M tastt ■ Hit Jamm ra9i|i en, | Jlnne «gleit Ifflutj. rhcld ijnil» enteil ■t, h 'btesik M»j| m it icn hi unfte ijmas! fjaum ajrili datzi Ae»> lirtuii lenuji Rah, V °H »W iem fi en,« tarnt nfot ine ®' innbil' uch« Stunt» ter t» mneffi lertam ernt® (flidjli idje I* >r Sri t in H nan, I er. ® tt ein« n ®i” erhaV rtn A rteü.J an re !r M , ine F i bief» intet । ■tauW ragü* M? ter > ,5 O ins!«» tberJ. ttjait* ,nbi«« e I' ! ur f eg'* SiehenerZamilienvMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Zchrgang <959 Zreitag, den 24. Zebruar Nummer (6 Ortungen ^Birrungen Roman öon Theoöor Montane Erstes Kapitel. An -em Schnittpunkt von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, ch»g gegenüber dem „Zoologischen", befand sich in der Mitte der siebziger j-oiirc noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren lenes, dreifenstriges, in einem Borgärtchen um etiva hundert Schritte uuckgelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, lOt der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte. Bi? aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte, ja lienecht eigentliche Hauptsache derselben aüsmachte, war durch eben dies feite Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt, und nur ein rot- unb grün- lefrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt nti:t der Turmspitze (von Uhr selbst keine Rede) ließ vermuten, daß hinter >iei*r Kulisse noch etwas anderes-verborgen sein müsse, welche Vermutung auch in einer von Zeit zu Zeit anfsteigenden, das Türmchen um» cht ärmenden Taubenjchar und mehr noch in einem gelegentlichen Hunde- lebuff ihre Bestätigung sand. Wo dieser Hund eigentlich steckte, das entzog 1 ich freilich der Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, uni früh bis spät ausstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum lefuttete. Ueberhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, mi doch Mußte jeder, der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam, Jchan dem Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger im Borgarten telpiiben Obstbäume genügen lassen. Es war die Woche nach Pfingsten, die Zeit der langen Tage, deren techendes Licht mitunter kein Ende nehmen wollte. Heut aber stand die Sn ne schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchturm, und statt der Strahlen, i? te den ganzen Tag über herabgeschickt hatte, lagen bereits abendliche Sfatten in dem Vorgarten, dessen halbmärchenhafte Stille nur noch von m Stille des von der alten Frau Nimptsch und ihrer Pflegetochter Lene nie weise bewohnten Häuschens übertroffen wurde. Frau Nimptsch selbst itei saß wie gewöhnlich an dem großen, kaum fußhohen Herd ihres die ganze siissront einnehmenden Vorderzimmers und sah, hockend und vorgebeugt, ms einen rußigen alten Teekessel, dessen Deckel, trotzdem der Wrasen . lud vorn aus der Tülle quoll, beständig hin unb her klapperte. Dabei hielt :>ieM(te beide Händ^ gegen die Glut und war so versunken in ihre Betrach- 11 ;ett und Träumereien, daß sie nicht hörte, wie die nach dem Flur hinaus- (i ende Tür aufging und eine robuste Frauensperson ziemlich geräusch- ' 0 eintrat. Erst als diese letztere sich geräuspert und ihre Freundin und ' te)6arin, eben unsere Frau Nimptsch, mit einer gewissen Herzlichkeit i:eiNamen genannt hatte, wandte sich diese nach rückwärts und sagte nun fiip ihrerseits freundlich und mit einem Anfluge von Schelmerei: „Na, >0# is recht, liebe Frau Dörr, daß Sie mal wieder rüberkommen. Und , tert dazu vons ,Schloß,. Denn ein Schloß is es und bleibt es. Hat ja ten Turm. Un nu setzen Sie sich... Ihren lieben Mann hab ich eben weg- jefc n sehen. Und muß auch. Is ja heute sein Kegelabend." |ji '£ iso freundlich als Frau Dörr Begrüßte war nicht bloß eine robuste, ! OH.ern vor allem auch eine sehr stattlich aussehende Frau, die, neben dem 1 km» ruck des Gütigen und Zuverlässigen, zugleich den einer besonderen ' kk.ihrünktheit machte. Die Nimptsch indessen nahm sichtlich keinen Anstoß i)«un und wiederholte nur: '„Ja, sein Kegelabend. Aber, was ich sagen 1 Wille, liebe Fran Dörr, mit Dörren seinen Hut, das geht nicht mehr, ’&t is ja schon fuchsblank und eigentlich schimpsierlich. Sie müssen ihn ihm timxrehmen und einen andern hinstellen. Vielleicht merkt er es nich... In «u rücken Sie ran hier, liebe Frau Dörr, oder lieber da drüben auf die >tche... Lene, na Sie wissen ja, is ausgeflogen un hat mich mal wieder NLtich gelassen." j, Er war woll hier?" , Freilich war er. Und beide sind nu ein bißchen aus Wilmersdorf zu; »«»Fußweg lang, da kommt keiner. Aber jeden Augenblick können sie wieder fir lein." Na, da will ich doch lieber gehn." O nich doch, Hebe Frau Dörr. Er bleibt ja nich. Und wenn er auch lew. Sie wissen ja, der is nich so." ..Weiß, weiß. Und wie steht es denn?" Ja, wie soll es stehn? Ich glaube, sie denkt so was, wenn sie's auch W) wahr haben will, und bildet sich was ein." I „ O du meine Güte", sagte Frau Dörr, während sie, statt der ihr an- |ebi tenen Fußbank, einen etwas höheren Schemel heranschob. „O du meine Mt?, denn is es schlimm. Immer wenn das Einbilden anfängt, fängt auch öai Schlimme an. Das is wie Amen in der Kirche. Sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, mit mir war es ja eigentlich ebenso; man bloß nichts von Einbildung. Und bloß darum war es auch wieder ganz anders." Frau Nimptsch verstand augenscheinlich nicht recht, was die Dörr meinte, weshalb diese fortfuhr: „Und weil ich mir nie was in'n Kopp setzte, darum ging es immer ganz glatt und gut, und ich habe nu Dörren. Na, viel is es nich, aber es is doch was Anständiges, und man kann sich Überall sehen lassen. Und drum bin ich auch in die Kirche mit ihm gefahren und nicht