SletzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang 1939 Freitag, den 25. August Nummer 65 Herz, wo liegst du ■ Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart vesen wäre. , . pf in den Nacken gelegt, in den Himmel j eit_fs. »nnn Vinn iTiiQ Line kleine weihe Wolke erschien an einen, strahlend blauen Himmel, siegelte sich in der Themse und verhielt sich so, dah sie von Gilbert Mington gesehen werden muhte. Der junge Engländer sah am Wasser und angelt«, er hatte die Angel- rute festgemacht und drehte ihr mit Verachtung den Rücken. Es war eine nachdenkliche Stunde. Gilberts Lippen, von einem dünnen Bärtchen mehr belästigt als geziert, bogen sich melancholisch nach unten und stützten sich auf ein müdes Kinn. Die Augen, halb geschlossen, sammelten gerade noch soviel Licht, dah istlbert einen Streif Wasser und in ihm die erwähnte Woike sah. Der Koder hatte sich längst vom Angelhacken gelöst. Um die Wahrheit zu sagen: es war nie ein Köder am Haken gewesen, weder eine icke Fliege noch ein fetter Regenwurm, denn Gilbert angelte nicht zum «erderben der Fische, sondern zu seiner und der Weit Täuschung. Er lieble es, am Flusse zu sitzen und zu träumen. Da er aber solche kntrllcktheit für verwerflich hielt, täuschte er die Welt und sein Gewissen durch «ine Angelrute. m Jllington war bei Anthony Moreland zu Gast: der Platz, auf dem er sch, war Morelandscher Grund und Boden, und wenn Gilbert Jllington acht zu faul gewesen wäre, sich umzudrehen, Hütte er hinter den Weiden Moreland Castle liegen sehen, dunkelrot, alt und sehr düster. So schickte er zunächst einen vorwurfsvollen Blick gen Himmel, weil i|m die Wolke den Genuß seiner Melancholie verdarb. Denn als sie dahinschwamm, hell und glänzend und auf Flügeln der Sonn«, huschte eine Melodie durch Gilberts Gedächtnis. Ein Lied ist ein Versuch, etwas verstiegen auszudrücken, was die Keiften Menschen einfach sagen. Manche Lieder sind nicht einmal von dr Zeit, dieser gefühllosen Fliegenklatsche, umzubringen. Es ist ein Geheimnis wie so vieles in der Welt. Gilbert kannte kein« Poesie. Er las nur in den „Times und dort die Familiennachrichten. Er liebte das Lied nicht. Die Melodie hatte einst Ann Moreland, Sir Anthony Moreland» Tochter, gesungen. Die Erinnerung an Ann Moreland war mit dem £ ebe verbunden wie die Rose mit den Dornen. Denn Gilbert Jllington liebte Ann Moreland. Und wenn er auch nur im Geiste das Lied hörte, muhte er doch an einen bestimmten -üor= siiihlingstag denken. Als wohlhabender junger Engländer wünschte Gilbert nach einem ^gemessenen Einsatz jugendlicher Torheiten zu heiraten. Er deutete dieses Verlangen zunächst Sir Anthony DJlorelonb, be Bitroer war, an, denn er schätzte die Ueberlieferung und ehrte den iueg üb er bie Eltern. , Darnach erst versuchte er, der ahnungslosen Ann ihr Glück zu oer- tinben: „Wenn wir uns als Verlobte empfehlen, Ann, wird es Old ~ng- laar s r,ch Albert aber hätte am liebsten vor Wut in die Hand gebissen, wenn sie Ochers als seelisch zu spüren gewesen Unb dann hatte Ann den Kops in veu »cün twis Wehen und eine kleine weihe Wolke entdeckt. Bald darauf sang Ann das tied, das nie mehr aus seinem Kopf verschwinden sollte: „Meine Liebe ist wie eine kleine weiße Wolke, Und die Wolken liebt der Wind so sehr. Alle Wolken reisen mit dem Winde, Mit den Wolken reift die Liebe übers Meer..." „Schade", sagte Sir Anthony Moreland später, „daß Ann Sie nicht will! Wirklich schade! Denn Sie, glaube ich, könnten ihre Launen auf sich nehmen! Sie haben Selbstbewußtsein. Und das ist für eine gleichmäßige Wetterlage in der Ehe die beste Voraussetzung." Jllington wehrte das Lob bitter ab. Denn es herrschte Ueberschwem- mutig in seinem Gemütsleben, weil die Wasser der Selbsterkenntnis die Wurzeln seiner Eigenliebe umspülten. Vielleicht bin ich nicht so klug, wie ich glaube und weniger begehrenswert, als ich mir einbildel Entsetzlich, wenn Ann es gemerkt haben sollte! Der Antrag geschah, als die ersten Knospen sich in der Sonne entfalteten und die Vögel ihre Nester bauten, also in einer der Liebe geneigten Jahreszeit. Aber da der Menschen Herzen selten blind dem Zuge der Natur folgen, reifte Ann im Mai übers Meer. Sie benutzte keine „mit dem Winde reisende Wolken" und auch kein den Wolken ähnliches Gefährt, denn das Flugzeug war damals noch nicht erfunden. Ann Moreland fuhr zu Schiff bei stürmischem Wetter über den Kanal und zu Tante Vivian nach Paris. Vivian Moreland, Sir Anthonys Schwester, war zwar ein Weib von Ansehen und im Herzen, aber jedermann glaubte, daß sie eine männliche Natur sei. Sie konnte sich schneuzen wie ein Seemann. Wenn sie in ein Zimmer trat, zitterten die Wände, denn ihr Schritt war fest wie der eines Kanoniers. Sie sagte allen Leuten die Wahrheit, am liebsten dann, wenn sie keiner hören wollte. Das machte sie in ihrer Jugend so berühmt, daß Einladungen oft mit den Worten ergingen: „Kommen Sie bestimmt. Vivian Moreland ist da. Sie werden sich köstlich vergnügen." Darnach