ahrgang (939 Zreitag, -en 2\. )uli Nummer 55 der Keine Zeit mehr für Phrasen. Nur noch eine Zusammenstellung darf es sein, ein letzter Auftakt. Er ruft einen Ordonnanzoffizier und befiehlt die Niederschrift des letzten Tagesbefehls, dieses Befehls, der einstmals — so glaubt Nivelle — in die Geschichte der französischen Armee eingehen wird, den man in hundert Jahren noch in Frankreichs Schulen mit Ehrfurcht nachsprechen soll — einen Befehl von napoleonischer Kürze und napoleonischem Elan: „Die Stunde ist gekommen t-- Vertrauen! Mut! Es lebe Frankreich!" Dieser letzte Tagesbefehl wird vervielfältigt. Zehn, hundert, tausend Fernsprecher summen und geben die kurzen Sätze weiter. Hunderte von Schreibmaschinen klappern, Hunderte von Hektographiermaschinen vervielfältigen ihn, Hunderttausende von Handzetteln nehmen die männlichen Worte auf. Stoßweise werden diese Blätter an die nach vorn marschierende Truppe verteilt. Stoßweise gelangen die Handzettel auch zu der bereits in Angriffsstellung liegenden Truppe, werden weitergereicht von Mann zu Mann durchgesagt und mit Uebermut vernommen. Den farbigen Regimentern des Generals Mangin übersetzt man den Tagesbefehl. Allen Soldaten genügt der Wortlaut. Er enthält alles--- Nur der kommandierende General des XXXII. Armeekorps fühlt sich veranlaßt, diesem Nivelleschen Befehl noch einen eigenen Kommentar anzuhängen. Er gibt seinen Infanterie-Regimentern folgenden Wortlaut durch: „Helden der Marne, von Wern, aus den Argonnen, von der Somme und von Verdun! Gestützt auf unsere furchtbare und genau schießende Artillerie, zusammen mit andern Divisionen, die stolz auf eure Kameradschaft und entschlossen sind, mit euch zu kämpfen, werdet ihr noch einmal einem unwürdigen Feind die Kraft eures Mutes zeigen. Dieser Feind hat eure Häuser geplündert und verbrannt, euere Frauen geschändet, euere Kinder und Greise verstümmelt und gemordet, unsere gefangenen Kameraden gemartert. So denkt daran, wenn ihr euere Gräben verlaßt, um zu stürmen. Es werden dann die Toten ans der Erde steigen. Und ihr werdet diese herrlichen Geister, umstrahlt vom Schimmer ihres unsterblichen Ruhms, segnend und euch begleitend über euch schweben sehen. Denn sie wollen den Angriff der Kameraden vom 32. Korps mitmachen. Deshalb seid würdig euerer Helden." Dieser Korpsgeneral weiß nicht, wie unendlich kleinlich sein Befehl wirkt, und um ivietiiel besser es gewesen wäre, zu schweigen, besonders nach dem soldatischen Tagesspruch des Oberbefehlshabers. Vielleicht aber will dieser General nur noch die niedrigen Instinkte seiner Soldaten aufpeitschen, indem er ihnen die bekannten Greuellügen der Northcliff-Presse auftischt. Der Feind aber wird zu beweisen haben, daß er nicht unwürdig ist. Und er wird diesen Beweis antreten. Der Feind des 32. Armeekorps, der Feind all dieser 42 frischaufgefüllten Sturmdivisionen des „Generals Durchbruch", dieser aus 15 ausgebluteten und abgekämpften deutschen Divisionen bestehende Feind wird sich auch seiner eigenen bisher ruhnr- reichen soldatischen Vergangenheit würdig zeigen. Er steht gerüstet! Der „Tag I" zieht fahl und eisigkalt aus dem Dämmer der Ewigkeit. Die „Stunde H" naht! Deutscher Heeresbericht. Großes Hauptquartier, 16. April 1917. Von Soissons bis Reims und im Westteil der Champagne hat der Feuerkampf bei stärkstem Einsatz der Artillerie und Minenwerfer angehalten. Nach Scheitern feindlicher Erkundungsvorstöße am 15. April ist heute morgen in breiten Abschnitten die Jnfanterieschlacht entbrannt. Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorff. Niedrig dahinziehende Wolken schütteln dünnes Schneegestöber über die Landschaft. Ein gutes und für Gasangriffe günstiges Wetter kündet sich an. Die Schluchten und tiefen Geländeeinschnitte am Damenweg dampfen vom abziehenden Qualm der Geschoßeinschläge. Die Artillerie- schkacht hat seit 3 Uhr etwas nachgelassen. Und auch die deutsche Gegenwirkung ist nicht mehr nennenswert. Die Gegner wollen sich nicht stören und die Franzosen möchten anscheinend ihrer Sturminfanterie den Gang zur vordersten Linie erleichtern. In den Quartieren außerhalb der Feuerzone, hinter der französischen Front, herrscht