I'li' enb ?* btn ?»■ xi> !* ÖOtf SiehenerZamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang |939 Montag, den 27. November Nummer 92 Mein Fräulein, darf ich Ihnen n Hanse zu „begleiten? Ich sehe ihn arf«j Feiglinge. Ich gehe en fröhlich in den iatron.' Sie ist dann nie wieder ausgegangen. Und jetzt auf einmal in w verliebt sie sich wie toll in einen armseligen Doktor — Kott weiß, ob er >e'w überhaupt einer ist —, sie hat alle Liebkosungen und Küsse nur für ihn stiegen mit heiteren Liedern is Herzenslust in einer Hecke, zum Himmel auf. iir. i* trat" «j as v ar' * M r 'h „6o tiffl inml orten, )• ick!» w« pd!i tete iw ttees ü ab. W Es war ein schöner, warmer, sonnenerfüllter Mai, der beide schmeichelnd durchdrang. Die Blumen lachten sie an und schienen ihnen leuchtender als je; ihre eigenen Stimmen erklangen ihnen wie Engelsgesang. Margarete fand Paul stark und schön, aber sie verriet es ihm nicht; widerlichen Gel wollten. Sie li iM >h- te 6$ und läßt ihre alte Mutter ganz allein in ihrem Loche wie einen räudigen Hund." Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 5. Fortsetzung. „3a, damit er mich beerbt", erwiderte Roosje. „Du liebst mich auch nicht, sonst würdest du ihn nicht verteidigen." „Baesin", sagte Siska verärgert, „dann müssen Sie sich ein anderes Rädchen suchen; und ich habe doch immer alles für Sie getan, was ich konnte, dabei habe ich hier Arbeit für sechs." Da schwieg Roosje. Siska war ein billiges Mädchen: zehn Franken im Monat; und sie war keine starke Esserin und sehr treu. 2. Karn Margarete zu Paul, so geschah es nicht schleppend und gezwungen, wie kalte Frauen es tun. Sie glitt nicht matt und ruhig an seine Seite wie ein kühler Schatten, wie eine Frau aus Holz, die mehr mit ihrer Kleidung beschäftigt ist als mit dem Glücke, das sie ihrem Freunde barbieten kann. Die Worte tarnen ihr nicht klar, langsam, korrekt und ruhig wie bei jemandem, der Seelenruhe und kaltblütige Haltung der Ueberlegenheit besitzt. Ihre Liebkosungen waren weder berechnet, noch die Zahl ihrer Küsse abgemessen. Nein, sie war lebhaft, unbesonnen, ftöhlich »der traurig, gut oder böse, launisch oder ergeben, 1 W $ti4 aber" grünen, grauglänzenden Blättern; Sonne, Nacht und Sterne alle schienen sie zu lieben; wie sie sich selbst liebten; sie fühlten sich wie von einem warmen, zarten Schleier umgeben. Sie waren glücklich! Das Uebermaß ihres Glückes ließ sie nichts von den Außendingen dieser Welt verlangen, über die sich für sie jener leuchtende Nebel breitete, in den unsere Augen alle Gegenstände hüllen, wenn die Liebe das Blut in den Adern sieden läßt, den Blick verwirrt und alles in der Natur seltsam verändert. 3. Sie gingen in der Nähe von Ruysbrock über die Felder und blieben stehen. » V w* V •rfvvviv, |lt- UJ uv k) U‘| L, unbesonnen, ftöhlich ober traurig, gut oder böse, launisch oder ergeben, ganz nach dem stärkeren oder matteren Schlagen ihres Herzens, ob sie ich mehr oder minder glücklich fühlte, oder ob sie gerührt ober unendlich traurig war, weil ein leichter Hauch die heitere Oberfläche ihres Glückes getrübt hatte. Paul liebte sie innig, aber fein Herz war in Trauer. Perlte nicht eine flüchtige Träne an den Wimpern dieses Mannes, der nur ein Der Himmel zeigte am Horizont ein warmes Blaßblau wie an den Tagen großer Hitze. Weiße Wolken schwebten wie himmlische Spazier- ganger leicht darüber hin, zogen manchmal zwischen Himmel und Erde vorbei und warfen flüchtige Schatten auf den Erdboden. Die Landschaft bot einen heiteren Anblick. Zwischen Weg und Wiese floß em nicht sehr tiefer Bach mit klarem Wasser, das einer guten Quelle zu entspringen schien, munter plätschernd dahin. Dahinter sah man einen mit alten Buchen bestandenen Abhang; weiter im Hintergrund das Grün von Ulmen, die viele durch Hecken, Gräben und Bäche umgrenzte Wiesen umrahmten. Am Horizont dichte Baumbestände, eine lange Kette bewaldeter Hügel und em hübsches gotisches Schloß mit feingegliedertem Türmchen, bas alle Fenster dem Lichte öffnete. Spatzen zwitscherten fröhlich in den Baumen; die Lerchen fliegen mit heiteren Liedern zum Himmel auf, eine Grasmücke fang aus Herzenslust in einer Hecke, und selbst das geheimnisvolle Volk der Infekten schien in diesem Liebesmonat ein bewegtes Leben zu führen. Schmetterlinge verfolgten sich und taumelten in launischen Kreisen durch die Luft; der Ruf des Kuckucks schien weniger traurig als sonst zu klingen. Aus der fetten Wiese grasten mit Wohlbehagen, glücklich und still, Ochsen und Kühe. Weit hinten auf einem Acker leuchteten wie große Mohnblumen die roten Blusen arbeitender Bauern; die Sonnenstrahlen brachen sich in tausend flimmernden Funken in den klaren Wellen des Baches. Kleine graue Fische durcheilten Zuckend das Wasser, und wie Stahlperlen flitzten kleine Fliegen hintereinander her und zeichneten Halbkreise auf die Wasserfläche. Muntere Libellen jagten ihre Beute, emsige Bienen sammelten Honig von den Blumen am Bachrande. Und alle, Menschen, Ochsen und Kühe, Insekten und Fische, Vögel und Blumen, Bäume und Wiesen, Himmel und Sonne, waren in ihrer Ruhe und sorglosen Art bewundernswert. Das Leben, aus Licht, Wärme, Liebe und Freude geschaffen, zeigte