf. Heber diese ausgezeichneten Patrioten ist nichts zu sagen. Sie schweigen auch jetzt und tragen sie still, diese Wucht einer Erkenntnis, die düster vorn Dornenweg herüberdämmert. (Fortsetzung folgt.) Morgenlied. Bon Hans Franck. Der Tag ist auferstanden nun aus dem Grab der Nacht. Und über allen Landen in unvermehrter Pracht steigt Gottes Sonne wieder am Himmel hell empor. Der Bügel lichte Lieder vereinen sich zum Chor: „Befreit Euch aus den Baüden der Finsternisi ErwachtI Der Tag ist auferstanden nun aus dem Grab der Nacht!" Der Tag ist auferftanden nun aus dem Grab der Nacht. Die dunklen Stunden schwanden. Bieltausendfältig lacht des Lichtes farbige Fülle fchon regenboaenbunt in jedes Tropfens Hülle, damit uns werd« kund: Wer siegte in dem Branden der urweltlichen Schlacht. Der Tag ist auferftanden nun aus dem Grab der Nacht. Der Tag ist auserstanden nun aus dem Grab der Nacht. Auch wenn den Tod sie sanden — die Tropfen, die entfacht des Lichtes Schein hienieden, sie sind vergangen nicht, find nur von uns geschieden. Denn siebenfarbig bricht ewig in Erdenlanden sich Sonnenwogenmacht, wo jubelnd auferftanden Tag aus dem Grab der Nacht. Hans Franck im Spiegel. Zum 60. Geburtstage des Dichters am 30. Juli 1939. Don Heinrich Zerkaulen. Zu Beginn einer Betrachtung über das dichterisch« Werk Haus Francks, müßte das Wort Musik stehen. Und diese Musik müßte gleich fest umrissen fein: Bach. Wie eine mächtige Fuge, so baut sich die Lebensarbeit dieses Mecklenburgers auf, aus einem bäuerlichen Grundmotiv abzuleiten, genadelt in den Variationen des jäh Ringenden, bis der breite Schluß- ei"orb wieder da einmündet, wo die erste Melodie aus langer Ahnenkette «rsblühte, nämlich im eigenen bäuerlichen Grund und Boden, im Bauern* sms seines 50-Morgen-Besitz«s zwischen dem Ziegelsee und dem Großen Lchwerinersee. Das Ackerland der Hans Franck'schen Phantasie ist sogenannter schwe- «r Boden. Der Dichter wurde in Wittenburg (Mecklenburg) geboren, sein Vater war Dachdeckermeister. Nach Besuch der Bürgerschule absolvierte er das Lehrerseminar in Neukloster und war dann bis 1911 tn Hamburg Volksschullehrer. Der Erntewagen seiner Dichtungen fährt nicht jl«r pulvrigen Sand leicht dahin wie ein Schiff über ruhig« See — er rumpelt über eine Erde, die nicht nachgibt, deren Steinen man nicht aus itm Wege gehen kann, die man entweder fortraumen oder besser noch, »trer[t zertrümmern muh. So ist die Problemstellung von vornherein in hbbelschem Grüblersinn oerantert, hat nichts mit gefälliger Hausmanns- lc[t zu tun, will nachgearbeitet jein, wie der Dichter sie vorgearbeitet hat. Bleiben wir etwa bei dem letzten großen Werk Hans Francks Annette", dem Lebensroman der Droste (Verlag Adolf Sponholtz, Han- nwcr). Da klingt viel Wesensoerwandtheit mit, das gleiche Gottfucher- luin, das gleiche Ringen um den Menschen im Du, viel Einsamkeit, viel E-mpf, di« große Tugend des Ausharrenkönnens — doch auch die gleiche 2«ft an der Handhabung der strengen Gesetzmäßigkeit einer unerbittlichen künstlerischen Formung. Hans Franck war nicht umsonst Jahre »ter Dramaturg an einer der ersten Bühnen des Reiches aus der Vor- Ifcegszeit, nämlich bei der Dumont in Düsseldorf. Seine Dramen, etwa bii unvergeßlichen „Godiva" und „Opfergang", find Muster einer durch- J'feilten Dramaturgie. Aber den ehemaligen Schulmann Hans Franck reizte damals in $K(felt)orf nicht weniger die geplante „Hochschule für Bühnenkunst". Und zum heutigen Tag ist der Dichter zugleich der fesselnde und formende Kiititer oder Redner