GiehenerZamilienbMer | Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zugang 1959 Nummer 2^ Zreitag, den 1\. Marz fie freundlich zustimme. liebe Lene, du bist auch sür Arbeit und Ordnüng und siehst chst es mir nicht schwer... aber schwer ist es doch ... für ,Ja, meine es ein und machst , dm so. ihm I«1 slzeit einzunehmen. Die Frauen, die das Essen georaojt g»" , Plaudernd daneben, einige mit einem Säugling auf dem Arm, er >2 '1 rang« entet । iehrid) t ; er (ili ge * 1 5 «te-1 Ute., J lle», Ortungen Wirrungen Roman von Theodor Montane 8. Fortsetzung. ir igil ir..* miW' ! finf» lUnblH ugn |n i ntfemii Eih« , tta ein verschwiegenes Glück, ein Glück, für das ich früher oder fpäter, »sjdes ihr ersparten Affronts willen, die stille Gutheißung der Gesellschaft Mmtete. So war mein Traum, so gingen meine Hoffnungen und Ge- dNen. Und nun soll ich heraus aus diesem Glück und soll ein anderes ein- ‘tbtijen, das Mir keins ist. Ich hab eine Gleichgültigkeit gegen den Salon unlieinen Widerwillen gegen alles Unwahre, Geschraubte, Zurechtgcmachte, •C&ii, Tournüre, savoir«faire, — mir alles ebenso häßliche wie sremde dich und mich." Er fetzte sein Pferd wieder in Trab und hielt sich noch eine Strecke hart an der Spree hin. Dann aber bog er, an den in der Mittagsstille daliegenden Zelten vorüber, in einen Reitweg ein, der ihn bis an den Wränget- brunnen und gleich danach bis vor seine Tür führte. Fünfzehntes Kapitel. Botho wollte sofort zu Lene hinaus, und als er fühlte, daß er dazu keine Kraft habe, wollte er wenigstens schreiben. Aber auch das ging nicht. „Ich kann es nicht, heute nicht." Unb so ließ er den Tag vergehen und wartete bis zum andern Morgen. Da schrieb er denn in aller Kürze. „Liebe Lene! Nun kommt es doch so, wie Du mir vorgestern gesagt: Abschied. Und Abschied auf immer. Ich hatte Briefe von Haus, d'e mich zwingen; es muß sein, und weil es sein muß, so sei es schnell.. . Ach, ich wollte, diese Tage lägen hinter uns. Ich !age. Dir weiter nichts, auch nicht, wie mir ums Herz ist... Es war eine kurze schöne Zeit, und ich werde nichts, davon vergessen. Gegen neun hin ich bei Dir, nicht früher, denn es darf nicht lange dauern. Auf Wiedersehen, nur noch einmal auf Wieder- fehen. Dein B. v. R." Und nun kam er. Lene stand am Gitter und empfing ihn tote sonst; nicht der kleinste Zug von Vorwurf oder auch nur von schmerzlicher Entsagung lag in ihrem Gesicht. Sie nahm seinen Arm, und so gingen sie den Vorgartensteig hinauf. . „Es ist recht, daß du kommst... Ich freue mich, daß du da btst. Und du mußt dich auch freuen." c iz Unter diesen Worten hatten sie das Haus erretcht, und Botho machte Miene, wie gewöhnlich vom Flur her in das große Vorderzimmer ein» zutreten. Aber Lene zog ihn weiter fort und sagte: „Nein, Frau Dörr ist drin .;. " „Und ist uns noch bös?" ' . , 6 Das nicht. Ich habe sie beruhigt. Aber, was sollen wir heut mit ihr? Komm, es ist ein so schöner Abend, und wir wollen allem lern.“ Er war einverstanden, und so gingen sie denn den Flur hinunter und über den Hos auf den Garten zu. Sultan regte sich nicht und blinzelte nur beiden nach, als sie den großen Mittelsteig hinauf und dann auf dre zwischen den Himbeerbüschen stehende Bank zu schritten. Als sie hier ankamen, setzten sie sich. Es war still; nur vom Felde her hörte man ein Gezirp, und der Mond stand über ihnen. Sie lehnte sich an ihn und sagte ruhig und herzlich: „Und das ist nun also das letztemal, daß ich deine Hand in meiner halte?" „Ja, Lene. Kannst du mir verzeihn?" „Wie du nur immer frägst. Was soll ich drr verzeihn? „Daß ich deinem Herzen wehe tue." „Ja, weh tut es. Das ist wahr." , . ■ Unb nun schwieg sie wieder und sah hinauf auf die blaß am Himmel herausziehenden Sterne. „Woran denkst du, Lene?" . „Wie schön es wäre, dort oben zu sein. "Sprich nicht so. Du darfst dir das Leben nicht wegwunschen; von solchem Wunsch ist nur noch ein Schritt..." _ Sie lächelte. „Nein, das nicht. Ich bin nicht wie das Mädchen, das an den Ziehbrunnen lief und sich hineinstürzte, weil ihr Liebhaber mit einer andern tanzte. Weißt du noch, wie du mir davon erzähltest? „Aber, was soll es dann? Du bist doch nicht so, daß du so was sagst, 9tein ich hab es^auch ernsthaft gemeint. Und wirklich (und sie wies hinauf), ich wäre gerne da. Da hätt ich Ruh. Aber ich kann es abwarten. Und nun komm und laß uns ins Feld gehen. Ich habe kein Tuch mit heraus- genoinmen und find es kalt hier im Stillsitzen." . ,. Und so gingen sie denn denselben Feldweg hinaiif, der sie damals bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf geführt hatte. Der Turm war deutlich fichtbar unter dem sternenklaren Himmel, und nur über den Wiesengrund zog ein dünner Nebelschleier. . Weißt du noch", sagte Botho, „wie wir mit Frau Dorr hier gingen? Sie nickte. „Deshalb hab ich dir's vorgeschlagen; mich fror gar nicht oder doch kaum. Ach, es war ein so schöner Tag damals, und so heiter und glücklich bin ich nie gewesen, nicht vorher und nicht nachher. Noch m diesem Augenblicke lacht mir das Herz, wenn ich daran zurück denke, tote wir gingen unb sangen: ,Denkst bu daran.' Ja, Erinnerung ist viel, ist alles. Und bte hab ich nun und bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden. Und ich fühle ordentlich, wie mir dibei leicht zumttte wird." Er umarmte sie. „Du bist so gut.