sich in diesen Wesen und Dingen so herrlich stark und eindrucksvoll, daß Grietje stehenblieb und mit fast feierlicher Stimme rief: „Mein Gott! Wie schön ist das alles!" „Warum faltest du die Hände?" fragte Paul. „Weil ich Lust habe, zu beten. Wir sind nicht allein, in der Luft ist jemand, den ich nicht sehe; aber ich weiß, er ist gut und vermag alles. Der liebe Gott!" Sie wurde blaß, als ob sie Furcht anwandelte. „Aber er würde recht böse werden, wenn du mich nicht immer liebtest." Am andern Morgen ordnete sie vor dem Spiegel ihr Haar. Sie fand sich schön und sagte: ,Zch sollte eigentlich ein Bild von mir machen „Da im Spiegel ist es ja schon", meinte Paul und betrachtete sie verliebt. „Hast du denn gut geschlafen, großer Faulpelz?" „Nein!" Und mit einem liebevollen, streichelnden und dankbaren Lächeln, das die Frauen für den Mann haben, der sie glücklich macht, sprang sie mit einem Satz vom Spiegel zu ihm hin und küßte chn. Dann ging sie kokett, beinahe geziert, wieder zum Spiegel und beendete chre Tätigkeit. Und ihr verwirrtes Haar glänzte wieder und lockte sich unter dem Kamm von selbst. Roos,e fuhr fort: ,„Ia, was ist denn passiert, mein Lämmchen', fragte ich. .Ach, da waren drei Kerle auf der Straße, drei Wirtshauskavaliere, keine richtigen Herren — Stromer, wie sie in der Stadt sagen —, und einer, mit krummen Beinen wie eine Zange, kommt auf mich zu und sagt: meinen Arm anbieten, um Sie nach . . _ _ ,-i an und antworte nicht, worauf er etwas zurückwich, weil er wohl sah, wie wütend ich war. Wie ich mitten durch die drei hindurchgehen will, versperren sie mir den Weg. Da nehme ich meinen Schlüssel aus der Tasche, sehe sie scharf an und halte ihnen den Schlüssel unter die Nase: Dem Ersten, der sich rührt, schlage ich die Zähne «in!" Ich glaube, ich war furchtbar wütend, als ich diese m Dichter sah, diese Kerls, die mich mit Schmutz bewerfen ließen mich weitergehen und lachten dabei wie richtige gehe abends nicht inehr aus, Mama, ich bin ganz krank u13 Jt; ihre eigenen Stimmen erklangen ihnen wie Engelsgesang, -.argarete fand Paul stark und schön, aber sie verriet es ihm nicht; Paul ging manchmal hinter ihr her, um sie still zu bewundern: ihre »alle Gestalt, das braune, im Licht rötlich schimmernde Haar, die sonnen- Qrbräunte Haut, den runden, festen Nacken, die etwas breiten Schulen und die kleinen HänHe und Füße. Und liebestrunken sagte er ihr 'äse süße Worte. , Sie liebten sich; erste Empfindungen der Lust, keiner anderen gleich; Je gelöschter Durst, Kräfte, die unaufhörlich, immerfort lieben wollen; Sehnsucht, Zukunftspläne, reizende Nichtiakeiten, die ins Oehr geflüstert »erden wie wichtige Dinge; geheimnisvolle Verschwörungen nut dem 8'el, eine Liebkosung mehr zu empfangen oder zu geben; ein Leben w närrischer Trunkenheit. .. , ... . Die Kastanien blühten; der Jasmin, den sie um große Strauße plun- °«ten, das zarte Grün der Ulmen, die Weißbuchen mtt ihren seiürg- Nun war an Siska die Reihe zu reden: „Baesin", sagte sie, „machen wir es nicht alle so? Als ich meinem Schatze begegnete — der arme Mann, Gott sei seiner Seele gnädig — und sah, daß er mir gefiel, glauben öie vielleicht, daß ich ihn deshalb zweimal anschauen mußte? Einen Monat später hat er mich geheiratet. Und ich war so stolz und glücklich, daß ich an nichts anderes mehr dachte, ausgenommen meine Arbeit. Und wenn ich mit den andern Mädchen nach Hause ging, fang ich unser Freiheitslied und rief allen Leuten zu: .Morgen bin ich grau'! Die Leute lachten über mich, aber ich lachte bei dem Gedanken, morgen Frau zu fein, noch mehr als sie. Das war eine schöne Hochzeit: es wurden Lieder gesungen, und ich bekam schönes Porzellangeschirr, Töpfe, >n ” Teller, beinahe eine ganze Wirtschaft; aber die Bettücher und Hand- " stich er hatte ich gekauft. Und mein Mann war so stolz, und wenn mir jemand gesagt hätte, ich solle an meine Mutter und meine kleine Schwester denken, da hätte ich erklärt: .Das kann ich nicht!' Die beiden sind noch nicht einmal sechs Wochen zusammen, lassen Sie sie doch noch ein wenig allein zu zweien. Er ist gut, das kann ich sicher sagen, weil ich Zeugin war, wie er sie gerettet und Ihre zehntausend Franken zu- rückgewiesen hat." „ Die ersten Maientage schmückten die Wiesen mit Blumen. Pauls hei >md Margaretes Hochzeitsreise ging nicht nach London, Paris oder jjjtr Bien. Sie verbargen sich in einem reizenden Nest auf dem Lande bei Vccle. baf Siet elbej Mik k * fei s N iÜt fjai fmrSe I M« IN. Nen f ®otan, IW« ?nnu 1* Ni« ’-irauf SP« ,? 1 »'«Ar Mont :!% |'*n ■:» I* DO) ■i% ‘"hi J» Nn großer, ftchM'mmer MnvfftmS ITef rott eTn rvtttcher Dtttz vor '^Die Dam^jah Paul und Margarete lächelnd an; auch Paul lächelt«. Als sie sich entfernt hatte, ließ Margarete den Arm ihres Mannes los und ging zehn Schritte vor ihm her. Er holte sie ein und hielt sie an. „Was hast du?" fragte er. „Nichts!" „Warum bist du verstimmt?' „Ich bin nicht verstimmt." „Bist du krank?" „Nein!" „Also was hast du?" Gr'nahm sie in seine Arme, aber sie blieb verdrossen und seufzte. Ne^kätzte ch"n"liichüg'und schnell und hatte Tränen in den Augen. Bin ich etwa daran fchuld, dah du weinst? . Da richtete sie sich ärgerlich auf und sagte: -Mußt du denn immer alle Frauen anfehen, die vorbeikommen? Warum hast du Selacht- „Sie lächelte, weil sie uns glücklich sah, und »ch lächelte, weil ich sah, daß sie uns verstand. Bist du eifersüchtig?" „Das brauche ich dir wohl nicht erst $u fagen. . , Don diesem Tag an war sie weniger zutraulich und ein wenig traurig. 