Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <939 Montag, den 23. Oktober Nummer 82 Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heyntcke Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgart 17. Fortsetzung. Er bentt nur an die Luftreise, an seinen Triumph über Vivian — und dann — dann — gerät auch Ann in seine Gedanken. Sie Ist schon die Nachhut seiner Träume, das Herz ist rasch über den Schmerz hinweggehüpft. Um die gleiche Stunde bewegt sich Vivian Morelands Herz und sendet seine Empfindungen in eine Richtung, die es sonst mit Barrikaden verbaut. Vivian läßt durch den Pförtner Crapulleaux in dem Hotel in der Rue Lasayette anfragen, wo Lord Jllington sei. ' Eine Stunde später steht Gilbert vor ihr: „Entschuldigen Sie, Miß Moreland, daß ich grob gewesen bin und gesagt habe, ich könnte nicht 'liegen!" Ihre Hände flattern verzeihend: „Vergessen!" »Lanke! Sie haben Nachricht von Ann?" Er ahnt, daß sie keine hat. „Nein!" ,Zch dachte, weil Sie nach mir geschickt haben! Ich bin nicht so kühn anzunehmen, daß Sie um mich Sorge gehabt haben?" „Doch. Aber bilden Sie sich darauf nichts ein! Schließlich sind Sie mein Landsmann, nicht wahr?" „Gewiß. Alle Engländer müssen zusammenhalten!" grinst er. Was für eine Ironie ist in seiner Stimme! denkt Vivian miß- lrauisch. Sie kann es nicht leiden, wenn ihr irgend jemand überlegen ist. Von Gilbert wäre es ein Frevel und wider alles Herkommen. „Sie sind heute so angriffslustig", bemerkt sie prüfend. „Aber Miß Moreland", erwidert er freundlich, „gegen Sie komme ich niemals auf." „Hm", macht Vivian unsicher. Dann sagt sie nach einigem Schweißen: „Wissen Sie, ich will mich nicht mehr bloßstellen! Meine Ant- vorten mißfallen Ihnen ja doch und dann erzählen Sie daheim, Vivian Moreland ist schlimmer als je. Und wenn ich wieder einmal in das nebelige England komme, ladet mich keine Seele mehr ein!" „Glauben Sie das ja nicht!" erwidert Gilbert begeistert. „Ein gutes Wort ist wie Arznei: Und Sie haben soviel Arzneien in Ihrer Apotheke, daß man sie mit Vergnügen schluckt, weil man hofft, daß Sie sich bald terausgabt haben! Die Armen! Da irren sie, was? In Ihrem Alter ist » ganz gleich, was die Leute denken! Aber Sie werden sagen, Sie hätten eine außerordentliche Weisheit erworben, die Sie liebenswürdig unter die Menschen verteilen. Man wird sich bald auch die Anekdoten ton Ihnen erzählen, die Sie gar nicht erlebt haben!" „Daß Sie mich an mein Alter erinnern und mich eine Apotheke nennen, ist niederträchtig. Eine gute Weisheit wirkt übrigens immer", belehrt sie ihn, „es kommt nur auf das Temperament an, mit dem n>an sie vorträat! Aber Sie sind so gesprächig, mein Junge?" Vivian wundert sich über die Wandlung, die Gilbert durchgemacht hat. Tie sagt es. Aber Gilbert bestreitet jede Veränderung. So etwas gäbe es nicht, oder er müße heucheln, und das habe er nicht nötig, es fei zu anstrengend, !«gt er. „Gilbert", flüstert Vivian weich, „ich habe nur aus Schüchternheit einen I® großen Mund! Wenn ich ihn nicht aufreiße, reißen ihn die andern auf Und fressen mich, verstehen Sie?" Gilbert versteht, daß Vivian in der seltenen Stimmung ist, zu beichten „Ich bin auch keine starke Frau. Ich habe Angst um Ann. Furchtbare Angst. Ich habe telegraphiert, ja; aber es konnnt keine Depesche ^ehr nach Paris! Gilbert, ich sehe ein, wir können nicht fort. Wenn bce keine Sorge haben, mit einer alten Frau ins Gerede zu kommen: üehen Sie zu mir! Wir wollen uns zu zweit ängstigen! Es ist be- kchigender!" „Nein, Miß Moreland", sagt Gilbert, „ich will nicht bei Ihnen lvhnen!" „Warum nicht?" fragt sie. „Ich bin eine alte Apotheke und harmlos!" „Weil ich Paris verlasse, Tante Vivian." Ha, jetzt hat er seinen Pfeil abgeschossen. Auf den Augenblick hat er gewartet. Und wie erfreut sich Gilbert an Vivians erstauntem Besicht! „Sie verlassen Paris? Das ist doch nicht möglich!" „Doch", flüstert er geheimnisvoll. Vivians ungläubige Mienen bereiten ihm em maßloses Vergnügen. „Haben Sie Helfer?" „Ja", flüstert er, „großartige Helfer!" Dann blitzt Mißtrauen: „Junge, Sie lügen! Wie wollen Sie das machen? . 6*n verpflichtet, zu schweigen!" erwidert Gilbert. Er flüstert “wtter noch. Das Flüstern wirkt auf Vivians Reugier wie Brutalität Er lockt Vivian, aber er meint es nicht ernst: „Kommen Sie mit, VivianI Sie lieben doch Gefahren!!?" wehrt ab: „Gefahren? Mein Junge, ich habe höchstens einmal gesagt, daß ich mich nach einer Gefahr gesehnt hätte, wenn ich ein Mann wäre! Aber da ich eine Frau bin, weshalb sollte ich mich in eine Lage begeben, der ich nicht gewachsen bin? — Aber Sie können meiner Neugier auf tneJBeme helfen, wenn Sie mir sagen, wie Sie herauskommen", bettelt ne, „ich konnte Ihren Weg so schön auf meiner Landkarte ver- folgen! sagend" fein ^dauern über sie aus: „Leider darf ich es nicht „Wer hat Sie denn aber auf den Plan gebracht?" „Ein Traum, denken Sie, ein Traum!" , "Sie sind verrückt!" erwidert sie überzeugt, daß Gilbert sie verspottet. Aber sie fordert: „Erzählen Sie ihn und lügen Sie mir nichts vor! „Das wäre schon Verrat an dem Geheimnis", lacht Gilbert und erhebt sich. „Ich schicke Ihnen mein Gepäck! Das kann ich nicht mitnehmen! Leben Sie wohl! Sie hält ihn fest: „Sagen Sie, daß Sie ein Gauner sind, Ihren Scherz mit mir treiben und schwindeln!" Er lacht. Er umarmt