“ viel und mitunter alles. Und nun frag ich mich: War mein Leben in der ,Ordnung'? Nein. Ordnung ist Ehe." So sprach er noch eine Weile vor sich hin, und dann sah er wieder Lene vor sich stehen, aber in ihrem Auge lag nichts von Vorwurf und Anklage, sondern es war umgekehrt, als ob dm iii (Sh ter." ad), Im Hier bog das Pferd, das er schon seit einer Viertelstunde kaum noch lieber te Bügel hatte, wie von selbst in einen Seitenweg ein, der zunächst auf ein ; UnbS T<3tif Ackerland und gleich dahinter auf einen von Unterholz und ein paar uir. ’ffiiaen eingefaßten Grasplatz führte. Hier, im Schatten eines der älteren ga Stinte, stand ein kurzes, gedrungenes Steinkreuz, und als er näher heran- : oft nm zu sehen, was es mit diesem Kreuz eigentlich sei, las er: „Ludwig rn «inckeldey gesr. 10. März 1856." Wie das ihn traf! Er wußte, daß e du. Kreuz hier herum stehe, war aber nie bis an diese Stelle gekommen 0,nt:l W| sah es nun als ein Zeichen an, daß das seinem eigenen Willen über» :*fn»e Pferd ihn gerade hierher geführt hatte. ‘ Hinckeldey! Das war nun an die zwanzig Jahr, daß der damals llll- ;nötige zu Tode kam, und alles, was bei der Nachricht davon tn seinem .... . i Nanhause gesprochen worden war, das stand fetzt wieder lebhaft vor seiner • ,.T feile. Vor allem eine Geschichte tarn ihm wieder in Erinnerung. Gitter Ml bürgerlichen, seinem Ches besonders vertranten Räte übrigens hatte , ;4 ütunrnt und abgemahnt und das Duell überhaupt, und nun gar em solches •! ’ t- ni unter solchen Umständen, als einen Unsinn und ein Verbrechen be- I j::inct. Aber der sich bei dieser Gelegenheit plötzlich auf den Edelmann ®;rr:A Kuusspielende Vorgesetzte hatte brüsk und hochmütig geantwortet: u'jüaner, davon verstehen Sie nichts." Und eine Stunde später^war er ’li.len Tod aeaanaen. Und warum? Eit Ipien Tod gegangen. Und warum? Einer Adelsvorstellung, einer Standes- J utTOtte zuliebe, die mächtiger war als alle Vernunft, auch mächtiger als ^«Gesetz, dessen Hüter und Schützer zu sein er recht eigentlich die Pflicht »?. „Lehrreich. Und was habe ich speziell daraus zu lernen? Was predigt 1; Denkmal mir? Jedenfalls das eine, daß das Herkommen unser Tun Mtmmt. Wer ihm gehorcht, kann zligrunde gehn, aber er geht bester »MMiide als der, der ihm widerspricht." t . »fr i Während er noch so saun, warf er sein Pferd herum und ritt guerfeldeln liebtr. tjaein großes Etablissement, ein Walzwerk ober eine Maschinenwerkstatt, a-. - M -raus aus zahlreichen Essen Qualm, und Feuersäulen tn die Lust stiegen. ; war Mittag, und ein Teil der Arbeiter saß draußen tm Schatten um r i'-, dl Mahlzeit einzunehmen. Die Frauen, die das Essen gebracht hatten, '’n t1' ’en plaudernd daneben, einige mit einem Säugling aus dem .Itm, iNl (achten sich untereinander an, wenn ein schelmisches oder muugluhes |8pHt gesprochen wurdtz. Rieuäcker, der sich den Sinn für das Natürliche Wtmur zu gutem Rechte zugeschrieben, war entzückt von dem Bilde, da. lhlhm bot, und mit einem Anfluge von Neid sah er auf die Gruppe gliick- S« Menschen. „Arbeit und täglich Brot und Ordnung. Wenn unsre mar- M:n Leute sich verheiraten, jo reden sie nicht von Leidenschaft und Liebe, Wiegen nur: ,Jch muß doch meine Ordnung haben.' Und das ijl ein schöner Ä! im Leben unsres Volks und nicht einmal prosaisch. Denn Ordnung ist Kanonenschüsse, die vom Tegeler Schießplatz herüberklangen, unter» oute fjrljen hier sein Selbstgespräch, und erst als er das momentan linruhig -1'-. '(wjorbene Pferd wieder beruhigt hatte, nahm er den früheren Gedanken- m£. wieder auf und wiederholte: „Weil ich sie liebe! Ja. Und warum Dith'^ Ivliich mich dieser Neigung schämen? Das Gefühl ist souverän, und die , T„ache, daß man liebt, ist auch das Recht dazu, möge die Welt noch so A‘rl jel den Kopf darüber fchüttelu ober von Rätsel sprechen. Uebrigens ist Cj -in Rätsel, unb wenn doch, so kann ich es lösen. Jeder Mensch ist seiner ... gi(nt nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, v , distlrotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes .t,“ B uten. Und dies Beste heißt mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit, alles hat Lene; damit hat sie mir's angetan, da liegt der Zaliber, «Idem mich zu lösen mir jetzt so schwer fällt." Zn diesem Augenblicke stutzte fein Pferd, und er wurde emes aus einem m'fMstenstreisen aufgescheuchten Hasen geivahr, der dicht vor ihm auf die ZuMsernheide zu jagte. Neugierig fah er ihm uach unb nahm seine Bekrach- tu ,en erst wieder auf, als der Flüchtige zwischen den Stämmen der Heide wich tonn den war. „Und war es denn", fuhr er fort, „etwas so Törichtes unb £n «mögliches, was ich wollte? Nein. Es liegt nicht in mir, bie Welt heraus- Wlndern unb ihr unb ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären; “ ■ Ui Hin durchaus gegen solche Donquichotterien. Alles, was ich wollte, W Mir ein verschwiegenes Glück, ein tÄ- "r «k». Lene aber fuhr in ihrem ruhigen Tone fort: „Und daß mir fo leicht ums Herz ist, das will ich nicht vorübergehen lassen und will dir alles sagen. Eigentlich ist es das Alte, was ich dir immer schon gesagt habe, noch vorgestern, als wir draußen auf der halb gescheiterten Partie waren, und dann nachher, als wir uns trennten. Ich hab es so kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was muß. Wenn man schön geträumt hat, so muß man Gott dafür danken und darf nicht klagen, daß der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergißt sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch." „Glaubst du's? Und wenn nicht, was dann?" „Dann lebt man ohne Glück." „Ach, Lene, du sagst das so hin, als ob Glück nichts wäre. Aber es ist was, und das quält mich eben, und ist mir doch, als ob ich dir ein Unrecht getan hätte." „Davon sprech ich dich frei. Du hast mir kein Unrecht getan, hast mich nicht auf Irrwege geführt und