SiehenerKnmlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1959 Montag, den 27. März Nummer 25 Irrungen Wirrungen Roman öon Theodor F'ontane 9. Fortsetzung. „Latz nur, Lene, laß nur. Ich bin am liebsten allein. Und die Dörr, sie red't soviel un immer von ihrem Mann. Und ich hab ja mein Feuer. Und wenn der Stieglitz piept, das is mir genug. Aber wenn du mir eine Töte mitbringst, ich habe jetzt immer solch Kratzen, und Malzbonbon löst so ..." „Schön, Mutter." Und damit hatte Lene die kleine stille Wohnung verlaßen und war erst die Kurfürsten- und dann die lange Potsdamer Straße hinuntergegangen, auf den Spittelmarkt zu, wo die Gebrüder Goldstein ihr Geschäft hatten. Alles verlief nach Wunsch, und es war nahezu Mittag, als sie, heimkehrend, diesmal anstatt der Kurfürsten- lieber die Lützowstraße passierte. Die Sonne tat ihr wohl, und das Treiben auf dem Magdeburger Platze, wo gerade Wochenmarkt war und alles eben wieder zum Aufbruch röstete, vergnügte sie so, daß sie stehenblieb und sich das bunte Durcheinander mit ansah. Sie war wie benommen davon und wurde erst auf- gerllttelt, als die Feuerwehr mit ungeheurem Lärm an ihr vorbeirasselte. Lene horchte, bis das Gebimmel und Geklingel in der Ferne verhallt mar, dann aber sah sie links hinunter nach der Turmuhr der Zwölf- Apostel-Kirche. „Gerade zwölf", sagte sie. „Nun ist es Zeit, daß ich mich eite; sie wird immer unruhig, wenn ich später komme, als sie denkt." Und so ging sie weiter die Lützowstraße hinunter auf den gleichnamigen Platz zu. Aber mit einem Male hielt sie und wußte nicht, wohin, denn auf ganz kurze Entfernung erkannte sie Botho, der mit einer jungen, schönen Dame am Arm, grad auf sie zukam. Die junge Dame sprach lebhaft und anscheinend lauter^heitre Dinge, denn Botho lachte beständig, mährend er zu ihr niederblickte. Diesem Umstande verdankte fie's auch, daß sie nicht schon lange bemerkt worden war, und rasch entschlossen, eine Begegnung mit ihm um jeden Preis zu vermeiden, wandte sie sich vom Trottoir her nach rechts hin und trat an das zunächst befindliche große Schaufenster heran, vor dem, mutmaßlich als Deckel für eine hier befindliche Kelleröffnung, eine viereckige geriffelte Eisenplatte lag. Das Schaufenster selbst war das eines gewöhnlichen Materialwarenladens mit dem üblichen Aufbau von Stearinlichtern und Mixed-Pickles-Flafchen; nichts Besonderes, aber Lene starrte darauf hin, als ob sie dergleichen noch nie «gesehen habe. Und wahrlich, Zeit war es, denn in eben diesem Augenblicke streifte das junge Paar hart an ihr vorüber, und kein Wort entging ihr Don dem Gespräche, das zwischen beiden geführt wurde. „Käthe, nicht so laut", sagte Botho, „die Leute sehen uns schon an. „Laß sie ..." „Sie denken am Ende, wir zanken uns .. „Unter Lachen? Zanken unter Lachen?" Und sie lachte wieder. Lene fühlte das Zittern der dünnen Eisenplatte, daraus sie stand. Gin waagerecht liegender Messingstab zog sich, zum Schutze der großen Glasscheibe, vor dem Schaufenster hin, und einen Augenblick war es ihr, ols ob sie, wie zu Beistand und Hilfe, nach dem Messingstab greifen müsse, sie hielt sich aber aufrecht, und erst als sie sicher sein durfte, daß beide weit genug fort waren, wandte sie sich wieder, um ihren Weg fort- ^usetzen. Sie tappte sich vorsichtig an den Häusern hin, und eine kurze Strecke ging es. Aber bald war ihr doch, als ob ihr die Sinne schwänden, unb kaum, daß»sie die nächste nach dem Kanal hin abzweigende Querstraße erreicht hatte, so bog sie hier ein und trat in einen Vorgarten, dessen Gittertür offenstand. Nur mit Mühe noch schleppte sie sich bis an eine kleine zu Veranda und Hochparterre hinaufführende Freitreppe, wenige ■Stufen, und setzte sich, einer Ohnmacht nah, auf eine derselben. Als sie wieder erwachte, sah sie, daß ein halbwachsenes Mädchen, ein Grabscheit in der Hand, mit dem sie kleine Beete gegraben hatte, neben ihr stand und sie teilnahmvoll anblidte, während von der Verandabrüstung aus eine alte Kindermuhme sie mit kaum geringerer Neugier musterte. Niemand war augenscheinlich zu Haus als das Kind und die Dienerin, und Lene dankte beiden und erhob sich und schritt wieder auf die Pforte iu. Das halbwachsene Mädchen ober sah ihr traurig-verwundert nach, und es war fast, wie wenn in dem Kinderherzen eine ernste Vorstellung öon dem Leid des Gebens gedämmert hätte. Gene war inzwischen, Sen Fahrdamm passierend, bis an den Kanal ülekommen und ging jetzt unten an der Böschung entlang, wo sie sicher 1 ein durfte, niemandem zu begegnen. Von den Söhnen her blaffte dann und wann ein Snjtz. und ein dünner Ranck. well Mittag war, stieg aus den kleinen Kajütenschornsteinen auf. Aber sie sah und hörte nichts ober war wenigstens ohne Bewußtsein dessen, was um sie her vorging, und erst als jenseits des Zoologischen die Häuser am Kanal hin aufhörten und die große Schleuse mit ihrem drüberwegschichrnenden Wasser sichtbar wurde, blieb sie stehen und rang nach Guft. „Ach, wer meinen könnte." Und sie drückte die Hand gegen Brust und Herz. Zu Hause traf sie die Mutter an ihrem alten Platz und setzte sich ihr gegenüber, ohne daß ein Wort ober Blick zwischen ihnen gewechselt worden wäre. Mit einem Male aber sah die Alte, deren Auge bis dahin immer in derselben Richtung gegangen war, von ihrem Herdfeuer aus und erschrak, als sie der Veränderung in Levens Gesicht gewahr wurde. „Gene, Kind, was