sie. So hat sie ihn umarmt, als er kam. So umarmt er sie, als er geht. Ihre Hände sinken. Die Tür wird langsam ms Schloß gedrückt. Gilbert läßt Vivian im Schoße der Neugier zurück. Er weiß, sie wird lange nach dem Brunnen des Wissens dürsten und ebensolange ihren Durst nicht löschen. Vivian aber meint, als er gegangen ist, zu Jeanette: „Er ist Marn Durhams Sohn, ich sage es ja immer: hinterhältig und gerissenl" Es ist Nacht, als Gilbert zum Gare d'Orleans pllgert. Er geht zu Fuß, um das Geheimnis zu wahren und den Kutscher Blanebois nicht in Gefahr zu bringen, sich durch Neugier zu versehren. Niemand weiß, wie lange Paris abgeschlossen bleibt von der Welt und von Frankreich. Vielleicht müssen viele Ballone aufsteigen, um über die tagstrahlende ober nachtschwarze Brücke der Luft ein Echo der Rufe zu bilden, die Paris ins Land sendet. Der Orleansbahnhof hat sich verwandelt. Die Schienen feiern, di« Waggons sind eingezogen, die Maschinen erkaltet. Er gleicht der geheimnisvollen Werkstatt irgendeines urmärchenhaften Wclldkönigs: Die Halle erhöht den Eindruck des Unirdisch-Unter- irdischen noch. Der Waldkönig ist Herr der Drachen und Ungeheuer: er erschafft sie Bereiten da nicht Gnomen ein riesiges Spinnennetz? Es sind Godards Matrosen und Schüler, di« das Tauwerk des Ballons flechten. Und dort wird die Haut eines Ungeheuers von den Dienern eines Waldschratts mit jenem geheimnisvollen Oel bestrichen, das den Drachen unverwundbar macht und ihn selbst dem höllischen Feuer gewachsen Zeigt! Es ist aber nur die Ballonhaut aus schlichtem Perealine, und Oel ist es in der Tat, das Arbeiter darüberstreichen. Es macht freilich nicht unverwundbar, aber es wird verhindert, daß die Füllung aus der gewaltigen Kugel entweicht. Was ist das für ein« Gruppe, ameisenhaft im schattenreichen Halblicht um einen riesigen Fremdkörper geschart? Arbeiter bringen die Gondel in besten Zustand, sie prüfen Ballast, Enterhaken und Taue. Es ist alles strenge nüchtern« Arbeit und kein Märchen. Es wird in Zwei Schichten geschafft, Tag und Nacht, jede Schicht zwölf Stunden. Dennoch kommt sich Gilbert verzaubert vor, als er von Eugen Godard durch di« Räume geführt wird. Noch hat er festen Boden unter den Füßen, aber in wenigen Stunden hebt er sich einem Wandervogel gleich in di« Lüfte. Doch wird die Freiheit feines Willens dort wie hier nicht mehr sein. t5 nid ä<«l Gitter quer durch den Strom. Langsam saugt sich, von mächtigen Gasrohren gespeist, der Ballon voll. Rascher und höher schlägt Gilberts Herz. Seine eigene Jugend, die doch, ach, noch gar nicht dahin ist, lacht ihn voll Erinnerung an. In Wahrheit: aus einmal hat er die alte ewig junge Freude an der Gesahr. Weshalb auch nicht? Hat er nicht erst sechsundzwanzig Frühling erlebt? Aber benimmt er sich nicht in den letzten Jahren gesetzt und gelassen wie ein Greis, der zweiundsiebzigmal dem Herbst angehört hat, mit verdicktem Blut und einer aufgepfropften Scheinweisheit, die sich aus einem Dutzend Gemeinplätze zusammensetzt? Oh, vielleicht hätte Gilbert diese Fahrten nie aufgeben sollen! Mein Herz hat gewiß Mut, denkt er jetzt, aber es liebt die Ruhe zu sehr. Es vergehen mehr als zwei Stunden, bis der Ballon gefüllt ist. Dann wird der Korb in den Hos gefahren, Taue werden geknüpft, bald find auch Ballast und Anker befestigt. Gilbert kennt alle Hantierungen, sie beglücken ihn. Daß er aus einer belagerten Festung aufsteigt, vergißt er beinahe aus Freude am Sport. Jetzt aber trifft der Wagen mit den Depeschen und den Brieftauben ein. Herr Prince hat es offenbar geahnt, denn auf einmal steht «r im | Hofraum. Postdirektor Rampont schüttelt Prince heftig die Hand und übergibt die Depeschen und die Tauben. Prince macht ein Gesicht wie ein Träumer, er scheint feinen eigenen Willen verloren zu haben, er handelt nicht, er läßt geschehen. Doch ist es keine Furcht, sondern die Gewalt des Außerordentlichen, die ihn befangen macht. Jllington bleibt im Hintergrund. Der Hof und der Bahnhof haben viele Schatten zwischen dem mageren Licht, von daher kann er alles beobachten. Godard hat ihm eine gewisse Zurückhaltung empfohlen. Run hängen die Matrosen den Korb an die Gondel. Eugen Godard nähert sich Gilbert: „Es ist Zeit." Dann zählt er ihm hastig, wie der Lehrer dem Schüler Examenswinke gibt, Griffe und Handhaben auf, die bei der Landung notwendig fein könnten, wohl wissend, daß Erfahrung nicht soviel wert ist, wie die Gegenwart des Geistes im Augenblick der Gefahr. „Ich verlasse mich auf mein Fischblut, lieber Godard! Sehen Sie, meine Hand zittert nicht!" „Ein wenig doch?" neckt Godard und hat recht. „Vor Freude, mein Lieber!" „Mögen Sie Ihre Braut finden, mein Freund!" „Ich danke Jlmen", erwidert Gilbert. Er schämt sich, bas Wort „Braut" donnert in seinem Gewissen. Ueberbies hat er in ben letzten Stunben nicht an bie verlorene Geliebte (an bie geliebte Verlorene) gebacht! Wie rasch brennt bas Feuer der Liebe herunter, wenn es nur vom Stroh der Einbildung ober vom grünen Holze ber Täuschung genährt wirb! Der Direktor Rampont umarmt unterbes Herrn Prince. Rampont lernt Gilbert als einen Mitarbeiter Gobarbs kennen. Er umarmt auch Gilbert. Es ist alles sehr seierlich, finbet er. Jllington, sonst voller Zurückhaltung, möchte mit einem groben Wort die gefühlsübersättigte Stimmung zerschlagen. Aber