n KiG ei Wochk Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1959 Montag, den 24. April Nummer 52 erbleich, nüßk «i er dM eckte sei« t und sei, anns'P agte mch «4)0X0 uii i Nacht k n jün#i nicht g»i nrnrf? R er toi# rklich * an einer »er Lehn' tane wehr «* nen. D«" r Kack««' igt. err Lehn' tieft di'!" t im M rr Lehn'' im BÄ" :oorft* rorbenW chr * 1 d-ck" en 6*f fff :s Md s* cheN."" ti ist - ch ’’S DER HEILIGE Novelle von Conrad Kerdinand itteyer Erstes Kapitel. Langsam fallend deckte der Schnee das blache Feld und die Dächer Weinkelter Häse rechts und litrks von der Heerstraße, die aus den »armen Heilbädern an der Limmat nach der Reichsstadt Zürich führt, dichter und dichter schwebten die Flocken, als wollten sie das bleiche iüorgenlicht auslöschen und die Welt stille machen. Weg und Steg ver- tullend und das wenige, was sich darauf bewegte. Jetzt erscholl auf dem Holzdoden der bedachten Brücke, welche sich mfern der Stadt über den Sihlstrom legt, der dumpfe Hufschlag eines stserdes, und unter dem Sparrenwerk der finstern, den Stadtmauern zu- xwendeten Oefsnung erschien ein einsamer Reiter, Seine feste Gestalt oar jo warm in einen grobwollenen Mantel gewickelt, und er hatte sch dessen Kapuze derart über den Kopf gezogen, daß von seiner Person Iium mehr als ein breiter, grauer Bart zum Borschein kam. Hart hinter dem starken Gaul von heimischer Rasse trabte mit beschneitem bücken und melancholisch gesenkter Schweiffahne ein großer Pudel, Der plternde Widerhall des Hufes in der Holzwölbung weckte die drei b-njegefährten aus dem Halbschlummer, den Frost und Schnee über sie pbradjt hatten, und stellte ihnen Tor und Herberge in nahe Aussicht, irsteres wurde in raschem Trotte erreicht. Unter dem niedrigen Tor- bgen warf der Reiter seine Kapuze zurück, schüttelte die Flocken vom Santel, rückte sich die Pelzmütze aus der energischen Stirn und ritt in luter, trotz der Last seiner Jahre kriegerischer Haltung durch den Renn- t eg, die erste am Fuße der kaiserlichen Pfalz sich hinziehende Straße, Es war der drittletzte Tag des Jahres der Gnade 1191, denn der seifende hatte die Gewohnheit, Zürich zwischen Weihnachten und hahresende Heimzusuchen, Rechts, wo der Bäcker seine frischen Laibe ausgab, links, wo unter irm rußigen Bordach der Rollenschmiede der Amboß erdröhnte und tue hinten sprühten, ward der Reiter auch heute, wie jederzeit bei seinem iinzug in Zürich, mit schallendem Zuruf als Hans der Armbruster, fans der Engelländer dewillkommt. Die alemannischen Laute aber, in »eichen er Gruß und Rede zurückgab, schlugen so rund und frank aus fünem Munde, daß sein zweiter Zuname kaum auf eine ferne Heimat Miicksührte, sondern auf befriedigte Reiselust und kecke Wanderfahrt, Auch gab der Reisende dem Herbergsvater ,Lum Löwen", der bei «tönendem Hufschlag neugierig unter die Tür getreten war und, den Lorüberreitenben erkennend, sich von demselben, mit gezogener Kappe, ruskunst über das Verhalten des heurigen Schaffhausers im Keller er« ht. fo sachkundige und den Beteiligten verratende Antwort, daß un- lOtoer zu erkennen war, wo Hans dem Engelländer heute (ein Weizen i ühe und fein Wein reife. .. Bis hieher geschah alles, wie Hans der Armbruster die Stadt der riirftin-Aebtissin seit Jahrzehnten kannte. Eines aber befremdete ihn “i diesem Tage, der kein Festtag war, und allgemach begann er sich »trüber zu wundern. Von Frauen verkehrten sonst in dieser strengen «hreszeit und frühen Stunde nur wenige, vor dem Hause; heute aber l3et1d)titten sie eilfertig und geschmückt alle Schwellen; und als Meister «ans durch steil abfallende Gäßlein der Mitte der Stadt und den rasch mhinschießenden Wassern der Limmat sich zuwandte, als er über die fitere Brücke und am Rathause vorüber ritt, sah er es wie Ameisen- 3"9e an beiden Flußufern aufwärts laufen. Häuflein folgte dem Häuflein, rrnuuen jeglichen Standes, hochmütige Edelweiber mit kostbaren Meh- ruchern in der Hand, ehrbare Töchter des Handwerks, züchtige Klofter- hanen, hübsche Dirnen von leichtem Wandel eilten neben runzligen, Wenden Großmüttern, die das Oberkleid im Schneegestöber über die S m6n, grauen Häupter gezogen hatten. Alles strömte seewärts, wo am «msfluß der Limmat wie zwei Behelmte die Münster stehen. Doch — was bedeutet das? — nur eines derselben, das Münster »nserer lieben Frau, ließ mit fliegenden Glocken seine dringende Gin« ung erschallen: das gegenüberliegende große Münster aber verharrte 11 ?lncm mißbilligenden Schweigen. j -nachdenklich ritt der Armbruster, dem allgemeinen Zuge folgend, ' ,*er den Schwibbögen längs der Limmat hinauf der berühmten Herberge s ®en Raben St. Meinrads entgegen, wo er alljährlich abjufteigen I aber, unten am Hügel, wo weiland St. Felix und Regula „ r "mtet haben, hielt er seinen Braunen an. Er hatte einen Blick in die ksf ue Kirchgasse geworfen, die hier, vom Großmünster herabführend, aus« i aunoet. Es bewegte sich darin, ihm entgegenschreitend und sorgsam die i. 7''en Stellen im schmelzenden Schnee aussuchend, die feine, ehrwürdige, I -"iarderpelz gehüllte Gestalt eines Chorherrn. Das unter dem schwar- |»"i -Barett blaß erscheinende Antlitz heftete sich mit schmerzlichem Ausdruck auf die genäßten Schuhe. So wurde er des Armbrusters nicht gleich gewahr, der sich rüstig vom Pferde geschwungen hatte, um den alten Herrn in bescheidener Stellung und trotz des noch immer dauernden Gestöbers mit entblößtem Haupte zu erwarten. „Gottes und feiner Mutter Gnade zum Gruß, ehrwürdiger Herr", sagte