bloß Standesamt. Bei Standesamt reden sie immer noch." Die Nimptsch nickte. Fran Dörr aber wiederholte: „Ja, in die Kirche, in die Matthäikirche uri bei Büchseln. Aber, was ich eigentlich sagen wollte, sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, ich war ja woll eigentlich größer und anziehlicher als die Lene, und wenn ich auch nich hübscher war (beim so was kann man nie recht wissen, un die Geschmäcker sind so verschieden), so war ich doch so mehr im Vollen, un das mögen manche. Ja, soviel is richtig. Aber wenn ich auch sozusagen fester war un mehr im Gewicht fiel un so was hatte, nu ja, ich hatte so was, so war ich doch immer man ganz einfach un beinah simpel; un was nu er war, mein Graf mit seine suffzig aufm Puckel, na, der war auch man ganz simpel und bloß immer kreuzfidel un unanständig. Und da reichen ja keine hundert Mal, daß ich ihm gesagt habe: „Ne ne, Graf, das geht nicht, so was öerbitt ich mit..." Und immer die Alten sind so. Und ich sage bloß, Hebe Frau Nimptsch, Sie können sich so was gar nich denken. Gräßlich war es. Und wenn ich mir nu der Lene ihren Baron ansehe, denn schämt es mir immer noch, wenn ich denke, wie meiner war. Und nu gar erst die Lene selber. Jott, ein Engel is sie woll grade auch nich, aber propper unb fleißig un kann alles unb is für Ordnung unb fürs Reelle. Unb sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, bas is grabe das Traurige. Was bä so rnmfliegt, heute hier un morgen ba, na, das kommt nicht um, das fällt wie die Katz immer wieder auf die vier Beine; aber so'n gutes Kind, das alles ernsthast nimmt und alles ans Liebe tut, ja, das ist schlimm... Oder vielleicht is es auch nich so schlimm; Sie haben sie ja bloß angenommen unb is nich Ihr eigen Fleisch inb Blut, un vielleicht is es eine Prinzessin ober so was." Frau Nimptsch schüttelte bei bieser Vermutung ben Kops unb schien antworten zu wollen. Aber bie Dörr war schon aufgeftanben und sagte, währenb sie ben Gartensteig hinuntersah: „Gott, ba kommen sie. Unb bloß in Zivil un Rock un Hose gant egal. Aber man sieht es dochlTlnd nu sagt er ihr was ins Ohr, und sie lacht vor sich hin. Aber ganz rot is sie geworden... Und nu geht er. Und nu ... wahrhaftig, ich glaube, er dreht noch mal um. Nei, nei, er grüßt bloß noch mal, und sie wirft ihm Kußfinger zu . . . Ja, das glaub ich; so was laß ich mir gefallen . . . Nei, so war meiner nich." ■ Frau Dörr sprach noch weiter, bis Lene kam und die beiden Frauen begrüßte. Zweites Kapitel. Andern Vormittags schien die schon ziemlich hochstehende Sonne auf den Hof bet Dörrschen Gärtnerei unb beleuchtete hier eine Welt von Baulichkeiten, unter beneu auch bas „Schloß" war, von bem Fran Nimptsch am Abend vorher mit einem Anfluge von Spott unb Schelmerei gesprochen hatte. Ja, bies „Schloß"! In ber Dämmerung hätte es bei seinen großen Umrissen wirklich für etwas Derartiges gelten können, heut aber, in unerbittlich heller Beleuchtung baliegenb, sah man nur zu deutlich, daß der ganze bis hoch hinauf mit gotischen Fenstern bemalte Bau nichts als ei» jämmerlicher Holzkasten war, in dessen beide Giebelwände man ein Stück Fachwerk mit Stroh- und Lehmfüllung eingesetzt hatte, welchem vergleichsweise soliden Einsätze zwei Giebelstuben entsprachen. Alles andere war bloße Steindiele, von der aus ein Gewirr von Leitern zunächst auf einen Boden und von diesem höher hinauf in das als Taubenhaus dienende Türmchen führte. Früher, in vordörrscher Zeit, hatte der ganze riesige Holzkasten als bloße Remise zur Aufbewahrung von Bohnenstangen und Gießkannen, vielleicht auch als Kartoffelkeller, gedient; seit aber, vor soundso viel Jahren, die Gärtnerei von ihrem gegenwärtigen Besitzer gekauft worden war, war das eigenlliche Wohnhaus an Frau Nimptfch vermietet und der gotifch bemalte Kasten, unter Einfügung der schon erwähnten zwei Giebelstuben, zum Aufenthalt für den damals verwitweten Dörr hergerichtet worden, eine höchst primitive Herrichtung, an der seine bald danach erfolgende Wiederverheiratung nichts geändert hatte. Sommers war diese beinahe fensterlose Remise mit ihren Steinsliesen unb ihrer Kühle fein übler Aufenthalt, um bie Winterszeit aber hätte Dörr und Frau samt einem ans erster Ehe stammenden zwanzigjährigen, etwas geistesschwachen Sohn einfach erfrieren müssen, wenn nicht die beiden großen, an der anderen Seite des Hofes gelegenen Treibhäuser gewesen wären. In diesen verbrachten alle drei Dörrs die Zeit von November bis März ausschließlich, aber auch in der besseren und sogar in der heißen Jahreszeit spielte sich das .Leben der Familie, wenn man nicht gerade vor der Sonne Zuflucht suchte, zu großem Teile vor und in diesen Treibhäusern ab, weil hier alles am bequemsten lag: hier standen die Treppchen und Estraden, auf denen die jeden Morgen aus ben Treibhäusern hervorgeholten Blumen ihre frische Luft schöpfen bürsten; hier war der Stall mit Kuh unb Ziege; hier wollte sich augenscheinlich in seine seit einiger Zett von chm bevorzugte Gichtbehandlungsmethode vertiefen. In diesem Augenblick aber des Spargel, korbes am Arme seiner Frau gewahr werdend, unterbrach er sich und sagte: । „Na, nu zeige mal her. Hat's denn gefleckt?" I nu", sagte Frau Dörr und hielt ihm den kaum halbgefüllten Kott hin,"dessen Inhalt er kopfschüttelnd durch die Finger gleiten ließ. Denn es waren meist dünne Stangen und viel Bruch dazwischen. Höre, Susel, es bleibt dabei, du hast keine Spargelaugen. „O, ich habe schon. Man bloß hexen kann ich nich." „Na, wir wollen nich streiten, Susel; mehr wird es doch mch. Aber zuni Verhungern is es." t „ . . „I, es denkt nich dran. Last doch das ewige Gerede, Dörr; sre stecken,« drin, un ob sie nu heute rauskommen oder morgen, iS