Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgang 1959 Montag, den 20. März Nummer Nveungen -2öimmgeii Vornan Son Theodor Montane 7. Fortsetzung. „Nun, ich denke bald, oder doch wenigstens sobald wie möglich. Nicht »ahr. Wir sind hungrig, und wenn der Rehrücken eine halbe Stunde Feuer ut, hat er genug. Also sagen wir: um zwölf. Und wenn ich bitten darf, eine itowle: ein Rheinwein, drei Mosel, drei Champagner. Aber gute Marke. Glauben Sie nicht, daß sich's vertut. Ich kenne das und schmecke heraus, 6 Moöt oder Mumm. Aber Sie werden schon machen; ich darf sagen, Sie ößen mir ein Vertrauen ein. Apropos, können wir nicht aus Ihrem Garten jleich in den Wald? Ich hasse jeden unnützen Schritt. Und vielleicht finden i'it noch Champignons. Das wäre himmlisch. Die können dann noch an den Lehrücken: Champignons verderben nie was." Der Wirt bejahte nicht bloß die hinsichtlich des bequemeren Weges gesellte Frage, sondern begleitete die Damen auch persönlich bis an die Gartenpforte, von der aus man bis zur Waldlisiere nur ein Paar Schritte litte. Bsoß eine chausfierte Straße lief dazwischen. Als diese passiert war, l: ar man drüben im Waldesschatten, und Jsabeau, die stark unter der immer xrößer werdenden Hitze litt, pries sich glücklich, den verhältnismäßig weiten lmweg über ein baumloses Stück Grasland vermieden zu haben. Sie r achte den eleganten, aber mit einem großen Fettfleck ausstasfierten Sonnen- fhirm zu, hing ihn an ihren Gürte! und nahm Lenens Arm, während die feiben andern Damen folgten. Jsabeau war augenscheinlich in bester Stimmung und sagte, sich, umweudend, zu Margot und Johanna: „Wir müssen »et doch ein Ziel haben. So bloß Wald und wieder Wald is eigentlich yretklich. Was meinen Sie Johanna?" Johanna war die größere von den beiden d'Arcs, sehr hübsch, etwas blaß hb mit raffinierter Einfachheit gekleidet. Serge hielt darauf. Ihre Hand- yuhe faßen wundervoll, und man hätte sie für eine Dame halten können, x‘nn sie nicht, während Jsabeau mit dem Wirte sprach, den einen Handschuh- t opf, der aufgesprungen war, mit den Zähnen luieber zugeknöpft hätte. „Was meinen Sie, Johanna?" wiederholte die Königin ihre Frage. „Nun, dann schlag ich vor, daß wir nach dem Dorfe zurückgehen, von k m wir gekomnrxn find. Es hieß ja wohl Zeuthen und sah so romantisch tiö so melancholisch aus, und Ivar ein so hübscher Weg hierher. Und zurück «uß er eigentlich ebenso hübsch sein oder vielleicht noch hübscher. Und an 11 rechten, das heißt also von hier aus an der linken Seite, war ein Kirchhof riit lauter Kreuzen drauf. Und ein sehr großes von Marmor." „Ja, liebe Johanna, das ist alles ganz gut, aber ioas sollen wir damit? Sir haben ja den Weg gesehen. Oder wollen Sie den Kirchhof...?" „Freilich will ich. Ich habe da so meine Gefühle, besonders an solchem 2-ige wie heute. Und es ist immer gut, sich zu erinnern, daß man sterben n»ß. Und wenn dann der Flieder so blüht..." „Aber Johanna, der Flieder blüht ja gar nicht mehr, höchstens noch der Qnlbregen, und der hat eigentlich auch schon Schoten. Du meine Güte, it.'mi Sie so partout für Kirchhöfe sind, so können Sie sich ja den in der Lranienstraße jeden Tag ansehen. Aber ich weiß schon, mit Ihnen ist nicht । reden. Zeuthen und Kirchhof, alles Unsinn. Da bleiben wir doch lieber fcr und sehen gar nichts. Kommen Sie, Kleine, geben Sie mir Ihren Arm wieder!" Die Kleine, die durchaus nicht klein war, war Seite. Sie gehorchte. Die Königin aber fuhr jetzt, indem sie wieder voraufging, in vertraulichem !ane fort: „Ach diese Johanna, man kann eigentlich nicht mit ihr umgehen; ’i hat keinen guten Ruf und is eine Gans. Ach, Kind, sie glauben gar nicht, »s jetzt alles so mitläuft; nu ja, sie hat ne hübsche Fignr und hält auf ihre hindfchuh. Aber sie sollte lieber auf was andres halten. Und sehen Sie, die, bi.* so sind, die reden immer von sterben und Kirchhof. Und nun sollen Sie üi nachher sehen! Solang es so geht, geht es. Aber wenn dann die Bowle nmt und wieder leer is und wiederkommt, dann quietscht und johlt sie. Ü ine Idee von Anstand. Aber wo soll es auch Herkommen? Sie war immer dl»ß bei kleinen Leuten, draußen auf der Chaussee nach Tegel, wo kein Mensch recht hiukommt und bloß mal Artillerie vorbeisührt. Und Artillerie ... 'i* ja ... Sie glauben gar nich, wie verschieden das alles ist. Und nun hat it der Serge da rausgenommen und will was aus ihr machen. Ja, du toine Güte, so geht das nicht, oder wenigstens nicht so flink; gut Ding villl Weile haben. Aber da sind ja noch Ervbeeren. Ei, das ist nett! Kom- «’n Sie, Kleine, wir wollen welche pflücken (wenn nur das verdammte Blicken nicht wär), und wenn wir eine recht große finden, dann wollen or sie mitnehnien. Die steck ich ihm dann in den Mund, und dann freut ■< sich. Denn Sie müssen wissen, er ist ein Mann wie'» Kind und eigent- itz» der Beste." Lene, die wohl merkte, daß es sich um Balafre handelte, tat ein paar Fragen und frug unter anderm auch wieder, warum die Herren eigentlich die sonderbaren Namen hätten. Sie habe schon srüher danach gefragt, aber nie was gehört, was der Rede wert gewesen wäre. „Jott", sagte die Königin, „es soll so was sein und soll keiner was merken und is doch alles bloß Ziererei. Denn erstens kümmert sich keiner drum, und wenn sich einer drum kümmert, is es auch noch so. Und warum auch? Wem soll es denn schaden? Sie haben sich alle nichts vorzuwerfen, und einer ist wie der andre." Lene sah vor sich hin und schwieg. „Und eigentlich, Kind, und Sie werden das, auch noch sehn, eigentlich is es alles bloß langweilig. Eine Weile geht es, und ich will nichts dagegen sagen und will's auch nicht abschwören. Aber die Länge hat die Last. So von Mffzehn an und noch nich mal eingesegnet. Wahrhaftig, je bälder man wieder raus ist, desto besser. Ich kaufe mir denn (denn das Geld krieg ich) ne Dest'lation