Siegener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1939 Hreitag, den 2\. November Nummer 91 Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 15. Vierzehn Tage später rieb sich Roosje nicht mehr die Hände, und P^^rieste i-em ein starkes Feuer brannte. Alle drei sprachen sehr ebhaft^ .^hre Frau," sagte Roosje zu Paul, „das werde ich niemals er lauben." „Warum?" „Darum!" 4. Fortsetzung. Erst um neun Uhr wagte er, die Tür zum Hause des „Kaiserlichen Wappen" zu öffnen. Roosje stand hinter ihrem Schanktisch, Siska schälte Kartoffeln in einen tleinen Napf; Grietje war nicht da. Paul wurde unruhig; es erschien ihm sonderbar, daß sie noch nicht aufgestanden war und ihn am Schanktisch erwartete; wußte er doch, daß sie sonst immer zeitig aufstand. Siska lächelte mit ihrem süßesten und dankbarsten Lächeln, als sie Paul erblickte; bei Roosje war nichts dergleichen wahrzunehmen, im Gegenteil, der kampfbereite Ausdruck ihres Gesichtes fragte ganz klar, was diese unerwünschte Person bei ihr wolle. Paul hörte das leichte Geräusch eines Stuhles, der im Zimmer des ersten ,Stockes mit dem Fuß angestoßen wurde. Dann wandte er sich an Roosje mit dem wehmutsschweren Ton, der Verliebte in den Augen Gleichgültiger so ergötzlich macht: „Ist Fräulein Margarete nicht wohl, da ich sie hier nicht sehe?" .„Sie hat schlecht geschlafen, Herr Doktor." In der Art, wie Roosje das sagte, lag eine Spur eifersüchtiger Wildheit. „Sie ist sehr blaß", fügte sie hinzu. „Blaß , wiederholte der Doktor mit einem Ausdruck, der ein« ungünstige Wendung im Befinden Grietjes befürchten ließ. Jetzt wurde Roosje zusehends unruhig. m , „Gewiß, Herr Doktor, blaß. Ja. Und was ist dann? Ist eine Gefahr vorhanden?" \l „Das ist sonderbar, das Blut hätte besser in Bewegung kommen -Müssen." . . . _ , „Mir schien gestern, als ob..." sagte Roos,e, ohne den Satz zu vollenden, der ihr verletzend für ihre Tochter zu sein schien. ,^Ich wünsche sie zu sehenI" „Gehen Sie hinauf", sagte Roosje entsagungsvoll „Sie will dieses große Zimmer nicht verlassen, seit sie beinahe darin gestorben wäre. Ich werde Ihnen vorangehen/' Roosje ging vor ihm her in das Zimmer aus dem 14. Jahrhundert, in dem Grietje wie eine Schloßherrin des Mittelalters nachdenklich, ge« sammelt, fast streng vor dem Fenster unter dem Bogen der Uesen: Nische ein Handtuch aus grober Leinwand säumte und dabei die weißen Wiefen- flächen betrachtete, die sich weichin dehnten, und den Frauen Himmeh von dem unaufhörlich Schnee in großen Flocken fiel. Sie war wirklich . ein wenig blaß, weil sie etwas fror. Als sie ihn eintreten sah, stand sie halb auf, legte die Naharbeit beiseite und wurde ganz rot. „Guten Tag", sagte sie verwirrt. , (Buten Taa". antwortete er ebenso verwirrt wie sie .Margarete^, sagte er — dieser Name schien ihm würdiger zu klingen als die Verkleinerung Grietje — „Margarete, w e sehtesIhnenheute? In der schmeichelnden Art der Aussprache dieser alltäglichen Frage lag lauter Liebe. Das fühlte auch Grietje, denn Jie errötete noch mehr und antwortete: „Mr geht es gut, Herr Doktor." „»Meinen- Ihre außerordentliche Verwirrung ließ sie beinahe Hari^scheinen, genau so stand es mit Paul, der nicht ein Wort zu sagen fand. Da der sfrveck seines Besuches erfüllt war, gmg er mit traurigem Gruß an ^Mosst'°brachte^ihn bis zur Tür und rieb sichfreudisdie Hande. -.Ein Stein weniger auf meinem Wege , Höhnte sie, Siskaaufd ' (er klopfend, die weder ja noch nein sagte, sondern gleichgültig sorksuyr, ihre Kartoffeln zu schälen. „Aber, Frau Roosje, geben Sie mir doch einen Grund an, einen einzigen Grund. Warum wollen Sie Ihre Tochter hindern, eine gute Partie zu machen?" „Sie hat es nicht nötig, sich zu verheiraten! Antworte, Grietje, mein Kind! Hast du Lust, deine alte Mutter zu verlassen? — Sie antwortet Nicht, sie will es auch nicht tun. Sage, daß du es nicht willst!" „Das kann ich nicht sagen", antwortete Grietje. „Warum?" „Weil es nicht wahr ist." „Grietje, hast du den Kopf verloren? Komm auf meine Knie." Grietje gehorchte. „Böses Mädchen. Warum möchtest du deiner alten Mutter solche.. Kummer machen und einen Mann heiraten, den du zum erstenmal vor vierzehn Tagen gesehen hast? Und der ebensogut lügen als die Wahrheit sagen kann, wenn er behauptet, er sei reich." Der Doktor lächelte. „Lachen Sie nicht!" ermahnte Roosje, „ein Lächeln ist noch keine Banknote." Dann flüsterte sie ihrer Tochter ins Ohr: „Höre zu, ich will dir ganz leise etwas sagen: Wenn du nicht heiratest, gebe ich dir alle drei Monate ein seidenes Kleid und Ohrringe und Reifröcke und Ringe und Schuhe und Hüte mit Straußenfedern. Sage nein!" „Ich brauche das alles nicht. Ich weiß nicht, warum du nicht willst, daß ich heirate; du hast doch auch geheiratet." „Mein Kind, das ist etwas ganz anderes." „Nein, das ist nichts anderes. Das ist genau dasselbe. Im übrigen heiraten alle jungen Mädchen, und ich will auch heiraten." „Mein Gott", sagte Roosje, „warum verlangst du gerade das einzige, was ich dir nicht geben kann? Grietje, mein Lämmchen, mein Kind, ich werde so einsam im Hause sein, wenn du fortgehst. Ach bleibe doch! Ich werde nicht mehr lange leben! Bleib' bei mir wie eine brave Tochter, bis man vier Fuß Erde auf meine