hast mir nichts versprochen. Alles war mein freier Entschluß. Ich habe dich von Herzen liebgehabt, das war mein Schicksal, und wenn es eine Schuld war, so war es meine Schuld. Und noch dazu eine Schuld, deren ich mich, ich muß es dir immer wieder sagen, von ganzer Seele freue, denn sie war mein Glück. Wenn ich nun dafür zahlen muß, so zahle ich gern. Du hast nicht gekränkt, nicht verletzt, nicht beleidigt, oder doch höchstens das, was die Menschen Anstand nennen und gute Sitte. Soll ich mich darum grämen? Nein. Es rückt sich alles wieder zurecht, auch das. Und nun komm und laß uns umkehren. Sieh nur, wie die Nebel steigen; ich denke, Frau Dörr ist nun fort, und wir treffen die gute Alte allein. Sie weiß von allem und hat den ganzen Tag über immer nur ein und dasselbe gesagt." „Und was?" „Daß es so gut sei." Frau Nimptsch war wirklich allein, als Botho und Lene bei ihr eintraten. Alles war still und dämmerig, und nur das Herdfeuer warf einen Lichtschein über die breiten Schatten, die sich schräg durch das Zimmer zogen. Der Stieglitz schlief schon lange in seinem Bauer, und man hörte nichts als dann und wann das Zischen des überkochenden Wassers. „Guten Abend, Mütterchen!" sagte Botho. Die Alte gab den Gruß zurück und wollte von ihrer Fußbank aufstehen, um den großen Lehnstuhl heranzurücken. Aber Botho litt es nicht und sagte: „Nein, Mütterchen, ich setze mich aus meinen alten Platz." Und dabei schob er den Schemel ans Feuer. Eine kleine Pause trat ein; alsbald aber begann er wieder: „Ich komme heut, um Abschied zu nehmen und Ihnen für alles Liebe und Gute zu danken, das ich hier so lange gehabt habe. Ja, Mütterchen, so recht von Herzen. Ich bin hier so gern gewesen und fo glücklich. Aber nun muß ich fort, und alles, was ich noch sagen kann, ist bloß bas: es ist doch wohl das beste so." Die Alte schwieg und nickte zustimmend. „Aber ich bin nicht aus der Welt", fuhr Botho fort, „und ich werde Sie nicht vergessen, Mütterchen. Und nun geben Sie mir die Hand. So. Und nun gute Nacht!" Hiernach stand er schnell auf und fchritt auf die Tür zu, während Lene sich an ihn hing. So gingen sie bis an das Gartengitter, ohne daß weiter ein Wort gesprochen wäre. Dann aber sagte sie: „Nun kurz, Botho! Meine Kräfte reichen nicht mehr; es war doch zuviel, diese zwei Tage. Lebe wohl, mein Einziger, und sei so glücklich, wie du's verdienst, und so glücklich, wie du mich gemacht hast. Dann bist du glücklich. Und von dem andern rede nicht mehr, es ist der Rede nicht wert. So, so." Und sie gab ihm einen Kuß und noch einen und schloß dann das Gitter. Als er an der andern Seite der Straße stand, schien er, als er Lenens ansichtig wurde, noch einmal umkehren und Wort und Kuß mit ihr tauschen zu wollen. Aber sie wehrte heftig mit der Hand. Und so ging er denn weiter die Straße hinab, während sie, den Kopf auf den Arm und den Arm auf den Gitterpsosten gestützt, ihm mit großem Auge nachsah. So stand sie noch lange, bis sein Schritt in der nächtlichen Stille verhallt war. Sechzehntes Kapitel. Mitte September hatte die Verheiratung auf dem Sellenthinschen Gute Rothenmoor stattgefunden; Onkel Osten, sonst kein Redner, hatte das Brautpaar in dem zweifellos längsten Toaste seines Lebens leben lassen, und am Tage darauf hatte die Kreuzzeitung unter ihren sonstigen Familienanzeigen auch die folgende gebracht: „Ihre am gestrigen Tage stattgehabte eheliche Verbindung zeigen hierdurch ergebenst an Botho Freiherr von Rienäcker, Premierleutnant im Kaiser-Kürassier-Regiment; Käthe Freifrau von Rienäcker geb. von Sellenthin." Die Kreuzzeitung war begreiflicherweise nicht das Blatt, das in die Dörrsche Gärtnerwohnung samt ihren Depcndenzien kam, aber schon am andern Morgen traf ein an Fräulein Magdalene Nimptsch adressierter Brief ein, in dem nichts lag als der Zeitungsausschnitt mit der Vermählungsanzeige. Lene fuhr zusammen, sammelte sich aber rascher, als der Absender, aller Wahrscheinlichkeit nach eine neidische Kollegin, erwartet haben mochte. Daß es von solcher Seite her kam, war schon aus dem beigefügten „Hochwohlgeboren" zu schließen. Aber gerade dieser Extraschabernack, der den schmerzhaften Stich verdoppeln sollte, kam Lenen zustatten und verminderte das bittere Gefühl, das ihr diese Nachricht sonst wohl verursacht »hätte. Botho und Käthe von Rienäcker waren noch am Hochzeitstage selbst nach Dresden hin aufgebrochen, nachdem beide der Verlockung einer neu- märkischen Betternreise glücklich widerstanden hatten. Und wahrlich, sie hatten nicht Ursache, ihre Wahl zu bereuen, am wenigsten Botho, der sich jeden Tag nicht nur zu dem Dresdener Aufenthalte, sondern vielmehr noch zu dem Besitze seiner jungen Frau beglückwünschte, die Kaprizen und üble Laune gar nicht zu kennen schien. Wirklich, sie lachte den ganzen Tag über, und so leuchtend und hellblond sie war, so war auch ihr Wesen. An allem ergötzte sie sich, und allem gewann sie die heitre Seite ab. In dem von ihnen bewohnten Hotel war ein Kellner mit einem Toupet, das einem eben umkippenden Wcllenkamme glich, und dieser Kellner samt seiner Frisur war ihre tagtägliche Freude, so sehr, daß sie, wiewohl fönst ohne besonderen Esprit, sich in Bildern und Vergleichen gar nicht genug tun konnte. Botho freute sich mit und lachte herzlich, bis sich mit einem Male doch etwas von Bedenken und selbst von Unbehagen in sein Lachen einzumischen begann. Er nahm nämlich wahr, daß sie, was auch geschehen oder ihr zu Gesicht kommen mochte, lediglich am Kleinen und Komischen hing, und als beide nach etwa vierzehntägigem glücklichen Aufenthalt ihre