Hreitag, den 22. September Jahrgang 1939 Nummer 75 MehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 8. Fortsetzung. „Hälft du mich für toll?" „Mitunter, mitunter", kicherte Theophil und kniff sie In ihr Sitzfleisch, diß sie kreischend auffuhr. Sie wollte ihn anschrein, daß man in einer solchen Stunde nicht faße, als sie aber fein grundzufriedenes Antlitz erblickte, blieb ihr der schimpf im Munde stecken. „Mel Ulanen?" fragte er. Sie schüttelte den Kopf. „Die werden auch wieder verschwinden. Aber ich sehe ein, daß es ermöglich ist, mich jetzt zu meiner Truppe durchzuschlageni Das glaubst h doch auch?" Sie nickte. , m „Ich habe die Pflicht, mich zu erhalten. Ich darf daher nicht in Ge- imgenschgft geraten, denn die Unfern werden bald wiederkommen!" Er glaubte es nicht, aber er redete es sich ein. Germaine glaubte es nd nickte. . „Wo aber", sagte er, „wäre ich sicherer als bei dir? Sie stutzte einen Augenblick, aber als sie begriffen hatte, erkannte ft die Freuden, die ihrer harrten, wenn es gelang, den Geliebten vor t>n Augen der Welt zu verbergen. Und mit einem Iubelruf sank sie an seine Brust. In der Mairie gab Kelling Herrn Labatut jene Befehle, die bei der üesetzung einer Ortschaft notwendig waren und die Unterordnung der diirgerlichen Obrigkeit unter die Befatzüngstruppen regelten Kelling bemerkte, der Herr Maire möge sich nicht verfuhren lassen, «ifonderliche Anstrengungen zu machen und einen Uebereifer zu zeigen, bti mehr verwirr« als ordne. Er wünsche einen ruhigen Gehorsam, n, |i< »°ch ..<« --Äch bin kein junger Mann mehr, sagte der Mair p . weiß es. Meine Angst um Sie mag darum unbeholfen scheinen, denn mir fehlt die Unbekümmertheit der Jugeiid, die ihren Gefühlen folgt, ohne an die Verpflichtung zu denken, die das Herz damit dem Charakter auferlegt." Er hatte feine Rede vorher in Gedanken wie Mosaiksteinchen harmonisch gefügt. Ann horchte bei dem feierlichen Ton aus und sah ihn groß und verwundert an, anstatt, wie er erwartet hatte, die Augen niederzuschlagen. Das verwirrte ihn, es entstand eine unglückliche Pause. Um sie zu beenden, ließ er den Faden, den er abzuwickeln begonnen halte, schneller lausen. Aber solche Eile paßte wenig zu dem Sinn seiner Worte: „Es ist das Schicksal, das Sie nach Mereville und damit zu mir geführt hat. Das Schicksal streckt einem oft die Hand hin, ich bin nicht so unklug, diese Hand zu übersehen. Wie unglücklich war ich, als Sie mit Bregnon davonfuhren, wie glücklich bin ich, daß Sie nun wieder an meinem Tisch sitzen. Das Schicksal läßt Sie nicht fort, es will Sie hier haben, und ich bin sicher, Mereville würde Ihnen gefallen. Ein Mair« ist auf seine Art ein König — ein König ..." Sie hatte ihn während der ganzen Rede allzu aufmerksam angesehen, denn als er bei dem Worte König angekommen war, hatte er nichts Königliches an sich. Er war verlegen geworden. Sie schenkte ihm ein freundliches, dankbares Lächeln, das ihn zu jeder anderen Stunde froh gemacht hätte. Aber in diesem Lächeln war zuviel Gewürz; es war mit einer Prise Spott, einem Schuß Rührung, einigen Löffeln Ironie und mit sehr viel Nachsicht versetzt. , Oh, er spürte es wohl! Er hatte feine Rede herrlich aufgebaut, und der Gipfel der Rede sollte das seurig-^rnste Bekenntnis seiner Liebe fein. Doch sollte er diesen Gipfel heute nicht mehr erreichen. Kelling kam. Sein Eintritt wurde zu einer Huldigung für Ann. Er sah nur sie. Der jungen Engländerin entging das Leuchten im Antlitz des Ulanen nicht, die reine Bewunderung und das Entzücken in' seinem Blick wärmten ihr Herz. Das Herz verwunderte sich, denn es geschah zum erstenmal, daß ihm ein wenig bange wurde Der Ulan hatte kein Wort gesagt, und es zitterte doch. Doch bald suchten Kellings Augen, als fürchteten sie, allzu deutlich bewundert zu haben, ein neues Ziel. „Ah, ein Flügel!" sagte er mit einem Ausdruck, als sei es der erste Flügel, den er in seinem Leben sah. Labatuts Frau hatte das Instrument oft gemartert, Zeit unil> Staub hatten das ihre getan, es zu verstimmen. Kelling steuert« hin und hob den Deckel. „Spielen Sie?" fragte er Ann. Labatut hatte sich während der ganzen Zeit ausgelöscht gefühlt. Aber jetzt versteinerte sein Antlitz in stummer Mahnung. Ann war ein Gast Frankreichs und durfte auch dem liebenswürdigsten Feinde keine Freundlichkeiten erweisen. „Nein", sagte sie, „ich spiele nicht!" Kelling kniff ein Auge ein und ließ den heitersten Zweifel sehen: „Oh, Sie könnten wohl, aber sie wollen nicht", sagte das eingekniffene Auge. Dann setzt« er sich selbst an den Flügel und begann zu phantasieren. Es verschlug Labatut fast den Atem, daß einer der gefürchteten Ulanen ein Musikinstrument beherrschte. Denn man hatte ein ganz anderes Geschrei von diesen Reitern gemacht. Aber der Maire ließ sich nicht täuschen — die Wölfe zeigten einen Schafspelz, um die Lämmer desto gewisser zu zerreißen. Es ärgerte ihn, daß dieser