7. Ganz unwillkürlich kam Paul dazu, den Charakter der Menschen zu erforschen, verführt durch die dem Gelehrten so natürliche Neigung, bis in den Grund des Herzens einzudringen. Es geschieht ^"bmgs nicht immer mit dem Erfolg, wirklich klar zu sehen. Anspruchsvoll bis zur Härte, wie wirklich verliebte Männer, gab er jo tnel, ^6 «r slaubte, dafür das Ziel feiner Dehnfucht erreichen zu können. Diese Schwache, die wir alle mehr oder weniger besitzen, entspringt einer mangelhaften Erziehung, die uns einseitig nur Götter, Halbgötter, Helden, Engel und ^""Margarete dagegen, deren junge Seele nicht an so trüber QueUe geschöpft hatte, verlangte vom Leben nichts als das Leben, von der Liebe nur Glück, und ihre Jugend forderte nur das Recht, sich zu geben wie fest entschlossen: , .. „Ich will, daß du meine Stiefel zuknopfft! „Deine Stiefel find ja zugeknöpft." „Nein, sieh doch her!" „Warum hast du sie wieder aufgeknöpft? Wollte'" sie ihn einer Probe unterwerfen? War das eine Laune, i Kinderei oder Eulenspiegelei? Spielte sie mtt.ihm? Dazu paßte der Ausdruck ihres Gesichts nicht. Er sah ihren hübschen Fuß und war nahe daran, sich zu bücken, zögerte aber und sagte schließlich: „Nein! „Warum nein?" fragte Margarete heimtückisch. „Warum ja?" „Ich weiß nicht, aber ich will... „Ich will nicht..." „Dl), doch, ich bitte dich... „Ich will nicht!" „Was macht es dir denn aus?" „Nichts, aber ich will nicht!" „Zieh meinen Ueberrourf an!' „Nein!" „Ich will nur sehen, wie er dir steht. „Ich will ihn nicht anziehen.' „Bist du nicht böse auf mich?" „Nein, Margarete." „Also, dann zieh meinen Ueberrourf an! „Nein!" „Dann gehe ich nicht aus." „Also bleib!" „Du willst ohne mich ausgehen? (/3a!" „Ich will nicht, daß du ohne mich ausgehst." „Aber ich will." „Du bist häßlich heute." Sie tat, als ob sie meinen wollte. f „Liebes Kind", sagte Paul, „nun genug mtt dem Scherz. Knops- deine Stiesel zu und erlaube mir, deinen Ueberrourf nicht anzuziehen. „Wenn die Dame mit dem Windhund dich darum bäte, wurdest es für sie tun, nicht wahr?" Paul" schritt im Zimmer auf und ab. Margarete stampfte mit dett Fuß auf, zog ihren Ueberrourf an, knöpfte ihre Stiefel zu und tat en rüstet. Eine Minute Schweigen. Plötzlich smg sie an zu lachen, siel Po um den Hals und sagte: „Wenn du mir gehorcht hattest, hatte ich nie mehr angesehen." „Das wußte ich", sagte er. (Fortsetzung folgt.) ""^SchUeßüch blieb°ihm nichts übrig als «ufzustehen und zu spiettm ^ mußte spielen; der glückliche Unglückliche wünschte sich nichts Besseres. Sie rangen miteinander: reizende Kämpfe. Alle Stucke der Schalen, die Margarete nicht erwischen konnte, wurden aus dem Fenster geworfen, das war vereinbart. Blieb noch etwas auf dem Fußboden liegen, so siel sie hin; auch er fiel in der gemeinsamen Hast der erste zu sein, um die Stücke zu bekommen. Sie hatte eine reizende Art, sie mit ihrem bloßen Fuße durch eine Zehenbewegung unter die Sohle zu Wieben Er gab sich mit der guten Laune eines heiteren Kindes zu allem her. Nach und nach jedoch wanderten alle Stücke auf den Rasen. Dann suchten sie die heruntergefallenen Kerne, was neue Lackausbruche hervorrief. Wie er sich mit dem Blick in sich einfog, diese golöene Sugenb, Die ganz Liebe und noch in der Ehe so schamhaft war. Dann kam ihm em wehmütiger Gedanke: Gebe Gott, dah ich sie nie verliere! Und (eine Augen irrten in einen Abgrund. Plötzlich erhielt er au die Nase ober neben bas Auge ein gut geworfenes Stück Apfelsinenschale, das rote eine Ohrfeige knallte. Sie lief lachend hinzu und küßte ihn; bann ging sie wieder ins Bett, um sich von der großen Anstrengung zu erholen. 5. Sie wußte nicht, was alles sie erfinden sollte, um das Recht zu haben, ihn zu stören; sie brachte ihm Obst, alles was sie sand, stellte S rauhe ins Wasser, entweder in eine Tasse ober in stin Trinkglas neben fernem Schreibzeuge; manchmal schleppte sie auch Stuhle, Sabel und Flinten aus seinen Schreibtisch. _ Und bann fiel sie ihm um ben Hals, küßte ihn, um sein „Sapperment!" zu hören. Das war Pauls Lieblingsfluch, wenn er ungeduldig ""darauf sagte bas reizende Kind stets, im Kampf mit der Pflicht, ihn „arbeiten" zu lassen, und der Liebe, die sie für ihn empfand: „Ja, ich muh jetzt fortgetjen. Ich gehe aber nicht, wenn du mich nicht vor die Türe setzest. Wirf mich hinaus, .Sapperment!'" Er hätte es gerne getan, aber er befaß nicht die Kraft dazu. Manchmal aber ging sie dennoch; es geschah dann, wenn sie sich geschworen hatte, recht artig zu fein. Immer sah Paul inmitten feiner anstrengenden Arbeit ihre blaffen Wangen, ihre lebendigen braunen Augen, sie war der Sonnenstrahl in seinem Arbeitszimmer. 