Heimreise nach Berlin antraten, ereignete sich's, daß ein kurzes, gleich zu Beginn der Fahrt geführtes Gespräch ihm über diese Charakterseite seiner Frau volle Gewißheit gab. Sie hatten ein Coups für sich, und als sie, von der Elbbrücke her, noch einmal zurückblickten, um nach Altstadt-Dresden und der Kuppel der Frauenkirche hinüberzugrüßen, sagte Botho, während er ihre Hand nahm: „Und nun sage mir, Käthe, was war eigentlich bc8 Hübscheste hier in Dresden?" „Rate!" „Ja, das ist schwer, denn du hast fo deinen eigenen Geschmack, und mit Kirchengesang und Holbeinscher Madonna darf ich dir gar nicht kommen ..." „Nein. Da hast du recht. Und ich will meinen gestrengen Herrn auch nicht lange warten und sich quälen lassen. Es war dreierlei, was mich ent» zückte: voran die Konditorei am Altmarkt und der Schesfelgasscn-Ecke mit den wundervollen Pastetchen und dem Likör. Da so zu fitzen..." „Aber, Käthe, man konnte ja gar nicht sitzen, man konnte kaum stehn, und war eigentlich, als ob man sich jeden Bissen erobern müsse." „Das war es eben. Eben deshalb, mein Bester. Alle?, was man sich erobern muß..." Und sie wandte sich ab und spielte neckisch die Schmollende, bis er ihi einen herzlichen Kuß gab. „Ich sehe", lachte sie, „du bist schließlich eiitverstanden, und zur Belohnung höre nun auch das Zweite und Dritte. Mein Zweites war bat Sommerthcater draußen, wo wir Monsieur Herkules' sahn und Knaol den Tannhäusermarfch auf einem klapprigen alten Whisttifch trommelt«, So was Komisches hab ich all mein Lebtag nicht gesehn und du wahn scheinlich auch nicht. Es war wirklich zu komisch... Und das Dritte... Nun, das Dritte, das war ,Bacchus auf dem Ziegenbock' im Grünen Gewölbe und der sich ,kratzende Hund' von Peter Vischer." „Ich dachte mir so was, und wenn/)nkel Osten davon hört, bann wird er dir recht geben und dich noch lieber haben als sonst und mir noch öslei wiederholen: Ich sage dir, Botho, die Käthe..." „Soll er's nicht?" „O gewiß soll er." Und damit brach auf Minuten hin ihr Gespräch ab, das in Bothos Seele, so zärtlich und liebevoll er zu der jungen Frau hinübersah, doch einigermaßen ängstlich Nachklang. Die junge Frau selbst indes hatte feine Ahnung voll dem, was in ihres Gatten Seele vorging, und sagte um: „Ich bin müde, Botho. Die vielen Bilder. Es kommt doch nach... Aber (der Zug hielt eben) was ist denn das für ein Lärm und Getreibe da draußen? „Das ist ein Dresdener Vergnügungsort, ich glaube, Kötzfchenbroda.' „Kötzscheubroda? Zu komisch." Und während der Zug weiterdampfte, streckte fie sich aus und schlaj anscheinend die Augen. Aber sie schlief nicht und sah zwischen den Wimper« hin nach dem geliebten Manne hinüber. In der damals noch einreihigen Landgrascnstraße hatte Käthes Mami mittlerweile die Wohnung eingerichtet, und als zu Beginn des Oktobers das junge Paar in Berlin wieder eintraf, war es entzückt von dem Komfort, den es vorfand. In den beiden Frontzimmern, die jedes einen Samin hatten, war geheizt, aber Tür und Fenster standen auf, denn es war eine milde Herbstlust, und das Feuer brannte nur des Anblicks und des Lustzuges halber. Das Schönste aber war der große Balkon mit feinem weit herunterfallenden Zeltdach, unter dem hinweg man in gerader Richtung ins Freie sah, erst über das Birkenwäldchen und den Zoologischen Garten fort und dahinter bis an die Nordspitze des Grünewalds. Käthe freute sich unter Händeklatschen dieser prächtig freien Aussicht, umarmte die Mama, küßte Botho und wies dann plötzlich nach links hin, wo zwischen vereinzelten Pappeln und Weiden ein Schindelturm sichtbar wurde. „Sieh, Botho, wie komisch. Er ist ja wie dreimal eingeknickt. Uiü das Dorf daneben. Wie heißt es?" „Ich glaube, Wilmersdorf", stotterte Botho. \ „Nun gut, Wilmersdorf. Aber was heißt das: sich glaube'. Du wirs! doch roiffen, wie die Dörfer hier herum heißen. Sieh nur, Mama, macht et nicht ein Gesicht, als ob er uns ein Staatsgeheimnis verraten hätte? Nicht- komifcher als diese Männer." Und damit verließ man den Balkon wieder, um in dem dahinter gelegenen Zimmer das erste Mittagsmahl en famille einzunehmen: nur bi« Mama, das junge Paar und Serge, der als einziger Gast geladen war Rienäckers Wohnung lag keine tausend Schritt von dem Haufe bet Frau Nimptsch. Aber Lene wußte nichts davon und nahm ihren Weg oft durch die Landgrafenstraße, was sie vermieden haben mürbe, wenn st« von dieser Nachbarschaft auch nur eine Ahnung gehabt hätte. Doch es könnt ihr nicht lange ein Geheimnis bleiben. Es ging schon in die dritte Oktoberwoche, trotzdem war es noch wi« im Sommer, und die Sonne schien fo warm, daß man den schärfere Luftton kaum empfand. „Ich muh heute in die Stadt, Mutter", sagte Lene. „Goldstein hat mb geschrieben. Er will mit mir über ein Muster sprechen, bas in die Wasch« der waldeckschen Prinzessin eingestickt werden soll. Und wenn ich erst in der Stadt bin, will ich auch die Frau Demuth in der Alten Jakobstraße besuchen. Man kommt sonst ganz von aller Menschheit los. Ab«k um Mittag bin ich wieder hier. Ich werd es Frau Dörr sagen, daß st« nach dir sieht." (Fortsetzung folgt.) K, N OlJ e,,uß tim 'em A,,, 'chen (lr, IlchklW «01111(4,a Hielt gleiche n!-I»i "i'Mwi Mählch ntlich ta| 7 und t:| \ men ...'•» «rm oiiji mich «.k, v@deit|| um (ich, i I man G | bis end! I ) zur h.H > war tel nd te! rotnimlit, [• du ■ Dritte, ,,! tinen 6» f bann mii , noch ist \ in 8* rfah, Iti jatte teil jagte» 1 bwuj»’ ^enbroba1 und Oi , WiM des dem *•* ten «* =, wat ch beb 8» inem * t E ien n ÄuO I linls tf nnE fnifr11. iw y >'V fit, Du I* a, rtE tte?