Offizier von den Gegenständen des Hauses, also auch von dem Flügel, auf eine Weise Besitz ergriff, als gehöre alles ihm und als fei er feit Jahren mit den Dingen vertraut. Kelling schloß feine Phantasie ab. Ann hatte versonnen zugehört. Selbst die verstimmten Töne waren wie Vögel, die der Sommer zusammengeführt hat, ein Streit zärtlicher und wilder Akkorde wurde Melodie. „Nun", fragte der Ulan, „spielen Sie noch immer nicht?" und lud sie mit einer großen Geste an den Flügel. Und mehr aus dem unbewußten Dämmern, in das sie geführt war, als aus der wachen Wirklichkeit sagte sie: „Vielleicht?" „Doch!" bat er. Spumantes Lied kam ihr in den Sinn. Aber das verwarf sie. Sie begann zu dem etwas hölzernen, scheppernden Klang der Saiten: „Meine Liebe ist wie eine kleine weiße Wolke. Alle Wolken liebt der Wind so sehr — Und die Wolken reifen mit dem Winde- Mit den Wolken reist die Liebe übers Meer!" Sie fang nicht. Aber sie legte die Worte mit einer behutsamen Sprech- ftimme über die Töne. „And die Wolken und die Liebe fliegen auf gen Hlmmek, Und der Himmel ist nicht mehr allein. Wind und Wolken sind im Licht vergangen. Wo mag meine unruhvolle Liebe sein?" Labatut wäre am liebsten aus dem Zimmer gegangen, wenn er es über das Herz gebracht hätte, Ann mit dem Preußen allein zu lassen. Es wäre eine doppelte Kundgebung gewesen, einmal gegen den Preußen, und zum andern gegen Ann, die sich so weit vergaß, dem Eroberer etwas vorzuspielen. „Hoch am Himmel träumen aber tausend Sterne, Jeder Stern schickt seinen Traum zu mir. Jeder Traum ist schwer und voll von Sehnsucht, Denn an jeden Stern hing ich den Traum von dir .. .* Ann entdeckte, daß Kellings Gesicht ganz entrückt war. Nach einer Weile sagt er leise: „Ich danke Ihnen." Sie blickte auf Labatut, der finster dasaß und sagte leichthin: „Es war nichts Besonderes. Das Instrument ist verstimmt. Und ich habe auch für Herrn Labatut gespielt." Kelling lächelte, denn er hatte verstanden, daß Ann dem Gastgeber etwas Gutes sagen wollte. Herr Labatut war auch in der Tat versöhnt. Er sah jetzt aus wie ein Musikfreund, der dankbar genossen hat. „Morgen bin ich nicht mehr in Mereville", sagte Kelling und wandte sich an Labatut: „Infanterie löst uns ab. Bis dahin bleibt die Mairie unter Bewachung!" Labatuts Wolkenhimmel klärte sich auf. „Der Herr Premierleutnant nehmen nicht in meinem Hause Quartier?" „Nein, ich bin drüben in der Schule, bei meinen Leuten!" Der Maire fühlte Steine von seinem Herzen fallen. Ach, er hätte sonst in dieser Nacht nicht geschlafen! Er hätte fein Lager vor der Tür Ann Morelands aufgeschlagen, denn man hatte die Ulanen als Teufel geschildert, und er glaubte es. Und noch jetzt hockte das Mißtrauen in allen Kammern seines Herzens. „Miß Moreland! Ich durfte Sie nicht passieren lassen! Die Straße war nicht frei und ist es auch jetzt nicht. Sie verstehen das?" sagte Kelling. „Sie müssen Ihre Pflicht tun, ich verstehe!" erwiderte sie. „Ich habe natürlich nicht nachgeprüft, was mir dieser kutschierende Stationsvorsteher erzählt hat. Aber von Ihnen weiß ich, daß Sie nach Calais wollen! Weisen Sie sich bei dem neuen Ortskommandanten aus! Ich denke, es wird sich für Sie als Engländerin ein Weg aus dem Kriegsgebiet finden! Ich wünsche es Ihnen!" Kelling sah aus Ann wie auf ein entgangenes Glück. Sie war für ihn ein Segel, das fern vorüberzieht und das man mit Sehnsucht belädt, weil man mitreifen möchte. Er grüßte und ging. Labatut sagte frei und befreit: „Jetzt sind wir ihn kos!" Aber wenn er genau hingefehen hätte, wäre ihm nicht entgangen, daß beider Blicke, als sie sich zum letztenmal trafen, wie Funken waren, die zusammenstoßen, um eine Flamme zu entzünden. Wie konnte Labatut es erkennen, wenn nicht einmal Ann es wußte. Nur ihr Herz verwunderte sich wiederum. Ihm war bang. Sie fei müde und möchte allein fein, entschuldigte sie sich und ging auf ihr Zimmer. Sie dachte noch lange an die Worte des Offiziers. Sie erkannte, daß er sich feit der Begegnung auf der Landstraße mit ihr beschäftigt haben mußte, und daß hinter feinem Rat eine schlichte und gute Fürsorge stand. Sie hatte noch nicht an ihre Papiere gedacht, «n den gezeichneten und gestempelten Paß. Sie nahm ihre Reisetasche und suchte ihn. Sie durchstöberte sie ganz. Sie warf den Inhalt heraus. Sie kehrte die Tasche dreimal um. Dann erinnerte sie sich: Gilbert mußte den Paß an sich genommen haben. Und gemach wurde ihr klar, was das Fehlen des Passes bedeutete: Die Vögel sind frei unter dem Himmel. Der Sperling ist ein Sperling, die Taube ist eine Taube und der Bussard ein Bussard: man kennt sie nach dem Aussehen, geordnet im Reiche der Natur. Ann Moreland war vogelfrei — und nichtso frei wie ein Vogel. Denn wie wollte Ann Moreland beweisen, daß sie Ann Moreland war? An diesem Tage starb übrigens die alte Ordnung der Stadt Mereville mit einem Schlage. Sie wurde durch die Ulanen umgestoßen. Am