Gießener Zamilienbliitter ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgangs Zreitag, den 2«.Oktober ~~ Nummer8l Herz, wo liegst du im Quartier? Ein hellerer Roman von Kurt Heynlcke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 16. Fortsetzung. Sie lacht: „Nein, das nehme ich nicht ernst! Ich gebe zu, ich habe mich dumm benommen, vielleicht habe ich auch wer weiß welchen Verdacht erweckt! Aber für wen soll ich denn Spionage treiben? Ich bin eine Engländerin und Sie können Monsieur Labatut fragen, meine Kälte, die ich seinen patriotischen Sorgen entgegenbrachte, hat ihn manchmal verletzt. Und außerdem', fügt sie stolz hinzu: „Ich liebe diesen Mann!" Und damit stellt sie sich an Kellings Seite: ,Hag doch diesen häßlichen Traum weg, ich bitte dich! Ihr habt mir jetzt Angst genug gemacht! Ach was!" Und sie richtete sich wieder auf: ,Zch habe keine Angst!" Und wieder zu Baernburg gewandt: „Wie wollen Sie mich bestrafen, daß ich statt der Griselle gefahren bin! Seien Sie überzeugt, schon die Fahrt war eine Strafe!" „Genug", sagt Baernburg, „ich habe Befehl vom Oberkommando, Sie dort vorzuführenI" Sie versteht nicht. Sie kann nicht fassen, was dieser strenge Mann lagt. „Und der Befehl ist nicht etwa nach meinem Bericht ergangen, sondern er beruht zweifellos auf anderen, mir unbekannten, aber bestimmt sehr schweren Voraussetzungen!" „Unmöglich!" sagt sie mit so tiefem Unglauben und aus so erkennt- tisvoller Ueberraschung, daß Kelling ihr unwillkürlich zunickt. Baernburg bemerkt es und befiehlt den Ulanen, die Ann gebracht toben, die Gefangene wieder in ihr Zimmer zu führen und sie zu bewachen. Kelling und Baernburg sind allein. Baernburg steht auf und legt kelling beide Hände auf die Schultern: „E)err Premierleutnant, ich bin älter als Sie. Ich bin auch Ihr Vorgesetzter. Ich befehle nicht. Ich möchte Cie überzeugen!" Kelling wehrt ab: „Ann Moreland hat mir die natürlichsten Erklärungen ihrer Flucht aus Paris gegeben. Sie hat mir gesagt, wie daurig sie war, daß sie unfreiwillig in Mereville Station machen wußte! Ich fühlte, daß ihr die Fürsorge dieses Labatut peinlich war! Lauter Gründe für einen dummen streich! Alles einleuchtend!" , „Und alles Schwindel", ergänzt Baernburg, „bedenken Sie: sie will A ein Gebiet, das von unfern Truppen noch nicht besetzt ist! Will viel- uicht nach England! Ist vielleicht wirklich Engländerin, denn ihre iprachfärbung deutet es an. Kam wirklich von Paris! Wurde scheinbar unfreiwillig in Märeville unterbrochen — aber vielleicht auch unabsicht- äch! Ich bitte Sie: welche junge Dame reift allein von Paris in solchen Zeitläuften!" „Sie ist vor einem verliebten Landsmann ausgerissen!" „Hat sie mir auch erzählt! Schwindel! Sie konnte sich doch in Paris Hecken oder über Rouen—Le Havre fahren, wenn sie schon nach Eng- wolltel Sehen Sie: von der bösen Seite gesehen, ist auch alles einfach!" „Mein Gott!" sagt Kelling verzweifelt. „Und Sie verfallen ihr auch noch! Sie lieben sie? Ich meine: ich erstehe, nun Sie wissen ja ..." _ „Ich liebe sie. Ich will — ich wollte — nein ich will sie heiraten! Äe sagt, daß sie aus einer ersten englischen Familie stammt. Ihr ?»ter hat enge Beziehungen zum Hofe!" fiebert Kelling heftig. Es ist !|1 banger Unterton in seiner Stimme. Er weiß, es sind armselige Be- Mndungen, mit denen er sein Gefühl verteidigt. »Nehmen Sie Ihre rosenrote Brille ab, Premierleutnant Kelling. «e wissen nicht, was Ihnen Ihr Gefühl für einen Streich spielt! Setzen Herz für eine Spionin ein, in einem Augenblick, in dem dieses Herz Uiem der Pflicht gehört, die Spionin unschädlich zu machen!" . Langsam kriecht Ermattung in Kellings Herz, es ist alles in ihm wtnpf, hohl, ausgeleert. Glaube, Liebe, Pflicht, Lüge, Verrat, Verwirrung: welch eine schmerz- r« Mischung in feiner Brust. „Was soll ich tun, Herr Hauptmann?" r°St Kelling. »Endlich", sagt Baernburg erlöst. „Sie reiten ohnedies mit Ihren Leuten ins Hauptquartier, nehmen Sie also Labatut, Poiporence, die Griselle und — Ann Moreland mit! Ein genaues Protokoll schicke ich könn Ni"' mer^en es durch Ihre eigenen Beobachtungen ergänzen Kelling ^s &en ^fehl des Oberkommandos noch einmal sehen?" fragt Baernburg reicht ihm das Papier: „Lernen Sie ihn auswendig. Sie ungläubiger Thomas!" * Der Premierleutnant gibt den Befehl verlegen zurück: dachte ... ein Anhaltspunkt ..." ,,... für die Schuldlosigkeit Ihres Schützlings?" poltert Baernburg. Aein! Herrgott, Kelling Ihre Zweifel spielen mit Ihrer Karriere! Mit Ihrer Ehre als Offizier", fetzt er leise hinzu. „Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann!" sagt Kelling. „Ich habe ver- jtanoen. Langsam geht Kelling die Treppe hinauf. Die Füße sind schwer, die Stufen feurige Kohlen. Ein Martergang. . Aa, wenn er aus ganzem Herzen' in den Verdacht des Hauptmanns elnstimmen konnte! Warum vermag er es nicht? Tanzt die Liebe mit der Lüge? Täuscht ihn sein Gefühl, spielt der Teufel auf? Wenn er nicht gehorcht, ist er verloren. Er muß gehorchen, selbst wenn Baernburgs Verdacht nur ein Gebilde der Phantasie ist. Ann umschließt seinen Hals: „O Hans, was sind das für furchtbare Singe! Wie wirst du dem bösen Mann da unten beibringen, daß ich ungefährlich bin?" 0 w Er macht sich los: „Ann Moreland, ich