* ahin'-'k labe« $aiil< ■' ,n»k ’ tot# Vorfrühling. Von Paul 5) e g f e. Stürme brausten über Nacht Und die kahlen Wipfel troffen. Frühe war mein Herz erwacht, Schüchtern zwischen Furcht und Hassen. Horch, ein traut geschwätz'ger Ton Dringt zu mir vom Wald hernieder. Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder? Dort am Weg der weihe Streif — Zweifelnd frag' ich mein Gemiite: Jst's ein später Winterreif, Oder erste Schlehenblüte? Oie Schollenfahrt der „Hansa^-Männer. Von Hans Ernst. Siebzig Jahre sind es nun bald her seit dem Tage, der für Bremerhaven denkwürdig war. Alle Schiffe im Hafen hatten ihren reichsten Flaggenschmuck angelegt, König Wilhelm von Preußen war in Begleitung des Grafen Bismarck nach Bremerhaven gekommen, Tausende und aber Tausende von Schaulustigen umsäumten die Ufer, sie alle wollten dabei sein, wenn eine mutige Schar von Männern auszog, im höchsten Norden unserer Weltkugel Entdeckungen zu machen. Unter dem Oberbefehl des Kapitäns Koldew ey feilte" an diesem Tage die zweite deutsche Nordpolexpedition ihre Fahrt in die Heimat des ewigen Eises antreten. Der König ließ sich die Offiziere und Gelehrten vorstellen, die an der Expedition teilnahmen, auch mit den Mannschaften unterhielt er sich längere Zeit, ehe die beiden Schiffe, die „Germania" und die „Hansa", die Anker lichteten und unter dem Beifall und den Abschiedsrufen der Menge, von zwei Dampfern geschleppt, der Nordsee zueilten. Die Expedition stand von Anfang an unter keinem günstigen Stern. Während die „Germania", die mit einer Dampfmaschine ausgerüstet war, ohne Schwierigkeiten die Kante des Grönlandeises erreichte, hatte die „Hansa", ein Segelschiff, sehr mit widrigen Winden zu kämpfen. Trotzdem traf auch sie, etwa einen Monat nach der Abreise an dem vereinbarten Treffpunkt ein, von dem beide Schiffe versuchen sollten, durch das Eis nach Grönlands Küste vorzudringen. Das Wetter schien für das Unternehmen zunächst verhältnismäßig günstig, gemeinsam drangen beide Schiffe auch eine kurze Strecke in die Schollen ein, aber bann traten jene dichten Nebel auf, die in diesen Regionen so häufig sind, und infolge eines mißverstandenen Signals wurden die Schiffe voneinander getrennt. Als die Sicht wieder besser wurde, suchten die Männer der „Hansa" vergeblich den Horizont ab. Von der „Germania", dem Fllhrerschiff, war keine Spur mehr zu entdecken. Nie wieder sind die beiden Schiffe zusammengetroffen. Für die „Hansa" begann ein verzweifelter Kamps mit dem Eise. Am 24. August kam man der Küste ziemlich nahe, deutlich lagen Grönlands Berge vor den Nordpolfahrern. Da trat ein tückischer Sturm auf, der alle Hoffnungen zuschanden machte und das Schiff weit zurück ins Eis trieb. Die nächsten Tage brachten starken Frost. Immer dichter schloffen sich die Eisschollen um "das Schiff zusammen, und gegen Mitte September 1869 war die „Hansa" vollständig eingefroren. Gegen die Macht der (Elemente mußte sich jede Anstrengung der Menschen wirkungslos zeigen. Die „Hansa" hatte höheren Gewalten zu gehorchen. Wind und Strömung trieben das Schiff immer weiter von feinem Ziele ab, nach.Süden. Mit Umsicht und Energie begannen die 14 Männer der „Hansa" ihre Vorbereitungen für die Eisfahrt ins Unbekannte zu treffen. Es war sehr wohl möglich, daß die „Hansa" den Eispressungen widerstand und im nächsten Frühjahr freitauen konnte. Wahrscheinlicher aber war, daß das Schiff zwischen den Schollen zerquetscht und unbrauchbar wurde. Danach richteten sich die Maßnahmen der Besatzung. Mit vieler Mühe schafften die Männer sämtliche Kohlenvorräte auf bas Eis, die die „Hansa" für die „Germania" an Bord hatte. Aus ihnen wurde unter dem Toben des Sturmes ein Haus errichtet, groß genug, um alle 14 Mann zu beherbergen. Als Mörtel diente Schnee, den man mit Wasser vermischte, und der sofort zu Eis gefror. Das Dach wurde aus Stangen und Vettern errichtet, die mit Segel überdeckt wurden. Für einen schützenden Schneemantel sorgte der Himmel selbst. Neben dem Hause lagen die drei Boote der „Hansa", die man „Hoffnung", „Bismarck" und „König Wilhelm" getauft hatte. An Lebensmitteln, Kleidern und den notwendigsten Instrumenten fehlte es im Kohlenhause nicht. Die „Hansa"- Männer waren so für den schlimmsten Fall vorbereitet. Trotzdem sollten noch vier Wochen vergehen, ehe das Kohlenhaus als Obdach benutzt werden mußte. Cs war ein Monat voll banger Erwartungen. Immer unruhiger wurde bas Cis, immer heftiger der Sturm aus Norden. Mächtige Eis- maffen drückten das Schiff so stark zusammen, daß die Decknähte sprangen wnd die Planken sich bogen. Das Schiff bebte und stöhnte wie ein Tier, i>as sich gegen eine drohende Gefahr sträubt und wehrt. Am 18. Oktober wurde das Schiff leck. Obwohl alle 14 Mann die Pumpen bedienten, stieg Idas Wasser im Schiff immer mehr. Die Pumpen konnten nur dadurch vor dem Einfrieren geschützt werden, daß sie unaufhaltsam in Bewegung stieben. Die Aussicht, das Schiss zu retten, fchwand an diesem Tage völlig. Mit unsäglicher Mühe wurde bei einer Temperatur von — 20 (9rab Der restliche Proviant auf das Eis aeschleppt und so viel Holz und Kohlen geborgen, als nur möglich war. Malt und Taue wurden als Brennmaterial Serettet, ebenso die Bretter der Deckaufbauten. Am 19. Oktober früh versank die „Hansa" spurlos zwischen den Schollen. 