GichenerZamilienbIMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1959 Samstag, den 25. Dezember Nummer 99 Sanfter, wir brauchen dich. Dringender war es nie. Bitten dich inniglich, dich und die Magd Marie. —» Anbetung des Kindes. Von Josef Weinheber. Als ein behutsam Licht stiegst du von des Vaters Thron. Wachse, erlisch uns nicht, Gotteskind, Menschensohnl König wir, Bürgersmann, Bauer mit Frau und Knecht; Schau unser Elend ant Mach uns gerecht! Gib uns von deiner Güt nicht bloß Gered und Schein! Oeffne das Frostgemüt! Zeig ihm des andern Pein! Mach, daß nicht allerwärts Mensch wider Mensch sich stellt. Führ das verratne Herz hin nach der schöneren Welt! Frieden, ja, ihn gewähr denen, die willens sind. Dein ist die Macht, die Ehr, Menschensohn, Gotteskind. Weihnachtsabend. Aus den .Lugenderinnerungen" von Paul E r n st. Das Schlafzimmer meiner Eltern stieß an das Wohnzimmer. Im Winter stellten meine Eltern mein Bettchen in das Wohnzimmer, damit ich es wärmer haben sollte, und öffneten die Tür. Ich wurde schon um acht Uhr ins Bett gebracht, indessen meine Eltern noch eine Stunde im Wohnzimmer blieben. Ich schlief gleich ein, und es war em wunder- schönes Gefühl der Sicherheit, wenn ich durch die Stabe der Bettstelle zu dem runden Tisch schaute, an dem meine Eltern dicht beieinander saßen, vom Licht des kleinen Oellämpchens beschienen, indessen di« Großmutter in der dunüen Ofenecke halb eingenickt war. Da wirrte S schnell der Traum, und was ich am Tage gesehen und gedacht, vcr- ld sich in wunderlicher Weise mit dem Bild vor meinen Augen, das denn nun ’o in traumlosen Schlaf verging. Einmal, das war im Dezember, wurde eine große Hobelbank in die Stube gebracht. Nach dem Abendessen sägte und hobelte mein Vater. Meine Mutter laß mit ihrem Strickzeug auf der anderen Seite der Bank. Ich horteausihren Gesprächen, daß Etwas bevorstand. Ich wurde ms Bett gebracht und sah durch das Gitter. Da sah ich, wie ein ganz kleiner Zaun entstand wie mein Vater ein Türchen hineinsetzte, wie er den Zaun um ein ganz großes viereckiges Brett befestigte, in dessen Mitte ein rundes Loch war. Ich stand in meinem Bettchen auf und fragte, was das sei. Die Mutter kam, legte mich wieder hin, beruhigte mich und sagte: „Das rst der Christqarten". Sie hatte mir schon vom heiligen Christ erzählt, ich wußte, daß der heilige Christ ein kleines Kind war wie ich, und nun dachte ich, daß mein Vater auch noch einen Buchsbaumweg zimmern werde mtt Stachelbeersträuchern zu beiden Seiten, und daß das Christ lind in den Garten auf und ab ging, der I» sein Eigentum war, und sich ad und zu im Garten eine Stachelbeere pflückte. Diese Vorstellungen gingen allmählich in Traum über, und bald war üh m tief em Schlaf. Als ich am anderen Morgen aufwachte, da waren Hobelbank, We kz g und Christgarten verschwunden. Ich fragte stürmisch nach dem Ehr s garten. Meine Mutter schüttelte den Kopf und tat als ob f« n«g verstehe. Ich schilderte ihr den Christgarten mit dem Zaun und der Tür, dem Buchsbaumweg und dem auf- und.m^gchenden Christ kindchen; aber meine Mutter meinte, das müsse ich wohl alles geträumt H^Nun erzählte mir die Mutter, daß jetzt die Zeit nicht mehr fern sei. da das Christkindchen kommt und den artigen Kinern allerhemd Geschenke mitbringt. Es trägt das Christbaumchen ^r Hand »n dem