habe den Auftrag, Sie zu verhaften." ” 0 Er reißt die Tür auf und ruft die Posten: „Auf den Leiterwagen, zu den andern!" v Sie läßt sich abführen. Sie ist willenlos. Sie sieht nicht fein Gesicht- In diesem Gesicht hätte sie auch nichts lesen können. Kelling sieht aus wie jemand, dem der liebe,@ott den Auftrag gegeben hat, eine neue Welt zu schaffen, und dem das auch prächtig gelungen ist. Aber diese Welt ist ihm aus der Hand gefallen wie eine dünne Glaskugel, die den Weihnachtsbaum des Lebens zieren sollte und zersplittert ist in tausend Teile. In seinem Bett in Paris, einem altertümlichen geschnitzten breiten Himmelbett, das eigentlich nicht in das Hotel in der Rue Lafayette paßt, fliegt Gilbert Jllington auf den Flügeln eines seltsamen Traumes bis an die Sterne. Er steht in der Gondel eines Luftballons neben dem Luftschiffer Godard. Je höher der Ballon steigt, desto kleiner wird Herr Godard, und als die Gondel mitten unter den Sternen dahinstreicht, ist der Luftschifser verschwunden und Gilbert allein. Der Ballon fliegt wie durch das himmlische Geäst eines Zauberbaumes, an dem die Sterne als Millionen silberne Aepfel hängen. Als Gilbert so dahinschwebt, überkommt ihn das Verlangen, einen Stern zu greifen, aber muß ihn gleich fallen lassen, so glühend ist er. Der Stern trifft in rasendem Fall auf die Erde, da vergeht er in lauter Licht. Aber die Erde, die vorher im Dunkel gelegen hat, strahlt nun hell auf.' Da sieht der fliegende Gilbert Frankreich liegen, genau wie es sich Kauf der Landkarte ausnimmt, nut Flüssen, Städten, Dörfern, den jen und der Meeresküste. Und mitten in Frankreich steht Ann Moreland und winkt herauf. Aber Gilbert kann sich nicht verständlich machen, der Entfernung wegen nicht und well es ja auch ein Traum ist. Das Merkwürdige an diesem Traum aber ist, daß Gilbert den Luftschiffer Godard kennt und daß er früher einmal aus Uebermut, um Aufsehen zu erregen und vor allem, um auf Denise, die feinem heißen Werben noch den Rücken zukehrt, Eindruck zu machen, mit Godard in Paris aufgeftiegen ift Die erste Fahrt geht ohne (Ereignis vorüber, der Ballon landet glatt am Fuße der Pyrenäen. Bald daraus erhört Denise den glücklichen Gilbert, nicht aus Bewunderung, sondern weil ihr Sinn genau wie die Füllung eines Ballons leichter als Lust ist. Gilbert belächelt heute jene Fahrt oder vielmehr den Anlaß dazu. Denise ist durch sein Herz gegangen, wie der Wind durch Baumkronen, die Liebe hat das Herz geschüttelt, aber es hat Gilbert nichts geschadet und ihr auch nicht. Denise ist die glückliche Gattin eines kleinen Beamten in Bordeaux. Sie ist rundlich und sittenstreng geworden und warnt die jungen Mädchen vor Paris, denn nichts biedert sich so leicht in eine brave Ordnung ein, als ein Herz, das von viel Leichtsinn schwer geworden ist. I nein Silber? meidet die Straßen, vergräbt sich im Zimmer seines Hotels A ' ----- - ~ - - ■ " - igentlich entschuldigen bem®i(bert läßt sich ein Stück das Geleit geben. Die Luftreise ist er weiß es, ein Lustschloh. Heber dem Schloß weht eine Fahne giftgetb und grün: Mißtrauen und Hoffnung. Gilbert hängt seine Blicke bös an die neue Halle des Bahnhofs. Bahnhöfe bringen ihm kein Gluck. Er ist nicht abergläubisch, aber es scheint, als sollte er vom Schicksal dazu erzogen werden. Gilbert hat Paris satt. Der Wunsch, die Stadt um leben Preis $U verlassen, züchtet solche Abneigung. Sie wuchert derb und fett wie em Fliegenpilz und chneidet Vivian Moreland, obwohl er sich eü will, daß er grob gewesen ist und gesagt hat, er könne nicht stiegen. Wird er fliegen? Am nächsten Tage läßt Godard Gilberts Papiere holen. Da der Luftschiffer mit ein paar Zeilen durchblicken laßt, er werde die Pässe der Regierung vorlegen, blitzt durch Gilberts schwarze Laune der blaue Himmel der Zuversicht. An einem der folgenden Abende lädt Godard Gilbert zum Orleans- Lüge ist. Sie würde gewiß noch einmal ousreißen, auch wenn die Ahnung ihr die Zukunft so schwarz zeigte, wie sie sich in Wahrheit entfalten sollte. Gilbert aber übertreibt mit List und aus Berechnung. Niemand ist, wenn es sich um Liebe handelt, so voller Mitgefühl und Verständnis wie ein Franzose! Eugen Godard schwimmt auch sofort im Strom der Teilnahme. & CT fe gi *nn W, di greife Sl N *n ®en, ■J des n die Eg, «sierw Ad i bMqc III siele Iffabeti ß Benn I Wen S »d< jtNer In . w mi | ■*«, l I Nm | I «freut I Mai I Nlpi- I Wllü II isschil | Wie, I '«««, i | Na I -'«W I ■ “ Sei I 'fai I Na |i‘: «rö I * B «mol I M kl V$ I N I S I bahnhof. Nun?" fragt Gilbert herzklopfend. Er ist unruhig wie ein Ball, der immer wieder hochspringt. Der Luftschiffer fängt ihn im Netz einer unbeschreiblichen Ruhe. „Wieviel Fahrten haben wir eigentlich zusammen ausgesuhrt? sragt Eugen Godard leichthin. „Fünf, das wissen Sie doch!" erwidert Gilbert. „Fünf, hm", macht der Lustschiffer. „Das gibt gewiß einige Erfahrung. Aber es ist auch Zeit verflossen seitdem!" Es macht Godard anscheinend Freude, in Erinnerungen zu graben. Ach, Godard hat viele luftige Erinnerungen. Missen Sie auch noch zu landen? Anker werfen? Ventile offnen/ Es ist eine Folter, dieser Fragenkranz, den der Luftschiffer hinlegt, j „Hoffentlich haben Sie nichts verlernt?" fragte er. „Lieber Godard", platzt Gilbert