um diese frühe Morgenstunde Hochbetrieb. Die Verfolgungsarmee des Generals Duchesne ist alarmiert. Langsam schiebt sich schon Regiment um Regiment in den Angriffsraum, dicht hinter die Stoßarmee. Nur die fünf Kavallerie-Divisionen bleiben noch etwas zurück. Sie wollen vorläufig die grundlos gewordenen Straßen und Anmarschwege nicht noch mehr verstopfen. Gleich nach Wiedereinsetzen des Feuerorkans zur letzten Sturmvorbereitung werden sie vortraben und sich in Wäldern und Wäldchen .bereitstellen Erst um die achte Morgenstunde wird ihre Zeit gekommen Eine Armee meutert SGHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Ein Bericht hon p. C. Ettighoffer opyrlght b y Bertelsmann Gütersloh 10. Fortsetzung. In den Haag vereinigen sich in diesen Tagen mehrere Männer ... iolitik und der Oeffentlichkeit aus dem Lager der Alliierten zu schwerwiegen- ut Beratungen. Anschließend gehen sie gemeinsam zu Tisch. Ein politisches iankett, auf dem man nichts, aber auch gar nichts von irgendwelcher diegsnot merkt. Kosten spielen keine Rolle. Die Alliierten zahlen alles. !t>er nein, es ist noch einer da, der zahlen wird. Der Poilu, der armselige femzösische Frontsoldat wird zahlen. Mit seinem Blut wird er zahlen ild Sühne leisten für eine Unbedachtsamkeit, die Champagnerlaune zeugte. Mehrere höhere Offiziere, Franzosen und Briten, sind zu diesem Bankett paden. Man schreibt den 14. April 1917. Und einer der französischen tifiziere wird übermütig, als zwischen Käse und Mokka das Gespräch »i immer noch tobende Artillerieschlacht an der Aisne berührt. Frohgelaunt n!lärt er: „Uebermorgen früh werden wir sie haben! Am 16. April bei Tages- ikbruch werden unsere Poilus die deutsche Front zwischen Reims und Bissaus überrennen." Er sagt es und tut lvichtig mit seiner Nachricht. Und ringsum horchen st auf, Alliierte und Neutrale. Der Offizier fühlt sich im Mittelpunkt des K'teresses und erivühnt noch weitere Einzelheiten. Und wenige Stunden ' feitet ist's kein Geheimnis mehr, daß am 16. April, bei Sonnenaufgang, K Nivellesche Feuerwalze rollen wird. Der deutsche Nachrichtendienst arbeitet gut und erfaßt diese Unbesonnen- 5t, nutzt sie richtig aus. Die deutschen Armeestäbe lverden alarmiert. ' ldungen schwirren nach vorne, verteilen sich fächerförmig bis zu den Visionen und lveiter zu den Regimentern. Und darin heißt es: „Achtung! Französischer Angriff scheint für 16. April bei Sonnen- luigang geplant." , In allen Reservestellungen und bei allen Angriffsregimentern und in tiefgelagerten Naturgrotten und Höhlen rüsten die Feldgrauen ihre 8fifen zum großen Angriff. Aber auch die deutsche Artillerie steht nun p diese Stunde bereit. Ihr Schießen läßt im Lause der Nacht zum 16. April «ngsam nach. Die Rohre müssen neu gerichtet und abgekühlt sein, die Mu- Uivusstapel ergänzt werden. Nichts darf fehlen, wenn gleich die bunten Mergarben der deutschen Signalraketen das rasende Sperrfeuer anfordern. Seit Tagen schon stehen die Trümmer der vom Trommelfeuer schwer Mütterten fünfzehn Divisionen bereit. Nun aber wissen sie mit einiger «iherheit, daß am 16. April in aller Frühe ihr tapferes Ausharren seine «ohuung finden wird. Dann endlich werden sie den Gegner vor ihre -Bildungen bekommen und nicht mehr ohnmächtig sein, nicht mehr kampflos * Trichterfeld liegen müssen, machtlos und ohne Gegenwehr. Auch ohne die Warnung aus dem Munde eines unvorsichtigen fran- w chen Offiziers, der vielleicht auf dem Bankett in den Haag in reiner ^schußsreude zuviel auf den bevorstehenden großen Sieg getrunken steht die deutsche Abwehrfront bereit. Aber nun ist's ihr ein Trost, J'li die Qual des Ausharrens unter dem Trommelfeuer nicht noch einen vielleicht gar noch eine lange Woche dauern wird. Am 16. April, l11 Sonnenaufgang, wird es sein! Inzwischen überlegt General Nivelle seinen letzten Tagesbefehl. Er ,'3, daß er jetzt, wenige Stunden vor dem Sturm, am Rande des „Tages 7, dicht vor der „Stunde H" seiner Truppe etwas sagen muß. Soll er Uuioch einmal die taktischen Ziele vor Augen führen? Nein, es ist alles S!l(0t, was gesagt werden mußte. Ein kurzer, markiger Tagesbefehl soll es M etwas, das auch der einfachste Soldat