haft du? Gene, tbie siehst du nur aus?" Und so schwer beweglich sie sonsten war, heute machte sie sich im Umsehen von ihrer Fußbank los unb suchte nach bem Krug, um bie noch immer wie halbtot Dasitzenbe mit Wasser zu besprengen. Aber der Krug war leer, unb so humpelte sie nach bem Flur unb vom Flur nach Hof unb Garten hinaus, um die gute Frau Dörr zu rufen, die gerade Goldlack und Jelängerjelieber adschnitt, um Marktsträuße daraus zu binden. Ihr Alter aber stand neben ihr und sagte: „Nimm nid) wieder zuviel Strippe." Frau Dörr, als sie das jämmerliche Rusen der alten Frau von fernher hörte, verfärbte sich unb antwortete mit lauter Stimme: „Komme schon, Mutter Nimptsch, komme schon", und alles wegwerfend, was sie von Blumen und Bast in der Hand hatte, lief sie gleich auf das kleine Vorderhaus zu, weil sie sich sagte, daß da was los (ein müsse. „Richtig, dacht idj’s doch — Gencfen." Und dabei rüttelte und schüttelte sie die nach wie vor wie leblos Dasitzenbe, während die Alte langsam nachkam unb über den Flur hinschlurrte. „Wir müssen sie zu Bett bringen", rief Frau Dörr, und bie Nimptsch wollte selber mit anfassen. Ader so war bas „wir" ber stattlichen Frau Dörr nicht gemeint gewesen „Ich mache so was allein, Mutter Nimptsch", unb Genen in ihre Arme nehmend, trug sie sie nebenan in die Kammer und deckte sie hier zu. „So, Mutter Nimptsch. Nu ne heiße Stürze. Das kenn ich, das kommt von? Blut. Erst ne Stürze un denn ’n Ziegelstein an die Fußsohlen; aber gerab untern Svann, da sitzt das Geben ... Wovon is es denn eigentlich? Is gewiß ne Altration." ^,Weiß nidj. Sie hat nichts gesagt. Aber ich denke mir, daß sie ’n vielleicht gesehn hat." „Richtig. Das is es. Das kenn ich ... Aber nu die Fenster zu un runter mits Rollo ... Manche sind für Kampfer und Hoffmannstropfen, aber Kampfer schwächt so unb is eigentlich bloß für Motten. Nein, liebe Nimvtschen, was ne Natur is un noch dazu solche junge, die muß sich immer selber Helsen, un darum bin ich für schwitzen. Aber amtlich. Un wovon kommt es? Von die Männer kommt es. Un doch hat man sie nötig un braucht sie ... Na, sie kriegt ja schon wieder Farbe." „Woll’n wir nid) lieber nach’n Doktor schicken?" „I, Jott bewahre. Die kutschieren jetzt rum, un eh einer kommt, is sie schon dreimal dod und lebendig." Siebzehntes Kapitel. Drittehalb Jahre waren seit jener Begegnung vergangen, während welcher Zeit sich manches in unserem Bekannten- und Freundeskreise verändert hatte, nur nicht in dem in ber Lanbgrasenstraße. Hier herrschte bieselbe gute Gaune weiter, ber Frohmut ber Flitterwochen war geblieben, unb Käthe lachte nach wie vor. Was andere junge Frauen vielleicht betrübt hätte: daß das Paar einfach ein Paar blieb, wurde von Käthe keinen Augenblick schmerzlich empfunden. Sie lebte so gern unb sand an Putz und Plaudern, an Reiten und Fahren ein so volles Genüge, daß sie vor einer Veränderung ihrer Häuslichkeit eher erschrak, als sie herbeiwünschte. Der Sinn für Familie, geschweige die Sehnsucht danach, war ihr noch nicht aufgegangen, und als die Mama --brieflich eine Bemerkung über diese Dinge machte, schrieb Käthe ziemlich ketzerisch zurück: „Sorge Dich nicht, Mama. Bothos Bruder hat sick) ja nun ebenfalls verlobt, in einem halben Jahr ist Hochzeit, und ich überlaß es gern meiner zukünftigen Schwägerin, sich die Fortdauer des Hauses Rienäcker angelegen fein zu lassen." Botho sah es anders an, aber auch sein Glück wurde durch das, was fehlte, nicht sonderlich getrübt, und wenn ihn trokdem von Zeit zu Zeit eine Mißstimmung anwandelte, so war es, wie schon damals auf feiner Dresdner Hochzeitsreise, vorwiegend darüber, daß mit Käthe wohl ein leidlich vernünftiges, aber durchaus kein ernstes Wort zu reden war. Sie war unterhaltlich und konnte sich mitunter bis zu glücklichen Einfällen steigern, aber auch das Beste, was sie sagte, war oberflächlich unb „spiel- rig", als ob sie ber Fähigkeit entbehrt hätte, zwischen wichtigen unb unwichtigen Dingen zu unterscheiden. Und was das schlimmste war, sie betrachtete das alles als einen Vornig. wußte sich was damit und dachte nicht daran, es abzulegen. „Aber, Käü>«> Käthe",,rief Botho bann wohl unb ließ in biesem Zuruf etwas von Mißbilligung mit durchklingen; ihr glückliches Naturell aber wußte ihn immer wieder zu entwaffnen, ja, fo sehr, daß er sich mit dem Anspruch, den er erhob, säst pedantisch vorkam. Lene mit ihrer Einfachheit, Wahrheit und Unredensartlichkeit stand ihm öfters vor der Seele, fchwand aber ebenso rasch wieder hin, und nur wenn Zufälligreiten einen ganz bestimmten Vorfall in aller Lebendigkeit wieder in ihm wachriefen, kam ihm mit dieser größeren Lebendigkeit des Bildes auch wohl ein stärkeres Gefühl und mitunter selbst eine Verlegenheit. Eine solche Zufälligkeit ereignete sich gleich im ersten Sommer, als das junge Paar, von einem Diner bei Graf Alten zuruckgekehrt, aus dem Balkon saß und seinen Tee nahm. Käthe lag zurückgelehnt in ihrem Sessel und ließ sich aus der Zeitung einen mit Zahlenangaben reich gespickten Artikel über Psarr- und Stolgebühren vorlesen. Eigentlich verstand sie wenig davon, um so weniger, als die vielen Zahlen sie störten, aber sie hörte doch ziemlich aufmerksam zu, weil alle märkischen Frölens ihre halbe Jugend „bei Predigers" zubringen und so den Pfarrhausinteressen ihre Teilnahme bewahren. So war es auch heut. Endlich brach der