los, „was soll das?" „Ich hatte für Ihren Pah keine Verwendung, Mylord", sagt Godard. j Er scheint zu bedauern. Aber er grinst verhalten. - Gilbert fällt aus den Wolken, bevor er sie mit dem Ballon erreich' hat. „Also nein??" schreit er verzweiselt, „was hat man an meine« Pässen auszusetzen?" m v „ u Godard lacht: „Ach lassen Sie nur! Ein guter Gedanke ist besser als Natürlich^ fft Gilbert verrannt. Er versteht nicht, was der Luftschiffer nun eigentlich sagen will. I ,Es ist so", erklärt Godard ruhig, „die Gondel soll bei diese« Fahrten von einem Passagier, den die Postverwaltung bestimmt — unJ von einem meiner Leute besetzt werden. Der Passagier hütet die Briefe, die Depeschen und Brieftauben — mein Mann, den ich mitschicke, i|‘ für die Führung des Ballons verantwortlich!" „Ja und?" schreit Gilbert saft entrüstet. „Was habe ich damit p ^".'.Jch schätze, daß Sie mein Mann sind, Mylord", sagt Godard ernst „wenn Sie wollen, führen Sie den Ballon!" Es vergehen einige Sekunden, ehe Gilbert begreift. Ist das Mf> fchloh erstürmt? Die gelbe Flagge sinkt, die grüne steht allein uoe goldenen Türmen? Godard nickt in Gilberts glückliche Fassungslosigkeit 1)1,15)a' verfliegt Gilbert Zurückhaltung. Der gemessene Engländer umarmt Godard. , . .... Der Luftschisser lacht: „Eine ordentliche Genehmigung habe ich W bekommen. Nun, ich denke, wir werden seine Unannehmlichkeiten Ihren wegen haben! Aber zu niemanden auf Ehre ein Wort! Sie sind mei» Mitarbeiter, der sich zur Verfügung gestellt hat!" „Und wann steige ich auf, Godard?" . „In der Morgenfrühe, wenn der Wind günstig ist! Sie wissen: r« Gepäck, keinen unnützen Ballast! Warm anziehen! Nun, das kenne- Sie ja!" Im Hotel hörte man Gilbert fingen. Der Zimmerkellner fürchtet, daß der melancholische Engländer v rückt geworden ist. «.<.„1 Aber Gilbert Illingwn packt nur seine Reisetaschen und Koffer, roo fällt ihm Anns Paß in die Hände. . Daß durch das Fehlen dieses Papiers für Ann Unheil entstehen kav daran denkt er jetzt nicht. (Fortsetzung folgt.) Für Gilbert aber Ist Ihr Andenken glücklich an jene Erlebnisse gekettet, die seine Jugend zum „Gefährten des Adlers" machten, wie sich feine Mutter, die von Vivian nicht geschätzte Mary Jllington, geborene Durham, überschwenglich ausdrückte. .. . Denn später folgen der ersten Ballonfahrt noch andere, sie geschehen aber jetzt aus Lust am anmutig-gefährlichen Spiel mit den Geistern der Luft und des Windes. Die englischen Zeitungen feiern, angefeuert von Gilberts Mutter, die Aufstiege als mutige Taten eines jungen Sportmannes. Solcher Ruhm wird von Gilbert lässig, aber nicht ohne Vergnügen getragen, und auch Godard zehrt davon, denn alle Engländer, die nach Paris kommen, wollen mit ihm auffteigen . Es wird ein gutes Geschäft für Godard, die Engländer in die Luft 9^Gilberi'°ha?'zwar nicht den Marschallstab im Tornister, wohl aber eine Wasserwaage irgendwo im Gemüt. Hat er einmal nach einer Seite ausgeschlagen, sehnt er sich bald nach dem Gleichmaß, das, wie er glaubt, seinem Wesen vorbestimmt ist. Darum kehrt Gilbert eines Tages nach England zurück. Dort zehrt er zwar noch einige Zeit von dem Ruhm, der ihm vom Festlande her 9^2)9a aber Ballonfahrten in England wegen der Nähe des Meeres ohne Godards Begleitung gefährlicher als die französischen Lustreisen find, überträgt Jllington feine Leidenschaft nicht auf Großbritannien, sondern läßt sie einfchlasen. Und bald sind die Fahrten nichts als em zerstäubter Ruhm, ein verwelkter Kranz. . _ ... Ader doch ist die Erinnerung stark genug gewesen, den Traum dieser Nacht zu säen und ihn von jenem erbosten Worten Gilberts an Vivian: „Fliegen kann ich nicht!" befruchten zu lassen. Dieser Traum treibt Gilbert zu Herrn Eugen Godard. Aber in der Wohnung des Luftschiffers bedeutet man Gilbert, daß Godard jetzt ständig auf dem Orleansbahnhof zu finden fei. Seit AnnS Verschwinden befällt Gilbert jedesmal ein Mißbehagen, wenn er das Wort Bahnhof hört. Nun find die Bahnhöfe (amt und sonders geschlossen und mit Geleisen und erloschenen Signalen ein leerer Sack, aus dem nicht einmal mehr eine Katze gelassen wird. ., . m .. .. . Vor dem Schilderhaus am Gare d'Orleans geht em Wachtposten auf und ab. Da ein Wachtposten die Aufgabe hat, mißtrauifch zu fein, vertritt er Gilbert den Weg, reiht den Mund auf und gähnt. „Betreten verboten", sagt er und meint den Bahnhof. Gilbert lügt, er fei eigens aus London gekommen, es fei em ungewöhnliches Anliegen von höchstem Interesse für Herrn Godard und die Landesverteidigung. Der Posten, ein Matrose, begreift nur wenig von dem, was IUing- ton vorbringt. Er ist ein wortkarger Bretone, der nicht gern mehr hört, Gilbert ttägft „Sie hak Parks Bettaffen im» England nicht er- reicht!" Auch hier sagt er nicht die volle Wahrheit, denn eigentlich weiß “ 9Sie"ist^rgendwo hilflos, Godard! Deshalb muß ich fort von Paris Unt> Mr \int> in den Vorbereitungen! Es wäre unser erster Aufftieg", erwidert Godard lebhaft, „und jeder Aufftieg muh genehmigt sein! Und denken Sie, der erste! Man wird Ihnen nie Erlaubnis geben! Godard scheint selbst betrübt. Gilbert fleht: „Godard, ich zahle den Ballon! „Fünftausend Frank, aus prima Perkal", lacht Godard. Aber gleich mündet sein Lachen in Nachdenken. Gilbert