ja ganz egal. Eine düchtige Husche, so rote die vor Pfingsten, und du sollst mal sehen. Und Regen gibt es. Die Wassertonne riecht schon wieder, un die große Kreuzspmn,s in die Ecke gekrochen. Aber du willst jeden Dag alles haben; das kannst du mch verlangen." ,, , . „ . Dörr lachte. „Na, binde man alles gut zujammen. Und den kleinen Murks auch. Und du kannst ja denn auch was ablassen." ,Ach, rede doch nich so", unterbrach ihn die sich über seinen Geiz beständig ärgernde Frau, zog ihn aber, was er immer als Zärtlichkeit nahm, auch heute wieder am Ohrzipfel und ging auf das „Schloß" zu, wo sie siaj S uiij dem Steinfliesenslur bequem machen und die Spargelbündel binden wollte. Kaum aber, daß sie den hier immer bereitstehenden Schemel bis an ine Schwelle vorgerückt hatte, so hörte sie, wie schräggegenüber in dem von bei Frau Nimptsch bewohnten dreifenstrigen Häuschen ein Hinterfenster mit einem kräftigen Ruck aufgestoßen und gleich daraus emgehatt Wurde. Zu, gleich sah sie Lene, die, mit einer weiten, lilagemusterten Jacke über dem Friesrock und einem Häubchen auf dem aschblonden Haar, freundlich zu ihr hinüber grüßte. ~ , Frau Dörr erwiderte den Gruß mit gleicher Freundlichkeit und sagte dann: „Immer Fenster auf; das ist recht, Lenchen. Und fängt auch schon an, heiß zu werden. Es gibt heute noch was." „Ja. Und Mutter hat von der Hitze schon chr Kopfweh, und da Will ich doch lieber in der Hinterstube plätten. Is auch hübscher hier; vorne sieht man ja keinen Menschen." , , „Hast recht", antwortete die Dörr. „Na, da Werd ich man ein bißchen ans Fenster rücken. Wenn man so spricht, geht einen alles besser von bet E^,Ach, das is lieb und gut von Ihnen, Frau Dörr. Aber hier am Fenstet is ja grade die pralle Sonne." „Schad't nichts, Lene. Da bring ich meinen Marchtschrrm mit, altei Ding und lauter Flicken. Aber tut immer noch seine Schuldigkeit." Und ehe fünf Minuten um waren, hatte die gute Frau Dörr ihre" Schemel bis an das Fenster geschleppt und saß nun unter ihrer Schirm' stellage so behaglich und selbstbewußt, als ob es auf dem GendarmenmarN gewesen wäre. Drinnen aber hatte Lene das Plättbrett auf zwei dicht ans Fenster gerückte Stühle gelegt und stand nun so nahe, daß man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen konnte. Dabei ging das Plätteisen emsig hin und her. Und auch Frau Dörr war fleißig beim Aussuchen und Zusammen- binden, und wenn sie dann und Wann von ihrer Arbeit üuS ins Fenstet hineinsah, sah sie, Wie nach hinten zu der kleine Plättosen glühte, der füi neue heiße Bolzen zu sorgen hatte. „Du könntest mir mal nen Teller geben, Lene, Teller oder Schüssel. Und als Lene gleich danach brachte, was Frau Dörr gewünscht hatte, tat diese den Bruchspargel hinein, den sie während des Sortierens in ihm Schürze behalten hatte. „Da, Lene, das gibt ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn daß es immer die Köppe sein müssen, is ja dummei Zeug. Ebenso wie mit'n Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reim Einbildung. Der Strunk is eigentlich das beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache." „Gott, Sie sind immer so gut, Frau Dörr. Aber was wird nur Jht Alter sagen?" „Der? Ach, Leneken, was der sagt, is ganz egal. Der red't doch. Er will immer, daß ich den Murks mit einbinde, Wie wenn's richtige Stangen waten: aber solche Bedrügerei mag ich nich, auch wenn Bruch- und Stücken- zeug gradeso gut schmeckt wie'S ganze. Was einer bezahlt, das muß er haben, un ich ärgre mir bloß, daß so'n Mensch, dem es so zuwächst, so'n alter Geizkragen is. Aber so sind die Gärtners alle, rapschen und rapschen un können nie genug kriegen." „Ja", lachte Lene, „geizig is er und ein bißchen wunderlich. — Abe! eigentlich doch ein guter Mann." „Ja, Leneken, er wäre soweit ganz gut, u» auch die Geizerei wäre nich so schlimm un is immer noch besser als die Verbringerei, wenn er man nich so zärtlich Wäre. Du glaubst es nich, immer is er da. Un nu sieh ihn dir an. Es is doch eigentlich man ein Jammer mit ihm, un dabei richtige Sechsundfünfzig, und vielleicht is es noch ein Jahr mehr. Denn lügen tut er auch Wenn's ihm gerade paßt. Und da hilft auch nichts, gar nichts. Ich erzähl ihm immer von Schlag und Schlag und zeig ihm Welche, die so humpeln und einen schiefen Mund haben, aber er lacht bloß immer und glaubt es nich. 6- kommt aber doch so. Ja, Leneken, ich glaub es ganz gewiß, daß es so kommt. Und vielleicht balde. Na, verschrieben hat er mir alles, un so sag ich weitet nichts. Wie einer sich legt, so liegt er. Aber Was reden wir von Schlag und Dörr, un daß er bloß O-Beine hat. Jott, mein Lenechen, da gibt es ganz andre Leute, die sind so grabe gewachsen Wie ne Tanne. Nich wahr, Lene?" Lene wurde hierbei noch röter, als sie schon war, und sagte: „Der Bolzen ist kalt geworden." Und vom Plättbrett zurücktretend ging sie bis an den eisernen Ofen und schüttete den Bolzen in die Kohlen zurück, um einen neuen herauszunehmen. Alles war das Werk eines Augenblicks. Und nun ließ sie mit einem geschickten Ruck den neuen glühenden Bolzen vom Feuerhaken in das Plätteisen niedergleiten, klappte das Türchen wieder ein und sah nun erst, daß Frau Dörr noch immer auf Antwort wartete. Sicherheit^ halber aber stellte die gute Frau die Frage noch mal und setzte gleich hinzu' „Kommt er denn heute?" (Fortsetzung folgt.) die Hütte mit dem Ziehhund, und von hier aus erstreckte sich auch das Wohl ' fünfzig Schritte lange Doppelmistbeet, mit einem schmalen Gange dazwischen, bis an den großen, weiter zurückgelegenen Gemüsegarten. In I diesem sah es nicht sonderlich ordentlich auS, einmal, weil Torr keinen Sinn für Ordnung, außerdem aber eine so große Hühnerpassion hatte, daß et