und weiß auch schon, wo, und denn heirat ich mir einen Witt- mann und weiß auch schon, wen. Und er will auch. Denn das muß ich Ihnen sagen, ich bin für Ordnung und Anständigkeit, und die Kinder orntlich erziehn, und ob es seine sind oder meine, is janz egal... Und wie is es denn eigentlich mit Ihnen?" Lene sagte kein Wort. „Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind woll am Ende mit hier dabei (und sie wies aufs Herz) und tun alles aus Liebe? Ja, Kind, denn is es schlimm, denn gibt es nen Kladderadatsch." Johanna folgte mit Margot. Sie blieben absichtlich etwas zurück und brachen sich Birkenreiser ab, wie wenn sie vorhätten, einen-Kranz daraus zu flechten. „Wie gefällt sie dir denn?" sagte Margot. „Ich meine die von Gaston." „Gefallen? Gar nich. Das fehlt auch noch, daß solche mitspielen und in Mode kommen! Sieh doch nur, wie ihr die Handschuh sitzen. Und mit dem Hut is auch nicht viel. Er dürfte sie gar nicht so gehn lassen. Und sie muß auch dumm (ein, sie spricht ja kein Wort." „Nein", sagte Margot, „dumm ist sie nicht; sie hat's bloß noch nich weg. Und daß sie sich gleich an die gute Dicke ranmacht, das is doch auch klug genug." „Ach, die gute Dicke. Geh mir mit der! Die denkt, sie is es. Aber es is gar nichts mit ihr. Ich will ihr sonst nichts nachsagen, aber falsch ist sie, falsch wie Galgenholz." „Nein, Johanna, falsch is sie nu grade nich. Und sie hat dir auch öfter aus der Patsche geholfen. Du weißt schon, was ich meine." „Gott, warum? Weil sie selber mit drinsaß, und weil sie sich ewig ziert und wichtig tut. Wer so dick ist, ist nie gut." „Jott, Johanna, was du nur redst. Umgekehrt is es, die Dicken find immer gut." „Na, meinetwegen. Aber das kannst du nicht bestreiten, daß sie ne lächerliche Figur macht. Sieh doch nur, wie sie dahinwatschelt; wie ne Fettente. Und immer bis oben ran zu, bloß weil sie sich sonst vor anständigen Leuten gar nicht sehen lassen kann. Und, Margot, das laß ich mit nicht nehmen, ein bißchen schlanke Figur ist doch die Hauptsache. Wir sind doch noch keine Türken. Und warum wollte sie nicht mit aus den Kirchhof? Weil sie sich jrault? I bewahre, sie denkt nich dran, bloß weil sie sich wieder eingeknallt hat und es vor Hitze nicht aushalten kann. Und is eigentlich nich mal so furchtbar heiß heute." So gingen die Gespräche, bis sich die beiden Paare schließlich wieder vereinigten und auf einen mit Moos bewachsenen Grabenrand setzten. Jsabeau sah öfter nach der Uhr; der Zeiger wollte nicht recht vom Fleck. Als es aber halb zwölf war, sagte sie: „Nun, meine Damen, ist es Zeit; ich denke, wir haben jetzt gerade genug Natur gehabt und können mit Fug und Recht zu was andrem übergehen. Seit heute früh um sieben eigentlich keinen Bissen. Denn die Grünauer Schinkenstulle kann ich doch nicht rechnen ... Aber Gott sei Dank, alles Entsagen, sagt Balafre, hat seinen Lohn in sich, und Hunger ist der beste Koch. Kommen Sie, meine Damen, der Rehrücken fängt an wichtiger zu werden als alles andre. Nicht wahr, Johanna?" Tiefe gefiel sich in einem Achselzucken und suchte die Zumutung, als ob Dinge wie Rehrücken und Bowle je Gewicht für sie haben könnten, entschieden abzulehnen. Jsabeau aber lachte. „Nun, wir werden ja sehn, Johanna. Freilich, der Zeuthner Kirchhof wäre besser gewesen. Aber man muß nehmen, was man hat." Und damit brachen allesamt auf, um aus dem Wald in den Garten und aus diesem, drin sich ein paar Zitronenvögel eben haschten, bis in die Front des Hauses, wo gegessen werden sollte, zurückzukehren. Im Vorübergehen an der Gaststube sah Jsabcau den mit dem Um« stülpen einer Moselweinslasche beschäftigten Wirt. „Schade", sagte sie, „daß ich gerade das sehen mußte. Das Schicksal hätte mir auch einen besseren Anblick gönnen können. Warum gerade Mosel?" Vierzehntes Kapitel. Eine rechte Heiterkeit hatte nach diesem Spaziergange trotz aller von Jsabeau gemachten Anstrengungen nicht mehr aufkommen wollen; was aber, wenigstens für Botho und Lene, das Schlimmere war, war das, daß diese Heiterkeit auch ausblieb, als sich beide von den Kameraden und ihren Damen verabschiedet und ganz allein, in einem nur von ihnen besetzten Coupö, die Rückfahrt angetreten hatten. Eine Stunde später waren sie, ziemlich herabgestimmt, aus dem trübselig erleuchteten Görlitzer Bahnhof eingettoff en, und hier, beim Aussteigen, hatte Lene sofort und mit einer Art Dringlichkeit gebeten, sie den Weg durch die Stadt hin allein machen zu lassen: „sie seien ermüdet und abgespannt, und das tue nicht gut"; Botho aber war von dem, was er als schuldige Rücksicht und Kavalierspflicht ansah, nicht abzubringen gewesen, und so hatten sie denn in einer klapprigen alten Droschke die lange, lange Fahrt am Kanal hin gemeinschaftlich gemacht, immer bemüht, ein Gespräch über die Partie, und wie „hübsch sie gewesen sei", zustande zu bringen — eine schreckliche Zwangsunterhaltung, bei der Botho nur zu sehr gefühlt hatte, wie richtig Lenens Empfindung gewesen war, als sie von dieser Begleitung in beinahe beschwörendem Tone nichts hatte wissen wollen. Ja, der Ausflug nach Hankels Ablage, von dem man sich soviel versprochen und der auch wirklich so schön und glücklich begonnen hatte, war in feinem. Ausgange nichts als eine Mischung von Verstimmung, Müdigkeit und Abspannung gewesen, und nur im letzten Augenblick, wo Botho liebevoll freundlich und mit einem gewissen Schuldbewußtsein feine „Gute Nacht, Lene" gesagt hatte, war diese noch einmal aus ihn zugeeilt und hatte, seine Hand ergreifend, ihn mit beinah leidenschaftlichem Ungestüm geküßt: „Ach, Botho, es war heute nicht so, wie's hätte sein sollen, und doch war niemand schuld... Auch die andern nicht." „Laß es, Lene!" „Nein, nein. Es war niemand schuld; dabei bleibt es, daran ist nichts zu ändern. Aber daß es fo ist, das ist eben das Schlimme daran. Wenn wer