hofft. . Ein harter Eigensinn, der ost gleichmütige Naturen wie ein Fieber befällt, rammt seinen Widerstand wie Psähle ein. „Ich 9«? n«9t »9«« Ihre Zusage von hier weg!" beharrt Gilbert mit der freundlichsten Miene. Aber Godard erkennt: das Verlangen des Engländers hat sich schon gewandelt. Es ist zur fixen Idee geworden. / „Sofien Sie mir einige Tage Zeit", fagt er. Gilbert mißtraut: „Sie wollen mich nur loswerden, Godard! Aber der Luftschiffer schwört, dah er es ehrlich meine. Nein er vertröste Lord Jllington nicht! Er wolle sich einfach um die Erlaubnis N sind Sie in Paris? In dieser Zeit?" Er klagt: " gnügungsreifen! Oh, Mylord, wissen Sie noch?" „Ich weiß, Godard! Ich habe sogar davon geträumt. Und wegen des Traumes bin ich ja bei Ihnen!" Godard lacht. Doch nun schießt Gilbert sogleich sein Anliegen ab: „Godard, ich muß weg aus Paris! Und zwar mit einem Ihrer Ballons!" Don Engländern erwartet Godard stets die seltsamsten Wünsche. Vor diesem Wunsch aber erschrickt er: „Aber Mylord, es ist Krieg!" „Eben darum! Ich kann nicht länger hierbleiben!" Godard versucht, über das Verlangen hinweg zu lächeln, aber Gilbert gewinnt ein schauspielerisches Können, das er nie bei sich vermutet hat, er spielt mit großer Echtheit den Verzweifelten. „Godard, es handelt sich um meine Verlobte!" Es ist ein bedeutendes Glück, daß Ann Moreland weitab von dieser als er verstehen kann. Schließlich ruft er einen Kameraden und gibt ihm den Auftrag, Herrn Godard zu verständigen. m v s. . • Bei Ausbruch des Krieges tragen der Luftschiffer Godard und sein Bruder sich und ihre Kunst dem Kriegsminister Leboeuf an. Aber Frankreich hat bei Solferino mit Ballons Erfahrungen gemacht, die nicht befriedigen. Leboeuf weiß daher nicht, was er mit Luftballons und Luft- schifsern anfangen soll. Er lehnt die Godards ab. Aber die nach dem Tage von Sedan am 4. September errichtete provisorische Regierung, die Landesverteidigungsregierung, hat wohl aus chrer eigenen Lage heraus, ein Gefühl für Dinge, die in der Luft fchweben, also auch für die Godardfchen Luftballons und die feiner Wettbewerber, der Herren Dartois und Pon. Diesen gibt die Postverwaltung den Nordbahnhof als Werfftatt und Aufstiegplatz, die Godards erhalten den Orleansbahnhof. Denn die Ballons werden vor allem Beförderungen von Briefen und Depeschen dienen. Der eherne Ring der Belagerer ist nicht mehr zu durchbrechen. Das Land muh aber die Stimme von Paris hören. In weit höherem Maße bedarf Paris selbst, um immer wieder Mut zu schöpfen, der Stimme des Landes. Darum fallen die Ballons Nachrichten hinaustragen und Brieftauben, die man in die Gondel mitnimmt, müßen Botschaften aus der Provinz bringen. Botschaften, Briefe, Depefchen werden hin und her gehen: Ermutigungen und — Lügen. ... ,, Godard erkennt Gilbert fogleich wieder. Er begrüßt ihn überschwenglich. „Wollen Sie meine Werkstatt besichtigen?" Aber dann stutzt er, da es nicht viel Ausländer gibt, die in Paris geblieben sind: „Warum sind Sie in Paris? In dieser Zeit?" Er klagt: „Keine Zeit zu Ver- Herbstaben-. Von Peter Bauer. Die Schatten wachsen früh ums Haus, Der Wind spricht leiser mit den Bäumen, Im Garten gehn die Lichter aus An Dohlienbusch und Astersäumen. Es schauert kühl aus Stein und Kies, Die Stube wird uns Wärme schenken, Im Schein, den uns die Dämmerung ließ, Laß uns des Tages dankbar denken. Er war uns überraschend gut, Kein böser Blick ist uns begegnet. In meiner Hand die deine ruht: Ihr Werken war von Gott gesegnet. Oie Künstler und ihre Zeit. Don Bruno Brehm. Der ostmärkische Dichter Bruno Brehm wurde in diesem Jahre mit dem nationalen Buchpreise ausgezeichnet. Es gibt fast keinen großen Künstler, der allein in seiner Zeit ge- stmden wäre; immer haben sich zu ihm eine Reihe mitstrebender Kräfte sesellt, die seinen Weg begleiten und erst dann, wenn sie seinen weit- «usgreifenden Schritten nicht mehr folgen können, zurücksinken und bei teil Plänen und Träumen ihrer Jugend verharren. Die kleineren Ge- sthrten, der große Chor der Kunst, sie sind es, die das bilden, was man Stil nennt, auf den Stil berufen sie sich, aus ihn schwören sie, an ihn glauben sie, die ihn selbst kaum entwickeln. Das, was sie Fortschritt «ennen, ist die Entwicklung des Sttles. Die Zeitgenossen des Bernini Md des Carracci sahen in den Werken dieser Meister einen Fortschritt Der die Kunst des Michelangelo hinaus. Dieser Chor aber ist not- vendig, denn er allein bildet den Grund und Boden, auf den die Nieisterwerke errichtet werden. Wir, die Spätergeborenen, sehen zurück- bickend immer nur die großen Werke und übersehen dabei die breite Grundlage in den damaligen Zeiten, übersehen die vielen Anläufe und tie vielen gescheiterten Versuche, die notwendig sind, damit das eine kallendete Werk dann aus des einen Meisters Hand hervorgehen kann. Wenn daher in Zeiten der so oft gehörte Ruf ertönt, daß sie keine kroßen Kunstwerke hervorbringen könnten, so liegt das wahrlich nicht laran, daß ihnen die Künstler fehlen. Denn es leben die großen genau j) unter uns wie die kleinen Künstler. Daß Menschen, wenn der Ruf an sie ergeht, immer da sind, dafür laben wir Beispiele in Hülle und Fülle. Denken wir nun an die vielen fldatischen Begabungen, welche die französische