ihm fällt kein grobes Wort ein. Es ist ein Mangel, daß er eine zu gute Erziehung genoffen Hal. »««6 e- A, um Ser 2 *.5)a sorben ’ju f mit il ' ihr ins fi *. üorot si S»! * in 2* ”4 Inzwischen nimmt die Gondel die Poftsäcke mH den Depeschen auf. Der Käsig mit ben Brieftauben hängt am Takelwerk. Herr Prince hat ben Schottenschal um feinen Hals gelegt. Der ent- scheibenbe Augenblick findet ihn in königlicher Haltung. Bürde verleiht ^Twch wartet er, bis Gilbert in die Gondel steigt. Dann folgt er ihm. „Ist es soweit?" fragt er. Seine Stimme ist dünn. „Wir wollen nicht mehr zögern, dieses Warten ist schrecklich" Gilbert gibt das Kommando. Die Matrosen bassen die Halteseile los. Der Ballon schwankt hin und her, ungefüg und ungestüm, bann steigt er ter 3n?egle%en Augenblick erhebt sich die Sonne über den Honö°nt und beginnt bie Verfolgung ber Nacht. Die Dächer von Pans glühen auf. Als der Ballon steigt, wird bas Land geöffnet wie ein Buch, und von Minute zu Minute blättert eine neue Seite auf Jetzt packt ein Luftstrom bie riesige Kugel und bläst sie an. Sie dreht sich um sich selbst. Der Ballon tanzt. Dann fliegt er langsam in sudwest- Aber 'noch^schwebt er über Paris. Als eine Kette aus starken Knoten legen sich die Festungswerke um bie Stabt Kein Laut stößt bie Erde in bas Schweigen des Aethers hinauf. Doch: Rauchwölkchen ballen sich über einem ber Forts. Bald erreicht ber Donner eines abgefeuerten Kanonenschusses bas Ohr ber üuftfrt)rffer- Gilbert versucht mit Neugier ben Aufschlag ber Granate festzuftellen, aber er hat wohl die Sekunde verfehlt, es gelingt ihm nicht. Herr Prince hat auf einem seiner Postsäcke Platz genommen. Er sitzt wie in einem Eisenbahnabteil, bas Kinn auf die Hand gestutzt, mit schläfrigen Augen. Am liebsten, fo scheint es, hätte er sich in bie Erbe verkrochen, statt in bie Luft zu steigen. "... , m Gilbert meint, Herr Prince möge Jemen Blick einmal von Ballast unb Postsäcken unb von ber Korbwand' wegnehmen und bie unter ihnen fliehende Landschaft betrachten. Diese Fahrt sei, mag ihr auch einige Gefahr innewohnen, ein zaubrifches Vergnügen. Ein solches wurde nicht noch einmal den Lebenslauf des Herrn Prince unterbrechen. Ja gerade die Gefahr fei es, bie für einen Mann ein solches Unternehmen in den Himmel höbe, buchstäblich, sozusagen. .. „Die Verantwortung, Herr!" singt Prince bte Melodie, bie er schon auf Erben angeschlagen hat. , t» , Die muß man, zum Donner, freudig und mcht mit Seufzen tragen! Gilbert ärgert sich. Da sitzt eine Unke und unkt Mißmut. Mißmut ist der ''Men ■’.M ffttai 1 :«liei Jna * feti h (Q. 'Nen «S un .?«-> A ®N *krii Hn !' dem Sei Stu S w 1' "le d h «i 8?1 •4 Wo auch von Paris aus er marschiert ober fährt, Immer wird kk auf ben Ring ber Deutschen stoßen. Wann auch immer er sich ber Lust anvertraut, nicht lern Wille lenkt das leichte Gefährt, sondern ber Wind, ungewiß unb unberechenbar. Godard macht Gilbert mit Herrn Prince bekannt. Herr Prince sitzt in einem ber Nebenräume des Bahnhoss. Ein unbewegtes Gesicht über einem hochgeschlossenen Mantel. Der Mann verharrt in einer starren Haltung wie eine Statue. ,, _, , , . . _ Aus seinen Knien liegt ein dicker schottischer Schal, oben tn ber Luft wird er ihn um feinen Hals schlingen wie ber Sdjlangenbanbiger eine Schlange. ... .. , Herr Prince lächelt krampfhaft: „Ich bin sehr nervös, mein Herr! „Es ist bie ungefährlichste Sache von der WeU!" verkündet Gilbert prophetisch und fügt heiter hinzu: „Wenn wir Glück haben!" „Glück ...", sagt Herr Prince. lieber seine starren Züge huscht eine Wolke ber Verträumtheit. „ „Das Glück hat Flügel! Es ist allem Fliegenben gutgesinnt, also auch unfern Ballon!" versetzt Gilbert mit Feuer. „Darum trägt er auch ben Namen des Glucks , lächelt Godard, „wir haben ihn ,La Fortune' genannt." Plötzlich wird Herr Prince lebhaft: „Denken Sie nichts Schlechtes von mir. Ich bin nicht etwa nervös aus Furcht! Ich bin erregt wegen der Verantwortung, die auf mir ruht! Bedenken Sie! Ich erwarte zweihundert Pfund Depeschen! Dazu vier Brieftauben! Ist der Wagen der Postverwaltung noch nicht da?" wendet er sich an Godard. „Es ist noch viel Zeit", beruhigt der Luftschiffer. Er lädt ihn em: „Wenn Sie ein wenig umhergehen wollen?" Herr Prince winkt ab und nimmt feine vorige Haltung wieder ein. Er sitzt da wie eine ägyptische Sphinx, der man einen Schnurrbart unter die Nase geklebt hat. Die Nacht herrscht noch königlich und voller Sterne, als Godard bie Richtung des Windes feststellt: „Nordostwind", sagt er. „Treibt nach Südwest!" Gilbert ist zufrieden: er wird aufsteigen! Der Luftschiffer prüft das Wetterglas. Dann stößt er in ein Signalhorn, um feine Helfer zu rufen. Die Füllung des Ballons beginnt in der der Seine zugewandten Seite des Hofes. Man könnte Paris auch unter Wasser verlassen, wenn ein solches Geführt erfunden märe. In der Tat hat die Postoerwaltung kleine Glasgefäße mit Nachrichten, Flaschenposten gleich, in die Seine geworfen, um so Depeschen aus ber Festung in die Freiheit des Landes zu schicken. Die Deutschen kommen jedoch bald hinter diese Versuche und ziehen Geselle des Unheils. • .. . . , Gewiß, gewiß! Allein —" sagt die Unke. „Daß ich es Ihnen gestehe! Ich habe mich nicht ohne Egoismus zu dieser Reise gemeldet! . Der Ballon treibt rasch dahin. Der Wind knarrt, singt