vie e Lichter brennen und Aepfel und goldene und Nlberne Nüsse haimen. Es hat ein langes, weißes Kleid an und hat fange weche Flügell Ich bestürme mein« Mutter mit Fragen, ob das Kmd durch das 1 hereinfliege, oder durch die Haustür und dann die Treppe heraufkomm«, ob auch die Gardinen nicht anbrennen, wenn es zum Fenster herein- », und ob die Kerzen nicht auf den Boden tropfen und häßlich« ' machen. Nun hing ich den ganzen Tag meiner Mutter am Schürzenband, wenn sie in der Küche war oder in der Stube, und wenn ich meiner Mutter nicht habhaft werden konnte, dann wendete ich mich an die Großmutter. Wir alle drei dichteten daran, wie das Christkind seine Kerzen an den Sternen ansteckte, und wie es vom Himmel her« niederflog, und wie es auf der Straße die Leute nach dem Weg fragte, und wie es bei Kaufmann Engelbrecht Einkäufe machte, und war sonst noch geschehen konnte mit ihm. An einem Morgen erwachte ich und sah, wie die Mutter die Stub« aufräumte. Ich stand in meinem Bettchen auf und lachte. Meine Mutter eilte auf mich zu, nahm mich aus dem Bettchen und sagte: Jjeute ist Weihnachtsabend, da kommt der heilige Christ". Nun war den ganze» Tag eine fieberhafte Aufregung. Ich fragte die Mutter, aber sie schickte mich fort und sagte, sie habe keine Zeit; ich ging zur Großmutter, di« saß auf der Fußbank und hatte ihr ganzes Zinngeschirr vor sich stehe». Das Zinngeschirr wurde längst nicht mehr gebraucht. Die Großmutter hatte es in ihrem Koffer und holte es zu allen hohen Festzeiten hervor um es zu putzen; dann schloß sie es wieder sorgfältig ein. Sie erzählte, daß es Teller und Schüsseln für zwölf Personen waren. Wahrscheinlich stammte das Geschirr noch aus früheren wohlhabenden Zeiten der Familie. Auch die guten Messer und Gabeln putzte sie, das waren sechs Paar; der Großvater Ernst hatte sie selber geschmiedet und mit knöchernen Griffen versehen. Das Zinngeschirr ist später verkauft, aber die Messer und Gabeln sind noch auf mich gekommen. Ich setzte mich auf die Erde zu der Großmutter und fragte sie nach dem heiligen Christ, aber sie sagte: „Du mußt mich nicht stören, Junge, ich habe heute viel zu tun, ich weiß nicht, wie mir der Kopf steht". Der Tag war grau, man konnte am Licht nicht recht sehen, welch« Tageszeit es fein mochte. So fragte ich denn die Großmutter: „Ist es bald Abend?" Sie schüttelte den Kopf. Ich lief in die Küche, aus der die Mutter mich schon geschickt hatte, und fragte'die Mutter: „Ist es bald Abend?" Sie sagte geduldig: „Nein, Paul, es ist erst zehn Uhr". Ich fragte sie: „Wie lange dauert es noch bis zum Abend?" — „Wir haben ja noch gar nicht zu Mittag gegessen", sagte sie. Ich wurde zu Keitels hinunterge chickt, wo die beiden Mädchen in der gleichen Aufregung waren. S e erzählten mir von einer Anziehpuppe. Eine Anziehpuppe war auf einen Bogen gedruckt und hatte nur das Hemd an. Neben ihr waren alle ihre Kleider aufgedruckt. Man mußte alles aus« schneiden uni) klebte bann mit Spucke die Kleider auf die Puppe. Die hatte denn ein Alltagskleid, und ein gutes Seidenes und Handschuhe, und was weiß ich sonst Jeßd) für Gegenstände. Die beiden Mäisthen nahmen an, daß das Christkindchen eine solche Puppe bringen würde. Schuster Keitel auf seinem Schemel schmunzelte. Die Ankleidepuppe war nur das Nebengeschenk. Das Hauptgeschenk war für jedes