alten Knochen geschaufelt hat." Grietje weinte. „Ach", sagte Roosje, „weine nicht mehr, du weißt, es ist das erstemal, daß ich daran schuld bin. Glaube mir, du bildest dir nur ein, ihn zu lieben, und wirst ihn sehr leicht vergessen." Grietje schüttelte den Kopf. „Du wirst ihn vergessen, sage ich dir, wenn er nicht mehr wieder- kommt, und er wird nicht mehr wiederkommen, wenn du es ihm sagst." „Das werde ich nicht tun." Die beiden Frauen schwiegen. Roosje wurde immer trauriger. Der Doktor sprach achtungsvoll und sonst wie zu einer Mutter: „Warum machen Sie sich solchen Kummer? Darf ich, der ich Grietje, Ihre gute, brave, schöne Tochter, so liebe, nicht wünschen, auch etwas dazu beitragen zu können, um Grietje und damit auch Sie glücklich zu machen? Würde es nicht für Sie eine Freude (ein, ein Kind mehr im Haufe zu haben? Einen Sohn, der nicht ganz mittellos ist, der arbeitet, der feinen und Ihrer Tochter Lebensunterhalt verdient und Ihren dazu, liebe Frau, die ich so gern Mutter nennen möchte?" „Nein", sagte Roosje, die Lippen zusammengepreßt, mit erschreckender Festigkeit. Paul fuhr fort: „Ich verstehe den Schmerz, den Sie bei dem Gedanken, sich von Ihrem Kinde zu trennen, empfinden. Aber ich darf Ihnen nicht vorenthalten, daß Sie zu sehr an sich und zu wenig an Grietje denken. Wenn Ihnen Gott eine so begabte Tochter, die ich so sehr liebe, gegeben hat, so geschah dies, um eine Frau, eine Mutter aus ihr zu machen und nicht eine reizende und launische Puppe, die Sie lieben, verhätscheln und verwöhnen und die eines schönen Tages Ihrer Liebkosungen müde fein wird.. „Sie sind ein böser Mensch", entgegnete Roosje. „Ich bin nicht böse, ich achte Sie, beklage und verstehe Sie. Ich kann Ihnen verraten, daß es nur an Ihnen liegt, selbst glücklich zu sein und Ihre Tochter glücklich zu sehen. Eines Tages wird sie doch jemanden lieben, mich oder einen andern. Wenn Sie das zarte, aber doch schon recht starke Band zerreißen, das fett kurzem unsere Herzen umschließt, so werden Sie ein Unheil, vielleicht ein Unglück herbeiführen. Grietje ist weder kalt noch schwach; und wenn sie eines Tages einen andern liebt als mich...?" „Nein", murmelte Grietje blaß und nachdenklich .Wenn sie eines Tages einen andern liebt und wenn dieser andere nicht so ist wie ich, sondern ein Unzuverlässiger, ein oberflächlicher Verführer dann wird Grietje ihm doch vertrauen und sich ihm in ihrer edlen Art ganz bingeben. Und wenn der Schuft, der sie verführt hat, davongeht, wird Grietje ihn töten und sich bann selbst das Leben nehmen." „Das ist nicht wahr!" rief Roosje. r , t „Doch", sagte Grietje weinend. „Genau so wird es sein, bas weiß ich, Mutter." , Und wenn bas Wahrscheinliche wirklich nicht geschehen sollte, was soll aus diesem armen, guten Herzen werben, dem bie Liebe noch fremd lst, auf die jede Frau ein Anrecht hat? Sie berauben sie auch des Kindes, das sie im tiefsten Herzen als Ideal verborgen hält." Grietje errötete. „Wenn sie bei ihrem tugendhaften Charakter uni) aus Achtung vor sich selbst einwilligt, aus das Leben, das wahre Leben des Weibes zu verzichten und sie dann einmal die Mutter verliert, was haben Sie dann aus ihr gemacht? Eine alte JungferI Wissen Sie, was ein« alte Jungfer ist? Wenn es nicht ein kaltes, eigensüchtiges, berechnendes Wesen ist, dem nüchterne Ordnung, Ruhe und Wohlleben Genugtuung, für das Entgangene bieten, so ist es eine recht arme, traurige Person, die ganz allein auf der Welt steht und nichts zu lieben vermag als Hund«, Blumen und Vögel, freilich reizende Wesen, die aber nicht die richtige Antwort auf die Fragen des Herzens geben. In schlaflosen Nachten, Wochen wahnsinniger Erregung beweint sie die Tage, die nicht mehr wiederkehren, das verfehlte Leben, die Liebe, die sie mit brennender Sehnsucht herbei- rust, und die nicht mehr zu ihr kommt, weil es zu spät ist. Ueber sie lachen die Frauen und Männer, selbst in der besten Gesellschaft. Die geringsten Bewegungen ihres Herzens, ihre unwillkürlichen Gefühlsausbrüche, durch die sie die Gesellschaft anfleht, sie nicht allein zu lassen, mit denen sie ihre geheimen Wunden zeigt, ihre Gefallsucht, ihre Putz- Sucht, die beide ihren Grund in einem ungewissen Hoffnungsschimmer iahen, werden mit dem grausamen Wort: .Letzte Versuche' abgetan, und tief innerlich verletzt und lächerlich gemacht, liegt sie schließlich am Boden. Dann kommt die Verzweiflung, nistet sich wie ein böser Geist in dem zerbrochenen Herzen ein, und wenn eines Tages am Kanalufer die Nacht schwarz ist und das Wasser tief..." „Oh, ja!" sagte Grietje. „Schweigen Sie! Schweigen Sie, Herr Doktor!" rief Roosje, „setzen Sie mir nicht das Messer an die Kehle, geben Sie mir etwas Zeit zum Nachdenken und ..." Sie hielt an, neigte das Haupt und weinte heiße Tränen. „Wie gut du bist!" schmeichelte Grietje, „aber du muht nicht so traurig sein, ich werde noch lange, lange bei dir bleiben. Drei Monate, sechs Monate, wenn du willst, Mutier. Ich will dich jetzt sehr, sehr küssen..." Roosje ließ es ganz glücklich geschehen. „Und du mußt ihn auch küssen." „Nein!" wehrte Roosje ab. An diesem Tage war sie von stütz bis Abend in glücklicher Stimmung; sie glaubte alles gewonnen zu haben, weil sie