und rauscht im Tauwerk. Die Strahlen der Sonne wärmen und dehnen das Gas in dem J3cb Mn1 Beamter der Postinspektion, müssen Sie wissen! Bei Kriegs- beginn reifte meine Frau nach Tours. Dort ist sie noch Und sie ist krank! Da habe ich mich zu dieser Fahrt gedrängt!! Ich dachte, ich komme so auf gute Art aus Paris und nach Tours! Ich biene bem Baterlans und erreiche noch ein zweites Ziel, übrigens mit voller Billigung meines 23°r@iibertnfinbet es zum Lachen, daß zwei Beweggründe brüderlich nebeneinander fliegen, der feine und der des Herrn Prince. „Sie müssen glauben, daß ich meine Pflicht tun werde, mein Herr, aber der Ernst ist kein Vergnügen!" schließt ber Beamte ber Postmspek- tion belehrend. , „ „ ... . M „Ich kann als Ziel Tours nicht versprechen, Luftballons sind nicht lenkbar", bedauert Gilbert lächelnd. Der Ballon ist jetzt offenbar in eine windstille Zone geraten, et bewegt sich mit so geringer Schnelligkeit, daß Prince, ber sich endlich doch entschlossen hat, aufzustehen, erschrocken mutmaßt, der Ballon schwere an einer Stelle und werde sich auch in alle Ewigkeit so verhalten. Felder und Fluren liegen, ein riesiges Gefüge, ohne Regelmaß unb voller Farben fünfzehnhundert Meter tiefer. . Die Farben Gelb unb Braun beherrschen ben Boben, aber wo Gebchlh ober Park buntel blitzen, kämpft sommerliches Vollgrün mit dem ersten Pinselstrich bes Herbstes, ber die Baumkronen betupft. Ein dünner Nebel, der sich hier unb ba vom nachtfeuchten Boben lop und in Fetzen zusammenzieht, verwischt bie Flurgrenzen. Batb steigt er höher. Aber bie Strahlenhände ber Sonne zerdruaen bas milchige Gewebe, bevor es als Wolke bie Luftschiffer erreicht hat. „Sind wir aus dem Bereich ber Deutschen?" fragt ber Beamte oer Postinspektion voll Hoffnung. Gilbert hat die ganze Zeit bas Glas vor den Augen. Jetzt zeiK » stumm nach unten. t , , , , Am Raub eines Waldes ist ein kahler Heidestrich durch HolzsaM erweitert. Es sieht aus, als dränge Meer in Land, (o ausgemeitet ist die imi heil ber Ebene plötzlich, fo gewaltsam frißt sich eine blosse Zunge tn dunkelgrüne Laubrevier. . . I Auf biefem Platz, der von drei Seiten vom Wald wie von em schützend natürlichen Mauer eingeschloffen ist, stechen Reihen feltsamc ausgerichteter Punkte ins Auge der Luftwanderer. „Das Glas", sagt Prirzce neugierig und blickt durch das Royr, w Gilbert ihm reicht. , . „ Er sieht, es sind Zelte. Der freie Plan dort unten ist ein Lager. Plötzlich, ohne Zweifel auf ein Kommando — eilen Soldaten tn Gaffen zwischen den Zelten. Sie erscheinen ameisenklein. Sie machen Bewegung, als richteten sie ihre Gewehre in den Himmel. Das -tum der Läuse verrät es. ___ ^-ihr Die Luftschiffer nehmen ein vielfaches dünnes Aufflammen ) gleich darauf zischen die Gewehrkugeln unter der Gondel, uno Knattern ber Abschüsse bringt ins Ohr der beiben. I (Fortsetzung folgt.) inchiihi !:ptn n niet ii illtr $ nt sie Sie e Ito ein II unen tyn be ii in bie fall a: etinbte ÜWebei «itn bei All eins. Von Heinrich Hart. Nacht flieht in Tag und Tag in Nacht, Der Bach zum Strom, der Strom zum Meer — In Tod zerrinnt des Lebens Pracht, Und Tod zeugt Leben licht und hehr. Und jeder Geist, der brünstig strebt, Dringt wie ein Quell in alle Welt, — Was du erlebst, hab ich erlebt, Was mich erhellt, hat dich erhellt. All sind wir eines Baums Getrieb, Ob Zweig, ob Ast, ob Mark, ob Blatt — Gleich hat Natur uns alle lieb. Sie, unser aller Ruhestatt. Heimle,,,. Von Alice Fliegel. Als sich Dorothea plötzlich entschlieht, die drei Urlaubswochen, die der lies ihr in diesem Jahr zugestanden hat, aus Hof Förde zu verbringen, 1(1 es nicht Heimweh, sondern eher das Pflichtgefühl, das sie nach Hause »ücksührt. Es bedrückt sie, als ihr eines Morgens, während sie ihren Sippen mit etwas Rot nachhilft, zum Bewußtsein kommt, daß fünf Winter und fünf Sommer vergangen sind, ohne daß sie Hof Förde, Matter und Geschwister wiedergesehen hat. Das Kind ihrer Schwester Imnt sie nur nach Fotograsien. Als Sekretärin des Chefs einer großen Fabrik nimmt Dorothea im Wro eine Sonderstellung ein. Ihre Ueberficht und ihr Fleiß machen sie la|t unentbehrlich. Bis jetzt hat ihr Urlaub immer nur aus wenigen Itgen bestanden, aber sie hat ihn öfters im Jahr bekommen. Dann ist lit in die Nähe Berlins in irgendeinen Badeort gefahren. Und sobald sie mmal ausspannte, spürte sie die Müdigkeit in allen Gliedern. Aber sie betäubte dieses Gefühl und stürzte sich in den fröhlichen Trubel des belebens, zog sich hübsch an und tanzte jeden Abend. Sie freute sich, nenn bewundernde - Blicke sie ansehen. Es merkte ihr keiner an und sie Mgaß es selbst, daß sie als Schulmädel barfuß über das Feld gegangen mr, um dem Vater das Essen zu bringen. Der Vater starb plötzlich, von einem Pferd an einen Baum geschleu- krt. Da begann die Not auf Hof Förde. Die Mutter, der gerade mündig Kiordene Bruder und die Schwester arbeiteten unermüdlich, um den zu erhalten. Dorothea hatte damals oft ein unklares Gefühl, daß (li mit ihrer zarten Gesundheit das Brot nicht verdiente, das sie aß. Es mr ihr wie eine Befreiung, als der einzige Bruder des verstorbenen Ariers sie in fein Haus nach Berlin nahm und für ihre Ausbildung Kote. Dorothea gewöhnte sich schnell an die Stadt. Sie lernte gut, und nach Dei Jahren bekam sie ihre erste Stellung. Immer mehr versank Hof $irt>e in ihrer Erinnerung. Aber einmal erkannte sie in einer stillen Lunde, als sie einen kurzen Spaziergang durch den Tiergarten machte, laß sie sich das Gesicht der Mutter nicht mehr in allen feinen Zugen erstellen konnte. Sie erschrak, und ein heißes Heimweh wachte m ihr ns. Doch bis die Urlaubstage kamen, wurde sie ruhiger und faßte andere Entschlüsse, durch eine Liebe gebunden, die dann nichts als Leib liitterlieh. In alle den Jahren kam nur einmal ein Bote aus der Heimat zu il)r Peter Altringer, der einzige Sohn des nachbarlichen Hofes. Er war lirer landwirtschaftlichen Ausstellung wegen in Berlin, und sie ver- Inufjten einen Abend zusammen. Aber der Jugendsreund war schwer- lilliq und schweigsam, und seine Blicke gingen mit einem fast schmerz- lidien Ausdruck, den sie sich nicht erklären konnte, prüfend über sie hin. Einmal begegneten sich ihre Augen. Da wurde Dorothea rot und ärgerte K darüber. Als man sich trennte, hatte sie ein leeres Gefühl im Herzen. 5r den Händen hielt sie einen halbverwelkten Strauß Rosen. Sie waren 'M dem Strauch gepflückt, den sie als halbes Kmd zusammen Mit Peter Stringer am Tor feines Gartens gepflanzt hatte. Erst im Augenblu Abschieds gab ihr Peter zögernd diese Blumen. Er suhlte wohl, daß die Erinnerung an jene zarte Jugendliebe in ihrem neuen Leben kein n 8 ^AU^diest^Gedanken gehen Dorothea durch den Kopf, als stein dem Sun sjkt ;>er sie in die Heimat bringt. Sie hat ein banges Gefühl, als Le sie'nicht in die Heimat, sondern in die Fremde. Di« wemgen kurzen Briefe der Mutter sind in den Jahren der Trennung fast die einzige »in fung an die Vergangenheit gewesen. Es waren unbeholsene u d s !t>merzliche Fragen, die da die alte Frau nach dem Leben der ch >. ‘ «Is "Dorothea auf der kleinen Bahnstation ankommt stehen zwei schwere Pferde ungeduldig vor einem Wagen, den sie in seiner alt- Nfdischem behäbigen Form sofort wieder erkennt. Der Bruder der auf Km Back sitzt, gibt Dorothea durch fröhliche Zurufe zu verstehen, daß >r die Ziere? die noch nicht eingefahren sind nicht alleinlasten kann. Ster zwei feste, nicht ganz saubere Jungenhande nehmen ihr ben ßeber- lo ier ab. Ein blauäugiger Knirps steht neben ihr der st ählend agt M kann ihn tragen? Tante Dorothea!" Es .st ef e der h er ^Iwester so ähnlich ist, daß sie ihn auch ohne das klemeBckd auf ü) «hreibttsch erkannt hätte. In einer ungewohnten Rührung streicht 1 kleinen Burschen über den Hellen Schopf. Miei-n vorbei t Wie im Traum fährt Dorothea an den Feldern undW.esen^vmDen hat gerade geregnet, und würziger Duft wie non fr schg brinat jjn Linden und brauner, nasser Erde füllt die Luft. D s . Vorsätze v^rothea ein Stück Heimat zurück, mehr als es Briefe und gute Borsage Dann^faßt sie die harten, verarbeiteten Hände der Mutter zum Willkommen und steht Tränen In den Augen der asten Frau. Da preßt sie die Lippen aufeinander, um nicht laut auszuweinen. Wie konnte sie ben stillen Glanz dieses Gesichtes in sich verblassen lassen! Sie läßt sich von der Mutter in die kleine Stube unter dem Dach führen, und wieder ist es der Geruch des alten Holzes und der srisch- gescheuerten Dielen, der ihr die Kindheit lebendig macht. Die blendend weißen Mullgardinen sind ein wenig gestärkt wie immer, und als der Wind sie bläht, der durch das offene Fenster kommt, denkt sie daran, wie sie sich als kleines Mädel oft ausgemalt hat, es feien Segel eines Schiffes, das in die weite Welt fährt. — — Es ist ein oft fast unwirklich scheinendes Leben, das Dorothea in den drei Wochen ihres Urlaubs an sich vorüberziehen läßt. Gegenwart und Vergangenheit lösen sich ab. Jahre verlieren ihre Entfernung. Sie ist das glückliche Landkind, dem das Blühen der Blumen, das Früchtetragen des Gartens und der Felder Inhalt des Lebens bedeuten. Dann wieder sehnt sie sich nach Berlin, das ihr eine zweite Heimat geworden ist. Oft besucht Dorothea die Schwester in dem Haus mit dem niedrigen Strohdach, vor dem die alten Linden stehen und sieht immer wieder ergriffen das Gesicht der Mutter in den vorzeitig gealterten Zügen. Der Schwager verdient [ein bescheidenes Brot mit einer Bienenzucht, die er mit dem Haus von einem alten Imker übernommen hat. Einmal hat Dorothea ein Erlebnis, das sie am Tage nachdenklich macht. Als die Schwester im groben Arbeitskleid, den schon etwas krummen Rücken über die Schüssel geneigt, das Esten austeilt, faltet Dorothea unwillkürlich die Hönde wie als Kind, wenn sie das Tischgebet sprach. Mitleid mit der Frau, die nur Arbeit und Sorge kennt und nie an sich denkt, will Dorothea überkommen. Aber da strömt plötzlich Mitleid mit sich selbst in ihr unsicher werdendes Herz. Das Leben der Schwester ist erfüllter als das ihre, denn Dorothea hat immer nur an sich gedacht, nur für sich gesorgt. Sie hat für die hübschen Kleider gearbeitet, die sie haben wollte, und für alles das, was sie Leben und Freude nannte. Aber diese stille, selbstlose Frau schenkt alles, was sie an Liebe und Arbeit geben, ihrem Mann, ihrem Kind und dem kleinen Haus, das sie alle drei zu einem großen Glück vereint. Auch mit Peter Altringer ist Dorothea viel zusammen. Sie sprechen nicht von dem Abend in Berlin. Es ist, als ob hier auf der heimatlichen Erde das erste Wiedersehen sei. Der junge Bauer hat die letzten Jahre viel erreicht. Mit Stolz zeigt er die neue