Abend herein, und im selben Augenblicke, wo's dunkelte, begann drüben im „Zoologischen" das Konzert, und ein entzückender Straußscher Walzer klang herüber. „Höre nur, Botho", sagte Käthe, sich ausrichtend, während sie voll Uebermut hinzusetzte: „Komm, laß uns tanzer." Und ohne seine Zustimmung abzuwarten, zog sie ihn aus seinem Stuhl in die Höhe und walzte mit ihm in das große Balkonzimmer hinein und in diesem noch ein paarmal herum. Dann gab sie ihm einen Kuh und sagte, während sie sich an ihn schmiegte: „Weißt du, Botho, so wundervoll hab ich noch nie getanzt, auch nicht auf meinem ersten Ball, den ich noch bei der Zülow mitmachte, ja, daß ich's nur gestehe, noch eh ich eingesegnet war. Onkel Ostennahm mich auf seine Verantwortung mit, und die Mama weiß es bis diesen Tag nicht. Aber selbst da war es nicht so schön wie heut. Und doch ist die verbotene Frucht die schönste. Nicht wahr? Aber du sagst ja nichts, du bist ja verlegen, Botho. Sieh, so ertapp ich dich mal wieder." Er wollte, so gut es ging, etwas sagen, aber sie ließ ihn nicht dazu kommen. „Ich glaube wirklich, Botho, meine Schwester Ine hat es dir angetan, und du darfst mich nicht damit trösten wollen, sie sei noch ein halber Backfisch oder nicht weit darüber hinaus. Das sind immer die gefährlichsten. Ist es nicht so? Nun, ich will nichts gesehen haben, und ich gönn es ihr und dir. Aber auf alte, ganz alte Geschichten bin ich eifersüchtig, viel, viel eifersüchtiger als auf neue." „Sonderbar", sagte Botho und versuchte zu lachen. „Und doch am Ende nicht so sonderbar wie's aussieht", fuhr Käthe fort. „Sieh, neue Geschichten hat man doch immer halb unter Augen, und es muß schon schlimm kommen und ein wirklicher Meisterverräter sein, wenn man gar nichts merken und so reinweg betrogen werden soll. Aber alte Geschichten, da hört alle Kontrolle auf, da kann es tausend und drei geben, und man weiß es kaum." „Und was man nicht weih .. " „Kann einen doch heiß machen. Aber lassen roir’s und lies mir lieber weiter aus deiner Zeitung vor. Ich habe beständig an unsere Kluckhuhns denken müssen, und die gute Frau versteht es nicht. Und der Aelteste soll jetzt gerade studieren " Solche Geschichten ereigneten sich häufiger und beschworen in Bothos Seele mit den alten Zeiten auch Lenens Bild herauf, aber sie selbst sah er nicht, was ihm aufsiel, weil er ja wußte, daß sie halbe Nachbarn waren. Es fiel ihm aus und wär ihm doch leicht erklärlich gewesen, wenn er rechtzeitig in Erfahrung gebracht hätte, daß Frau Nimptsch und Lene gar nicht mehr an alter Stelle zu finden seien. Und doch war es so. Von dem Tag an, wo Lene dem jungen Paar in der Lützowstraße begegnet war, hatte sie der Alten erklärt, in der Dörrschen Wohnung nicht mehr bleiben zu können, und als Mutter Nimptsch, die sonst nie widersprach, den Kopf geschüttelt und geroeimert und in einem fort aus den Herd hingewiesen hatte, hatte Lene gesagt: „Mutter, du kennst mich doch! Ich werde dir doch deinen Herd und dein Feuer nicht nehmen; du sollst alles wieder haben; ich habe das Geld dazu gespart, und wenn ich's nicht hätte, so wollt ich arbeiten, bis es beisammen wär. Aber hier müssen wir fort. Ich muß jeden Tag da vorbei, das halt ich nicht aus, Mutter. Ich gönn ihm sein Glück, ja mehr noch, ich freue mich, daß er's hat. Gott ist mein Zeuge, denn er war ein guter, lieber Mensch und hat mir zuliebe gelebt» und kein Hochmut und keine Haberei. Und daß ich's rundheraus sage, trotzdem ich die feinen Herren nicht leiden kann, ein richtiger Edelmann, so recht einer, der das Herz auf dem rechten Flecke hat. Ja, mein einziger Botho, du sollst glücklich sein, so glücklich, wie du's verdienst. Aber ich kann es nicht sehn, Mutter, ich muß weg hier, denn sowie ich zehn Schritte gebe, denk ich, er steht vor mir. Und da bin ich in einem ewigen Zittern. Nein, nein, das geht nicht. Ader deine Herdstelle sollst du haben. Das versprech ich dir, ich, deine Lene." Nach diesem Gespärche war seitens der Alten aller Widerstand aus- gegeben worden, und auch Frau Dorr hatte gesagt: „Versteht sich, ihr müßt ausziehen. Und dem alten Geizkragen, dem Dörr, dem gönn ich's. Immer hat er mir was vorgebrummt, daß ihr zu billig einsäßt, und daß nid) die Steuer ttn die Reparatur dabei rauskäme. Nu mag er sich freuen, wenn ihm alles leer steht. Und fo roirb’s kommen. Denn wer zieht denn in solchen Puppenkasten, wo jeder Kater ins Fenster guckt un kein Gas nid) un keine Wasserleitung. I, versteht sich; ihr habt ja vierteljährliche Kündigung, und Ostern könnt ihr raus, da helfen ihm keine Sperenzchen. Und ich freue mich ordentlich; ja, Lene, so schlecht bin ich. Aber ich muß auch gleich für meine Schadenfreude bezahlen. Denn wenn du weg bift, Kind, und die gute Frau Nimptfch mit ihrem Feuer und ihrem Teekessel und immer kochend Wasser, ja. Lene, was hab ich denn noch? Doch bloß ihn un Sultan und den dummen Jungen» der immer dummer wird. Un sonst keinen Menschen nid). Und roenn’s denn kalt wird und Schnee fällt, is es mitunter zum katfolfch werden vor lauter Stillfitzen und Ein- jamteit." Das waren fo die ersten Verhandlungen gewesen, als der Umzugsplan in Lene feststand; und als Ostern herankam, war wirklich ein Möbelwagen vorgesahren, um aufzuladen, was an Habseligkeiten da war. Der alte Dörr hatte sich bis zuletzt überraschend gut benommen, und nach erfolgtem feierlichen Abschiede war