Mädchen ein Paar neue Schuhe, fest, aus derbem Leder, und genagelt. Die Zeit verging bei Keitels, und meine Mutter rief mich zum Mittagessen. Nun kam der lange Nachmittag, der gar kein Ende nehmen wollte. Ich lief auf die Straße und sah zum Himmel, ob ich dort etwas vom Christkindchen sehen konnte. Aber vom Himmel war gar nichts zu merken, denn dicke Wolken hingen tief über der Stadt. Ich lief zurück und fragte die Mutter, ob das Christkindchen sich auch nicht verirren werde, denn man könne vorn Himmel her Elbingerode nicht sehen. Meine Mutter tröftete mich und sagte, das Christkindchen wisse schon Bescheid. Aber mit solchen Antworten, die mir nichts erklärten, kam st« schön an. Ich fragte sie, woher es Bescheid wisse. In der Verlegenheit antwortete sie: „Das lernt das Christkindchen in der Schule". Da fragte ich sie, ob es viele Christkindchen gebe. Das mußte sie ja nun verneine». Aber immerhin hatte ich ja nun eine Anregung für eigenes Nachdenken und ließ meine Mutter für eine Weile in Ruhe. Gegen Abend wurde ich zur alten ©robben geschickt. Dort sanden sich auch die beiden Mädchen von Keitels ein. Die alte Frau faß in ihrem Lehnstuhl, wir Kinder saßen auf der Erde um sie herum. Es war die Dämmerstunde. Sie erzählte uns vom Herrn Jesus, wie eine Zählung war im Lande Galiläa, genau so wie bei uns, wo Onkel Wod« mit einem großen Bogen gekommen war und alles aufgeschrieben hatte. Da hatten sich (eine Eltern einen Esel gekauft und die Jungfrau Maria hatte sich auf den Efe! gesetzt, und der heilige Joseph hatte den Esel am Holster geführt, und so waren sie nach Bechlehem gezogen. Veth- lei)em aber war ein Stall, in dem ein Ochse stand, neben den wurde der Esel angebunden, da wurde der Herr Jesus geboren, und bann fangen bie Engel, unb die drei heiligen Könige tarnen. Sie brachten Gold, Weihrauch und Myrten, und daher kommt es, daß eine Braut am Hochzeitstage ein Myrtenkränzlein trägt. Die alte Frau hatte einen Myrtenstock im Fenster, von dem einst ihr Brautkranz abgeschnitten war, unb st> erzählt« sie denn von ihrem Brautkleid. In dieser Weise verging die Zeit, da wurde leise ange klopft, meine Mutter steckte den Kops durch den Türspalt und nickte mir zu. Ich lief schnell zu lhr hin, sie nahm mich an die Hand, und wir gingen die Treppe hoch. Oben tat sich unsere Stubentür auf, und da stand der Weihnachtsbaum, brennend mit vielen Lichtern, mit Aepfeln und goldenen und silbernen Nüssen, mitten in dem Christgarten. Ich blieb auf der Schwelle stehen und starrte ihn entgeistert an. Der Vater nahm mich auf den Arm, und Mutter und Großmutter zeigten mir die Geschenke. Da war eine Arche Noah, das war ein Schiss mit einem Häuschen darüber; die Fenster waren sauber mit Gardinen bemalt. Noah und seine Familie standen jedes attf einem runden grünen Brettchen; sie hatten blaue Anzüge an, und auf jeder Backe waren sie schön rot. Ihre Augen waren himmelblau, und es war, als ob sie alle lächelten. Man konnte nicht recht erkennen, welches Männer und welches Frauen waren, denn der Teil unterhalb der sehr schmalen Mitte war nur ein ungeteilter Holzpflock. Die Tiere waren sehr viel kleiner und hatten keine Brettchen, auf denen sie standen, so daß sie gelegt werden mußten; aber von jeder Art war ein Paar da: ein Stier und eine Kuh, ein Paar Schweine, ein Paar Schafe, ein