schuld hat, dann bittet man um Verzeihung, und dann ist es wieder gut. Aber das nutzt uns nichts. Und es ist auch nichts zu verzeihn." „Lene..." „Du mußt noch einen Augenblick hören. Ach, mein einziger Botho, du willst es mir verbergen, aber es geht zu End. Und rasch, ich weiß es." „Wie du nur sprichst." „Ich hab es freilich nur geträumt", fuhr Lene fort. „Aber warum hab ich es geträumt? Weil es mir den ganzen Tag vor der Seele steht. Mein Traum war nur, was mir mein Herz eingab.jllnb etwas ich dir noch jagen wollte, Botho, und warum ich dir die paar Schritte nachgelaufen bin: es bleibt doch bei dem, was ich dir gestern abend sagte. Daß ich diesen Sommer leben konnte, war mir ein Glück und bleibt mir ein Glück, auch wenn ich von heut ab unglücklich werde." „Lene, Lene, sprich nicht so..." „Du fühlst selbst, daß ich recht habe; dein gutes Herz sträubt sich nur, es zuzugestehen und will es nicht wahrhaben. Aber ich weiß es: gestern, als wir über diese Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strauß pslückte, das war unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde." Mit diesem Gespräche hatte der Tag geschlossen, und nun war der andere Morgen, und die Sommersonne schien heil in Bothos Zimmer. Beide Fenster standen auf, und in den Kastanien draußen quirilierten die Spatzen. Botho selbst/aus einem Meerschaum rauchend, lag zurückgelehnt in seinem Schaukelstuhl und schlug bann und wann mit einem neben ihm liegenden Taschentuche nach einem großen Brummer, der, wenn er zu dem einen Fenster hinaus war, sofort wieder an dem andern erschien, um Botho hartnäckig und unerbittlich zu umsummen. „Daß ich diese Bestie doch los wäre! Quälen, martern möcht ich sie. Diese Brummer find allemal Unglücksboten, und so hämisch zudringlich, als freuten sie sich über den Aerger, dessen Herold und Verkündiger sie sind." In diesem Augenblicke schlug er wieder danach. „Wieder fort. Es hilft nichts. Also Resignation. Ergebung ist überhaupt das beste. Die Türken find die klügsten Leute." Das Zuschlägen der kleinen Gittertür draußen ließ ihn während dieses Selbstgespräches auf den Vorgarten blicken und dabei des eben eingetretenen Briefträgers gewahr werden, der ihm gleich danach unter leichtem militärischen Gruß und mit einem „Guten Morgen, Herr Baron" erst eine Zeitung und dann einen Brief in das nicht allzu hohe Parterrefenster hineinreichte. Botho warf die Zeitung beiseite, zugleich den Brief betrachtend, auf dem er die kleine, dichtstehende, trotzdem aber sehr deutliche Handschrift seiner Mutter unschwer erkannt hatte. „Dacht ich's doch... Ich weiß schon, eh ich gelesen. Arme Lene." Und nun brach er den Brief auf und las: „Schloß Zehden. 29. Juni 1875. Mein lieber Botho: Was ich Dir als Befürchtung in meinem letzten Briefe mitte Ute, das hat sich nun erfüllt: Rothrnüller in Arnswalde hat fein Kapital zum 1. Oktober gekündigt und nur ,aus alter Freundschaft' hinzugefügt, daß er bis Neujahr warten wolle, wenn es mir eine Verlegenheit schaffe. ,Denn er wisse wohl, was er dem Andenken des seligen Herrn Barons schuldig sei.' Diese Hinzufügung, so gut sie gemeint fein mag, ist doch doppelt empfindlich für mich; es mischt sich !o viel prätentiöse Rücksichtnahme mit ein, die niemals angenehm berührt, am wenigsten von solcher Seite her. Du begreifst vielleicht die Verstimmung und Sorge, die mir diese Zeilen geschaffen haben. Onkel Kurt Anton würde helfen, wie Ichon bei früherer Gelegenheit; er liebt mich und vor allem Dich, aber feine Geneigtheit immer wieder in Anspruch zu nehmen hat doch etwas Bedrückliches und hat es um so n^ehr, als er unsrer ganzen Familie, speziell aber uns beiden, die Schuld an unsren ewigen Verlegenheiten znschiebt. Ich bin ihm, trotz meines redlichen Kümmerns um die Wirtschaft, nicht wirtschaftlich und anspruchslos genug, worin er recht haben mag, und Du bist ihm nicht praktisch und lebensklng genug, worin er wohl ebenfalls das Richtige trejfen wird. Ja, Botho, so liegt es. Mein Bruder ist ein Mann von einem" sehr feinen Rechts- und Billigkeitsgefühl und von einer in Geldangelegenheiten geradezu hervor-. ragenden Gentilezza, was man nur von wenigen unsrer Edelleute sagen kann. Denn unsre gute Mark Brandenburg ist die Sparsamkeits- und, wo geholfen werden soll, sogar die Aengstlichkeitsprovinz; aber so gentil er ist, er hat seine Saunen und Eigenwilligkeiten, und sich in diesen beharrlich gekreuzt zu sehen hat ihn seit einiger Zeit aufs ernsthafteste verstimmt. Er sagte mir, als ich letzthin Veranlassung nahm, der uns abermals drohenden Kapitalskündigung zu gedenken: ,Jch stehe gern zu Diensten, Schwester, wie du weiht, aber ich bekenne dir offen, immer da helfen zu sollen, wo man sich in jedem Augenblicke selber helfen könnte, wenn man nur etwas einsichtiger und etwas weniger eigensinnig wäre, das erhebt starke Zumii-: tungen an die Seite meines Charakters, die nie meine hervorragendste war: an meine Nachgiebigkeit...' Du lveißt, Botho, worauf sich diese feine Worte beziehen, und ich lege.sie heute Dir ans Herz, wie sie damals, von Onkel Kurt Antons Seite, mir ans Herz gelegt wurden. Es gibt nichts, was Du, Deinen Worten und Briefen nach zu schließen, mehr perhorres rit als Sentimentalitäten, und doch fürcht ich, steckst Du selber drin, und zwar tiefer, als Du zugeben willst oder vielleicht weißt. Ich sage nicht mehr." Rienäcker legte den Brief aus der Hand und schritt im Zimmer auf uni» ab, während er den Meerschaum halb mechanisch mit einer Zigarette vertauschte. Dann nahm er den Brief wieder und las weiter. „Ja, Bothos Du hast unser aller Zukunft in der Hand und hast zu bestimmen, ob dies Gefühl einer beständigen Abhängigkeit fortbauern oder aufhören soll. Du hast es in der Hand, sag ich, aber, wie ich freilich hinzufügen muß, nur kurze Zeit noch, jedenfalls nicht auf lange mehr. Auch