Frau Nimptsch in eine Droschke gepackt und mit ihrem Eichkätzchen und Stieglitz bis an das Luisenuser gefahren worden, wo Lene, drei Treppen hoch, eine kleine Prachtwohnung gemietet und nicht nur ein paar neue Möbel angeschasft, sondern, in Erinnerung an ihr Versprechen, vor allem auch für einen an den großen Vorder- zirnmerofen angebauten Karnin gesorgt hatte. Seitens des Wirts waren anfänglich allerlei Schwierigkeiten gemacht worden, „weil solch Vorbau den Ofen ruiniere". Lene hatte jedoch unter Angabe der Gründe daraus bestanden, was dem Wirt, einem alten, braven Tischlermeister, dem fo was gefiel, einen großen Eindruck gemacht und ihn zum Nachgeben bestimmt hatte. , Beide wohnten nun ziemlich ebenso, wie sie vordem im Dörrschen Gartenhause gewohnt hatten, nur mit dem Unterschiede, daß sie jetzt drei Treppen hoch saßen, und statt auf die phantastischen Türme des Elefanlen- hauses auf die hübsche Kuppel der Michaeliskirche sahen. Ja, der Blick, dessen sie sich erfreuten, war entzückend und so schon und frei, daß er selbst auf die Lebensgewohnheiten der alten Nimptfch einen Einfluß gewann und sie bestimmte, nicht mehr bloß auf der Fußbank am Feuer, sondern, wem, die Sonne schien, auch am offenen Fenster zu sitzen, wo Lene für einen Tritt gesorgt hatte. Das alles tat der alten Frau Nimptfch ungemein wohl und half ihr auch gesundheitlich auf, so daß sie seit dem Wohnungs- wechsel weniger an Reißen litt als draußen in dem Dörrschen Gartenhause, das, fo poetisch es lag, nicht viel besser als ein Keller gewesen war. Im übrigen verging keine Woche, wo picht, trotz des endlos weiten Weges, Frau Dörr vom „Zoologischen" her am Luisenuser erschienen wäre, bloß „um zu sehen, roie’s stehe". Sie sprach bann, nach Art aller Berliner Ehefrauen, ausschließlick) von ihrem Manne, babei regelmäßig einen Ton anschlagend, als ob die Verheiratung mit ihm eine der schwersten 'Mesalliancen und eigentlich etwas halb Unerklärliches gewesen wäre. In Wahrheit aber stand es fo, daß-sie sich nicht nur äußerst behaglich und zufrieden fühlte, sondern sich auch freute, daß Dörr geradeso war, wie er war. Denn sie hatte nur Vorteile davon, einmal den, beständig reicher zu werden, und nebenher den zweiten, ihr ebenso wichtigen, ohne jede Gefahr vor Aenderung und Vermogenseinbuhe sich unausgesetzt über den alten Geizkragen erheben und ihm Vorhaltungen über seine niedrige Gesinnung machen zu können. Ja, Dorr war das Hauptthema bei diesen Gesprächen, und Lene, wenn sie nicht bei Goldsteins oder sonstwo in der Stadt war, lachte jedesmal herzlich mit, und um so herzlicher, als sie sich, ebenso wie die Nimptsch, seit dem Umzüge sichtlich erholt hatte. Das Einrichten, Anschaffen und Jnstandfetzen hatte sie, wie sich denken läßt, von Anfang an von ihren Betrachtungen abgezogen, und was noch wichtiger und für ihre Gesundheit und Erholung erst recht von Vorteil gewesen war, war das, daß sie nun keine Furcht mehr vor einer Begegnung mit Botho zu Haden brauchte. Wer kam nach dem Luisenuser? Botho gewiß nicht. All das vereinigte sich, sie vergleichsweise wieder srisch und inunter erscheinen zu lassen, und nur eines war geblieben, das auch äußerlich an zurückliegende Kämpfe gemahnte: mitten durch ihr Scheitel- Haar zog sich eine weiße Strähne. Mutter Nimptsch hatte kein Auge bofür oder machte nicht viel baoon, die Dörr aber, die nach ihrer Art mit der Mode ging und vor allem ungemein stolz auf ihren echten Zopf war, sah die weiße Strähne gleich und sagte zu Lene: „Jott, Lene. Un grabe links. Aber natürlich — da sitzt es ja — links muh es ja sein." Es war bald nach dem Umzüge, daß dies Gespräch geführt wurde. Sonst geschah im allgemeinen weder Bothos noch der alten Zeiten Erwähnung, was einfach darin feinen Grund hatte, daß Lene, wenn die Plauderei speziell diesem Thema sich zuwandte, jedesmal rasch abbrach ober auch wohl aus dem Zimmer ging. Das hatte sich die Dörr, als es Mal auf Mal wiederkehrte, gemerkt, und fo schwieg sie denn über Dinge, von denen man ganz ersichtlich weder reden noch hören wollte. So ging es ein Jahr lang, und als das Jahr um war, war noch ein anderer Grund da, der es nicht rötlich erscheinen ließ, auf die alten Geschichten zurück- zukommen. Nebenan nämlich war, Wand an Wand mit der Nimptsch, ein Mieter eingezogen, der, von Anfang an auf gute Nachbarschaft haltend, bald noch mehr als ein guter Nachbar zu werden versprach. Er kam jeden Abend und plauderte, so daß es mitunter an die Zeiten erinnerte, wo Dorr auf seinem Schemel gesessen und seine Pfeife geraucht hatte, nur daß der neue Nachbar in vielen Stücken doch anders war: ein ordentlicher und gebildeter Mann, von nicht gerade feinen, aber sehr anständigen Manieren, dabei guter Unterhalter, der, wenn Lene mit zugegen war, von allerlei städtischen Angelegenheiten, von Schulen, Gasanstalten und Kanalisation und mitunter auch von seinen Reisen zu sprechen wußte. Traf es sich, daß er mit der Alten allein war, fo verdroß ihn aud) das nicht, und er spielte bann Tob unb Leben mit ihr ober Dam- brett ober half ihr auch wohl eine Patience legen, obwohl er eigentlich alle Karten verabscheute. Denn er war ein Konventikler unb hatte, nach- bem er erst bei ben Mennoniten und dann später bei den Jrvingianern eine Rolle gespielt hatte, neuerdings eine selbständige Sekte geffiftet. Wie sich denken läßt, erregte dies alles die höchste Neugier