nächsten Morgen marschierte preußische Infanterie unter Hauptmann Baernburg ein und pflanzte die neue Ordnung, kerzengerade und sauber wie eine Fichtenschonung. Premierleutnant Kelling stellte dem Hauptmann den Maire vor, dann stieg er zu Pferde und machte gegen den Kameraden eine lachende Geste, als schenke er ihm ganz Mereville. Aber eigentlich lachte er aus schlechter Laune. Auf der Landstraße sangen die Ulanen einen Kanon, den Krätke ihnen beigebracht hatte: „Faul wird jeder im Quartier, Uebermorgen reiten wir, Hol der Teufel das Quartier, Faul wird jeder im Quartier." Es klang sehr schön und klang auch durcheinander, mit dem Quartier meinten die Ulanen Blisseron. Es war viel kleiner als Mereville. Doch schien es nach Baernburgs Bericht nicht ohne Bedeutung, weil Blisseron der Kreuzungspunkt mehrerer Anmarschstraßen war. Ein Ulan schätzt die Ehre, Kreuzwege zu bewachen, nicht gar hoch. Man wäre lieber, eingefügt in die Schwadron, auf Paris marschiert. Ader gegen einen Befehl darf nicht gemault werden, weder laut noch stumm. Einen Kanon zu fingen ist freilich eine andere Sache. Der Teufel konnte aber öffenbar die Ulanen nicht leiden, denn er tat ihnen den Gefallen, das Quartier Blisseron zu holen, nicht. Und als die Ulanen in dem Dorf einzogen, war es wohl der liebe Gott, der sie geleitet hatte. Hauptmann Baernburg legte bas Geschäftszimmer 6er Drfsfommait- bantur in den Amtsraum des Maire. Es würden sich nun, meinte er, mancherlei Schreibarbeiten ergeben. Er wünsche, daß der Maire solcher Belastung gewachsen sei. Als Labatut dies bedachte, entstand in ihm ein Plan von hämischer Art. Seit sich Bregnon gegen ihn aufgelehnt hat, konnte ihn ßabatut nicht leiden. Es war für den Maire kein Vergnügen, Mittler zwischen der Bevölkerung und den Eroberern zu sein, sollte nur jemand diese» --Mißvergnügen teilen! „Da ist der Stationsvorsteher Bregnon, ein zuverlässiger Mann", begann ßabatut vorsichtig. „Das Ist Ihre Sache", erwiderte Baernburg und kümmerte sich nicht mehr um den Maire. ßabatut bemerkte es, fühlte sich überflüssig und eilte zu Bregnon. Er riß die Hausklingel, aber das Haus blieb still. Deschamps, ein alter Bahnarbeiter, stand wie eine Vogelscheuche in Garten. Er hatte Möhren aus dem Boden gezogen, reinigte sie un> taute das rote Gewächs. „Herr Bregnon hat mir erlaubt, aus feinem Garten zu nehmen, roa» brauchbar ist. Es braucht nichts zu verderben", sagte Deschamps. „Wo ist Bregnon?" schrie der Maire erbost. Deschamps bewegte die Arme in Richtung der Schienen. Die Geste glich der Gebärde einer Kindes, das „weit, weit" anbeuten will. Durch ein umständliches und hartnäckiges Verhör bekam ßabatut herai»s, daß Bregnon mit Deschamps die Draisine aus dem Schuppen geholt hatte. Es war den Männern gelungen, sie auf das noch gesunde Geleise zu schieben. Dann brachte Bregnon feine Frau und einiges (gegärt auf die Draisine und fuhr, heftig den Hebel des ßaufroagens bewegend, davon. Sicher hatte der Stationsvorsteher einen der noch nicht von den Preußen besetzten Bahnhöfe oder gar Paris erreicht. Der Maire zwang den Neid nieder, der in ihm mächtig wurde. Dann sann er über einen geeigneten Ersatz nach und fand ihn in einem alten Pensionär, dem Gerichtsschreiber Adamaux, der bei seinem Schwiegersohn in Mereville die Tage beschaulich verbrachte. Er bat ihn zur Mairie. Auf dem Wege beruhigte Herr ßabatut einige aufgeregte Bürger. Er nahm sich Zeit, denn es gelüftete ihn nicht nach dem Aufenthalt in der Amtsstube, die von den Befehlen des fremden Offiziers dröhnte. Der Maire tat, als stände er mit verschränkten Armen über allen Ereignissen. Sie waren, so schien es den Männern und Frauen, vor seinem Angesicht wie der Wind, der vorüberzieht und eine Stätte hat. Herr Adamaux fragte dienstbeflissen, ob er vorausgehen sollte. Die Ruhe des Herrn Maire sei Del auf die Wogen der Erregung, die nun einmal im Städtchen walte! Und es könnte im Augenblick nicht genug Del vergossen werden! So kam der pensionierte Gerichtsschreiber allein in das Amtszimmer, nannte seinen Nomen, macht eine artige Verbeugung und setzte sich an den Schreibtisch. Als sein Rücken sich über einen Konzeptbogen krümmen" konnte, als er die trockene Tinte von der Feder putzte, fühlte er sich glücklich- Er war zwischen Tinte und Akten grau geworden. Da ihm nun Geruch und Staub dieser Dinge in die Nase wehte, wurde er zwar nicht jung, aber fein Gemüt wurde leicht. Slüerbings nur beinahe, denn als Patriot vergaß er nicht, daß er dem Feinde diente, und das tat ihm weh. Ader eigentlich ging er ja dem Maire zur Hand, und Herr ßabatut mußte wissen, was recht war. „Wo ist das Schloß?" fragte Baernburg den Schreiber, denn er gedachte im Schloß Quartier zu nehmen. Es gab keinen Flecken, kaum ein größeres Dorf in dieser Gegend ohne Schloß oder schlohähnliches Bauwerk. Es schien, als habe Gott in Frankreich mit reicher Hand ritterliche Wohnsitze