Zeit gewonnen hatte. Es bedurfte eines halben Jahres, um sie zum Entschlüsse zu bringen, und erst, als sie sah, daß Grietje immer blasser und trauriger wurde, willigte sie endlich ein, sie Paul zu geben, aber ohne Mitgift und Aussteuer. Zweiter Teil. 1. Roosje war von dem heißen Verlangen erfüllt, sich Paul, gegen den sie einen eifersüchtigen Haß empfand, gleichzustellen und emporzukommen. Dies und vor allem ihre Mutterliebe, die sie zwang, ihrer Tochter möglichst nahe zu fein, hatte sie veranlaßt, Gent zu verlassen und damit auch das „Kaiserliche Wappen", die einzige und erste Quelle ihres Wohlstandes. Sie hatte sich in Jxelles, in der düsteren Rue d'Edimbourg niedergelassen und bewohnte dort ein zweistöckiges, verschlossenes Haus, an dessen Tür ein prächtiges Kupferschild in schön geschwungenen Elzevir- buchstaben allen Leuten verkündete: Hier wohnt „Frau Servaes van Steelandt, Witwe, Großhandel in Wein und Likören". Schon früher in Gent hatte es Erstaunen erregt, dieses vornehme „Servaes" und das aristokratische „van Steelandt" auf einem Gasthausschild zu finden. Die arme, ganz vereinsamte und untröstliche Mutter hatte geglaubt, in der Befriedigung ihrer Eitelkeit einen Trost für die schreckliche Leere ihres Herzens zu finden. Sie hatte sich einen „niedlichen" Salon und ein „niedliches" Eßzimmer eingerichtet. Ein Raum zeigte eine Tapete mit großen blauen Blumen, der andere eine rot und grüne Tapete auf braunem Grund und in Kniehohe eine weiß, blau und rosa gestrichene Täfelung, die für Leute von Geschmack einen Fausttzied ins Auge bedeutete. Eine minderwertige Stutzuhr mit weißem, messingbeschlagenen Marmorsockel stellte Paul und Vir- ginie dar, die sich, von einer Palme überschattet, an einen Felsblock lehnten, der so groß wie ein Stück Kandiszucker war. Die sichtbaren Körperteile der beiden bestanden aus Florentiner Bronze, die Kleidung war aus zartgrünem Metall gearbeitet. Der Fußboden, der keinen Teppich trug, war grün und schwarz marmoriert. Alte Eichenrnöbel aus der Zeit Ludwigs XVI., die, um sie länger zu erhalten, mit roter Farbe gedeckt waren, sahen mit Schrecken auf sechs dünne Stühle aus neuem Ebenholz, mit Sitzen aus schwarzem Leder, die einsam und gebrechlich umherstanden und in dem großen Zimmer fast verschwanden. Das Ganze war ungemütlich, kalt und dumpf, im Winter ohne Heizung, während des ganzen Jahres ohne Blumen. Ein kränklicher Kanarienvogel hockte ganz nahe der Decke über der Tür auf feiner Stange; niemand dachte daran, ihm Luft und Licht zu geben, und er hatte fast alle Federn verloren. Trotzdem fang der Arme, fo gut er konnte. Im Winter, wenn die warmen Dämpfe aus der Küche heraufttiegen, und im Sommer, wenn die Morgensonne ganz flüchtig einige Minuten in das Zimmer drang, konnte man hören, wie sich fein trauriges Liedchen belebte, wie er fast begeistert und steudig mit schüchternem Flügelschlagen den glänzenden Gast begrüßte, der ihm Leben und Wärme brachte. Der Gefangene, der in einem sechs Fuß großen Loch aus Mangel an Luft zugrunde geht; der Schreiber, der in einer dunklen Amtsstube, einem kleinen, feuchten und unsauberen Zimmer für fast nichts jährlich lebt, arbeitet und sich in Akten gräbt, sie müssen, wenn sie einmal nicht «n sich selbst denken, sich armer Vögel erinnern, die deshalb eingesperrt werden, weil sie eine liebliche Stimme haben; meistens durch Frauen, deren Trieb zu sein scheint, alles, was sie lieben, einzusperren. Aus Liebe graufam, finden sie das Gefängnis niemals eng genug, in dem sie ihn Lieblinge für sich bewahren. Sie gleichen hierin jenen Selbstherrschern, die Dichter in ungesunde Kerker werfen, weil sie Spottlieder fangen. Beide sind Gewaltmenschen. Die einen stopfen ihren Gefangenen mit Leckereien voll, um ihm feine Gefangenschaft angenehm zu gestalten, die andern sperren ihn ein oder erwürgen ihn, um ihn am Singen zu verhindern. Die einen fürchten, er könne entweichen und die Katze ihn fressen, die andern wollen verhindern, daß der anfeuernde Gesang des Dichters im Volke jene männliche Energie erwecke, die den Schmerz der Knechtschaft noch brennender macht und veranlaßt, das drückende Joch von sich abzuschütteln, das man ihm auferlegte. Trotz Grün, Weiß, Grau, Rot, Rosa, Bronze, Mahagoni, Nippsachen, Vertäfelung und Tapeten in ihrem Gesellschaftszimmer und im Eßzimmer, trotz des vornehm glänzenden Kupferfchildes kam kein Kunde zu ihr. Und Roosje, deren Herz durch ein edles Leid, nämlich die Entfernung von ihrer Tochter, schwer litt, beweinte als neue Kalypso auch die Abwesenheit jenes tausendfältigen Odysseus, den man Kunden nennt, und in ihrer fieberhaften Ungeduld war sie sehr unglücklich, nicht mehr Gastwirtin zu sein. Ihr Schmerz um den Handel wurde jedoch ein wenig gemildert, wenn ein Dorfschöffe, ein Bürgermeister oder einer ihrer alten Stammgäste an ihrer Tür läutete und in ihrem „niedlichen" Empfangszimmer bis zum letzten Pfennig von Flandern oder Brabant um ein Stück, ein halbes Stück oder ein Viertelstück Wein handelte. Sie verliehen Frau Servaes, verw. van Steelandt, glücklich und stolz, einen erheblichen Nachlaß auf den Kaufpreis erkämpft zu haben, ohne die Verwendung des dicken St. George, des pappigen Orleans, von