blieben alle Leute mit schlechtem Gewissen weg. Aber selbst denen, die glaubten, reinen Herzens zu fein, fegte Vivian die Spinnweben schuldlosen Dünkels von der Seele. Aber es liegt in der menschlichen Natur begründet, dah das Herz dem Verstände etwas vormachen will. * Auch die Siebe lebt in Stunden, in denen sie ihren ersten Zauber entfaltet, von Märchen, die jeder in dem geliebten Wesen entdeckt. Vivian hatte von allen Dingen eine nüchterne Auffassung und war ein Mürchenfeind. Solcher Charakterzug kam jener Romantik, die das männliche Geschlecht in gewissen Augenblicken entwickelt, nicht entgegen. Kein Wunder, daß ihr nie ein Mann so tief in die Augen sah, um darin am Ende doch eine liebende Seele zu entdecken. Die Männer wollen in einem schönen Körper auch eine schöne Seele. Aber die Natur gewährt meist nur das eine oder das andere. Nicht nur das Glück, auch das Pech ist launisch. Vivian überwand die Zeit ihrer Heiratsfähigkeit und ging gelassen auf Reisen. Sie sagte auch nicht mehr so oft „die Wahrheit", well sie ertannc hatte, daß sich die Menschen nicht ändern. (Und wenn sie sich ändern, heucheln sie.) Seit einigen Jahren lebte sie in Paris, erfüllt von der heiteren Melodie dieser Stadt. Aber sie schrieb doch eines Tages an ihren Bruder Anthony, daß sie sich ein wenig nach England sehne, ob er ihr nicht einen echten Londoner Nebel oder wenigstens Ann schicken wolle. Moreland tröstet« Gilbert: „Lassen Sie Ann reisen, und seien Sie in ihrer Abwesenheit mein Gast! Moreland Castle birgt lauter Erinnerungen an meine Tochter! Sie brauchen keine Phantasie, um sich in ihre Welt zu versetzen." , „Sir Anthony, Paris wimmelt von Männern, die junge, unerfahrene Mädchen verführen!" ttagte Gilbert. „Und wenn sie ein paar Männer kennenlernt! "Glauben Sie mir, nichts bringt eine Frau einem Mann fo nahe, als wenn sie erkennt, daß die andern auch nicht besser sind!" Es war eine weiße Wolke und ein klarer Septembertag des Jahres Achtzehnhunderiundsiebenzig, als Gilbert Jllington an der Themse faß und sich auf solche Art an den verflossenen Frühling erinnerte. Und jetzt stand die Wolke über Moreland Castle. Sie wurde dünner und dünner. Bald glich sie nur noch einem Federwölkchen, dann sah sie immer zarter aus, und auf einmal war sie nicht mehr da! Der Himmel hatte sie an sein Herz gedrückt. Im blauen Herzen des Himmels war sie verschwunden. Sir Anthony Moreland kam den schmalen Wiesenpfad, der vom Schlosse zum Ufer führte, herunter. Dann blieb er stehen und atmete tief er schmeckte die Luft wie ein HeilmitttZ, denn ihm war unbehaglich zumute. Die Atemzüge ließen sein freundliches Altmännergesicht erröten, aber die Falte zwischen der Nasenwurzel blieb schwarz wie ein Tinten- ftrich, so tief war sie. Auch die Natur auf seinem Besitztum atmete Schwermut gleich itjm: Weiden, die leise zitterten, Gräser, die langsam den Dau des Morgens verloren und trocken wurden, der Fluß, dessen Fluten vor dem vordringenden Herbst aus der Flucht waren. Durch diese nachpastörliche feiertägige Stille trug Sir Anthony seine Mißlaune zu Gilbert. Gilbert fühlte es. Er dachte an sein eigenes Unbehagen und fragte: „Kennen Sie das Lied von der weißen Wolke, Sir Anthony?" Der Angeredete wischte das armselige Unterfangen, ihn durch eine blödsinnige Frage abzulenken, weg: „Unsinn!" Dann wandte er sich unwirsch der Gegenwart zu und fragte: „Was halten Sie von der Lage in Europa?" „Wenn Sie auf den verdammten Krieg anspieien, Sir Anthony, den die Franzosen mit den Deutschen führen, muß ich sagen: England ist nach Gottes unerforschlichem, aber zweifellos weisen Ratschluß eine Insel. Was also kümmert uns Europa?" Moreland verfolgte die gemächlichen Wirbel, die der Fluß bildete. Ein Schneckenhaus trieb, wurde erfaßt und ging unter. Er wartete auf sein Auftauchen. Es war ein Geduldspiel. Endlich kam das Schneckenhaus wieder hoch. Moreland freute sich wie nach einer gewonnenen Wette. „Da ist nun dieser Herr von Bismarck", nahm Gilbert wieder das Wort, „aber wenn er etwas von England wollte, wir würden mit ihm schon fertig werden!" „Ich habe nichts gegen Herrn von Bismarck!" bemerkte Moreland. Gilbert betonte nach einiger Zeit die gleiche Meinung. Moreland sagte: ,Zch habe überhaupt nichts gegen die Deutschen! Die Frau des Kronprinzen von Preußen ist eine englische Prinzessin!" „Barbaren sind sie wohl nicht, wie die Franzosen behaupten", warf Gilbert ein. Moreland schlug mit einer Gebärde alle Zeitungslügen tot, die wie Hornissen über den Kanal gekommen waren. „Wie heißt eigentlich die kleine Festung, in der man den Kaiser Napoleon gefangen hat?" „Ich habe ein schlechtes Gedächtnis, aber ich glaube: Sedan!" „Sedan! Richtig! Jch^habe nie davon gehört, früher! Nun, ich dachte, ist der Kaiser fort, ist der Krieg zu Ende! Ader da rufen die Franzosen die Republik aus! Und der Krieg geht weiter!" Moreland grollte, war unzufrieden, aber auch gerecht: „Was bleibt den Preußen übrig, als auf Paris zu marschieren! Auf