behält, das man von Trichter ^ Trichter, von Unterstand zu Unterstand, von Schulkerwehr zu Schütterer durchgibt, durchflüstert, durchraunt. Etlvas, das die Masse der Poilus Westert, etwas, das ans Herz greift und ein letzter Mahnschrei zur Pflicht- Wung ist. . .General Durchbruch" richtet sich auf, atmet tief. Ueber der Brust ra«t sich das blaue Tuch seiner Uniform. Seine mahlenden Backenknochen «Mten Willen und Kraft. Mit weitem Blick schaut er durch die Wände seines z^ptquartiers in Dormans, und sein Geist ivandert hinüber zum fernen "'iweniöeg, wo seine Soldaten sturmbereit in der Ausgangsstellung liegen. J. *iun weiß er, was er diesem verkrusteten, verlausten, verdreckten, aber '»bereiten und pflichttreuen Poilu zu sagen hat, diesem armen Hund, o ®we zu murren und ohne zu zaudern seine unerhörte Pflicht tun wird. *'Oe* Oberbefehlshaber weiß es. Große Worte sind nicht mehr am Platz. ®iefjener$amilkiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger hi ih । Punkt 6 Uhr, hat sich die Landschaft plötzlich belebt. Aus der Erde ist eine waffenstarrende, horizontblaue Front gewachsen, eine lebendige, bewegliche Mauer aus Hundcrttausenden von Menschenleibern, aus Hunderttausenden von Stahlhelmen, aus Hunderttausenden von drohenden Bajonettspitzen. Grell und aufreizend blasen die Clairons das alte Sturmsignal in den Morgen: „La monteras4u, la cote?!" Und nun setzt sich auch die Nivcllesche Feuerwalze in Bewegung. Zwi- schen 70 und 100 Metern vor der horizontblauen, anrückenden Infanterie- mauer rollt die Wand aus ragenden Geschossen, aus Einschlägen, aus Wirbeln, aus Erdfontänen, aus Tod und Vernichtung über die gequälte Landschaft. Noch einmal ducken sich die letzten überlebenden deutschen Feldgrauen in ihren Trichtern, noch einmal spüren sie den Gluthauch der Explosionen am Rande ihrer Erdlöcher. Und dann hören sie die Feuerwalze nach hinten rücken, ganz langsam. Und nun ist ihre Zeit gekommen. Die klammen Hände reißen die vor Nässe schützenden Zeltbahnen weg, legen, die Gewehre und leichten Maschinengewehre frei, werfen sie auf den Rand der Granattrichter. Greifen dann zur verkrusteten, verdreckten und verrosteten Leuchtpistole. Rote und grüne Sperrfeuerraketen zischen empor, verteilen sich als bunter Sternreigen. Und dann--- Die stahlblaue Angriffsmauer kommt unverdrossen näher. Der Höllentanz kann beginnen. Die deutschen Schützen liegen fiebernd auf dem Anstand. Sie wollen den Gegner herankommen lassen, noch näher, immer näher. Es gehört eine gesunde Nervenkraft dazu, jetzt nicht abzudrücken, loszubelfern, blindlings draufloszuschießen. Nein, ruhig zielen die Schützen hinter Gewehr und Maschinengewehr, das rechte Auge eiskalt über Kimme und Korn auf die anrückenden Jnfanteriemassen gerichtet. Im Halse pocht wild das Blut. Roch 200 Meter--noch 150 Meter-- Bei 100 Meter setzt plötzlich, wütend und mahlend das deutsche Kleinfeuer ein, kichert, peitscht, zischt und tobt. Jeder Schuß ein Treffer, jede Garbe mäht und mäht ---Es ist kühle und sachliche Wut in diesem Raitern der Maschinengewehre. Es ist die Erlösung aus der Hölle des Trommelfeuers, es ist Rache für das, was man zu erdulden hatte, da man ohnmächtig lag, Tag um Tag, Nacht und Nacht, die Finger in den nassen Lehm gekrallt, Verzweiflung und dumpfen Zorn in der Seele. Nein, es ist keine persönliche Feindschaft, es ist nur die unbändige Lust, dieses Tier Materialschlacht zu töten, diese $)t)bta, die hunderttausendköpfig aus dem Trichterfeld wächst und sich den Geschoßgarben bietet, Brust an Brust, Kopf an Kopf, hunderttausend schreiende Münder, deren „Vive la France“ den Orgelsang der Schlacht überbraust, hunderttausend jäh entsetzte Augenpaare, die erkennen, daß der Feldgraue immer noch steht, immer noch! Nein, es ist nicht möglich, es ist ein Trugbild. Gespenster sind's, da drüben, die Menschen, nein, jene Dreckklumpen, deren rotmüde Augen über Kimme und Korn starren. Hä-hä-hä, das Hämmern der Maschinengewehre, hä-hä-hä I Aus den Trichtern und durchwühlten Geländefalten, überall, wo die Feuerwalze hundertmal den Tod säte und zwei oder drei Mann vergaß, schießen sie jetzt, diese zwei oder drei Mann. Hier und