geblieben, der nicht mit sich feilschen läßt in Fragen kr Kunst und eines Bekenntnisses, das 1933 nicht erst „umlernen tauchte. Denn dies unterscheidet Hans Franck von den blutleeren Verkündern *ier grauen Theorie, daß es ihm allein um das Herz zu tun ist. Als 8: ifpiel unter vielen diene etwa seine Erzählung „Gerichtet". In das Büit und den Frieden eines kleinen Schlosses an der Oise bricht der Krieg ein. Der Hausherr wird an die Front gerufen und verpslichtet «inen Sohn zum Beschützer der Mutter vor den einrückenden Deutschen. ®i« nun die Schloßherrin angerührt wird von der ihr bis dahin unbe- knnten deutschen Musik eines Beethoven, Mozart, Haydn, wie sie als jjtau sich aufzugeben droht und sich dennoch Überwindet, wie verletzter itiauenstolz sich hinüberrettet in das llebersinnliche, da Monate später «c zurückgekehrte Gatte und die Söhne glauben, über sie zu Gericht Wn zu müssen und sich dadurch selber richten — dies gestaltet Hans Franck mit starker dramatischer Spannung und in einer meisterlich psychologischen Vertiefung. Wenn ich darüber hinaus kaum einen Menschen kenne, auf den das Wort Preußentum so gut paßt wie auf Hans Franck, dann deshalb, weil bei aller Unerbittlichkeit feiner logischen Schlußfolgerungen immer der Klang eines fernen und gütigen Flötenkonzertes mitzufchwingen scheint: Musik der Seele aus friderizianischer Zeit. Die Werke dieses Dichters im einzelnen auszuführen, wäre auf knappen Raum unmöglich. Diesem Meister der kleinen und großen Fuge des menschlichen Lebens find alle Kunstgattungen in gleichem Maße und in verblüffendem Reichtum bekannt. Die gemeißelt« Art seiner Pointierung adelt di« Kurzgeschichte in den Sammlungen „Der Regenbogen" und „Das Zeitprisma" und verleiht der großen Epik di« naturgeroollte Atempause. Die kulturpolitische Sendung Hans Francks begann einst mit der Herausgabe der Hauszeitschrift des Düsseldorfer Schauspielhauses, den „Masken". Die preußifche, menschliche und dichterische Sendung Hans Francks aber könnte gut in einem feiner Aussprüche gipfeln: „Wohin die Wege auch gehen, sie führen zuletzt immer zu uns selber." Zum Leiter geboren. Anekdote von Hans Franck. „Zum Reiter", sagt ein altes Wort, „zum Reiter muß man geboren sein. Wer es nicht ist, der kann vielleicht lernen, auf einem Pferde richtig zu sitzen, aber niemals das Reiten." Mit dem Gottesgeschenk des Reiter-Seins war wie wenige vor ihm und noch wenigere nach ihm der General Seydlitz an dem Tage seiner Geburt begnadet worden. Hatte er den atmenden Leib eines Pserdes zwischen seinen Knien, dann verwuchs er mit diesem im Nu so sehr, daß es war, als kreiste ein Blutstrom durch beide hin. Jeder Wunsch, jede Regung seines Herzens sanden unmittelbar ihren Weg zu dem Herzen des Tieres. Selten nur bedurfte der Reiter zur Uebertragung seines Willens der Worte, kaum je des Zügels oder gar der Sporen, in keinem Fall der Peitsche. Jedes Wittern und Warnen, jedes Schrecken und Scheuen, jedes Zanken und Jauchzen der Tiere hinwiederum empfand desselben Augenblicks der Reiter in solcher Stärke, daß er oftmals mit guten Gründen glauben konnte, sie wären aus ihm aufgestiegen. Von nichts sprach daher General Seydlitz lieber als von Pferden. Was diesen Gesprächen jeweils voraufging, es waren nur Präludien zu dem eigentlichen Wortwerk, um dessenwillen allein es sich lohnte, daß Männer — zuweilen halbe Nächte lang — redend beisammen saßen. War das allgemeine Gespräch zu dem zweiten großen Soldatenthema — Frauen — endgültig abgebogen, so verließ der Reitergeneral