Paris! Stellen Sie sich vor — wir wären mit den Schotten verfeindet und di« Schotten marschierten auf London!" Paris! Da war es ausgesprochen! „Ja, Paris", wiederholte Sir Anchony Moreland versonnen. „Ann", sagte Gilbert laut. „Ann", nickte auch Moreland. Er fühlte, wie feine Unruhe langsam von seinem Gemüt brach. Sein Blick verfing sich in der nutzlosen Angelschnur. Er war böse, daß Gilbert nichts anderes sagte als ein melancholisches „Ann". Darum schrie er plötzlich: „Wie Sie auch immer angeln!" Gilbert zuckte zusammen. Der Vorwurf nicht weidgerechten Angelns im Zusammenhang mit Ann verwirrte ihn. „Schöner Tag trotzdem", sagte Moreland nach einiger Zeit versöhnlich. Jllington spürte aber, daß sich etwas vorbereitete. Er hat einen Pfeil im Köcher, der afle Bogenschütze, wohin wird er ihn nur senden? „Beißen sie wenigstens an?" Moreland meinte die Fische. Gilbert erwiderte mit einer Miene, die ausdrücken sollte, daß Naturgewalten fid) nicht zwingen lassen. Er scheute sich, das Geheimnis der köderlosen Angelei zu entdecken. Denn Moreland angelte rechtschaffen, er betrog die Fische nicht um den Genuß, gefangen zu werden. Die Wellen glucksten ans Ufer, ab und zu fiel ein Blatt Mr Erde oder ins Wasser, die Themse roch frisch, als ahne sie den Winter, den sie ja bald ertragen mußte. „Ann, ja Ann ..." stieß Moreland heftig hervor, „sie ist eine Engländerin und daher vor jeder Belästigung sicher." Auch Gilbert hegte keinen Zweifel, daß die kriegführenden Parteien angesichts einer Tochter Großbritanniens sofort in eine Kampfpause eintreten würden. „Aber da ein Geschoß keinen Verstand hat, kann es Ann treffen. Ich habe darum Sorge um Ann. Sie sollten sie in Sicherheit bringen." „Ich?" fragte Jllington und suhlte sich wie ein Schiffbrüchiger, der das Segel des Schiffes, über dessen Bord er gefallen ist, wieder auftauchen sieht. Schwamm er eigentlich nicht seit Anns Abreise im Meer der Sehnsucht? Und würde ihn Ann wieder an Bord holen? „Es ist mir höllisch ernst", sagte Moreland. „Sie kennen Paris von früher und sprechen die Landessprache." Gilbert wehrte bescheiden ab Auch Ann sei darin, dank einer klugen und angemessenen Erziehung, nicht unbewandert. „Sie_mü(fen sie hart anfassen, wenn sie nicht mitkommen will", meinte Sir Anthony Moreland, „Sie können doch rücksichtslos fein?" Jllington sah sich im Geiste: im Donner der Geschütze, von ein= schlagenden Granaten umheult, trug er Ann durch ein Meer von Flammen. „Und wissen Sie, weshalb Sie rücksichtslos fein müssen?" Sir Anthony war wie ein Kanonier, der ein altes Luntengeschütz umständlich lädt und dem die Handgriffe vor dem Abseuern besser gefallen als der Schuß selbst. „Sie lernt noch mehr Französisch, als sie gelernt hat", sagte er. Gilberts Herz schlug Generalmarsch Auch er hatte die französische Sprache in Paris gelernt. Aber diese Bereicherung seines Wissens war *uf ewig verbunden mit der Erinnerung an Denise. Die Liebe lehrt alles, sie macht das Schwere leicht. Cs war für "Ulbert schwer gewesen, die Sprache zu lernen, darum hatte ihm Denise bas Schwere leicht gemacht. Oh, daß er sich erinnern mußte! Ann lernte Französisch, das hieß wie er eine Denise besessen hatte, war ihr Lehrer vielleicht ein Charle- oder ein Philippe! . Anchony Moreland fuhr fort: ,/Sie singt. Sie will Komödiantin werden! Sie hat einen Spleen!" Gilbert bemerkte, daß ein Spleen bei den Morelonds $ur Tradition gehöre, darum fei es unrecht, gleich das Schlimmste zu vermuten. „Sängerin! Sie bringt es fertig und tritt eines Tages in einem Variete auf! Es ist eine Krankheit! Es ist ein Abgrund! Eine Kluft die zwischen der Liede und dem gesunden Menschenverstand klafft! Uni Ann geht in dieser Schlucht des Verderbens auf und ab! Gebe Goch daß sie sich eines Tages auf die Liebe oder den Verstand zurückzieht!' „Was kann ich tun?" fragte Gilbert. Aber er bekam keine Antwort Später hatte Gilbert den glücklichen Einfall, das Thema zu wechseln-: „Und Tante Vivian?" Meine Schwester Vivian?" Die Männer weideten ihre Gedanken aus der Wiese der Möglichkeiten. Auch Vivian mar eine schwere Ach i i 5 ( ! ! 1 ! 1 gäbe. Zwischen den Morelands und den Jllingtons bestand von den Groh: vätern her eine alte Freundschaft. Gilberts Vater Robert Jllington fyätt-c beinah vor einigen Jahrzehnten Vivian Moreland gefreit. Vivian aber rügte in der ihr eigenen Weise seine Laster, vor allem das Wetten und das Spiel, so daß er sich für die anscheinend sanfte uni jeder apostolischen Leidenschaft abholde Mary Durham entschied. „O Vivian", sagte Mary damals, „Sie find mir doch nicht böse?' „D Mary", erwiderte Vivian, „ich gönne Ihnen den Mann von Herzen! Aber Sie sehen doch, es ist mir nicht gelungen, ihn zu bessern' Mary Durham schwieg und verschob ihre Bekehrungsversuche bis au: einen Tag nach der Trauung. Dann gelang es ihrer Hartnäckigkeit, du Leidenschaften Robert Jllingtons auf das natürliche Maß zuruckzufuhren Seit jener Zeit nannte Vivian Mary eine falsche Katze. Mary