da, dort und hier und drüben zwei oder drei Mann, zwei oder drei todesmutige, entschlossene Männer. Nur hie und da wenige Soldaten, das ist die dünnbesetzte, vorderste deutsche Linie, die sich wehri und kämpft und die bereit ist, zu sterben. Vorerst aber kämpft der schwache deutsche Schützenschleier aus allen Mündungen. Und da beginnen die blauen Gestalten zu laufen, stürzen sich nach vorne auf die deutschen Schützenlöcher. Macht ein Ende mit dem deutschen Spul, Kameraden, ein blutiges Ende I Handgranaten krachen, Gewehrgranaten dazwischen. Leichte Minen flattern von irgendwo her und reißen Erdson- I tönen hoch. Um die vordersten deutschen Stellungen, die nur noch von schwacher Schützenschleiern gehalten werden, entspinnen sich erbitterte Nahkämpse. Spaten blitzen und wuchten auf Stahlhelme, Handgranaten werden zu Hiebwaffen. Es geht Mann gegen Mann. Und währenddessen eilen die deutschen Reservetruppen aus den Unterständen, aus den Grotten und Naturhöhlen, deren Eingänge selbst das lang anhaltende Artilleriefeuer nicht zusammentrümmern konnte. Mit jeder Sekunde greifen neue Maschinengewehre ins Gefecht. Die horizontblaue Front aus Menschen, Stahlhelmen und Bajonettspitzen, diese vorrückende Wand, ans der ständig Handgranaten und Gewehrgranaten wie dichter Hagel fallen, hat sich der vordersten deutschen Linie bemächtigt, die dünnen Schützenschleier überwältigt und zerschlagen. Todesmutig bis zum letzten Atemzug, bis zur letzten Patrone haben die schwachen deutschen Einheiten aus ihrem Platz ausgehalten. Keiner ba> um Pardon, keiner bekam ihn. Die Schützenschleier sind vollständig autz getieben. , Um 6 Uhr 25 gelangt die Nachricht von der Einnahme der ersten deutschen Stellung ins Hinterland. General Duchesne weiß nun, was er zu tun hat Jetzt ist auch seine Stunde da. Er befiehlt das Vorrücken seiner Verfolgung^ armee. Zwischen der V. und VI. Armee im Bezirk des Winterberges um der Hurtebise-Ferme werden seine Sturmregimenter und seine Kavallerie- Divisionen die gebrochene deutsche Front in breiter Linie durchstoßen. DM I ist der Sieg, das ist die resllose oeutsche Niederlage! General Duchesne marschiert siegesbewußt in die Berfolgungsschlachf; Um 7 Uhr 25 haben seine vordersten Bataillone die zweite französische L>n> erreicht und sind im Begriff, darüber hinaus vorzudringen, genau wie e der festgelegte Plan erheischt. Aber siehe, diese zweite Linie ist noch n'w frei. Rein, noch drängen sich in den engen Gräben, Unterständen und ©touc zahlreiche Poilus der vordersten Sturmregimentcr zusammen. Die brüt unb vierten Sturmwellcn liegen noch hier im Reservegrabcn. 1 (Fortsetzung folgt.) fein; sie werben mit fliegenden Standarten und mit schmetternden Trom- ] peten über die durchbrochene deutsche Front reiten, würdige Nachfahren I der alten napoleonischen Schwadronen. I Die fünf Kavallerie-Divisionen des Generals Duchesne ^warten. Am Abend werden sie ihre müde gelaufenen Pferde in den Kavallerrebaracken des Truppenübungslagers Sissonne unterstellen können. Von ihrem der- I zeitigen Quartier bis nach Sissonne sind es etwa 40 Kilometer. Eme I Kleinigkeit! ,, „ , , . Siegesbewußt geht der Poilu in Stellung. Zwischen der Infanterie, I die marschiert, und der Artillerie, die etwas fröstelnd und abwartend un fahlen Dämmer hinter den Schutzschilden der überall aufgefahrenen Batterien zu erkennen ist, fliegen Scherzworte hin und her: „Macht's gut, ihr Bumsköpfe, und schießt uns nicht, in den Rücken, wenn wir gleich so schnell Vordringen werden!" rufen die Infanteristen, „schießt lieber etwas weiter vor als zu kurz." Und die Artilleristen antworten: „Ohne uns geht's mal nicht. Ihr müßt euch schon bequemen, langsam zu gehen unb auf bet Stelle zu treten, bis wir unsere Flinten em paar Kilometer weiter vorgebracht haben. Ja, ja, ihr werbet noch nach uns schreien, wie bet Säugling nach bet Mutter." Die einzelnen Regimenter unb Truppenteile begrüßen sich mit Zurufen im jeweiligen Heimatbialekt. Die Bretonen allein marschieren schweig- I sam. Sie gelten als Elitetruppe, als Dickschäbel. Unb von ihnen geht die scherzhafte Sage, daß nicht einmal ein deutsches Panzergeschoß ihre Dick- schäbeligkeit