unweigerlich wenige Minuten später das Zimmer und legte sich, nachdem er seinen vierbeinigen Lebensgefährten „Gute Nachtl" gesagt hatte, zu Bett. Liebe? Gewiß, es gab nach dem Reiten und dem Schlachtenschlagen nichts Schöneres auf Erden. Aber von Frauen konnte und durfte man, feiner Meinung gemäß, nicht reden. Von Pferden dagegen — unerschöpflich, was über sie sich nicht nur sagen liefe, sondern immerfort gesagt werden mußte. Eines Abends, als in Gegenwart des Königs das Gespräch wieder einmal auf Pferde gekommen war — was bei ihm schneller als unter Kameraden zu geschehen pflegte, da Gespräch« über Frauen in dessen Gegenwart sehr bald versickerten —, eines Abends vermaß Seydlitz sich vor dem König zu der Behauptung: „Solange ein Soldat noch ein lebendiges Pferd zwischen den Knien hat, braucht er sich unter keinen Umständen gesangennehmen zu lassen. Tut er es doch, dann ist er entweder ein er» bärmlicher Feigling oder ein schlechter Reiter!" Alles blickte voller Erwartung auf die Majestät, um jede Silbe der Zurechtweisung aufzufangen, welche dieser Ueberheblichkeit folgen mußte. Denn der König hatte in seinen Kriegen Diele Soldaten samt ihren Pferden als Gefangen« verloren und es waren manche feiner Besten darunter, denen dieses bittere Geschick widerfuhr. Es stand demzufolge auch unverkennbar eine Unmutwolke auf der Stirn des Großen Friedrich, als die herausfordernden Worte des Generals Seydlitz gefallen waren. Aber entgegen allem Erwarten blieben sowohl die Spottesblitze seiner Augen wie der Zorndonner seines Mundes aus. Da der König schwieg, so schwiegen auch feine Untergebenen zu der frevelhaften Behauptung des Pferdenarren in ihrer Mitte; und das Gespräch wandte sich, nach der Weisung des höchsten Herrn, von den Pferden fort, wieder anderen Dingen zu. Eine Woche darauf fetzte Friedrich, der auf Behauptungen vermessener Art lieber mit Taten als mit Worten seine Meinung kundgab, ein Reiter- gesteht in der Havelnähe an. Das eine der beiden miteinander ringenden Regimenter besehligte der König, das andere Seydlitz. Als gegen Mittag das wechselreiche Gefecht abgebrochen wurde, standen immer noch die Truppen Friedrichs diesseit, die Truppen des Generals Seydlitz jenstit der Havel. Denn es war keinem von beiden gelungen, die Brücke, welche ihre Ufer verband, fo oft auch Reitermaffen über sie hin- und herwogten, endgültig für sich in Besitz zu nehmen. Also sprengte nach Abbruch des Gefechtes Friedrich, nur von feinem allernächsten Gefolge begleitet, zu der Havelbrücke und hielt, sobald er ihre Mitte erreicht hatte, plötzlich an. Seydlitz, der Meinung, dafe die abschließende Kritik auf der Bruck- gehalten werden soll, sprengt mit feinem Pferde, einem feurigen Fuehs, dem König entgegen; fo schnell, dafe er nicht gewahrt: Ihm folgt, im Gegenfatz zu feinem Herrn, keiner auf die Brücke. Als der General vor seinem königlichen Gebieter zwischen den beiden Havelusern oberhalb des strömenden Wassers hält, reifet dieser Arm und Degen senkrecht gen Himmel. Das ist den Führern der Reiterscharen hüben und drüben das vereinbart« Zeichen. Ehe noch der überrumpelte General ganz begreift was geschieht, haben auf beiden Seiten ihr« Truppen die Brücke abgeriegelt, so daß es für den in die Falle Gepreschten ein Entweichen nicht mehr gibt „Tr ist mein Gefangener!" donnert denn auch der König. „Obwohl Er noch ein lebendiges Pferd zwischen den Knien hat." Seydlitz beruft sich nicht darauf, daß es weder alle soldatischen Regeln ist, nach Abbruch des Gefechts noch eine