Paar Hunde, ein Paar Tauben und wohl noch mehr. Alle Tiere hatten die gleiche Gröhe. Meine Mutter zeigte mir die Menschen und die Tiere, jedes einzeln, und ließ sie in der Hand tanzen. Ich konnte gar nichts sagen vor Glück; aber da wurde ich müde und rieb mir die Augen. Meine Mutter nahm miet) dem Bater ab, zog mich schnell aus und legte mich ins Bett; noch während sie mich auszog, verschwamm der strahlende Weihnachtsbaum vor meinen Augen. Christnacht. Von Ruth Schaumann. Gefrorner Schmerz der Engel, fällt der Schnee Auf meine Stirn vorüber jeder Schläfe Und meine Füße gehn fo bang, als träfe Ihr nächster Schritt auf ein verschneites Reh. Baum wird zum Berg und Straße liegt als Schla Und Strom als Tod, nur Lächeln steht in Hassen Gleich jenem Hirten, der die Stalltür assen und Gott als Kind in einer Wiege traf. La madre de Dios. Von Otto Gmelin. Es war am Weihnachtsabend vor ungefähr 27 Jahren in Mexiko-City. Mitten heraus aus der Feier in der Villa in der Colonia Roma, wie jenes Fremdenviertel heißt, fuhren wir in eine andere Welt. Heraus aus einer für den Weihnachtsabend nach heimatdeutschen Begriffen etwas zu lauten und reichen Feier, wo man schon vor dem Dinner beim brennenden Weihnachtsbaum mit CocktaU Napoleon die Stimmung gelockert hatte. Zur Poularde trank man Chateau Fälan Sögur und zur Eisbombe ich weit, nicht mehr welchen französischen Champagner. Einige Chefs großer deutscher Jmporthäuser mit ihren zum Teil mexikanischen Damen. Ich selber eigentlich Fremdkörper im Kreis. Meine Tischdame, junge Frau eines Bankiers, Tochter eines deutschen Hünen und einer dunkelhäutigen Mexikanerin, trug — ich sehe es heute noch vor mir — ein altrosa Seidenkleid mit motten Goldborden und am bräunlichen Hals eine Kette echter mattbläulicher Perlen, die erste, die ich am Hals einer schönen Frau sah. Mein Spanisch reichte eben, um mit ihr die Sprache zu sprechen, die ihr am meisten lag. Ihre Kohlenaugen, aus einem ovalen, ebenmäßigen, leichtgepuderten Gesicht leuchtend, fesselten sofort, weil sie eine träumerische Sanftmut verrieten. Ich weih nicht, wovon wir sprachen, aber sehr bald war das entstanden, was man Kontakt nennt. Erst war es mir nur interessant gewesen, mit so einer hübschen, exotischen, eleganten Erscheinung zu plaudern, dann aber war alles, wie sie sagte, wie sie lächelte, wie sie ernst wurde und wieder aufleuchtete, mehr als Form, und ich gewann Freude an diesem zwar ganz leichten, aber darum doch mit wärmerer Teilnahme geführten Spiel. Nach dem Essen sahen wir in einer Nische zusammen. Die Rede kam auf deutsche Weihnachten; ich erzählte von ben Kindersreuden dieses Festes. Sie wiederum gestand, feit ihren Mädchentagen sei das schönste an Weihnachten die große Nachtmesse in der Kathedrale. Dann huschte jenes lievliche Aufleuchten über ihr Elfenbeingesicht: Wir wollen heute in diese Messe fahren, sie wolle sie mir zeigen; ich müsse das sehen, das gehöre zu Mexiko; draußen schlafe der Chauffeur in ihrem Auto, der uns hinfahren könne. Und schnell — mit eben jenem warmen Lächeln — erwirkte sie die Genehmigung ihres Gatten, obwohl er, aus kleinen alkoholischen Augen zwinkernd, diesen Plan absurd sand. Eine halbe Stunde spater surrten wir durch die Asphaltstraßen der nächtlichen Stadt, den Paseo de la Reforma hinunter. Aber in dem Augenblick, als