durchdringen könne. „ Anders die Pariser Truppenteile. Offiziere und Mannschaften schreiten fast tänzerisch leicht dahin. In hohen gutturalen Lauten wird hin und her geredet trotz des umfangreichen Gepäcks, das jeder Infanterist und jeder Pionier zu schleppen hat. Da sind zuerst einmal je Mann 160 scharfe Patronen. Ein erhebliches Gewicht, diese 20 Päckchen in grauem Papier! Gewehr und Vierkantbajonett towgen auch nicht leicht. Dann ist der Tornister prall gefüllt mit Lebensrnitteln, Sardinen, Hartbrot und Schokolade. Natürlich hat man die für jeden Vormarsch notwendigen Strümpfe und ein zweites Paar Schuhe nicht vergessen. Der kalten Jahreszeit wegen mußte um jeden Tornister, neben der Zeltbahn, eine Decke gerollt werben. Prall unb schwer hängen bie Brotbeutel. Unb boneben, in bet blauen Felbslasche, gluckst bet Pinarb, bet unvermeibliche Rotwein, ohne ben ein Poilu in diesem Krieg nicht zu denken ist. Gasmaske, Handgranaten unb Gewehrgtaiiaten vervollständigen die schwere Last. Ja, der Poilu schreitet schwer dahin, trägt sein Hab unb Gut, seine Waffen unb seine ganze Wehrhaftigkeit für mehrere Tage bei sich. Es muß so sein, denn ba hinten, weit in bet beutschen Etappe, wirb man so schnell keine Lebensmittel unb keine Munition auftreiben können. Es bürste schon 24 ober 48 Stunben bauern bis zum Rachrücken bet Munitions- unb Proviantkolonnen. I Das weiß bet Poilu, unb deshalb murrt er nicht. Wie käme er auch dazu, jetzt zu murren, jetzt, da et zum Sieg schreitet. Federnd und froh schreitet bet Poilu zur Schlacht, bie ein Sieg sein Wirb, bie nut ein Sieg sein kann. In ben beutschen Ttichtetstellungen bet vordersten Kampflinie liegen nur noch dünne Schützenschleier. Punkt 4 Uhr blitzt.es drüben am fahlen Horizont. Mit elementarer Gewalt schlägt das Trommelfeuer wieder in I die deutschen Linien. Die französischen Sturmstellungen sind jetzt voll- gepsropft. Jede Rücksicht auf bie georbnete Ablösung ist überflüssig. Ein letztes Mal trommelt Rivelle aus allen Rohren, ans allen Schlünden unb Münbungen. Zwischen Reims unb Soissons dampft unb kocht bie Erbe wie ein schwärender Vulkan. Die dünnen beutschen Schützenschleier werben teilweise zngebeckt, vernichtet unb zerstampft. Unb drüben wartet bie Blüte bet französischen Armee auf bie „Stunde H". Um 5 Uhr bricht aus allen deutschen Rohren ein rasender Feuerüberfall auf die französischen Stellungen nieder. Ganze Regimenter stehen fast ungedeckt in den engen Gräben. Die Stollen und Unterstände sind schon längst alle durch Telephontrupps und Sanitätsmannschaften besetzt, oder als Verbandsplätze eingerichtet. Deshalb steht die Masse der Poilus draußen in den engen Sappen, ja sogar noch Mann hinter Mann in den Laufgräben. Und in diese Masse schlägt nun das deutsche Vernichtungsfeuer. Verluste häufen sich. Geschrei und Verderben durchzieht die Gräben. Aber das deutsche Feuer setzt bald wieder aus. Nut fünfundzwanzig Minuten hat es gedauert, dann können bie französischen Verbände sich wieber orbnen, ihre Lücken schließen unb sich zum bevorstehenbeu Kampf bereitmachen. Gewiß, bie Verluste sind empfindlich, aber spielen sie auch schon eine Rolle im Vergleich zu ben hier eingesetzten Kräften!? Nein, bie paar hunbert Mann, bie ins Gras beißen mußten, bie zwei- ober breitaufenb Verwunbete, bie mit Splittern im Leib nach rückwärts hasten, bie zählen ja nicht. Das nimmt man nicht tragisch. Bei ben Deutschen Wirb es gleich noch anbere Verluste geben. Hört, wie das Trommelfeuer tobt unb mahlt! Wie eine riesige Mühle mahlt unb zermahlt seine rohe Kraft bie deutschen Jnfanterie- stellungen unb alles, Was barin lebt unb atmet. Die besten französischen Sturrntrüppen stehen bereit. Ihre Offiziere schauen auf bie Uhr. Von brüben melbet sich nichts mehr. Keine Leuchtkugel, keine Maschinengewehrgarbe, nicht einmal ein Gewehrschuß,-- nichts mehr. Endgültig unb für immer ist der Feldgraue tot und verdorben, niedergestampst und vernichtet. Und mit den Batterien da drüben wird man ein grausiges Spiel treiben. Gleich beim Vorrücken werben fünf französische Batterien je eine beutsche Batterie vornehmen unb mit fünffacher Ueberlegenheit bie beutschen