Kriegshandlung vorzunehmen. Seydlitz weiß, daß es jetzt, will er nicht vor dem König als Prahlhans, als Hundsfott, als Lugner dastehn, gilt: sein Reiterwort wahrzumachen. Denn er hat vor acht Tagen die Unmutwolke auf Friedrichs Stirn sehr wohl gesehen und ihm wiegt seit langem dessen verweisendes Schweigen schwerer als ein Wortausbruch, mit dem der Zorn verraucht. Indessen, wie soll Seydlitz, auf der abgeriegelten Havelbrucke eingeschlossen, die Berechtigung seiner kühnen Behauptung erweisen? Es gibt für ihn kein Nachvorn — es gibt ebensowenig ein Zuruck. Aber — so schießt die Feuerflamme eines Gedankens in dem Ueberrumpelnden lodernd hoch — aber hat es auf Erden nicht überall vier Himmelsrichtungen? Bier, keine zweil Ist voraus und zurück der Weg zur Freiheit infolge der List des Königs auch verrammelt, es bleibt immer noch der Weg zur Rechten und zur Linken. Gefunden! Gerettet! Nur zu tun — weitaus leichter als es zu erdenken! — nur zu tun ist, was Rettung bringen kann, was Rettung bringen wird. „Gesängen?" schreit Seydlitz, als der König seinen himmelangereckten Degen zu senken beginnt, um mit dessen Spitze zum Erweis seiner Worte die Schulter des von ihm der Ruhmredigkeit überführten Generals zu berühren. „Gefangen? Noch nicht, Majestät!" Mit der letzten Silbe hat der Reiter auf der Havelbrücke sein Pferd zur Seite gerissen und plötzlich — nun will er die Sporen, will er die Peitsche gebrauchen; aber es bedarf beider nicht, bedarf nicht einmal des aufmunternden „Hopp!", zu dem er sich hinreißen läßt; denn der Fuchs zwischen seinen Knien ist ja eines Leibes mit ihm! — urplötzlich fetzt Seydlitz mit seinem Pferd über das Geländer der Brücke hinweg in den Fluß. Als Roß und Reiter das Ufer der Havel erstiegen und wieder die Feste der Erde unter sich haben, ist als einziger der König zur Stelle. „Ich bin Sein Gefangener!" sagt Friedrich. Seydlitz begreift nicht. < „Der Gefangene Seines Willens", bedeutet Friedrich ihm. „Majestät--?" forscht Seydlitz. „Wünsche Er sich, was Er will!" fährt Friedrich fort. „Außer der Krone Preußens ist nichts in meinem Lande Seinem Wunsch verwehrt." Seydlitz schweigt. „Wird es bald, daß ich Seinen Wunsch erfahre?" begehrt Friedrich auf. „Oder will Er mich in die Verlegenheit setzen, daß ich Ihm nach eigener Wahl etwas schicken muh, das Ihm hinterher womöglich nicht gefällt? Also was wünscht Er sich als Anerkennung dafür, daß er Sein verwegenes Reiterwort wahrgemacht hat? Was wünscht Sein Herz sich am sehnlichsten?" „Ein Pferd", gibt Seydlitz zur Antwort. Am selben Tage noch ließ König Friedrich dem General Seydlitz den besten aller Trakehner aus seinen Ställen überbringen. „Zum Reiter", sagte das alte Wort, „zum Reiter muß man geboren sein. Wer es nicht ist, der kann vielleicht lernen, auf einem Pferde richtig zu sitzen, aber niemals das Reiten —" Oie Kiefer. Von Theodor Heinz Kähler. Als wir Kinder waren, spielten wir zusammen in der Heide hinter dem Dorf, in das meine Eltern hinausgezogen waren. Einmal lief ich nach Hause und sagte zu meiner Mutter: „Du, wenn ich groß bin, heirate ich Nora". Meine Mutter lachte. „Und wenn sie nun nicht will?" fragte sie. „Nichr will...?" wiederholte ich verwundert. Ich dachte daran, daß wir Tag für Tag zusammen in der Heide waren, daß ich Nora bei der Hand nahm und durch das Gestrüpp in unsere Höhle führte. Ich dachte auch an eine Blume, die ich ihr an jenem Tage gegeben hatte. Als wir wieder im Heidekraut lagen, fragte ich: „Nicht wahr, wenn ich groß bin, heirate ich dich?!" Sie schwieg, und