ausgefät. Freilich Halle im Gang der Zeit mancher Bürgerliche den ursprünglichen adligen Grundsassen verdrängt, aber die Schlösser blieben als mehr oder weniges verträumte Herrenhäuser gebettet in große Parks und in den guten Schatten uralter Bäume, erhalten. Adamaux erwiderte sanft, es gäbe kein Schloß in Mereville. Es sei schon in grauer Vorzeit zerstört worden. Die <5age#on einem Schloß war seit Uroäterzeiten im Schwange, aber vielleicht hatten mitleidig« Märchenerzähler sie gebildet, um den beschämenden Mangel zu entschuldigen, daß Mereville ohne Schloß oder wenigstens Schlößchen gleichsam nackend und jeder Romantik bar vor seinen gleich großen oder kleineren Geschwistern stand. Genaues wußte - niemand. Neugierige blieben ganz auf die Phantasie der alten Weiber angewiesen. Baernburg trat nun auf dem Place b’armes, betrachtete sinnend das Haus des Maire und stellte fest, daß es das angenehmste, vornehmste Haus am Platze war. Es war kein Schloß, aber es hob sich aus feiner Umgebung heraus, wie es sich für einen ordentlichen Mittelpunkt geziemte. Baernburgs Blick strichen die Fensterfront entlang. Dann stutzte er. Der Hauptmann hatte scharfe Augen. Er glaubte hinter einer Gardine ein weibliches Wesen gesehen zu haben. Celestine wischte durch den Flur, sie stob bei seinem Nahen davon wie ein gescheutes Kaninchen. Er rief sie an. Ader da sie, wie er inzwischen herausbekommen hatte, taub war, mußte er schreien: „Ist der Maire verheiratet?" „Nein", schrie sie. „Ober hat er eine Tochter?" Aber diese Frage empfand Hauptmann Baernburg sogleich im Zusammenhang mit der ersten als ein kühnes Versehen, darum verbesserte er: „Ich meine, wer wohnt noch in diesem Hause?" Mademoiselle Celestine besaß ein schlechtes Gehör, aber ein feines Gefühl für unausgesprocheene Dinge. Sie hatte wohl bemerkt, daß ßabatut die Fremde nicht mit den Deutschen zusammenbringen wollte. Darum stellte Celestine sich, als verstünde sie die Frage nicht. ^nrtfetzung folgt.) ■n, W. ’ eim Als Im i «fr1 tf'1 ipaW >h. Jabahil . le n «llfi nmp Maiiii Jtr.6 in Iw üabolil hWN geJunHt les ms I« le. 1« ie iw je« r afc m, «n jnW, piß tounll lii# Saß elf Jef'i Jo« i< Man«',, >h nieti wn. di; ch in pe Hi «W‘ «teil11 jiilf- fc f; 641»! IleW Dichter und Diplomat. Ium 60. Geburtstag von Ernst Schmitt. Von Paul W i t t k o. Itlitf * ui»11 'innuij, inte «Ufa MUH ßk' M«4" et * ....... vorigen Jahrzehnt eine große Besinnung durch die besten liile des deutschen Volkes zu gehen begann und diese zu den wertvollsten Ätinobien der deutschen Seele sich zurücktasteten, da verhalfen ihnen kju mit «in paar Bücher eines deutschen Diplomaten, des Hessen Ernst 61) mitt. Dieser Deutsche von altem Schrot und Korn, der Abkörnm- Hua oberhessischer Bauern und Sohn eines späteren Geh. Finanzrates im M|- Finanzministerium, der in Lauterbach am Vogelsberge zur Kür meine Söhne. Von Theodor Storm. Hehle nimmer mit der Wahrheitl Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue. Doch, weil die Wahrheit eine Perle, Wirf sie auch nicht vor die Säue. Blüte edelsten Gemütes Ist sie Rücksicht; doch zu Zeiten Sind erfrischend wie Gewitter Goldne Rücksichtslosigkeiten. Wackrer heimatlicher Grobheit Sehe deine Stirn entgegen; Artigen Leutseligkeiten Gehe schweigend aus den Wegen. Wo zum Weib du nicht die Tochter Wagen würdest zu begehren, Halte dich zu wert, um gastlich In dem Hause zu verkehren. Was du immer kannst, zu werden, Arbeit scheue nicht und Wachen; Aber hüt« deine Seele Bor dem Karriere-Machen. Wenn der Pöbel oller Sorte Tanzet um die goldnen Kälber, Halte fest: du hast vom Leben Doch am Ende nur dich selber. Rlt gekommen ist, in Gießen und Berlin Rcchtswissenjchast studiert liä dann die diplomatische Laufbahn eingeschlagen hat, trat sehr bald ich dem verlorenen Weltkriege in den Kampf ein gegen die völlig ver- lolrcnen Zustünde in der Welt und besonders im deutschen Vaterland«, (Jen die verhängnisschweren Feindschaften der Völker und innerhalb der Her, gegen Eigensucht und Bosheit, gegen Irrlehren, Verdrehungen m Verfälschungen, gegen Unverstand, Enggcistigkeit und wirre Schwarm- [lifterci von einem eingebildeten Traumlande, gegen Schndhastes, Faules, "rsallenes. Mit heiligem Ernst legte er zuerst 1920 in einer politischen kluist unter dem Titel „Die Wiederausrichtung Europas" nieder, was »zur politischen und seelischen Erneuerung zu sagen wußte, und ries in ki Monatsschrift „Die T a t" zu neuem deutschem Glauben auf. In den nächsten Jahren erschienen bann seine Romane „Hochzei t", iS i e Heimkehrer" und „Leberecht Kit t", die alle drei den Mchen Zweck verfolgten. Sie entstanden aus tiefstem seelischen Erleben 1 hnus als Notwendigkeiten des eigenen Ich. Der erste von ihnen ist der stakste und reichste. In seinem Mittelpunkte steht ein ganzer deutscher p«nn mit den edelsten Eigenschaften unseres Volkstums, der srifchäugig W srischherzig tatfroh