ich allein neben ihr im Wagen sah, neben dieser schönen fremdartigen, eleganten Frau, überkam mich erst die ganze Wunderwelt dieses Abends und die dankbare Hingezogenheit zu ihr. Sie selber sprach von der Mutter Gottes, madre de Dios, ohne die sie sich das Weihnachtsfest nicht denken könne. Ihr Parfüm und die tiefe Fülle ihrer Stimme steigerten dies warme Mitgehen meinerseits. Cs war spät. Die Orgel brauste uns schon entgegen. Wir trennten uns. Ich schlich in eine Ecke auf der Männerfeite. Sofort umhüllte mich der große Barockraum mit feiner einzigen wogenden Fülle von Licht. Taufende von Glühbirnen und Kerzen wirbelten aus allen Ecken, Nischen, Kapellen, ein tobendes Geflimmer, und durck) das Lichtgetöse dröhnte und quirlte die Orgel. Obwohl ich in wenigen Augenblicken im einzelnen alles vergessen hatte, was in den Stunden vorher gewesen war, war ich doch dadurch aufgeschlossen und verwandlungsfäbig, bereit zur Entrückung. Ich erlebte kaum mehr das Besondere der Feier; nur dies „Madre de Dios" drang zum Bewußtsein, mein Körper wurde davon burdjriefelt und durchtränkt. Ringsum flutete Licht, brach fick) am Malachit der Säulen, zerriß sich, wendete sich, füllte die Wett, füllte mich selber. Die matten und dunklen Farben von Heiligenbildern, die ich nicht im einzelnen erkennen konnte, die satteren, tieferen der Stoffe, das Gold der zahllosen geschwungenen Leuchter, des riesigen Hauptaltars, brannte verhalten. Die Wölbungen erschienen farblos, nur aus Schleiern von Weihrauch und zartem Licht, fo daß sie die Endlichkeit des Raumes zugleich verbargen und ahnen ließen. Und als alles zu Ende war, fand ich mich plötzlich, noch kaum diese Wirklichkeit um mich begreifend, von der drängenden Menge geschoben, draußen in der kühlen Tropennacht, zwischen blauen bleichen Scheinen von Bogenlampen und pfeifenden, surrenden, hupenden Autos. Plötzlich dann, während ich an der Mauer entlang ging, dem Orte zu, wo wir uns zu treffen vereinbart hatten, in der Dunkelheit zwischen Schatten von Pfeilern und massig schwarzen Baumkronen, war ein Laut neben mir, der durch den Lärm der Autos und der sich zerteilenden Menge fremd hindurchgesickert war. Ich wandte mich: In der Ecke eines Sockels gekauert — an der Erde —, ich erkannte erst nach und nach, meine Augen gewöhnend, was da war — ein schwacher Schein; er muhte durch die Blätterlücke des nahen Baumes von einer Bogenlampe her kommen. Aber der schwache Schein umgab seltsam das Haupt eines Jndioweibes, das junge bräunliche Gesicht einer Frau, die in Lumpen gehüllt in der Ecke hockte. Jetzt sah ich es deutlich: sie hielt in einem Bündel ein Kind an ihre entblößte Brust, an der die zuckenden, gierenden Händchen des Kleinen fingerten. Ich blieb stehen, nur einige Augenblicke; über mir warfen sich die Töne der Glocken gegen das gewöhnliche Hupen und Quietschen,der Wagen und das tausendfältige Gewimmel der Menge. Aber unbemerkt von allen saß hier in der Finsternis und Verborgenheit der Zeit die Gottesmutter, Gott selber an der Erde, vom bläulich silbernen Schein der ewigen Liebe umstrahlt. Das Weib schlug die Augen auf. Und da fühlte ich es wissend: es waren dieselben kohlschwarzen, inbrünstig mütterlichen Augen wie die meiner Tischnachbarin. Ihre Lippen bewegten sich: „Madre de Dios" verstand ich, sonst nichts. Ihre