der Frau Dörr, die denn aud) nicht müde wurde, Fragen zu stellen und Anspielungen zu machen, aber immer nur, wenn Lene wirtschaftlich zu tun ober in der Stadt allerlei Besorgungen hatte. „Sagen Sie, liebe Fra» Nimptsch, was is er denn eigentlich? Ick; habe nachgeschlagen, aber er steht noch nid; drin; Dorr hat bloß immer den vorjährigen. Frauke heißt er?" „Ja, Franke." . ® / (Fortsetzung folgt.) Und Und Und Und Und Und Ein oben Mädel in krausem Gewühl Bursche ganz dicht nebenbei — aus dem prickelnden, duftenden Pfühl Kichern — ein Singsang — ein Schrei. also sind sie vorübergefahr'n, es folgen ihrer noch viel, ich wette, auch heute, nach vierzig Jahr'n, Ist es das alte Spiel. Und immer noch fahren unverwandt Der Liebe törichte Fracht Heuwagen im alten Litauerland Durch die rötliche Sommernacht. Erntelied. Don Hermann Sudermann. Der letzte Streifen Glut verglimmt, Zum Gestern verflattert das Heut, Und in den rötlichen Nebeln schwimmt Ein Tropscn Abendgeläut. Ich sitze vor meines Vaters Haus Auf der weihgestrichenen Bank Und horch' auf die dämmernde Straße hinaus Und die rauschenden Pappeln entlang. Dort, von dem Dunkel der Kronen umschirmt, Ist ein heimliches Leben erwacht; Heuwagen schwanken hochgetürmt Durch die rötliche Sommernacht — Wenn die Memel steigt... Von Hermann Sudermann. So haben sie alle im Moor angefangen. Aber in einigen Jahren sieht lies schon besser aus. Und in Generationen steht an der Stelle der koorhütte ein stattlicher, sauberer, deutscher Bauernhof. Doch immer bleibt die Arbeit und bleibt der Kampf. Und manchmal »mmt auch die Not! Wenn im Frühjahr das Eis zu plötzlich schmilzt und dce Strom- kündungen noch vom Eise verstopft sind, dann kommt das Hochwasser. „Joijoi! Wassersnot! Joijoi! Wassersnot!" Wassersnot! Was heißt j Wassersnot? Das bißchen Wasser wird man doch noch aushalten können. ! las ist doch fast in jedem Frühling so gewesen. Aber man hat erzählt, lie Leute, die vom großen Strom Herkommen, haben Vieh angebunden >„d Betten aufgeladen. In langer Reihe stehen die Wagen auf dem Mußner Chausfeedamm, und vor der langen Brücke sollen sie aufecnander- ! pjahren sein und nicht mehr wciterkönnen. Der Heydekruger Markt sei ioervoll, und nirgends.mehr geb' es ein Obdach. • Die Erdme sagt zum Jons; „Sieh doch mal nach, was dran wahr. 1 2 er zieht die langen Stiefel an und plantscht drauflos. Der Hof steht ■Unter Wasser. Das will am Ende nicht viel sagen. Der Knüppelweg steht euch unter Wasser, aber der Boden darunter ist noch steif gefroren. Man kinn vom Fenster aus sehen, daß er festhält. Wie der Jons marschiert, »acht das Wasser spielende Weilchen über die Fußgelenke. Sänke er ein, dann würde es spritzen. Die Nachbarhäuser drüben stehen im grauen Nebel und scheinen so neit weg, daß man meinen könnte, sie seien aus einer anderen Welt. ! Alles ist still, und kein Windchen rührt sich, und die Dächer tropfen. Dann hebt im Stall die Rotbunte zu brüllen an. Die Kühe haben beute früh noch kein Heu bekommen, und die Schweine quaksen. Die Crbme sagt zu den beiden Marjellen: „Wir müßen abfüttern gehen." Sber die wollen nicht ran. Das Wasser ist naß. So zieht sie sich also die Ltrumpfe aus, schnürt die Röcke hoch und geht auf Klotzkorken nach dem Hot. Die Bretter, die bis zum Stall gelegt sind, schwimmen schon, und wenn ■trän von einem zum andern springt, dann knallt das Wasser nur so in de Höhe. Aber man kommt doch noch hin. Den Schweinen geht das Vaster schon an die Läuse. Sie sind unruhig und fressen nicht. Die Tchwarzweiße hingegen hat Hunger. Die kommt aus der Niederung und k nnt den Dienst. Aber die Rotbunte macht Sperenzchen. Die will trocken sichen. Brav ist natürlich das Pferdchen, obwohl ihm die nasse Streu b in Vergnügen bereitet. Die Erdnie hilft, so gut sie kann. Aber sie mußte b'n Stallboden um einen Fuß höher legen, und dazu gehört eine Sommer- °"beit von vierzehn Tagen Sie will sich von den Tieren nicht trennen, läuft von einem zum I andern und klopft ihnen beruhigend die Hälse. Mehr kann sie nicht tun. Da hört sie vom Wohnhause her schreien: „Mama! Mama!" — „Was ! i|t?" — „Das Wasser ist in der Stutze!" — Also zurück! Jetzt wollen die Bretter schon nicht mehr halten. Tritt man daraus, s' gleiten sie seitwärts, und inan sieht sich im Wasser bis über die Waden, teer man kommt doch noch immer zurück. . Richtig! Das Wasser steht in der Stube. Gar nicht wie ein Gast, der nicht hingehört. Hat sicb ganz häuslich eingerichtet. Und man kann sich ö'in spiegeln. Die Mariellen sehen die Mutter vorwurfsvoll an und sagen: „Wo sollen wir nun sitzen?" . I , „Setzt euch auf den Tisch!" sagt die Erdme. Ihr sind die Beine wie Eis. Ece sucht einen Wollappen, um sie zu reiben, und öffnet den Kasten. Da ist das Wasser schon an den Kleidern hochgrklettert und hat alles seucht gemacht. So fetzt sie sich aus die Ofenbank und hebt die Beine an der heißen Ziegelwand hoch, denn geheizt ist noch worden. Das wärmt sie wieder ein bißchen. Nach einiger Zeit will die Erdme wieder die Füße zur Erde sinken lassen, aber erschrocken zieht sie sie wieder zurück, denn das Wasser reicht auch ihr schon bis über die Knöchel, und von unter dem Bett her kommen Kartoffeln geschwommen und der Schmandtopf zum Buttern. Ist es schon so weit? denkt die Erdme, und das Herz steigt ihr hoch. Doch dann gibt sie sich einen Stoß und springt von der Ofenbank herunter. Wie