Revolution auf rufen tonnte, Leute, die in einer anderen Zeit ein kleines Leben geführt und mgenannt und unbekannt gestorben wären. Denken wir daran, welchen Schwarm von Künstlern der italienische Barock über die ganze Welt hin lersireitt hat, nach Südamerika, nach Petersburg, nach Dresden, Warschau, Wien und Stockholm: Maler, Architekten, Bildhauer, Sanger, Schauspieler und Komponisten. Ein Vorgang, der vielleicht nur noch ein Gegenstück in der Verwendung der Ingenieure der nordischen Völker im R Jahrhundert gefunden hat. Wie, wird man fragen, wenn nun diese Künstler heute ebenso da tären, wie zu jenen Zeiten die großen Künste, warum hört man und seht man von ihnen so wenig? Warum also halten sich jene, die doch Eenthalben gerufen werden, fo geheim im Verborgenen? Mögen sie ins doch ihre Werke vorlegen! Wir wollen sie prüfen, wir werden sie, toU Sehnsucht wir wir nach ihnen sind, mit Jubelruf willkommen heißen! Darauf wäre nun folgendes zu sagen: Der Chor, der den Werdegang der Größten begleiten sollte, ist zu schwach, er begleitet sie kaum bei ben ersten zögernden Schritten. Denn stockte die breite Masse nur bei d:n letzten Werken, so wäre dies verständlich, denn bei t^nen gat die Seit wohl immer versagt. Sie stehen außerhalb, oberhalb der Zeit und unterstehen einem Gericht und einem Urteil, das höher thront. Denn die großen Meister sprengen die Stile, sie gehen durch sie Hindurch, durch- clen sie wie Goethe die Schäferdichtung, den Sturm und Drang, die Kassik und die Romantik. Denn auch die Größten vermögen sich dem Wellenschläge der Zeit nicht ganz zu entziehen. Aber dort wo sie dicht den Rand des Zeitstils treten, wo sie durch dessen strenge Gesetze hiidurchstoßen, dort entstehen die großen Einzelwerke der Kunst: ob dies tun der Bamberger Reiter ober die Gestalten des Naumburger Chores fhb oder Dürers Melancholie, die am Rande einer einstmals geschloffenen Seit sitzt und die ungeheure Einsamkeit fühlt, die sie nun "" Bereiche Freiheit überkommen hat, ob nun der.N'"er Tod u Teufel aus den Wäldern der Gotik hinausrettet und die Gesahren des r-uen Lebens auf sich nehmen muh. Denn nicht das Neue derR b Vnee macht die Stiche Dürers so groß, sondern das Alte der Gotik, m deren Rand sie stehen und deren Form sie verlassen. Wir dürsen, wenn mir aber von den Künstlern im allgemeinen pre- fcn wollen, nicht bei den Größten beginnen, wir haben "ns vorerst fnmal an den Chor zu halten, an den Grund, aus dem jene Gewaltigen ’lTe Werke errichten konnten. Denn dieser Nährboden a'lein ifl.es auf es ankommt. Bedenken wir einmal folgendes: Wunderkind Mozart van feinem Vater an den Kaistrhof nach 6d)onbru n ge!eit t irrten war, fand der kleine Knabe dort einen Hof an dem die vinzefsinnen musizierten, im Kontrapunkt unterwiesen wurden -men N, an dem bei Vater und der Großvater der Kaiferm musiziert u komponiert hatten, genau wie es später di« Söhne der Kaiserin, Maximilian und Joses, hielten. Da war eine Zeit, ba in den meisten Familien des Adels und des Bürgertums Musik betrieben wurde, denn die Lust war damals (wie heute von den Wellen des Radios) gesättigt von der allenthalben aus dem Volke hervorquellenden Musik. Sowie heute die Leute in ihren Freistunden Radiobasteleien vornehmen, so verstanden sie es damals, zu einer ersten die zweite Stimme zu spielen oder ein Stück von einer Tonart in die andere zu transpanieren. Oder denken wir doch an eine Zeit, da die schwierige, trunkene Sprache Jean Pauls von sooielen Mädchen und Frauen verstanden wurde, daß dieser eigenartige und einzige Dichter ihr Liebling sein konnte und jene Wärme spendete, die in der kühlen Klassik nicht zu finden war. Denken wir daran, welch breites Verständnis der klaren, abgezogenen Weisheit Kants entgegengebracht worden war, und bann werben mir die Kluft begreifen, die Hölderlins Dichtung durchfluten konnte. Nimmer dürfen mir, wenn mir bas Große sehen, bes Nährbodens vergessen, aus dem es seine Kraft saugen konnte. Denn die Kunst an sich ist genau fo eine in sich geschlossene Einheit, roie es um ein in unserer Zeit naheliegendes Beispiel zu nennen, die Technik ist. Wer jemals in einem technischen Museum die Entmicklung der Dampfmaschine, der Lokomotive oder des Autos aufmerksam betrachtet hat, dem muß sich mohl der Gedanke aufdrängen, daß sich diese Formen der Maschinen ohne Hinzutun des Menschen entwickelt haben. Zuerst war, um das Beispiel der Lokomotive zu erwähnen, ein Wagen vorhanden, wie ihn die Zeit damals zur Verfügung stellte, ein Kutschierwagen ohne Pferde und Deichsel. Zu diesem kam ein anderes Wesen, die Dampfmaschine, auch noch nicht in sich geschlossen, auch erst jüngst aus den verschiedensten fremden Teilen zusammengestellt; denn man kann immer nur das nehmen, was schon vorhanden ist; das Neue entsteht erst aus der Verschmelzung, auf dem Wege der Zeugung. Diese beiden verschiedenen Dinge nun durchdringen einander, bilden in langsamer Verschmelzung neue Formen, stoßen die alten ab und ruhen nicht eher, als bis sie sich einander vollkommen angepaßt haben. Nirgends wird hier ein Sprung gemacht, alles geschieht langsam, 'allmählich, Schraube um Schraube, Rad um Rad. Nicht nur die Natur macht keine Sprünge, auch jene Gebilde, die sie durch des Menschen Hand