ietzenerZamilMbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer 39 Montag, den 22. Mai In der Miene des Kanzlers war die vorwurfsvolle Frage zu lesen, ob «hm Herr Heinrich durch eine plötzliche Laune lang erwogene Pläne dk zurückgebogenen Schnabl 'Bogner', scherzte er und err', fuhr der Kanzler mit ernsthaftem Spotte fort, plötzlichen Wandlungen gehört hast, die mit einem ■ Papst in !uzen werde. König ergriff seinen Becher und leerte ihn fröhlich. .Ich will ' Primas setzen, darob sie sich wundern werden, _______ .... ______-mer und unbefleckter Sitte, einen spitzfindigen iophen und dazu einen mir ergebenen Mann und geborenen Gegner «ii au! fiten Fugen: du unter der Mitra, und oem wenigen -uaier macieit me iirige auf dem Kopfe! Schach und Schachmatt!' Ich weiß nicht, Herr', fuhr der Kanzler mit ernsthaftem Spotte fort, ii> du je von jenen plötzlichen Wandlungen gehört hast, die mit einem »nschen vorgehen können, der sein Kleid wechselt und ein geistliches ievand anzieht! Es ist kein Geringes, den Hirtenstab zu ergreifen, den jetzt in der Glorie Stehende in den Händen getragen haben: der Wie Lanfranc, der die Frucht der Aehre und des Weinstockes als den «i* und das Blut Gottes erkannte, und der heilige Anselm, der den " rgründlichen ergründete. Wenn ich nun durch ein Wunder zu einem kuren Bischof würde? Das käme dir unerwartet und ungelegen!' Thomas, zügle deine Zunge!' drohte ihm der König mit dem Finger, leide keinen keiliae Dinae! 9ßobl ist es schon lange, bi Ws päpstlichen Wesens.' kjerr Thomas aber erwiderte mit einem ungläubigen Lächeln: .Ich Ci- meine Blicke, o Herr, durch deinen Klerus wandern, aber sie suchen ;6ein en Erwählten vergebens.' Du errätst nicht?' drängte der König, ,ich will dir zu Hilfe kommen! St sage dir, wahrlich keiner wird auf dem Stuhle des Primas fitzen hkrei der König ergriff feil ncn Pfaffen einen Pi n Mann von vornehi dieses Reich lange Jahre regiert, mit welchen Mit- ------- Bestechung, Worlbruch ... und mit schlimmem, die nicht ausiprechen mag. So werden die Reiche der Welt verwaltet, ich bin es müde. Was ist mir dieses Engelland? Ich bin kein Nor- l'ne nicht einmal ein Sachse! Fremdes Blut fließt in meinen Adern, lad die Schätze, mit welchen du mich. Großmütiger, überhäufst — für jammle ich sie? — Für den Rost und die Motten!' wer sah ich gleich, daß Herr Thomas an den Tod von Gnade dachte, 1 auch der König war davon gerührt. Eine Träne rollte auf seiner °nge, denn Herr Heinrich hatte ein weiches Herz. wmt lacrimae rerum', murmelte der Kanzler vor sich hin. «an wem ist dieser Bers, Armbruster? Du warst ja ein Kleriker! tli du!' Der Kanzler blieb ruhig, aber in allmählichem Erblassen wich jede garbe aus seinem Antlitz. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück. Dann wendete er, den Anblick des Königs vermeidend, seine dunkeln Augen sn-värts zu mir. Mit zwei Fingern seiner lässig herabhangenden Rechten ho! er eine Falte seines Purpurgewandes langsam in die Höhe, so daß dk zurückgebogenen Schnäbel seiner köstlichen Schuhe sichtbar wurden. Bogner', scherzte er und streifte mit einem verächtlichen Blicke seine Di' Edelsteinen schimmernde Kleidung, .beschaue dir einmal den heiligen Stan! ... Diesen Täufer Hans, der die weichen Kleider verschmäht, die tun an den Höfen der Könige trägt — betrachte dir diesen guten Hirten, di das verirrte Lamm aus den Schultern heimholt und sein Leben läßt sii die Herde.' . . , Der König stieß ein grelles Gelächter aus — mir aber ward übel Itei zumute. ■ Inzwischen hatte sich der Kanzler mit kaltem Angesichte gegen den Söiiig gewendet. .Hoheit', sagte er, .diese Wahl ist nicht dein Ernst. Sie i'l ine unmögliche in den Augen deiner Bischöfe, deiner Normannen und »er Sachsen. — Soll der englische Klerus, als feinem Pater, einem ckchmeidigen Höfling gehorchen, weil dieser einmal in seiner Jugend M Zufall oder um eines Vorteils willen die erste Weihe empfangen bi — soll ein Sachse die Seelen deiner Normannen oder ein Abtrünniger - wie sie ihn nennen — die Seelen deiner Sachsen weiden? Herr, dein lmzler widerrät dir diese schlechte Wahl.' Sie ist die vortrefflichste', behauptete Herr Heinrich hartnäckig. — ’ if dem Stuhl von Canterbury, und der Thron St. Petri kracht in Fugen: du unter der Mitra, und dem Heiligen Vater wackelt die Zchkgang (939 So begab sich der Kanzler mit unbeschränkter königlicher Vollmacht im Gehorsame seines Herrn nach Engelland zurück, und dort formte und bildete er mit seinen geschickten Fingern die Bischöfe, die den Primas zu wählen hatten, wie geschmeidigen Ton, bis sie aus seiner Meisterhand als seine Geschöpfe hervorgingen und ihre Stimmen zu seinen Gunsten vereinigten. Alles verlief aufs beste. Herr Thomas wurde ernannt, und der normännische Bischof von Wineester legte ihm mit bittersüßer Miene und großer Feierlichkeit seinen brüderlichen Segen aufs Haupt. Da gelangte eines Tages eine unglaubliche Mär in die Normandie. Meinem Herrn und Könige wurde berichtet, sein Kanzler habe alle Pracht des weltlichen Lebens mit einem Male und gänzlich von sich getan. Zu dem üblichen Gastmahle feiner Bischofsweihe habe er gegen alle Art und Sitte nicht feine Brüder, die Bischöfe, und übrige vornehme Pfaffheit nebst der Blüte des normännischen Adels geladen, sondern er habe Armut und Schwären, die Bettler und Krüppel von den Landstraßen und Zäunen holen lassen, um feine weiten Säle und feine