darüber hat Onkel Kurt Anton mit mir gesprochen, namentlich im Hinblick auf die Sellenthineh Mama, die sich bei seiner letzten Anwesenheit in Rothenmoor in dieser fiej lebhaft beschäftigenden Sache nicht nur mit großer Entschiedenheit, sondern auch mit einem Auslug von Gereiztheit ausgesprochen hat. Ob das Haus! Rienäcker vielleicht glaube, daß ein immer kleiner werdender Besitz nach Art der Sibyllinischen Bücher (roo sie den Vergleich her hat, weiß ich nichts immer wertvoller würde? Käthe werde nun zweiundzwanzig, habe de» Ton der großen Welt und verfüge mit Hilfe der von ihrer Tante Kielmannsegge herstammenden Erbschaft über ein Vermögen, dessen Zinsbetrag hinter dem Kapitalsbetrag der Rienäckerschen Heide samt Muränensee nicht sehr erheblich zurückbleiben werde. Solche junge Dame lasse man überhaupt nicht warten, am wenigsten aber mit soviel Beharrlichkeit und Seelenruhe. Wenn es Herrn von Rienäcker beliebe, das, was früher darüber von feiten der Familie geplant und gesprochen sei, fallen zu lassen und stattgehabte Verabredungen als bloßes Kinderspiel anzusehen, so habe sie nichts dagegen. Herr von Rienäcker fei frei tiorf dem Augenblick an, wo er frei fein wolle. Wenn er aber umgekehrt vorhabe, von dieser unbedingten Rückzugsfreiheit nicht Gebrauch machen zu wollen, so sei es an der Zeit, auch das zu zeigen. Sie wünsche nicht, daß ihre Tochter in das Gerede der Leute komme. Du wirst dem Tone, der hieraus spricht, unschwer entnehmen, daß es durchaus nötig ist, Entschlüsse zu fassen und zu handeln. Was ich wünsche, weißt Du. Meine Wünsche sollen aber nicht verbindlich für Dich fein. Handle, wie Dir eigene Klugheit es eingibt; entscheide Dich fo oder so, nur handle überhaupt! Ein Rückzug ist ehrenvoller als fernere Hinausschiebung. Säumst Du länger, fo verlieren wir nicht nur die Braut, sondern das Sellenthiner Haus überhaupt und, was noch schlimmer, ja das schlimmste ist, auch die freundlichen unb immer hilfebereiten Gesinnungen des Onkels. Meine Gedanken begleiten Dich, möchten sie Dich auch leiten können. Ich wiederhole Dir, es wäre der Weg zu Deinem und unser aller Glück. Womit ich verbleibe Deine Dich liebende Mutter Josephine von R." Botho, als er gelesen, war in großer Erregung. Es war fo, wie der Brief es aussprach, und ein Hinausschieben nicht länger möglich. Es stand nicht gut mit dem Rienäckerschen Vermögen, und Verlegenheiten mären da, die durch eigene Klugheit und Energie zu heben er durchaus nicht die Kraft in sich fühlte. „Wer bin ich? Durchschnittsmensch aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft. Und was kann ich? Ich kann ein Pferd stall» meiftem, einen Kapaun tranchieren und ein Jen machen. Das ist alM, und so hab ich denn die Wahl zwischen Kunstreiter, Oberkellner und Croupier. Höchstens kommt noch der Troupier hinzu, wenn ich in eine Fremdenlegion, eintreten will. Und Lene dann mit mir als Tochter des Regiments. Ich- sehe sie schon in kurzem Rock und Hackensiiefeln und ein Tönnchen auf dem. Rücken." In diesem Tone sprach er weiter und gefiel sich darin, sich bittre Singe zu sagen. Endlich aber zog er die Klingel und beorderte sein Pferd, weil er ausreiten wolle. Und nicht lange, fo hielt feine prächtige Fuchsstuie draußen, ein Geschenk des Onkels, zugleich der Reid der Kameraden. Er hob sich in den Sattel, gab dem Burschen einige Weisungen und ritt auf die Moabiter Brücke zu, nach deren Passierung er in einen breiten über Fenn und Feld in die Jungfernheide hinüberführenden Weg einlenkte. Hier ließ er fein Pferd aus dem Trab in den Schritt fallen und nahm sich, während er bis dahin allerhand Unklaren Gedanken nachgehangen hatte, mit jedem Augenblicke fester und schärfer ins Verhör. „Was ist es denn, was mich hindert, den Schritt zu tun, den alle Welt erwartet? Will rch Lene heiraten? Nein. Hab ich's ihr versprochen? Nein. Erwartet sie's? Nein. Oder wird uns die Trennung leichter, wenn ich sie hinausschiebe? Nein. Immer nein und wieder nein. Und doch säume und schwanke ich, das eine zu tun, was durchaus getan werden muß. Und weshalb säume ich? Woher btefe Schwankungen und Vertagungen? Törichte Frage. Weil ich sie liebe." (Fortsetzung folgt.) anials, sbetnz ) Der Großvater des Verfassers. dcht mW b jit^ meljt,* iuj M! te Bet< Both« ob bin n soll 4 « Eigentum Von I. W. von Goethe. Ich weih, daß mir nichts angehört Ats der Gedanke, der ungestört Aus meiner Seele will fließen. Und jeder günstige Augenblick, Den mich ein liebendes Geschick Von Grund aus läßt genießen. ibet |( hilM smdk« litntnt ßnlfli lönnti r W ft.“ roie b % P IDO« ndjtb wnnij tb ft * touf!' nW itä. J «if» : ßnlil NthM! esei I» onbra 8 HW itz mL h nichi! be btil nanu? Ein Künstlerbesuch bei Goethe im Lahre 1826. Von Geheimrat Professor Dr. Rudolf Hübner. Zur Gießener Goethe-Festwoche stellt uns Geh. Rat Hübner, der von 1913 bis 1918 als Ordinarius für Rechtsgeschichte und Deutsches Bürgerliches Recht an der Lud- wigsuniversität wirkte, den folgenden Beitrag zur Verfügung. )atü6ti en ui’ o lch lid ei [et w i eär in bi .ft bilden tonn 'nätlj, >,1! * nnll, Jofleil 4 iD|>' timmt 'tOfjClti heftet, en, hu ettooj' 8umuJ| Rciibftel h bicief e$ii! rb,«* icr«b(; iinb't W* >sA et li(i ■I#*, ,n!