diesen seinen Lieblingen, ohne Rücksicht auf den Schaden, den sie stifteten, überall umherzupicken gestattete. Groß freilich war dieser Schaden nie, ba feiner Gärtnerei, die Spargelanlagen abgerechnet, alles Feinere fehlte Dörr hielt das Gewöhnlichste zugleich für das Vorteilhafteste, zog deshalb Majoran und andere Wurstkräuter, besonders aber Porree, hinsichtlich dessen et der Ansicht lebte, daß der richtige Berliner überhaupt nur drei Dmge brauche: eine Weiße, einen Gilka und Porree. „Bei Porree", schloß er bann regelmäßig, „ist noch keiner zu kurz gekommen." Er war überhaupt em Original, von ganz selbständigen Anschauungen und einer entschiedenen Gleichgültigkeit gegen das, was über ihn gesagt Wurde. Dem entsprach denn auch seine zweite Heirat, eine Neigungsheirat, bei der ine Vorstellung von einer besonderen Schönheit seiner Frau mitgeWirft und ihr früheres Verhältnis zu dem Grafen, statt ihr schädlich zu sein, gerade umgekehrt den Ausschlag zum Guten hin gegeben unt einfach den Bollbeweis ihrer Unwiderstehlichkeit erbracht hatte. Wenn sich dabei mit gutem Grunde von Ueberschätzung sprechen ließ, so doch freilich nicht von fetten Dorrs m Person, für den die Natur, soweit Aeußerlichfeiten in. Betracht tarnen, ganz ungewöhnlich wenig getan hatte. Mager, mittelgroß und mit fünf grauen Haarsträhnen über Kopf und Stirn, Wäre er eine vollkommene Trivialerfcheinung gewesen, wenn ihm nicht eine zwischen Augenwinkel und linker Schläfe sitzende braune Pocke Was Apartes gegeben hätte. Weswegen denn auch seine Fran nicht mit Unrecht und in der ihr eigenen ungenierten Weise zu sagen pflegte: „Schrumplich is er man, aber von links her hat er so was Borsdorfriges." Damit war er gut getroffen und hätte nach diesem Signalement überall erkannt werden müssen, wenn er nicht tagaus, tagein eine mit einem großen Schirm ausgestattete Leinwandmütze getragen hätte, die, tief ins Gesicht gezogen, sowohl das Alltägliche Wie das Besondere Seiner Physiognomie "^Uud fo, die Mütze samt Schirm ins Gesicht gezogen, stand er auch heute ^Wieder, am Tage nach dem zwischen Frau Dörr und Frau Nimptsch gesührten Zwiegespräche, vor einer an das vordere Treibhaus sich anlehnenden Blumenestrade, verschiedene Goldlack- und Geraniumtöpfe beiseite schiebend, die morgen mit auf den Wochenmarkt sollten. Es waren sämtlich solche, die nicht im Topf gezogen, sondern nur eingefetzt Waren, und mit einer besonderen Genugtuung und Freude ließ er sie vor sich aufmarschieren, schon im voraus über die „Madams" lachend, die morgen kommen, ihre herkömmlichen fünf Pfennig abhandeln und schließlich doch die Betrogenen sein würden. Es zählte das zu feinen größten Vergnügungen und war eigentlich das Hauptgeistesleben, das er führte. „Das bißchen Geschimpfe ... Wenn ich's nur mal mit anhören könnte." So sprach er noch vor sich hin, als er vom Garten her das Gebell emes kleinen Köters und dazwischen das verzweifelte Krähen eines Hahns hörte, ja, wenn nicht alles täuschte, seines Hahns, seines Lieblings mit dem Silbergefieder. Und sein Auge nach dem Garten hin richtend, sah et in der Tat, daß ein Häufchen Hühner auseinandergestoben, der Hahn aber auf einen Birnbaum geflogen War, von dem aus er gegen den unten kläffenden Hund unausgesetzt um Hilfe rief. . . „Himmeldonnerwetter", schrie Dörr in Wut, „das is Wieder Bollmann seiner... Wieder durch den Zaun... I, da soll doch .. .".Und den Geranium- tvps, den er eben musterte, rasch aus der Hand setzend, lief er auf die Hundehütte zu, griff nach dem Kettenzwickel und machte den großen Ziehhund los, der nun sofort auch Wie ein Rasender auf den Garten zuschoß. Eh dieser jedoch den Birnbaum erreichen konnte, gab „Bollmann seiner" bereits Fersengeld und verschwand unter dem-Zaun weg ins Freie — der fuchs- gelbe Ziehhund zunächst noch in großen Sätzen nach. Aber das Zaunloch, das für den Affenpinscher gerade ausgereicht hatte, verweigerte ihm den Durchgang und zwang ihn, von seiner Verfolgung Abstand zu nehmen. Nicht besser erging es Dorr selber, der inzwischen mit einer Harke herangekommen war und mit seinem Hunde Blicke wechselte. „Ja, Sultan, diesmal war es nichts." Und dabei trottete Sultan wieder auf feine Hütte zu, langsam und verlegen, Wie wenn er einen kleinen Vorwurf herausgehört hätte. Dörr selbst aber sah dem draußen in einer Ackerfurche hinjagenden Affenpinscher nach und sagte nach einer Weile: „Hol mich der Deubel, Wenn ich mir nich ne Windbüchse anschasfe, bei Mehles oder sonst wo. Un denn pust ich das Biest so stille Weg, un kräht nich Huhn nich Hahn danach. Nich mal meiner." Von dieser ihm von feiten Dörrs zugemuteten Ruhe schien der letztere, jedoch vorläufig nichts wissen zu Wollen, machte vielmehr von feiner Stimme nach wie vor den ausgiebigsten Gebrauch. Und dabei Warf er den Silberhals so stolz, als ob er den Hühnern zeigen wolle, daß seine Flucht in den Birnbaum hinein ein Wohlüberlegter Coup oder eine bloße Laune gewesen sei. Dörr aber sagte: „Jott, so'n Hahn. Denkt nu auch wunder was er iS. lind feine Courage iS doch auch man fo so." Und damit ging er wieder auf feine Blnmenestrade zu. Drittes Kapitel. Der ganze Hergang war auch von Frau Dorr, die gerade beim Spargel- siechen War, beobachtet, aber nur wenig beachtet worden, Weil sich ähnliches jeden dritten Tag wiederholte. Sie fuhr denn auch in ihrer Arbeit fort und gab das Suchen erst auf, als auch die schärfste Musterung der Beete keine „weißen Koppe" mehr ergeben Wollte. Nun erst hing sie den Korb an ihren Arm, legte das Stechmesser hinein und ging langsam und ein paar verirrte Küken vor sich hertreibend, erst auf den Mittelweg des Gartens und dann auf den Hof und die Blumenestrade zu, wo Dörr seine Marktarbeit wieder aufgenommen hatte. „Na, Suselchen", empfing et seine befere Hälfte, „da bist du ja. Hast du rooll gesehn? Vollmann seiner war wieder da. Höre, der mufe dran glauben, und denn brat ich ihn aus; ein bißchen Fett wird er wbll haben, un Sultan kanii denn die Grieben kriegen... Und Hundefett, höre, Susel..." und er RaNlose Liebe. Bon I. W. v o n Goethe. Dem Schnee, dem Regen, Dem Wind entgegen, Im Dampf der Klüfte, Durch Nebeldüste, Immer zul Immer zul Ohne Rast und Ruh! Lieber durch Leiden Macht' ich mich schlagen. Als soviel Freuden Des Lebens ertragen. Alle das Neigen Bon Herzen zu Herzen, Ach, wie so eigen Schaffet das Schmerzen! Wie soll ich sliehen? Wälderwärts ziehen? Alles vergebens! Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe, bist du! Liebesleid. Eine Erzählung von Hermann Hesse. Seit geraumer Zeit lagen vor Kanvoleis, der Hauptstadt des Landes ! klois, die Herren in vielen prächtigen Zelten. Jeden Tag von neuem -brannte der Turnierkampf, dessen Preis die Königin Herzeloyde war, j i jungfräuliche Witwe des Kaftis, die schöne Tochter des Gralskönigs Wi mutel. Unter den Turnierendcn erblickte man große Herren, die Könige P-nüragon von England, Lot von Norwegen, den König von Aragon, den Hirzog von Brabant, berühmte Grafen, Ritter und Helden wie Morholt tut» Riwalin; man findet sie im zweiten Gesang von Wolframs Parzival ou gezählt. Dem einen war es nur um den Waffenruhm zu tun, einem entern um die schönen blauen Mädchenaugen der jungen Königin, den tndften aber um ihr reiches und fruchtbares Land, um ihre Städte und Birgen. - _ . Es war außer den vielen hohen Herrschaften und berühmten Helden auij eine ganze Schar von namenlosen Rittern herangezogen, von Aben- teirern, Buschkleppern und armen Teufeln. Manche von Urnen besahen nigt einmal ein eigenes Zelt, sie kampierten da und dort, oft ohne Obdach im freien Felde unter ihrem Mantel. Sie liehen ihre Pferde ringsum du1 den Wiesen gehen, fanden Speise und Trank geladen ober ungeladen an fremden Tischen, und jeder von ihnen hofft« auf Glück und Zufall, s-aeit er überhaupt daran dachte, sich an den Turnieren zu beteiligen. 2>i m ihre Aussichten auf Sieg waren unendlich gering, weil sie schlechte kjiprde hatten; und auf einem schwachen Gaul konnte auch der Tapferste im Turnier wenig ausrichten. Biele dachten denn auch gar nicht daran, fidi zu schlagen, sondern wollten nichts als nach Möglichkeit an der allgemeinen Lustbarkeit Teil haben und womöglich Gewinn aus ihr ziehen. Ei. waren alle recht guter Dinge. Es gab jeden Tag Gastereien und Feste, bob im Schloß der Königin, bald bei den mächtigen und reichen Herren tut Zeltlager, und mancher arme Ritter war froh, dah die Entscheidung bet Wettkämpfe sich so lange hinzögerte. Man ritt spazieren, jagte, plaudere, zechte, spielte Würfel, spielte Schach, man sah den Turnieren zu unt machte gelegentlich eines mit, man kurierte verletzte Pferde, betradf» ter den üppigen Aufwand der Großen, versäumte nichts und gönnte sich au:« Tage. Unter den armen und rühmlosen Kriegern war einer mit Namen Mircel, der Stiefsohn eines kleinen Barons im Süden, ein hübscher, etoas verhungerter junger Glücksritter in einer bescheidenen Rüstung und tuii einem schwachen alten Rößlein, das Melissa hieß. Er war, wie alle enlern, daher gekommen, um seine Neugierde zu stillen und sein Gluck zi versuchen, und bei dem allgemeinen Jahrmarkt und Wohlleben eine Sille mit zu Gast zu sein. Bei seinesgleichen und auch bei einigen angesehenen Rittern hatte dieser Marcel eine gewisse Beliebtheit erlangt als (Sänger und Spielmann, denn er verstand Verse zu dichten und seine La azonen sehr hübsch zur Laute zu fingen. Er fühlte sich in dem festlichen (kt riebe wohl und wünschte sich nichts Besseres, als daß dies froyliche Leerlager mit all feiner Lustbarkeit noch eine gute Weile dauern möge. forderte ein Gönner, der Herzog von Brabant, ihn eines Abends auf, «n einer Mahlzeit teilzunehmen, welch« die Königin den hervorragenden Slitern gab. Marcel ging mit in die Hauptstadt und in das Schloß, der toi erglänzte herrlich, und Schüssel und Krüge boten gute Labe. Aber In Jüngling trug an diesem Abend kein fröhliches Herz von bannen. Cr hatte die Königin Herzeloyde gesehen, ihre hell schwingende Stimme gehört und ihre süßen Blicke getrunken. Nun schlug sein Herz in brennen» wn Begehren nach der schönen Frau, die so sanft und bescheiden wie em N dchen schien und doch so gar hoch und unerreichbar über ihm stand. Wohl konnte er, gleich jedem andern Ritter, um sie kämpfen. Es stand ihm frei, fein Heil in den Turnieren zu versuchen. Allein weder waren sim Roß und feine Masten in sonderlich gutem Zustande, noch durfte war zu jeder Stunde von Herzen bereit, (ein Leden im Kampf um Äe geliebte Königin zu wagen. Aber feine Stärke war nicht mit der des Mi rholt oder des Königs Lot oder gar des Riwalin und anderer Helden K vergleichen, von deren Taten die'Welt wußte. Trotzdem wollte er auf ein» Probe nicht verzichten. Er fütterte jein Pferd Melissa mit Brot und nit feinem, zartem Heu, bas er erbetteln mußte, er pflegte auch sich selbst d«ch regelmäßiges Essen und Schlafen, er putzte und rieb seine etwas unansehnliche Rüstung, mit aller Sorgfalt. Und nach einigen Tagen ritt «r früh ins Feld und meldet« sich zum Turnier. Ein spanischer Ritter stellte sich ihm gegenüber; sie sprengten mit den langen Speeren gegeneinander an uni> Marcel wurde samt seinem Gaul über den Hausen gerannt. Es lief Blut aus seinem Mund« und alle Glieder taten ihm weh, doch erhob ■er sich ohne Hilfe, führte sein zitterndes Pferdchen davon und wusch sich abseits an einem Bach, wo er den Rest des Tages einsam und gedemütigt verharrte. Am Abend, als er