erst als ich sie erneut fragte, sagte sie, ohne mich anzusehen: „Wenn du reich bist und alles hast, dann ... ja." „Ich muß jetzt heim", sagte ich und lief davon. Als ich durch unsere Gartenpforte trat und mich umwandte, sah ich, daß Nora noch immer in der Heide lag. Sie blickte in den Himmel, und ich sah das Blau ihres Kleides, Es wurde nie wieder vom Heiraten gesprochen. Nora und ich streiften durch die Heide, im Winter rodelten wir miteinander den Hügel hinab, und an den Sommertagen badeten wir im Fluß, der sich dunkelbraun durch bje Niederung zog. Vierzehnjährig wechselte ich die Schule. Ich fuhr jeden Morgen mit dem Zug in die Stadt und kam gmen Abend heim. Ich traf Nora manchmal auf dem Heimweg. „Bist du noch oft in der Heide?" fragte ich. — „Nein", sagte sie und schlug die Augen nieder, „nun nicht mehr." Sie lächelte scheu. Als ich siebzehn war, sagte mein Vater eines Tages, er hätte eine Stelle in Lübeck für mich. Ich könnte in der Woche darauf ab reifen. „Wie?" fragte ich. Dann f.ah ich durch das Fenster die hohen Kiefern nebenan und in den Kiefern das strohgedeckte Haus, in dem Nom wohnte. Es war gerade Schützenfest, im Dorf hingen überall bunte Plakate. Ich Pfiff bei Nora, sie sah aus dem Fenster uni) lächelte zu mir herunter. Dann kam sie durch den Garten. „Du", rief sie, „diesmal darf ich auch abends hm. Mit dir! Mutter hat es erlaubt." „So", sagte ich. Ich wollte ihr erzählen, wie es um mich stand, aber nun ging ich still neben ihr her. Der Abend kam über die Ebene. »Was hast du beim?" fragte Nora, als wir die Sandkuhle hochgingen, und die bunten Lampen rot, grün, gelb im Zwielicht zu dem abendlichen Schimmer des Himmels standen. Ich antwortete nicht. Das Gedudel des Karussells scholl über die Buden hin. Wir blieb«» an der Schießbude stehen. Ich schoß eine rote Blume und gab sie Nom Als wir weiter gehen wollten, stand der junge Dickmann hinter uns. „Auch hier", sagte er zu Nom und lachte sie an. Er hatte glattes, nach hinten gekämmtes Haar und ein dickes, freundliches Gesicht. Nom wm sehr verlegen. Ich sagte: „Komm, wir wollen weiter." Wir fuhren Karussell, und Nom faß rotwangig neben mir auf einem Schimmel und lachte ausgelassen in die bunte Menge hinab. Als bas Karussell anhielt, sah ich, daß auch der junge Dickmann dastand und z» Nora hinsah. , , , „Wir wollen gehen", sagte ich, „wir können noch ein wenig zuscmv menbleiben und über den Hügel gehen." Der Rummelplatz blieb hinter uns. Der Himmel wölbte sich klar übet der Ebene. „Was hast du denn?" fragte Nom wieder, ,chu bist so still. Und « war doch so schön heut abend." „Ich muß Mittwoch fort", sagte ich, „nach Lübeck." Ich sagte nichts mehr, und Nom schwieg. Wir gingen die Allee hoch, und Nom hakte sich bei mir ein. Sie hängte sich leicht an mich und ich spürte ihren Körper. Da, wo der Hügel wieder abfiel, bet der hohen Kiefer, machten wir Halt und sahen über das Land hin, sahen da und dort verstreut Lichter heraufflimmern. Dann sah mich Nom an, sehr lange, ich gewahrte, rote ihre Augen groß durch die Dunkelheit schimmerten. Ihr Atem schlug mir warm ins Gesicht. „Du bist so still?" sagte ich, nur um etwas zu sprechen. „Ich denke, wie nun alles werden wird..." sagte sie. Da faßte ich nach ihren Händen und zog sie zu mir herüber. Ich hatte eine schöne Stelle in Lübeck. Aber ich dachte viel an bas Dorf, an die Heide, an den Hügel und die Kiefer. Im Dezember roollte ich heimfahren, und ich schrieb es an Nom. „Es wird schön werden" antwortete Pe, „und bei Dickmanns soll ein Fest fein. Der