6. Eines Tages gingen sie zwischen zwei Reihen von Pappeln auf einer neu angelegten, noch nicht gepflasterten Straße einen schmalen, schlammigen Bach entlang. In einem in voller Blüte stehenden Obstgarten neben Kühe schwerfällig ihre Mäuler an den Bäumen. . Aus einem benachbarten Schlosse kam eine junge Dame und ging nahe bei ihnen vorüber, eine schlanke, elegante Brünette in hewraun und schwarzem Kleide. Ihr Gesicht war schön und ziemlich voll, aber die großen Augen mit langen Wimpern und spärlichen, kaum geschweiften Brauen die etwas lange Nase mit zu dünnen und zu weit geöffneten Nüstern', der zu schmale Mund, das bei aller Kleinheit zu ausgeprägte Kinn die zu langen und schmalen Hände und Füße verliehen ihr dos harte und überlegene Aussehen einer schlauen, tatkräftigen, leidenschaftlichen Frau, die vorn Leben an Leid und Freude nichts mehr zu lernen Ihre Art van Schönheit bot einen eigenartigen Gegensatz zu der Margaretens. einziges Mal Tn fernem Leben, Sn einem Grabe, geweln! hatte? Ernst und gesammelt dachte er an das gegenwärtige Gluck, das die Er- innerunq an eine reinere, ihm fast teurere Liebe zuruckrief. Margarete ragte sich weinend, roenii sie ihn traurig ah, was ihren Freund fo betrüben könne. Dann erinnerte sie sich mit einem Male, nahm ferne Hand und sagte, sie betrachtend: „Ich liebe sie so sehr! Daul war glücklich, diese aufrichtige, etwas schwermütige Stimme zu hören, die dem nächtlichen Gesang einer Nachtigall in ben - einer Zypresse glich, und er lieh sich wieder zum Leben zu-rucksuhren, zu seinem Glück, über dem immer der mehr als alles geliebte Schatten schwebte. , , Sie gaben viel Geld aus. Paul hatte einiges Vermögen, aber feine Einkünfte floffen hauptsächlich aus feiner Arbeit, die jetzt stark beein« ttächtigt wurde, weil fein Herz und sein Kops anderwärts weilten Er dachte an die Kunst, die Wissenschaft und die Philosophie, die er kalt, abgeschmackt und verknöchert sand gegenüber Lesern reizenden, leb hasten Wesen, dem er so gern den zarten lateinischen tarnen gab, bet „Perle" bedeutete. War sie nicht Margarete, die unvergleichliche Perle in dem glänzenden Schrein seiner Freuden? . . „ Ihr Schlafzimmer lag neben Pauls Arbeitszimmer, der dort fehr ernft fo tat, als ob er die anstrengendsten Studien triebe. Hier fehlte kein Folterwerkzeug: weder Papier, Federn, Tinte noch dicke Bucher. Margarete fchlummerte oft bis tief in den lag tjinein. aut gearbeitet" hatte, erhob er sich, näherte sich ihr mit übertriebener Würde und sprach sie an. Sie erwachte, blieb aber, kokett, mte jebe Srau beim Erwachen zu fein pflegt, still liegen, unbeweglich, mit halb ge- fchlossenen, großen, feuchten Augen; und mit ihren beiden Händen ergriff sie seine Hand und drückte einen ganz kurzen warmen und feuchten Kuß darauf. Welch zarte Augenblicke verbrachten sie mit diesen Zärtlichkeiten. 4. War sie erst einmal aufgeftanben, so machte es ihr Vergnügen, Paul zu necken, ihn am „Arbeiten" zu hindern. Wenn die zu d-esir Jahreszett seltenen Apfelsinen auf den Tifch tarnen, jagte sie oft. „Esten wir eine zusammen!" „Es ist mir recht", sagt« er, ohne sich von feinem Stuhle zu erheben, und stellte sich brummig. , Da" sagte sie und trennte mit einem Gnss ihres Fingernagels eine der goldenen Früchte in zwei Teile, und es machte ihr Vergnügen, wie ""Äenn^ die Apfttsine°verzehrt war, blieben Schalenstücke zurück, die sie in kleinere Stücke schnitt und ihm ins Gesicht warf, bis er sich abwendete Wenn sie hinaus aufs Land ging, trug sie bei nassem Wetter mit Vorliebe einen hübschen, kragenlosen Ueberrourf m bra^im und schroarz, mit einem Einschuß von warmem Goldton, der sie entzückend kleidete. Eines Tages glaubte sie, sie müsse ihren Kopf durchsetzen und schlechter Laune sein. Als sie schon fertig angezogen war, sah sie, wie Paul immer noch in Hemdärmeln im Zimmer umhergmg und mehr nach ihr hlchay, als nach dem Kleiderhaken, von dem er das lange und unbequeme Klei- L bunasftütf, von den Schneidern „Spring-ins-Boot genannt, hatte ab- nehmen sollen. Endlich war er fertig und öffnete die Tur Margarete ,lg ge trug Winterstiefel aus schwarzem Ziegenleder mtt glanzenden Metall I t knöpfen. Plötzlich setzte sie sich und knöpfte ihre Stiefel auf- Paul zog M Ql feine Handschuhe an und sah zu. Sie blickte ihm ins Gesicht und jagte i Ablösung. Von Manfred Hausmann. Der Mond steht überm Tale jetzt, wir singen und marschieren, wir singen, pfeifen, und zuletzt verstummen wir und frieren. Gasmasken klappern, Stiefel fchurrn. Das Tal wird breit und breiter. Links vor uns rollt ein dumpfes Murrn. Wir klappern schweigend weiter. Das Land verschwimmt in Glanz und Dust, im Walde wiehern Pferde, nach Pulver schmeckt und Rauch die Lust und nach zerrissner Erde. Nun fängt's auch rechts zu murren an im Nebel wie Gewitter. Ein Widerschein schwankt himmelan, Leuchtkugellichtgezitter. Da weiß, da rot, da sternumzackt, notrufende Kaskaden. Die Hand den Kolben fester packt: Wir kommen, Kameraden! Die Füße gehn im gleichen Schritt, es strafft sich jede Sehne. Der Leutnant pfeift, wir pfeifen mit, wir pfeifen durch die Zähne. Marsch im Regen. Von Robert Michel. Liebe Elisabeth, Du erwartest sicher keinen Brief von mir aus dem Selbe, denn bei meinem Ausmarsch hattest Du wohl das gleiche Gefühl wie ch: daß wir zwei einander nichts mehr bedeuten. Ich kann es nur damit intfchuldigen, dieses