Dreschmaschine und die erst vor kurzem erbaute Scheune. Auch ein Stück Wiesenland hat er dazugekauft, und nun grenzen Hof Förde und der Hof der Altringer erst wirklich zusammen. Am letzten Sonntagmorgen, an dem die Sonne aus dem sanft im Wind wogenden Korn ein goldenes Meer macht, stehen die beiden jungen Menschen vor dem Rosenbusch am Gartentor. Erinnerung steigt da mit der Kraft einer neugewordenen Liede in ihnen auf, daß sie befangen die Augen voneinander wenden. Peters Herz fängt wie unsinnig vor Freude zu 'Hopfen an. Das Mädchen vor ihm hat alles Fremde von sich ab- gemorfen wie ein geborgtes Kleid. Aber es ist noch nicht so weit, um davon sprechen zu können. „Sie muß von selbst zu mir kommen, ich rufe sie nicht..." denkt er und schneidet für Dorothea ein paar Rosen zum Abschied. Hat Dorothea des Mannes Gedanken erraten? Als er sich zu den Rosen neigt, berühren ihre Lippen die seinen in einem schnellen, zarten Kuh. Wie damals, als sie den Strauch zusammen pflanzten, schlingt sie die Arme um feinen Hals. Dann läuft sie fort, Tränen in den Augen... Der Mann, der Dorothea in seinen zärtlichen Gedanken so oft geküßt hat, sieht ihr erschüttert nach, als die Wirklichkeit ihm das Erleben seiner Träume schenkt. Er nimmt diese Stunde wie ein heiliges Versprechen in die Treue feines Herzens. Er weiß nun, daß Dorothea wiederkommen wird — für immer. oas Liebeslied von Tamser Von Werner Schumann. Die Festung Küstrin hat aus dem jungen Kronprinzen Friedrich einen Mann gemacht: doch der Hautboist, Poet und Philosoph war darum noch lange nicht gestorben. Insgeheim glühte die Flamme weiter und wartete nur auf den Augenblick, um als ein Lebenselement sich immer wieder zu bestätigen. Die Herren Offiziere und Räte der kleinen Garnisonstadt in allen Ehren! Aber wie sollte ein so leidenschaftlicher und empsanglicher Geist wie der des königlichen Gefangenen auf die Dauer im Umgang mit ihnen Genüge finden? Noch immer trug er den schlichten hechtgrauen Bürgerrock mit schmalen, silbernen Tressen, noch verweigerte die ergrimmte Majestät zu Berlin dem Oberstleutnant das Tragen der Uniform. Dem pflichteifrigen Kriegs- und Domänenrat jedoch, als der er in der neu- märkifchen Kammer Sitz und Stimme hatte, waren als besondere Ber- günstiguna die Tore der Festung schon geöffnet worden, damit er oie königlichen Domänen der Umgebung bereisen und seine Kenntniste dort unter Beweis stellen konnte. Der Vogel war frei, und was lag näher, als daß er wieder hinaus» zufinqen begann, westen fein Herz voll war? Fast immer sind es die schönen und klugen Frauen, die den Geist der Männer, der jungeri unö nicht selten auch der alten, mit einem Lächeln entbinden. Und der Kronprinz von Preußen des Jahres 1731 war ein anderer als der ergraute und kränkelnde König nach der Schlacht bei Zorndorh die ihn abermals, als alten Feldherrn, in die wälderdurchrauschte Landschaft an der Warthe führte, jene verhalten-liebliche Landschaft, in der leise Schatten über die 2lls Neunzehnjähriger kam der junge Fritz zum ersten Mal in das an Störchen reiche märkische Dörschen und lernte hier d,e Frau des Obersten Adam Friedrich von Wreech kennen. Die vierundzwanz,gjahrige Schloh- herrin wird uns von Zeitgenossen als em Wesen von bezaubernder Anmut aetoilöert blond, heiter, geistvoll, mit einem „Teint wie Lilien und Rosen", wie es in einem Briefe heißt. Der Prinz hatte °I?e harte Reftunasieit hinter sich, ihn hungerte nach Witz, Geist und Schönheit. Doch au- den goldenen Spielen der Galanterie in jenen Spätsommertagen des Duldungslahres 1731, als die Vaumrlesen des Parks langsam sich zu verfärben begannen und die ersten Blätter fielen, geriet man unversehens in die tragisch umwitterten Bezirke der Leidenschaft. Der Esprit des fürstlichen Dichters, die lockende Sinnlichkeit der schönen, jungen Frau v. Wreech — es lag ein hoher Spannungsreiz in dieser Freundschaft: und es mag wohl doch ein wenig mehr gewesen sein als „erwünschte Aufheiterung in ländlicher Stille" (so heißt es auf dem Tamfeler Friedrich-Denkmal), die Preußens Thronfolger damals auf dem märkischen Herrensitz sand. In seinen Briefen an die Freundin, die acht Jahre bereits verheiratet war, blitzte und funkelte es. Der ganze kühne und schrankenlose Ueber- schwang des stolzen Jünglings lebte darin. Aber auf dem Grund« bebte doch immer das ungestillte Verlangen, der brennenoe Wunsch, daß das Lächeln der klug dämpfenden Frau nicht nur für soviel leidenschaftliche Huldigung danken, sondern auch einmal Erfüllung verheißen möge. Wir dürfen annehmen, daß der schimmernde Kelch dieser Liebe nicht bis zur Neige geleert, ja, daß er von Luise Eleonore mehr als einmal unmißverständlich an den hohen Partner des gefährlichen Spiels zurückgewiesen wurde. Indessen war, wie es nur natürlich, solch leises Entziehen nur immer neuer Zündstoff für des Prinzen entflammtes und unerfahrenes Herz. Wie hätte er die Trennung ertragen sollen, ohne der Frau v. Wreech von Küstrin aus in unaufhörlicher Folge huldigende Sonette, humorvoll verbrämte Verse ins Haus zu senden? Ehe die Equipage des Herrn Domänenrats vor das Schloß rollte, mochte der Kurier zuvor schon unzählige Botschaften hierher gebracht haben. Doch das unersorschlich tiefe Geheimnis, das über jeder Liebe ruht, verbirgt den Herzton jener Liaison dem neugierigen