weiche, gekrümmte Frauenhand streckte sich mir entgegen. Ich legte ein Geldstück hinein. Im selben Augenblick fiel mir ein, daß man mir erzählt hatte, meine Tischnachbarin sei guter Hoffnung. So wurde seltsam auch diese Huldigung, denn es war kein Almosen, was ich gab, zu einer Huldigung der anderen ober vielmehr beide waren ein und dieselbe. Als ich zum Auto kam, saß meine Gefährtin schon in feinem Dunkel und lächelte abwesend. Ich sauste neben ihr durch die Nacht. Wir sprachen nichts. Erst als der Wagen draußen beim Cuautemoc-Denkmal links einbog, begann ich zu erzählen, gehemmt, langsam, von der Gottesmutter im Dunkel. Ich fühlte den fragenden Blick aus den dunklen Augen, das zitternde Staunen. Aus dem Ausschnitt ihres Halses zwischen Pelz und altrosa Seide glänzte matt die Perlenkette auf ihrer Haut. Und bann, als ich mit meinem Bericht zu Ende war, fügte ich zögernd, mich besinnend hinzu: „Glauben Sie nicht, daß jedesmal Gott geboren wird, wenn eine Mutter ein Kind zur Welt bringt? Cs ist immer eine Weihnacht." Es blieb still. Hatte ich sie in ihrem Glauben verletzt, der solche Deutung leicht als Lästerung verstehen konnte? Ich fürchtete es fast. Wir fuhren an einer Laterne vorüber; einige Herzschläge lang sah ich ihre weichen fraulichen Züge; ihre milden Augen — die Annen jenes Weibes in der Ecke — sahen mich groß an, ein Blick wie der Flügelschlag des verkündenden Engels. „Madre de Dios" dachte ich. Nein, sie hatte mein Wort nicht mißdeutet. Ich hörte Glocken und Orgel. Da hielt der Wagen. „Mei^nachtskunst." Von Dr. Johannes Günther. Manch einer wird jetzt wieder Ernst Moritz Arndts „Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann" zur Hand nehmen, weil es ein wundersam starkes Trostbuch ist. Mit einer stillen Weihe gibt es dem Soldaten bas Schwert in bie Hände, und die Hänbe falten sich unb er barf beten. Cs ist ein männliches Trostbuch. Wer es anbächtig lieft, ber fühlt sich unter das Schicksal gestellt, ber fühlt sich berufen, der wirb bescheiden — gerade im Bewußtsein seiner Kraft. Der Leser dieses Büchleins lernt, wie auch der Krieg ihn umdrängen mag, warten unb hoffen unb vertrauen. Ein Ehrenplatz ist es, an ben er gestellt würbe; er ist stolz barauf unb bankbar unb still Wer von biefer Gesinnung, von dieser Arndtschen, biederen Frömmigkeit erfüllt ist, der vermag in der Kriegszeit Weihnachten zu feiern, der wird mit dem begnadet worum ein Liederdichter, ber im bitterlichsten aller Kriege, im Dreißigjährigen, ausgewachsen war, betete: 0 Jesu, schöne Weihnachtssonne, Bestrahle mich mit deiner Gunst, Dein Licht fei meine Weihnachtswonne Und lehre mich bie Weihnachtskunst, Wie ich im Sichte roanbeln soll Unb fei bes Weihnachtsglanzes voll. Eine „Kunst" ist nicht etwas, was jcber ohne weiteres bat, eine Kunst ist etwas Besonderes, ist eine Veranlagung, die ausgebildet und geübt werden muß, daß sie dem Begnadeten selber unb allen, bie an ber Schönheit des Kunstwerks teilnehmen dürfen, zugute kommt. Was Ist „Weih- nachtskunlt?" Die Fähigkeit, im Dunkeln das Licht zu sehen, in Schwierigkeit, in Sorae, Not und beänaftigenben Eindrücken zu verträum, zu glauben unb sich der Liebe zu freuen, die ja dock, noch, froh allem untä-ckich vielfachen Leide, wie ein lind wärmendes Tuck, über bie Welt hingebreitet ist. Diese Weihnachtshinft hat mancher