unerwartete Briefschreiben, daß es gestern den ganzen tag geregnet hat. Oder soll es auch damit entschuldbar sein, daß man im sselde nicht bloß dem Feind gegenüber Mut hat, sondern daß sich dieser Nut auch auf andere Gebiete überträgt? . Wie alles in der Natur, liebe ich auch den Regen. Aber er ist ein ssreund, den ich nicht gern allzu lange in meiner Gegenwart weiß. Manchmal ist es ganz schön, die Regentropfen auf das Gesicht und auf He Hände aufschlagen zu spüren, ja, ich möchte geradezu behaupten, daß las Gehen im Regen, dieses ständige Hindurchdringen durch die fallenden tropfen, mehr Lust bereiten kann als das Gehen in ruhiger, sonniger Luft, deren Ausweichen man kaum spürt. Aber gestern regnete es doch zu lange. Anfangs marschierte ich eingehüllt in meinen wasserdichten Wetter- iragen und die Kapuze hatte ich über den Kopf gestülpt; denn ich dachte daran, daß es der Gesundheit zuträglicher wäre, wenn ich nicht ganz durchnäßt würde. Allmählich aber wurde es so schwül und unbehaglich in dieser «ermummung, daß ich mir Luft zu machen begann. Zuerst warf ich diese Kapuze zurück, schob die Kappe in den Nacken und ließ die erfrischenden tropfen gegen mein Gesicht schlagen. Das tat so wohl, daß ich bald darauf den Wetterkragen abnahm und schutzlos weiter ging; auch die Kappe trug ich nun in der Hand, so daß das Wasser von den Haaren tald wie von einem Strohdach ohne Dachrinne hmunterrann Sogleich tegann der Regen seinen Angriff gegen meinen ganzen Leib Wie brave Infanteristen, die durch ein dichtes Netz von Stacheldraht bringen, er- tberten die Tropfen die Vorderseite meiner Bluse und um ffaben, brachen allmählich an die Wäsche durch und kamen ^ließlich bis «n die warme Haut. Hinten schlugen sie den umgekehrten We?f ein s,e ließen die Oberfläche der Uniform lange Zeit noch trocken. dafür liefen sie vom Haar herab, hinter den Kragen hinein, fanden den Hohlweg zwischen den Schultern, und im Gürtel von der Schnürung des Riemens «usgehalten, begannen sie von da aus, sich weiter hinsaugend, nach tnd unten alles zu durchnässen. „ ... . « Bald war die Kleidung an mir so, als wäre ich eben aus einem Bade stiegen, für das ich vergessen hatte, mich zu °st"le,den Da geschah es plötzlich daß ich Dich, liebe Elisabeth, an meiner Seite wußte. Wir hielten uns an den Händen und stapften fröhlich nebeneinander einher, icke damals auf Rügen, als wir am Tage Deiner allzu frühen Ab «°ch einmal ins Meer geschwommen waren und nun durchi öasJeW Wasser von fähiger Nässe triefend, Hand in Hand auf den rrouenen Sand h'inausgingen. Du erinnerst Dich wohl auch noch ^ser schone g Hilfe und weißt wohl auch heute noch, was °»r uns damals mcht m Worten zu sagen brauchten, daß uns an jenem I ge 1 „ agn.-tiQer Liebesstunde entgegengereift wäre, wenn die Umftanbe bafur g 19 ceroefen wären. Statt dieses Strandes mit de» vielen Menschen Bade- hütten und Häusern hätte dort eine ftille 2Iu fein pusten, a taum so lange gewartet, bis unsere Le'ber^trocken gewesen waren, wir hätten unsere nassen Hüllen abgestreift, uud die Tropf Winb- lie wären durch unsere eigene Glut und durch den sommerlichen Wino Sabetti tot an wie damals auf Rügen —, da Aubte ch 'mjr cn diesem Tage jenes Glück beschieben sein sollte, che schmutzig!" sagt sie kalt. Mrklich, Eva hat einen Ring mit einem großen, blutroten Stein. 6oK> natürM^®enn man durch den Stein schaut, ist alles rot und rot, die ganze Welt. Aber Peter darf doch nicht durch den Siem schauen. uerjag? gebllekiett maf. Hn5 ffl ro‘3re es wohl auch gekommen, wenn Bei Marsch nicht so endlos gedauert hätte. Du wichest wohl nicht mehr von meiner Seite, aber auch Du schienst durch die Anstrengungen des Marsches zu ermüden. So hätten wir wahrscheinlich eher einem Paar ähnlich gesehen, das aus dem Paradies vertrieben wird, als einem Liebespaar, bas einer schönsten Erfüllung entgegengeht. Als dann in der Nacht in einem elenden, zur Hälfte abgebrannten polnischen Dorf haltgemacht wurde, da warst Du mit einemmal entschwunden. Ich hatte mich noch um meine Leute zu bekümmern, aß aus der Feldküche, die mitgefahren war, eine Schale voll heißer Bohnen und suchte mein Nachtlager auf. Ich war mit einigen Kameraden in einer kleinen Bauernstube einquartiert, in der nichts anderes vorhanden war, als der gemauerte Herd und auf dem Boden benütztes, zerwühltes Stroh und Heu. Ich warf alles Nasse von mir ab, rollte mich in meine trockene Decke und schlief alsbald ein. Du warst nicht roiebergetommen. Dafür warst Du gleich früh morgens da, als ich erwachte, und von da an bliebst Du den ganzen Tag neben mir, so nah und gut, daß ich häufig ganz deutlich die Wärme Deiner Hand oder Deines Atems spürte. Es wurde noch ein Stück weitermarschiert, und bann wurde ein tiefer Schützengraben ausgehoben, in dem ich jetzt am Abend beim Licht meiner. Taschenlaterne diese Zeilen an Dich schreibe. Ich war von Deiner Gegenwart immer so tief beglückt, und nur die eine Sorge bedrückte mich, daß diese Beglückung durch Dich nicht den ganzen Tag über standhalten würde. Aber sie dünkt mich so fest verankert, daß sie mein Herz nicht mehr frei geben will. Und was sagt bas Deine? wieder, „kannst du mit der Zehe das