zugreift und — im Jahre 1866 — die deutschen H«ne hochzeitlich miteinander verbindet im großdeutschen Gedanken, aller Mtschen Kleinstaaterei zum Trotz. ! „D i e Heimkehrer" aus dem Weltkriege, die nacki dem heimischen fmelsberge zurückkommcn, scharen sich um eine ragende Führcrgestalt, pe sie vor dem Bersall in die Ideen des Anarchismus bewahrt und sie nützlichen und wackeren Siedlern zu erziehen im Begriff steht, doch •k das Opfer Unverständiger fällt. Man denkt bei diesem Roman an I Heimann Burtes kühnen Künderroman „Willsebcr" und an Johanna P'lffs „Hans Peter der Lebendige", in denen der gleiche mächtige Urn- 'W Ausbauwille sich offenbart. Auch „L e b e r e ch t Kitt", der seine knot von Bonapartes Bedrückerhorden 1806 befreien will, findet den Wrtyrertod. ' L Einem Säemann gleich, der in die Herzen des Volkes den deutschen «eneinschastsgedanken sät, erfühlt und ersaßt Schmitt in diesen Romanen ine deutsche Wesen in seinen Wurzeln. Und er zeigt sich nicht nur als wirser Beobachter der heimischen hessischen Landschaft; wir lernen ihn Men wegen feines tief innigen Raturempsindens, seiner blühenden k natliebe. Am eindringlichsten gab er dieser Liebe Ausdruck in den rpifl, sprachlich meisterlich geformten Sonetten, die er „Ein f"•) r" benannte. Wenigstens eines von diesen sei hier wiedergegeben, p5 dem Vogelsberg gewidmete: Basalten liegt mein breites Heimatland hoch hingebuckelt in die hellen Gauen, von einem Gipfel klar zu überschauen, gegliedert, stark, mit Recht ein Berg genannt. Die dunklen Wolken Wies' und Wald umbrauen, nur selten sieht der Blick ins tiefe Land, doch scheint die Sonne, hebt sich gottgesandt ein Jauchzen aus wie ein Gebet zum Blauen. Mein Land, du bist der deutschen Seele Bild, in Ruhe Dampf, ein dunkelstählern Schild, fchaut Gott darauf, in tausend Lichtern flimmernd. Ich gleiche dir! Auch mir ward herrlich schimmernd basaltnem Sinn und wolkcnsinsterm Wahn der Glaube beigesellt, ein klar Bejahn. Schmitt wirkte während des Weklkrieges afo Legatlonsrat des öcö deutschen Gesandtschaft kn Bern. In den Ostertagen 1918 war er dazu ausersehen, mit einem sranzösischen Diplomaten, der im Auftrage (einer Regierung einen Fühler ausstrecken sollte, unter welchen Bedingungen Deutschland zum Frieden geneigt sei, zu konserieren. Er Iras sich mit i>cnx Franzosen in der Bibliothek der Stistskirche zu St. Gallen. Eine Einte gung blieb aus — und das Schicksal ging seinen Weg... Schmitt hat diese Begegnung in der Schrist „Im Anfang war die K r a f t" in mitreißender Beredsamkeit dargestellt, als ein rassiger deutscher Künstler« mensch von heiligster, innerster vaterländischer Beseelung. Schmitt hat dann narb dem Kriege mit Loucheur in Versailles die deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen als Führer einer deutschen Delegation eingeleitet, ist später Generalkonsul in Mailand gewesen und 1934 als deutscher Gesandter nach Lima, der Hauptstadt von Peru, gegangen. Da er künstlerisch so Starkes zu schassen vermocht hat, über alle Hindernisse hinweg, die ihm fein verantwortungsvoller Berus auserlegt und zwischen« schiebt, dars man die Hossnung hegen, daß das bisher von ihm dichterisch Geleistete durch Kommendes noch überboten werden wird. Gerichtstag. Von P a u l G. A. K l e i n. . Das weiß niemand, wenn er sich am Abend zum Schlaf niederlegt, was ihm der nächste Morgen zuträgt an Gutem und Bösem. Auch de« alte Schoss wußte das nicht, als er sich aus seinem Strohsack ausstreckle« Aber als er am nächsten Morgen vor seiner kleinen Hütte steht und itt den blanken Morgen blinzelt, da geschieht ihm das Wunder: Der Land« bote kommt mit einem Bries. Es gibt Menschen, denen dies nichts Ungewöhnliche» ist; sie erlebet! es mit dem Gleichmut der Gewohnheit jeden Tag. Aber für den aller* Schoss ist es etwas Unerhörtes, das er noch nicht erlebt hat in der* füllen Jahren feines Alters. Wer soll ihm auch schreiben? Er hat draußen in der Welt keine Freunde, keine Verwandtschaft, von da ihm ein ülnruf kommen könnte. Er soll bescheinigen, daß er den Brief bekommen hat, den großer* gelben Brief. Da muß er lachen. Sieht beim der Briefträger nicht, datz er den Bries bekommen hat? Run, bas genügt dockst Und schreiben meint ihr? Er lacht über den Narren, der glaubt, der alle Schoss könne schreiben- Er kann mit zitternder Hand ein Kreuz aus das Papier malen, wenn ihr das wollt. Mbcr [einen Namen schreiben, das kann er nicht. „Halt", lagt er zu dem Boten, der sich schon zu gehen anschickt, aks| ob die Zeit nicht den Atem anhalte, weil hier ein Ereignis eingetreten ist, wichtiger als Mondwechsel und Sonnenwende, Hagelschlag und Spätsrostl „Halt , sagt er, „warte einmal. Vorlesen mußt du mir den Bries, dein* du hast eine Brille, wie ich sehe." Eigentlich geht den Briefträger nur die Aufschrift auf dem Umschlags etwas an; der Inhalt liegt nicht im Bereich seiner Zuständigkeit und seiner Pslicht. Aber er tut dem Alten den Gefallen — und er tut ihn auch seiner Neugier — und reißt den Umschlag auf und entfaltet den gelblichen Bogen. „Ihr müßt vors Gericht, Schäft", fagt er. „Bors Gericht müßt Ihr, als Zeuge. Am nächsten Mittwoch, um zehn Uhr. In Sacher* Baizuweit. Ja, da steht es." Der Alte sieht iyn an, als ob kein Sinn in seine Rede zu bringen sei. „Soso", jagt er. Dann blickt er aus das Papier, das ihm in die Hand gegeben wurde. „Soso. Zeuge, sagst du. 