Zucker, gewöhnlichem Schnaps, Essigsäure und Sonnenblumen zu ahnen, die die Ware färbten oder sonst gefälliger machten. In solchem Falle gestattete Roosje Siska, zum Essen einige Kartoffeln mehr aufzutragen und ein wenig Butter in die Soße zu tun. Aber an allen andern Tagen war sie zum Sterben traurig. Dann dachte sie nicht mehr an das Geld; auf den weihen Küchentisch sich stützend, erschien sie weniger böse, und in ihren Augen, die nicht mehr in düsterem Feuer brannten, perlten Tränen. Wortlos sah sie zu, wie di« gute, muskelstarke, männliche Siska in ihrem Reich arbeitete. Diese stellte sich manch mal vor Roosje hin, kreuzte die dicken Arme, di« wie rohes Fleisch aussahen, auf ihrer starken Brust, kratzte sich mit ihrem dicken Finger an der Nase, um dann die Arme mit Nachdruck wieder zu kreuzen. „Nun, Baesin", sagte sie, „ich weiß schon, warum Sie so traurig sind; aber bedenken Sie doch: Ihr Geschäft ist hier noch nicht bekannt genug, und Sie können keine Bestellungen bekommen, wenn Sie nicht in den Zeitungen Anzeige aufgeben. Das ist eine feine Sache, die Zeitungen! Jeden Tag sehe ich darin die Namen von Leuten, die mit Streichhölzern, Kochkesseln, Kasserollen, Wasserrohren, Ofenröhren handeln "... alles Leute, die lange nicht so klug sind wie Sie, Baesin. Wenn in der Zeitung sieht: ,Van Posselveldes Ofenröhren sind die besten der Welt ober .Die Kochgeschirre von van Zwygenhove sind aus Eisenblech, also besser als die von van Gvbbelschroy', wer glaubt ihnen da nicht aufs Wort? Setzen Sie Ihren Namen auch in die Zeitungen!" „Kostet das etwas?" fragte Roosje. Sistas Anregung heiterte sie etwas auf und lieh den Gelbkastenschlüssel in ihrer Tasche vor Habsucht tanzen. „Gewiß, Baesin, das kostet etwas, es ist ein Geschäft wie jedes andere. „Ist es teuer?" „Ich werde mal Nachfragen", beeilte sich Siska zu erwidern. Sie ging, um sich zu erkundigen, kam aber entrüstet und wütend zurück: „Und ob das teuer ist, Baesin! Man hat die Frechheit, drei Franken für eine ganz lächerlich kleine Zeile zu verlangen! Di« Ernstesten von der Band« machen sich noch über einen luftig und erklären: XSinen Franken und fünfzig, wenn Sie nicht wollen, lassen Sie es bleiben1! Und dann reden sie aus einem kleinen Käfig heraus, und das nennt sich .L’Etoile beige', .Der belgische Stern'. Wenn der Herr im Käsig ein Stern ist, dann haben die Sterne jetzt graue Haare im Gesicht. Und nicht ein« Zeitung ist billiger, bloß ein paar lumpige Blätter, die sich erdreisten, fünfzehn, zwanzig, manche sogar sünftmdvierzig Centimes für die Zeile zu verlangen; aber man merkt schon an ihrem Büro, das wie ein Hundestall aussieht, an den zersessenen Stühlen, dem wind- schiesen Tisch und den garstigen Wänden mit Spottbildern der Minister und Priester, daß kein Mensch ihr Blatt kauft und daß für ihre Schundware schon fünf Centimes zuviel wären." Worauf sich Siska ganz außer Atem hinfetzt« und Roosje schalt: „Solche Diebe!" Beide saßen eine Weile in tiefer, stummer Entrüstung da, Siska zornrot und schnaufend, Roosje bleich und wütend. Schließlich brach Roosje das Schweigen und sagte bitter: „Ja, die Kinder! Da glaubt man, daß sie einen lieben. Man bringt sie mit Schmerzen, Angstschweiß und Lebensgefahr zur Welt, gibt ihnen seine Milch, fein Blut und fein Leben und würde alles für sie tun. Wie es mit den Jungens ist, weiß ich nicht, jedenfalls benehmen sie sich chren Eltern gegenüber alle wie Taugenichtse; die Mädchen, die kenne ich: Grietje—Margarete, wie sie jetzt in der feinen, französisch gewordenen Gesellschaft sagen — Grietje gedieh so gut, liebte mich, liebkoste mich und schien dankbar zu sein. Ich war beglückt zu sehen, wie sie groß und schön wurde. Als Kind war sie wie eine Gottesblume. Als sie zum jungen Mädchen heranwuchs, paßte ich genau auf, wann sie blaß wurde oder errötete. Wie habe ich gelacht, als sie eines Tages sehr verwundert war und als sie einmal große Angst hatte, und bann bamals, als sie mir sagte: .Mutter, da ist ein Herr, der mich so merkwürdig angesehen und gesagt hat, ich wäre hübsch .. •' Sie ärgerte sich darüber und fand es lächerlich, daß sie hübsch fein sollte. Ein anderes Mal schickte ich sie am Abend ganz allein fort, um etwas zu besorgen; sie war sechzehn Jahre und schön, aber ich dachte mir nichts dabei. Sie kam ganz zornig und stolz wie eine heilige Jungfrau Maria zurück und schwang in der Hand den Kellerschlüssel, einen ganz großen Schlüssel: .Mama', rief sie, .ich gehe abends nicht mehr aus!’ Dabei umarmte sie mich." (Fortsetzung folgt.) Tag der Toten. in Einzelnen ebenso wie für ein ganzes Volk. _ Die Form der bauernden Todesfurcht sollte eigentlich für jeden vernünftigen Menschen unannehmbar fein. Der Tod ist ein Freund, sobald ®ir ihn als dauernde Mahnung zu wahrhaftigem Leben nehmen. Lebe m Angesichte des Todes, als fei die Stunde ein Tag und der Tag ein !Khr und das Jahr die einzige Bewährungsfrist, die dir noch bleibt. Wer immer meint, daß das Eigentliche noch Zeit habe, wer so lebt, läßt alle iein« Tage nutzlos und gehaltlos verstreichen. Gott will uns erlösen von tor Neigung, aufzuschieben, er will uns die Furchtbarkeit des „zu spät" ins Herz brennen. Gott erwartet nicht, daß der Mensch, wenn sich sein &ben vollendet, vollkommen fei; die Vollkommenheit ist ein unendliches $ie(, und je wahrhaftiger und demütiger ein Mensch ist, desto mehr ist « davon überzeugt. Äber ich glaube allerdings, daß jedem Menschen ichon von Geburt an eine bestimmte Zahl von Jahren zugeordnet wurde «nd daß ihm auch nach dem Maß der ihm verliehenen Kräfte ein auf •em Wege der Vollkommenheit liegendes Ziel gesetzt ward. Die Weisheit •es Ewigen hat uns die Zahl unserer Jahre verhüllt, aber er hat uns nicht völlig die besondere, von Geist und Leben bewegte Daseinsmöglich- ieit verborgen, die wir erreichen können. Er schenkt uns Augenblicke, in •eilen wir wissen, was wir fein könnten, er bezeichnet uns Menschen, die •fenbar auf uns gewiesen wurden, er gibt uns eine Ahnung von unserer arbeit, die nie der eines anderen gleicht. Wir werden auch in diesen gingen zuweilen irren, aber wir können nicht behaupten, daß wir über- pipt nicht wüßten, was wir in unserer Zeit und unter unseren Bergungen zu leisten hätten. Wenn wir aber dies uns zugedachte Gebiet •ort Arbeit an Menschen und Sachen überschauen — ist es nicht immer •fieber ein Erschrecken bis ins Mark über das, was wir bereits ver- liumten? Wer ist geworden, was er fein könnte? Wer weiß sich frei •oii Liebesschuld gegenüber geliebten Menschen? So viele Tage vergingen, w daß wir bewußt lebten, und dazu ist schon ein ganzes Drittel Meres Lebens Schlaf und Tod. Noch haben wir — jeder, der dies lieft — eine Frist. Wie lange sie dehnt, kann keiner sagen, auch nicht der Jüngste. Der verhüllte Bote Rottes, der unser Leben endet, wird sichtbar erst, wenn er das befohlene ®»rt spricht: Komm! Und doch ist er barmherzig, denn oft genug hat er 1,5 im Innersten schon gerufen, und an jedem Totengedenktag sprach er Frage des Toien. Von Börries, Freiherr von Münchhausen. Ich wachte auf — mir war, e« ging die Tür — Da kam mein toter Freund herein zu mir. Mir stieg das Grauen bis-zum Hals herauf. Ich sprach ihn an — er achtete nicht drauf. Ich fragte ihn: „Was stört dir deine Ruh', Du liebster Freund, was willst du, daß ich tu'?" Er hörte nicht auf meine Zärtlichkeit, Er sah an mir vorbei, ganz fremd und weit Und fragte drängend und doch ohne Ton: „Wo steht die Front und wo mein Bataillon?" »on den Token, die wir nicht vergeflen dürfen, und von unserem eigene« „b"” Za9'. So mosten wir tun, was wir zu tun vermögen, in der Kraft gottl«^^Eingabe, in redlichem Dienst, in beharrlichem Ringen um ein befreites Herz — mögen es heute tun. Keiner verachte das heiligste aller Geschenke: die Stunde die wir füllen sollen mit unserem Wesen und Werk. Wer aber lebt als in der letzten Stunde, der ist bereit und fürchtet Vvt« «Luv niajr. . wenn man -en Frieden will." Von Carl Conrad. I n ich ihn zum letzten Male sah, mar es Frühling, und die Offen» stve hatte wieder eingesetzt, aber Ich wußte nicht, daß ich ihn zum letzten Male sah. Alle Vogel waren schon wach und laut an diesem Morgen, rings auf den zerschossenen Bäumen, die Stümpfe voll grüner triebe, | und feucht von Tau war der Lehm in den Trichtern weiter draußen, wo wir lagen und auf Befehl warteten, in höchster Bereitschaft. Da also hockte er neben mir, den Kopf in Richtung des Feindes, obgleich wir nichts sahen als die Lehmwände des Trichters, aber der Freund schien, zu lauschen, in Richtung des Feindes, und sah sehr glücklich aus Sein Gesicht hatte den Ausdruck von Sehnsucht, aber nicht einfach irgendeiner Sehnsucht, denn wir waren noch jung und wußten nicht, nach was mir uns sehnten, aber man sah ihm an, daß er es wußte, und so bewunderte ich ihn an jenem Morgen, als wir in den Trichter nebeneinander hockten, so dicht, daß ich die Wärme seines Körpers I Tuch hindurch fühlte, und wir, der Himmel wurde schon blau, in eine Stimmung kamen, in der man immer wieder sagen möchte: Erinnerst du dich? Erinnerst du dich? ... 3d) dachte an die Sonntage, in der Heimat, wenn wir durch den Buchenwald hinabstiegen zum Fluß, der Freund und das junge Mäd» c^en, das feine Braut war, jünger noch als er. Gegen Abend war alles still auf dem Wasser, nur das leise Schlagen der Wellen gegen den Bug. Die beiden vor mir waren wie zwei Schatten dicht nebeneinander, und ich hörte mit Rudern auf und wir ließen uns treiben. Von diesen Sonntagen bis zu dem Frühlingsmorgen, an dem wir, im Granattrichter hockend, den Feind dicht vor uns, an alles das dachten, 65 ein weiter Weg; vieles hatte sich dazwischengeschoben, hunderte Nachtwachen und Kämpfe mit Raiten und stinkendem Grundwasser im Graben und Schnakenplage in den heißen Nächten, wie dumpf war es । bann im Unterftünb — bas alles, unb endloses Warten, lag hinter uns« wir drehten ihm den Rücken zu; aber vor uns der Feind, der Kampf, der Sieg vielleicht — was sonst? Der Freund sah noch immer in die Richtung des Feindes, mit großen Augen, lächelnd und mit dem Ausdruck feiner unverständlichen Sehnsucht, so sah er gleichsam der Zukunft entgegen, die ungewiß mar, ganz in Nebel gehüllt rote die Sappen und Drahtverhaue des Feindes. „Wir müssen dem Krieg sehr dankbar fein", sagte er nach einer Weile mit einem Lächeln, rote ich es reiner niemals rnieder gesehen habe. Er kniete, die Hände vor sich auf den Lehm gestützt — es war