Hans der Engettänder, als der Greis neben ihm stand. Leicht überrascht heftete dieser das kluge Auge auf den Grüßenden, und ein plötzlicher Gedanke leuchtete über seine durchsichtigen Züge, etil Gedanke offenbar erfreulicher Art, den er aber listig für sich behielt. So sprach ihn denn der Armbruster zuerst und folgendermaßen an: „Gestattet, daß ich mich bei Euch erkundige, ob ich den ebeln Herrn Kuno, Euern würdigen Bruder, im Stifte finden werde. Er schuldet mir eine Kleinigkeit für hergestellte Armbruste, ferner den Kaufpreis eines nach englischer Manier gebauten Stückes, das vor drei Jahren bestellt und geliefert wurde, was alles, nach meiner Hebung, ich vor Neujahr einzuziehen trachte. Den vorletzten und letzten Christmond traf ich den ebeln Herrn bei erschöpfter Kasse, da er mit dauerndem Unglück im Würfelspiel zu kämpfen hatte. Wie mag es wohl heuer um ihn stehen?" „Das frage du ihn selber, nachdem du Imbiß bei mir gehalten hast!" erwiderte der Alte. „Er kehrt bei Zunachten ins Stift. Alle Brüder, Propst und Kapitel, sind auf die Jagd oerritten, mich Alten, wie du siehst, ausgenommen. Ich dachte meinen Ausgang dem neuen Heiligen zu widmen, dessen Marter und Wunder dort drüben" — er mies nach dem schlank aufsteigenden Chor des Frauenmünsters — „zu dieser Stunde von einem geistreichen Luzerner Pfaffen dem gläubigen Volke bargelegt werden, und dessen Glorie meine darüber unbilligerweise empfindlichen Brüder für heute aus der Stadt vertrieb. Da jedoch mehr Neugier als Andacht meine Schritte lenkte und der Schnee des Himmels sie hemmt, so mag ich ohne Schaden meiner Seele umkehren. Laß deinen Braunen in die Herberge zu den Raben führen! Dort steht der Stallknecht St. Meinrads wie eingepflanzt am Wasser und starrt nach der Frauen Münster hinüber! Dein Tapp, der hier trübselig im Schnee sitzt, mag sich an meinem Küchenfeuer wärmen. Aber bei St. Felix' blutigem Haupte, ich kann nicht länger im Nassen stehen! In diesen Schneepfützen sitzr die tückische Hexe mit ihrer Zange, ich meine die böse Gicht, die mich diesemtzWinter gezwickt und erst vor, kurzem losgelaffen hat. Folge nur bald, Engelländer!" Nach diesen geflügelten Worten schmiegte Herr Burkhard sich fröstelnd in seinen Pelz und begann, vorsichtig, wie er gekommen war, die feuchte Gasse wieder hinanzusteigen. Hans aber rief den lungernden Knecht herbei und übergab ihm mit den Zügeln seines Gauls allerhand Aufträge und Weisungen an den Wirt und die Stammgäste des Hauses zu den Raden; denn dort sprach der Adel ein, und unter ihm hatte der Armbruster viele Kunden und Schuldner. Dann schnallte er sein Felleisen von dem Rücken des Tieres, nahm das Gepäck unter den Arm und schritt mit Tapp, der sich nie von dem Eigentum seines Herrn trennte, die zum Stifte führende steile Gasse hinauf. Die Ginlabung des Chorherrn tarn ihm gelegen, denn Hans der Armbruster war ein sparsamer Mann. Zweites Kapitel. Der Wintertag blieb so dunkel, daß der schmale Wohnraum des Chor-. Herrn, wo er feinen Gast bewirtete, mehr von der golden flackernden Flamme des Herdes als durch das einzige hochgelegene Bogenfensterchen erhellt wurde. Während der Armbruster fein Mahl beendigte, hatte sich Herr Burkhard, der von feiner Körperlichkeit und mäßiger Lebensweise war, schon eine Welle in feinen "mit weichen Vliesen überlegten Armstuhl versenkt und die pelzumhüllten Füße dem Feuer zu gestreckt. Gin ebenfalls er* greifter Schaffner räumte das Tischgeräte weg und stellte eine Kanne kräftigen Landweins mit zwei silbernen Bechern auf das Steinfims des Kammes. Der Chorherr war offenbar in vergnügter Stimmung. Es ergötzte ihn, an diesem trüben Wintertage einen weit- und menschenkundigen, auch weitgewanderten Mann schnellen Geistes in sein Gelaß gelockt zu haben zur Befriedigung einer längst gehegten Neugierde. Das feingeformte Haupt mit feinen wenigen schneeweißen Locken lag auf dem roten Kissen der Lehne, mit geschlossenen Augen, aber dem wachen Ausdrucke des Triumphes über einen gelungenen Anschlag. Jetzt öffnete er plötzlich einen leuchtenden Blick und sagte: „Gesegnete Mahlzeit, Hans! Wende deinen Stuhl und rücke zu mir. Du fragtest mich, wer der neue, von der Frau am Münster erhöhte, von uns Chorherren aber geschmähte Heilige sei. Ueber Tisch halte ich es nicht für heilsam, von kirchlichen oder gar himmlischen Dingen zu reden; aber nun bin ich da, um Auskunft zu geben. Der neue, von dem Heiligen Vater der Christenheit bescherte Fürsprecher im Himmel hat im selben Jahre mit mir , Erzähle, Sians", rief der Chorherr mit zitternder Lebendigkeit und richtete sich, die alten Hände aus die Armlehnen stützend, begierig in seinem ^^Der'Armbruster schürt« schweigend das Feuer und faßte seine Gedanken zusammen. Seine festen, eckigen Züge waren finster geworden, und sein« funkelnden Augen sannen. Offenbar schien ihm billig, den, Wunsch seiner Gastsreundes zu erfüllen; aber ungerne tat er es. Denn jene Ereigrnsst staunenswert und unbegreiflich nicht nur für die Fernstehenden, sondern auch für die Michandelnden, waren der wichtigste Teil seiner eigenen Geschichte, die es dem verschlossenen Manne zu erzählen schwer wurde, und arissen in Tiefen seiner Seele hinunter, wo fein Empfinden zwiespältig wurde und seine Gedanken wie vor einem Abgrunde stehenblleben. Er äußerte sich mit behutsamen Worten: „Ihr mögt leichtlich oessti Bescheid wissen, Herr Burkhard, in dem, was meines Herrn Stomp Fürstenhändel und Taten im Weltlauf betrifft; was aber i^n WandÄ und