zum Zeltlager zurückkehrte und schon da und dort die Fackeln brannten, rief ihn der Herzog von Brabant beim Namen. „Du hast, ja heute das Waffenglück versucht", sagte er gutmütig. „Das nächstemal, wenn du wieder Lust dazu verspürst, nimm ein Pferd von mir, Lieber, und wenn du siegst, behalte es zu eigen. Aber setzt laß uns guter Dinge fein und sing' uns ein schönes Lied zum geierabenb." Dem kleinen Ritter war es nicht ums Singen und Fröhlichsein Doch um des versprochenen Pferdes willen gab er nach. Er trat in des Herzogs Zelt, tränt einen Becher roten Wein und ließ sich die Laute geben. Er fang ein Lied und noch eines, Kameraden und Herren lobten ihn und tränten ihm zu. „Gatt segne dich, du oängec", rief der Herzog vergnügt. „Latz du das Speerbrechen fein und fomm mit mir an meinen Hof, so sollst du gute Tag« haben." „Ihr seid gütig", sagte Marcel leise. „Aber Ihr habet mir ein gutes Pferd versprochen, und ehe ich an anderes denke, will ich noch einmal zum Kampf reiten. Was hülfen mir gute Tage und schöne Lieder, wenn andre Ritter sich um Ruhm und Minne schlagen!" Einer lacht«: „Wollet Ihr wirtlich die Königin gewinnen. Marcel?" Er fuhr auf: „Ich will, was Ihr alle wollet, wenn ich auch nur ein armer Ritter bin. Und tann ich sie nicht gewinnen, so kann ich doch um sie kämpfen und um sie bluten und Niederlage und Schmerzen um sie erleiden. Mir ist es süßer, um sie zu sterben, als ohne sie feige wohl» zuleben. Und wer mich darum verlachen will, für den ist mein Schwert geschliffen, Ritter." Der Herzog mahnte zum Frieden und bald ging ein jeder nach seiner Schlafstelle. Da hielt der Herzog den Sänger, der nun auch sortgehen wollt«,' durch einen Wink zurück. Er sah ihm ins Auge und sagte gütig zu ihm: „Du bist ein junges Blut, mein Knabe, willst du denn durchaus in Not und Blut und Schmerzen hineinlaufen, um ein Traumbild? Du kannst nicht König von Valois werden, und kannst nicht die Königin Herzeloyde zur Liebsten haben, das weißt du ja wohl. Was nützt es dir, einen kleinen Ritter ober zwei vom Gaul zu stoßen? Du mühtest ja die Königs und Riwalin und mich und alle die Helden überwinden, um ans Ziel zu kommen! Darum sage ich dir: Wenn du durchaus kämpfen willst, so beginne mit mir selbst, und wenn du meiner nicht Herr wirst, so lasse dein Traumbild fahren und folge mir und bleibe in meinem Sold, wie ich es dir schon angeboten habe." Marcel ward rot, doch sagte er ohne Besinnen: „Ich banke Euch, Herr Herzog, und morgen will ich gegen Euch reiten." Er ging fort und sah nach [einem Pferbe. Es schnaubte ihm freundlich entgegen, fraß Brot aus seiner Hand und legte ihm den Kopf auf die Schulter. „Ja, Melissa", sagte er leise und streichelte ihren Kopf, „du hast mich lieb, Melissa, mein Rößlein. Aber es wäre für uns besser gewesen, unterwegs im Wald« umzukommen, ehe wir dieses Lager erreichten. Schlaf wohl, Melissa, mein Rößlein." Am nächsten Morgen in aller Frühe schon ritt er in die Stadl Kan- voleis und verhandelte sein Pferdchen Melissa an einen Bürger gegen einen neuen Helm und neue Stiefel. Als er davon ging, streckte das Tier ihm den Kopf mit langem Halse nach, er ging weiter und blickte nicht mehr zurück, das Herz fror ihm in der Brust. Dann bracht« ihm ein Knecht des Herzogs einen roten Hengst zugeführt, ein starkes Tier, und eine Stunde später ritt der Herzog selber zum Zweikampf gegen ihn. Es tarnen viele um zuzuschauen, da ein so edler Herr zu Turniere ritt. Im ersten Gang gewann keiner die Oberhand, da der Herzog den Jüngling schonte. Dann aber erzürnte er sich über den törichten Knaben und rannte ihn fo heftig an, daß Marcel rücklings stürzte, im Bügel hängen blieb und von dem roten Hengst dahingeschleift wurde. Während der Abenteurer mit Wunden und Beulen bedeckt in einem Dienerzelt des Herzogs lag und Pflege genoß, erscholl in Stadt und Lager der Ruf von der Ankunft Gachmurets, des weltberühmten Helden. In Pracht und Prangen zog er ein, sein Name glänzte ihm wie ein Stern voraus, die großen Ritter runzelten die Stirnen, die armen kleinen aber jubelten ihm entgegen, und die schön« Herzeloyde sah ihm errötend nach. Tags daraus kam Gachmuret ohne Eile zum Anger geritten, fing zu fordern und zu streiten an und stach di« großen Ritter einen um den andern aus dem Sattel. Man sprach nur noch von ihm, er war Sieger, ihm gebührte Hand und Land der Königin. Auch der kranke Marcel hört« das Gerede, von dem das Lager ersullt war. Er hörte, daß Herzeloyde ihm verloren fei, er hörte Gachmuret lobpreisen und rühmen, und er wandte sich schweigend gegen die Zeltwand, biß die Zähne zusammen und wünschte sich den Tod. Er hörte aber noch mehr. Er wurde vom Herzog besucht, der ihn mit Kleidern beschenkte und ebenfalls von dem Sieger sprach. Und Marcel erfuhr, die Königin sei rot und blaß vor Liebe zu dem Sieger. Von diesem Gachmuret aber hörte er, er sei nicht nur ein Ritter der Königin Anflise, sondern er habe auch im Heidenland ein« schwarze Mohrenfürstin zurückgelassen, deren Gemahl er gewesen sei. Als der Herzog gegangen war, stand Marcel mühsam vom Lager auf, legt« ein Kleid an und ging trotz feinen Schmerzen in die Stadt, um den Sieger Gachmuret zu sehen. Und er sah ihn, einen gewaltigen braunen Krieger, einen schweren Riesen mit mächtigen Gliedmaßen. Wie ein Schlächter erschien er ihm. Es gelang ihm, sich ins Schloß zu schleichen und unbemerkt sich unter die Gäste zu mischen. Da sah er di« Königin, das zarte, mädchenhafte Weib, wie sie vor Glück und Scham erglühte und ihren Mund dem fremden Helden bot. Gegen das Ende des Festmahls erkannte ihn aber sein Gönner, der Herwa, und rief ihn ZU sich. Im nächsten Augenblick ist ec nur noch ein Spielball aus den Wellen. Der Burtscher lacht. Er hat sich selber schon wieder vergessen und ist ganz in seiner Arbeit. Er wischt sich das Wasser auS dem Gesicht und spuckt ein paar- mal aus, um den Schlammgeschmack aus dem Munde zu bekommen. Er steht fest, eingeklemmt bis an den Leib im Wasser und erwischt wieder den Haken. Es heißt jetzt nur wieder aufpassen, daß einen die Stämme beim Herunterrutschen nicht erschlagen. Da die Wasser schon ein wenig nachlassen, gibt er seinen Stand auf, klemmt sich über den großen Stein und steht nun bis an die Knie im Wasser, daß er auch seine Stange wieder erreicht. Jetzt wird ihm nichts mehr gefährlich. Er kommt aber in Schweiß.