127 Tage hatte die Besatzung ihr stolzes Schiss unter den Fußen gehabt, 200 Tage sollte sie nun auf einer schwanken, treibenden Eisscholle verbringen, ehe sie in ihren Booten ihr Eisfeld "uerlieg und gerettet werden tonnte. Das Eisfeld, auf dem die „Hanfa"-Männer einer ungewißen Zukunft entgegentrieben, war etwa 15 Meter dick, von denen nur 1% Meter über das Wasser emporragten, und maß etwa 7 Seemeilen im Umfang. Trotz dieser Starte und Größe blieb es ein äußerst gebrechliches Fahrzeug, das bei dem Toben des Sturmes leicht zersplittern konnte. Die drei Boote wurden deshalb six und fertig ausgerüstet, um jeden Augenblick, wenn das Eisfeld zerbarst, die Schiffbrüchigen ausnehmen zu können. Man belud sie mit den notwendigsten Lebensrnitteln und machte sie fegeifertig. Die nächste Sorge war dem „Hansa"-Hause gewidmet. Aus den Kajüten waren allerhand Gegenstände gerettet worden, die nun im Hause ihren Platz fanden. Segel und Decken bildeten Tapeten, an denen Karten, Spiegel und Instrumente als Zierat hingen. Für Wärme sorgte der Kochherd und ein Ofen; Pritschen ersetzten Stuhl und Sofa. Der Raum war trotz seiner 7 X 4,50 Meter sehr beengt, und wenn alle 14 Schiffbrüchigen versammelt waren, war bas Haus völlig vollgestopft. Fern von allen Menschen, fern von jeder Rettung, trieb die Scholle längs der Küste Grönlands südwärts. Bei klarem Wetter waren die Berge Grönlands deutlich zu sehen, und vielleicht hätten die Schissbrüchigen auch bas Festland, über die Schollen springend, erreichen können, aber die Männer wären wahrscheinlich dort dem sicheren Tode ausgeliesert gewesen, denn unmöglich war es, sämtliche Lebensrnittel an Land zu bringen sowie die Geräte. So bot die Fahrt auf dem Eisfeld zunächst die größten Aussichten, gerettet zu werden. Nachtdienst und Verteilung der Arbeit wurden wie auf dem Schiss beibehalten. Nur zuweilen bot die Jagd eine Abwechslung. Neben Seehunden, Eisfüchsen und einem Walroß wurden auch Eisbären erlegt, die frisches Fleisch für die Kochtöpfe und Decken für die erstarrten Glieder lieferten. War bis zum Weihnachtsfest das Wetter einigermaßen ruhig geblieben, so änderte sich die Wetterlage mit dem Eintritt in das neue Jahr völlig. Riesige Schneemassen trieben über die Scholle und begruben das Haus vollkommen. Nur mühsam hielten die „Hansa"-Männer einen engen Gang ins Freie offen. Bei dem heftigen Sturm war ein Aufenthalt außerhalb des Hauses unmöglich. Lange, bange Nächte folgten aufregenden Tagen, wenn die Scholle über Grund strich und jeden Augenblick in Trümmer gehen konnte. Mit vieler Mühe hatte man Seinen zu den Booten gesteckt, um sie im Notfall finden zu können. Als schließlich die beiden Steuerleute von einem Rundgang heimkehrten und berichteten, daß ein mächtiger Teil der Scholle abgebrochen und das Eisfeld nur noch die Hälfte seines früheren Umfanges hätte, packte jeder feine wertvollste Habe und ein Stückchen Brot zusammen. Voll von Ungewißheit wartete man darauf, vielleicht im nächsten Moment zu einer schrecklichen, nutzlosen Flucht gedrängt zu werden, denn einem solchen Sturm und Wetter waren auch die Boote nicht gewachsen. Nach vier Tagen der Spannung wurde es wieder stiller. Die Schiss- brüchigen gruben sich aus und drangen ins Freie. Eine Bucht, mit wilden Bergen umsäumt, hatte die „Hansa"-Männer aufgenommen. Mächtige Eisberge hielten die Scholle gefangen, die nun auf den achten Teil ihres früheren Umfanges zufammengefchmolzen war. Die Boote waren meterhoch verschneit und lagen wie festgewachsen auf dem Eise. Es war unmöglich, Proviant und Lebensmittel an Land zu schaffen. Der Schnee- sturm, der bald wieder losbrach, ließ den Schiffbrüchigen auch keine Zeit, Betrachtungen über ihre Rettun'g anzustellen. Unter den wuchtigen Schlägen des Sturmes hob und senkte sich die Scholle, wütende Eismassen rannten einander an, Wasser gurgelte aus den Spalten hervor. Zusammengedrängt rutschten die Schiffbrüchigen zu den Booten, jeden Augenblick bereit, mitansehen zu müssen, wie die Kameraden von den tobenden Elementen verschlungen werden. Doch noch immer widerstand die Scholle der Gewalt der Natur. Schwächer und fchwächer wurde endlich die Dünung, und die schon Tod- geweihten wagten sich wieder ins Hans. Furchtbar hatte jeder in diesen drei Tagen gelitten. Jener hatte die Nase, dieser die Hände oder Füße erfroren. Völlig erschöpft, vermochte kaum einer dem andern zu helfen. Aber draußen "heulte der Sturm schon wieder weiter und trieb undurchdringliche Schneemassen vor sich her. Im Morgengrauen des nächsten Tages verliehen die Schiffbrüchigen erneut fluchtartig das Haus. Noch hatte der Letzte nicht die Tür erreicht, da barst der Boden der Hütte, die Wände schwankten und drohten zu fallen, durch die Bodenspalte drang Waffer ein. Vor dem jagenden Schnee und dem Heulen des Sturmes suchten die „Hansa"-Männer Schutz unter den Bootssegeln. So lagen sie tagelang offne allen Schutz im Schnee, hungrig, durchnäßt und fast erfroren. * Die Scholle hatte die Sturmtage noch schlechter überstanden. Nur 360 Schritte maß sie jetzt im Umfang. Von Stunde zu Stunde machte ein Mann die Runde. Flaschen, alte Kleider und Bretter hatte man als Marken ausgesteckt, um zu erfahren, wenn an einer Stelle das Feld ins Brechen käme. Schwankend trieb die Scholle aus der Bucht, der man den Namen „Schreckensbucht" gegeben hatte, hinaus in die offene See. In den nächsten Tagen wiederholten sich die furchtbaren Stürme. Zwischen mächtigen Schollen treibend, rannte das Eisfeld gegen gewaltige Eisberge an, hob und senkte sich, krachend und berstend brach ein Stuck der Scholle nach dem anderen auseinander und versetzte die „Hansa"-Männer in Angst und Schrecken. Tag und Nacht standen sie auf der Wacht, stündlich bereit, die Flucht in die Boote zu wagen und sich dem Meer anzuvertrauen. Aber noch immer war dieser Augenblick nicht gekommen Der Küste war man meistens