Blick. Und der schmerzliche Verzicht gerade, der das Ende einläutete, verleiht er nicht dem Tamfeler Intermezzo eine ganz eigene Süße, gleich einer zart schwebenden Wolke unter blauem Himmel, die im Leben des Kronprinzen vorübersegelt, ehe die schweren Kriegsgewitter des Königs drohend Heraufziehen? Fritzens glückliche Reime hatten, wie er der verehrten Blondine einmal schrieb, „die Dreistigkeit, Si« persönlich und in Ihrem eigenen Schlosse zu überfallen". Aus dem Briefe aber, dem letzten, den er ihr im Februar des folgenden Jahres schickt, hören wir deutlich die Resignation: „So sende ich Ihnen denn mein Bild. Ich hoffe, daß es mich wenigstens dann und wann in Ihre Erinnerung bringen und Sie zu dem Zugeständnis veranlassen wird: er war au fond ein guter Junge, aber er langweilte mich, denn er liebte mich zu sehr und brachte mich oft zur Verzweiflung mit seiner unbequemen Liebe..." Selten hat eine halb vergessene Stätte den genius loci so bewahrt, wie Tamsel. Noch immer nisten auf jedem zweiten Strohdach des freundlichen märkischen Dorfes die Störche, duften di« Kiefern im sandigen Boden, rumpelt dann und wann eine Holzfuhre durch die mittägliche Dorfstille. Weit ausgreifend umschließt der einst von Hans Adam v. Schöning im 17. Jahrhundert angelegte Park das okergelbe, einfache Schloß mit dem ranken gotischen Kirchlein, das Schinkel erneuerte. Gedankenvoll verliert sich der einsame Besucher auf den Windungen der Parkweg«, ein Rest von Statuen und Gedenksteinen erinnert nodf an die klassische Zeit, vom Hügel grüßt das helle griechische Tempelchen, und ein Blick in das Vestibül des Schlosses gibt die Gewißheit, daß vom Skulpturen-Reichtum der frühesten Zeit noch ein guter Teil betreut wird. Die letzte Stunde in der Tiefe des raunenden Parks aber gehört dem Denkmal, das Graf Hermann Schwerin, ein Vorfahre des jetzigen Besitzers, vor fast hundert Jahren dem erlauchten Geiste dieser historischen Stätte setzen ließ. „Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner Jugend trage" verkündet der Sockel. Das Joch aber, wenn auch in anderer Gestalt, hat Friedrich bis an sein Ende tragen müssen. Nach der Schlacht bei Zorndorf führte das Schicksal den ergrauten Monarchen noch einmal dahin, wo einst sein Liebeslied erklang. Verwüstet findet er alles wieder, ausgestorben und ausgebrannt, und in einem erschütternden Schreiben bittet er die Geflüchtete, den Schaden wieder gutmachen zu dürfen, auf welchem Briefe dann die Unglückliche notiert: „empfangen in demselben Jahre, in d«m ich alles verlor, das ich mein nannte..." lieber die „nacktenTatsachen" und den Ginn des Lebens. Von Georg Foerster. „Dienst ist Dienst" und „Schnaps ist Schnaps", pflegt der Soldat zu sagen. Eine klare und einfach« Weisheit. Er will damit ausdrllcken, daß man die Dinge ehrlich und geradeaus nehmen soll, nicht so, wie wir sie ?r? Ä* ^°Kten sondern so, wie sie sind. Tatsachen sind Tatsachen, Und Befehl ist Befehl! Das steht fest! Wenn wir aber sonst ins Leben blicken, bemerken wir dann nicht, daß «s noch viele „Tatsachen" gibt, die uns erhebliche geistige Anstrengung kosten, ja tue uns gerade dazu aufzufordern scheinen, mit ihnen zu ringen? Wenn zum Beispiel ein Kind lügt, hatten sich dann die Eltern sch,", ^^Ueher, sofern fie auch nur einigermaßen begabt sind, an die schlicht« Tatsache der Luge? Urteilen sie ohne weiteres: di« Lüge zeugt auf jeden Fall von einem schlechten Charakter des Kindes, also muß es hart bestraft werden? Nein, sondern sie versuchen, zunächst einmal dahinter zu kommen, weshalb das Kind gelogen hat. Aus Angst? Oder aus abwegiger Phantasie? Aus falschem Geltungsbedürfnis? Oder aus dem geheimen Drang irgend etwas nicht preiszugeben? Oder war es tatsäch- A°sh°'t und Verstocktheit? Vielerlei kann ja die Lüge des Kindes schließlich bedeuten, und erst, wenn sie diese Bedeutung verstanden haben ”*frben ^-Eltern ihre Maßnahmen treffen. Sie werden mehr oder mmder fühlbar bestrafen oder auch freundlich und gütig sein. rmbselbe in unserer Rechtspflege? Vor einigen hundert aaljren chfu das frerlrch noch anders. Da gatt eben ein Delikt ganz ein- Delikt, man fragte nicht lange nach den besonderen Be- mcggrunben, sondern hielt sich im allgemeinen an die reine Tatsache und bestraft« drakonisch. Man henkte, räderte, vierteilte, warf ins Gefängnis, prügelte oder hackte die rechte Hand ab — die menschliche und psychologische Bedeutung des Vergehens wurde wenig berücksichtigt. Inzwischen haben wir gerade auch auf diesem Gebiet unsere Methoden beträchtlich verfeinert. Wir wissen, daß es «in gewaltiger Unterschied ist, ob jemand aus Habgier oder aus Not fremdes Gut angetastet, ob jemand mit kali» Ueberlegung oder im Zustand größter Gereiztheit etwas begangen hst, wir wissen, daß man erst das Motiv zur Tat und den Charakter dss Täters nebst dessen besonderen Lebensumständen erkannt haben mutz, um ein gerechtes Urteil fällen zu können. Die reinen Tatsachen? Sie sich natürlich sehr wichtig. Aber das „Bild" von chnen bleibt unvollständig,- solange man ihren Sinn nicht erforscht hat. Es ist ein sehr reichhaltiges Kapitel, wie wir heute allenthalben, n der Erziehungs- und Rechtswissenschaft, in Psychologie und Philosophie — nach der geistig-seelischen und sozialen Bedeutung der Erscheinung:» Jflh fragen, wie wir das innere