-' K'l- Der Maler Julius Hübner* war im Jahre 1821 „als fünfzehnjähriger "MI hüngling" aus feiner schlesischen Heimat nach Berlin übergesredelt, von ci »l hjottsried Schadow in die Gipsklasse der Akademie ausgenommen worden jinb dann sehr bald in das eben neubegründete Atelier Wilhelm Schadows, ic8 eben aus Rom Zurückgekehrten, eingetreten. Als nun dieser im Herbst 826, als Direktor der dortigen Akademie, nach Düsseldorf ging, folgten hm alle feine Schüler dahin. So auch Hübner, der unter ihnen nach dem rühen Tode zweier älterer Genossen die Stelle des Aeltesten einnahm und >ch im Lauf der Jahre die des dem Meister am nächsten stehenden Freundes rwarb. Er fuhr zusammen mit seinen vertrauten Malerbrüdern Theodor nldebrandt, Carl Sohn, Carl Friedrich Lessing, deren Bildnisköpfe er pätet (1839) aus dem in der Berliner Nationalgalerie befindlichen Gruppen- wrträt vereinte. Sie machten die Reise, „wie es damals noch Sitte war, iiit einem Fuhrmann, Hauderer oder Zauderer genannt, langsam genug, her mit einem Genuß uyb Vergnügen", das er niemals vergessen hat. M Hildebrandt und ihn bildete den Höhepunkt der Reise der Aufenthalt n Weimar, wo ihnen „das Glück zuteil wurde, den alten Goethe persönlich u begrüßen". Sie hatten beide gute Empfehlungen, Hildebrandt einen Brief von Goethes Neffen, Staatsrat Nicolovius, und ihm selber hatte Bettina von Arnim ein Schreiben mitgegebcn, „denn sie hatte mich sehr ,ern". In diesem Briefe hieß es, der Ueberbringer sei Maler; „unter Hungerten der neuen Generation habe er sich aus die würdigste Weise hervorgetan". Besonders erwähnte sie sein erstes Bild „Boas und Ruth", „das m meisten von Kunstverständigen und vom Beisall der bloß schaulustigen Wenge erhoben" werde und das berechtige, „größere Ansorderungen an ie Zukunft zu machen". Sie wünschte „dieser jugendlichen Natur", „daß Dr aller Vorteil zukommen möge, den die Zeit der Ewigkeit nur immer pbzustreisen vermag; Dich zu sehen gilt für einen solchen Vorteil". Darum orderte sie Goethe dringend auf, „ihn zum Sprechen zu bringen. Er wird Dir manches sagen, was Du in einer so jungen Natur nicht erwartetest; eine Anschauungen sind unschuldig und tief philosophisch; der höchst ein- ache Plan seines Lebensweges kontrastiert ganz poetisch mit der mannig- ciitigen Fühlbarkeit seines Geistes. Ich kenne ihn wenig, aber dieses alles toatb ich bald inne. Ich bitte Dich, ihm die Komposition des Charon zu feigen, die über Deiner Tür hängt. Ich habe ihn aufgemuntert, Dir seme Vortefeuille zu zeigen, in dem Du eine Komposition aus dem Ariost finden soirst, die von großer Schnellkraft der Imagination zeigt". Diese Zeichnung, »ach der Signatur 1825 ausgeführt, nahm Hübner mit, um sie Goethe zu kerehren; sie liegt noch heut in den Goetheschen Sammlungen. Das nach Dr in den folgenden Jahren ausgeführte Oelgemälde „Roland befreit die brinzessin Isabella aus der Räuberhöhle", ein Hauptwerk der älteren Düsseldorfer Historienmalerei, war in der Berliner Kunstausstellung des wahres 1828 zu sehen. Der alte Schadow, ein strenger Kritiker, hob es zn- iimtnen mit Hübners gleichzeitig ausgestellten Gemälden „Der Fischer «ach Goethe" und „Ruth und Naämi" rühmend hervor. Hebet seinen Besuch bei Goethe, den auch dieser in fernem Tagebuch zum 30. November 1826 vermerkt, hat nun Hübner in seinem Alter, m- pvischen längst (seit 1841) in Dresden als Professor der Historienmalerei m der dortigen Akademie heimisch geworden und seit 1871 Direktor der Dresdener Gemäldegalerie, in dem. anmutig geschriebenen Erinnerungsblatt »Aus meinem Leben", das er in der schlesischen Zeitschrift „Der Rübezahl" 1872 veröffentlichte, eine anschauliche Schilderung gegeben. Da diese Zeitschrift wenig zugänglich ist, erscheint ein Wiederabdruck des Berichtes an lies er Stelle gerechtfertigt. Er lautet: „Wir (Hildebrandt und er) hatten beide natürlich nichts Eiligeres zu Am, wie wir uns eben in dem berühmten „Elephanten" etwas restauriert rnd den besten Rock angezogen hatten, als den alten Herrn aufzusuchen und unsere Briefschaften an den uns empfangenden Herrn Kammerdiener Icmütigft abzugeben. Unser bescheidenes Aeußere mochte diesem Alter ego ies großen Mannes wenig imponieren, denn er versicherte uns mit herablassender Miene, daß Seine Exzellenz, für heute durch reisende Engländer Ipmb andere hohe Fremde so in Anspruch genommen seien, daß wir unmöglich ; Vorkommen könnten, doch wollte er huldreichst unsere Briefe abgeben und I rahm Kunde von unserer Existenz im Elephanten. Als wir aus der Türe ’ amten, sahen wir uns beide betrübt und beschämt an und gingen mit gelenkten Ohren zu unserrn Elephanten zurück. Es fehlte nicht, daß wir von unfern minder begünstigten Kameraden mit hellem Hohngelachter emfe= langen wurden, und wir lachten dann von Herzen mit. Aber wir waren noch ; nitten im Lachen, da, o Wunder, tat sich die Türe auf, und unser gestrenger berr Kammerdiener trat mit gänzlich veränderter Miene ein, um uns zu lagen, daß Seine Exzellenz unsere Briefe gelesen und uns eme «tunde vor Disch empfangen würden, trotz Engländer und hoher Reisender. Und nun iam das Lachen an uns beide, denn offenbar hatten unsere Empfehlungs- lchreiben dies Wunder gewirkt. Zur bestimmten Stunde standen wir pünktlich vor dem Haufe, und der Herr Kammerdiener Wartete schon und sch-ck uns sofort in ein Zimmer, dessen Türe sich geräuschvoll hinter uns schloß. Wir standen allein und einer Menge interessanter Dinge gegenüber, die unsere Aufmerksamkeit ganz in Anspruch nahmen — da — ein leises Geräusch hinter uns — und, o Schrecken, der prächtige alte Herr stand lächelnd da und weidete sich an unserer naiven Verwirrung, auf die es wohl ein Wenig abgesehen schien. Aber die Aengstlichkeit war bald verschwunden, der alte Herr, mit den prächtigen Augensternen, die immer ganz rund und unbedeckt vom oberen Augenlide blitzten, und mit dem unwiderstehlichen Lächeln in den feinen Mundwinkeln, hatte bald unser ganzes Herz gewonnen. Und als er nun gar so ungezwungen freundlich sprach, wie wir beide mit ihm auf dein Sosa faßen, und uns die ganze zukünftige Herrlichkeit des rheinifchen Lebens schilderte, der wir entgegengingen, im Gegensatz zu dem trocknen Berlin, das et nicht sehr zu lieben schien, da ging alle schüchterne Scheu auf in herzlichen Worten, und wir fchwatzten mit ihm fo recht von Herzen ungezwungen, wie kecke Burschen, die soeben ganz übermütig ins Leben hineinspringen. Und das gefiel dem alten Herrn sichtlich, und