sehr nahe. Am 7. Mai 1870 nur die Scholle bis zum 61. Grade sühwärts getrieben, im ganzen 243 Meilen, was etwa einer (Fntfernuna von Stambut nach Berlin entspricht Die Schiffbrüchigen muhten, daß die Südspitze Grönlands mit der von Deutschen geleiteten Kolonie Friedrich-thal nicht fern sein konnte. Nach kurzer Beratung beschlossen sie, in die Boote zu gehen, um rudernd das rettende Land zu erreichen. Dte Segel wurden gesetzt, und bet leidlich gutem Wetter ging es dem Festlande zu. * Nur zwei Tage sollte die Fahrt dauern, dann verhinderten undurchdringliche Eisbarrieren jedes weitere Vordringen. Man mußte sich entschließen, die Boote über das Eis zu ziehen und aufs neue auf dem Elfe zu kampieren. Kaum 500 Schritte wurden die Boote an einem Tage von der Stelle gebracht. Fast einen Monat lang leisteten die 14 Männer bei halber Ration eine unerhörte Arbeit. Am 4 Juni wurde endlich Land erreicht. Die letzten Anstrengungen hatten die „Hansa"°Männer derart mitgenommen, daß man zunächst einen Ruhetag einlegen mußte. Eine Woche lang fuhren dann die Boote längs der grönländischen Küste nach Süden. Am Ufer zeigten sich die ersten Spuren einer armseligen Vegetation, ein paar matte Rasenflecke, Moose und Flechten. Nach Tagen segelten die „Hansa"-Männer in eine weite Bucht, rote Dächer tauchten auf, und auf den Klippen standen Menschen, die gespannt und voll Aufmerksamkeit die Fahrt der drei geheimnisvollen Boote verfolgten, die aus dem Norden kamen. Die Manner der „Hansa" gingen in Friedrichsthal an Land. Die Fahrt auf einer Eisscholle, einzig in der Geschichte der Nordpolfahrten, hatte nach genau 200 Tagen ihr glückliches Ende gefunden. Brbeitstaq. Von Heinrich Lersch. Ich gehe mit der Sonne Ins stille Werk hinein, Die ruhenden Maschinen Ragen im Frührotschein. Schon zischt mit straffem Sausen Die Preßluft durch das Rohr. Nun drängen die Kollegen In Scharen durch das Tor. Mein Hammer donnert nieder, Well ich der erste bin, Stahl-Lärm und Eifen-Krachen Dröhnt durch die Halle hin. Aufwölken Schmiedefeuer, Die Räder rollen an, Es drehen die Maschinen, Im Werk wühlt Mann um Mann. Ich hämmre mit den andern In Schmiedestaub und Sck)weiß. Blut glüht in Schaffensfreude: Werk wird aus Will' und Fleiß. Mit Lohn und Brot erfüllt mich Die wohlbestandne Pflicht, Im Glanz der Mittagssonne Aufglüht mein Werk im Licht. Nach kurzer Rast mein Hammer Zu neuem Schaffen.schlägt: Mein Werk, ich will'dich tragen, Wie Gott die Erde trägt! Oer Morgen. Von Sigismund von Radeck i. Nachts, wenn die Stadt, die sich so stolz gegen die Finsternis elektrisiert hatte, dieser schließlich doch gähnend nachgibt, wenn ein Stockwerk nach dem andern dunkelgeknipst wird, wenn die Autokörperchen der Ben kehrsadern mehr und mehr ins Gerinnen kommen und das ungeheure Berstummen uns Menschenmillionen endlich in den Schlaf hypnotisiert, — dann wirfst auch du deine Kleider auf den Stuhl und sinkst in dein Bett Aus einer See von Plagen läßt du dich von der weißen Klappe des Bettungeheuers verschlingen und räkelst dich vor wohliger Dankbarkeit in seinem Leibe. Endlich, wenn auch nur für den kurzen Uebergang zum Nichtsein, bist du ganz du selbst, wie dich Gott erschaffen und liegst da wie ein Kind, das das Leben vor sich, wie ein Toter, der das Leben hinter sich hat — liegst in diesem sanften Mittelding zwischen Sarg und Mutterleib und weißt nicht, ob du den Tag überdenken oder dich leise auf die Seite legen sollst, Wange am Kissen, um geschlossenen Auges die Milch der Unbewußtheit in dich einzutrinken. War der Tag böse — das Bett ist gut, war er gut — das Bette ist besser, denn es begreift dich ganz und verzeiht darum: weiß ist es, und weiß alles von dir"— wie du im Bett empfangen und geboren wurdest, wie du im Bette sterben wirst. Schliefst du in ihm hungrig ein, du wachtest gesättigt auf. Des Tags auf deinen zwei Beinen liefst du hierhin und dorthin, blicktest hinauf, nieder oder zur Seite, machtest vielleicht allerhand Faxen, dir und anderen was vor — doch hier hängt das alles abgestreift auf dem Stuhl: nur wenn du liegst, lügst du nicht, sondern ergibst dich in dein tägliches Sterben zum täglichen Wiederaufstehen. Der tote Punkt im rollenden Rad. Und ganz, ganz alt sinkst du hinüber. Und ganz, ganz jung wachst du aus. Vielleicht noch erfüllt vom Traum. Doch wie ein Gazeschleier wird er dir sanft und schnell von den Lippen gezogen: du greisst nach ihm mit kraftlosen Säuglingshändchen und kannst gerade noch seinen letzten Zipfe! norm Verschwinden in irgendeiner Traumschubsade bewahren. Sehr zart mußt du ihn an diesem Zipfel zurückziehen, willst du den Traum wiederhaben, damit er ja nicht abreißt!... Doch laß ihn fieber. Er komm! morgen wieder. Wer wird sich in ihn ein- hüllen, jetzt, wo doch alles Sichöffnen und Zukunft ist! Laß ihn, er ist wie ein Kino, wo man auf der Straße auch nicht mehr recht weiß, was man drinnen gesehen hat. Auch wünsche ich dir keinen Wecker. Das ist der stählerne Schlafmörder, den Segen des Aufwachens in einen Fluch verwandelnd: rasend schrillt er wie zum jüngsten Tag, so daß man erst merkt, wie tot man ist, und sich trostlos zum Lichtschalter tappt... Nein, leise wie ein Augenaufschlag sei auch dein Erwachen, daß man von ihm sagen kann: siehe, ich mache alles neu.....0 flaumleichte Zeit der dunklen Frühe!" Doch wer mag sich vom holden Unbewußten gleich loslösen? Wir deehen uns auf die ander« Seite, wir wollen weiterschlafen, noch und noch. Allein aib Acht: das ist die Zeit, da sich das Schicksal deines Tages entscheidet Denn irgendein Punkt in dir bleibt trotz alledem wach, und