die Natur seiner Person angeht — und des Thomas Decket Menschem antlitz auch", — fügte er scheu und leise hinzu — „so habe ich rmchrliq vor einem Jahre in jener trunkenen Nacht nicht geprahlt, als ich mid; berühmte, sie zu kennen, obwohl ich, heilsamer für mich, davon geschwiegen hätte. Noch jetzt, Herr, brauch' ich nur die Augen zu schlleßen, um der König wie den Priester leibhaft vor mir zu sehen. Lieblich ist der Anbh«! nicht, wie der dieser langen, ruhigen Gesichter, welche Eure Stadtheiligen hier in den S-änden tragen!" und er wies auf das Mittelbild eines farbig gewirkten Teppichs, der die Mauer bekleidete. „Biele Jahre lang, nach dem ich aus Engelland heimgekchrt war, hatte ich während des Tag!, in Gedanken und des Nachts im Traume mit jenen zwei unglücklichen Herren zu schaffen. Am Tage mußte ich mir die sanften, spitzfindigen Reden des einen, die leichtfertigen Scherze, harten Drohungen und »ei' zweiflungsvollen Zornworte des andern ohne Unterlaß wiederholen um war gezwungen, darüber nachzufinnen, wie unabwendbar beider Bep derben sich daraus entwickelte. Des Nachts sah ich sie aufeinanderstohe« mit Rauch und Feuer, wie der Apostel Hans in seiner Dfsenbaruirz schreibt, und keines meiner Weiber — ich habe deren etliche geehelicht und begraben — konnte es dann unterlassen, mich mit Angst und Graue, aus dem Schlafe zu rütteln. Denn, Herr, es ist etwas anderes, wen., Könige und Heilige gegeneinander fahren, als wenn in unseren schwa, bischen Trinkstuben geschrien und gestochen wird. Wohlan, ich will Eich von diesen Geschichten erzählen, obwohl es ein schlimmes Ding ist un» schwierig zu bewältigen; aber ich darf den Wunsch meines Gastsreunde, nicht unerfüllt lassen", schloß der Armbruster mit einem grimmigen Lächeln. _ , # .. „So tue, wie du verheißest", sagte der Stiftsherr und legte sich mit erwartungsvoll angeregten Mienen in seinen Sessel zurück. Drittes Kapitel. ,Jch rede nicht gerne von meiner Jugend", — begann Hans dek Cngelländer feine Erzählung — „und meine Gedanken weichen ihr aus, wenn ich nicht vor den heiligen Festen, um mich vor Gott und seine! heiligen Mutter zu demütigen, sie aus dem Dunkel emporsteigen lass«, oder wenn nicht ein Neider und Widerfacher mir dieselbe böswillig n meinen alten Tagen gegen die Zähne wirst. Lieber Herr", — und der Armbruster tat einen tiefen Seufzer — ,M ist eine unehrliche und befleckte. Dennoch muß ich damit Euch und mit zur Last fallen, denn mein armer Lebenslauf läßt sich von dem bei ^eiligen und des Königs nicht trennen, wenigstens in meinem alle« Kopfe nicht. Ihr müht wissen, ich bin aus einem edeln Geschlechte, unö wenn Ihr Hohenklingen oder Hohenkrähen sagt, so nennet Ihr zwak nicht mein Stammhaus, das in Schutt versunken ist, aber sein NcuM lautete ähnlich, und es lag, wie jene festen Häuser, unweit vom Bodo» und vom Rhein. Schon mein Vater war schwer verschuldet und — warum, das weiß Gott — von seiner Sippe gescheut und gemieden, er, um seinen Gläubigern zu entgehen und um seine Seele zu retten sich das Kreuz anheftete und nach dem Gelobten Land zog, aus welch«»« er nicht zurückkehrte. Mein Mütterlein schleppt« feit meiner Geburt ein« siechen Leib und weinte fich die Augen blind, als mein älterer Drude! nicht in ritterlicher Fehde, sondern in bösem Raufhandel um Dein un» Mein erschlagen wurde; denn wir halsen uns, wie wir konnten, uro lauerten an den Wegen, wo etwas vorüberkam. Bei meiner Sippe such" ich weder Rat noch Hilfe, ich hätte dort keine gesundem Di« einzig« Freunde waren mir meine Armbrust und meine Hunde, mit denen «4 zu Walde zog; aber ich selbst ward wie ein Wild gehetzt von einem bös« Feinde, den ich den Teufel haßt«. Das war der Jude Manasse, der i» Schaffhausen saß und auf Zinsen lieh. Ihm hatte mein Vater seine« Burgstall und seine wenigen Aecker verpfändet. Nun begab es sich, b®! mich meine Mutter zu dem Juden schickte, um Aufschub zu verlangen aber keine Barmherzigkeit war bei dem Wucherer zu finden. Da ersah" mich plötzlich eine große Kümmernis und ein Erbarmen mit meinet» siechen Mütterlein und auch mit dem blutigen Leiden unseres Heilande-, den die Juden grausam gemartert haben, und ich schlug den Manch hart mit Fäusten, daß er starb. Gott rechne mir diesen Mord nicht F“ Als ich ihn beging, war ich, wenn auch schon von Mannesgestalt un» Stärke, noch «in Kind und dazu von weicher und heftiger Gemütsott Der Jude indessen hatte in der Stadt und unter dem umliegenden Äs' viel« Freunde, und ich wäre verloren gewesen ohne die geöffnete Kloste" Pforte von Allerheiligen. Und da ich froh fein mußte, daß sie sich,** hinter mir schloß, wurde ich unverhofft geistlich und nach Jahreslmi ein Mönch. In alledem hatte ich aufrichtig gehandelt und war k«® Falsch an mir gewesen; aber ich taugte schlecht zum Mönche und h«»" den Wuchs meiner Natur und das Erdreich ihres Gedeihens nicht vos ausgekannt. Mißversteht mich nicht, Herr! Nicht das sündige Blut U-t serer Stammeltern allein meine ich, sondern mehr noch den 3Üni)enH Funken, der aus der Schöpferhand Gottvaters in den Ton, aus welche® ich geformt -bin, herübergesprungen ist, das ist: Kraft, Verstand, Unter nehmung, Baukunst und Wanderlust. Aber von menschlicher Kunst u® Wissenschaft war zu Allerheiligen nichts zu lernen als der Poet tJw gilius, den ich auch heute noch größtenteils auswendig weiß. (Fortsetzung folgt.) das Licht der Welt erblickt. Schon das spricht gegen ihn. Es gilt von den Heiligen wie vom Weine: je älter, desto besser und