er mochte wohl an feine eigene Jugend gedenken, wie er uns zutrauliche Wichte so vor sich sah; hatte er doch überdies die Maler von jeher besonders lieb gehabt und wäre gar gern selber einer geworden. Die Minuten flogen nur zu schnell, und als die alte Stutzuhr die Eßstunde schlug, da erhob sich der herrliche Alte und verabschiedete uns mit den gütigsten Worten und dem herzlichsten Händedruck. Uns war zumute, wie nach entern prächtigen Feuerwerke, wenn die letzte Feuergarbe von Raketen und bunten Leuchtkugeln die Lust mit farbigen Zügen durchstrahlte und nun alles in Schweigen und Dunkel versinkt I Die geräuschlose Tür (sie gingen bekanntlich alle nicht in Angeln, sondern schoben sich in die Wand) öffnete sich und der Alter ego streckte fein fchlaues Gefichte herein und winkte uns aus dem verlorenen Paradies heraus mit einer sprechenden Gebärde, der wir mechanisch folgten. An der Tür des Hauses aber empfing uns der gute Eckermann, Fausts liebenswürdigster Wagner, um uns zu sagen, wie sehr der alte Herr sich mit uns Grünschnäbeln gefreut hätte, und wir müßten ihm versprechen, von Düsseldorf zu schreiben. Wir versprachen und hätten in dem Augenblick alles und noch viel mehr versprochen, aber freilich vom Halten war später nicht die Rede. Das neue Leben am grünen Rheinstrom hatte uns so gepackt und so in seine frische Wogen von schaffendem Genuß gezogen, daß zum Schreiben nicht mehr die Zeit blieb. Das war nicht recht, aber als der alte Herr jung gewesen, war's ihm genau ebenso gegangen, und damit tröste ich mich noch heute." So mag Julius Hübner diese unvergeßliche Begegnung oft genug erzählt haben, und fo ließ er die Erzählung drucken. Aber Wie es so leicht zu ge» schehen pflegt: mit der Zeit hatten sich die Eindrücke ein wenig verschoben, und schließlich hatte das Erinnerungsbild eine Gestalt angenommen, die nicht mehr ganz mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Das stellte sich heraus, als er fein Schristchen dem alten Jugendfreund und Reifegefährten Theodor Hildebrandt fanbte, der damals als ein durch lange Krankheit gebrochener Mann in feiner Vaterstadt Stettin lebte. Hildebrandt dankte ihm herzlich, bemerkte aber dabei, daß, wenn er eine Kritik machen müßte, er alles ausführlicher wünschte, „z. B. was uns Goethe über bie Künste sagte: .rechts Künstler und Handwerker zu fein und uns nicht viel in gelehrte Bücher zu vertiefen' (womit er Ernst Förster meinte), und wie er uns Peter Vischer mit dem Schurzfell nannte. Auch wäre zu erwähnen gewesen. Wie Du Goethe die Zeichnung zum Rasenden Roland gegeben", wozu Hübner hin- zusügt, das hätte er allerdings auf den Wunsch Bettinas getan und zu bemerken vergessen. . L, Dann aber schickte ihm Hildebrandt etwas ipäter em Blättchen, das er in seiner Brieftasche aufbewahrt hatte. Daraus hatte Hübner damals unter dem frischen Eindruck des Erlebnisses den Anfang eines Berichts über den Besuch niedergeschrieben. Und hier heißt es nun folgendermaßen: „Hinter Köfen erhebt sich fo ein Sturm, der uns den Staub in die Augen bläst, daß wir in Eckartsberga einen Wagen nehmen müssen, der uns bis Weimar bringt." (Soweit Hildebrandt.) „Wir warten am Morgen noch peinlich auf unsere Sachen, die mit der Post ankommen sollen, und gehen alsbald zum Dr. Eckermann, der uns sehr artig und freundlich empfängt und unfere Briefe an Goethe und unsere Meldung bei ihm übernimmt. Kurze Zeit darauf erscheint er im Elephanten und bestimmt uns die Zeit von ¥22 Uhr zur Audienz; schon hierin liegt für uns Auszeichnung, weil es eigentlich außer der gewöhnlichen Sprechzeit Goethes ist. Wir feljen uns noch unterdeß den Cranach an (das Altargemälde in der Herderurche), und es naht nun die bedeutsame Stunde; wir rüsten uns und ziehen mit Gaben beloben wie die heiligen Könige, Hildebrandt mit feinem Paket, ich mit meiner Zeichnung (Roland) nach seiner Wohnung. Es empfängt uns bald sein geweihter Flur, mit Bratengeruch erfüllt. Vergebens spähen wir nach Bedienten, endlich gelingt es mir, in der Küche ein wunderhübsches Mädchen aufzuspüren, die sehr willig uns ihr folgen heißt. Durch ein wunderliches Mißverständnis führt sie uns erst hinauf zu dem jungen Herrn von Goethe, und wir hören draußen vor der Türe stehend, Wie er fich verleugnen läßt. Dies ist uns sehr egal und sogar lieb; wir gehen, nachdem wir die nette Iris bedeutet haben, mit ihr ein Stockwerk tiefer und treten in ein Zimmer ein, um Goethe zu erwarten, der aber in bemfelben Moment, für uns übet raschend, uns in dem Rücken, zur Tür hereintritt. Wir wenden uns, und Welch ein Anblick! Nicht unrecht vergleicht ihn Freund Hildebrandt mit dem gealterten Löwen I Ewig unvergeßlicher Anblick des Mannes, der ferne Zeit schuf, die Hülle des göttlichen Geistes zu sehen, der eine ganze Welt von Gedanken schuf! Mögen uns unauslöschlich die Züge des gottbegabten Dichters bleiben! Wir unterhalten uns ..." „Hier hört", so fügt Hübner auf dem Blatt, auf dem er sich die alte gleichzeitige Notiz abgeschrieben und das er in sein Handexemplar des Schriftchens eingeklebt hat, „die Aufzeichnung auf. Ich habe mit Erstaunen gesehen, wie mir das Faktum doch im Laufe der Jahre sich zu einem Mythus gestaltet hat, den ich für unumstößlich hielt! März 1873. Julius Hübner. Das ist das richtige Wort: man hat hier ein handgreifliches Beispiel für die jedem so leicht begegnende „Mythisierung" eigener Erlebnisse, bei der, Wie hier, unter Umständen von der tätigen Phantasie sogar ganz neue unwirkliche Gestalten („der gestrenge Herr Kammerdiener") geschaffen und wirkliche („die nette Iris") vergesfen werden. Und wieviel unmittelbarer und kräftiger als die späteren geben die gleich niedergeschriebenen Worte den mächtigen Eindruck wieder, den der alte Dichter auf die jungen Maler machte: So mag vieler veicheioene Beitrag zu „Goethes Gesprächen' nicht nur