'Bors Gericht als Zeuge. Mann, sagst du?" — Er weiß nicht, wie es auf einem Gericht zugeht. Er ist nie aus einem Gericht gewesen. Das Gericht ist in der Stadt, und die Stadt ist weit. Immer noch seltsamer, je länger man es sich überlegt: Männer, die ihn nie gesehen haben, sie schreiben dem alten Schoss einen Brief, den er nicht lesen kann; und dann muß er aufs Gericht kommen. Seltsam ist das. Aber es ist die Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, und sie ruft ihn. Vor diesem Ereignis verblaßt alles, was sonst seinen lag ausmacht- Auch die Erinnerung hat kein eigenes Licht mehr vor diesem. Weit weg liegt das alles, die Last des Tages, die tägliche Arbeit und die Erinnerung an Vergangenes. Das Unbekannte erdrückt das Vertraute, die grell« Gegenwart blendet die Augen für das Vergangene. Ist nicht der Am« brofius, fein Aeltester, vom Kornwagen gefallen und nicht mehr auf- gestanden? Und ist nicht der Zweite in die Welt gegangen, und dann kam eines Tages die Nachricht, daß er sich erhängt habe? Starb nicht di« Frau, starb sie nicht fünf Jahre lang? Zündete nicht der Blitz sein Haus« das armselige, an? — Wohl wahr, aber was bedeutet das alles noch, jetzt, wo das Gericht ihm vor Augen steht mit seinen Ansprüchen un« bekannter Art? Oh, die Tage des alten Mannes sind erfüllt von Furcht vor dem Unbetonten und von Stolz auf die Erhöhung, die er jetzt in seinem Alter noch erfuhr! Oder düngt cs euch ein Ganges, daß ihm das Gericht schrieb? Daß ihn das Gericht nötig hat, durch fein Zeugnis darzutun, was recht und was unrecht sei? — „Balthasar Schoss", wird der Richter zu ihm sprechen und seine Stimme wird dröhnen wie Gottes Stimme im Jüngsten Gericht, „Balthasar Schoss, es wird Zeugnis von dir verlangt, daß diese Berte Baizuweit von ihrem Mann geguält und geschlagen worden ist. Ist es wohl recht, daß die Ehe deswegen getrennt werde?" Und dann wird er antworten, frei und ohne Zögern: „Ja, es ist recht." Am Mittwoch also... Als Schaff ein paar Tage später von fern her einen dünnen zitternden Glockenton hört, da weiß er: es ist Sonntag; und er steckt ein Holzscheit in die Erde vor seiner Hütte, daß er den Tag nicht verfehl«. Als die Sonne am nächsten Tag ausgeht, pflanzt er ein zweites Scheit daz«. Und als der Abend mit ferner Dämmerung auf das dritte Scheit fällt, holt Schaff aus feiner Kiste den feierlichen Anzug, den schon sein Vater getragen hat, in dem er getraut wurde und in dem man ihn auch bei graben wird. Zum Gericht in di« Stadt ist ein weiter Weg. Früher ging man ihn In fünf Stunden. Früher ... zehn wird man jetzt brauchen, da die alten Füße nur unwillig ihren Dienst tun. Da wandert der Alte die Straße zur Stadt, als sie im Acht des klaren Mondes weiß daltegt, und die Schatten der Bäume, die auf das Helle Band fallen, sind wie die Sprossen einer Leiter, daß Schaff glauben könnte, auszustei-gen zum himmlischen Richter über Bose und ®ute. Eine lange Straße, und doch eine kurze Nacht nur von seiner menschenfernen Einsamkeit bis zur Stadt, die ihn mit vielen Straßen, grauen Häusern und hastigen Menschen empfängt. Verwirrend das alles für einen alten Mann, der gewohnt ist, in der Stille von Wiesen und Wäldern der Welt verloren zu sein! Ein Mann, der Eile hat zu seiner Arbeit zu kommen, sieht halb erstaunt, halb ärgerlich auf den Alten im wirren, weißen Haar, der ihn angehalten hat und ihm ein Papier zur Erklärung vorweist. „Ja, was soll das? ... Ach so, zum Gericht wollen Sie." Er zeigt ihm die Richtung und nennt ihm die Straßen, die er gehen muß. „Aber es ist doch noch viel zu früh! " meint der Mann und zieht seine Uhr aus der Tasche. Ja, es ist zu früh. Mag sein.. Balthasar Schaff besitzt keine Uhr. Sein Tag reicht vom Morgen bis zum Abend nach dem Gebot der Jahreszeit. Schaff findet hin zu dem nüchternen Gebäude aus roten Backsteinen. Er sieht die achtunggebietende Fensterfront, die mit hundert wissenden Augen hineinblickt in die Welt der Untaten und des Schuldigwerdens. — Treppen, ein kahler Flur, von welchem Gänge ausgehen nach links und rechts. Und im Halblicht der Gänge sind Menschen zu sehen, verbittert, böse, verstört, mit gemachter oder echter Gleichgültigkeit den Aufruf erwartend. Sonst hingegeben an das Sein der natürlichen Dinge, der Erde und der Wolken, ist dem Alten dies Dasein in dem lichtarmen und von dumpfer Luft erfüllten Gängen fremd und wie abgetrennt von seiner hellen Welt. Aber Gericht, denkt