junge 2)i(T> mann ist aus London zurückgekornmen." Als ich heimreiste, lag Schnee, Nom war am Bahnhof, sie lachte mm entgegen. Wir waren jeden Tag zusammen. Herr Dickmann schickte am Ende der Woche die Einladung zu seinem Fest. Wir gingen zusammen hin. Es waren viele Gäste da. Das Orant- mophon wurde angestellt und man tanzte. Ich bat Nom zum Tanz, une dann zog mich Herr Dickmann in eine Ecke, fragte, wie es ginge, schenkte mir ein, und wir tränten. Ich sah, wie Nom mit dem jungen Dickmann tanzte. Aber tch wm recht guter Laune und froh, daß ich gekommen war. Es wurde später und später. Ich hatte schon eine Menge getrunken Ich suchte Nom, Sie tanzte mit dem jungen Dickmann, und im ®e ■ wühl der Tanzenden sah sie mich nicht. Ich hörte, wie er sie fragten „Fährst du mit mir nach London?" Sie schwieg, senkte den Kopf, bann hob sie ihn wieder und nickte. Ich stand noch eine Weile unter den Tanzenden, dann lief ich raus. Zu Hause ging ich die ganze Nacht hindurch in meinem Zimmer au und ab. Ich kam lange nicht mehr in bas Dorf zurück. Ich hatte meinen Venu gewechselt, lebte da und dort. Es ging nicht recht aufwärts mit mir. Ich beschloß, in Berlin mein Glück zu versuchen. Zuvor wollte ich bas kleine Dorf am Geesthügel noch einmal sehen. Ich kam von Bremen, die Kleinbahn brachte mich durch die Niederung, und bann wanderte ich die birtenbeftanbene Landstraße entlang auf den Hügel zu, vSg Am Abend ging ich über den Berg, und an der Kiefer oben blieb ich stehen und sah über bas Moor hin. Es war eine große Leere in mir. Am andern Morgen fuhr ich nach der Stadt zurück. Ich wollte gleich nach Berlin weiterfahren. Als es Zeit wurde, ging ich durch die Spercu nach oben, verstaute in meinem Zug die Koffer und stieg dann noch einmal aus, um auf dem Bahnsteig ein wenig auf und ab zu wandern. Eine junge Dame mit einem schweren Koffer ging am gegenüber liegenden Zug entlang, er fuhr, wi« ich an den Schildern sah, noch Hamburg. Sie wandte den Kopf und blickte herüber. Da erkannte ich sie. M zögerte noch, aber bann ging ich zu ihr. Sie schwieg. Wir standen uns gegenüber und hatten uns noch nicht einmal die Hände gegeben. Schließlich sagte sie leise: „Ich bin jetzt in Hamburg." Und noch leist" fügte sie hinzu: „... er war ja reich und hatte alles .... aber ..." S« fah mich an. „Und du?" fuhr sie fort, „du bist ja wahrscheinlich schon längst oer heiratet...?" — Ich schüttelte den Kopf. „Nein", sagte ich, „es geht nichs so recht voran mit mir. Ich will nach Berlin und dort sehen, was W tun läßt." Der Bahnsteig war inzwischen leer geworden. „Du mußt einsteigen > sagte ich, nahm ihren Koffer und sah mich nach einer Abteiltür um. Aber sie blieb stehen und sagte: „Ich möchte nicht mehr nach ft0™" bürg." Da sah ich, wie die Wagen anruckten und ins Rollen kamen. De" Zug fuhr mit Gedröhn aus der Halle und Nom sah ihm nach. „Und nun?" fragte ich. „ Sie sah mich an und lächelte. „Weißt du noch, die Kiefer, damals: Ich sagte: „3a, ich war gestern abend da." Sie stand und lächelte mich an. Mein Zug fuhr nun auch gleich. „Komm", sagte ich bann, „komm!" „ Als wir im Abteil saßen und über die Weserbrücke glitten, sagte leiser: „Wir werben uns eine Wohnung suchen und ganz von vorn «fr- fangen, vielleicht gelingt es nun." — Da lachte sie und drängte sich m’r entgegen. „Vorsicht", sagte ich, „der Schafftrer — nun müssen wir erstmal sehem was mit dir machen. Du hast ja gar keine Karie!" Verantwortlich: Dr. Hans Thvriot. — Druck und Verlag: Drühlsche TlniverfitLtsdruckerei A.Lange, Gießen.