wundertätiger. Wie dieser hier" — er tolürfe aus seinem Becher — „das Blut unMkS Bodens mit unserem Blute verwandt ist und es seit undenllicher Zett wurzt und stärkt, ähnlich wirken unsere Heiligen St. Felix und Regula über deren Leibern dieses Stift und diese Stadt erbaut sind. Geschlecht um Geschlecht haben sie als streitbar« Nothelstr behütet. Wir sind ihnen und sie uns vertraut und verpflichtet. Mit ihrem Bild und Siegel machen wer, nach dem Vorgänge unserer Väter, unser Tun und Lassen gültig. Ich will keine Hossart damit treiben, daß sie nach ihrer blutigen Marter die abgeschlagenen Häupter urkundlich in den eigenen Händen von der Richt- stätte am ßimmatufer bis hierher getragen haben, vierzig Schritte bergan, obgleich ihnen das sicherlich keiner der abgeschwächten neuen Heiligen nachtut. Für mich kommt in Betracht, daß St. Felix und Regula ihren Glauben gegen einen heidnischen Kaiser mit ihrem Blute bezeugt und nicht gegen einen christlichen König und Lehensherrn sich überhoben und aufgelehnt haben, wie dieser neue Heilige von meinem Jahrgang. Solcher gerechten Erwägungen aber sind die Köpfe unserer Frauen vom fürstlichen Stifte nicht fähig! Da muhte ihnen unter andern kostbaren Schriftstücken ein Pergament zukommen, woraus das Leben und die Marter meines Altersgenossen beschrieben und verherrlicht ist. Die heiligen Akten wurden zur Erbauung während der Mahlzeit vorgelesen, und von Stund' an konnten die Gedanken der edeln Frauen nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie trieben offen und heimlich daran, daß der Tag dieses Märtyrers auch bei uns feierlich begangen werde. Den Weibern gefällt das Neue und Fremdländische. Der Rat unserer Stadt war aus genannten Gründen der Sach« abhold und hätte sie auch wohl verhalten, wäre den Frauen nicht eine Güte des Himmels zu Hilst gekommen. Verwichenen Herbstmonat bei der langen Dürre geriet der Abtei eine Scheune voll Heu neben ihrem großen Gehöfte zu Wiedikon in Brand. Der Föhn jagte die Flamme gerade auf das Meierhaus zu, das zu rauchen begann und verloren schien. Da lieh die mächtig fromme Küsterin, Frau Berta, die eben zugegen war, durch den Meier und feine Söhne den schweren Schiefertisch vor das Haus schleppen, zog eine Kreide aus der Tasche und schrieb mit armlangen Buchstaben auf die Platte: Sande Thoma, steh uns bei! Was geschah? Blickte der Heilige vom Himmel herunter und las? Dem sei, wie ihm wolle, der Wind wandte sich augenblicklich, das Scheuer- lein fiel in erlöschenden Schutt zusammen, und die Meierei war gerettet. Jetzt langte die Hilfe aus der Stadt an. Hier stand der Tisch, dort verkohlte der Trümmerhaufen — das Wunder und der Heilige waren nicht weiter anzustchten. , ~ ~ . . So ist es gekommen, daß wir heute fern Fest feiern, den Tag,, daß ich's zu sagen nicht vergesse, des heiligen Thomas von Canterbury. Nach dieser ausgiebigen Rede ergriff der Chorherr feinen Pokal, tat ein paar kleine Züge, und, die Kanne ergreifend, sah er sich nach seinem Zuhörer um, dessen Becher er auffüllen wollte. Hans, der auf einem Hcllz- fchemel am Feuer sah, gab keinen Laut von sich. Etwas Seltsames war mit ihm vorgegangen. Im Anfang war er, die Ellenbogen auf die Knie stützend und das gesenkte Haupt in die Hände gelegt, der Erzählung des Chorherrn mit Aufmerksamkeit gefolgt. Herr Burkhard hatte den Namen des Heiligen absichtlich bis zuletzt verschwiegen, doch der Armbruster mochte ihn schon früher erraten haben. Er blieb jetzt unbeweglich, wie in sich selbst zufammengebrochen, und es war, als schüttle ein Schauder seine Glieder. Der Chorherr schenkte ihm den Becher voll und betrachtete ihn mit Blicken der Teilnahme und etwas durchschimmernder Schadenfreude. „Halt' ich dich endlich, schlauer Mann!" begann er wieder. „Bei den blutigen Zöpfen der heiligen Regula, heute, Armbruster, trittst du mir nicht über die Schwelle zurück, ohne mir von St. Thomas von Canterbury erzählt zu haben, was du weißt, und ganz andere Dinge, als der Luzerner Pfaffe unserer gnädigen Frau drüben im Stift aufbinbet oder als in dem Pergamente stehen, das mir die edle Herrin zur Gesundung meiner Seele geliehen hat. Du bist dem Heiligen zu seinen Lebzeiten begegnet, das wirst du mir nicht leugnen! Ich habe es selbst gehört, wie du meinen Brüdern, den Chorherren, es mag sich jetzt gerade verjähren, in unserer Trinkstube mit lauter Stimme — denn sie hatten dir mit dem Becher stark zugefetzt — und gewaltigen Gebärden dartatest, daß du an König Heinrich gehaftet habest wie der Knops am Wamse, ja wie die Haut am Leibe. Du gerietest in lodernden Eifer; denn die Herren hatten in Zweifel gezogen, daß König Heinrich bei jener unseligen Krönung seines ältesten Sohnes Tränen der Freude vergossen habe. Du riefest: ,Jch habe sie rieseln sehen!' und verschwurest dich bei deiner Seelen Seligkeit. Ich, der gerade eintreten wollte, um einen geselligen Becher zu hinten, denn ich war noch um das jünger, und dich deine Geschichte beteuern hörte, ich glaubte dir, denn du bist kein Prahler. Bist du aber immerbar um König Heinrich gewesen, hast ihm Gewand und Becher gereicht, sein Lachen und Weinen gekannt, wie du versichertest, so muht du auch den Mann gekannt haben, der ihm Leib und Seele zerstört hat, fei es, während er als Kanzler ihm zu Diensten war, sei es später, da er als heiliger Bischof, sein Feind und sein Opfer, ihn zur Derzweiflung und ins Verderben trieb. Am Ende, Unglücklicher, wärest auch du unter jenen, die dem Heiligen zu feinem Martertode