- Es heißt jeden Augenblick nützen. Das ist das richtige Wasfer. Die versprengten Klötzer und Stämme müssen heruntergezogen werden. Auch die verstocktesten Klötzer bringt er über alle Hinternisse. Die oberen Hölzer, die vom Schwarzen Schrosen kommen, donnern an die anderen im unteren Becken. Sie kommen zu früh. Die Männer erschrecken. Nun gibt's kein Aufhalten mehr. Die Stützen müssen fallen, und die Donner rollen mit Wasser und Holz zur Tiefe. Die Männer am Wehr find so im Eifer, daß keiner an die beiden Menschen denkt, die oberhalb der Wehr zwischen den Staubecken untenhin gekrochen sind. Rach drei Stunden kommt ein Mann herauf. Da greifen sich dre Manner an den Kopf. Barmherziger Himmel! In der Erregung über die plötzlich hereinstürmenden Fluten und bei der Anspannung aller Kräfte hat niemand an die beiden Holzer gedacht. Der Burtscher ist's! Gottlob! Er ist ja noch gut beieinander. Der Fritsch ist noch unten. Der eine sagt: „Nun müssen wir hinunter." Sie lassen alle die Arbeit, werfen die Haken und Stecken fort und steigen mit dem Burtscher ein Stück hinaus, um dann in den engen Tobel hinterzukriechen. „Wo hast du gestanden, Burtscher?" „Ich? Hier — und horte woar der Fritsche!" Sie finden ihn nicht. Sie waten durch die Fluten. Da bekommt der Kremel einen Stoß in den Rücken, er stürzt ins Wasser. Ein Nachzügler, ein dicker Kloben von^Itamm, hat ihn getroffen. Das nehmen sie alle für ein Zeichen. So wird es dem Fritsch gegangen fein. Der Fritsch ist hm. DaS Wasser ist zu früh gekommen. Sie haben alles abgefucht und stehen nun mitten im Wasser. Der alte Kathan zieht die Mütze vonc Kops. Nun verstehe» sie. Sie beten den Fritsch aus. Eure Fürbitte ist's für den Toten. Sie stehen reihum im Wasser. Jedem kommen die Tränen. Dann toischen sie sich das Wasier aus den Augen, setzen sich die Mützen wieder auf und steigen hinaus. Sie müssen schnell Hilfe holen. Wie sie aus bejn Walde herauskommen, da steht ein Mann da. Der Kathan greift sich ans Herz. So erschrocken ist er. Es ist wahrhaftig der Fritsch. — Er sieht übel aus. Die Hosen sind zerfetzt. Ein Taschentuch ist blutig und schmutzig um die Stirn gebunden. Er steht an den Baum gelehnt. „Ich lvart schon eine Stunde!" „Wir haben dich schon ausgebetet." ■■ ■ „Bergelt's Gott miteinander. Aber der Herrgott wird wohl nicht bös sein, wenn ich erst später zu ihm geh' I" Sie lachen. Es ist ein unheimliches Lachen aus der ganzen Last der Qual, die sie mit heraufgeschleppt haben. Sie schütteln ihm die Hände, aber hernach gehen sie wieder zu ihren Haken und Stangen und greifen wieder zu. Sogar der Fritsch nimmt einen Sperrhaken mit. Es liegen überall noch versprengte Klötzer. Die beiden jungen Männer stehen nebeneinander. „Ich hab' dich nimmer gesehen, Burtscher!" „Wohl, wohl — ich hab' auch gedacht, es hätt' dich verschluckt!" „Wie lange sind wir jetzt im Wasser gewesen?" „Sechs Stunden halt!" Die Männer ziehen die Säcke über die nassen Kleider. Aber das hilft Nichts. Die Säcke sind schon naß. Sie reichen sich einander den kalten Most. Sie sagen, er wärme auch. Aber sie frieren. Jetzt, da sie müde sind, lachen sie nicht mehr. Der Fritsch hinkt jetzt. Der Schmerz ist gekommen. Das eine Bem will nicht mehr recht mit. Und int Kopfe brummt es auch. Der Burtscher stützt ihn ein wenig. So ziehen sie miteinander heim. Es geht auf dem schmalen Weg in einer langen Kette. Burtscher und Fritsch schwätzen mit- " einander. , „Hart war's, Burtscher." „Aber heut' müssen sie uns den Höchstlohn gehen!" „Ich glaube schon!" „Sie müssen!" „Aber es find nur sechs Stunden gewesen!" „Ich merk's aber doch!" „Ich mein', sechs Schilling wäre eh nicht zuviel!" Sie kommen an den Kathan heran. Der Fritsch klopft ihm auf die Schulte«. „Du — Kathan — du kaunst's heut bezeugen." „Was?" „Einen ganzen Tag hab' ich gearbeitet!" „Wart einmal — das ist keine Rechnung. Es sind nur sechseinhalb Stunden!" „Aber das Wasser, Kathan!" „Das Wasser zählt keine Stunden!" „Da hast's wieder, Burtscher, es kommen bloß wieder fünf Schillinge heraus!“ „Besser als nix, und besser als der Tod I" 'N...' „Wohl, wohl, aber ich merke doch, es hat mich elend gehau'n. Wenn ich auch Glück gehabt habe, gegen eine Tanne hat mich's geworfen!" „Es war eh nicht fchön!" „Na, jetzt ist's vorbei! Nur elend kalt ist's." „Wirst dich verkühlen, Fritsch!" „Wär mir eh recht, Burtscher, da könnt ich eittmal im Bett liegen bleiben und hätt's warnt." Da wendet sich der alte Kathan zu ihm: „Wir sind uns einig. Die Gemeinde wird's übernehmen — ihr friegt eilten vollen Tag angerechttet." „Bergelt's Gott!" „Es ist nicht der Rede wert." — „Erlaubet", sagte der Herzog zur Königin, „daß ich diesen jungen Ritter vor Euch führe. Er heißt Marcel und tft ein Sänger, dessen Kunst uns oft Wonne geschafft hat. Wenn Ihr es wünschet, soll er uns ein Lied EHerzelöyde nickte dem Herzog und auch dem Ritter freundlich zu, lächelte und ließ eine Laute bringen. Der junge Ritter war bleich, er verneigte sich sehr tief und nahm zögernd die Laute an sich, die ihm gebracht wurde. Dann aber strich er rasch mit den