hervorbringt, wollen und müssen sich diesem Gesetz beugen. Wenn wir nun aber fragen, was in der Kunst jenes Treibende und Bildende ist, das den Kräften, den der Natur abgelifteten Kräften der Technik entspricht, fo müssen wir, so schwer es uns fällt, ein fo großes und gewaltiges Wort auszusprechen, bekennen, daß es der Glaube ist, der Glaube an das Göttliche, das über den Menschen waltet. Denn alles, was wir Stilentwicklung nennen, nimmt seinen Weg vom Kultbau aus und findet van da an erst den Zugang zu den allgemeinem Leben. Das, was wir zu Eingang unserer Erörterung den großen Chor der Kunst genannt haben, der die überragenden Meister begleitet, bas gewinnt nun, von hier aus gesehen, erst sein ernstes, strenges Gesicht. Vergessen wir doch nicht, daß die Technik nie jene Höhe und Vollkommenheit hätte erreichen können, wenn sie nicht von einer solch breiten Masse getragen wäre, deren Kräfte, Wünsche, Träume und Pläne immer wieder in sie einmünden. Die höchsten Berge steigen ja auch nicht übergangslos aus der flachen Ebene empor, sie wachsen aus den vorgelagerten Hügelketten und den sie begleitenden Gebirgszügen zum Himmel hinan. Ohne den Glauben an das Höhere, über uns kann es ebensowenig eine Kunst geben wie vordem eine Technik möglich war, bevor man nicht Sie Natur selbst ins Verhör nahm, um sie nach ihren Kräften zu befragen. Soviele Goldmacher und Alchimisten waren in getrennten Werkstätten an der Arbeit, um ihr, der verschwiegenen, das eine Geheimnis zu entreißen, das sie nicht preisgeben wollte. Die Kunst felbft hat niemandem zu dienen als dem Allerhöchsten. Als man dies eine lange Zeit nicht sehen konnte, sagte man: die Kunst fei allein um ihrer selbst willen da. Denn daß sie dienen muh (wenn auch nur sich selbst) darüber waren sich wohl alle Zeiten einig. Dem vereinsamten Künstler muß jedes Werk mißraten, und es wird ihm um so eher mißlingen, je höher er steigen will. Wenn er nicht eingebettet ist in bas Streben seiner Zeit, wenn er nicht von jenem großen Chore der Mitstrebenden begleitet ist, wird er nie dorthin gelangen, wohin es ihn zieht, wie wir bas an Feuerbach, an Cornelius unb auch an Makart ersehen können. Denn, wir haben es schon einmal gesagt, die Höhe der Größten wird durch die Höhe der Mitschassenden, die er überragt, bestimmt. Nur die Wogen der Zeit vermögen es. den großen Künstler emporzuwerfen bis an die Sterne. Die tote See lähmt auch ihn unb nach all feinen hohen Flügen sinkt er ermattend unb unter- gehend wieder zurück. , Nicht die Kunst selbst also gilt es zu bestellen, nicht ihr ist durch Mäzenatentum unb Förderung allein zu Helsen. Im echolosen Raum verhallt ihr Ruf ungehört unb verstummt in Gram unb Verzweiflung. Der Nährboden ist zu bestellen, das eigene Volk unb dessen Glauben an das Höhere, sie sind aufzurufen. Der Künstler vermag nichts anderes zu tun, als gläubig zu warten, ob auch ihn die Wogen, die das Allgemeine durchfluten, emportragen werden. Denn niemals noch hat er aus sich selbst, für sich f^lbst gesprochen. Immer gehorchte er höheren Geboten, einem größeren Auftrage Immer war er, ehe er schenken durste, selbst erst ein Beschenkter. Wenn man heute nach ihm Ausschau hält unb nach ihm ruft, so geschieht es deshalb, weil die Menschen wieder den Wunsch nach Dauer in sich fühlen Denn durch die Kunst allein leben die flüchtigen Tage weiter sie allein setzt ihnen zum Gedächtnis Bauten, sie gibt ihre Wünsche und Träume, ihre Gedanken unb Pläne, geläutert durch die f^orm entschlackt durch die Gesetze, weiter und bewahrt sie fo den kommenden Geschlechtern. Sie, die Kunst allein, ist das wahre Gedächtnis der Welt Kann sie nicht formen und gestalten, fo versinken die Tage und die Träume der Menschen spurlos im Meere des uferlosen Geschehens. Deutsche Kunst in Polen. Von Ernst o. N i e b e l s ch ü tz. So wenig das ehemalige Königreich Polen sich einer bodenständigen, vom Volksgeist ins Leben gerufenen Architektur rühmen konnte, so wenig hat es nennenswerte eigene Ploiftik und Malerei gehabt. Selbstverständlich fehlt es dem Historiker, dessen Ehrgeiz die Lückenlosigkeit der Darstellung ist, nicht an polnischen Künstlernamen, aber sie besagen nicht viel und wiegen noch weniger, da sie im Fahrwasser einer deutschen oder italienischen Akademie treiben und ihre Träger gerade das vermissen lassen, was man bei ihnen sucht: eine nationale Sonderart. Jede noch so objektive Betrachtung der polnischen Kunst führt zu dem Ergebnis, daß alles Bedeutende deutsch oder italienisch ist. Dabei hat das deutsche Element wertmäßig den Vortritt, denn die zahlreichen Italiener, die im 16., 17. und 18. Jahrhundert am Krakauer und Warschauer Hofe und in dem damals polnischen Wilna im Dienste der polnisch-katholischen Reaktion Beschäftigung sanden und das Land geradezu in eine italienische Kunstprovinz verwandelten, sind doch mehr in die Breite wirkende Propagandisten als wahrhaft schöpferische Geister. Ganz anders die Deutschen; sie schicken nicht ihre zweite und dritte Garnitur, sondern ihre Kerntruppen in den polnischen Raum. Man kann sehr wohl ohne Berücksichtigung Polens eine italienische Kunstgeschichte schreiben, während einer deutschen im gleichen Falle etwas Wesentliches fehlen würde. bs'ch, ein Schiller Dürers, war bls 1518 Angehöriger der Kolonie utiblf hat dort einige Altartafeln hinterlassen. Viel ausgerichtet haben i)ie Deutschen in der Folge nicht mehr. An ihre Stelle traten die nach der Heirat König Sigismunds I. mit der Mailänder Herzogtochter Bona Sforza massenhaft einwandernden Italiener. lieber den deutschen Anteil in den beiden Jahrhunderten des polnische Wahlkönigtums, dem 17. und 18., können wir uns kurz fassen, da en mehr sporadisch ist und die Namen der in Polen arbeitenden Bildhauers und Maler nur oie Spezialforschung angehen. Neben einem Mart!