geholfen haben. Doch nein! In dem Pergamente der Aebtissin steht geschrieben, wie die Mörder des Heiligen durch ihre Sünde dergestalt entmenscht wurden, daß es der ganzen Schöpfung vor ihnen graute und selbst ihre Leibhunde den Bissen aus ihrer Hand verabscheuten. Tapp aber" — er wies auf den zwischen den Knien des Armbrusters sich aufmerksam hervordrängenden Pudelkops — „nimmt, wie ich gesehen habe, alles, was du ihm reichst." „Der gnädig« Gott hat mich davor behütet", murmelte Hans; „aber den Heiligen — ja — ich habe ihn gekannt, so gut als ich Euch kenne, Herr Burkhard. Und dabei bin ich auch gewesen, wenn Ihr es doch wissen wollt, als ihm der Wilhelm Tracy vor dem Hochaltäre den Schädel ein= schlug. Und sein Lächeln sehe ich noch, das — Gott genabe mir — heilige Hohnlächeln, mit dem er verschied, als erwiesen ihm leine Henker gerade einen Liebesdienst. O Herr, das find fchwere, unerforschliche Geschichtenl" n Ha»!» kn ü)t®i : unb l«R I I &öswW uszer--- I uch uni» p | OT i keinem 14 schlecht^ 't »/; , kl» i » Art I«6 ; k M r* aus E G-ba-K terer V ifflM könnt«,s 6W*Ä , Die e», - nit ' W in* . 1 tt M' .- >?. n Ä w« «'5 tofcÄ« nun zeigt es sich daß ich mich durchaus n Mussen. Den ganzen .tior- ’rta SÄ e»S dVÄ. W" ,, * n L,"' -Tidai!, 'OK Sreijj; m, fo* ier tigttt routbt, i' Wirhch eben, stiilh li», nm KK en W t MrG, ch mhit ils ich R »eschm,; en, Wider 216 itadtheilir eines fmti lang, nci des Itt mglüflifc fpitzM m uni» tr erholen t beider & landechjc Dffentar | k geehiir unb Am reres,«' [eren M h will hj )ing ist i äajtfreunl grimiw »fite sich» Brief sein, wenn man die Fußspuren auf dem weichen Boden befrachtet so viele Spuren von einem kleinen Frauenfuh! Uebrigens wäre ich längst wieder hier an der Arbeit, wenn ich nur Holz für meine Bank austreiben könnte. Ich will fie natürlich kunstgerecht machen, ordentlich mit einer schrägen Lehne und einem gehobelten Brett für den Sitz. Allein der Schreiner ist plötzlich wie besessen hinter jedem Stück Laden her. „ . ....... Er läßt mich keinen Augenblick aus den Augen, immerfort schielt etS nach mir hin und spreizt die Borsten seines Bartes wie ein Igel in seinem ledernen Gesicht. Nein, dieses Brett muh ich liegen lassen, das ist Eschenholz, das andere auch, und die Pfosten braucht er alle für feinen ^eU®o3uPlfann so etwas überhaupt gut sein, sagt er, eine Bank unter dem Baum? Das zieht nur Leute an, die laufen dann ins Gras und möchten Blumen pflücken, Margueriten, versteht sich, und blaue Glocken, und aus diese Weise liegt schließlich das halbe Heu auf dem Mist. DM will ich auch noch Kieswege anlegen, kreuz unb'quer, einen Springt brunnen mitten im Kornfeld? , . Nein ich sollte mir anderswie Luft machen, meint der Schreiner, auf einen Spielhahn gehen, die balzen um diese Zeit. Merkwürdig, er» klärt er, was die Schildhähne betrifft! Gewöhnlich find sie wie ander« Vögel, gar nicht dumm auf ihre Weife. Aber in jedem Fruh,ahr ist der Teufel mit ihnen los! ...... Das ist Geschwätz. Ich habe jetzt keine Lust, mit der Kugelbuchse auf nassen Aimböden zu hocken, stundenlang im Morgengrauen, außerdem müßte es wenigstens ein großer Hahn sein, Auerhähne sind nicht auf ^^Der^Schreiner ist ein alter Bär, grob und eigensinnig, aber ich rede jetzt mit dem kleinen Michael, der versteht mich sofort. Eine Stunde spater haben wir alles beisammen und durch die Busche geschleppt. Bier lärdiene Pfosten vom Zaun des Pfarrers, einen Laden von der Jauchenpumpe, nicht übermäßig sauber, aber sonst noch wie neu, und einen Truhendeckel für den Sitz. Dieser Deckel ist kunstvoll auf Rahmen gearbeitet und mit Blumen bemalt, mit Tulpen und Rosen und einem Herzen, das rot und geschwollen ist wie ein Kürbis, vor lauter Liebe. Michael bohrt in seinen Taschen und bringt Nägel an den Tag Nägel von jeder Art und Form. Zierstiste von Polstermöbeln und solche mit breiten Messingköpfen, Hufnägel und dicke fünszolttge, wie man sie auf den Zimmerplätzen bekommt, wenn man geduldig ist und den richtigen Augenblick abwartet. Daraus versteht sich der kleine Michael, es gibt keine Zeugtruhe weit herum auf den Tennen, in der er nicht Befcheil» "^Wir spitzen die Pflöcke mit dem Beil und putzen sie mst dem Reis» mesfer, Michael setzt sich hin und nimmt jeden Pfosten zwischen emS Knie, damit er die richtige Führung hat, wenn ,ch ihn mit dem Schlaget in die Erde treibe. Das ist das Schwierige an dieser Arbeit, die oiev Säulen müssen genau im Winkel stehen, senkrecht die vorderen, ein wenig schräg die rückwärtigen; und wenn eine Wurzel im Wege ist, chufsea wir in die Hände spucken und auf paffende Weise fluchen, ehe wir bett Pfahl drehen und rütteln und in die richtige Lage bringen Dann stehen wir eine Weile und betrachten unser Werk. Wir haben beide keinen Bart, um ihn dabei durch die Hand zu ziehen, aber es >st trotzdem kein Zweifel, daß wir unsere Sache verstehen, große Worte machen wir nicht. Nein, verständige Burschen sind wir, Michael wischt feine Nase in den Aermel, wie jebermann, und was mich anbelangk, ich würde niemals etwas mit grüner Tinte auf gewes Rapier fdjretben. Und jetzt treibe ich den letzten Nagel in das Ditzbrett, mitten durch ^Unbjcfet hm ^Michael mich verlassen. Es war schon am Morgen voy Krapfen die Rede gewesen, und als vorhin die Egglocke anschlug. oer- schwand er plötzlich. Michael weih noch nicht, daß es Dinge trn ßebert Ut die man nicht fassen und bei Namen nennen kann unb die gleich» moht schwerer zu ertragen sind, als eine leere Kvapfenfchusfel. Er lebt seine fröhlichen Tage, manchmal geraten ihm Prügel dazwischen, da war er doch vorher vergnügt gewesen und ist es nachher wiederr und wenn ihn einmal etwas innerlich schmerzt, so kommt auch das von greifbaren Dingen her, von frischem Brot und gestohlenen Dorrt,rschew, 9 Ja so einfach ist das Dasein für Michael, warum wird es nur so schwer' gemacht? Das muß ein Ende nehmen, ich bin nicht der schlechtes^ unter den Burschen hier herum. Dielleicht werde ich doch m dieser Nach, auf die Almen gehen. Ich will in der Hütte am offenen Feuer sitzen, ent Mann in Gedanken, ein «infamer Mann, der nichts mehr besitzt als “"sÄht? j?