Gesetz und Leben der Tatsachen zu begreif» _ suchen. Wollen wir uns damit auf irgendeine Weis« Über die Tatsachm ■ Hinwegsetzen, sie willkürlich umdeuten? Keineswegs! Sie sind ja bas unumstößlich gegebene Material unserer Erfahrung. Aber wir wollm auch hinter sie oder i n fie hineinblicken, denn nur so vermögen wir de Tatsachen aus einer größeren geistigen Tiefe heraus und damit eift eigentlich „richtig" zu werten. Wer sich z. B. mit der rein biologisch» Tatsache des Todes begnügt, bleibt flach! Er muß sich darüber hinaus fragen, was der Tod für uns seelisch oder schicksalsmäßig bedeutet. Auch di« ganze Welk, in der wir stehen, können wir als rein physikalische Tat«! fache nehmen. Damit kommen wir aber nicht weit. Jeder hat das u:- mittelbare Bedürfnis, zu erforschen, welchen letzten oder höchsten geistigen Sinn sie hat. | ( Biele sind recht stolz auf ihren „gesunden Tatsachensinn". Aber jo einfach ist das nicht. „Schnaps" ist zwar ohne Zweifel „Schnaps", ab er „Tatsachen" reden häufig in einer geheimen Sprache zu uns, und biej( Sprache eben müssen wir verstehen, um mit den Tatsachen ins reim kommen zu können. Was wollte das Schicksal z. B. einem Mensche „sagen", dem es einen großen Erfolg, Glück oder Aufstieg beschieden hoe! Am Ende gar nichts? Oder doch vielleicht, den Erfolg, das Glück finnvoll zu nutzen, den Aufftteg nicht egoistisch, sondern als eine Verpflichtung anderen gegenüber zu verstehen? Mancher hat da jedenfalls, wenn ihm das Schicksal hold war, die Sprache solcher erfreulichen Tatsachen nich begriffen, und weil er fie nicht begriff, hat er drauflosgelebt, und an skh gerafft, bis alles wieder in ein Nichts zerrann. Um den tieferen geistige i, und man kann ruhig sagen, den ethischen Sinn unserer Lebenstatsachen zu kämpfen, darin besteht eben unsere unablässige Aufgabe — gerade airi) dann, wenn es uns das Schicksal einmal „schwer" macht, wenn es uru „trifft . Wo käme der hin, der sich nur an die Tatsache eines Verlustes, eines Fehlschlages, einer Enttäuschung hielte? Er würde vielleicht sogar bann zugrunde gehen, während derjenige, der tiefer schaut, die tröstliche Ahnung bekommt, daß es wahrscheinlich „Aufforderungen des Schicksals" flirt, sich in Zukunft richtiger zu verhalten, besseres zu leisten, klarer um) mutiger zu sein. Niemand von uns darf ohne weiteres annehmen, dch ihm das Schicksal oder das Leben übet will; jeder sollte begreifen lerne», daß es meistens sinnvoll ist, was geschieht. Bielleicht will das Schicks«! dem einen nur „sagen", daß er sein Leben wirtschaftlich auf eine kleinere, aber dafür gesunde Basis stellen soll? Dem zweiten vielleicht, sich färben- hin an treuere Menschen zu hatten? Dem. dritten, feine eigenen menschlichen Grenzen klarer zu sehen, wesentlicher zu werden oder dem Menschen, mit dem er verbunden ist, mehr Verständnis entgegenzubringenll Hundert Möglichkeiten gibt es da, und es sind mitunter recht hohe Ansprüche an unsere geistig-seelische Lebendigkeit gestellt. Wer da nur bM Äordergrund der Dinge steht, ist bald am Ende seiner Weisheit: ausgeliefert den rohen Tatsachen — und schließlich nichts als ihr Spie (Ml ihr Sklave. Kommt nicht falscher Tatsachenglaube auch in der Ehe vor? Ist M nicht schon geschehen, daß jemand die reine „Tatsache" seiner Verheir» tung vollzog und nun wähnte, damit gleichzeitig auch der Ehe in ihm- ganzen lebendigen Bedeutung habhaft geworden zu sein? Er hatte M dann wahrscheinlich darüber zu wundern, daß sich trotz jener Tatsache kein wirklicher innerer Kontakt, keine Schicksalsgemeinschaft ergab. Uni) er hat hoffentlich noch rechtzeitig begriffen, woraus es anfommt: auf dem lebendigen, wertwilligen Menschen, der sich zwar auf Tatsachen stützen, ihnen aber auch gleichzeitig das innere Gewicht, den geistig-seelischer Gehalt, die sinnvolle Richtung geben muh. Zeigt sich das nicht überhaupt: in jeder Gemeinschaft, sei es nun Familie, Werkskameradschaft oder Volk" Das bloße Nebeneinander macht es nicht! Das ist nur formell! Ist mech» nisch. Auf die lebendig« Bedeutung, die wir der Gemeinschaft verleih«»: oder die wir in ihrer Tat sächlichkeit erkennen, kommt es am, denn daraus erst erwächst aus dem Nebeneinander ein Miteinander i» verantwortlicher Bindung. Im Größten und im Kleinsten führt uns falscher Tatsachensinn iw- Leere: richtiger Tatfachensinn dagegen macht uns schöpferisch. Wir könnte« ja auch die Geschichte unseres Volkes nicht verstehen, wenn wir uns w die bloßen Tatsachen der Schlachten und Siege, aller der konkreten Sreifl' Nisse hielten. Es fehlte uns jeglicher Sinnzusammenhang. Erft indem a>iu auf die Sprache solcher Dinge lauschen, die uns aus dem Blut und Geist unseres Volkes entgegentönt, begreifen wir die innere Bedeutung unseren Geschichte, spüren wir den geheimen Sinn und Plan, der in ihr liegt. Die „Kultur" des Menschen ist wohl um so höher, je klarer er bin Tatsachen seines Lebens durchschaut und ihre verborgene Redeweise er kennt. Aber nur der größte Mut und die äußerste Ehrlichkeit kann uns hier nützen, denn sonst „lesen" wir am End« etwas aus ihnen 6 er aus aber in sie hinein, was gar nicht da ist. An uns liegt es, die Tatsachen lebeirdig zu machen. „r ,a . P> M Böte. , „S M ri Js be Un hfien Ärim „S Sh Hi Ä I. 2Iu e« oll «rhiile Uri öen >n chr! Jet ■ ein E a ?et -Jarj. die .. 65 k, le -4 »4 £