ward: Gilberts Mutter, aber sonst hat sie mit dieser Geschichte nichts zu tum. Anthony Moreland war Gilberts Pate. Tante Vivian hielt Gäben für berechnend. „Er schlägt nach seiner Mutter", sagte sie und ließ durchs blicken, daß sie Marys hinterhältiges Benehmen niemals gebilligt hatir. „Tante Bioian", meinte Anthony Moreland nach langem Ueberlegem, ,chat ihren eigenen Kopf. Wenn es Ihnen nicht gelingt, sie mit Geschick lenksam zu machen, mag sie bleiben, wo der Pfeffer wächst!" „In Paris wächst kein Pfeffer", erwiderte Jllington und versank inü Grübeln. , Moreland spürte, daß sich hinter Gilberts Stirn Hemmungen sonn melken. „Himmel, ich könnte natürlich auch reisen! Das denken 6« doch?! Ja meinen Sie, mich könnte der Krieg zurückhalten? Nein, d«» ist es nicht. Ich gebe zu, ich bin ein wenig bequem, das ist ein Von recht meines Alters. Aber Sie haben eine Aufgabe vor sich! Ein .Beim1 ist kein,Stein'! Gewinnen Sie sich Sinn!" Gilbert sah, daß eine neue Wolke heraufgekommen war und übet Moreland Castle stand. Es war ein Tag der Wolkenwanderungen. Der Wölkchen stand über dem Turm wie ein heiteres Krönchen. Neugierig bin ich, ob es sich wieder auflöft, dachte er. Und wahr" hastig, es hielt inne und besann sich. Aber dann flog die Wolke weiter. Sie reifte „mit dem Winde'. Gilbert stand auf, der Angelstock fiel ins Wasser und wurde von den Strömung ergriffen. Die Zeit der Träume war vorbei. Es war änw|r Herbst, und die Blumen blühten ab statt auf; aber Gilberts Gemüt ent? faltete sich frühlingshaft unter der Sonne des Entschlusses. ,Lch hole Ann!" sagte er. Am nächsten Tage reifte er nach Frankreich. * In der Rue de la Madeleine in Paris stand ein schmales graut» Haus, eingeklemmt in die Straße wie ein Nachzügler, dem die Nachtbarn nur widerwillig zur Seite gewichen sind. In jedem der drei Stockwerke war nur ein einziges großes Zimmea Es hieß, daß der große Chopin einmal in diesem Hause gewohnt hallt? aber es war nicht nachzuweisen. Die ursprünglich kleinen Fenster warm offenbar verbreitert worben, wodurch die Hausfront etwas Stillofes bekam. Aber wenn die Sonne in die enge Straße drang, glitzerten out Fenster wie eine Ausstellung von Diamanten. Maestro Spamante, at’J in diesem Hause Gesangsunterricht erteilte, liebte das Licht drinnen um- draußen. ,, Wie ein großer Herr unter den Instrumenten stand ein bunm Flügel im Zimmer des ersten Stocks zwischen Wänden von silbergrauem Tapeten. Als eine ehrfürchtige Dienerschaft breiteten sich Stühle um> Notenständer im Raume aus. Ann Moreland war da. Der alte Konzertflügel schien jung zu n*n>w und auszuleuchten, die Notenständer verdoppelten ihre Bereiffchaft, 3,L dienen Nur Maestro Spamante veränderte sich nicht. Zweimal hatte sich Spamante geweigert, Ann als Schülerin anzi» nehmen; ihr war gelungen, was noch keine Anfängerin erreicht hat™ heute fang sie dem Maestro zum dritten Male vor. ... , Ann war, als sie am Flügel stand, ein schönes Bild. Aber Mei». Ruggiero war alt und hotte es sich längst abgewohnt, ein Auge I Schülerinnen zu haben. Er hatte nur noch ein Gehör und darin war - unbestechlich. . Ann Moreland sang, aber die Tone blieben nicht im Raum, |onlK wanderten zum Fenster hinaus, irgendwohin. Als sie geendet hatte, lächelte sie unsicher. „Nkin, was sagen Sie, Meister?" Wenn Spamante Hoffnungen zerstören muhte, kam er sich wn Steintiopfer vor, der statt der Steine feuerrote Herzen zu Straßemwo . zerschlagen soll. Denn ach, Meister Ruggiero war schwach und lern vn nicht hart. (Sortieöung folgt.) tefofa ro’iiaber I * «H ■: Io oor ">! ft blo|i" J? h »hju Mi :j® Ülo '."®t rnter .In Ito ' A I tjsl I I A ' I >5 I jo, c i f •m z ! - b 'S, sS I TM II ' Auf ein Bild von Büchners Braut. Von Hans Thyriot. Du, der die grausame Gottheit den Myrthenkranz Allzufrüh mit dem Witwenschleier vertauschte, Du, der das Glück wie ein Regen im Sommer verrauschte, — Einem gehörte dein Herz, dieser erfüllte es ganz. Wer unter Hunderten weiß deinen Namen schlicht, Wer unter Tausenden je erblickte dein Bild Und fand die Spuren der Tränen, die nie gestillt, In deinem zärtlichen, blassen Mädchengesicht? Aus deinen Augen glüht noch der Widerschein Erfahrener Seligkeiten, wie ein versinkender Stern In blauen Feuern sprüht und sunkelt fern Ueber Straßburgs Münsterturm und Wiesenrain. Du stilles Bild im strengen, dunklen Kleid, Wind aus dem Elsaß weht darüber leise, Revolutionsgesang und Volksliedweise Wie Flügelrauschen der Unsterblichkeit. Das ewige Gesicht. Abendliches Zwiegespräch über Vildnismalerei. Von Hans T h y r i o t. Das folgende Gespräch, aus dem Gedächtnis ausgezeichnet, wurde vor -Icher Zeit in Frankfurt geführt, an einem Sommerabend, in einem fjcije an der Schönen Aussicht ... Das Fenster steht offen, der Blick geht hinaus auf den Main. Im mgen Zimmer der alten Patrizierwohnung mit den Biedermeiermöbeln |fyn Mann und Frau bei der Lampe. Die Frau hat eine Stickerei vor $1 und hantiert emsig mit Fingerhut, Schere und Nadel und