ÄnUein bißchen für mich singen und, di« Well betrachten. Sicher sind schon ein paar Knospen am Kirschbaum aufgebrochem Unb lväter dächte ich mir etwas aus, em Wort, ober einen Vers, der mk gefiele, und den ich den ganzen Abend lang fo für mich hmfummett könnte. Wenn der Baum blüht, sänge ich, wenn der Wind geht, mußt du am Fenster stehn, und dein Hemd wird wie ein schneeweißes Segel wehn, braunäugiges Mädchen ... , , 2lber ich kann nicht fingen und Verse machen, vor mir stehr das blatt» roeieelt?am8‘ba habe ich nun eine Bank unter bem Ahorn gezimmert, irr schlafender Nacht arbeitete ich dort und sparte keine Muhe, Gott mag wissen was geschieht, wenn es bem Pfarrer einfaUt, nach feinen Psostett iU suchen. Nirgends in der Welt gibt es eine Bank, auf der nian fb paradiesisch sitzt, mit Tulpen und Rosen unterwärts Aber nein, id) batte ebensogut einer, Sauerdornbusch dorthin pflanzen können. Das verdrießt ->-» ***** ©emWit und Breite, und nur der Hut sollte fieser in der Stirn sitzen, es ist schwierig, ein bedeutendes Ansehen zu gewinnen, Scharfe und Ernst in den Blick zu legen, wenn man mit blankem Angesicht gegen M.nb maSier^ muß.'Dieser Wind läuft mit wie «in narrischer I Hund zwischen die Beine, er zieht an meinen Hosen und blaff da- Hemd Dicht fo sehr mit meiner 'Arbeit hätte beeilen müssen D°n ganzen mittag sitze ich auf meinem Hügel, und es selchieht nichts. Niemals Kommt unter den Baurn und fchaut sich um und schlagt $ den Kopf zusammen vor Verwunderung. Eine SttNiben habe ich freilich in der Stube verbracht, ich mußte ja die Schaufel zuruckbringen, außer dem fror ich erbärmlich in meinem nassen Schuhzeug. Und trotzdem war ich vergnügt. Ich fang aus bem Fenster und nahm fairem llu^s Hem »us der Truhe, ein blauweißes für diesen Tag, fo vergnügt »wr ich. Das alles fällt mir jetzt wieder ein wahrend ich da sitze, h Uf los uno bekümmert und blaugestreift wie ein Verbammter. Schließlich h ch Len Briefumschlag aus der Hosentasche.und trag« ihn über das Fed Zurück, mag er dort bleiben! Es liegt mir nicht? daran, immerfort die, Lächerliche Schrift zu betrachten. Ist er etwa nicht lächerlich em Mensch, irgendein Eduard oder Leopold, der seine Briefe mit Aimer Tinte Ichreibt? Jawohl, ich knülle den Umschlag zusammen und werfe ihn in '©ras, hier fand ich ihn ja, genau in diesem Züstond. . einem Aber es muß vielleicht doch ein befonbers kostbares Stuck ^^Gegen"Morgen"such« ich Werkzeug aus her Tenne, es ist schon hell genug, wenn ich jetzt anfangen will, den Platz vor bem Ahorn herzu- richten. Ich werde ihn ganz eben machen, vielleicht auch noch ein wenig Erde aufschütten, damit später wieder Gras darauf wachsen kann, etn dicker Rasen, wie ich ihn oft in Gärten gesehen habe. Dann nehme ich das Maaß für den Sitz, nicht zuviel, was d.° Lange betrifft, bohre Löcher mit der Rennstange, wo die Pfosten stehen sollem und arbeite flott und tüchtig in der frischen Morgenluft. Zuletzt mache ich Iben Platz noch sauber. Ich sammle Späne und Wurzeln und was sonst da herumliegt, ein paar bunte Wollfäden, em Stuck, Papier, arat, ) einen leeren Briefumschlag im Gras. „Sabine steht darauf geschr Für Fräulein Sabine Meinem Grefchen. Don EduardMörik«. Drunten in des Kaufmanns Warenhalle Sehnte sich ein Kleidchen fchon feit lange (Ohne daß es drum, versteh' mich eben. Was man sagt, ein Ladenhüter wäre), Sehnte sich aus des Gewölbes Schatten An das Tageslicht, in Lust und Sonne, Einem guten Mädchen ober Fräulein, Das fo um bie vierunbbreißig stünde. Angeschmiegt vom Hals bis auf die Knöchel, Sich mit ihr im Zimmer, durch den Garten Und auf Markt und Straßen zu bewegen. Ei, da kamen wir zur guten Stunde, Sahn der schönen Ware eine Menge, Mit noch schönsten Worten angepriefen, Ausgebreitet vor uns auf den Tischen. Doch dies Kleidchen sprach zuletzt bescheiden: „Wählet mich! Dem. heißen Sommer bin ich Und dem kühlen Herbst gerecht, an Farbe Mild, und linde fallen meine Falten. Nehmt mich mit! Ihr tauftet nicht zu teuer. — Nun, in kurzem war der Handel richttg, Und hier ist es, dir zum Dienst gewidmet. Sieh! Es fremdet noch, beschämt, ein bißchen, Ungewiß, ob es gefallen werbe. • Doch es barf durch manche stille Tugend Hoffen, mit der Zeit sich wert zu machen: Fühlt es doch in bem und jenem Stücke Sich voraus der lieben Herrin ähnlich. Wenig wird es dich ins Schauspiel locken, Su Konzert und Prunkvisiten wenig; her könnte Dorf und Wald es reizen. (Wundershalb nur möcht' es dieser Tage Gleich einmal die Eisenbahn versuchen.) Aber ach, was will ein armes Kleidchen Heut' bedeuten in des Mannes Händen, Der dich gar zu gern, 0 Allerbeste, Um und um in feine Liebe hüllte, Daß du, nur in diesem Aether wandelnd, Dich wie heute fühlest alle Tage! Oie Bank am Ahorn. Don Karl Heinrich Waggerl. Ich ßege in der Dunkelheit mit meinen einfältigen Gedanken. Morgen! denke ich, ober