wehrlos liegt dein junges Denken allem preisgegeben, was" du gestern mit den Kleidern ablegtest. In dieser Weile, da du geschlossenen Auges daliegst, kann der Haß über dich Gewalt gewinnen und träufelt dir behutsam das alte Gift von gestern ein; der Unmut über ein verletzendes Wort schwillt zum Zorn auf, zur Wut, zur grausig-süßen Ausmalung der Rachel Hier bist du ganz allein mit der Spottgeburt deines Gegners, dem Kopf wird heiß, hier hindert dich nichts: Einsamkeit macht Eremiten, aber auch Tollwütige. Alles Gift, das dein Körper zwar abgesondert hat, aber doch noch enthält, wird mobilisiert; die Moleküle der Bosheit kommen in Bewegung und verzerren dir die Menschheit zu einer FrcitzenweU. Und ohne daß du es ahnst, bist du selber zur Fratze deiner selbst geworden, hast die zarte Morgenkindheit in dir abgewürgt und erhebst dich ganz alt, mit geballter Faust. Griesgrämig fängt dein Tag an, und du lächerlicher Jupiter schleuderst Blitze. Darum sei diese Zeit-des Wachseins auch die der Wachsamkeit. Scheuche die Fledermäuse fort, und es wird ein guter Tag, trotz allem. Denn sonderbar: eben diese Leidenschaft, die dein Hirn in Hassesabgründe entführt hätte, sie spannt sich ebenso willig zum Besseren ein und erhebt dich. Dann liegst du rote ein nacktes Kind auf der Morgenwiese mit allen Vieren ins Blaue strampelnd wie jenes Kindlein auf Philipp Runges Bild „Der Morgen" und siehst staunend aus großen Blumen Engel wachsen, die sich umarmen... So hebt nun die Zeit für dich an. Im Schlafe und Traume fpielteft du ja bloß mit der Zeit und sie mit dir; sie ließ. dich in einer Sekunde viele Jahre durchleben, ernst war es ihr nicht damit. Jetzt aber bist du in sie hinein erwacht, und Zeit besteht aus „Eins, Zwei, Drell", aus Anfang, Mitte und Ende — allein es ist der Anfang, den sie dir nun vor allem schenkt, jener dröhnende Glockenscklag Eins!, der alles Nachtunwesen zerflattern macht. Zeit ist am schönsten, wenn sie stillsteht: „... und da entstand die Zeit — dieweil sie staunend still stand vor der Ewigkeit". Doch immerhin mußt du aufstehen. Zu Bett gehen kann jeder Narr, heißt es, aber zum Ausstehen braucht es einen ganzen Mann. Es ist kalt und dunkel, es brennt Licht. Doch dieses brennende Licht ist ein anderes als gestern nacht. Nachts war es fieberhaft, flackernd, rebellisch gegen das verhängte Dunkel und wollte mit Gewalt etwas fortsetzen, was ichon untergegangen war: die Sonne. Aber die frühe Flamme, das Feuer- zünden bei Sternenschein, das Licht nicht nach, sondern vor der Sonne ist nicht unnatürlich, sondern geistig: es ist Hoffnung. Es wartet andächtig auf das Schöpfungslicht, um vor ihm zu verlöschen. Die frühe Flamme ist dem ftühen kalten Wasser verwandt — beide sind heilige Nüchternheit. N.chts ist so heimelig als zwischen Schlafeswärme und Morgenfrösteln am Herbst uer die Sonne zu erwarten. Darum liebe ich die dunkelste Zeit des Jahres. Zum Trost für die Düsternis schenkt sie uns den großen Sonnenaufgang, den sonst verschlafenen, in den goldglänzenden Morgenkaffee, und du kannst das Wim- pernaufschlagen des Sonnenauges, das dich wirklich ansieht, sozusaaen gratis genießen. Morgenstunde hat jetzt Richt nur, weil man gähnt, Gold im Munde. Und merkwürdig ist, daß auch an trübsten Tagen dieses erste Durchflammtwerden des Himmels fast stets sichtbar wird. Wunderbar ist so ein Großstadtmorgen. Nicht der in den Häusern, wo die Wecker die finsteren Etagen durchrasseln, sondern der draußen. Geisterhaft bescheint noch eine Laterne die beschneiten Verdecke von ein paar obdachlosen Autos, allein der Aspbalt spiegelt schon eine Himmelsahnung. Gespenstig schweben mehlbleiche Bäckerjungen auf Fahrrädern vorüber, lautlos, jeder mit dem Brötchenkorb unterm Arm. Die Tür aber zur „Feinbäckerei und Konditorei" steht offen; eine weißbekleidete Verkäuferin hantiert im grünen Gaslicht von Spiegeln und Marmorplatten, und der Duft des Brotes vermischt sich mit der dunklen Kälte. Die blaue Brüderschaft der Briefträger schwärmt in Gruppen aus, jeder schwer bepackt mit Grüßen, Absagen, Beteuerungen und Wünschen für alle die Schläfer, die das nach einer Stunde in der Seele spüren werden. Allererste Foxterrier streben ungestüm dem nächsten Baume zu. Schulkinder mit Ranzen schlendern langsam, alles rechts und links beguckend, durch die Dämmerung. Oh, sie sind ganz wach — Kinder verstehen noch zu erwachen —, denn sie sind selber Menschenmorgen, sind selber jung wie diese Stunde! Immer komme ich an dem beleuchteten Parterrefenster vorbei, wo die sechs kleinen Waisenmädchen am Tisch ihr Frühstück auslöffeln ... manchmal aber ift's noch nicht so weit, und nur die sechs ausgerichteten Löffel warten stumm. Das ist dann ebenso rührend wie zwei vor die Schlaszimmertür herausgestellte Kinderstiefelchen, oder wie wenn die Enten fortgeflogen sind und nur eine süße Flaumfeder auf dem Wasser schaukelt. Und dabei geschieht alles ganz stumm, ganz leise, wie in einer Pantomime, weil das große Wort noch nicht gesprochen ist. Aber jetzt ist in das Fensterglas der höchsten Etagen etwas gekommen, plötzlich werden selbst die nadeldünnsten Baumäste schwarz vor dem Goldrand, irgendwelche kleine Bügel heben an zu zwitschern ... und jetzt, jetzt hat es gezündet: der erste Glockenschlag des Lichts hallt feierlich durch den Raum! Und auf einmal ist alles wie verwandelt, die Hunde bellen, die Menschen sprechen ganz (aut, und auch die Autos machen bedeutend mehr Lärm. Die Sache geht wieder mal in Ordnung. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche UniversitätSdruckerei R. Lange, Gießen.