bischöfliche Tafel würdig zu füllen. Der König hielt dieses staunenswerte Ereignis für erfunden oder wenigstens von den Neidern und Feinden seines Lieblings ins große getrieben. Er machte sich über feine normännifchen Hofleute luftig, die solches neue und unerhörte Ding verdroß. .Herren', schäkerte er mit ihnen, ,das müßt ihr meinem Kanzler schon lassen, über Miene und schickliche Tracht jeden Standes weiß er Bescheid. In allem zeigt er Geschmack! Euch hat er in der Vollendung des Höflings vorgeleuchtet und euch alle an feinem ritterlichen Anstand übertroffen. Jetzt gibt er feinen neuen Standesgenossen, den Bischöfen, das hohe Beispiel der echten apostolischen Lebensart. Ein seltener, oh, ein einziger Mann!' — Als neue Kunden die erste bestätigten, hinzufügend, der Primas habe sein kostbares Bischofsgewand gleich nach der feierlichen Handlung der Weihe wieder abgelegt und wandle mit magerem, verfastetem Angesicht in einer groben Kutte durch die Straßen von Canterbury, seine Gäste, die sächsischen Bettler, wo er gehe und stehe, hinter sich herziehend, da wurde Herr Heinrich unsicher, und die scherzhaften Anwandlungen vergingen ihm; doch bald hatte er erraten, daß der unvergleichlich Kluge die Maske eines heiligen Mannes nur vorgenommen, um gegen den ~ “ :.i den bevorstehenden Unterhandlungen über die geistliche Gerichtsbarkeit in Engelland eine Macht zu gewinnen. Immerhin beschloß er, selbst zu der Sache zu sehen, und beschleunigte seine Ueberfahrt nach Engelland wandte er sich von neuem gegen mich, als wollte er die Maske des Gleichmutes, die einen Augenblick gefallen war, wieder vornehmen. .Von dem römischen Poeten Virgilius', antwortete ich ohne Anstand, .und er bedeutet, daß man die menschlichen Dinge nicht zu stark pressen soll; denn sie sind innerhalb voller Tränen.' Also wollte ich meinem Herrn und Könige zu Hilfe kommen. .Nimm mir ab das alte Joch', bat der Kanzler, .statt mir ein neues aufzubürden, das mich zum Doppelsinnigen und Zweideutigen macht.' Einen andern Kanzler suchen? Unmöglich. Herr Thomas war unentbehrlich, und das konnte nicht fein Ernst fein. So sagte sich Herr Heinrich, wie ich es mir denken muß, denn er brach plötzlich in die Worte aus: ,Du bist ehrgeizig, ehrgeizig, ehrgeizig! — Du machst dich kostbar, du Uebertluger, weil du dich unersetzlich weißt. Sieh, Thomas, das gefällt mir nicht. Ein fröhlicher Geber, ein fröhlicher Nehmer!' .Dein Kanzler muß ich bleiben, denn ich glaube, unsere Sterne und unsere Geburtsstunden stehen zueinander in Beziehung', erwiderte Herr Thomas; .aber zwinge mich nicht, dein Primas zu werden!' .Greif zu, greif zu!' schrie Herr Heinrich, durch diesen Beginn von Nachgiebigkeit angefeuert. .Halt ein, o König!' rief zu gleicher Zeit der Kanzler — mit einem Blicke, ehrwürdiger Herr, den ich nie vergesse, mit dem Blicke eines Sterbenden. Er fuhr mit der Hand an die Stirn, als brenne ihn dort eine Wunde, und feine Stimme sank zum Geflüster herab: .Wohin werde ich geführt? In welche Zweifel? In welchen Dienst und Gehorsam? In welchen Tod?' Dann erhob er sich wieder fast drohend zur Frage: .Bist du meiner gewiß, o König?' .Gewisser als meiner selbst', versicherte Herr Heinrich, der kein feines Ohr besaß und deshalb die geflüsterten Worte überhört hatte. .Genug des Rätselns! — Ich brauche dich, Thomas! Und sage nicht: was geht mich Engelland an? Meine Gunst hat dich längst über die Sachsen weggehoben, und ich habe mehr für dich getan als für irgendeinen Normannen.' Hier verzog ein Blitz des Hohns das Antlitz des Kanzlers; aber Herr Heinrich achtete dessen nicht und schrie ungeduldig: .Keine Widerrede mehr! Ich erhebe dich, so hoch ich will, und du gehorche!' Da neigte Herr Thomas fein bleiches Haupt und sprach: .Was du verhängst, das geschehe!' Neuntes Kapitel. leide keinen Spott über heilige Dinge! Wohl ist es schon lange, daß «lanfange, dich zu durchblicken. Du hast arabische Philosophie eingesogen *■ 311 folgst einer Geheimlehre und bist kein demütiger Christ; ich aber to1 "ls ein solcher (eben und sterben!' Du kannst nicht glauben, o König', antwortete Herr Thomas traurig toi deutete auf feine Brust, .daß auf diesen abgestorbenen Baum noch 'n Tau des Himmels fallen möge — und du haft wohl recht! Aber auch fite Frömmigkeit kann man der Wett müde werden. Unter den glugeln *«wr Macht habe ich dieses Reich lange Jahre regiert, mit welchen Mit- Mit Gewalt, Bestechung, Wortbruch ... und mit schlimmem, die DER HEILIGE Novelle von Conrad Ferdinand Metzer 7. Fortsetzung. nernen Banke des 5)o\ts und ote ötufen der ’iKurmonreppe jreuuijenv. Mein Blick fiel airf den Sachfen, der dem Primas das Kreuz vorge- tragen hatte. Er war in der Mitte des Haufens stehengeblieben und hielt das ihm anvertraute Zeichen noch immer hach. Ein roter Bart deckte zum großen Teil das lehmfarbene Gesicht; dennoch schien mir, ich sollte diese groben Züge kennen. Wahrhaftig, es war Trustan Grimm, der Verlobte meiner Hilde, der Tochter des Bogners in London. Ich freute mich, ihn als Mönch zu finden, und mutmaßte, daß ihn Hilde trotz ihrer Erniedrigung und dem Willen ihres Baters verschmäht habe, wie es sich auch verhielt, ich aber erst in späteren Tagen mit Gewißheit erfuhr. acgen den neuen Primas, feinen Kanzler, der sich weigere, ipnen ihre entlaufenen fächfifchen Knechte zurückzugeben, welche — so klagten die Herren — jetzt haufenweise den Klostern zueilen, um sich das Haupt scheren zu lassen; wozu Herr Heinrich mißmutig das seinige schüttelte. Am Morgen nach seiner Ankunft in Windsor versammelte sich in der großen Halle des Schlosses aller Adel, um die heimgekehrte Majestät zu begrüßen. Sie schlummerte noch. Ich aber bewachte die Tur, durch welche mein König in die Halle zu treten pflegte, und von wo sich die glänzende Versammlung leicht, überschauen ließ. Unter all den Herren war von nichts anderem die Rede als von der unerklärlich plötzlichen Verwandlung des Herrn Thomas. Sie waren gespannt auf feine Erscheinung; denn sie wußten, daß er kommen wurde, die Majestät zu begrüßen, und unterhielten sich lebhaft mit gedampften Stimmen, wie es sich in königlichen Gemächern geziemt. Rur Herr Rollo, der Greis, der sie alle um Haupteslänge Überragte, tat sich keine Gewalt an, und feine Rede grollte wie ein dumpf rollender Donner. Er stand auf der rechten Seit« des Saales in einem Kreise bejahrter Herren, die hagerste, trockenste Gestalt unter ihnen, und lästerte nach seiner Art gegen die Gesamtheit der Geschorenen und den neuen Primas insbesondere. . m „ ... .. , .Nie traute ich ihm Mannestreue zu', schalt der Waffenmeister, .dieser blassen Memme! Der falsche und feige Sklave duckt feinen dünnen Leib in die Kutte, weil er ihn dort mehr in Sicherheit glaubt als unter dem Schilde feines Königs. Hält' ich mit dem Heuchler angebunden, solange er ein Schwert trug! Ihr werdet erleben, der Ränkeschmied stiftet uns schweres Unheil an!' Und die Herren stimmten ihm bei. Auf der anderen Seite höhnten und kicherten die »ungern, denen Herr Wilhelm Tracy fein Mokierbüchlein wies. Dieser Herr war ein fertiger Zeichner, müht Ihr wissen, der mit dem Stifte zu spotten verstand wie kein anderer. Mit einer kleinen Verzerrung verwandelte er ein Menschenantlitz in das eines Tieres oder in das Abbild eines toten Dinges, dem Gelachter aller Welt es preisgebend. Auch mich faßte einmal fein Griffel und schuf mich zu einem krummbeinigen Jagdhund, der dem König in feiner großen Schnauze eine Schnepfe zutrug. Obichon mir damals der Spatz nicht gefiel, war ich der erst«, ihn zu belachen, denn es war das klügste. Andere, von reizbarem Blute und besserem Adel als ich, erzürnten sich wohl, wenn sie Herrn Wilhelm in solcher Verwandlung auf die Täfelchen seines Buches kritzle, das er jederzeit an den Gurt gekettet trug. Gut, daß feine Klinge ebenso spitz war als fein Griffel, sonst hätte ihn dessen Scharfe das Leben gekostet. ' ,, , . Der Spötter wies jetzt der jungen Ritterschaft ein neues Blatt feiner Schlldereien. Neugierig näherte ich mich Herrn Rinald dem Schönen, wie sie ihn nannten, der das Spottbüchlein eben in der Hand hielt. Er wand sich vor Lachen und ließ dabei das Büchlein auf den Boden fallen. Ich hob es ihm auf und erblickte darin eine seltsame Pflanze. Aus einem mageren Halm, dessen herabhängende Blätter die Aerrnel einer Kutte bildeten, wuchs am schwanken Stielchen eines dünnen Halses als Aehre ein mir wohlbekanntes Marterangesicht. Es war die Heuchelgestalt eines Eremiten und der Pirmas, wie er leibte und lebte. So schnell wird am Hofe ein Gefürchteter zu einem Berlacyren. Das Büchlein machte noch die Runde, da vernahm man aus der Ferne einen wunderlichen Klang. Es war eine fromme, einfältige Litanei, die sich dem Burghöfe langsam näherte, von tausend und aber tausend inbrünstigen Stimmen halb kriegerisch, halb klag!am gesungen. .Der Primas und seine Bettler!' ertönte es im Saal, und die Herren eilten an die Fenster. Auch ich fand meine Spalte und sah, wie Herr Rollo von der zunächst ragenden Zinne die gepanzerte Rechte gebieterisch ausstreckte. , .... .Die Zugbrücke auf! Zu die Torflügel! schrie er in den Burghof hinunter, wo normännische Waffenknechte das Tor hüteten. Wer der friedliche Heerhaufe: Mönche, Bettler, Kinder, jegliches Volk geringer Art, drückte und drang wie eine Herde unaufhaltsam herein. Die Kriegsknechte konnten Herrn Rollo nicht mehr gehorchen, sie waren unwillkürlich zurückgewichen, denn Herr Thomas hatte sie mit ausgebreiteten Armen gesegnet. Er schritt hinter einem hochgetragenen Kreuze an der Spitze seines armen Zuges. Er, den ich nie anders hatte zu Hofe kommen sehen als im kostbarsten Aufzuge und mit dem edelsten Geleite, trug ein grobes, härenes Gewand, und die Zehen feines nackten, auf Sandalen wandelnden Fußes glänzten unter der dunkeln Wolle hervor wie ein Stück Elfenbein. ..... Ehrerbietig und scheu empfing ihn die königliche Dienerschaft, um ihn in di« Burg zu geleiten. Noch einmal wandte er sich auf der Schwelle gegen die ©einigen und gebot ihnen, geduldig feiner Rückkehr zu harren. Sie gehorchten und lagerten sich demütig auf den Boden, die stei- ---nen Bänke des Hofes und die Stufen der Marmortreppe freilasiend. Inzwischen hatte Herr Thomas die inneren Treppen erstiegen und gerade, da ich mich wieder zum Fenster zuruckwandte, trat er in die Halle. Das Ziel aller Blicke, schritt er leise bis in die Mitte des Gemaches. Hier erhob er langsam den Blick auf die Versammlung und mit einer väterlichen Gebärde die segnende Rechte. Ein umutiges Gemurmel lief durch die Reihen, aus dem das Scheltwort des Waffenmeisters her- Do stieg aus der Tiefe des Hofes ein lautes Getön« auf, gemischt aus Geschrei des Weinens und der Freude, so datz man den Jubel vom Jammer nicht unterfcheiden und trennen konnte; denn es roar, feit ine X, . r , <_ MAylnrA« P.nHon {ott niin.nprt rlnhron nüchterner Tag! Schütte dein Hc Sachsen ihre heimischen Könige verloren hatten, seit hundert Jahres das erstemal, daß aus einem königlichen Fenster Gruß und Segen auf breitete, von den Normannen verschmäht, ferne barmherzige Rechte über das Volk der Sachsen aus. . _ ... Geheimnisvoller!' .Deine Rede, mein Herr und König, trifft mich unerwartet, am» wartete der Kanzler. Lch bin kein anderer, als ich schein« und mich trage! dein Diener, den du kennst.' ,So bin denn ich behext?' rief Herr Heinrich. Lst dies meine Hamm — Bin ich der König? — Bist du mein Kanzler? — Haben wir la® um Tag zusammengefesfen und dieses Land regiert? ... — Nein, treiben1 wir keinen unzeitigen Scherz! Es ist nicht Faschingsnacht, sondern helles nüchterner Tag! Welch ein unheimlicher Geist ist in dich gefahren- Schütte dein Herz vor mir aus ... Du weiht, das meinige steht dm immer offen!' . w Zch danke dir, o König, daß du dein Geschöpf ermutigst, frei mit ein zu reden', erwiderte der Primas. ,So wag' ich es, dir zu bekennen, dag diese Hand zu schwach ist, um zugleich den Bischofsstab und dein Siege» zu führen. Unausbleiblich käme das ein« der mir anvertrauten Kleins oder das andere dabei zu Schaden, und ich bin ein zu getreuer Knecht, um dir einen unbrauchbaren Kanzler oder der Kirche einen f4Iea)i® Bischof zu gönnen. Nimm, ich flehe dich darum an, o Herr, dies Ze >4^ deines mächtigen Willens, der mich zu feinem Werkzeug erkor dn- Pfcmd deiner übergroßen, unverdienten Gnade, die mich lange WO™ beglückte, nimm es heute wieder von mir!' Und Herr Thomas griff in die Falten feines allzu weiten Gewandes zog das Staatssiegel mit den drei Leoparden daraus hervor und reich' es dem Könige entgegen, um es m [eine Hand zu legen. . .Keineswegs!' rief Herr Heinrich und trat einen Schritt zurück, .1^ Kanzler, haben wir nicht gewettet! Nicht eine Stund« kann ich vf11**1! Dienst entbehren. Nur du und deine Klugheit können das äuftan - bringen, worüber wir zusammen gedacht und gewacht haben. 34 , - n. mit meiner starken Hand das garte Gewebe deiner Finger zerstöre» Kein Sträuben! Mein Kanzler bist und bleibst du!' ... .Du willst nicht mein Berberben', beschwor ihn Herr Thomas, ;oap» bist du zu großmütig! Siehe, ich fürchte mich, den Hohem zu eegu^ dem du selbst mich anheimgegeben hast. Er ist ein eiferfüd) tiger Meim der keinen zweiten neben sich duldet.' Diese schwer zu deutend« Rede verwirrte den König dergestalt, er das Siegel unwissentlich zurücknahm. Er runzelte argwöhnisch Stirn, und seine Stimme klang mißtonig, als er fragte: .Wem ich dich abgetreten? Doch nicht dem Papste in Rom?" (Forts- folg" sie herabfloh. t. , , „ . Die Normannen aber ballten die Fauste oder legten sie an den Knauf ihrer Schwerter. . Der Primas wandte sich, ohne jemandes zu achten, gegen Oie wohlbekannte Türe des Königs, gerade da ein Kämmerer von innen fii öffnete und Herr Heinrich in guter Morgenlaune in den ©aal trat. Ehrerbietig stand Herr Thomas vor ihm und harrte feiner Anrede mit gefenttem Haupte und in unterwürfiger Haltung. Herr Heinrich betrachtet« feinen Kanzler eine Weile aufmerffam unb zweifelnd, nicht anders — haltet mir's zugute — als man einen lang jährigen Liebling — Roß oder Bracken — beschaut, der durch Schm oder Stutzen des Schweifes seine Gestalt verwunderlich geändert hat Ueberratoung und Gelächter stunden aus seinem Gesicht; doch gedachte er [einer königlichen Würde und Weisheit und entließ zuerst die Hofleuti mit einer leutseligen Handbewegung. .Kir danken euch, Herrschaften', sagte er, .für eure Begrüßung Dienstwilligkeit und Liebe. Freude und Fröhlichkeit des Wiedersehen! oerfparen Wir auf Unsere festliche Tafel, zu der Wir euch all« emlaten,. wie es unfere Gnade und cuerm Werte geziemt. Doch vorerst di« Geschäft« mit Unferm Kanzler. Wollet inzwifchen einen Gang in Unsre neuen Gärten tun. Vergeßt nicht einen Blick zu werfen auf den neuen; Wasserspender im hinteren Hose, den grimmigen, ehernen Lowenkop, den Uns der wallonische Meister in Unsrer Abwesenheit vollendet hat- Au revoir, seigneurs barons!' Nach diesen Worten des Königs leerte sich der ©aal; der letzte, bet' widerwillig hinausschritt, war Rollo der Waffenmeister. Jetzt konnte sich mein Herr und König nicht länger halten. Zimi Henker, Thomas, wie siehst du aus?' sprach er neckend seinen Kanzler: an, .kommst du aus der Mauser? Die Federn sind dir ausgefallen, uni* die Widderhörnchen deiner ritterlichen ©chuhe hast du dir abgestohen — ja, wie ich sehe, sogar die ©chuhe selbst verloren! ... Ei, ei! Was kann man nicht alles an einem Philosophen, wie du, erleben! — Du bifti doch keine schillernde ©chlange, welche die Haut wechselt? Zugegeben,, daß etwas Abstinenz einen Bischof kleide, so tust du des Guten p du Großartiger, viel zu viel! ... Willst du dich toi« ein Aszet der Wusln abtöten? So kann ich nicht wieder mit dir Mahlzeit halten, was meint! Wonne war; denn Wasser und Wurzeln taugen einem töniglidjeni Magen nicht!' , Herr Thomas hatte diesen lustigen Worten mit gesenkter Stirn« zugehört, ohne eine Miene zu verziehen; nun richtete er die Augen aun das Angesicht des Königs. Da sah mein Herr, wie strenges Fasten unw Kasteiung die Wangen des Bischofs verzehrt, die Form feines Schädeln verfchärst und feinen jederzeit ernsten Blick fremdartig vertieft hatte. , Es übermannt« meinen Herrn ein Mitleid. .Thomas, mein Liebling» begann er wieder, .wirf nun dein« Maske weg! Wir sind allein unM unbelaufdjt. Ich glaub’ es, die Mummerei ist zu meinem Besten, aber: Gott verdamme mich, wenn ich verstehe, wohin du damit zielst! Wa« bedeutete-diese Verwandlung? Deffne deinen Mund, du Rätselhafter» Auf den Tod eines kleinen Kindes. Von Hermann Hesse. Jetzt bist du schon gegangen, Kind, Und hast vom Leben nichts erfahren, Indes in unfern welken Jahren Wir Alten noch gefangen find. Ein Atemzug, ein Augenspiel, Der Erde Lpft und Licht zu schmecken, War dir genug und schon zu viel; Du schliefest ein, nicht mehr zu wecken. Vielleicht in diesem Hauch und Blick Sind alle Spiele, alle Mienen Des ganzen Lebens dir erschienen, Erschrocken zogst du dich zurück. Vielleicht wenn unsre Augen, Kind, Einmal erlöschen, wird uns scheinen. Sie hätten von der Erde, Kind, Nicht mehr gesehen, als die deinen. Knabenerlebnis. Von Hermann Hesse. Der Schlosser Mohr, Hermann Mohrs Vater, den wir Mohrle nann- iti. wohnte am Eingang der Badgasse in einem alten, merkwürdigen und Mas finstern Haus, zu dem ein steiler, gepflasterter Ausstieg und dann Mh einige Stufen aus rotem Sandstein hinansührten. Neben dem Tor tn Schlosserwerkstatt, die ich nie betteten hab«, führte dicht hinter der hmstür eine steile, enge Treppe zur Wohnung hinaus, und auch diese lseustür, die e steile Treppe und diese Wohnung habe ich nur em einziges Mil betreten; es ist lange her, und seit Jahrzehnten ist die Familie Nhr aus meiner Vaterstadt weggezogen und verschwunden, und auch it selber bin seit Jahrzehnten fort und fremd geworden, und die dortigen Mge Bilder und Ereignisse gehören der fernen Vorwelt der Jugend nii» der Erinnerung an. In Jahrzehnten habe ich Tal und Stadt nur »lige Male für wenige Stunden wiedergesehen, aber nie mehr ist eine *re Stadt in den Landern, in denen ich seither gewohnt habe und «leist bin, mir so bekannt geworden; noch immer ist die Vaterstadt für ui) Vorbild, Urbild der Stadt, und die Gassen, Häuser, Menschen und Schichten dort Vorbild und Urbild aller Menschenheimaten und Menst ngeschicke. Lerne ich in der Fremde Neues kennen, eine Gasse, ein Tor, men Garten, einen alten Mann, eine Familie, so wird das Neue mir ir in dem Augenblick wirklich und voll lebendig, wo irgend etwas an ihn mich, fei es noch so leise und hauchdünn, an das Dorf und Damals Winnert. Die Familie Mohr war mir nicht eigentlich bekannt. Was ich kannte, kl war ihr Haus, vielmehr das Aeußere ihres Hauses mit dem steilen lifstieg, dessen Pflastersteine wenig Sonne sahen und immer etwas hd)t und finster waren. Da war die offenstthende Werkstatt, manchmal M man hinten durch ihre Schwärze ein kleines Schmiedefeuer sprühen hörte den schönen, vollen Ton des Ambosses, und außen am Haus tciben Bündel von dünnen Eisenstangen schräg angelehnt, so wie beim Eignet die geschälten Eschenstämme standen, und es roch hier winklig und tr# ng, etwas nach Feuchte und Stein, etwas nach Ruh und Eisen und tvas nach Haarwasser und Pomade, von dem kleinen Friseurladen her, ki etwas tiefer daneben lag und wo ich alle Halbjahr das Haar geschoren ’klom. V Weiter kannte ich von den Mohrs die t>rei Söhne. Sie galten alle ftir scheit und aufgeweckt, einer war schon in einer Lehre oder Jtuoierte, Der »eite, ein Jahr älter als ich, ging gleich mir in die Lateinschule, uns ki dritte, Hermann, der Mohrle, gehörte, noch ehe ich ihn kannte, für nich mit zum Anblick des Hauses, denn selten kam ich dort vomiber, ohne il)r fitzen und irgendwelche Kunstwerke verferttgen zu sehen. Er sah ent- kber hoch über der finsteren Gasfe, auf der Mauerbrüstung neben feiner faustür, oder auch ein Stockwerk höher am Fenster, ein kleiner, sehr Mer, zart und kränklich aussehender Knabe, mehrere Jahre junger als «h Und dieser Mohrle galt für noch begabter und merkwürdiger als sein« Av-ßen Brüder. Er schien immer zu Hause zu sitzen und'immer auetn » sein und war jederzeit mit zarten, sinnreichen Handarbeiten beschäftig. Wentiid) tat er sich als Zeichner hervor, er galt für em Wunderkind, pb man sprach in der Nachbarschaft mit Respekt von Hm, obwohl er Mich in einer der ersten Schulklassen war. In der Schule wußte man da- Mls nichts vom Zeichnen; er hatte sich ohne Lehrer und Vorbild auf kise Kunst geworfen, und was ich davon zu sehen bekam, weckte jedes- y meine Bewunderung und auch meinen Neid. Manchmal brachte sein wilder eine Zeichnung von ihm mit in die Schule und zeigte sie herum, Ifib alle bewunderten sie. Und wenn ich ihn auf der Gassenmauer oder tarn Eckfenster sitzen und zeichnen sah, dann hatte ich nicht das JU- MMen, hinaufzugehen, mich hinter ihn zu stellen und ihm zuzusehen, wie 4 es allzu gern gemacht hätte, sondern es schien mir richtig und gebo- h.>, die einsame Arbeitsamkeit des Wunderkindes zu achten und seine |ötalle nicht durch Neugierde zu stören. Wäre er nicht gar so klein gew- Io hätte ich versucht, ihn zu meinem Freunde zu machen. Aber er P-r vier, fünf Jahre jünger als ich, und mochte er auch ein Genie fein, »erbot es mir doch meine Schülerehre, mich naher mit. einem 1 tarnen einzulassen. Dennoch liebte ich ihn und blickte gern hinüber, wenn er so schmächtig und gebückt vor seinem Hause saß und an einer Zeichnung strichelte ober eine seiner vielen erfinderischen Arbeiten aus den Knien liegen hatte, etwa das Speichenrad einer kleinen Hammermühle, den Rumpf eines Segelschisses aus Tannenrinde oder die Hülse einer Schlüsselbüchse. Während wir andern in Hausen durch die Gassen sprangen, spielten, Lärm machten und viele Streiche verübten, führte der bleiche, kleine Wundermann abseits mit Griffel, Bleistift, Hammer oder Schnitzmesser sein besonderes und abgetrenntes Leben, zufrieden, fleißig und nachdenklich wie ein Alter. Vielleicht war der kleine Knabe sehr frühreif und war in seiner Seele schon der Leiden und tiefen Wonnen fähig, welche in jungen Jahren dem Künstler seine noch unerprobten Kräfte bescheren, und vielleicht glaubte er an eine glänzend« Zukunft, den trotz seiner Kränklichkeit und Einsamkeit schien er uns und unsre Spiele weder zu beneiden noch zu entbehren, er war zufrieden. Etwas später, als in mir die erste Leidenschaft für die Studien und für die Dichtkunst wach wurde, dachte ich manchmal an ihn und wäre jetzt vielleicht wirklich sein Freund geworden, aber da war er schon nicht mehr da. Bald nämlich umgab sich der Mohrle mit einem noch tiefem Geheimnis und entrückte sich unferm Umgang und Verständnis noch völliger. Er sollte nicht die Kämpfe und Enttäuschungen erleben, die auf seinesgleichen warten; er sollte auch nicht an jenen Scheideweg kommen, vor den jeder Künstler einmal gestellt wird, wo es zu wählen gilt zwischen Vorteil und Kunst, zwischen Bequemlichkeit und Kunst, zwischen Treu« und Verrat, und wo die meisten untreu werden. Das blieb ihm alles erspart. Eines Tages fehlt« der Mohrle in der Schule, andern Tag fehlte auch sein Bruder, und am nächsten Tag hörte ich, daß er gestorben sei. Die Nachricht bewegte mich wunderlich. Und dann traf ich auf der Gasse seinen Bruder und war sehr in Verlegenheit, was ich zu ihm sagen solle. Er war nur ein Jahr älter als ich, aber viel reifer und fertiger, ein geschickter und etwas flotter Knabe, und mir zwar nicht an „Kinderstube", aber an Auftreten und Anpassung weit überlegen. „Dein Bruder ist ja gestorben", sagte ich zögernd. „Ist es denn wahr?" Er erzählte mir, was für eine Krankheit er gehabt hab« und wie und warum er gestorben fei; es waren Ausdrücke, die ich alle nicht verstand. Und zuletzt sagte er etwas, was mich bis ins Herz hinein erschreckte und beängstigte. Er sagte: „Willst du hinauskommen und ihn sehen. Er sagte es in einem Ton, aus dem ich erfuhr, daß er mir damit eine Artigkeit und Ehre erweisen wolle. Ach, aber ich wäre am liebsten auf» und davongelaufen, ich hatte noch niemals einen Toten gesehen und begehrte auch nicht danach. Mer vor dem Blick des alteren Knaben schämte ich mich, ängstlich ober wehleidig zu scheinen, ich durfte und wollte nicht nein fagen; es hätte ihn vielleicht auch beleidigt, und fo gmg ich schweigend mit. Ich folgte ihm wie ein JBerurteWer über d,e Gasse, und am Brunnen und am grifeurlaben vorbei, die !chkupfrigen Pflasterstein« hinan, ins Haus und die steile Treppe empor. Das Herz stand mir still vor Angst und zugleich spürte ich eine grausige Neugierde; es Drang lauter Neues, Feindliches, Wildes auf mich ein, aus den kühlen Worten Des Bruders, aus dem Knarren der Treppendielen und am meisten aus dein Geruch, von dem ich nicht wußte, ob er immer in diesem Haus sei, ober ob er von einer Arznei herkomme, ober ob es der Geruch des Todes sei. Es war kein heftiger Geruch, er war herb, essigartig und zog die Kehle etwas zusammen, es schien mir ein fataler, ein böser, liebloser, vernichtender Geruch zu sein; ich roch alles darin voraus, was ich über Den Tod und das Sterben noch nicht wußte. Ich ging immer langsamer. Die letzten Stufen der Treppe machten mir große Muhe. Jetzt öffnete Wohrles Bruder leise ein« Stubentür, und hinter ihm, von der bösen Macht gezogen, trat ich in die Kammer, wo der kleine Tote «ufgebatjrt lag. Da blieben wir stehen, und der Bruder hatte aus einmal Tränen in den Augen, wollte es verbergen, gab es dann aber auf, und bald lächelte er wieder ein wenig Ich ftonb und starrte auf das tote Kind, noch nie hatte ich so etwas gesehen. Das Körperchen sah unscheinbar aus, so dürftig und flach, und vom Gesicht war die untere ftalfte ebenfalls traurig, kümmerlich anzusehen; uralt und zugleich doch kinberhast. Ader auf Nase und Stirn und Augenlidern lag etwas Schones und Würdiges, über dem weißen, faden Wachs der starren Haut schimmerte es magisch beseelt. Die feinen, alabasternen Schlafen, bläulich unter- laufen, und. die Stirnwölbung hatten ein wunderliches Licht, das ich an- starrte, ohne zu wißen, ob es mich anziehe ober abstoße. «u Ebren des Toten waren nebenan auf einem Tisch einige Zeich- nunaen von ihm aufgelegt. Ehe ich sie betrachttte, blickte ich nod) einmal scheu auf di? weißen, kleinen Knochenhändchen, die diese Stricks noch vor einigen Tagen gezogen hatten. Ich brachte es nicht fertig, die Blatter anzufasstn so wenig, wie ich den Toten selbst hätte berühren können Das Ganze, was ich da erlebte, war ein schreckliches Gemisch von Gröhe und Widrigkeit, von Anklang an Gott und Ewigkeit und elendem Los Der Kreatur' es schmeckte bitter und giftig, man konnte es nicht lange ertragen. Die Zeichnungen lenkten ab, ich blieb eine Wette vor ihnen stehen. Es war eine geharnischte Germania auf einem der Matter gezeichnet, auf einem andern eine romantische Schloßrumc im Wald, ober ich hatte jetzt wenig Aufmerksamkeit für sie, sie waren wertlos gewor- Den, man würde sie aufbewahren und zeigen und dann vergessen. fiel nadi kaufe, sobald ich wich hatte losmachen können, es war Menb idi ging in ben ©arten, ich roch an den Kapuzinern und Levkojen, um den Todesgeruch los zuwerden, und hatte, bis es nach Tagen per» tlunaen war ein Gefühl, als wenn etwas Kleines, ein Zahn ober Knoch- lein$in meinem Leib mord) geworben und ins Brodeln geraten wäre. Plötzlich aber gelang es mir, das ganze Erlebnis für eine lange Zeit vollkommen zu oergeffen. 9fm Dtrme. Von Annette von Liroste-Hülshoff. Ich steh auf hohem Balkons am Turm, Umstrichen vom schreienden Stare, Und laß gleich einer Mänade den Sturm Mir wühlen im flatternden Haare; O wilder Geselle, o toller Fant, Ich möchte dich kräftig umschlingen Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand Auf Tod und Leben dann ringen! Und drunten seh ich am Strand, so frisch Wie spielende Doggen, die Wellen Sich tummeln rings mit Gekläff und Gezisch Und glänzende Flocken schnellen, O, springen macht ich hinein alsbald, Recht in die tobende Meute, Und jagen durch den korallenen Wald Das Walroß, die lustige Beute! Und drüben seh ich ein Wimpel wehn So keck wie eine Standarte, Seh auf und nieder den Kiel sich drehn Von meiner luftigen Warte; O, sitzen möchte ich im kämpfenden Schiff, Das Steuerruder' ergreifen Und zitternd über das brandende Riff Wie eine Seemöve streifen! Wär' ich ein Jäger auf freier Flur, Ein Stück nur von einem Soldaten, Wär' ich ein Mann doch mindestens nur. So würde der Himmel mir raten: Nun muh ich sitzen, so fein und klar, Gleich einem artigen Kinde, Und darf nur heimlich lösen mein Haar Und lassen es flattern im Windel Von der guten, gerechten Sprache. Von BrunoBrehm. Der Dichter Bruno Brehm wurde mit dem Nationalen Buchpreis des Jahres 1939 ausgezeichnet. Wenn ich als Kind krank war (und ich war so viel krank, daß ich meine heutige Gesundheit ehrlich verdient habe), gab mir mein Vater drei Bände ins Bett, die er mir sonst vorenthielt, da er aus mir lieber einen Naturwissenschaftler als einen Soldaten gemacht hätte. Es war dies die „Illustrierte Geschichte der k. k. Armee. Dargestellt in gemeiner und spezieller culturhistorischer Bedeutung von der Begründung und Entwicklung an bis heute". Ein unverständlicher Titel und drei gewichtige Bände, von denen der dritte wohl etwas schmäler war, dafür aber in farbigen Tafeln die Geschichte der Uniformen sowie der Orden und Ehrenzeichen enthielt. Von ihrem Anfang an hatte ich wohl diese drei Bände nie gelesen, aber immer wieder bald hier ein Stück und bald dort eines, wie die Texte gerade zu den vielen Bildern paßten. Viel Kopfzerbrechen verursachten mir solche Stellen: „Die Oberen und Commandanten der Regimenter sind gemeintich an derlei exzehe, sactionen und unzuläßliche conduite ihrer Subalternen Schuld, die ge- memlich daher rühren, wenn sie nicht mit der Jntegritet, wie sie sein sollen, und unsere Pflicht mit sich bringt, gouverniren." Jin Bett hatte ich genug Zeit, um darüber nachzudenken, was das wohl heißen möge, und warum man also gesprochen und geschrieben habe. Der Reihe nach suchte ich aus den angeführten Briefen, Dienstvorschriften und Gefechtsanordnungen ähnliche Stellen heraus, deren Fremdheit mich gleichermaßen anzog und abstieß. Fragen wollte ich nicht, warum war damals so geschrieben und gesprochen worden; ich hätte vielleicht auch die Erklärung gar nicht verstanden. Neben diesen nebelhaften Anführungen aus alten Büchern, Befehlen und Briefen fand ich aber auch Stellen von einer Deutlichkeit, die mein Herz erfreute, so z. B. die Tischregeln, die Erzherzog Wilhelm im Jahr« 1640 zu Wien erlassen hatte, von denen die letzten lauteten: „4. Item mit der Hand nicht in die Vorlegeschüssel langen oder die abgekiefelten Seiner zurück oder hinter den Tisch werfen. 5. Item nicht an den Fingern mit der Zunge schlecken, auf die Teller speien oder in das Tischtuch schneuzen. 6. Item zu letzterem nicht zu viechisch humpieren, daß man vom Stuhle füllt oder nicht mehr gerade gehen kann." Das war eine saftige Sprache, die ließ'sich verstehen, die nannte alles beim rechten Namen. Aber was ich in diesen drei Bänden, die wohl weitab von aller Literatur lagen, gelernt habe, das habe ich dann für immer behalten. Ich habe späterhin alle Bücher so gelesen, wie diese drei Bände, ich habe in allen immer wieder den Grimmelshausen oder die Tischordnung mit ihren saftigen Ausdrücken gesucht oder die klaren Worte des Exerzierreglements Erzherzog Karls, die ihre. Krönung in dem einzigartig schönen Eid der Armee gefunden haben. Denn es müssen ja nicht nur Fremdwörter sein, die so falsch an das Gewand der Sprache angenäht sind, daß sie mit ihrem Gebimmel deren schlichten und derben Laut übertönen. Es können ja auch Wörter der eigenen Sprache sein, die man so bombastisch aufbläst, daß st» nur auf dem Papier, nimmer aber in eines Menschen Mund möglich sind. Das sind dann so recht die grellgefärbten Papierblüten im lebenden Blumenstrauß, an deren Heftdraht man sich die arglose Nase blutig sticht. Wahrhaftig, da waren mir noch alle Fremdwörter lieber als jenes Zeug, das von keiner Gefühlsjauche jemals zum wirklichen Blühen kominen kann. Rätselhaft ist es mir immer geblieben, woher man sich den Wortfusel holte, und wer diesen Menschen den Mut gibt, solche Sätze zu brauen. Vom Himmel und aus der Vorzeit werden die Vergleiche geholt, es wird georgelt und gegeigt, getrommelt und gepaukt. Da gibt es „cherubschlanke Fenster, durch die das von hauchzartem Opfergewölk verhängte Gralslicht aus mystischen Abgründen herüberdämmert," da „werfen blondgelockte Burschen trotzig das Haupt in den Nacken", da zündet ein Beleuchtungsmeister Abend- und Morgenröten an, je nachdem sie gerade gebraucht werden, und da vergißt man, daß es einen großen Beleuchtungsmeister gegeben hat, vor dem sich diese Effektbrüder alle verstecken können, nämlich Jean Paul, der. wohl auch eine trunkene, nimmer aber eine besoffen« Sprache geschrieben hat. Freilich, der Roman als Kunstart ist es, der dergleichen Unarten gezüchtet hat. Er hat so viele Sätze, daß er hin und wieder auf vielbefahrenen Gleisen daherbrausen muh, und das sollte man ihm, dem zweifelhaftesten Sohn der Kunst, nicht allzuübel nehmen. Aber wenn nun einer zwischen jedem Schienenstück ein süßes Wortblümchen ein« pflanzt und so glaubt, das Ganze aufputzen zu können, muß man an sich halten, um nicht tobsüchtig zu werden. Solche Satzgeleise nützen sich bald ab und müssen wieder erneuert werden. Am deutlichsten kann man das im Kino sehen, da ja der Film getreulich alle Unarten des Romans übernommen hat. Einmal erfindet ein geschickter Regisseur eine wirkungsvolle Bilderfolge: den heranbrau- senden Schnellzug oder die im Auto fitzenden und von der Bewegung geschüttelten Personen. Das erste Mal ist es verblüffend, das zweite Mal nimmt man es wie eine geschickte Ueberleitung, das dritte Mal ist es zu einer Phrase geworden, zu einem notwendigen ober überflüssigen Gelenkstück, das einen gänzlich gleichgültig läßt. Und so ist es auch mit allen Redensarten im Roman selbst, die einmal neu waren und dann durch noch so viel Reiben nicht mehr auf Glanz zu bringen sind. Aber alle diese Kunststücke tun der echten und guten Sprache keinen Abbruch: sie lebt und rauscht linier' den Büchern weiter, und derjenige, der sie hört, der mit ihr sparsam und behutsam umgeht, kann sie immer wieder zum Blühen bringen. Denn da erscheinen mir auch heute noch jene Sätze des Sprachgemisches, das Friedrich der Große schrieb: „mit meljr vivacite ju agieren" ober „aber in allen Fal ist mein Ernstlicher Befehl bis am letzten daran, zu Wagen umb Berlin zu Maintenihren" groß und heftig, besser jedenfalls als jene rein deutschen Sätze, deren bllnngeschnittenes Brot mit der Kunstbutter deutscher Kraftworte fingerdick Überkleistert ist. Und aus jenen deutschen Sätzen und Redewendungen, die in den französischen Briefen der Kaiserin Maria Theresia eingestreut sind, weht uns mehr an vom Atem der Sprache als in jenen Tausenden von Seiten zu spüren ist, die wohl kein Fremdwort entstellt, in denen aber nichtsnutzige Dummheit alle Ausdrllck zu einem Mansch von Großartigkeit und Plattheit zusammengepanscht hat. Als einmal ein Pastor mit einem alten schwedischen Bauern über die christliche Religion sprach, da sah der alte Mann sänge still und sagte dann schließlich: wie dies alles sei, wisse er nicht, er habe sein ganzes Leben immer nur zu dem gerechten, alten Gott gebetet. Sv wie diesem Bauer geht es mir auch mit der Sprache; ich habe stets nur an die gute, gerechte Sprache geglaubt, die sich nicht verschütten und verunstalten läßt. Die all das Fremde, das man ihr ange- hängt hat, wieder ausstöht, mit Fieber zwar und Schüttelfrost des Sturms und Dranges, aber die doch wieder Herr im eigenen Hause wird, wie sehr man sie auch entstellt und entmachtet haben mochte. Nun, sie wird auch diesmal wieder mit den Säuslern ebenso fertig werden wie mit den Prahlern, denn sie setzt den Unrat, der in sie gerät, nicht anders ab als ein Fluh, der mit den Abflüssen aus den Kanälen fertig wird. Denn immer wird das größte und einfachste Wunder in der Sprache das fein, daß jemand ein einfaches Wort an den richtigen Platz jetzt. Ob dies nun ein großer Dichter tut ober ein kleines Kind, das ist dasselbe. Im böhmischen Erzgebirge saß einmal ein kleines, dickes Kind auf einem Handschlitten. Jemand, der varbeikam und sich wunderte, daß dieses Kind ja still sitze, fragte, was es denn da mache. „Anlehnen", gab bas Kind zur Antwort. Eigentlich wäre darüber nun weiter gar nichts zu jagen, denn darin ist alles enthalten: Die Freude am Besitz eines Schlittens, das Wohlgefühl, allein zu [ein und sich gegen die Lehne zu stemmen und wie ein König zu thronen; und ich hätte auch kein Wort mehr hinzugefügt, wenn ich nicht wüßte, daß viele Menschen den Sinn dieser schönen Antwort erst über den Umweg des Nachdenkens erfassen können. Denn die wunderbaren, Kraftbrühen zusammengekochter Sätze haben den Sinn für bas Einfache verdorben, daß es nur wenige mehr hören und sühleck können. Wie sehr aber das Einfache das Rätselhafte und das Klare das Geheimnisvolle ist, kam mir einst zum Bewußtsein, als ein schwedischer Freund mich bat, ihm bei der Uebersetzung von vier Zeilen Hölderlin zu helfen. Wir saßen einen Nachmittag lang und versuchten es immer wieder, von einer verwandten Sprache in die andere das Gedicht allmählich hinüberzuschieben, ohne daß die Worte ihr Gewicht und ihren Sinn verloren hätten. Wir mühten uns umsonst. Und es war ein ganz einfaches Gedicht, nämlich eines der schönsten, die je geträumt worden sind: Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen, Die Jugendstunden find wie lang! wie lang! vekslossen April und Mai und Junius sind ferne, Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne. Der«intwvrtltch: Dr. Hans Thhriok. — ®turt und Derlag: Brühlsche Ilniversttäksdruckerei R. Lange, Gießen.