sonst etwas Freundliches, Gras, Warme, Wind unter dem Baum. Es ist dort wirklich ein hübscher Platz, fallt mir em. Ich will mit dem Schreiner ein Wort reden, ein wenig Holz zusammen- uchen, etliche Pfosten und Bretter. Und bann konnte ich eine Bank unter dem Baum aufschlagen, eine breite Bank im Schatten vor dem Korn, aber nicht zu weit von den Büschen. Die Nächte sind voll von erregenden Geräuschen. Ich liege Mete stunden fang wach und horche. Das Wasser lärmt im Brunnentrog, irgendwo klirrt ein Fenster, und bann lacht jemand — bas kommt von weither, dieses zutrauliche Mädchenlachen. Katzen jagen sich mit sioll'schern Geschrei, es klingt wie Mord, wie eine schauerliche Bluttat, nachts auf Hoch im lichten Himmel schwebt der Mond, er greift mit weihen Fingern durch mein Fenster und rührt alles an, den Wasserkrug, «m Bild an der Wand, das Bild einer Frau, di« plötzlich aufwacht und ver- auf, unb iiberbies habe ich bis Augen voll Wasser, Eine bitte Träne rollt herab unb hängt sich unten an mein Kinn. Gleichviel, ich gehe meinen Weg, atemlos unb trönenblinb. Neben mir taucht etwas Bläuliches aus dem Gras, aber bamlt kann ich mich jetzt nicht aushalten. Das ist vielleicht nur ein Busch auf dem Hügel, denke ich, sicher klopft mein Herz so laut, daß selbst die Büsche zu lachen anfangen. Weit vor mir sehe ich ein Tor am Aaun, das will ich iim Auge behalten. Einmal trete ich noch in einen verdammten Kuhfladen unb dann ... „Bähl" sagt das Gebüsch hinter mir ... Ach, Sabine, blauweißes Ding, du fröhlicher Bogel in meiner Wiesel Wenn wir müde wären, hätte wir ja eine Bank unter dem Baum, einen warmen, heimlichen Platz für den Abend. Wiegenstunde. Von Ruth Schaumann. Der Schlaf ist wohl ein Garten, Du stehst so dicht davor, Was mag dich dort erwarten? Der kleinen Vögel Chor? Der bunten Blumen Flor? Der Schlaf ist wohl ein Garten — Schon gingst du durch fein Tor. Der Schlaf ist wohl das Wallen Von einem Strom zum Meer, Darein die Sterne fallen Und machen doch nicht schwer. Er fließt und wird nicht leer. Dein Schifflein glänzt kristallen Und schifft so sacht daher. Der Schlaf ist meinesgleichen. Er wiegt dich auf dem Schoß. Der Mond ist am Verbleichen, Der Morgenstern steht groß, Der Tau birgt sich im Moos. Der Engel Flügel streichen Dich hell vom Schlummer los. Der verwechselte Gast. Ein Märchen von Hans Friedrich Blunck. Man soll nicht aussehen wie ein alter Wassermann. Und wenn-'s schon an dem ist, soll man sich nichts darauf einbilden und gar die Nixe aus dem Wasser rufen. Am Ende geschieht's auch anderen, daß die Enttäuschte, die schon meinte, ihr Mann sei heimgekehrt, mit dem Betrüger zu Wasser fahren will. Da war einmal ein sehr gelehrter Mann, der kam im Herbst bei seinem Freund zu Gast. Der Freund hatte einen einsamen Hof mit einem schönen Garten und einem großen Teich unter Weiden und Eschen. Nun sah jener Fremde so ähnlich aus wie der Wassermann, der unten im Teich hauste. Er hatte ein dickes rotes Gesicht und rechte Kuhaugen, dazu ein Hängekinn und Ohren — ich will nicht sagen, wie die aussahen. Aber er war nun einmal ein berühmter und kluger Mann, unb ber Herr des Hauses wünschte, daß es feinem Gast gut erginge. Es war ein schöner Spätnachmittag, an dem der Fremde eingetroffen war; die Kartoffelfeuer brannten auf den Aeckern, und die Dämmerung sank so recht rot und bruun im Westen und bewirkte, daß die Gesichter im halben Schatten anders als über Tag erschienen. Und weil ber Hof- jjcrr nodj zu tun hatte und dem Gast die Welt so herrlich dämmerstill dünkte, machte er sich auf und wollte sich bis zum Abendessen am Teich ergehen, ganz allein hinter den jungen Eschen. Auf einmal blieb er stehen, da saß die Kröte Frau Abenblank mitten im Weg und wich nicht aus. Ob er ihren Mann gesehen hätte, fragte sie, er wäre mit den Kindern ausgegangen — mit allen auf einmal und so huckepack! Der Gast erstaunte sich, aber er antwortete höflich unb sagte, daß er Öie Kinder nicht gesehen hätte. Da stand auch schon ein dicker alter ftarpfen neben ihm im Wasser, schlug einmal mit dem Schwanz, daß es putschte und der Fremde erschrak, und fragte, wie es mit einem Brettspiel fei und wann sie sich träfen. 3er Mann bekam einen roten Kopf, er hatte immer gehört, daß v'Iche stumm feien; sicherlich steckte ein anderer in diesem Karpfen. Er beeilte sich, sagte einige freundliche Worte und wollte ins Haus zurück, um dem Gastgeber von seinem Erlebnis zu erzählen. Aber ein Weiden- bu d) beugte sich vor ihm in den Weg, und eine Stimme bat ihn, er solle doch heute abend wieder auf der Flöte üben. Und als er nun immer verwirrter nach allen Seiten Entschuldigungen verschenkte, kam ein Unterirdischer, zog seine Mütze unb fragte den Herrn Wassermann, wie es mit Tem Bild stünde, das der ihm versprochen habe. Er warf fogar mit kleinen Steinen nach dem Fremden, als der weiterlief und von nichts wissen wollte. Schließlich stand ein Damhirsch in der Gerste hinterm Gartengitter, fragte den Gast, ob niemand da sei unb auf ein paar Rechen Erbsen tarne es wohl nicht an? Ja, wundersältig war alles, was der Mann erlebte, und eigentlich war es so drollig wie schön. Als er sich zum Haus heimwenden wollte bedachte er, ob ihm solch ein Abend wohl noch einmal beschieden sei, unii weil er Mut hatte, meinte er, es sei vielleicht besser, sich noch ein weich umzusehen. Wenn sie dich mit dem aus dem Wasser verwechseln, dachte er, dann wird am Ende auch eine schöne Nixe in der Nähe fein. Abenteuerlustig blieb er am Rand