immerfort nein zu sagen, sie fühlt sich Hausecke. außerdem sehr sicher an ihrer „Und überhaupt bist du so . Schmutzig? Das ist gar nichts. Damit sinkt sie sofort in der Achtung Peters Was heißt das, du bist fchmutzig? Sie könnte gerade so gut fagen, du hast Hände und Füße, hat das einen Sinn? Peter wendet sich wieder seinem Schneckenhause zu. Eine rote Masche, nun ja. Sagt Peter wirklich nichts mehr? Eva steht dort und bohrt ihre Mb- fähe in den Boden. , Aber ich habe einen Ring!" ruft sie nach einer Weile mit zitternder Stimme. So, einen Ring! Das ist wahr, einen Ring hat nicht jeder Mensch die Mutter vielleicht, und auch sie nicht immer. Peter entschließt M hinzugehen. Aber nun will Eva den Ring gar nicht herzeigen, sie legt die Hände auf dem Rücken zusammen — nein, durchaus mchtl Allein Peter macht da gar keine Umstände, er dreht sie herum und saßt verlangen. „Kannst du", fragte Peter Kreuz machen?" Aber Eva hat keine Lust, Ein Ring mit blutrotem Stein. Bon K. H. Waggerl. Das also ist Eva, der neue Gast. Ein tüchtiges Mädchen, o ja, sie ist ein wenig jünger als der kleine Peter, aber schon gut um zwei Finger größer. Er wächst nicht, dieser Knirps. Und eine spannenhohe Masche trägt diese Eva im Haar. Peter betrachtet das kleine Mädchen eine Weile, und dann entfernt er sich schweigend. Am nächsten Morgen steht Peter sehr früh auf und geht auf den Anger hinüber. Dort setzt er sich hin und wartet. Es dauert lange, kalt ist es auch, aber bann kommt die Sonne, und richtig, jetzt erscheint die rote Masche vor dem Haus. Sie kommt näher, Peter springt auf uni» steigt über den Zaun, lieber den Zaun hüpft die rote Masche nicht, sie macht einen Bogen und verschwindet hinter dem Haus. Oho! Peter läuft am Zaun entlang, dann über den Garten und vorn um den Stall — nichts! Auf der Tenne? — Nein, niemand. Er geht in den Wagenschuppen, plötzlich fährt er zurück: draußen schwebt sie vorüber, die rote Masche! Sie kommt zum Brunnen, dort bleibt sie eine Weile, dann flattert sie um die Ecke. Peter kriecht aus dem Schuppen und nimmt seinerseits den anderen Weg, am Haus vorbei und unter der Dachtraufe durch. Alles leer. Er schleicht bis zur nächsten Ecke, auch da ist nichts Rotes. Aber nun kommt die lange Rückwand des Hauses, das wird gefährlich. Er wagt ein paar Schritte, bann kehrt er um. Er hätte nicht umkehren sollen, denn jetzt steht Eva vor ihm. Das ist eben so, die schlimmsten Dinge kommen am schnellsten. Peter wendet sich zur Wand, er findet da plötzlich etwas zwischen den Balken, ein Steinchen, ein Schneckenhaus, vielleicht hat er schon viele Tage lang danach gesucht. Er bohrt mit dem Finger im Moos, aber was tut die rote Masche? Sie schwebt vorüber, sie hat nur eben darauf gewartet, den Weg frei zu bekommen, gleich wird sie verschwunden sein. „He!" sagte Peter. Die Masche bleibt stehen. Hat Peter wirklich etwas gesagt? Er gräbt noch immer nach dem Schneckenhaus, für ihn ist da durchaus kein Grund vorhanden, „He!" zu jagen, aber Eva hat sich nun schon einmal umgedreht, sie kann jetzt nicht mehr gut so um die Ecke gehen. „Du bist dumm!" ruft sie herüber. Das ist ein offener Angriff, fo viel hat Peter nicht von dieser Masche erwartet, nein, darüber läßt sich reden. Er dreht sich um und betrachtet sich dieses Ding, diesen Waghals mit der roten Masche. ,Kannst du auf zwei Fingern pfeifen?" sagt er nach einer Weile. „Was?" Peter macht es vor, er pfeift wie ein Geier. „Kannst du bas?" Nein, das kann Eva nicht. Nun, es ist auch sehr schwierig, für den Anfang vielleicht nicht zu Eoä Hal setzt die Oberhand, sie dreht den Ring nach Innen und ballt die Faust. „Nichts mehr, laß mich!" Peter überlegt ein wenig, ab es nicht am sichersten wäre, der roten Masche ein Bein zu stellen, aber da ruft die Mutter, und er geht fort. Peter hat übrigens noch einen Messingknopf mit einem Adler darauf, vielleicht ist dieser Knopf nicht viel schlechter als ein Ring mit einem Steinl In der folgenden Zeit unterzieht Peter die kleine Eva einer sehr genauen Prüfung. Er fuhrt sie über die Halde hinunter bis zum Wald. Dort ist eine Lücke im Zaun, aber hinter dem Zaun laufen zwei Wassergräben zusammen und bilden ständig eine tiefe, bläuliche Lache. Peter springt hinüber, er macht eigentlich nur einen großen Schritt. „Komm weiter!" sagt er freundlich. Eva schürzt ein wenig ihr weißes Kleid und macht auch einen großen Schritt. Im nächsten Augenblick ist nicht mehr viel von ihr zu sehen — die rote Masche und ein entsetztes Gesicht. Später sitzen die beiden auf der sonnigen Halde — wenn Eva nicht so viel weinte, wäre sie längst trocken. Allmählich kommt Peter zu der Ueberzeugung, daß Eva außergewöhnlich dumm ist. „Steige einmal da auf den Rechen", sagt er und ist selbst erstaunt, daß sie nun wirklich auf den Rechen tritt — der Stiel schnellt natürlich in die Höhe und schlägt ihr eine Beule an die Stirn. Nichts kennt sie, keinen Augenblick überlegt sie, ehe sie etwas tut, und auch dann denkt sie niemals nach, sondern setzt sich nur hin und heult. Ein Mädchen, das ist ein Mensch, der nur so aussieht wie ein richtiger Mensch. „Franz", sagt da Eva plötzlich, „der hat ein Pferd aus Holz, auf dem man sitzen kann!" „Franz? Wer