dem Goethevcrehrer willkommen sein, sondern auch den Quellenkritiker in seinem Mißtrauen gegen alle aus dem Gedächtnis niedergeschriebenen Erinnerungen bestärken, Oer Meisterschütze. Erzählung aus oem Schwarzwald von Eberhard Meckel. In den riesigen Wäldern, die sich im Schwarzwald vom Talgrund des Zastler steil und unwegsam gegen die Höhe hinziehen, welche den Namen „Todter Mann" trägt, liegt gleich vielen anderen Felslrümmern ein mächtiger Granitblock, bemoost und bewachsen: keinem Menschen würde er weiter auffallen, wenn jemand da vorbeikäme. Es kommt aber niemand da vorbei. Aus diesem Block ist an eine Seite, die ziemlich spitz und scharfkantig ausläuft, eine Kerbe herausgeschlagen, eine halbmondsörmige, faustgroße Ecke — sähe dies einer und beachte es überhaupt, könnte er es für eine der gewöhnlichen Verwitterungen halten und sich keine Gedanken darüber machen. Aber in Wahrheit fuhr da einmal ein Schutz hin und brach die Kante patschend weg: das herausgebrochene Gestein, in einem Stück erhalten, lag siebzig Jahre lang auf dem Arbeitstisch eines Försters, der, sich den Fünsundneunzig nähernd, seit Geraumem im badischen Unterland im verdienten Ruhestand lebte und unlängst starb. Als ganz junger Gehilfe war, wenige Jahre vor Ausbruch des Siebziger Krieges, der Förster nach Oberried, ausgangs des Zastlertales, ins Revier gekommen. Dieses galt damals als ziemlich vernachlässigt, weniger durch Unfähigkeit als durch Alter des Oberförsters, dem man nicht genug Hilfe zur Seite gab, bis es einfach nicht mehr weiterging. Die Bauern fällten, wo sie wollten, und sorgten nicht für Nachwuchs, und vor allem das Wildern nahm so überhand, daß der Wildbestand in dem Gebiet ernsthaft gefährdet schien. Die Holzknechte machten sich einen Spatz daraus, abzuschießen, was ihnen vor den Lauf geriet, und keine Langholzfuhre, die zu Tal knarrte, und die langschäftigen, harzigen Tannen nach Freiburg in den Handel brachte, barg nicht, unter Reisig versteckt, frisch blutendes Wild, das sich unter der Hand in der Stadt zu gutem Geld absetzen ließ. Da sollte nun der „fröhliche Friedrich", wie der neue Forstgehilse wegen seines lustigen Wesens genannt wurde, ein wenig Ordnung schaffen. Freilich, tat er sich ohnedies nicht leicht, weil er aus einer anderen Gegend, aus dem Unterland, stammte und ihn die Wäldler wegen seiner etwas anderen Sprache gern hochnahmen, so verging ihm seine Fröhlichkeit bald wie der Schnee im März: Nacht für Nacht fast nach anstrengenden Tagstreifen war er unterwegs, und als aussichtlos galt sein Unternehmen, dem wildernden Bolk das Handwerk zu legen. Doch am Ende gelang es ihm schließlich, und nach anderthalb Jahren war ziemlich Ruhe im ihm unterstellten Revier. Nur in einem Falle glückte es ihm nie, Wilderer zu stellen. Konnte er, der „fröhliche Friedrich , getrost für einen Teufelskerl und verwegenen Burschen und Draufgänger gelten, dann der andere, dem er nachfetzte, erst rechtl Der entzog sich jeglicher Verfolgung und wußte sich unsichtbar zu machen, wann und wie es ihm beliebte. Er war ein wundervoller Schütze, ein Meisterschütze, und mehrmals hatte sich der junge Förstergehilfe hinterher, wenn er, wie jedesmal bei dem geheimnisvollen Wilddieb, zu spät kam, davon überzeuge» können, daß dieser auf Entfernungen traf, wo ein zweiter schon lange nichts mehr sah. Wer mochte es wohl sein? Vergeblich hörte er sich überall um, wo man von guten Schützen zu erzählen wußte: bei keinem, den er heimlich aus seine Schießkunst prüfte, konnte es sich um den Gesuchten handeln. Bis er eines Tages in seinem Perspektiv, einem ineinanderschiebbaren Fernrohr, das ihm der alte Förster überlassen hatte, und mit dem er zuweilen das Gelände abzusuchen pflegte, einen merkwürdigen Fang tat: Halb zufällig entdeckte er im schweifenden Glase, das ihm die Ferne näher heranzauberte, drüben an einem entlegenen Waldrand die ihm bis zur Unheimlichkeit vertraute Gestalt des meisterlichen Wildschützen; er vermochte zu erkennen, wie dieser langsam in den Anschlag ging und auf ein nicht auszumachendes Ziel hinhielt; dabei war deutlich zu sehen, daß er seine Wildererwaffe nicht zur rechten, sondern — bei dieser Entdeckung stockte dem „fröhlichen Friedrich" einen Augenblick lang der Herzschlag—zur linken Schulter hob. Der Unbekannte zielte und schoß also links. Der Schuß, der entfernt heranrollte und sich an den Waldwänden vielfach brach, die Gestalt, die sich jetzt aus dem Gesichtskreis des Fernrohres schob und hinter Gesträuch verschwand — dies alles ließ den Jagdgehilfen unberührt. Zu weit weg war überdies der andere, als daß er ihn hätte erwischen können. Mochte er entkommen! Wichtiger war, daß ungewollt der Meisterschütze ein entscheidendes Kennzeichen verraten hatte, daß er links schoß. Das mußte die Handhabe fein, ihn zu entdecken! Zum erstenmal wieder seit langer Zeit in alter Fröhlichkeit, beendete Friedrich seinen Reviergang, um unverzüglich Nachforschungen anzustellen nach einem, der das ausgefallene Linksschießen betrieb. Er erkundigte sich selbstverständlich nicht offen, sondern mit äußerster Vorsicht, um den gerissenen Wilddieb nicht vielleicht durch*Zuträger und eingeweihte Mittelsleute stutzig zu machen und zu warnen — freilich, so sehr er auch burrf; Tage und Wochen sich darum bemühte, nirgends ward ihm eine Kunde ober ein Anzeichen dafür, wo der Linksschütze stecken konnte, währenddessen knallte es weiter hier und dort in den Bergen, und manches Reh und mancher Hirsch brachen, von einem linken Äuge gut über Kimme und Korn anvisiert, vorzeitig im Feuer zusammen lieber alledem wurde der „fröhliche Friedrich" bald schwermütig. Er war nahe daran, alle Lust an der Försterei zu verlieren, und gedachte sich wegzumelden. Da kaum ihm auf einmal ein Zufall zu Hilfe: In dem naheaelegenen Kirchgarten feierte man die Kirchweih, und