« Kober aus Breslau, der unter König Stephan Bathory im fpütin 16. Jahrhundert Hofmaler in Warschau war, hören wir von einem anbenni Breslauer, Johann Pfister, der 1612 in Lemberg eine große Bild. Hauerwerkstatt gründete und die freilich nur an Größe und Malericl- pracht hervorragenden Fürstengrabmäler der Kathedrale von Tarno» lieferte. Ein Schlesier scheint Karl Dankwart gewesen zu sein, bei» die Wallfahrtskirche in Tschenstochau und die Annenkirche in Krakau ihr« um 1700 gemalten großen Fresken verdanken. Von Peter von btt Rennen, einem Danziger Goldschmied niederländischer Schulung, stau«, men die Silbersarkophage des Hl. Stanislaus im Krakauer Dom 1671 und des Hl. Adalbert in Gnesen (1662). Ob das Giebelrelief am Warschauer Kraszinski-Palais von Andreas Schlüter ist, muß unentschiedm bleiben, solange die Akten schweigen. i M Es ist verständlich, daß den deutschen Stadtgründungen in Polen, die grundsätzlich das Magdeburger Recht annahmen, auch die bildende Kunst der Heimat gefolgt ist. Ganz abgerissen sind diese rückwärtigen Kulturverbindungen nie; besonders lebhaft waren sie im 18. Jahrhundert, der Blüteperiode einer bürgerlichen, vom Stadtgeist getragenen Kunst. Zeitlich mit an erster Stelle steht die herrliche Steinmaria von etwa 1420 in der St.-Johann-Kirche zu Thorn, deren Herkunft in Oesterreich oder Schlesien zu suchen ist: eine der anmutigsten aus der im deutschen Südosten beheimateten Familie der -„schönen Madonnen", die der Hoheit der Himmelskönigin einen Zug fraulich-mädchenhafter Holdseligkeit beimischt, der unwiderstehlich ist. Gegen das Ende des Jahrhunderts mehrt sich die Produktion und erreicht gleichzeitig, kräftig gefördert von den deutschen Kolonien, den ihr beschiedenen Höhepunkt. Man kann nicht sagen, daß diese Jmportkunst sich in vielen Kanälen gleichmäßig über das ganze Land verteilte, vielmehr sind es zwei durch die Umstände besonders begünstigte Kulturzentren, wo wir das Meiste und Bedeutendste an treffen: Posen und die alte Jagiellonenresidenz Krakau. Ein Erzbildner und ein Plastiker in Holz und Stein, Peter Vischer und Veit Stoß, beides Nürnberger, sind die Hauptträger der Ende der siebziger Jahre einsetzenden, aber schon nach 1510 langsam welkenden Hochblüte. Das Lebenswerk der beiden Meister und ihrer Schule läßt sich ohne Kenntnis ihrer polnischen Schöpfungen nicht voll würdigen. Von Veit Stoß, dem wir als Bürger der deutschen Kolonie von 1476 bis 1496 in Krakau begegnen, stammt außer dem für die Marienkirche gefertigten Schnitzaltar, seinem umfangreichsten und bedeutendsten Werk, und dem Marmorgrabmal für König Casimir IV. in der Kathedrale des Wawel, in dessen Arbeit er sich mit dem Passauer Bildhauer Jörg Huber teilte, noch eine Reihe von Grabplatten, die seinen Namen zu einem der klangvollsten, zwar nicht der polnischen Kunst, wie die Polen meinen, wohl aber der deutschen Kunst in Polen machen. Es ist das Liegegrabmal des Peter Bnina in der Kathedrale von Wloctarn e k und die Rotmarmorplatte für den Erzbischof Olssnicki im Dom zu Gnesen. Auch der Entwurf der Grabtafel für den gelehrten Kanzler und Prinzenerzieher am Hofe König Casimirs, den aus feiner Heimat vertriebenen Florentiner Humanisten Filippo Buonacorfi, genannt „Callimachus", im Dom zu Krakau, wird ihm zugeschrieben, wenn auch die Ausführung in Erzguß aus der Vifcherfchen Werkstatt stammen wird, Von Stanislaus, dem Sohne des Veit Stoß, wissen wir, daß er des Vaters Krakauer Werkstatt nach dessen Wegzug zwanzig Jahre lang weiterführte, ehe auch er nach Nürnberg zurllckkehrte. Der Stanislaus- altar in der Marienkirche und der im „Aftstil" der späten Gotik gehaltene Johannisaltar in der Florianskapelle zu Krakau sind feine beglaubigten Werke. Gleichzeitig mit Stoß lieferte die Vischersche Gieß Hütte tu Nürnberg eine Fülle von Bronzegrabplatten für den polnischen Bezirk. In ihnen feiert der mächtig erwachte Ruhmsinn, der im persönlich auf- gefaßten Porträt der Vergänglichkeit ttotzt, seine ersten großen Triumphe. Gravierte Platten mit Ritzzeichnung, die eine alte niederländische Tradition aufnehmen, wechseln mit solchen in flachem Relief. Der Posener Dom ist reich an ausgezeichneten Werken dieser auch in Deutschland weitverbreiteten Gattung, die den Verstorbenen unter einem gotisch verästelten Baldachin in ganzer Figur zeigen und im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts in der Werkstatt des älteren Peter Vischer entstanden sind. Am schönsten und reifsten die Relieftasel für den Domherrn Bernhard Lubranski. Sie schlägt bereits die Brücke zur Renaissance, deren Formenschatz aber erst des Meisters Sohn, Peter Vischer der Jüngere, in seinen Krakauer ©rabmälern