Soldat in sich entdeckt und hat sie weiter gegeben, hat sie in Brieten ben Daheimgebliebenen wie ein Vermächtnis, wie ein Sakrament ^gereicht. „Bei uns roejhnarhtet es sehr, schon seit Wochen", schrieb einer 1014. „In ben weilten Bäckchen, bi» wir erhalten. sind Tannen^weiae. Ich habe einen Stützbalken in meiner Deckung ber ift aant verliert nut deutschem lannenreis unb Weihnachtskarten. Das muß ein schönes Weihnachten werden in Feindesland, weil wir uns ganz wie Kinder darauf freuen wieUeider schon lange nimmer. Hier ist einem die Friedensbotschaft recht lieb und in ihrer Grütze verständlich. Der Schrecken der Schlacht hat mein hartes Herz nicht erschüttern können. Ich bin blotz kaltblütig und gleichgültig gegen Gefahren geworden. Früher betete ich: ,Herr, erschüttere mich datz ich dich erkenne!' Aber nun geht's mir wie dem Propheten, daß Gott sich mir in stillem, sanftem Sausen kundtut. Es ist etwas Wunderbares und viel größer als die Schlachtenstürme, als der Kampfesmut der Krieger diese Liebe, die wir hier im Felde erfahren dürfen." ■ »Den Heiligen Abend", schrieb ein anderer 1915, „verbrachten wir in der Feuerstellung, jeden Augenblick gewärtig eines Angriffs. Ich war dazu noch Wachthabender, und nie vergesse ich den Zauber dieser Nacht auf der unermeßlich weiten Ebene im Scheine des Mondes. Viele Gedanken kamen einem da und kreuzten sich mit den Gedanken all der Lieben, die in dieser Nacht an uns dachten. Schwarz und drohend lagen , die Geschütze. Aus einem beleuchteten Unterstand klang es trotzig: ,Ein' feste Burg ist unser Gott.' Das war unsere Weihnacht. Mit dem Feinde Äug' in Äug'. Die Feiertage verbrachten wir in der Stellung. Gestern war Rasttag, und heute sind wir schon wieder in der Stellung. Erst deuchte mich Weihnachten Hohn und Spott: .Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!' Aber freilich, es ist der Friede des Herzens gemeint, und den haben mir; wenn's auch in diesen Tagen das Gemüt mehr als sonst nach der Heimat zog, immer wieder sagten wir uns: wofür wir hier kämpfen und entbehren, es ist die Gesamtheit, es ist gut, daß wir hier liegen; und wenn wir fallen, so ist's unsere schönste Vollendung. Das bringt den Frieden mit sich selbst." Im Jahre 1811, also noch in trüber, schwerer Zeit, dichtete Ernst Moritz Arndt sein — seitdem wohl ungezählte Male unter dem Weihnachtsbaum gesprochenes — „Gebet eines kleinen Knaben an den heiligen Christ". Wer aufmerksam in die Verse hineinhorcht („ ... damit wir sollen weiß und rein ... damit wir sollen himmlisch sein ... o bade mir die Seele hell in deinem reichen Himmelsquell ... o mache mir den Busen rein .. !"), der muß ja svüren, daß hier Unkindliches ausgesagt wird. Es kommt uns vor — und das ist eine rührend-schöne Vorstellung — als stünde oder kniete im Lichterglanz hinter dem kleinen Sprecher ein erwachsener, von Leben und Lcbensnot geprüfter Mensch, halte seine Arme um den kleinen Leib, falte seine Hände über den Händchen und bringe das Anliegen seiner . Seele durch das geliebte Kind vor Gottes Ohr Weibnachtsfrübe. Von Hans Friedrich Blunck. So still der weiße Wald vor meinem Fenster Und ohne Wind der dunkle Tann im Norden; Es ist, als sei er müd der Heimlichkeit Des heil'gen Fests, das ihm zur Nacht geworden. Als hält' nicht nur in unfern Hellen Kammern, Als hält' im