des Teiches vor den Mummeiblumen stehen uni redete, was ihm gerade einfiel. „Frau", sagte er, „du kannst mir mai meinen Hut 'rauflangenI" Was geschah? Die Mummeln öffneten sich, uni eine kleine Hand warf einen breiten grünen Hut herauf, gerade aus seinen Kopf. Es tropfte ein wenig, dann war der Filz zundertrocke» „Und meinen Mantel auch", sagte der Gast nun übermütig. Kaum zu glauben, wieder öffnete es sich zwischen Schilf und Blum», und ein Mantel flog herauf und dem Mann geradewegs um die Schub lern. „Wart eben", redete es aus dem Wasser, „ich komme mit!" Das hatte der Besucher nicht gewollt, er versuchte, den Weg am Teich rasch zu Ende zu gehen. Aber am Wehr stand im Nebel schor eine hübsche Dirn — ganz wie andere auch, nur daß ihr Haar ein wenig schillerte. Die nahm den Mann beim Arm, als gehörte es sich so, uni redete gleich mit ihm. „Ich wußte ja gar nicht, daß du schon $uriid seist", sagte sie. „Ist recht, daß du an mich denkst, wir wollen über bi-t Wiesen." Sie wartete nicht erst auf Antwort. „Die Leute tanzen im Krug", fuhr sie fort, „wir wollen zuhören!" Jetzt bekam der Mann aber doch Angst, er wußte nicht recht, wie et sich dem entziehen sollte; es schien ihm auch alles so sonderbar »erquer und verdreht, und was er sah und hörte, war s-o anders, als es sonst in dev Welt zugeht, daß er am liebsten in seinem Bett hätte liegen mögen. Er hatte indes wirklich den Hut auf und den Mantel des Wasser, manns an, und er sah, daß nun, wo die Frau neben ihm schritt, ein feiner Nebel vor ihnen herschwamm und hinter ihnen blieb. Nur, tue sie an den verglimmenden Kartoffelfeuern vorüberkam, wich die Nixisch- aus, zog ihn zur Seite und seufzte. Es wurde dunkler auf den Wiesen und auf dem Weg, den sie gingen. „Tanzen möchte ich", sagte die Frau auf einmal und blieb stehen; „Höch du, wie die Menschen tanzen?" Sie waren jetzt auf der Brücke, die über den Bach ins Dorf führte. Eine Laterne glanzte und der Mann sah, daß es ein hübsches Sing war, das neben ihm schritt, aber vor den grünen Augen und dem grünen Haar hatte er Furcht. „Warum erzählst du mir nichts?" fragte die Nixe eifersüchtig. „Bist du stumm geworden, ober hast du eine von den Menschen im Sinn?“ Sie hielt ihn" eifersüchtig fest. „Weißt doch, daß mir jetzt weitergeher dürfen, es gibt Jank!" Nein, davon wußte der Mann ja nichts, aber weil der Weg breit und eben und wirklich die Musik vom Dorfkrug deutlich zu vernehmer war, hielt er es für gut, ein Tänzlet» zu versuchen, da brauchte ei nicht weiter Rede und Antwort zu stehen. Gleich hatte er dem Fräuleir den Arm untergeschoben und tanzte auch schon. Wie das Ding ihn zu drehen und zu führe wußte, so etwas hach er noch nicht erlebt. „Tanz ich nicht besser als die von den Menschen?' flüsterte die Frau, und er nickte eifrig, das mußte er wohl zugeben t Aber zu sagen wagte er es nicht. Da zog sie ihm den Mantel von bei Schulter und warf ihn in den Bach. „Du bist ein Langweiler heul', jagte sie, „hör nur, wie die Menschen spielen!" Es war jetzt, als [ei der Krug ganz nahe und die Musik dicht vor seinen Ohren. „Raschen rascher", verlangte das Ding und wirbelte den Gast, daß ihm schier bei Atem ausgehen wollte. Auf einmal brach die Musik ab, der Mann hielt schnaufend mit Drehen ein, ihm war so wunderlich wie verliebt zu Sinn, er überlegte schon, ob er sich nicht zu erkennen geben sollte. Am liebsten hätte er die junge Dirn in den Krug gebracht und wer weiß wie lange mit ihr getanzt. An den Freund, det zu Haus auf ihn wartete, dachte er nicht mehl. Gerade da setzte die Flöte wieder ein und gleich danach die Kniegeigen und auch die hohe Fiedel. „Komm", sagte er, „wir wollen laufe» und dabei sein." „Hier sollst du tanzen", drängte die Wasserfrau, „drüben hältst du» mit der anderen!" Dabei riß sie ihm den großen Hut ab er hindert- sie wohl. Im Augenblick aber, wo sie fein Gesicht jetzt nahe hatte, erschrak sie doch. „Wie siehst du nur aus?" fragte sie, und: „Wer bist du", schrie sie. Dann, ehe er ein Wort erklären konnte, fühlte ber Tänzer einen Stoß, daß ihm Hören und Sehen verging. Er wollte sich wehren, griff nach dem Hut und versuchte, die gram festzuhalten. Aber die hatte ihn umklammert und zog ihn geradeswegs zum Brückenrand. „Wer hat das gewagt", hörte er, sah das Wasser des Baches und hatte auf einmal eine elende Angst, daß er darin ertrinken wurde. Da riß er sich mit einem Ruck frei und tat fieber Sprünge zurück, bis in die Nähe eines Kartoffelfeuers das glüht« eben aus.' Dorthin konnte die Frau ihm nicht folgen; sie blieb noch eine Weil« wie em Nebel auf der Straße, bann sank sie über bas Geländer itt den Bach; das Wasser gluckste, als sei ein großer Hecht hochgesprungen. Der Mann erzächlt aber, das Tanzen wäre so schön gewesen, er tourb 5 gern noch einmal wagen. Als er abends spät bei feinem Freund' afj und dem alles zu erklären suchte, meinte er auch, es sei doch absonderlich, wie man ihn für einen Wassermann hätte ansehen können- , A bevn Hut. den er in der Hand behalten hatte, nodi einmal oussetzte,' lachte der Wirt aus vollem Hals. Denn der andere war geroifk etn gelernter ßerr, aber es konnte schon angehen, daß man ihn und- auch sonst diesen oder jenen von den Menschen mit dem Herrn aus dem: Teichgrund verwechselte. So wie es dem schönen Fräulein zugestoßen war- Der Hut verschwand über Nacht, niemand kann sich erklären, wie er aus dem Haus gekommen ist. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Vrhhlfche UniverfitätSdruckerei «.Lange, Gießen.