er, müsse eben etwas Sonderliches sein. Wieder weist er seine Vorladung, und ein Mann in einer Uniform zeigt ihm den Weg zu einem andern Gang, wo auch schwache Lampen vergebens gegen die Dunkelheit kämpfen. Wartende Menschen auch hier; und Schoss meint, er habe sie alle schon einmal gesehen. Aber es ist das Trostlose ihres Wartens, das die Menschen so gleich macht zur Kreatur mit dem Gesicht der Hofsnungsarmut. Es sei noch Platz auf der Bank, sagt man ihm. Wie denn? Soll er sich gleichgültig auf eine Bank setzen, so selbstverständlich wie er sich am Abend auf die Bank vor seinem Hause setzt? Ach, ihr wißt wohl nicht, was Gericht heißt! — Kommen und Gehen ist um ihn, der da steht wie ein alter vielästiger Baum, den man aus Pietät oder weil man ihn zu fällen vergaß, in der baumlosen Wüste einer grausteinernen Vorstadt stehen gelassen hat... Zehn ferne blecherne Schläge irgendwoher aus dem Wirrsal der Gänge: da weiß Schoss, daß seine Stunde gekommen ist; seine Stunde, zu der er durch die Nacht hinwanderte unter den Sternen; seine Stunde, die ihn vor den Richter ruft, daß er seine Aussage in die Waagschale der Gerechtigkeit werfe. Er geht ruhig und gemessenen Schrittes auf die Tür zu, vor der man ihn warten hieß. — Was soll das? Wer will ihn hindern otnzutreten? Kaum hat er die Tür geöffnet, da kommt wieder ein Mann in einer Uniform und fragt ihn leise, was er denn eigentlich wolle. Schoss zeigt die Vorladung. Er zeigt auf das Geschriebene, das er nicht lesen kann. „Zehn Uhr", sagt er. „Balthasar Schoss. Das bin ich." Aber er muh zurück aus der Helle des großen Raumes in das Zwielicht des Flurs, wie ein Mensch, der von der Gnade noch verwiesen ist an einen Ort der Läuterung. Er schüttelt den Kopf. Daß sich das Gericht, das unfehlbare Gericht, in der Zeit sollte geirrt haben, das ist unbegreiflich dem Alten, der in der unumstößlichen Ordnung der Natur zu leben gewohnt ist und die fragwürdige Ordnung der menschlichen Organisation nicht kennt. Ein Fremdling steht zwischen den Wartenden, die über seine Ungeduld lächeln, wie Unwissende immer lachen über die Dinge, die sie nicht verstehen. Aber es kommt doch die große Stunde, auf die er seit Tagen wartet. Cs kommt der Augenblick, da das Gericht sich des Balthasar Schaff erinnert. „Parteien Balzuweit und Zeuge Schaff!" Jetzt ist es so weit. „Hier bin ich!" ruft der Alte laut, dann geht er taumelnden Schrittes durch die Tür, die ihm nicht mehr verwehrt wird. (Beriet*--Gericht--. Sein Gang wird unsicher--er wankt --sucht nach einem Halt--seine Arme schlagen durch die Luft wie Flügel, „füer bin ich!" ruft er noch einmal mit letzter Kraft. Dann fällt er vornüber auf sein Gesicht und ist tot. Was kostet der Nebel? Von Br. Francs. Daß der Nebel wohl die unangenehmste aller Witterungserscheinungen ist, wird wohl niemand bezweifeln, daß er aber die gefährlichste von allen ist, das wissen bloß die Seeleute. Die aber nur zu gut. Man muß so einen Nebeltag auf einem vielbefahrenen Meer nur einmal mitgemacht haben, um das zu verstehen. Noch hinterher fühlt man sich wie der Reiter überm Bodensee. Nur zu tief haftet mir solche Erinnerung an die qualvoll langen 36 Stunden, die wir hn Mai im englischen Kanal zwischen Brighton und Terschelling wie die Schnecken krochen. Die Herbstsachen bei sich, den Rettungsgürtel umgeschnallt, todmüde in der nassen Kälte auf dem Verdeck, jeden Augenblick gefaßt auf einen Zusammenstoß, übernervös durch das fortwährende Heulen der Sirene, der rechts und links, nah und fern andere antworte»!. Und ringsum eine blendend grauweiße Nebelwand, gleichsam körperlich wie Watte, so dicht, daß man kaum fünf Meter vor sich sah. Die Zahl der Unglücksfälle durch Nebel auf See übertrifft die aller Stürme und sonstigen Unfallsmöglichkeiten um ein Vielfaches. Und auch auf dem Lande ist Nebel «ine der wichtigsten Gefahrenquellen. Für den Verantwortlich: vr. Fr. W. L a u g e. — Druck und Verkehr der Autos, der Radfahrer, der Eifenbahnzüg«, der Flugzeaze.. Das schlimmste aber ist: diese Gefahr nimmt ständig zu, und dieserhllbx wurde auch dieser Artikel geschrieben. Die Wissenschaft beschäftigt sich nämlich seit einiger Zeit sehr intensiv mit diesem Problem und hat in einigen Punkten wertvoll» neue Erkenntnisse gewonnen. Was ist eigentlich Nebel? Es kann mit einem kurzen Satz gejagt f werden. Nebel ist eine Wolke, die auf dem Boden.sitzt. Jede Wolke istf ein in der Luft schwebender Nebel. Also ist Nebel sozusagen das Häusigjie, - was es gibt. Um Klagenfurt sind zum Beispiel nur Juli und Augusl nebelfcei. Die Luftfeuchtigkeit scheidet sich dabei in Tröpfchen aus. $8etm| diese sehr klein sind, nicht den Durchmesser von 0,02 Millimeter iibr- s schreiten, dann sind sie undurchsichtig, und man nennt das Nebel. Siad! sie größer, dann sind sie mehr oder weniger durchsichtiger und man spricht! von Regen. Die Witterungskunde hat sich eine Tabelle geschaffen, in ter X sie den dichtesten Nebel mit 0 bezeichnet. Null ist ein Nebel, in dem man! auch bei Dag nur bis 50 Meter weit sehen kann. Reicht die Sehweite! 50 bis 200 Meter, dann ist es Nebel Nr. 1, für 200 bis 500 Meter liatl man Nr. 2, und Nr. 3 gilt für den schwachen Nebel, bei dem man tausend s Meter sieht. Darüber hinaus spricht man nicht mehr von Nebel, sondern von Dunst. Stadtirebel kann aber ganz etwas anderes fein, als diese ziemlich! zahme Tabelle angibt. Die berüchtigsten Städte sind in dieser Hinsicht! London und die englischen Industriestädte, im Reich ist es Hamburg, säi! einiger Zeit auch Berlin. Auch die amerikanischen Jndustrieorte erroerbtn! sich darin immer mehr üblen Ruf. Diese zehn Monate im Jahr mögliche I aber besonders im Winterhalbjahr häufigen Stadtnebel unterscheiden sich | von den anderen besonders durch drei Eigenschaften. Durch ihre Häufiz-1 (eit, ihre chemische Verunreinigung und die dadurch mitbedingte beson-1 dere Undurchsichtigkeit. Dazu kommt noch ihre besondere Hartnäckigkeit I Weil Stadtnebel Rußteilchen mitträgt, ist er gelb oder braun, übtfc riechend, sogar übelschmeckend, besonders undurchsichtig und will niht I weichen. Er wird dadurch sogar klebrig und überzieht in den schlimnstm I Fällen alles mit einer häßlichen Schmiere. In der Nähe der Flüsse i|t er etwas reiner, aber besonders dicht, in den Fabrikvierteln aber hat er I die übelste Beschaffenheit. Und dazu hat er seine besondere Tageseintn-1 lung. In den Morgenstunden ist er am häufigsten da und zugleich am schlimmsten. Nachmittags kehrt er gern wieder und erreicht dann zwischen sieben und acht Uhr abends seine größte Dichte. Dabei vermag er lit Temperatur so herabzudrücken, daß zum Beispiel bei dem großen Neb'i, der fast ganz Europa (so etwas gibt es!) vom 17. bis 23. Dezember 1935 in einer Schicht von 800 Meter Höhe bedeckte, die Temperatur an $e> wissen Beobachtungsstellen im Nebel —3 Grad Celsius war, währet dort über dem Nebel 13,8 Grad Wärme herrschten. Das ist eine Beobich tung, welche jeder Schifahrer vom Gebirge her kennt, aber immer wieder mit freudiger Ueberraschung empfindet. Neue Untersuchungen haben gezeigt, daß dieser unangenehme nun von Jahr zu Jähr häufiger wird. In Budapest hat man in ixn dreißig Jahren vor 1900 jährlich nur 26 Nebeltage gezählt, seit 1900 aber durchschnittlich 46! Zwischen 1930—1938 stieg das auf 56. In anbenn Städten ist die Nebelhäufigkeit im Durchschnitt um 86 v. H. gewachsen. Die Ursache liegt nicht in einer Klimaverschlechterung, sondern in ber Zunahme der Industrien, in der gesteigerten Heizung, in den Ai» auspuffgafen. Der Nebel ist gleichsam eine Kulturkrankheit geworden. Noch dazu eine, die uns sehr viel kostet. Das hat man neuerdings In England, das besonders an „Nebel" krankt, sehr gründlich berechnet. M" hat herausgebracht, daß ein Nebeltag England einen .Schaden von 3S,;> Millionen Pfund bringt. Die Eisenbahnen verlieren an Einnahmen 45U*M Pfund, die Mehrkosten der Beleuchtung betragen 200 000 Pfund. E« Stunde Nebel kostet London tausend Pfund Stromkosten und fünftauseÄ: Pfund Gasrechnung. Dazu kommen die Verkehrsbehinderung, die Hn glücksfälle, das Ansteigen der Krankheiten. » Infolgedessen arbeitet man eifrig an der Schaffung von Mitteln, M dem entgegenzuwirken. Abschaffen kann man den Nebel nicht; er schein!* ein unzertrennlicher Begleiter der Zivilisation zu sein. Aber man M doch schon einiges herausbekommen und ersonnen. Zunächst hat für England bei Nebeltagen besondere Verkehrsvorschriften eingeführ! und verschärft. Das hat etwas geholfen. Noch zahlreicher waren gewiß! optfche Studien über die Sichtbarkeit farbigen Lichtes im Nebel. Leikm ist im dichtesten Nebel, im Nuller und im Einser, jede Farbe ausgelöscht und man hat in London Nebel beobachtet, bei denen man schon auf fü.nfl Meter die Sicht verlor. Aber bei 200 Meter Sichtweite bringt gelbes urb rotes Licht besser durch das jedes andere (Angaben von M. Wolff) uv®'■ damit ist schon manches geholfen. Eine Umgestaltung der Signale rw diesem Gesichtspunkt, besonders bei Schiffen und auf der Eisenbahn wird die Verkehrssicherheit bei Nebel erhöhen. Das alles ist zwar erst ein Anfang und noch immer ist Nebel enw größere Gefahr als Sturm und Regen. Aber es hat sich doch gejeiffit daß wir nicht mehr ganz hilflos sind gegenüber dem grauen Untier, t*9 fast das ganze Jahr bereit ist, die Zivilisation zu hemmen und unfe« Gesundheit zu bedrohen. ftür cwiq Von Johann Wolfgang Goethe. Denn was der Mensch in seinen Erdeschranken Von hohem Glück mit Götternamen nennt, Die Harmonie der Treue, die kein Wanken, Der Freundschaft, die nicht Zweifelsorge kennt. Das Licht, das Weisen nur zu einsamen Gedanken, Das Dichtem nur in schönen Bildern brennt, Das halt' ich all in meinen besten Stunden In ihr entdeckt und es für mich gefunden. Verlag: Brühlfche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.