ist Franz?" Nein, das sagt Eva nicht, das ist ihr Geheimnis. Aber so zum Spaß trüge sie wohl nicht diesen Ring an ihrer Hand ... Peter sagt nichts mehr. Zorn erfüllt ihn, eine seltsame Traurigkeit, bittere Unruhe. Am folgenden Tage geht Peter in den Wald zu seinen Ameisen. Er hat ihnen eine gute Brücke gebaut und eine große tote Blindschleiche geschenkt. Ameisen sind nicht undankbar. Sie haben die ganze Blindschleiche ausgezehrt, aber die weißen Knöchelchen haben sie nicht gefressen, sie liegen noch alle da, eine lange Reihe schöner, zackiger Perlen und er reiht sie auf seinen Faden, zuerst die kleinsten, dann größere und am Ende wieder kleine. Es wird eine prächtige, schneeweiße Kette. Oh, Eva gerät außer sich vor Freude, sie wird rot und blaß und kann es lange mcht glauben. Seht euch nur um, wer in aller Welt hat eine Kette aus echtem Schlangenbein? „Ja", sagt Peter, „sie ist nicht ganz schlecht. Du hast zwar den Ring ..." Ach, den Ring trägt Eva gar nicht mehr, er ist vielleicht nur aus Glas und Messing, nichts Echtes. Und selbst, wenn er aus purem Golde wäre, eine tote Schlange findet sich nicht immer auf der Halde. Und tausend Ameisen müssen taufend Stunden lang, Tag und Nacht daran nagen, es sind viele Perlen, viermal zehn und noch einige. Was aber das Pferd betrifft, so ist es eben von Holz. Peter jedoch reitet auf der Stute von der Mühle bis zum Haus. Ja, Peter ist ein großer Mann, reich, Herr über alle Tiere und Pflanzen auf der ganzen Halde. Und auch er hat ein Herz, und Eva weiß recht gut, wohin sie zielen muß. Der Herbst kommt schnell, und nun muß Eva abreisen. Peter hat ihr nicht viel zu sagen, aber am Tage vorher trägt er zwei Schafe über den Vach und treibt sie weit in den Wald hinein. Ja, und diese beiden Schafe fehlen also am anderen Morgen. Peter muß sogleich gehen und nach ihnen suchen, da hilft nun nichts. Er bleibt lange aus, und dann hat er zwar die beiden Tiere gefunden, aber der Dater ist inzwischen weggefahren mit Eva und deren Mutter. Schade, ja, allein Peter hat eben nicht früher kommen können. Später geht er auf die Tenne und schaut in seine Truhe. Nichts, nein. Berlassen, allein! Traurig ist das Leben ... Erst ein paar Tage später kommt er zufällig in den Wald, und da findet er doch etwas auf seinem Ameisenbau, es liegt ganz oben und glänzt: Ein Ring mit einem blutroten Stein. Das Rätsel der Wettraumstrahlung. Von Bruno H. B ä r g e l. Der Mensch lebt inmitten eines wahren Ozeans von Strahlen aller Art, er ist einem ständigen Bombardement von Kräften ausgesetzt, die aus dem Himmelsraum und aus dem Erdinnern zu ihm bringen, teils 'hn durchschlagen wie Geschosse, teils nur in die Haut gelangen und da abgebremst werden, teils von dieser Haut zurückgeworfen werden wie Lichtstrahlen von einem Spiegel. Eine ganze Skala von Strahlen wirft die Sonne auf uns, wir gingen zugrunde, wenn wir sie nicht bekämen, und wir sind ordentlich stolz darauf, wenn sie uns nach einer Reise an bte See, ins Hochgebirge, nach Wochen im Paddelboot braun gebrannt haben. Immer mehr erkennen wir, daß auch das Wetter und andere Erscheinungen auf unserer Erde beeinflußt werden durch Strahlen und sehr winzige Teilchen, die die Sonne aussendet und die bis zu uns qe- langen Mancherlei auf diesem Gebiet ist noch unerforscht, aber auf alle Falle ist die Sonne der größte Energiestrahler in der Nachbarschaft der Erde; sie arbeitet mit 265 Billionen Pferdekräften, man müßte jährlich «ne Steinkohlenmenge vom sechzigfachen Gewicht des Erdenkörpers in otefen Glutball hineinschütten, wollte man die von ihm verausgabte Energie ersetzen. a Eine der rätselhaftesten und interessantesten Erscheinungen aber haben wir m der Höhenstrahlung vor uns, um deren Erforschung sich Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lange. — Druck und Verla I* itibdjer uiun tmumien lujjt. Pcofeyor u- o ] p n 5 ]OU du ss. seinem eben beendeten Flug, der ihn bis auf 16 Kilometer emportrug, Sne auch nach biefer ^Richhmn hin llnfpr^nrhiinrrpn npmnrhf knhort ui auch nach dieser Richtung hin Untersuchungen gemacht haben. iier g hf; gx fi legen »ehr F ,Ä •iann! ,,Wc »eine liier," «in Mm mische Mh LLch, eben setzt die Physiker In allen Landern besonders bemühen. Die kostspieligen Straiosphären-Aufstiege mächtiger Freiballons dienen ja vor allem diesem Zweck, dem man in Deutschland mit anderen, einfacheren Mitteln nahezukommen sucht, indem man z. B. kleine unbemannte Piloi- ballons, die nur Instrumente mit sich führen, in große Höhen empor« schickt. Wegener in Stuttgart gelang es auf diese Weise schon im Jahre 1932, Registrierungen aus 25 Kilometer Höhe zu erhalten, einer Erdferne, die bemannte Ballons wahrscheinlich nie erreichen werden, und in der bei ewiger Klarheit (Wolken kommen in diesen Höhen nicft mehr vor!) 50 Grad Kälte herrscht. Man ist dabei, Pilotballons au« bestem Gummi zu konstruieren, Instrumente aus leichtestem Material zu bauen, um bis in Höhen von über 30 Kilometer gelangen zu können. Naturgemäß machen Freiballonfahrten, wie sie Piccard und feine Nachfolger ausführten, in unserer Zeit der Sportbegeisterung mehr Aufsehen als solche stillen wissenschaftlichen Arbeiten, aber daraus fommt es selbstverständlich nicht an. Es liegt noch immer ein großes Geheimnis um diese Höhenstrahlung. Kohlhörster in Potsdam, Stege n«r und andere deutsche Forscher Weit i ‘W »’ustüt ®*i c r'itn sv !’