eine demütige Haltung, aber über seinem Gesicht lag gleichsam ein Glanz von Mut und Stolz. „Wir haben so viel erfahren, so viel erlebt, gesehen, was mit uns, was mit allen hier los ist, was man leisten kann, mancherlei Geheim- mffe haben wir durchschaut." Er richtete sich auf und nahm sein Gewehr, das bis dahin vor ihm gelegen hatte, und während er es aufrecht stellte, um sich darauf zu stützen, spiegelte sich die Sonne in dem blanken Seitengewehr unb traf mich kurz wie ein Blitz in die Augen, und dann hörte ich des Freundes Stimme: „Ja — du--bas ist eine ordentliche Höhe: es muß schwer fein, von da wieder hinabzusteigen." Er schob seine Hand unter meinen Arm. „Wer davon verschont bleibt", sagte er, „von diesem Abstieg, den müssen die Götter schon besonders liebhaben." Er sah mich lächelnd an, und ich fing auch an zu lächeln, unwillkürlich, unb habet suhlte ich, wie er meinen rechten Aerrnel ein wenig emporschob unb bas Gelenk umfaßte, sehr leicht nur fast so, als wollte er meinen Pulsschlag fühlen; es war eine zarte, unirdische Berührung. „Nun", sagte er, „wissen wir. was das Höchste ist, unb wir müssen es wissen, bamit wir es geben können." „Und wenn es nicht genommen wird?" „Dann muß man es immer unb immer wieder bescheiden und freudig anbieten, bis es genommen wird. Man muß das Höchste geben, wenn man den Frieden will." Er ließ meinen Arm los. Wenige Minuten später, der Horizont bebte und dröhnte vom fernen Donner der Geschütze, kam der Befehl zum Sturmangriff. Im allgemeinen Ausbruch sah ich den Freund noch, wie er inmitten der Kameraden aus dem Granattrichter sprang, erhobenen Kopfes, die Sonne traf voll fein Gesicht, aber feine Augen waren vom Rand des Stahlhelmes verschaltet. Dann sah ich ihn nicht mehr, der Kampf trennte uns, ich wurde verwundet, im Lazarett erreichte mich die Nachricht von des Freundes Tod. In höchster Glut des Kampfes war er gefallen. Nacht für Nacht sah ich ihn aus dem Trichter springen, die Augen vom Stahlhelm beschattet, doch lächelnden Mundes, und ich hörte immer wieder jene letzten, dunkel- glühenden Worte über den Preis des Friedens, mit dem er sich die Ewigkeit errang. Als ein kurzer Erholungsurlaub mich in die Heimat führte, mar es schon Herbst, die Akazien an der Allee vom Schlosse hinab zum Dorf schon gelb, unb abenbs ging ein kühler Wind. Ich besuchte bes Freundes Braut. Man sagte mir, daß sie im Garten sei, der Garten war dunkel unter den Kastanien, aber bas Laub schon herbstlich, ein Gärtner arbeitete zwischen den Beeten; er schien gespenstisch unb unwirklich wie alle die Menschen in der Heimat, die eine andere Wirklichkeit gleichsam ausgelöscht unb in Schatten verwanbelt zu haben schien. Am Ende des Gartens standen keine Kastanien mehr, und die Aussicht mar frei auf das Tal und den Fluß, und dort, auf einer Bank, saß des Freundes Braut und sah über das Tal hinweg, die roten und Von Heinrich Wolfgang Seibel. In der herbstlichen Schwermut, im Sinnbilb der Millionen Grabhügel, einem 2Bjgm>crben guter und trüber Erinnerungen ist der Toten Stimme unbjWrbärbe, und wir wissen, daß sie oorausgingen — uns coraus. Daß die Verstorbenen gleichsam als unsichtbare Geister unseren Weg begleiten, erscheint uns freilich bedenklich. Nicht, als ob wir nicht schon alle derartiges empfunden hätten, da wir ja tatsächlich unter der weiter wirkenden Geistesmacht geliebter Menschen unseren Lauf vollbringen; wer hätte nicht zuweilen jenen Wendungen heimlich zugestimmt: „sie blicken auf uns herab", „sie segnen unseren Pfad". Aber gibt es nicht Gedanken, die sofort unerträglich werden, wenn man sie zu Ende denkt? Tun wir das in diesem Falle, so kommen mir zur Tatsache, daß die Seligen nicht nur die Lust, sondern auch die Qual der Erdgeborenen weiter auf ihr Herz nehmen mühten, sie würden die Welt sehen, wie sie wirklich ist, unb sie würben auch die Menschen, die sie liebten, in jener Gestalt erblicken, die niemand ertragen kann als der allwissende Gott, nämlich ohne Hülle unb ohne die irdische Gnade bes Nichtwissens. Wir aber müßten uns von ihnen gesehen denken in aller Erniedrigung, allem Schemwesen unb allen Begehrlichkeiten. Etwas anderes ist es mit der Tatsache, daß wir selber das Gebenken an die Toten bitter nötig haben; an bas Geschenk ihres Lebens, das unsere Einsicht unb Erfahrung mehren soll, bas Geschenk ihrer mühevoll erkämpften inneren Haltung, ihrer weiter wirkenden seelischen Kräfte; denn sie haben doch nicht umsonst Wahrheit gewonnen, Siege erfochten, Liebe geübt. Wir haben alle schon erlebt, daß Menschen heftig getadelt wurden, weil sie das in Sorgen gewonnene Gut des Vaters nach dessen Tod in alle Winde streuten; die Entrüstung über solch Verfahren entsprach der herrschenden Ueberschätzung des Geldes. Dagegen habe ich noch sehr selten die Entrüstung über eine viel unerfreulichere Verschwendung •riebt, darüber nämlich, daß Menschen das innere Erbe der Vergangenheit leichtfertig verbringen, indem sie ihre Toten vergessen und damit das Beste aus ihrem Leben entfernen, was jene zu hinterlassen hatten. Sein Mensch vermag allein aus dem Eigenen zu leben. Was ist denn bas Eigene? Es ist gewiß ein Funke von einem Herb, ben noch niemanb sesehen hat, aber zum großen Teil ist es persönlich verarbeitetes Erbgut. Wer könnte die bildende Macht verachten, die uns aus der Herzens- «nschauung eines 'vollendeten Lebens zukommt, die Stärkung unseres Arbeitswillens, unserer Verantwortlichkeit, unseres Hinneigens zu unendlich vielem Guten, die roir allein den in bewußter Treue bewahrten Geistgestalten der Vorangegangenen verdanken. Allzu selten stellt man sch vor, seiner Eltern, Lehrer, Freunde zu vergessen! (Es heißt sich Le- bensquellen verschließen, sich zu eitlen Wegen verdammen, im Kreise gehen, statt aufzusteigen. Wer das Erbe der Toten vergißt, weil er sie fclbft vergaß, der wird geschichtslos wie das Tier; das gilt für den Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gieße». Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lange.— nach vorn, in i. einer unverständlichen Sehnsucht Schon wollte ich gehen, als mir von einem kleinen Mädchen mit fest- gedrehten Zöpfen geführt, ein altes, gebücktes, schwarzes Weiblem ent« aeaenkam Großmutter, Großmutter, wo ist denn da der Großvater? 9 9Der Diener blickte unwillig über seine tiessitzende Brille, legte den Finger an die Lippen, runzelte die Stirn und machte: „Pst Die Groß, mutter erschrak bedeutete der Kleinen, zu chweigen, knüpfte das Sack uch auf und bot dem Diener ein Trinkgeld an. Der Betrag mochte mch aroß gewesen sein, der Diener meinte, er habe keine Zeit, der Sarg sei schon geschlossen, die Frau hätte früher kommen müllen. , „Aber ich will doch den Großvater noch einmal sehenI ries das "binJie^waren fein Freund", sagt« sie, und ich konnte nicht anders, als "sie ohne Unterbrechung ansehen, denn sie erschien nur als der letzte irdische Rest, ein wunderbar lebender Teil des abgeschiedenen Freundes. Sie„SrÖrmü6te nicht fein Freund fein?" Ich sah, wie r>°r Ausdruck von Trauer in ihrem Gesicht sich vertiefte und einen fast müden Charakter “Ti>öK*. ör Ml«, und «m u-m den Kastanien her und aus dem Tal heraus, von Fluß unds Buchen uick> aus dem weiten Himmel:--Immer und wieder — anbieten bis es genommen wird — ,J&c starb, damit Sie leben, sagte ich. „Damit wir alle leben ..." ^Ia." „Er war sehr mutig, nicht wahr?" „Er tat es aus Liebe", sagte ich. , . . „ ,Za. Es muß eine ungeheure Liebe gewesen fern. , Unten auf dem Fluh war kein Boot, aber der Dunst verdichtete sich zu weißlichem Nebel, den Erinnerungen formten wie sie wollten. Ein schattenhaftes Boot glitt dahin.' Ich dachte, auch sie mußte es sehen, und jst^so ^ange her", sagte sie, „wie lange es noch dauert? Das ist so schwer. Mit jedem Tag, den ich lebe, komme ich ja nafjer zu ihm, aber doch ist jeder Tag schwer, weil ich gar nichts von ihm habe, fein einziges Wort, denn ich war nicht bei ihm, als er in den Tod ging ... ",Was^ chgte"er? Wi^erholen ^Sie erbitte! Ich muß etwas haben """„Er"'jagte: ^Man nnih das Höchste geben, wenn man den Frieden Und noch einmal während ich sprach triumphierte die Front hier in der Heimat, ich hörte mit schicksalhafter Eindeutigkeit das Knattern der Maschinengewehre und das kurze Zerplatzen der Handgranaten und sah den Freund aus dem Trichter springen, die Augen vom Stahlhelm verschattet, doch lächelnden Mundes. . , , ,,, x — Wenn man den Frieden will", sagte sie und erhob sich. Wahrend wir sprachen, war es zusehends dunkler geworden aber doch noch hell genug, um mich ein merkwürdiges, rührendes Glitzern in ihren Augen erkennen zu lassen von verhaltenen Tränen. Sie wandte sich um, ich begleitete sie bis ans Haus und verabschiedete mich. Das wiedergefundene Antlitz. Von Bruno Brehm. Als ich ganz unvermittelt den Tod meines Freundes erfuhr, eilte ich zu dessen Mutter. In dem gleichen Zimmer, in dem wir als Kinder gespielt hatten, traf ich die Frau, deren Haar über Nacht grau und deren Antlitz von Tränen entblößt worden war. Aus zwei Türen traten zugleich die beiden Schwestern in Schwarz und nahmen bei dem Tische Platz. Als das Schweigen uns zu würgen anfing, versuchte ich ein wenig von dem Toten zu sprechen, von unserer Gymnasialzett, von dummen Streichen; schon flackerte hin und wieder ein leichtes Lächeln von den Gesichtern der Töchter auf das feuchte Antlitz der Mutter hinüber als diese ausstand und j>in Heft holte, das sie vor mich hmlegte. Während ich blätterte, verlöschten die Tränen das Licht der Erinnerung in den Augen der drei Frauen. Die ersten Setten des Hestes waren mit der kleinen, zierlichen Schrift des Freundes bedeckt. Während ich las, sprach die Mutter tm- zwischen, der diese Zeilen so gewärtig sein mochten, daß sie nur Seite für Seite die nötigen Erklärungen geben konnte. Mein Freund, Arzt in einem Spital, hatte während des Sezierens geraucht, hatte Leichengift in eine offene Stelle der Lippe gebracht, hatte gewußt, daß er verloren war und das Herannahen des Unabwendbaren genau beschrieben, als nähme er die Krankengeschichte eines fremden, ihn sehr befchästigen- den Falles auf. Die letzten Seiten waren unregelmäßig beschrieben, die sorgfältige Schrift hatte den Halt verloren, die Buchstaben irrten ab -und auf der letzten Sette stand: „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr." Nun wußte ich, daß man hier nicht mehr sprechen durste, ich nahm Abschied, die Kehle war mir zugeschnürt. Ich