Fingern über die Saiten richtete den Blick unverwandt auf die Königin und fang ein Lied, das er früher einmal in feiner Heimat gedichtet hatte. Als Kehrreim aber fügte er nach jedem Berfe zwei einfache Strophen ein, welche traurig klangen und aus feinem verwundeten Herzen kamen. Und diese zwei Strophen, die an jenem Abend im Schlosse zum erstenmal klangen, wurden bald wett herum bekannt und viel gesungen. Sie lauteten: Plaisir d’amour ne du re qu’un Moment, Chagrin d’amour dure tonte la vie ... (Liebesfreu-de währt nur Augenblicke, Liebesleid länger als das Leben.) Als er das Lied beendet hatte, verließ Marcel das Schloß, aus dessen Fenstern ihm der helle Kerzenglanz nachfloß. Er kehrte nicht zu den Zelten zurück, sondern wanderte in anderer Richtung aus der Stadt in die Nacht hinein, um der Ritterschaft ledig als Lautenschläger ein heimatloses Leben zu führen. Die Feste sind verklungen und die Zelte vermodert, der Herzog von Brabant, der Held Gachmuret und die schöne Herzeloyde sind seit manchen hundert Jahren tot, niemand weiß mehr von Kanvoleis und von jenen Festen und Turnieren Ueber die Jahrhunderte hinweg ist von den Königen und Rittern nichts übrig geblieben als ihre Namen, die uns fremd und ungeschlacht klingen. Nichts ist übrig geblieben als jene paar fremden Namen, und jene Verse des jungen 'Ritters. Die werden noch heute gefungen. Zwei Männer in brausenden Wassern. Bon Hans Christoph Kaergel. Es ist hohe Zeit. Solche Tage sind nicht zu vergessen. Sie sind soviel wert wie die Frühlingstage, wenn das Wasser kommt. Man kann das Holz herunterflößen. Das Staubecken muß übervoll sein. Und die Gewalt des Wassers reicht unbedingt aus, das Holz herunterzubringen. Im Tal unten wurde die sogenannte „Wanne" nachgesehe». Das ist das Sperrgitter, das die angeschwemmten Stämme aufhäit. Von dort ans zieht man sie dann heraus, wenn sich das Wasser wieder verlaufen hat. Hier arbeiten die Holzer und warten auf die Flut. Oberhalb des Schwarzen Schrofens rollen die letzten geschälten Klötzer hinunter in das Wasserbecken. Das ist ein Stück saure Arbeit. Da heißt es aufpassen. Wer nicht schnell zur Seite springt, wird erbarmungslos mitgerissen. Aber die Männer sind's gewohnt. Auch die toten können springen. Das poltert nun im Walde von allen Seiten herunter. Die nassen, weißen Kloben rollen und stürzen, donnern über die Felsen und teilen sich in den wilden Wassern ein. Kein Mensch kann glauben, daß es eine Kraft gebe, sie aus dem Verbohren der Felswände herauszureißen. Ueber dem Hauptstaubecken ist droben, gut anderthalb Stunden weiter, ein erster Damm errichtet. Er schwappt längst über und läßt die Wasser hinunter. Sie hämmern jetzt schon gegen die ausgespießten Stämme. Aber alle Mühe ist vergebens. Zuweilen müssen die Holzknechte ljinnnter. Da ist ein Stamm so unglücklich gefallen, daß ihn auch das höchste Wasser nicht erreichen kann. Das kostet bann Schweiß. So klettern auch heute wieher hie jungen Holzerbuben in bie Tiefe hinunter, um hier unb ha bie Hölzer noch zu richten. Die Männer am Hauptbecken wissen bas unb warten barunt. Aber im Augenblick henkt niemanb heran, ob jemanh schon zum oberen Stauhamm hinaufgestiegen ist. Doch heißt es, her Lins stehe oben. Er wolle in einer Stunbe bas Zeichen geben, baß er auSstoße. Sie sollen nur auf bas Feuer achten, bas am Schwarzen Schrofen aufgehen tverbe. Unb wenn es bei bem Regen unb Rebel nicht zu fehen fei, fo wisse man ja hoch bie Zeit. Sie lachen, sie schreien sich etwas zu, aber sie verstehen sich nicht mehr. Die Wasser sinh zu laut. Die Steine rollen, her Sturm bricht in hie Stämme unb schlägt bie Kronen anelnanbtt. Die Männer wissen, jeher steht für sich jetzt auf seinem Platz unb muß achtgeben. Sie sehen nach bem Feuer, aber es ist sinnlos. Der Rebel hängt zu tief, unb es schüttet unaufhörlich noch Nässe vom Himmel. Dem Gachter ist es so, als wenn jetzt eine Stunbe herum wäre. Er versucht, bem Burtscher unten ein Zeichen zu geben. Aber er läßt es sein, benn schließlich muß es jeher wissen, wo er zu stehen hat. Burtscher unb Fritsch, bie beiben jungen Leute, nehmen sich wohl gerade vor, bett letzten Stamm in bie rechte Lage zu ziehen, da sieht es der Burtscher zuerst. Der Fritsch schlägt gerade unter ihm einen Haken in einen Stamm. Der Burtscher schreit auf. Aber bie Fluten bonnern fo bumpf, baß er feinen eigenen geltenben Schrei kaum vernimmt. Wohin soll er benn selber greifen? Die Beine versagen ben Dienst. Jetzt hört auch Fritsch das unheimliche Donnern. Brechen bie Felsen — bricht bie Erbe? Wie eine gelbe, zerbröckelnbe Felstvattb hebt sich in biesem Augenblick eine Wasserwege über ihnen unb schlägt herunter. Burtscher steht gut. Bor ihm ein Felsklotz unb hinter ihm ein Stein. Er ist so'eingezwüngt wie ein Stamm, ben er eben herausziehen wollte. Da verschlägt's ihm schon bie Stimme. Es gurgelt um seine Ohren. Der Munb füllt sich mit Wasser. Die Rase erstickt in bet Flut unb über seinen Schübel trommeln furchtbare Schläge. Wohin bie Hände greifen, das mag Gott wissen. Nur nicht mitgeriffen werben! Jetzt hebt es ihn. Hat er benn keine Kraft mehr? Er ist nur ein Ball. Gottseibank — auf einmal kann er atmen. Der Kopf ist wieher überm Wasfer. Die Füße stehen. Die Knie sinb fest an einen Stein gebrückt. Sie halten. Die Brust keucht. Unaufhörlich stoßen bie Wasser an Leib unb Brust. Beinahe bis an ben Hals wirbeln bie Wellen. Da er nun Luft hat, beginnen bie Arme wieher zu greifen. Jetzt muß es gehen! Die Wasser, bie sich immer aufs neue hinun- terstürzen, bienen als Hebel, unb bet riesige Holzklotz beginnt zu rutschen. Derantwvrtlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühlfche Univerfitätsdruckerei R.Lange, Gießen.