oft hat sie im eiskalten Grabenwasser gestanden, stundenlang — sie wird auch das aushalten können. Kommt mit in den Stall", ruft sie ihren beiden Kindern zu. Draußen reicht das Wasser bereits bis an die Knie und den Marjellen noch höher. Sie heulen und schimpfen, aber hinterfjer laufen sie doch. Das Vieh ist ganz wie verrückt. Die Schweine orehen sich quiekend im Kreise, und die Kühe reißen ihr mit den Halstern die Hände wund. Nur das Pserdchen steht voll Ergebung und zittert. Mein Gott, und der Vater kommt immer noch nicht! Da plötzlich steht der Nachbar Witkuhn hinter ihr — nah bis gegen den Nabel. „Ich hab' mein Vieh dem Smailus mitgegeben", sagt er. „Die Schweine sind in den Graben geraten und werden ertrinken. Eure kriegt Ihr schon nicht mehr raus " „Was wird werden, Nachbar,?" Sie ringt die Hände. „Eue? Heuboden hat Raum. Es ist das beste, Ihr ichafst die Kühe hinauf." Die Erdme glaubt, nicht recht gehört zu haben. Seit wann kann eine Kuh die Leiter hinausklettern? „Bringt Säge und Schaufeln", sagt der Nachbar. „Auch Mistgabeln bringt, ich werde es Euch zeigen." Säge und Schaufeln sind da, auch zwei Mistgabeln. „Draußen liegen Ziegel vom Bau her", sagte er weiter, „die klaut aus dem Wasser und schasst sie herein." Der Nachbar Witkuhn breitet eine Schicht auf dem Erdboden aus, gerade unter die Luke und dann noch eine. Darauf stellt er die Rotbunte, die ihm willig folgt. Dann fängt er Mist zu staken an, der Kuh immer unter die Hufe, so daß sie höher steigt, ob sie will oder nicht. „So macht's weiter", sagt er und schwingt sich hinaus durch die Luke. Deren Bretter fügt er ringsum entzwei und macht das Loch so groß, daß eine Kuh ohne Beschwerde hindurch kann. Die Rotbunte reicht mit dem Kopf schon gegen die Decke. Die Schweine stehen aus den Hinterläufen und trippeln an der Wand entlang, wie große Ratten im Käfig. Wer wird sie heben können? Denn um stille zu halten, sind sie zu dumm. Wie die Rotbunte eben schon oben ist, da steht der Jons mit einemmal da — nah, versucht's mit der anderen. Die Erdme weiß, wie. Das Pferd laß raus, das schwimmt zum Damm von allein. Aber die Schweine müssen ersaufen." — „Vielleicht krieg ich sie auch noch raus", sagt der Jons. — „Unmöglich ist nichts", sagt der Nachbar und plantscht zur Tür. Sie tragen den Misthaufen wieder ab. Dessen Stücke schwimmen nun rum. Auch die Schwarzweiße folgt willig auf die Ziegelerhöhung, doch der Mist will unter dem Wasser jetzt nicht mehr halten. Der Ions bricht die Raufen entzwei und nimmt den Schweinen die Tröge weg. So kommt Festigkeit in den Bau. Die Schweine in ihrer Todesangst klettern jetzt an den Menschen hock,. Man muß sie mit Mühe abwehren; und auch das Pferdchen wird unruhig.«Jons führt es hinaus, und richtig! Nachdem es eine Weile lang in den Stall zurückgewollt hat, begibt es sich klug auf bie Steife. Sie schaufeln unterdessen und staken und staken und nutzen jeden Eimer und jede Tonne aus, um selber so hoch wie möglich zu stehen. Wie sie auch die Schwarzweiße oben haben, da liegt schon das eine der Schweine regungslos auf dem Wasser; das andere, das immer noch quiekt, schieden sie den Mistberg hoch, so daß es halb erwürgt oben ankommt. Essen fehlt. Trockene Kleider fehlen. „Ich gehe ins Haus und hole, was nötig ist", sagt die Erdme. Die Marjellen schreien: „Du wirst ertrinken!" — Aber sie macht sich nichts draus. Dos eiskalte Wasser auf dem Hofe geht ihr bis an die Brust. Es steht nicht mehr still wie zuvor. Wirbel kreisen und führen Eisstucke mit sich, dicker als Torfziegel. Die kommen sicher vom Strom. Es muß also einen Dammbruch gegeben haben. Aber die Luft ist so ruhig: es scheint frieren zu wollen über Nacht. Aus der Gegend der Chaussee kommt ein dumpfes Gebraufe von Mensch und Tier. Atz und zu ein Schrei wie aus Todesnot. Aber ringsum ist alles still. Wie längst gestorben ist alles. Im Hause reicht das Wasser schon bis gegen die Tischplatte. Die Stuhle schwimmen Die im Schrank verwahrten Kleider sind oben noch trocken. Nur das unterste Stück hängt im Wasser. Sie rafft, was sie raffen kann. Ein Glück, daß der Schafpelz von Ions zum Trocknen noch auf dem Ofen liegt. Er wenigstens wird Wärme haben. Zwei-, dreimal geht sie beloben hin und her, die Arme hochhaltend, unb immer schwieriger werben bie Wirbel. Dann zieht sie sich aus, reibt sich mit Heu bie ©lieber warm unb wühlt sich in den Heuhaufen. Die Morgenbämmerung ist rot, unb auf dem Wasser glänzt eine dünne, blaßblaue Eisschicht, in die schneegraue Eisblöcke eingefroren sind. Wären sie drüben im Hause gMieben, weiß Gott, wie es bann aussahe! Das, was dort Dach heißt, Hütte sie niemals getragen. Die Pfosten stehen windschief. Das Haus sieht aus wie eine Roggenhocke, kurz vor dem Sie steht auf und zieht sich an. Die Rocke von gestern sind noch patschnaß, aber die mitgebrachten scheinen fast trocken. Wie sie ordentlich auftritt, merkt sie, daß auch der Stall nicht mehr festhält, unb er war boch wie für bie Ewigkeit gebaut. Sie schaut zur Dachluke hinaus. Da erkennt sie plötzlich bie kleine Kate eines weitab baufenben Nieberungsbewohners. Sie schwimmt auf bem Wasser wie bie Arche Noabs unb nimmt ihre Fahrt gernbe auf ihren Stoll zu. Erdme streckt bie Arme zur Luke hinaus unb schreit: „Hierher! Hierher!' Die beiden Marjellen fahv-n hock: „Mama! Was ist!?" — ..Schreit, fchrett, schreit!" Und alle schreien: „Hierher! Hierher!" Tatsächlich kommt das Haus an den Stall herangeschwommen und nimmt In letzter Minute Erdme und Jons und die beiden Kinder auf. Nach vielen Mühen wird die Arche näher und näher an den rettenden Chausseedamm gebracht, der selbst kaum noch einen Zoll aus dem Wasser ragt. Dort sind fie gerettet. (Aus den „Litauischen Geschichten" von Hermann Sudermann mit freundlicher Genehmigung des Verlages I. G. Cotta.) Land an her Memel. Von Ernft Wiechert. Wer aus den Wäldern meiner Heimat nach Norden wandert, bleibt in derselben Provinz, aber unter feinen Augen bekommt der östliche Raum ein anderes Gesicht. Schon auf den Wegweisern ändert sich die Welt, und seltsame Namen künden an, daß hier eine andere Erde beginnt. Noch bleibt der Wald, der längs der südlichen Grenze rauscht, aber sein Antlitz wandelt sich um. Aus dem Schlafenden der Seen wird das langsame Gleiten der Ströme. Der Sand verstäubt, der Boden wird schwarz. Es riecht nach Wasser und Moor, und manchmal bringt der Wind einen kühlen, raumlojen Hauch. Es ist die Luft, die Über den großen Wässern steht: das Land zwischen den Strömen meldet sich an. Unsre Schulweisheit fällt uns ein: daß nun das Land der Königstreue und der Gläubigkeit beginne, der Pferdezucht und der Wilddiebe, der Moore und der Dainos. Aber wir sehen, daß die Schulweisheit nicht ausreicht, um zu Hause zu sein in jedem Raum. Denn der Himmel ist gewaltig über diesem Land, mit Wolken, die gleich Gebirgen aufragen über einem fernen Horizont. Die Kühle der masurischen Wälder hat sich gewandelt in die dumpfe Glut der Erlendickung. Träge zieht das Wasser zwischen Schwertlilien hindurch, hinter denen der Kranich sich verbirgt. Der Wagen verschwindet, vom Kahn ersetzt, und Gräben mit dunklem Wasser sind die Landstraßen dieser Welt. Der rechte Winkel beherrscht das Land, Graben und Damm geometrisch gekreuzt, wie ein Gradnetz über die Landschaft gelegt. Man zählt die Gräben wie Türen im Dunklen, denn Jagen liegt an Sagen, in schrecklicher Gleichheit, stumm ohne Namen: Urwald, Wafser und Sumpf. Mit- unter öffnet der Damm sich auf eine braune Ferne, flimmernd in der Mittagsglut Das ist das Moor. Unendlicher Horizont, sterbender Wald, Klage eines Vogels, den man nicht sieht. Und mitunter, durch fahle Weiden ziehend, ein Mittagsgespenst, riesig und dunkel, den Blick nach dem stör.enden Menschen gewandt: der Elch. Hinter Wiesen und Steg hebt das erste Dach sich auf, mit braunem Rohr gedeckt. Pferdeköpfe sehen vom Giebel herab. Die Trachten der Menschen sind bunt, der Hausrat, das Grabkreuz. Die Farbe schreit, als wollte sie Gewalt gewinnen über das dumpfe Land. Die Menschen find groß und schön, von der wilden Schönheit der Erde, die sie gebar. Der Mensch der Ströme überwindes den Wald. Er sieht sich nicht um, er schauert nicht vor dem Wind. Die Starre beginnt zu stießen. In der Weite des Raumes bricht die Seele auf und ahnt den Gang der Ströme zum Meer. Sterne stehen unverborgen über der Nacht, und Götter heben sich auf, wo der Dämon finsterer Wälder versinkt. Gut ist es, lange und schweigend über dem heiligen Memelstrom zu sitzen. Rombinus, der Götterberg, verblaut im Osten, und westwärts öffnet sich der unendliche Raum: Stromland und Wiese, Deich und Gehöft, Wolken über westlichem Meer. Größe liegt übendem schweigenden Land, und es ist, als wendete Laima, die Schickfalsgottin, achtlos den kalten Blick. Nebel steigen aus abendlicher Flur, Feuer der Flöße gleiten dahin, schmerzliche Lieder, die das Wasser begräbt. Abendrot brennt auf über einer ungeheuren Welt, den Flug der Schwäne beglänzend, und dann steht die Nacht weiß über dem verdunkelten Strom. Wer zu den Flößern hinabsteigt, kann hinausgleiten mit ihnen wie an den Rand der Welt. Gut ist es, still zu liegen auf dem duftenden Holz, die Hände unter dem Kops verschränkt, und vorüberzutreiben wie an den Bildern eines Traumes, an Wiesen und Haus, an Schilf und Moor, an Liedern und Schweigen. Sterne heben sich auf und finken herab, der Sprosser schlägt aus dem Ufergebüsch, und eine grundlose Schwermut hüllt dies alles ein, das Floß, den Strom, das Land. Und dann, eines Abends, leuchtet das Haff. Die Menschen unserer Zeit, die über Meere fahren und fliegen, sind geneigt, zu lächeln über ein Haft. Aber es ist nicht der Ort dazu. Wer den Blick zurückwendet auf das verlassene Land, sieht Schilf und Gras, wie sie weißlich gebeugt sind vom großen Wind. Leuchtfeuer blitzen fahl in das helle Abendlicht, und dahinter versinkt ein grenzenloses Land. Fenster glühen im roten Schein, und wir wissen, daß auch dort Menschen zu Hanse sind wie überall, aber das Menschliche ist klein, und überall steht die Erde als das erste vor dem, was der Mensch auf ihr tut. Auch der Mann im Boot lächelt nicht. Er sieht nach den Segeln hinauf, nach dem seltsam geschnitzten Wimpel am Mast, und voraus nach dem fernen Streifen, der wie der Rand einer Wüste im Westen brennt. Es hat das Gesicht der großen Räume, und die großen Räume lächeln nicht. Er hebt die Augen auf zu Wolken, Winden und Sternen, zu dem ruhigen Gang der ewigen Dinge. Sie haben an seiner Seele geformt und durch die Seele hindurch an seinem Gesicht. Und deshalb hat dieses Gesicht das größte, was ein Menschengesicht haben kann: die Würde großer Landschaft. Es ist nicht von den Städten geformt, ihrer Hast und ihrer Angst. Es ist ein Gesicht ohne das Wissen unserer