ganz aufnimmt. Die Gravierung, die nur noch in der Platte für den Kardinal Johann Casimir vorkommt, macht nun dem mehr körperlichen Relief Platz die gotischen Anklänge verschwinden, und Charaktergestalten von der Art des Peter Salomon in der Marienkirche ober des Woiwoden Kmita im Dom erfüllen den Grund mit blutvollem Leben. Was sonst noch von Einheimischen ober Italienern um 1500 in Polen entstanden ist, reicht an diese Glanzleistungen der deutschen Erzplastik auch nicht entfernt heran. Eine bedeutende Nachfolge war ihnen freilich nicht beschieden, was wohl damit zusammenbängt, daß die deutsche Kolonie in Krakau bald allerlei Drangsale zu leiden hatte. Zwar hielt sich noch Durers jüngerer Bruder Hans von 1526 bis zu seinem Tode 1538 als Hofmaler in der polnischen Hauptstadt, und auch HansvonKulm- Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lange. — Druck und Verla Oie falschen Locken. Eine Jean-Paul-Anekdote von K. R. P o p p. Jean Paul Richter saß wieder einmal in der „Rollwenzelei" ütit Bayreuth und schaute lächelnd in die fröhliche Sommerlandschaft hinein, hinüber zu Eremitage und Fantaiste, deren Zauber er in dem eben blendeten „Siebenkäs" so schön geschildert hatte. Gedanken und Bilder fiele« ihn dabei an, und wie immer tarn er unter fortwährenden geistigen urb geistreichen Seitensprüngen dabei vom Hundertsten ins Hunderttausendße und hott« gerade an diesem kuriosen Rankenwerk seiner eigenen Phantast die hellste Freude. Vor ihm stand ein Bierkrug, und auf dem Fensterbrett tag ein duftender Damenbrief, der glühende Worte einer fernen Verehrerin einschloß, Worte, die in der bringenden Bitte gipfelten: „Göttlicher, eine Sorte! Eine Locke von Ihrem Haar für unsere Lippen!' Eine Locke! Seufzend fuhr sich der friedlich-behäbige Jecm Paul üfat die hohe Stirn und mochte dabei denken, was später sein Kollege Vusih in lockeren Worten aussprach: „Vornerum ist alles blank ..." War « ein Trost, daß an den Seiten noch einige rötliche Locken schimmernd trau entschwundener Pracht kündeten? Der Dichter war ein galanter Mam und hatte ein weiches Herz. Weiblichen Bitten gegenüber schmolz alles Eis seines Widerstandes wie Butter unter der Sonne, und gar, wenn et so gebeten wurde! Lange schwebte Jean Paul zwischen zwei gleich schm- ren Entschlüssen: Der Dam« die Bitte abzuschlagen und damit das einer Verehrerin tödlich zu treffen, oder oie letzten der Locken dahinM geben, eine Vorstellung, die ihn eingedenk der Fülle feiner Freunde erschauern ließ, denn der Fall würde Schule machen und die Sitten würden sich häufen... Da war es fein treuer Pudel „Paios", der sich an ihn schmiegte um) dem Dichter den rettenden Gedanken eingab, einen Gedanken, Oer zugleich des großen Humoristen würdig war. Eine Woche später hing eine rötliche Locke — sie war unterdessen do « vielen schönen Damen und sentimentalen Herren unter „Ach!" und „Oh!' an die Lippen gepreßt worden — auf einem Atlaskissen und umrahmt von getrockneten Veilchen unter Glas. Um diese Zeit erhielt Jean Paul einen überschwänglichen Dank«»- brief, den er lächelnd, und das rötliche Haar seines Pudels streichelnd, las. Es tarnen noch viele Briefe und viele Bitten nach Oberfranken geflogen, und von dort her flatterten umgehend und rötlich schimmernd bu Sorten des Dichterhauptes zurück... Jahrzehnte später erhielt eine Studentin der Physiologie ein Mikroi- skop und untersuchte nach Anfänaerart alles, was ihr in die Hände kam Als die Mutter einmal abwesend war, wagte sie sich sogar an die g» rantiert echte Socke Jean Pauls heran, die als kostbarstes Stück bw mütterlichen Herzenssammlung unter Glas und auf weißem Atlas altbewährt wurde. Sie legte ein Haar der heiligen Socke unter das Glas und entdeckte zu ihrem Entsetzen, daß es ein Hundehaar man Fieberhast untersuchte sie weiter und kam immer wieder zu dem gleiches Ergebnis. Ms sie aber damit der heimkehrenden Mutter aufgeregt ent1? gegenftürmte, erhielt sie umgehend eine durchaus unsentimentale Ohrfeiget und die Sorte wurde von zärtlichen Händen wieder im Heiligtum ro mantischer Erinnerungen untergebracht. Die Tochter aber tief zu allen Bekannten und Unbekannten und sammelte Haare von den Locken Jean Paul Richters. Sie erhielt eines aus dem Besitz der Ludmilla von Affing: es war ein Hundehaar. Sie errang eines von der ererbten Locke Flora Philipps: es war das Haar ein«» Hundes. Nun wußte die Studentin freilich genug. Da aber auch in ihr ein« zukünftige Dichterin schlummerte, war ihr in diesem Augenblick«, als sei« sie über dem Hundehaar wie in einer Vision bas gemütliche Gesicht b«s «wig lächelnden, seligen Jean Paul und daneben seinen luftigen Pudel Patos mit dem rötlich schimmernden Fell. Dabei umschwirrten sie bi* sonderbaren Titel aller Werke des Dichters mitsamt ihren Unterteilung^ in Jubelperioden oder Hundsposttage — und da war ihr nun, als fönn* er ganz gut in diesem Augenblick im Elysium eine Abhandlung.3“ schreiben beginnen: „lieber das ungewöhnlich große Glück, einen Pu«« mit rötlichen Locken zu besitzen." g: Brühlsche Unloerfitätsbrutferei, R. Lange, Gießen. E L Er «lb b tyon 1 jiroec Um lenbet toben Air lue L Eine ÄOttlt liegen Hin 5 ®o W it$o „Ei i niei chn lut: s ■*li» V®I «I ‘:‘B im Üio »Do *tit ifc Jan Men "Her |