Geschütze mit einem Höllenhagel von Granaten einfachen, bie Kanoniere in bie Deckungen jagen, um ben vor- rüdcnben Poilus freie Bahn zu schaffen. Unb nun ist's 6 Uhr. Die Stunde „H" des „Tages I" hat gefchlagen-- „. . . . ist heute morgen in breiten Abschnitten die Jnsanterieschlacht entbrannt." Es ist fast schon heller Tag. Der Schnee fällt nur noch dünn, rieselt leise in auffrischendem Wind. Um 5 Uhr 59 Minuten ist das weite Schlachtfeld noch völlig menschenleer. Keine Bewegung als nur das nimmermüde Emporwirbeln der Erdfontänen. Kein Laut als das Johlen, Pfeifen, Heulen unb Schreien von Granaten, Splittern und Ausbläsern. Und jetzt, 'ieiebt, !ei 1 Helen ‘je flirte Wien i «ch g , Men ii iMeto 1 „Werg ■ Nbruc l^ibe »ick ur I I itne i>e< sich di I! ju lieg i auf, i Dörfer I eines! Senetcfe i Serini Wer »Men lirten m ütr Ma dieser l I rtürt de i । ffen. A f U i 1 N 8i norüt !' 8«uer ?!di 1 Mid Mi r M M toi, RS Ich X’btt Rw Ä "de Nach Sevilla. Don Clemens Brentano. Nach Sevilla, nach Sevilla! Wo die hohen Pvachtgsbäude In den breiten Straßen stehen, Aus den Fenstern reiche Leute, Schön geputzte Frauen sehn, Dahin sehnt mein Herz sich nicht. Nach Sevilla, nach Sevilla! Wo die letzten Häuser stehen, Sich die Nachbarn freundlich grüßen, Mädchen aus den Fenster sehn, Ihre Blumen zu begießen, Ach, da sehnt mein Herz sich hin! In Sevilla, in Sevilla! Weih ich wohl ein reines Stübchen, ■ Helle Küche, stille Kammer, In dem Hause wohnt mein Liebchen, Und am Pförtchen glänzt ein Hammer, Poch ich, macht die Jungfrau ans. Kastilien. Bon Peter Bamm. (Nachdruck verboten.) I stunde um Stund« sind wir gefahren durch die Tierra de Campos, die hdebene des alten Königreichs Kastilien. Wie die Dünung eines Ozeans Rchn sich die Hügelketten bis an einen Horizont, der in unerreichbarer feie zu liegen scheint. Das Land ist leer. In weiten Abständen tauchen 6iri?r aus, aus braunem Lehm auf brauner Erde gebaut. Jedes einzelne iiitr Dörfer sieht wie eine Festung aus, von Menschen gesetzt als Boll- Btt! gegen die überwältigende Einsamkeit dieser Landschaft. Am Aus- ta eines Dorfes liegt ein Kastell aus Lehm, uralt, mächtig, verfallen, lii Menetekel der Zeit. Verweht find di« Spuren derer, die es gebaut gcitn. Verweht auch die Spuren derer, die es fchrecken sollte. Namenlose pt. Geisterzinne, von Geistern errichtet. I Sie Akteure dieser großartigen und tristen Bühne der Schöpfung sind IHt Wirten mit ihren Herden. Es sind biblische Hirten und biblische Her- k- Der Mann, der da, auf seinen Stab gestützt, einsam in den Himmel ai dieser kastilische Hirte scheint dazustehen seit Erschaffung der Welt, in Stück des Horizontes Gottes, ein Denkmal, errichtet ■ zu Ehren des [fe'djen. An diesen Hirten ist die Geschichte vorübergezogen seit Jahr- Wfnden. Ungeheure, unbekannte Dramen haben sich vor ihren Augen icibgen. Völker sind gekommen und gegangen, wie eine Wolke vor der pirie vorüberzieht. Alte Sagen gehen davon noch heute an den nächt- Idüt Feuern um. Dann kamen geschichtliche Zeiten, von denen wir Hn. Kellen brachen von Norden, Karthager von Süden in das Land. Der» kamen Römer, dann kamen Goten, dann kamen Mauren. Sie alle । gelebt, geherrscht, geliebt, gemordet, geschachert und gebaut. Kriege Durben gewonnen und gingen verloren. Weltreiche wurden gegründet M zerfielen wieder in Nichts. Erbe wurden geschaffen, und Erbe wurde Mm, Jahrhundert um Jahrhundert. I Sie Hirten Kastiliens haben über ihre Herden hinweggeblickt in den r nhaften Horizont hinein, bis zu jenem großen Augenblick, da die südliche Ferne sie losrih von der braunen Tierra de Campos und sie itbcachen über alle Grenzen hinaus, der abendländischen Menschheit die 6l>t zu erobern und das Reich zu errichten, in dem die Sonne nicht Hl)t unterging. Es gibt keine zureichend« Erklärung für diesen ungeheu- io">'ches Wesen, sondern auch für fein Künstlertum bestimmend. Das wichtigste Erlebnis während dieser Zeit ist wohl dos des eigenen Volks- uni». Bon etwa 1400 bis 1733 sind die Vorfahren Bruckners als Bauern üblich von Wallsee nachgewiesen worden, erst der Urgroßvater wandte ich dem Binderhandwerk zu, der Großvater wurde schon Lehrer in Ans- «lden: das gesunde, urtraftige bäuerliche Blut mag also sicherlich noch in 2tnton Bruckner lebendig gewesen sein. Deutsche stammliche Eigenart hat sich in diesem Bauerntum noch unverfälscht erhalten und all die besonde- ren Eigenheiten des Volkstums feiner engsten Heimat mögen durch den SJeitebr, durch dos Leben im Volk bei Bruckner nur noch verstärkt worden fern. Die ruhige Sicherheit des auf gesegneter Scholle wohnenden Bauern, lene gesunde Lebensbeiahung, die auch derber Lust nicht abgeneigt ist ba-bei aber auch wieder die jeglicher Hast abholde Bedächtigkeit und Wohl- »iberlegtheit des Öberösterreichischen Bauern in dem donaubeherrschten Tell des Landes, all dies erlebte Bruckner als etwas Selbstverständliches, Hn .!m9CSC^Cllor Ue'& r2,nV5 ?Is $eil seines eigenen Wesens in sich auf. Unechte, rem Aeußerliches hat hier keinen Raum und rote lächerlich mutet roenn 'S , Eduard Hanslick in feinem Antrag auf Ab- (cbnung i>°n Bruckners Gesuch um eine Lehrstelle für Theorie an der Umuerfitatbarauf fjmroeift, daß „fein ausfallender Mangel an jeglicher w, senschastlicher Vorbildung" ihn „gerade für eine Universität am0min= be[ erfüllen (affe. 3n biefer Beurteilung kommt aber schon ber tiefe Gegenfaß zum Ausdruck der zwischen Bruckner und dem Geist '"."gebenden Zeit bestand. Dem Intellektualismus, der damals beu ifl ltn^-hnn"'« 1,(111 ge.m"ck)t hatte, stand das unverfälschte deutsche Bolkstum Bruckners gegenüber, das feine künstlerische Kratt nicht Xn llnn 'nh,™"Bildung" verdankte, sondern der'ursprüng- nrnlih " m 5k'|en gelegenen Veranlagung. Wie sehr das un- m' t(lb“r, Volkhafte, Deutsche in Bruckners Kunst von den nicht mit Vorurteilen ihr gegenuberiretenden Hörern empfunden wurde, zeigt schon die Tatsache, daß es gerade die barnafs sogenannten „nationalen" Kreis, besonders in der akademischen Jugend waren, die sich geschloffen biniei Bruckner und seine Kunst stellten. Daß diese unverfälscht völkische Gcmb. läge von Bruckners Wesen und Kunst auf völliges Mißverstehen, ja auf gehässigste Feindschaft in fremdrassigen, jüdischen Kreisen stoßen wüste ist selbstverständlich. Das deutsche Wesen von Bruckners Kunst wurde ahr noch verstärkt und von besonderer Eigenart erfüllt durch das tiefe Erich >« der Heimat, der oberösterreichischen Landschaft des Donautales, das Brut, ner in feiner Kindheit und Entwicklungszeit zuteil wurde. Roch ein drittes Erleben kennzeichnet aber Bruckners Entwicklung,- | zeit: St. Florian. Ansfelden war eine Pfarre dieses reichen Stiftes, urh der Blick feiner Bewohner war weit mehr zum Grundherrn, dem Stil von St. Florian, als nach Linz, der weltlichen Zentrale gerichtet. In ihn verkörperte sich der Begriff der Macht und gar als der Sängertnabe uij später der vchullehrer diese im prunkvollen Rahmen des Barockbains des Stiftes und insbesondere seiner Kirche kennen und erleben lernt«, mußte der empfangene Eindruck der ganzen Geisteshaltung des Mensch«, und Künstlers ihren Stempel aufdrücken. Man hat Bruckner als eine, Künstler bezeichnet, der sich nicht aus dem kirchlichen Rahmen zu befreien vermochte, seine Sinfonien nannte man „Messen ohne Text". Nichts it irriger als dies. Wohl ist Bruckner ein tief religiöser, ja noch mehr, eil in seiner ererbten katholischen Religion dogmatisch gläubiger MenschI aber schon di« Tatsache, daß von dem Augenblick an, als er den Weg ;ur üinfonie gesunden hat, die Kirchenmusik in seinem Schaffen völlig in bei Hintergrund tritt, zeigt, daß es nur die äußeren Verhältnisse und die j Umgebung waren, die ihn vorerst sein Schaffen in den Dienst der finfb sichen Zweckkunst stellen ließen. Religion und Glaube waren Dinge, bii I für Bruckner außerhalb jeglicher Diskussion standen und gerade das Pr» \ blematische und Kämpferische in seinen Sinfonien liegt keineswegs auf | religiösem Gebiet. Bruckners Lebensweg führt vom mufikalifcheii Schullehrer, der feil« bescheidene Kunst in den Dienst des Kirchenchores stellt, auf den ihn bit f amtliche Verpflichtung ruft, zum Musiker, der auch als Lehrer tätig ist Schon als Stiftsorganist von St. Florian gibt er der Kunst immer tnw teren Raum in seinem Leben. Und gar, als er die Last des