vielen stühnen bunten Seidengarns, die sie vor sich auf der polierten Tisch- Nie geordnet hat. Der Mann sitzt ihr gegenüber, raucht und lieft die fjcitimg. Nach einer Weile faltet er bedächtig das Blatt zusammen, steht w steckt es sorgfältig in den altmodischen Zeitungshalter an der Wand, Ijt ins dunkle Nebenzimmer und kommt nach einer Weile mit einer ;\6)t und zwei Gläsern wieder zum Vorschein. Er stellt ein Lack- iEettchen auf den Tisch, gießt die Gläser voll, rückt das eine der Frau fc die nimmt es wie er das seine, sie.sehen sich lächelnd an und nicken N zu ohne ein Wort und trinken ... dann nimmt die Frau ihre Arbeit Nder auf, der Mann raucht, und es bleibt eine ganze Weile still. Dm fängt die Frau, während sie einen resedafarbenen und einen altrosa kiidensaden prüfend nebeneinander ins Licht hält, beiläufig zu sprechen er nachdem sie sich vergewissert hat, daß der Mann nur mit seiner fqen englischen Pfeife und, allenfalls, mit seinen unverbindlichen und Wer schweifenden Gedanken beschäftigt ist, wofern er nicht überhaupt Heg so vor sich h-indöst. (Wenn er läse oder schriebe, würde sie ihn nicht *ötie Andreae hat fich malen lassen, >> dem jungen Grosch, weiht du — ?" Der Mann tut einen genießerischen Zug aus der Pfeife, hüllt sich m kuen Rauch und sagt: „So — welche Andreae denn, mit eae oder lil ö?" — „Das ist doch nicht so wichtig, mit ea« mein ich, die Frau Pro- frr Andreae, von dem Geologen." . — „Geograph", sagt der Mann, „der hat neulich im Senckenberg interessanten Vortrag über die Molukken gehalten.' — „Meinetwegen Molukken", sagt die Frau, schon ein bißchen un- kiuldig, „das mein ich doch jetzt nicht, ich mein überhaupt nicht den Rinn, sondern die Frau ... oder eigentlich das Bild, das der Walter ^'Ich gemalt hat." , , . , , . q„ — „Also, was ist denn mit dem Bild, haft du s gesehn. — „Ja, es ist ausgestellt gewesen im Kunstverein am Sonntag, da kl ichs gesehn. Ich sind« es aber gar nicht ähnlich.' 2er Mann schweigt, wartet und raucht. ™. — „Ich muh immer darüber nachdenken. Das interessiert mich. Wir fcen doch öfters in der letzten Zeit fo Bildnisse gesehew n,. - „Na, zum Beispiel, neulich im Atelier beim B»longaro das Bild toi der Lore Diehl, erinnerst du dich? Mindestens zehn Jahre alter. ~ „Ja, daran erinnere ich mich: es ist ein ausgezeichnetes Büd, stnde H aber kein Porträt. Ich hätte gar nicht gemerkt, daß es die Dieh -> - «“■ » L— nur, taj $«» «W« W. Jür M« Ml äzarakter stisch wäre, für ihren Gesichtsausdruck, .'^ Haltung. ihr ^len ... Es spricht nicht, es fehlt eben das, was ein gutes Portra. hoben muß Da siehst du: der Bolongaro ist im Grunde gar kein Porträtist. Das ist es. Er ist ein ausgezeichneter Maler, ich schätze ihn, weil ich sein« Bilder seit Jahren kenne und sehe, daß er sich entwickelt. Das muß man anerkennen. Gerade ich muh das zugeben, weil mir der Bolongaro früher gar nicht gelegen hat. Alles, was er früher gemacht hat, war mir zu kühl, zu trocken, zu hart. Genau wie der Mann im Gespräch wirkt. Das hast du ja selbst oft genug gesagt: du kannst nicht warm werden mit ihm. En sprüht nicht und blendet nicht, er ist kein Redner und erst recht kein Unterhalter. Es ist mir ganz klar, daß das nichts für dein Temperament ist und für deinen raschen, beweglichen Geist ... Wer wenn du gerecht bist und wenn du seine Entwicklung übersehen kannst, so wie ich, dann muht du zugeben: der Bolongaro ist von Jahr zu Jahr besser geworden. Fast jedes seiner neuen Bilder ist ein Fortschritt. Er ist weicher, lockerer, farbiger, wärmer geworden. Das Bild von der Dich! ist großartig, es hat, ich kann mir nicht helfen, etwas Altmeisterliches im Ton ... Der Zusammenklang der zwei oder drei Farben, die das Ganze tragen, ist von einer Noblesse, die leider heute in der Malerei ziemlich selten geworden ist." Die Frau hat aufmerksam zugehört, ein paar Mal unterbrechen oder einspringen wollen, ist nachdenklich geworden und sagt endlich: „Vielleicht hast du ja recht. Aber ich möchte doch wissen, wie das mit den weiblichen Bildnissen ist, ob da irgend ein Geheimnis steckt. Ob man älter aussehen muß ... Vielleicht ist das „das ewige Gesicht", das bös«, verkniffene, zugesperrte ... wer weiß, wie ein Maler das sieht, wer weiß von sich, wie er auf ander« Menschen wirkt." — „Ja", sagt der Mann schnell, „das möchte ich auch wissen, das muß sehr merkwürdig fein. Wie im Traum, da sieht man sich ja manchmal selber. Aber das ist so flüchtig und unscharf. Ich möchte mich mal sehen, so wie im Kino, mir selbst auf der Straße begegnen ... das müßte sehr lehrreich sein. Vielleicht würde man vor sich selber erschrecken ... Uebrigens, um auf den Kernpunkt zu rückzukommen, es gibt 'doch mindestens zahllose Gegenbeispiele: denk nur an die vielen „ge- schmeichelten" Porträts, gerade Frauenbildnisie, denk an die Hofmaler früher." — „Ach, Hofmaler, kleine Murksleute, ich meine natürlich die echten, die große Qualität." — „Erlaube mal, Murksleute, Holbein, beispielsweise, war das Murks? War auch Hofmaler. Peintre du Roi, hieß der offizielle Titel. Der hat nicht geschmeichelt. Der mit feinen kühlen, unbestechlichen Augen. Der sah jede Falte, und du kannst sie heute noch sehn. Kennst du das von Heinrich VIII.?" — „Der gräßliche mit den vielen Frauen — ja, das kenn ich." — „Ein unerhörtes Bild. Man könnte sich vorstellen, daß Seine Majestät ihn dafür in den Tower gesperrt hätte zu den andern, die er nicht gleich umbringen ließ. Hat er aber nicht ... Und die Frauenbild- nisse von Holbein, ich glaube nicht, daß er diese Damen älter gemacht hat, als sie waren. Es^sind so zart«, süße Gesichter darunter, daß man sich wundern muß, wie derselbe Mensch das gemalt hat, dem doch manche alles Gefühl, jede Wärme und Sinnlichkeit absprechen ... Bloß das Auge, die kühle Schärfe des Blicks,, di« unerbittliche Sachlichkeit und die unbestechliche Wiederholung der Wirklichkeit wollen sie gelten lassen ..." Es bleibt eine Weile still. Dann die Frau wieder: „Wir verlieren uns. Wir werden dieses Gespräch nie zu Ende bringen. Das ist ein zu weites Feld, würde der alte Briest bei Fontane sagen. Und ich werde auch nie eine Antwort auf meine Frage bekommen; ich meine: eine, die mich befriedigt. Ich muß nur sagen: wenn ich fo diese Frauenbildnisse betrachte, die um uns herum gemalt werden, dann habe ich gar keine Lust mehr, mich malen zu lassen. Und ich wollte doch immer so gern einmal gertialt werden." Der Mann lächelt, dann nimmt er einen Schluck Wein, und dann sagt er: _ . m . Ich weiß. Es gibt aber auch andere. Denk an Reynolds oder an Renoir ... Die sind tot, ich weih, was du sagen willst, bleib sitzen ... übrigens könnten wir weder Renoir noch Reynolds bezahlen. Aber es gibt auch heute noch Maler, zu denen du, glaube ich, gern gehen wurdest, und deren Arbeit dich freuen würde ... Außerdem hast du wirklich, em weites Feld berührt: es spielen da so viele Fragen hinein, gerade wenn es sich um Porträts handelt. Man muß das auch einmal von der andern Seite her ansthn; ich meine: vom Künstler aus. Gerade Bildnisse sind doch meist bestellte Sachen. Die Zahl der Maler, die in einem solchen Falle sagen können: es tut mir leid, gnädige Frau, Ihr Gesicht liegt mir nicht ... oder: bedauere sehr, Herr Kommerzienrat, aber ich wurde Ihnen empfehlen, sich lieber an einen tüchtigen Photographen zu wenden die Zahl dieser Maler ist sehr gering. Lenbach, der konnte es natürlich, berühmter Mann, geborener Porträtist, hoch bezahlt der konnte Wenn du jetzt an Bismarck denkst, an Moltke, an den Alten Kaiser — gleich siehst du die Lenbachs vor dir: er hat eben das Einmalige das Besondere, das Wesentliche eines Menschen empfunden und festaehalten. Auch unser Doehle hier in Frankfurt, zuletzt, als er sich durchqesetzt hatte und anerkannt war, konnte so grob werden wie er s aern hatte und einer neugierigen und duftenden Eleganz die Ateliertur Zuschlägen: ,um Gotteswille, die Nas — die Nässt ... Die andern, die meisten wenn sie schon das Glück haben, daß einer von ihnen gemalt fein will, denken natürlich: Gottseidank, das nehmen nur mit, „wieder was zum Leben. Das denken sie, auch wenn sie kein« „geborenen Bild- schweigt, in Nachdenken versunken; die Stickerei liegt in '^“ßer^niann fährt fort: „Und dann muß man auch überlegen, daß den Maler vielleicht, sogar wahrscheinlich, gar nicht das eine bestimmte Ge» lidit reizt das fierrn Müller ober Frau Schulze gehört. Denen kommt es natürlich auf die Aehnlichkeit an, denn sie wollen es in tue gute Stubb hängen, und jeder muß gleich an der Tur sehn: ach, da ist sie ja. — Wenn es aber wirklich eine schon« Frau ist . . . __ ’ Vielleicht Uebrigens kann es auch darüber Meinungsoerjchieoen- hesten geben; das weibliche Schönheitsideal hat sich im Laufe der Zeiten öfters gewandelt. Aber ich glaube nicht, daß «ine schöne Frau auch ohne weiteres ein gutes, ein verlockendes, ja auch nur ein brauchbares Modell ist. Den Maler reizt wahrscheinlich eine Einzelheit, ein Schatten, eine Neigung des Kopfes, ein Aufschlagen des Auges, ein verlorenes, halbes, nicht wiederkehrendes Lächeln, oder beispielsweise der Zusammen- klang von Haarfarbe, Hautfarbe und Farbe des Kleides mehr als bloße, anerkannte, stadtbekannte Schönheit ... Vielleicht nicht einmal Schönheit an sich. Der Mann mit der Kupfernase von Rembrandt in Kassel. Bestimmt keine Schönheit, aber eins der erschütterndsten Bildnisse, die ich je gesehen habe ... Ich habe lange davor gestanden, mich nicht losreiben können, immer wieder zu diesem Gesicht zurück ..." — „Das war auch ein Mann. Das ist etwas anderes." — „Natürlich ... jedenfalls bis zu einem gewissen Grade sind hier die Unterschiede des Geschlechtes nicht zu verwischen. Aber es gibt wahrscheinlich auch ein „ewiges Gesicht" in einem andern Sinne, als du vorhin meintest. Ob wir selber es haben, du und ich und die Frau Andreas, das weiß ich nicht. Das wissen nur die Maler. Oder es wird sich sehr viel später einmal Herausstellen. Es sind die Gesichter, die zeitlos sind, denen die Jahrhunderte, manchmal sogar die Jahrtausende, nichts anhaben: sie bleiben unvergänglich, weil das ewig Menschliche in ihnen ist und aus ihnen spricht. Der mit der Kupfernase gehört dazu, obwohl er keine Schönheit ist, Holbeins König Heinrich, obwohl er ein Scheusal war — aber du mußt dir den Mund ansehen, den kleinen, feinen, frauenhaft roten Mund in diesem fleischigen, brutalen, kalten und herrschsüchtigen Gesicht ... es gibt noch viele, neulich sah ich eins, das Bildnis des Aegypters Amenophis IV. aus El Amarna. Werkstatt des Dhutmofe. Um 1360 vor Christus. Vor Christus ..." Der Mann trinkt seinen Wein aus und schaut zum Fenster. Eine zarte Mondsichel steht über dem Main. Di« Frau legt ihre Handarbeit beiseite und steht auf, um die Gläser fortzuräumen: im Hinundwieder- gehen sagt sie: „Es ist spät geworden. Komm ins Bett ..." Und dann: „Wir bringen das heute nicht mehr zu Ende. Aber man muß immer ’ wieder darüber nachdenken und von Zeit zu Zeit darüber sprechen. Es sind doch diese Dinge, die uns am Herzen liegen und uns bewegen. Das andere vergeht und ist nicht so wichtig ... Und manchmal meine ich doch wieder, ich möchte mich malen lassen, nicht vom Bolongaro, ich weiß auch keinen andern im Augenblick, ich weiß auch nicht, ob ich ein „ewiges Gesicht" habe, wahrscheinlich nicht, ich möchte bloß ein Bild von mir für mich ... Und für dich ..." — „Es ist recht", sagt der Mann, „aber es eilt nicht. Ich hab dich ja vor mir ... in vielen Bildern. Alle anders und doch immer das eine. Das genügt mir noch lange. Komm." Guter ORat Bon Theodor Fontane An einem Sommermorgen, da nimm den Wanderstab, es fallen deine Sorgen wie Nebel von dir ab. Des Himmels heitere Bläue lacht dir ins Herz hinein und schließt, wie Gottes Treue, mit seinem Dach dich ein. Rings Blüten nur und Triebe und Halme von Segen schwer, Dir ist, als zöge die Liebe des Weges nebenher. So heimisch alles Hinget als wie im Vaterhaus, und über die Lerche schwinget die Seele sich hinaus. Oie Flamingos von Arles. Von Fritz Schwiefert. Dr. Fritz S ch w i e f e r t ist als erfolgreicher Bühnenautor, u. a. als Verfasser des neuerdings auch verfilmten Lustspiels „Marguerite: 3" bekannt geworden. „Sta viatorl" — Verweile, ReisenderI — kann man auf der Mauer lesen, die das schöne Hotel „Jules Cesar" mit den Resten jener alten Kirche verbindet, die es stolz „seine Kirche" nennt, weil sie — merkwürdige Tatsache — dem Hotel gehört. Und wer von Avignon und Nimes etwas enttäuscht, nach Arles und in den „Jules Cäsar" kommt und einige Tage dort rastet, der bereut fein Verweilen nicht. Julius Cäsar, Schutzherr des alten Arelate und jetzt Patron seines schönsten Hotels fände heute kaum mehr römischen Geist in Arles. Diese Stadt — einstmals Rivalin Marseilles, das „kleine gallische Rom" geheißen — ist heute (mit seinen knapp 18 000 Einwohnern) etwa ein Heidelberg der Provence, ein Heidelberg ohne seine Berge und ohne seinen Studentenzauber. Julius Cäsar, die Rhone, die Aliscamps, Mistral und Van Gogh haben Arles nacheinander berühmt gemacht. Heute ist Arles durch seine Frauen berühmt. Man kann diese schlanken, fragilen Geschöpfe (mit unwahrscheinlich winziger Taille) übergroß und fast kör- perlos-schmal, als kämen sie aus Bildern von Greco — noch heute in ihrer merkwürdigen Kleidung in den verlassenen Straßen sehen, wie Schwestern eines geheimen Ordens lautlos-sanfte, gelöste Gestalten. Und eine gelöste, lautlose Stimmung liegt träumerisch über der ganzen Stadt. In Arles meint man immer, es sei schon Abend. So ausgeklungen ist jede Stunde, so entspannt ist jeder Moment. Die Straßen sind gewöhnlich fast leer. Und man genießt das seltene Glück, in dem kleinen „Antiken Theater" als einziger Schauer und Horcher zu sitzen. Dieses Theater ist heute nur eine Ruine. Etwa zwanzig Sitzreihen sind noch erhalten und von der Bühnenrllckwand nur noch zwei Saul». Schon im 5. Jahrhundert hat man die Steine abgetragen. Man gtairtuj sie besser verwerten zu können, wenn man Kirchen mit ihnen baute. Unbii doch wirkt dieses kleine Theater heute noch irgendwie merkwürdig ganj.1 Heiter und rührend ausgestaltet, sehr glücklich und leicht in seinen Masse» wirkt es nicht römisch, sondern fast griechisch. Von den reisenden Eindriig, (ingen abgesehen, tummeln sich heute nur seine paar hundert ®ibedien dort. Etwa ebensoviel wie es Katzen in Arles gibt. Auch die Katzen jnb sanft verschlafene, schmeichelnde Wesen, ohne alle Bosheit und Tucke. Sieh leben von der Reinheit der Luft und fangen sicherlich kaum eine Mms. Von diesen Katzen und Eidechsen zu den „Aliscamps" ist es nicht mit,8 auch innerlich nicht. In dieser Allee, di« mit alten Sarkophagen so b-itjt bestanden ist wie in Deutschland eine Straße mit Pappeln, ist die Stile ij zum Thema geworden. Sie spielt sich würdig und feierlich auf. Sm frühen Mittelalter schickten die Vornehmen die Leichen ihrer Verwandlest von weither dorthin. Aber besser noch ist es, in Arles zu leben, als in Arles begraben j« | fein. Und um hier zu leben, muß man beides zugleich: gutgläubig uiii kritisch sein. Denn Arles ist von Tarascon nur eine gute Viertelstunde Bahnfahrt entfernt, und etwas von dem Lügen- und Aufschneidegeist i«s Tarasconers Tartarin findet man sicher auch in Arles. Des Arlestro schönster Zug ist seine Liebenswürdigkeit. Aus Liebenswürdigkeit führ! er dich willig durch di« ganze Stadt, gleichviel ob er beschäftigt ist oder Aus Liebenswürdigkeit lächelt er dich an, gleichviel ob er Sorgen hat oier teine. Aus Liebenswürdigkeit fetzt er sich zu dir an den Tisch, ist munter- und plaudert. Und aus munterer Liebenswürdigkeit — lügt er oier schneidet auf. So tat uns der Wirt im Hotel „Venissat", einem kleinen Beisel «I Arles. Er hatte sich in den Kopf gefetzt, uns eine Herde Flamingos ;it< zeigen. Etwas weiter südlich von Arles, an der Stelle, wo di« Rho«! sich spaltet und die Ile de la Camargue bildet, eine dürr«, schwermiii P Landschaft, zur Hälfte Sümpfe, zur Hälfte Prairie — hier hausen nur wilde Stiere und Schafe, an 300 000 und mehr, von einigen alten Hirkii bewacht — soll es am Rande der Salzmoräste auch einige rosa FlaminWi geben; der muntere Patron des Hotels Venisiat machte daraus im Haick umdrehen eine Herde. Fünfhundert Stück, sechshundert, siebenhundert! H fünf Minuten waren es tausend. Er wollte uns am nächsten Bormillij die tausend Flamingos zeigen. Nur er, erklärte er, kenne die Stelle. Ü» nächsten Tage — konnte er nicht. Aber ein guter Freund war zur SteHk, und wir fuhren in die Camargue. Wir fuhren — gutgläubig und noch nicht kritisch — fuhren fuhren: nicht ein Flamingo! Und nun war es rührend und schön, dm Freund des munteren Patrons zu betrachten. Er hatte dreifaches zu w leidigen: die Ehre der Stadt, die Ehre des Freundes und — fei« eigene Ehre. Und er verteidigte alle drei! Er fuhr und fuhr, und fein Gefi.hi wurde schmal vor Zweifel und blaß. Er flieg mit uns aus und gi.q eine gute Stunde mit uns zwischen Heide und Sumpf. Er pfiff u.< klatschte, und seine Augen waren schon trübe vor lauter Gewißheit. s$t wußte, daß er uns keine rosa Flamingos zeigen konnte. Aber plötzlch wünschte er brennend, uns Flamingos zeigen zu können, wünschte es ml der ganzen Inbrunst seiner arlesischen Herzlichkeit. Schließlich kam ihm der Himmel zu Hilfe. Es fing an zu regnen und es regnete gleich in Strömen. Das Gesicht unseres Freundes rourfl ganz hell vor lauter Glück. „Quand il pleut ...“ bemerkte er pfiff4 wenn es regnet... und ließ uns den Satz zu Ende denken. Und finit uns in heiterster Laune nach Haufe. Eine Woche später macht« ein Freund von mir dieselbe Tour i« Autocar. Auf meine Frage: „Hast du Flamingos gesehen?" erklärte « zögernd: „Ei n e n Flamingo!" Der hat wirklich — gut deutsch — gelogi.H wenn mich nicht alles täuscht. Die wilden Stier« aus der Camargue haben wir auch nicht zu GeM bekommen. Aber wir sahen sie später in der großen Arena von 21 das. die — älter als das Antike Theater — aus dem ersten oder zweite nachchristlichen Jahrhundert stammt. Ein schöner, mächtiger Quaberbm noch größer als die Arena in Nimes, noch reicher in der Dekoration wenn auch nicht mehr so gut erhalten. Sechsundzwanzigtausend RöM und Römerinnen konnten sich hier an Gladiatorenkämpsen und Christ massakers ergötzen. Heut« ergötzt sich —einmal oder zweimal im Jahre -- di« Bevölkerung von Arles und Umgegend bis weit über Marseille hinaus an der Abschlachtung wilder Bullen. Di« Mise L mort — so nennt man das wirkliche Stiergefecht W'j letalem Ausgang im Gegensatz zur bloßen Course de taureaux, wom dem Bullen nur eine Kokarde abgerissen, sonst nichts kränkendes zugefnst wird — fand am Pfingstmontag in der alten Arena statt. Sechs Stiere aus der Camargue wurden von drei Matadoren — zwei Spaniern un» einem Arlester — nach allen Regeln der Kunst gemordet. Die armer Bestien hatten etwas von der artesischen Liebenswürdigkeit und Lebensfreude: sie wollten nicht kämpfen. Sie brachen aus und wurden und» Hallo und Pfeifen in dl« Arena zurückgejagt. So dauert« es reichlich drei Stunden, bis man allen den ®araw machte. Arme Toreadore und arme taureaux! Die einen hatten kein Lust am Töten, die anderen am Getötetwerden. Man machte es freudiv- und luftlos ab. | Arles und Umgegend kamen diesmal nicht auf ihre Kosten. M» , murrte, grollt«, pfiff und krakeelte. Der Bolksmund brüllte nach Chwm' form, als man dem ersten von den sechs Stieren schließlich den Gnadm' stoß geben mußte. Er schrie empört „Une canoneü“, als das legu, tapferste — längst den Degen im Nacken — noch immer und immer m® sterben wollte. . Für mich hat Arles durch diese Schlappe nichts von seinem verloren. Ich rate jedem, der in die Provence fährt, Nimes und Avign nur zu streifen, in Arles den flüchtigen Fuß zu hemmen und minbeiw eine Woche zu bleiben. Es verlohnt sich — schon der Flamingos weg^ Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Aniverf itätsdruckerei 21.Sange, Gießen.