muhte den armen Freund noch einmal sehen. Vor der Leichenhalle war ein Spielplatz, auf dem Kinder ihre Kreisel trieben Durch einen kahlen Garten trat ich in den kalten Raum. Ein Diener mit einem roeingeröteten Gesicht fragte mich, was ich wünsche. Der Mann zeigte eine unschöne Vertraulichkeit mit den letzten Dingen. Er nahm das Trinkgeld und führte mich zu dem Sarg. Ich dachte an den Toten, der bei unseren Jugendspielen immer der Medizinmann gewesen war, der unsere Beulen mit einer Schieferplatte geglättet oder, wie wir sagten, ausgebügelt hatte. Nun beugte ich mich über den Sarg, aber ich wich gleich wieder zurück: um Gottes willenI Wie hatte das Gift gewirkt. So wollte ich doch das Bild des Freundes nicht mit mir nehmen. fitalJlite die Frau wieder gehen, aber die Bitte der Kleinen hatte es mir aliaetan ich gab dem Diener Geld, und nun h°b er den Decke ab. „Großmutte?', rief die Kleine taut, „geh, heb mich! Ich kann sonst ""^Äinbjd) kann dich nicht heben, du bist mir zu schwer." "Heb du mich", sagte die Kleine, auf mich zeigend, „tue Großmutter 1,1 STX Srou will« sich für di, Stein« -»Uchüldte-U. »d-> ich S * -Md-Mich-»- .8. ’lÄ'Ä«»«»". «-»»!"» ä °i-teüite>>d» G-,lchi. -»- »,r T-d d-n Sein« »l-d-r «* schlier den tiefen Schlaf. iS '£■ ®Ä""tete U“ “Äen 0.11^8*6«,^« * anÄ.Ä !lt“; Ä Samlleulel ein Keines Btett P-Pler »>• S» d« P-M' und lch-d «. dem Großvater zwischen die gefalteten Hande. „Nun müssen wir aber gehen", mahnte die alte grau. Ich fegte oa Kind ab, von draußen klang em Kinderlied in die Halle. „3ft die schwarze Köchin da? „Nein, nein, nein!" „ ©rcimcil Tnufj fic nitnincit|cq i cr&n •• • _ Großmutter"," sagte das Kind mit feiner lauten Stimme,, „darf ich bann ein bissel auf dem Spielplatz bei den Kindern bleiben? Nein komm, wir haben keine Zeit", drängte die alte Frau. Nun wollte ich, während die Großmutter die Kle ne ichon an der Hand hinter sich Herzog, wissen, was in dem Brief gestanden habe, den. Lid--»Ach".»7 M-in« Pupp, Ist nämlich „rdwch-n, dl- Multen d-« » das Christkind keine neue bringen. wird und- dahab ich unter dielen Brief mitgegeben, damit mir der liebe Gott verzeiht. Deckels zu warten und holte mir aus diesen klaren, vom kühlen Tod gereinigten Zügen eines fremden Mannes Trost. Abends nach dem Einschlafen, war es mir, als ginge die Tnr. alte Mann mit dem Brief an den lieben Gott in der Hand, kra mein Bett und sagte: „Zur nächtlichen Weile über einen weiten J auf der großen Straß'. Was mich deckt ist die Erde, was über mL schwebh ist der Himmel, was vor mir liegt, ist Seligkeit was w^ hinter mir liegt, ist das bitterböse Leben, das mich nut den Fuß getteten hat. Das ist die frohe Botschaft die ich Ihnen bringe, roeil Stt mir meine Enkelin noch einmal gezeigt haben. moüte dem Mann die Hand reichen, aber-er trat zuruck. „Wisse» Sie nicht, daß m^n im Schlafenden Toten nicht die Hand reichen darf? ^Es brinat'?ein'Müct^Der alte Mann hob langsam den Brief. ",Sie sollten'mir da ein. wenig helfen Meine Tochter ist so ftten^ und hat kein Einfchen mit der Kleinen. Wenn die kleine Mitzi aber H viel Vertrauen zu mir hat ..." m1r|, Ja, richtig! Wie hatte ich das.nur vergessen können. Das war wirk lich ganz und gar gedankenlos von mir gewesen. „Gerne, gerne. SM komme morgen zum Begräbnis noch einmal auf den Friedhof. 3®) werde auch die Puppe nicht vergessen." „ „Kann ich Ihnen nun auch mit etwas dienen? fragte der au Mann, der wohl ein kleiner Geschäftsmann draußen m der Vorstadt Händen, wandte sich stumm ab und reichte mir, abgekehrt, etwas Weih - Kühles hin. Dann ging er, ohne zu grüßen, mit gesenktem Schein äaDUnb da hielt ich auf einmal das verloren« Antlitz des Freun^f in den Händen, schön und kühl, klar und einfach, wie der Tod M es ist, fremd wie das Ende und vertraut wie der Freund; ich pm das Gesicht gegen meine Brust und sie hob sich mit ihm und sie ft» • sich mit ihm. Da versank in ihrer Tiefe dieses wiedergefundene AnW • ^versank mit ihm ein Teil des Lebens, die Gespräche des Ab * । die Wanderungen durch die Wälder, der Rauch der Feuer tm H"°? 1 das Schlagen der Wellen gegen das Boot es versanken di« Tage s Jugend und die Pläne, der Knaben, zur Ruhe gingen die Ahnung^" die unsere Schläfen gerührt und unsere Herzen hatten erzittern lassen^ Elben Buchen an den Hängen, und über dem Fluß ein leichter Dunst- lleter den Glanz des Wassers trübend. Sie hatte mich nicht kommen hört' Ich rief sie leise an. Sie drehte sich um und ich erschrat über die Mässe ihres Gesichtes, es war wie ein Äch durch die durch in die weihe Leere der Ewigkeit. Diese Trauer hatte keine Gren zen sie überwand jede Zeit. Das war der erste Eindruck, und fast gleich teitia !ah ich den Freund wieder, wie er im Granattrichter faß, den Blick nach vorn, in Richtung des Feindes, lächelnd und mit dem Ausdruck einer unverständlichen Sehnsucht. Es ist gut, daß Sie gekommen find", sagte sie. Der Tonfall ihrer Worte entsetzte mich: es klang wie das Echo feiner Stimme, em zartes, M fenig Mn "I lor „ Da Di, _$ie jitn. Ak ( Ri leine einer, Mein Ijaufe etoas durch neftmi ihnen ich i>ii »iderl Allie Beigli taon Iwrliel iderh, nii» Ii Ügen Nn »ir e fcnn Ißniib, linen «i weit Jhn Üe L Nn Arte Mer, !"cher fflttn fier t». Z