Lehrberufe:) abschütteln und als Domorganist in Linz ganz der Kunst leben tanm. 1 kommt das Künstlerische in ihm machtvoll zum Durchbruch. Zum erfteir mal kommt er im Rahmen des Musiklebens der Stadt mit der weltliche Kunstmusik in nähere Berührung. Neues, bisher Ungekanntes ftürmt aim ] 'hn ein und sein erstes Streben ist, es sich zu eigen zu machen. In !8ruit' I ners Sprache übersetzt, heißt dies: lernen. So fährt der Lstrzer Don» organift jahrelang zum strengsten Hüter musiktheoretischer Tradition, M Simon Sechter, nach Wien und eignet sich in rastlosem Eifer ein« Kenntnis der musikalischen Satzkunst an, wie sie vielleicht außer seinem Lehrer niemand besaß. Ueberbies trat ihm in der weltlichen Musik eiiw 'hm völlig neue Welt musikalischen Klanges und künstlerischer Gestaltung entgegen. Auch hiefür findet er in dem Linzer Theaterkapellmeister Otto Kitzler einen Fachmann, der ihm den Weg zur technischen Erkenntnis weist. Und nun erfährt Bruckner das letzte und maßgebende (Erlebnis Richard Wagner. Das Studium der „Tannhäufer"-Partitur und bis darausfolgende Aufführung des Werkes in Linz ließen alle Fesseln, im Oie eine für unantastbar gehaltene Ueberlieferung Bruckner geschlagen i k leAr?1,'allen'Je^ l>oi der Künstler seine Freiheit errungen, jetzt sieht er ben Weg vor sich, auf dem er seine künstlerische Sendung innerlich un« gehindert erfüllen kann. Und hier zeigt sich nun die ungeheure künstlerische Krast, die in Bruck- ner schlummerte und nur gleichsam der Stunde ihrer Befreiung geharrt! hatte. Er wird nicht zum Wagner-Epigonen, zu dem ihn noch jahrzehnte • j lang kritischer Unverstand stempeln will. Er erlebt Wagners Kunst nicht: eigentlich in ihren geistigen Grundlagen, sondern im rein musikalische» Sinn. Er ist innerlich so gefestigt, daß er imstande ist, die Errungen schäften, die die Musik auf dramatischem Gebiet Richard Wagner ju bauten hatte, ihr im allgemeinen dienstbar zu machen. Es ist eine Musil von völlig verschiedenem Ethos, die uns bei Bruckner und bei Wagner begegnet. Wagners Ziel, der Glaube, ist Bruckners Ausgangspunkt, hier allerdings dogmatisch gebunden, dort allgemein ethisch zu verstehen. Aus dieser eigenartigen, nicht von geistigen, sondern lediglich von musikalischen Problemen erfüllten Einstellung Bruckners zu Wagners Kunst erklärt es sich auch, daß schon in den ersten Werken Bruckners, die dem Sennen- ernen des „Tannhäuser" folgen, keine Nachahmungen dieses Werkes, sondern eher Eigentümlichkeiten des späten Wagner-Stils sich bemerkbar machen. Bruckner erlebt nicht eigentlich Wagner, sondern vielmehr dessen Musik. Damit findet aber das innere Erleben Bruckners soweit es von außen hervvrgerufen wird, sein Ende. Der Künstler in Bruckner ist zue vollen Reife gelangt, feine weitere Entwicklung bedeutet nur mehr eine Vertiefung nach dem eigenen Innern hin. Ueberreich ist der Anteil, der der Ostmark im Lauf der Jahrhunderte an der deutschen Musik zukommt, doch keiner von all den Künstlern, bie ße °em deutschen Volk schenkte, verkörpert in solchem Maße das Wesen dieses Landes wie Anton Bruckner, Sein unlösliches Heimatverbunbsn- fem wurde ihm geradezu zum künstlerischen Schicksal. Fast scheint es unserem ruckfchaueyden Blick begreiflich, daß es noch Jahrzehnte nach dem Tode des Meisters dauerte, bis fein Werk zum Gemeingut des deutschen Volkes wurde, Sonderbestrebungen verhinderten in weitem Maße bas volle Verständnis für die stammlichen Eigenheiten. Bruckners Kunst erschien als eine provinzielle Angelegenheit der Ostmark. Erst die Verschmelzung des ganzen deutschen Volkes zu einer vielfältigen Einheit machte auch die Bahn frei für das Erfühlen des volkhaften deutschen Wesens der ostmarkischen Kunst Bruckners. Vier Jahrzehnte nach dem Tode des Meisters bedeutete der feierliche Staatsakt, mit dem der Führer des deutschen Volkes einem feiner größten Söhne den Platz in der Wal- baUa zu Regensburg anwies, den endgültigen Sieg von Bruckners Kunst, -'tu" 'st sie zum ganzen deutschen Volk Heimgekehrt, ans dessen ostmär- kifchen Stamm sie erwuchs. Verantwortlich: Dr. Hans Thyniot. - Druck und Verlag: Brühlfche Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen. ~