Zeit, aber erfüllt mit jener Weisheit, die größer ist als alle Zeit. Cs ist ein guter Gefährte für eine solche Fahrt. Es ist die klarste Stunde der Wanderung durch das östliche Land, überflutet vom reinen L'cht. Die Schatten find zurückgeblieben wie der Landstreifen, der wurzelns über die Kimmung schwebt. Aber was nun entgegenroädjft-mit jedem Rauschen der Bugwelle, gebirgige Wüste, grün, dann blau, dann violett, i|t ausgefeilt bis in das letzte der Umrißlinien, steht da, als sei es gutgeheißen von des Schöpfers Hand. Es will weder unsre Lust noch unser Verderben. Es wird unsere Spur empfangen und auslöschen wie taufen) frühere Spuren, wenn der Sand, der Wind, der Regen es will. Zwei Gebirge wachsen in das Abendrot, steil gestürzt in das dunkelnd Haff. Auf dem Gipfel des linken steht der Leuchtturm, eine Feuermühl«, mit vier glühenden Armen lautlos kreisend über Wasser und Land. „Urbo kalns", sagt der stille Mann am Steuer, das heißt „der Bären berg". Und „Angju kalns" sagt er nach einer Weile, die Hand nach den rechten Gebirge hebend. Das heißt „der Schlangenberg". Weiter gebt bet Blick nach Süden hinaus. Fahl und weißgelb bricht es aus dem Waffe: empor, senkrecht getürmt, Mauern aus totem Sand, Gebirg an (Sebirgt gewälzt, bis es am Horizont verbleicht. Der Mann am Steuer bekommt seinen Lohn. Er wendet das Boot, das Segel schlägt, und langsam gleitet er wieder hinaus. Dort hinten, über dem dunklen Strom, blitzt das rote Leuchtfeuer auf, und lautlos zieht der Kahn in das Dunkel hinaus, mit der schweren Gestalt am Steuer, wie ein Totenkahn, der seine Fracht entließ und nun heimkehlt zu neuer Fahrt. Uns aber sieht das Antlitz der Düne prüfend an. Was wir bisher erblickten, war Große, Wildheit und Kraft. Was wir nun sehen, ist schwel' gende Majestät. Wir sitzen am Meeresstrand und blicken hinaus. Bern stein schwimmt an unferm Fuß, und über uns hinweg riefelt der Sari), der hinter uns am Wandergang der Gebirge baut. Eine Möwe streicht über uns hin, und jedesmal scheint es, als fei sie der einzige Vogel in dieser Welt. Der Strandhafer klirrt, und jede Wolke steigt mit ihrem Schatten über den Dünenberg. Dann erlischt das grelle Weiß, wir) dunkel und blau, bricht wieder heraus und gibt dem toten Sand ent lebendiges Licht gleich dem des Kerzenfcheins über einer versteinerten Stirn. Und endlos rauscht und mahlt das Meer, mit jenem tratfrigen Klang, mit dem es über begrabene Gotter rauschen mag, über Bernstein- kröne und Steinaltar. Wir wenden uns um, die Vordüne hinauf. Der Thymian blüht auf brennendem Sand, und vor uns hebt sich der Wald, nur das Märchen kennt solche Verzerrung der Form, eine nach Osten gestrichene schräge Wand, gebeugte Wipfel, gerungene Aeste, unter grauen Flechten erstickt. Dahinter leuchtet der Birkenwald, das Moor brütet zwischen Elchweiden und Sand, und zwischen den Stämmen hebt sie sich auf: die Wanderdüne mit ihrem flammenden Leib. Triebsand schimmert an ihrem Fuß. Buschwerk ertrinkt an ihrem Hang, und dann türmt der unbezwungene San.) sich bis in den Himmel empor. Wir steigen hinauf, und der Fuß zögert, als ginge er über ein Gesicht Im Winde treibt der Sand zum Kamm hinauf, und über den Tätet » glüht es wie Wüstenluft. Weihes Gebein dörrt im Sand, Trümmer von Särgen, spukhafte Auferstehung eines Jüngsten Gerichts. Wir lauschen, ob die Glocke noch töne über versunkenem Dorf, (Bemeinbegefang un) Orgelspiel. Es friert uns plötzlich im Sonnenbrand, und von der Hohe des Grats geht das Auge nach dem Leben des Horizonts und gleitet : der Ewigkeit. Sein Auge blickt nach Asien hinein, aber alle Namen verschwinden vor diesem Blick. Trauer der Verstoßenen umgibt feine Erstatt, den Enterbten, der langsam Sterbenden. Und wenn er hinabsteigt am jenseitigen Hang, ist das, als steige er zu den großen Toten hinab, und niemals mehr werden wir seinesgleichen sehen. Hier ist das Ende der deutschen Welt. Noch einmal, in diesem. Sand- m-,Lr8.e/ h c sie sich auf zu dem ödesten, verlassensten und großartigste Bild ihres Wesens. Meer und Strom haben dieses Land gebaut, ÖH yßmb und der Sand. Der Mensch hat nichts dazu getan, als hier un) tn Brald zerstört, in dem die alten Kohlenmeiler standen, und hin und da -die Dune sestgemacht. Aber in das Fließende und Flimmernd- dieses Raumes hat er das Bleibende feines Werkes hineingebaut: Kirch! Haf und Stabt, Acker und Sprache, Mauer und JTurm. Das »lut der Eroberer ist langsam zurückgeebbt und zum Blut der Verteidiget und Bewahrer geworben. Spärlicher geht bie Blüte über biefes Land als sonstwo im gesegneten Vaterland, ärmer sind die Straßen, schweig- amer die Menschen. Wenn an der Geest der Ginster blüht, ist diese ö(8- etz’Jc beutle Erde noch hart und stumm. Wenn über bie Watten di« Jlut sich hebt, mahlt das östliche Meer nur leise Stein an Stein. Wen» über ber friesischen Tenne der Weizen rauscht, fährt ber Nehrungsfisch-- hinüber nach dem Memelstrom und holt im Handkahn den Sack niü Brotmehl nach Hause, weil kein Korn auf seinen Dünen wächst. Es ist, als verströme das Leben des Reiches sich hier, ja als ver- stckere es im oaum asiatischer (Erbe. Hier ist die Brücke von Erbteil Z» Erdteil, und vor ihren Pfeilern steht stumm ein ernstes Geschlecht wachend, grübelnd, kämpfend, den Helm über der Stirn, den Schild vor der Brus» Verantwortlich: vr. HanS Thhriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen.