SieWerZamilienblimer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger jahrgang |939 Montag, den 2(. August Nummer^ Eine Armee meutert SGHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Vericht von p. C.Ettighoffer t b y Bertelsmann Gütersloh (Schluß.) ($5 wird gehetzt, es wird gerufen. Mehr braucht es nicht. Die Kom- Wien treten zusammen und wählen Sotbatenräte. Ein Revolulions- bbunal bildet sich, um Gericht über unbeliebte Offiziere zu halten. Den elften Offizieren gelingt noch die Flucht aus dem Lager. Wahrenb- bijfen verteilen sich russische Kompanien in der Gegend. Sie durchstreifen Lindernd die Dörfer und Lager der französischen Truppen und Hetzen «ich hier zum Aufruhr. Die Internationale wird gebrüllt. Eine Ver- btüberimg scheint unausbleiblich. Erneut gewinnt die Meuterei Oberhand, hnauegetragen auf den Schultern der toll gewordenen fünftausend Men. Aber diesmal wird man kurzen Prozeß machen und so verehren, wie man drüben in Rußland im Falle einer Meuterei handeln mürbe, gäbe es bort noch einen allmächtigen Zaren. Der russische Kommandant, der sich mit knapper Not dem Zugriff bir Rebellen entziehen konnte, fordert sichere französische Truppen an. saoaUerie-Regimenter und Republikanische Garde, zusammen mit Felb- f nbarmen, rollen herbei. Artillerie fährt auf. Und bann werben bie Nüssen dreimal aufgesordert, sich zu ergeben. Sie antworten übermütig mit Gewehrsalven und Malchinengewehr- uer. Und da heulen die Granaten heran und bersten in den Vager* fjen. Die Geschosse durchfahren die dünnen Gebäude und Baracken, len Tod und Verderben. . Mehrere Stunden lang schießen bie Batterien, bann f(utUrt an e nem Achnenmast ein Bettuch hoch, als Flagge ber Uebergabe. Die funftaufenb Nüssen, ober jene, bie noch von ihnen übrig sind, ergeben sich auf Gnade Sie kommen aus dem Lagertor, mutlos, kleinlaut. Die Kriegsgerichte fielen zusammen. Und bann müssen die erdbraunen Gestalten sich drüben ist Massengrab schaufeln. h Eine Stunde später bläst ber russische Formst zum Gebet — und [ tunn nach einer Weile, während alles noch barhäuptig steht, knattert dis Maschinengewehr des Exekutionskommandos — — — Die Meuterei ber russischen Hilfstruppe ist blutig erstickt. Du Ueber- jtoenbcn werden entwaffnet und fortan nur noch im Etappendienst ver wnbt. Biele treten später in bie Fremdenlegion. . . h Nack einiae Tage flackert ber Aufruhr, knurrt bie Meuterei m der f sianzösischen Armee. Aber es wirb von Stunbe zu Stunbe weniger. Die Ivisiziere haben wieder die Oberhand. Fieberhaft arbeiten die Kriegs- I» richte. Gewehre knallen. In vielen Regimentern werden die besten hith(ter Not kann nur mit dem allerbesten und dem kostbarsten Blut IjÄnt und abgewaschen werden. Die Besten der Nation müssen^bluün » mit das Vaterland weiter leben und weiter kämpfen kann. De„ knzelne, noch so wertvolle Mann ist nichts, das Raterland s ^ Endlich, am 13. Juni, können die Armeesuhrer dem ^berkommam terenben melben, daß überall, bei allen Truppenteistn Ordnung und Eifaipltn wieder eingekehrt sind. Es ist em großer Tag f r F ) -chicksalstag für den weiteren Verlauf des Weltkrieges .denn. --in diesem Augenblick nähert sich der französische Küste em Kriegsschiff. Viele hohe Offiziere warten am Ufer. Das Sch ff torm » den Hasen und wird vertäut. Und über die rasch ge 9 9 schreitet ein hoch aufgeschossener Mann. Es rft General 45 )) g, iberkommandierende der amerikanischen Truppen. Die Krankheit der französischen Armee ist "berwunden und^e Amerikaner nahen. Ihr Truppenführer hat schon st men Fuß s F>-a richs Erde gesetzt, und nach ihn. werden die 'Regimenter "en^me kmsionen, die Armeekorps und die Armeen. Und über ei I h I" ® Hunberte, Hunberttausenbe fein, bann wirb es weit __ ftn mit Waffen, Tanks, Lebensmitteln und Munition ohne Enbc V Das Material rollt. , »Die Amerikaner kommen. Die Amerikaner sind dal Amerika^mar- W\" Hoffnungsschreie hallen durch Frankreich, Jawohl ümer "«rschiert. Heule ist's erst der Dbertommanbierenbe aber morgen Ma Zierden die Quartiermacher kommen. Und sie werben g nz ein die ein die die Und Deutschland? Deutschland hat nur noch die Tapferkeit feiner Sühne. Kein Material mehr. Nur noch die lebendige, pulsende Tapferkeit der Männer. Männer gegen Material! Das Antlitz des deutschen Frontsoldaten wird eisenhart. Wenn es lacht, dann lacht es grimmig, und doch wiederum jungenhaft — ehrlich, weil man das Leben noch besitzt. Das Leben ist ein Falter geworden: Ruht nur noch als Gast auf deinem Ich. Eine Bewegung, ein Zufall, Nichts, und der Falter entflattert, und nichts holt ihn zurück. Und Kameraden sehen den Falter flattern und wissen, daß es morgen anderer sein wird, übermorgen du, ober ich, ober er — — Und Gesichter lachen, weil sie (eben. Von den Toten, von jenen, denen Falter entflohen, spricht man nicht. Heilige Scheu verbietet, davon schäften in Mittel- und Südfrankreich antaufen, um neue, gewaltige Munitionslager, Truppenlager, Lebensmitteldepots und Exerzierplätze zu errichten. Mag die Aehre schon schnittreif auf dem Halm stehen, einerlei, man wird sie niederwalzen, in den Boden stampfen. Keine Zeit mehr zur Ernte. Denn: schon sanden die ersten Hunderttausende Granaten und die ersten Tausende Kilometer Geleise. Alles muh gestapelt werden. Neue Landschaften entstehen. Traktoren durchrattern die Felder. Leben, Leben und Tempo! Die Hauptsache: Tempo! Denn: Amerika marschiert! Amerika wird diesen schläfrig gewordenen Krieg aufrütteln, aufpeitschen und vernichten. „Hallo, wo ist sie denn, eure verdammte Schießbude, wie?!" Fremde Männer warten mit sehnsüchtigen Augen auf den Tag des Einsatzes. Sie kennen den Krieg noch nicht. Spielerei ist er nach für sie. Riesenbomber burchbrüllen die Luft mit dem Donner nie gehörter Schwerstmotoren. Unb so etwas kann fliegen! Eine fliegenbe Festung! Nein, zehn, hundert, fünfhundert solcher fliegender Festungen wirft Amerika in die Waagschale. zu sprechen. So formt sich das Antlitz des deutschen Soldaten, das ewig gütige, harte, eiserne, jungenhaft-männliche Antlitz unter dem Stahlhelm, der die wissenden Augen beschattet. Keiner spricht vom Drlog; jeder erlebt, erduldet ihn. Kamps ist dies Leben, Kampf ist dein Schicksal. Weil du Deutscher wurdest, weil eine deutsche Mutter dich gebar. „Es ist unmöglich, es ist übermenschlich, es ist heldenhaft, was ihr dort littet und wie ihr dort strittet", werden sie uns in zwanzig, in hundert, in taufend Jahren sagen. Und wir: „Was--was taten wir? Es mußte doch so fein--1 Es war gut so! Alles war gegen uns. Die Menschen waren gegen uns. Das Schicksal war gegen uns! Das Material war gegen uns, das verdammte Material, weißt du--es hat uns erdrückt. Und ihre Zahl hat uns erdrückt. Deshalb sind wir so hart geworden, ab 17. Deshalb hat der Krieg ein anderes Gesicht bekommen damals, nach der Landung der Amerikaner. Frankreich warf eine Welt in die Waagschale. Und mir--mir hatten nur unsere Stirn, unsre Brust, unsre Pflicht!" Amerika marschiert! Vorbei ...! Versunken im Schoß der Vergangenheit die wilden unb tragischen Sage unb Wochen am Damenweg. Tragisch waren sie sür Frankreich, well sie die Nation an den Rand des Abgrundes gebracht hatten, tragisch für Deutschland, weil die Gelegenheit, den Krieg rasch unb vielleicht mühelos zu beenden, durch einen Vorstoß, der diese ganze morsche Feindfront zerschlagen hätte, von uns nicht erkannt und nicht ^^'"Erst^s'päl^er sahen wir klar", schreibt Ludendorff in seinen Kriegs - erinnerungen. Das Schicksal lud ein schweres Los auf unsere Schultern. Und wir, die Feldgrauen, wir nahmen dies eherne unb männliche Kämpfenmüssen an unb schritten bie lange Straße des Krieges, wissend, ernst unb hart. General Nivelle, den tragischen Feldherrn der Gegenseite, trafen wir nicht mehr Er blieb verschwunden unb für den westlichen Kriegsschauplatz vergessen. Nur seine Feuerwalze, das systematische Abklopfen einer Landschaft mit Feuer, Rauch unb Explosionen blieb zurück. Und der rücksichtslose Einsatz vieler Kräfte unb vieler Mächte zum Niederringen der Deutschen, dies alles blieb zurück. Den grimmen Mangin sollten wir erst spater, in den tragischen Aerbftroodien von 1918, noch einmal kennenlernen. Ihm, dem hartschabe- ligen Lothringer, blieb es vergönnt, seine Schwarzen boch noch °n den Rhein zu führen unb somit Rache für die Panik vom 16. April zu nehmen. Vorbei bie Wochen ber aussichtslosen Angriffe am Damenweg! Niebergelegt vorläufig jeber Ourchbruchsgedanke. Warum auch Durchs bruch? Warum jetzt noch eilen unb hasten? Jetzt muß bie Zeit für Frankreich und für di« Alliierten arbeiten. Keinen Sinn mehr, den Kampf rafch beenden zu wollen, nein, er soll dauern, er soll Deutschland noch mehr zermürben. Frankreich kann warten; denn Amerika kommt! Jede weitere Kriegswoche läßt die Lebensmittel tat Deutschland mehr und mehr hinschwinden. Jede weitere Woche bringt neue Materialschiffe aus Amerika, aus allen Ländern und Kontinenten nach Frankreich. Von Tag zu Tag schwinden die deutschen Reserven. Di« Neunzehnjährigen rucken ins Feld, halb ausgebildet, schlecht ernährt. Bald wird die ausgepumpte, arm gewordene Heimat nichts mehr hergeben können, weder Menschen noch Material. Von Tag zu Tag strömen sie drüben, in den USA., zu den Fahnen, alles junge, kräftige, gesunde, überernährte Menschen, wie bei uns im Jahre 14. Hunderttausende melden sich als Freiwillige für diesen Krieg, den sie in jungenhaftem Leichtsinn als „lächerliche Sportangelegenheit" bezeichnen. Von Manat zu Monat wird das deutsche Material schlechter, geringer. Die Geschützrohre sind ausgeleiert, verschlissen. Trotz größter Opserbereitschaft können die Waffen- und Munitionsfabriken mit dem Verbrauch kaum noch Schritt halten. Und dabei wird der Tag kommen, an dem Rohstoffmangel selbst für Geschützrohre und Granaten eintreten muß. Von Monat zu Monat steigern die amerikanischen Munitionsfabriken ihre Erzeugung. Rekordziffern werden ausgestellt und am Ende des nächsten Monats schon wieder weit überboten. Rohstoffmangel? Unbefriedigter Bedarf? — Bah, was ist das?! Hunger peinigt die deutsche Heimat, Hunger peinigt die deutsche Front. Mit den geringen, fast fettlosen und kalorienarmen Portionen der Feldgrauen könnte keiner der an gutes Essen gewöhnten Soldaten der Alliierten durchhalten, geschweige denn kämpfen. Deutsches Soldatenbrot, unansehnlich und kraftlos geworden, bildet beim Feind einen Gegenstand des billigen Witzes. Und doch, es wird noch kraftloser, noch unansehnlicher im Laufe der kommenden Wochen und Monate, das armselige deutsche Brot. Hunger?--Was ist das? Was wissen die satten Soldaten der USA. von Hunger und Entbehrungen? Bei ihnen wird ein deutsches Kartoffelmehlbrot mit einem Wagen voll Weizen ausgewogen, mit zwei Wagen voll Weizen, wenn es fein muß. Fett?--Lächerlich, mit Fett heizt man die Feldküchen. Jawohl, die „Küchenbullen" der amerikanischen Kompanien werfen faustgroße Fett- klumpen in die Glut, um sie zu entfachen. Fett?! Der amerikanische Soldat hat alles, hat Fleisch, Brot, Genußmittel in Hülle und Fülle. Für jede fettarme deutsche Fleischkonserve da drüben eine ganze Tonne argentinisches Gefrierfleisch! Nein, der Soldat unter den Fahnen der Alliierten braucht nicht zu darben. Für jede deutsche Granate hundert, tausend, zehntausend feindliche Granaten, wenn es sein muß. „Man wird sie endlich kriegen, endlich!" „Mit Material wird man sie niederzwingen." „Unter der Uebermacht erdrücken." „Aber, man wird sie kriegen!" Jeder Tag arbeitet jetzt für Frankreich und feine Alliierten. Keine Eile mehr nötig! Kein Durchbruch mehr erforderlich! Eines Tages wird Deutschland am Ende sein. Eines Tages — das rechnen sie kühl und sachlich aus — wird das letzte deutsche Rekrutendepot leer sein--keine Menschen mehr da. Und dann wird Amerika zwei Millionen frischer Soldaten in Europa stehen haben. Und es werden zwei weitere Millionen Soldaten auf den Abtransport nach Europa warten, auch drei Millionen, wenn es fein muß. Spielt keine Rolle. Menschen spielen keine Rolle.----- Nein, Frankreich braucht vorläufig keine großangelegte Schlacht mehr. Nur noch warten können muß Frankreich, warten. Die Zeit arbeitet und arbeitet haarscharf. Und arbeitet genau so, wie es die nüchternen Rechner erwartet haben. Der Feldgraue indessen kämpft! Der Feldgraue ist das geduldigste, opferbereiteste und zäheste Wesen in dieser Hölle von Tod und Vernichtung. Der Feldgraue ist Sieger über Tod und Teufel. Abgeblasen die Durchbruchsschlacht, aber der tägliche, aufreibende Zer- mürbungstrieg geht weiter: »Wieder steigerte sich die Kampftätigkeit an der flandrischen Front", meldet der deutsche Heeresbericht. Und weiter: „An mehreren Stellen der Artois-Front kam es zu heftigen Kämpfen. Längs der Aisne und im Westteil der Champagne nahm die Artillerietätigkeit erheblich zu und blieb an vielen Stellen auch im Laufe der Nacht lebhaft.-- An der Msne-Front schwoll das Feuer zeitweise zu erheblicher Stärke an-- In Flandern war der Artilleriekampf südöstlich von Ypern und nördlich von Armentiöres stark-- Von neuem versuchten die Franzosen, die ihnen kürzlich entrissenen Graben bei der Hurtebise-Ferme wiederzugewinnen. — Längs der Aisne auflebendes Geschützfeuer. — Bei Vauxaillon, nordöstlich von Soissons, stürmten gestern, nach kurzer starker Minenwerfervorbereitung, Kompanien einiger aus Rheinländern, Hannoveranern und Braunschweigern bestehenden Regimenter die französische Stellung in 1500 Meter Breite. Der durch bewährte Sturmtrupps Artillerie und Flieger gut unterstützte Einbruch in die feindliche Linie erfolgte für den Gegner völlig überraschend; einzelne Stoßgruppen drangen durch die Annäherungswege bis zu den Reserven vor und machten auch dort Gefangene. Die blutigen Verluste des Feindes sind schwer; über 160 (Befangene und 16 Maschinengewehre wurden zurückgebracht, einige Minenwerser gesprengt. In den gewonnenen Gräben sind tagsüber heftig Gegenangriffe der Franzosen abgewehrt worden.*" — — In jener seltsamen Frühsommernacht, während höchste Alarmbereitschaft besohlen war, — oben auf dem Alsenberg, in der windigen Lafsaux-Ecke, wo das Feuer saft nie abriß —, kamen drei Rückläufer, drei aus französischer Gefangenschaft geflohen Feldgraue, und erzählten vom müden Heer da drüben. Und ihre Worte, um die sich damals sehr bald ein Mythos spann, wurden zum Anstoß für diesen Bericht. Der Krieg aber schritt, nach jener Nacht, weiterhin seinen unerbittlichen Weg, noch 500 Tage und 500 Nächte-- P. C. Ettighossers Erzählung „Eine Arm«« meutert" erschien als Buch mit zahlreichen Bildern in Verlag C. Bertelsmann in Gütersloh, in Leinen gebunden 4,40 RM. Oer alte Brunnen. Von Hans Carossa**. Lösch aus dein Licht und schlasl Das Immer wache Geplätscher nur vom alten Brunnen tönt. Wer aber Gast war unter meinem Dache, Hat sich stets bald an diesen Ton gewohnt. Zwar kann es einmal sein, wenn du schon mitten 3m Traume bist, daß Unruh geht ums Haus, Der Kies beim Brunnen knirscht von harten Tritten, Das helle Plätschern setzt auf einmal aus, Und du erwachst, — dann mußt du nicht erfchreckenl Die Sterne stehn vollzählig überm Land, Und nur ein Wandrer trat ans Marmorbecken, Der schöpft vom Brunnen mit der hohlen Hand. Er geht gleich weiter. Und es rauscht wie immer. O freue dich, du bleibst nicht einsam hier. Viel Wandrer gehen fern im Skernenschimmer, Und mancher noch ist auf dem Weg zu dir. Oer Lyriker Hans Caroffa. Von Paul Appel. Ist man befugt, schon zur Stund« vom Carossaschen Gedicht aCi einem in sich abgeschlossenen und deutbaren Typ zu reden? Die 33e rechtigung erscheint zunächst zweifelhaft. Karoffas letzte Jahre war» von schönster Produktivität ausgefüllt, und das neue Jahrzehnt, miir wissen es, wird kaum geringer darin fein. Künstlerische Kräfte, in Harter Selbstbescheidung gesammelt, solange der tägliche Berus es gebett strömen auf und lassen Gutes und innig Tonendes erwarten. Aber troig- dem: die Gedicht-, die Sprachstruktur werden nicht mehr verändert, f» werden nur vertieft und ausgeweitet werden. Einmal sagen es so di < Schlußepistel aus den „Geheimnissen", die form- und feelenmäffig bot bisher geübte Haltung zeigen; und weiterhin bekundet es di« in de« „Gedichten" vorgelegte Auslese selber. Zwar zeigen sich hier formmäfri« Schattierungen, sogar entzückende und entwicklungsmäßig intereffantes, aber diese gehören samt und sonders zur Frühproduktion. Vom Augenblick der menschlichen Eigenfindung an ist eine selbständige Form g« schassen, die seitdem nie wieder auf gegeben wird. Und was traft einte durch drei Jahrzehnte hindurch geübten menschlichen Haltung feinen StA uneingeschränkt erhalten konnte, darf wohl mit Recht als Coroffasches Gedicht angesprochen werden. Diese Lyrik, nicht groß an Umfang, hat eine helle und strenge Misi sion erfüllt. Mit ihrer ästhetischen Untadeligkeit, ihrer sonst glühendem Energie, mit ihrem Gewissensakt hat sie in tausende Seelen hineingo- funden, hat herausgelächelt, was drin schmerzte, hat zurechtgerückt, was verschoben und verschroben war, hat an dos gewissenhafte und fähige Menschenherz appelliert, hat dem Kranken unauffällig geholfen und dem Gesundenden seinen Weg weitergewiesen. Dazwischen hat sie frohlock und königlich gepriesen, vom Stein in der Erde bis zum Stern Inn Aether droben. Hinzu tritt ihr« rein bildungsmäßige Intensität. Einer ganzen jungem Künstlergeneration ist sie Bild geworden, wahrhaft großes Bild vom Heller Neutralität und Bündigkeit. Diese Rolle näher zu beleuchten bedürfte es einer eigens dafür angesetzten Stubie, so elementar Ist den Einfluß gewesen. Aber auch die angrenzenden Geistesgebiete hat sie beeinflußt, Philosophie und Literaturwissenschaft ersuhren Einstellungem * Dieser Heeresbericht betrifft einen kühnen Vorstoß, den Teile des Reserve-Infanterieregiments 258, dem Verfasser des vorliegenden Berichte« angehörte, zusammen mir Teilen des Schwesterregiments 259 und dem Sturmbataillon 7 am 20. Juni durchführten. Das Minenfeuer bauerte damals nur drei Minuten, war aber von nie vorher gehörter Wucht uni* Gewalt. ** Wir entnehmen dieses schöne Gedicht mit freundlicher Erlaubnis desc Insel-Verlages zu Leipzig der von Carossa getroffenen Auswahl aus feiner Lyrik, die unter der Jubiläumsnummer 500 in der Insel-Bücherei ttWw und früher schon hier angezeigt wurde. inb Standpunkte durch ste, Gemessen an dieser vielartigen Strahlungs- !cast ist der Platz, den eine nachfolgende Betrachtung ihr zugewiesen lat, ungenau bestimmt geblieben. Als Las gesamte Carossasche Werk ,aller in Lae Oeffentlichkeit Übergang, schob sich der Erzähler vor den inriter. Dabei ist es im großen ganzen bis heute geblieben. Gattungs- liihig ist dagegen sicher nichts einzuwenden. Aber es wirkt schief, will uan, wie es gelegentlich geschehen ist, den Lyriker Carossa qualitativ i nter den Erzähler einreihen. Das ist kleine Baukastenmethodc. Hans larossa ist eine komplexe Natur. Daß er Arzt ist, ein überdurchschnitt- jcher, selbstfchöpferischer Arzt, das weiß man. Fügt man bei, daß er lotanische und zoologische Forschung betreibt, daß er im Dichterischen xben Lyrik und Epik auch bas Dramatische, dies in sehr eigner Fvrrn- «uffassung einbegreift, dann ist die angedeutete Schachtelung motivisch war begreiflich, aber ebenso sicher ist, daß ein Ueberblick dieser Art zu »rmal bleiben muß. Carossa hat reich und wissend empfangen. Ebenso reich und wissend lat er gedankt. Sein blähend maßvolles „Führung und Geleit" sagt's lus Und mir selber bleibt es unvergeßlich, wie wir zusammen am »aschoftisch Goethe- und Mörike-Gedichte hersagten, und er dabei die Gegenwärtigkeit seines Dankgefühls und den Adel seines Gewissens ftcklich bezeugte. „Ist es nicht merkwürdig", meinte er, „daß die Mädel u Katharinenstift nicht lachten, als Mörike beim Literaturvortrag statt cnes Taschentuchs ein Stück Vorhang aus der Tasche zog?" Isolde furz, die noch mit Mörike in Bebenhausen zusammen war, hatte ihm lie Geschichte erzählt, die er nun, sich selber damit ehrend, benutzte, um lern orphisch süßen Lautzauberer seinen Dank abzustatten. Das Carossasche Traditionsgefühl ist vorbildlich, und es ist beileibe feine ästhetische Angelegenheit allein. Der Mann, der diese Bindungen >ihlt, ist derselbe, der die sentimentalisierende Form des naturalistischen itedichis im eigenen Werk fast völlig Übergeht, der die Neuromantik und hren farbigen Eklektizismus negiert und der dafür, bis ins sttllfte hm- en verbunden ist mit der srifchen und körnigen Liedkraft des echt ieutfchen Gedichts, mit feiner freien Naturekstase, feiner Melodieflüssig- M, feiner Spruchschönheit, seiner ernsten didaktischen Weite und feinen Wen und stillsten Hauchen, der verbunden ist mit dem Sprachgenius les deutschen Volkes selber. Kann es da wundern, daß die Traditionsreue ihn in keiner Weise gehemmt hat, daß die naturgegebene, wache Mugabe an unser großes Erbe ihn nicht hindern konnte, schon früh die cgne Substanz in einem eignen Ton herauszufiltern? Ich weih von dem lichter, daß er den „Elterngarten" als Zwanzigjähriger geschrieben hat md das glückselig ausgehende und hinschimmernde „Und wie manche 7acht" als Neunzehnjähriger, Und das werden nicht die einzigen Händchen von 1929, das ich der neuen Stüde fein! Auch stofflich sind Ligenart und Selbständigkeit früh gesichert Zwar iringen „Frühling", „Die Fremde auf meiner Bank" und „Der B inde^ «länge an das Sozialgedicht um die Jahrhundertwende, „Der Blinde »gar mit der Pointenhaftigkeit des Moralischen, aber zusammen sind sie mr Zeugnisse eines sorgfätligen Fühlens und Spürens. Der, der sie '«schrieben hat, will in der Reihe sein, er will im Ganzen stehen, weil iie Verantwortlichkeit es so gebietet. Die Weiterentwicklung macht liefen „Standpunkt" deutlich genug. Vom Augenblick der menschlichen iigensindung an, der spezifischen Carossaschen Selbstklarung verschwin- iet jede stimmungsmäßige Zugabe, soweit sie äußerliches Dekor sein lönnte, und übrig bleibt eine durch und durch geschlossene Ausdruckskraft, iie der strengsten künstlerischen und menschlichen Prüfung unterstellt ist. Diese nunmehr autonomen Stücke des Carossaschen Gedichtwerks snd klein an Zahl. Aber was für Kunstwerke sind das! Wie schon sind t . . «V ; , . .1.f.* in rrofhhrmtnPTl K und tüte I leuchtet ihr Sinn! Schlag ich sie auf in dem gelbbraunen «uuuuuieii uurt 1929, das ich der neuen Ausgabe vorziehen muß weil ich mit ihm gelebt habe, so weih ich nie, was ich 5\ierft merten fou,.bas Dunder ihrer starken Form ober den Glanz der Sittlichkeit, bte fre vermitteln. Am unmittelbarsten unter ihnen wirken btejemgen Stucke, die ier Lefchreibung und Verherrlichung der he 'mailiche n Landsch ast mid lern Landschaftlichen Überhaupt gelten. Es sind Bildgedichte in einem reichen, geklärt-naioen Sinn, Ein guter Mensch hat sie geschrieben, einer, ier hinströmen lassen kann, weil er selber von dem Syofjen, Un-gejabr- I leben Feuer dankbarer Ergriffenheit durchsttomt ist. So stellen sie die 'flexionslosesten Gebilde in Carossas lyrischer Arbeit dar. Sie md wie fin absichtsloser Gang durch die Natur selber, ^edes romanksterende verquicken von Landschaft und Individuum ist ausgeschaltetauchDew langen im Sinn einer bewußten Präzision de- Wortes w e twa bei Hilke, finden wir nicht. Das einzige Gesetz das sie fuhrt und halt ist ihr ast liedhaftes Gleichgewicht, das auch dort noch wirkt, wo es sich nn keine direkte Liedschöpfung handelt. Es sind wunderschone Derse v !mfter Festlichkeit und stumm machender Fried>chkeit, in ^en allen iehen „die Sterne vollzählig überm Land, sichtbar ober unsich Ier, und manchmal rührt sich bas Legendenhafte .uud Mht burch die Gedichte Sabei regiert eine Bildlichkeit kühnster, leidenschaftlichster Art Sie eine herrliche Annette von Droste-Hülshasf ausgenommen 1)01^ I sachgoethesche Welt keinen Dichter zu repräsentieren, der über e,^ ^nliche, im Letzten metaphysische Exaktheit des Aug s f g ■ tinnen wir das noch anderswo so bestimmt findeneinen . Snjt nne Locken von Asbest", einen Mond, der „hellgoldenes Eis ist, und Gmstr Irische, die „Gold aus heißem Sande" ziehen?" Und bst Verlauf - lörungen eines schon fast Mythenhaft zu nennenden Natursinns fchw^ öen die Durchschnittskraft des Gedichts in keiner Weise s Z ncht, sie sprengen den Liedsluß nicht, sie fu^n sich chm em mcht^a^ers s»s der gangbarste, simpelste Reim. So helfen sie' kleine W lernen, weil sie in ähnlicher Körnigkeit und festlicher Belebth Goethe und Mörike in ihren großen Augenblicken gelungen sin • Der Weg von ihnen zu den gleichzeitig geschaffenen „ c'em ^dichten, wie ich sie nennen möchte, erscheint fürs rj d bie (je ;®lan unterschätzt den seelischen Prozeß und die L finbet auch ■ Ennzeichnen, im allgemeinen um ein. „nerreithten Schau - Ooblgefinnterroeife, diese in ihrer liebreichen Astest unerreich en m ungen gern als zu reflexiv. Aber wäre ein Irrtum ausgeschlossen? Könnte nicht der Charakterillusionismus unserer Tage in ein jalsches Mahnehmen hineingeraten sein und klein und groß verwechselt haben? Diese Stücke erzählen den ebeln Makrokosmus der Welt von neuem, und der sie schrieb, besitzt Glaubensmaße von einer nicht leicht zu fassenden Gröhe und Helligkeit. Könnte der rasche Mensch von heute nicht etwa bewußt nennen, was in Wirklichkeit nur eine größere Läuterung bar« stellt? Hier ist ein freundlicher, aber fester Gesetzeshalter am Werk. Er will das alte Edle, er will, das im Schönen das Gute walte. Die Denkbilder Platos, in ihrem „überhimmlischen" Ort geschaut, sollen kein Scherz der Jahrhunderte bleiben, sie sollen wiedergefunden werden in innerer Schauung und Klärung. Weih man das, dann ist die Haltung dieser Gedichte faßlich geworden, und ihre Lautkraft, ihr beschwörender Hymnus können nicht mehr mißverstanden werden. Man erkennt mit einem Male denselben guten Menschen, der sich die Bildgedichte erwandert hat, und man betätigt gern, daß hier die Seele in ihrem weiten Raum dasselbe tut, was dort die Augen und eine hohe äußere An- chauung geleistet haben. Die Gestaltgebung aber, das werden wir dann agen, ist nicht weniger elementar, das kristallhast-nüchterne Singen überblitzt sogar manchmal jene gerundeten Formungen durch das Selig- fein des willigen Herzens. Die Eigenart der Caroffaschen Gedichte in ihrer Gesamtheit wird noch stärker fühlbar, wenn man sie mit den Schöpfungen unserer drei Großen vergleicht. Nennt man Goethe, Eichendorfs, so fühtt man, daß das wie von selber quellende Melos dieser Künstler von Carossa nicht immer erreicht wird, Goethes Seelenflut findet das vielfältigere Wort, den beftürzenderen Liedklang, die unmittelbarere Prägung. Mörike steht mehr in der Wonne, fein Liedklang ist kindlicher, und Eichendorfs schließlich übertrifft durch das Glück feines Singenkönnens, er sieht kaum Schranken, vor denen man haltzumachen hätte. Alle drei aber bezaubern durch die Mühelosigkeit eines offenem Temperaments. Carossas Schöpfungen wirken dagegen besonnen, gesammelt, trächtiger und blutiger. Verfügen jene mehr über die Gnade des Instinkts, so er über die Gnade des Gewissens. Er kommt zur Tiefe, wo der Liedlaut entstehst, wie ein Taucher, der arbeitsam und verantrportlich in seiner Glocke niedersteigt, um seine Arbeit zu tun. Er ist bewußter als die andern, aber er ist auch ruhiger, glücklicher und in einer breitem Weise elementar. Das gibt feinen Gedichten etwas Rezitatiohaftes. Sie wirken wie Texte für chvri- feben Kultdienst, und ihre schönste Würde ist, daß sie williger dem Wik gelten als dem Ich. Ihre Segenskraft aber, ihre Weih «Hastigkeit, die etwas Testamentartiges in sich hat, kann von den besten Stücken jener drei nicht übertroffen werden. So steht er vor uns mit der seltenen Bürde seiner Schönheiten, ein Künstler nobelsten Geblüts und ein Sittehalter von Rang. Und konnte die Welt unseres Jahrhunderts je wieder fo gebunden fühlen, daß es ihr mehr als Vergnügen bedeutete, in der Fülle des Herzens Heine Weihegefchenke auszuteilen und zu empfangen, wie eine glücklichere Welt es einmal getan hat, so sollten zwischen den Blumen, Fruchten und schönen Scherben die einfachen Blätter nicht fehlen, auf denen Carossasche Gedichte stünden. Und dürfte ich wünschen, felbst ein Blatt zu empfangen, so säh ich es als schöne Gunst an, wenn es jenes wäre, das den Band der Gedichte von 1929 befchließt, jenes Großgelassene vom Kind und Gast des heimatlichen Hauses. Nur müßte ich auch bann noch dem Dichter widersprechen dürfen, wie ich es schon einmal getan habe, als er mir dieses über alles schöne Gedicht bescheiden als Fragment bezeichnete. Denn es ist niemals Fragment, ist es niemals gewesen. Im Gegenteil: es ist vollendete Geschlossenheit, klanglich und visuell, und es ist das weihehafteste Ruhgedicht deutscher Zunge, bas lauterste Volksibvll des deutschen Menschen. Lied des Apfelbaumes. Von Willy Arndt. Kühl in dunkler Waldesruh quillt und quillt es mir herzu. Fasern feine, Mund an Mund, trinken Krug um Krug im Grund. Erbe, die den Saft mir gor, Erbe will in mir empor: _ drängt, daß rauh die Rinde klafft, durch die Ringe in dem Schaft — treibt Gezweig« strack und kraus, bricht in Blatt und Blüten aus — hebt, befreit, ihr Angesicht atmend in das Himmelslicht — spielt mit Vögeln, seufzt im Wind, schauert, wenn der Regen rinnt — reift im lieben Bauerngrunb mir die Früchte füß und rund — muß verschwenden enbelos, Same sein und Mutterschoß — strömt hinab mit meinem Blut, fällt mit welkem Blatt und ruht. Llm Mitternacht. Von Eduard Mörike. Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand: Ihr Auge sieht die goldne Waage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn: Und kecker rauschen die Quellen hervor, Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage, Das uralt alte Schlummerlied, Sie achtet's nicht, sie ist es müd': Ihr klingt des Himmels Bläue siißer noch, Der slücht'gen Stunden gleichgeschwungenes Joch, Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es singen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage, Oie Heimkehr. Eine Tiergeschichte aus Deutsch-Ostafrlka. Bon Herbert F. Schidlowsky. Irgendwo im unermeßlichen Raume Ostafrikas lag inmitten einsamer, sanft hngekiger Buschsteppen ein kleines, von einem Regendach gespeistes Gewässer, Es war selbst den rastlos um-herschwetsendsn Ein- geborenenjägem völlig unbekannt, obwohl es sich zur Regenzeit, wenn ihm der Bach aus dem nahen Berglande immer neue Wassermasssn zuführte, mitunter in einen weiten See verwandelte. Jetzt, da sich der Himmel längst wieder in makelloser strahlender Bläue über der Landschaft wölbte, war es kaum mehr als ein seichter und stark versumpfter Weiher, nur dem Steppenwildle als willkommene Tränkgelegenheit vertraut. Wasser bedeutet Leben — und so hatte denn die tropische Natur hier ungehemmt und in verschwenderischer Ueppigkeit ihren ganzen farbenprunkenden Zauber entfalten können. Leuchtend grüne, lianen- durchrankte Pflanzenmauern umrahmten schützend die schilfbestandenen Ufer, während der dunkle Wasserspiegel mit rosafarbenen Lotosblumen und den weißen oder gelben Riesenkelchen der Wasserrose wie besät erschien. Dieses stille verborgene Paradies beherbergte neben einer Unzahl verschiedenartigster Wasservögel auch eine kleine Herde von Flußpferden, die hier ein beschauliches, weder durch Nahrungssorgen noch durch menschliche Verfolgung getrübtes Dasein führten. Tagsüber, wenn die Tropensonne erbarmungslos auf die gelben ausgedörrten Steppen herabglühte, lagen. die Dickhäuter meist wie riesige graue Felsblöcke in fauler Unbeweglichkeit auf den sandigen Uferbänken oder weideten, prustend auf- und niedertauchend, mit gemächlichem Behagen die saftigen Ranken der Wasserpflanzen ab, um sie mitsamt dem schlammigen Wurzelwerk als große triefende Bündel in ihren unersättlichen Rachenschlünden verschwinden zu lassen. Bei Anbruch der Dunkelheit dagegen, sobald das ohrenbetäubende Doppelkonzert der Frösche und Zikaden ein- jetzte, pflegte die kleine Schar auf altgewohnten, tunnelartig den Waldgürtel durchhöhlenden Wechseln zur nahen Steppe zu ziehen, um hier eine bestimmte, leicht salzhaltige Grasart zu äsen, die den Riesentieren nach all der weichlichen Wasserpflanzenkost eine ebenso angenehme als zuträgliche Abwechslung bot. Unbestrittener Führer bei solchen gemeinsamen Unternehmungen war ein uralter Bulle, leicht erkennbar an den gewaltigen gelben Eckzähnen und dem fehlenden linken Auge, das vor Zeiten dem schmetternden Prangenhieb eines angriffslustigen Löwen zum Opfer gefallen war. Sein Wille allein galt. Er war es auch gewesen, der die Herde hierher geführt hatte — einst, als ihr dis prasselnde Glutmauer eines verheerenden Steppenbrandes den Rückweg zum heimatlichen See versperrte ... Seitdem waren viele Jahre vergangen, in jmmer gleichem Kreislauf sich erfüllend: Nächte waren auf Tage, Regenzeiten auf Trockenzeiten gefolgt, ohne daß irgendein widriges Ereignis den Frieden der kleinen versprengten Gemeinschaft gestört hätte. Längst war ihr das einsame weltverlorene Wasserparadies zur zweiten Heimat geworden. Selbst die Erinnerung an das Einst schien völlig ausgelöscht. Doch nichts ist ewig. Was die Natur -einst in langen Jahrzehnten erschuf und bewahrte, sollte sie an einem einzigen Tage wie in spielerischer Laune wieder vernichten! Das Werkzeug, dessen sie sich hierzu bediente, wat ein entwurzelter dickstämmiger Brotfruchtbaum, der sich zu Beginn der neuen Regenzeit in den gurgelnden Fluten des Baches zu Tale treibend, kurz vor der Einmündung in den Weiher an einer schluchtartig verengten Stelle des Bachbettes festkeilte. Wenige Stunden genügten, um aus angeschwemmten Baumteilen, Gras und Geröll einen Damm entstehen zu lassen, der den Bach immer höher auftaute und sein Wasser schließlich zwang, sich steppeneinwärts ein neues Bett zu wühlen. Die unmittelbare Folge davon war, daß der seines einzigen Zuflusses beraubte Weiher in der darauffolgenden Trockenzeit rasch und unaufhaltsam auszutrocknen begann. Der Wasserspiegel sank fast zusehends, die Schilfstengel zeigten dürre Spitzen, das sonst so üppig leuchtende Grün der Büsche und Bäume wandelte sich in fahles häßliches Gelb ... Unerbittlich näher und näher rückte der Tag, da das letzte Restchen offenen Wassers verschwunden sein würde — aufgesogen von der tropischen Sonne, die Tag für Tag wie eine sengende Fackel im wolkenlosen Rund des Himmels stand. Niemand hätte es sagen können, welches der Tiere zuerst den Plan gefaßt oder gar das Signal gegeben hatte, als sich die Dickhäuterschar eines nachts ganz plötzlich vor der Bachmündung versammelte und iit vollster Ordnung, ohne Zögern und ohne die geringste Unschlüssigkeic auszog ins Ungewisse, um eine neue Heimat zu suchen. Es waren insgesamt acht Tiere, darunter zwei noch saugende Junge. Wie stets, hall, der alte einäugige Bulle die Führung. Sie bot einen komischen und doch • fast großartigen Anblick, dies: seltsame Prozession urwelthaft plumper Riesentiere, die sich im Gansemarsch unter dem grellen Licht des Vollmondes nordwärts bewegten, eilig und wie in stummer, trotziger Entschlossenheit: denn hinter ihm« her schritt drohend das Gespenst des Dursttodes, unsichtbar zwar, doch jedem einzelnen der Tiere in seiner gnadenlosen Schrecklichkeit instintt mäßig wohl bewußt. In der Regenperiode hätte eine solche Wanderung kein besondere> Wagnis bedeutet. Jetzt herrschte aber noch die Trockenheit, in der di- Landschaft einer trostlos öden Wüste glich. Nirgends, soweit das Augs reichte, war eine Spur von frischem Grün zu entdecken. Fahlgelb un$ ausgebrannt lagen die Steppen, und wenn der Wind über sie hinstrich knisterte jeder Halm vor Trockenheit ... Immerhin verliefen die beiden ersten Nächte und Tage ohne Zwischenfall. Die Grassteppe wurde rasch durchquert, die Herde trat nun in lichten Wald aus Akazien und Borassuspalmen ein, der ihr tagsüber leidlich gute Lagerplätze bot. Doch nirgends war Wasser. Alle Bach- betten und Dümpel tagen staubtrocken. Gleich zu Beginn des dritten Nachtmarsches begannen sich bei len beiden Kälbern die ersten Anzeichen von Entkräftung zu zeigen. Immer häufiger taten sie sich nieder, streckten die wundgelaufenen und vor Ermüdung zitternden Läufe von fich und verlangten mit kläglichem Miesen nach der gewohnten Nahrung. Ratlos, mit hängenden Köpfen, ftarrt-n die Muttertiere umher: sie vermochten nicht zu helfen, denn die Mich in ihren Eutern war längst versiegt. Wieder und wieder mußte der alte Leitbulle halt machen und die Zurückgebliebenen mit ungeduldiz grollender Baßstimme zur Eile mahnen. In dieser kritischen Nacht, gegen Morgen, als schon das erste Früh- rot den dunkelglühenden Himmel säumte, stieß die Herde auf eine Pflanzung junger Sisal-Agaven. Acht Fluhpferdmägen haben eine gewaltige Fassungskraft — und so wäre die in mühseliger Farmerarbeil angelegte Plantage sicherlich bald rettungslos verwüstet worden. Doch die Gier machte die Halbverschmachteten taub und blind gegen alle Gefahren, die sich aus der Menschen-Nähe ergaben. Plötzlich dröhnten Schüsse durch die Morgenstille und ließen die Herde in wilder staubumhüllter Fluch! in die Steppe davonstürmen. Zwei der Kolosse blieben bald zurück, begannen zu taumeln und brachen dann schwerfällig zusammen, um nicht wieder aufzustehen ... Von dumpfer, panischer Furcht getrieben, wanderte die zusammengeschmolzene Herde weiter, rastlos, mit verdoppelter Eile. Diesmal! machte der alte Bulle erst halt, als die Sonne bereits hoch am Himmel! stand. Nirgends war Schatten, völlig flach und eintönig dehnte sich ringsum die Trockensteppe — ein uferloses, heißllberflimmertes Grasmeer, aus dem nur hier und dort gleich zackigen Felsklippen die Termitenhügel emporragten. Schutzlos der Sonne preisgegeben, die wie mit! wilder und haßerfüllter Inbrunst ihre Flammenschwerter auf sie niederstieß, von Dürft gequält und Fliegenschwärmen bis zur Raserei gepeinigt, verbrachten die Riesentiere einen furchtbaren Tag. Als dann endlich die Nacht und damit die Stunde des Aufbruchs gekommen war, blieben die beiden Kälber teilnahmslos liegen. Zu spät kam die wohltätige Kühle des Nachtwindes. Stumm, in hoffnungsloser' Ergebung, starrten die Mütter den davonziehenden Gefährten nach. Sa- stark das Herdengefühl in ihnen auch war, so wach der Instinkt, unu jeden Preis zusammenzubleiben — die Mütterlichkeit war stärker .... Sie blieben zurück, um das Los ihrer Jungen zu teilen. Wieder stieg über der Wildnis flammend und sengend ein neuer Tag empor. Er traf den alten Bullen allein ... Sein letzter Begleiter lag reglos am Rande eines kleinen Dorngestrüpps, von Erschöpfung hin-- gestreckt, und über ihm am hohen, kobaltblauen Himmel kreisten schon wachsam die Geier. Einsam stampfte der Alte mit letzter Kraft vorwärts, fliegenumfummt und grau vom Staub des langen, endlosen Weges. Sein stumpfer Blick war starr geradeaus gerichtet, der klobige Schädel so tief gesenkt, daß die Schulterblätter zu beiden Seiten des Nackens kantig aus der faltigen Haut hervortraten. Es schien saft, als folgte er so seinem eigenen Schatten, den der aufsteigende Sonnenball seltsam dünn und langbeinig vor ihm herschwanken ließ. Plötzlich hob er mit unsicherer und seltsam fahriger Bewegung den Kopf. Witternd weiteten sich die breiten Nüstern. Hastiger schritt er aus, als habe ein Strom neu gewonnener Kraft hin jäh belebt. lieber eine hügelige Bodenwelle stampfte er hinweg, über eine Zweite, eine dritte: dann stand er plötzlich, still und wie gebannt vor dem leuchtenden Bild eines gewaltigen hügelumrahmten Sees mit bewaldeten Inseln und Dogetüberflatterten, schilfumsäumten Buchten ... Ganz regungslos stand der Koloß, wie ein aus Erz gegossenes Standbild, und starrte. Langsam, schwerfällig begann in seinem stumpfen Hirn eine Erinnerung aufzudämmern, die unauslöschlich in seinem Innern gelebt hatte: es war die alte Heimat, die da vor ihm lag im Glanze der Morgensonne — strahlend, weit und gastlich aufgetan wie ein goldenes Tor zum schon verloren geglaubten Leben ... Schwankend setzte sich der Alte wieder in Bewegung — langsam erst, ruckweise und wie zögernd, bann aber rascher und rascher, hügelabwärts durch dichtes Dorngestrüpp. Am Rande des Schilfgürtels machte er abermals halt, drehte den Kopf und stieß aus weitgeöffnetem Nachen ein langgezogenes Brüllen aus, tief und rollend wie ein Orgelton. Doch alles blieb stumm. Ohne Widerhall schwiegen die hitzeflimmernden Weiten. Langsam wandte sich der alte Riese wieder ab. Wenige schwerfällige, torkelnde Sätze noch — bann verschwand der Heimgekehrte m» einem dumpfen Grunzen, bas fast wie ein Stöhnen klang, in der hoch auffpritzenden retteniyn Flut. Verantwortlich: l)r. Hans Thhriot. — Druck undDerlag:BrühlscheUnibersitätsdruckereiA. Lange,Gießen.