Walde auch viel Licht gegeistert Und alle Tiere, alle Bäume ruhten Und fei’n noch müd, vom Schlummer mild gemeistert. Und glaubten kaum dem neuen Tag, dem Glanz, Der aus der Höhe steigt, da Wald und Auen Noch von der Feier träumen — lächelnd schweigen Und viele Lichtlein ihrer Liebe schauen. Der aold-ne Apfel. Bon Annemarie von Puttkamer. Bevor der junge Buchhändler Friedrich Perthes am Weihnachtstage des Jahres 1796 seinen Laden abschloß, warf er noch einen letzten . liebevollen Blick zurück auf seine Schätze, die da sauber aufgereiht standen in den hübschen Bänden, in denen er sie alle, zum größeren Anreiz der Käufer, hatte binden lassen. Ja, das Geschäft konnte sick> sehen lassen! Aber es lohnte auch alle Mühe, die er daraus verwandte. Zur Michaelis- Messe, vielleicht schon zu Ostern, konnte er seine Schulden abzahlen. Der junge Mann konnte ein Gefühl überlegener Zufriedenheit nicht unterdrücken, als er jetzt auf die schon völlig nachtdunkle Straße hinaustrat. Hatten nicht alle den Kopf geschüttelt, als er vor einem halben Jahr, ohne einen Taler eigenes Kapital, aber mit dem ganzen unbekümmerten . Mut seiner 24 Jahre, hier in Hamburg eine Sortiments buchhandlung eröffnete! Oh, er wußte, was er tat und was er wollte! Wie viele große Gedanken wurden jedes Jahr in Deutschland gedacht, wie viele herrliche Werke geschrieben! Was nützte das aber, wenn das breite Publikum sie nicht las, sondern sich stattdessen an schmutzigen und seichten Romanen ergötzte! Der Buchhändler war der Mann, der die Werke der Dichter und Philosophen unter das Volk bringen mußte, ein getreuer Diener des Geistes. Der Geist brauchte solche Diener. Spielte doch auch der größte Orgelspieler vergeblich, wenn der Bälgetreter fehlte! Unter diesen Gedanken hatte Perthes die noch recht belebten Straßen der Stadt verlassen und war aus die einsame Landstraße hinausgelangt. Cs lag nur spärlicher Schnee, aber dieser war festgefroren und knirschte unter den Schritten. Droben sunkelten die Sterne am Winterhimmel in. unwahrscheinlicher Pracht. Der Wanderer schritt rüstig aus. Es war em tüchtiger Fußmarsch bis Wandsbeck, wohin fein väterlicher Freund I a - t o b i ihn eingeladen hatte, um den Weihnachtsabend mit ihm und einigen Freunden zu feiern. Den Tag, als dieser verehrte Mann zum ttftenmal seinen Laden betreten hatte, rechnete er zu den glucknchsten seines Lebens. Jacobi hatte ihn gelehrt, daß nicht der Verstand das Höchste vollbringt, sondern allein das Gefühl, er hatte ihn gelehrt. Den Impulsen dieses Gefühls, das er bisher immer unter Kontrolle gehalten hatte, zu »«■trauen und nachzugeben. Durch Jacobi roar er auch m den Kreis dedeutender Menschen gekommen, die in Hamburg oder Wandsbeck oder Mtreut im Holsteiner Land lebten. . , . .. Da roar Claudius zum Beispiel, der „W a_niD s b e cf e r ® ot e , Ml en Haus dort fast am Eingang des reinlichen Ortes auftauchte, aber heute stumm in Dunkel gehüllt lag, -in Beweis dafür, daß «r mit keiner ganzen Familie sich heute ebenfalls bei Jacobi im „Schlößchen" befand Eine seltsame Freundschaft zwischen den beiden Männern! Der reiche weltgewandte Kaufmann und Philosoph, der edle Menschenfreund, der sicy ausschließlich von dem Gefühl in seiner eigenen Brust leiten ließ, und der blutarme fröhliche Dichter, der fast ganz im Kreise seiner eigenen v