!«(d Mi Sie Um Aki ”0os: 5 in X ! Ute R > r jAe s? fei< Z't u X .Ohne Zweifel sehen wir bisher nur das grob Aeußerliche der Sache. Mit Recht haben Biologen die Frage aufgeworfen, ob diese mächtige In-f, durchdringende Strahlung nicht auch irgendwie auf das Leben ein- Site,, wirke. Wir wissen noch gar nicht, ob Menschen, die sich in der Strato- ktnni sphäre längere Zeit diesem Geschoßhagel aussetzen, das ungestraft tun >i| ,uf] können. Eben fängt man an, Experimente mit Insekten zu machen, auj die man Höhenstrahlen einwirken läßt. Professor C o s y n s soll bei Das erinnert an einen interessanten Gelehrtenstreit, der vor einigen Jahrzehnten die Gemüter bewegte. Es wurde damals die Frag« auf» geworfen, ob nicht Lebenskeime von der Erde fort in den Weltenraun» gelangen könnten und auch (andere bewohnbare Himmelskörper int Universum vorausgesetzt) von andern Sternen zu uns bringen. Die Borstellung erscheint zunächst phantastisch, dennoch haben sie sehr ernst zu. nehmende Leute erwogen; ich erinnere nur an so bekannte Namen wir Sir William Thomson, Spante Arrhenius, die den zuerst von dem deutschen Arzt H. E. Richter geäußerten Gedanken aufgriffen. Durch den „Strahlungsdruck", den das Sonnenlicht erzeugt, können Bakterien sehr wohl in den Weltenraum hinausgetrieben werden. Die außerordentliche Lebenskraft solcher Keime würde sie befähigen, die Reise bis zu anderen Sternen zu überdauern. Arrhenius berechnet, daß, auf diese Weise Keime in etwa 20 Tagen vom Mars bis zu uns oder von uns bis zu diesem Nachbarplaneten gelangen könnten. Damals wußte man noch nichts von der Weltraumstrahlung, jenem Geschoßhagel, der vielleicht alles Leben, das ihm längere Zeit ausgesetzt ist, vernichtet. Jenseits der dichten Luftschichten unserer Erde ist jene Strahlung bereits löOmal kräftiger als hier unten bei uns. Man hat die Frage aufgeworfen, ob die Weltraumstrahlung, oder „Ultrastrahlung", wie sie die deutschen Forscher in letzter Zeit nennen, nicht von fernen Fixstern-Sonnen besonderer Art ausgeht, von „jugendlichen" Sonnen, die besonders starke Strahler sind, während unsere eigene Sonne in der Entwicklungsreihe der Welten bereits eine höhere Altersstufe darstellt. Es gibt Physiker von Rus, die der Meinung sind, daß wir in diesen Strahlung?Vorgängen letzte und tiefste Zusammenhänge im Weltgeschehen erblicken müssen. Die astronomischen Forschungen, und die der Physiker berühren sich da. Es scheint, als ob in den Sternen, in den Milliarden riesigen Strahlern, die das Weltall erfüllen, der Stoff, die Materie vernichtet wird! sie verwandelt sich dort in „Strahlung". Muß sich nicht irgendwo und irgendwie die Strahlung im freien „leeren" Weltenraum wieder in Materie, in Atome zurückverwandeln, um den Bestand der Welt zu garantieren? Es könnte sein, daß wir in der Ultrastrahlung solche Prozesse oder ihre Folgen vor uns haben. : Brühlsche Universitätsbruckerei, R. Lange, Gießen. bemühen sich seit vielen Jahren, die Probleme zu klären. Sicher ist es, daß die Strahlen aus dem Weltenraum zu uns bringen und daß es sich um ganz enorme Energien handelt, aber alles andere ist noch im Dunkel. Nach Siegener sind es Energien von 2Vs Billionen Pferde- kräften, die die Oberfläche unseres Planeten erreichen. Diese Geschofft aus der Unendlichkeit des Sternenraumes durchdringen noch Stahl- maffen von 120 Meter Dicke, durchschlagen einen Kilometer Wasser. Unsere Lufthülle schützt uns vor der Strahlung, wie ein Mantel gegen Hagel schützt, aber je höher man emporsteigt (deshalb eben die Ballon- aufftiege), je stärker, je zahlreicher werben diese merkwürdigen Geschosse. Daß eine solche unsichtbare Winzigkeit riesige Stahl- und Bleimassen, durchschlagen kann, die kein Artilleriegeschoß mehr zerstören könnte, will dem Nichtfachmann nicht recht in den Sinn, und doch ist kein Zweifel an dieser Tatsache erlaubt. Russische Forscher haben einmal gegen 30 000 Kilogramm Blei zufammengebracht und daraus einen mächtigen „Schirm" fabriziert, der die Instrumente umgab, die zum Nachweis der Weltraumstrahlung dienen sollten. Dennoch genügte er nicht! Die Strahlung durchschlug ihn. Auch dieses Experiment ist in Deutschland, vor allem von Professor Regener, in einfacherer und billigerer Weise wiederholt wovden. Er benutzte Wasser als Mantel, und zwar den Bodensee, der an manchen Stellen 250 Meter tief ist. Kohlhörster dagegen operierte in tiefen Bergwerken unter bei Erde und im mächtigen Eis des Jungfrau-Gletschers.. Es gilt bei all solchen Versuchen auch noch sich von andern Strahlen, die aus dem Erdinnern kommen und die Instrumente beeinflussen, frei zu machen; viel Geist und Erfindungsgabe muß aufgeroenM werden, um alle Erscheinungen zu erfassen, dennoch handelt es sich itn Grunde um eine noch rätselhafte Angelegenheit. Sicher ist nur eines: Die Strahlung kommt aus den fernsten Tiefen des Weltenraumes, auch unsere eigene Sonne kann dabei nur eine geringe Rolle spielen. Fernere , Gestirne sind die Sendequellen. •