es gab Tanz in allen Wirtschaften, Musik und Budenbetrieb, und da mußte' man als junger Mensch dabei sein, Und also machte er sich, zwar keineswegs in Festtaune, dorthin auf. Der Nachmittag verging ihm auch dementiprecyeno ogue bejonoeren Spaß und rechte Freude, und schon wollte er wieder, gelangweilt und auch keinem heiteren Kreise zugesellt, sich gen Oberried Heimwenden, da zog ihn zu guter Letzt noch ein Auflauf von einem Schießzelt an. Da standen, von einer Menge Schaulustiger umgeben, vier Burschen, ihm flüchtig als Holzfäller bekannt, und schossen um die Wette, luden und schossen, luden und schossen, was das Zeug hielt. Einer von ihnen schien ziemlich ins Hintertreffen zu geraten, denn während vor jedem der anderen drei schon verschiedene Preise in Gestalt von Knackwürsten und kleinen Fläschchen Kirschwasser lagen, blieb sein Platz noch leer. Man sah es ihm an, daß er sich sehr darüber ärgerte, und auch dem Mädchen neben ihm bereitete das gerade keinen Kirchweihspaß. Da hörte man ihn nach einem weiteren unglücklichen Treffer plötzlich jäh fluchen, und unter dem wütenden Ausruf: „Nun will ich euch einmal zeigen, daß der Joggelebub doch schießen kann!" sah Friedrich, von den Umstehenden gut gedeckt, ihn das Gewehr an die Unke Wange anlegen, nun unter dem Staunen der Leute Schuch um Schuß mitten ins Schwarze treffend, so daß er binnen kurzem das halbe Zelt an Preisen ausgeräumt hatte. Dann hielt er plötzlich inne, strich sich, wie, als wollte er eine Unüberlegtheit wegwischen, mit dem Handrücken über die Stirn und blickte sich erschrocken und mißtrauisch zugleich im Kreise der überraschten und bewundernden Zuschauer um. Aber der, nach dem er wie nach einem unliebsamen Zeugen seiner Schießkunst unbewußt Ausschau hielt — erst als er ihn nicht erblickte, beruhigte er sich wieder —, der hatte sich bereits unauffällig entfernt und davongemacht. Der junge Forstgehllfe eilte wie mit einem Geheimnis nach Haufe, indem er immer wieder frohlockend vor sich hersagte: „Jetzt habe ich ihn, den Wilderer, den Meisterschützen! Der entgeht mir jetzt nicht mehr!" Ja, er hatte ihn jetzt gesehen, den rätselhaften Linksschützen, der ihm die letzten Wochen und Monaten vergällte. Nun wird er ihn sassen, nun wird er ihm das Wildererhandwerk legen für alle Zeiten ... Mit diesem Entschluß betrat er das im sonntäglichen Abendfrieden liegende Forsthaus. , Die nächsten Tage, sogar die folgenden zwei Wochen unternahm er nichts anderes als seine gewöhnlichen Reviergänge, um den Joggelebub, den Sohn des in einem nahen Seitentälchen gelegenen Joggelebauern, nicht irgendwie aufmerken zu kaffen, daß er, der Förster, etwas ahne ober wisse. Insgeheim beobachtete er ihn aber und kundschaftete aus, wie er am besten den Beweis von dessen Wilddiebereien erbrächte, denn ohne einen solchen Beweis war gegen ihn nichts auszurichten. Und da — eines Tages war ihm das Glück günstig; er hatte sich dem Meisterschützen nachgeschlichen, alle seine Deckungen mitbenutzt und Pirschkniffe auf verbotenen Schleich- pfaden nachgemacht und ihn im wildernden Schuß auf der Tat ertappt und gestellt — eine Sekunde zu früh! Denn es gelang dem Wildschützen, noch eben schnell hinter einen Felsen zu springen, und Friedrich muhte nun seinerseits selbst sehen, wie er selbst in Sicherheit kam, denn dem anderen war alles zuzutrauen. So lagen sich die beiden auf etwa dreißig Schritt Entfernung gegenüber; keiner konnte dem anderen auskommen, ohne daß er entdeckt und von einer Kugel verfolgt worden wäre. Vorsichtig lugte Friedrich links hinter dem Granitblock, der ihm Schutz geboten hatte, hervor; er sah ein kleines Stück von des Wilderers rußigem Gesicht rechts von dem Felsen hervorlugen, sah den blitzenden Lauf auf sich gerichtet — ach, Unsinn, der da drüben konnte ihn wohl erspähen, aber auf ihn schießen, nein, da mußte er erst mit dem ganzen Kops heraus zum Zielen! Und dann war er auch, der Forstgehilse, schon da und hatte de» Gegner auf dem Korn! Langsam schob der „fröhliche Friedrich" sich weiter vor; gewiß, die Stellung war ungünstig, aber dem Joggelebub ging es ebenso. So, nun hob er die Büchse, bald durfte der Schuß heraus —, da fiel ihm jäh im sekundenflüchtigen Gedanken daran, büß sie in ben Wölbern um ben „Tobten Mann" lagen unb vielleicht wirklich sehr halb schon noch ein toter Mann hier läge, ein, baß ber Meisterschütze ja links schoß, also nicht ' üt bem Kopf voll herausbrauchte, währenb er biesem volles Ziel bot! Daß er wie im Traume zurllckzuckte unb brüben ber Schuß fiel, w -r eines. Haargenau ritzte die Kugel die Felskante und brach ganz leicht unb ohne Splittern ein fast hcmbgroßes, halbkreisartiges Steinstück heraus unb — fuhr ins Leere. „So habt Ihr boch gewußt, baß ich links schieße!" tönte bie Stimme des Meisterschützen zu bem knapp dem Tobe entronnenen Gehilfen herüber, unb gleichzeitig warb besten Gestalt, bas Gewehr wenwerfend, sichtbar. Der Joggelebub trat hinter seinem Versteck vor unb auf Friebrich, ber sich erhob, zu. „Sonst wäret Ihr nicht mehr lebenb", fügte er hinzu, „aber so habe ich fehlen müssen, bas erste Mal, baß mir bas links geschah, und nun tu ich keinen Schuß mehr. Macht mit wir. was Ihr wollt!" Als ber junge Förster sah, baß ber anbere, ber sich freimütig stellte, es ehrlich meinte, ließ er bie in Anschlag gebrachte Büchse sinken und sagte in einem plötzlichen Einfall: „Sann wollen wir nicht mehr barüber rebenl* Unb dabei blieb es. Der Joggelebub tat keinen Schuß mehr; er hielt fein Wort. Der „fröhliche Friedrich", der nun bas Lachen roieber lernte, zeigte ihn nicht an, unb bie beiben würben bie beiten Freunbe. Wenige Jahre später, beim Sturm auf Nuits, fand ber Meisterschütze bann feinen Meister; ein französischer Geniesolbat schoß noch besser als er Erschüttert über ben Verlust feines Kameraben verließ ber Forstgehilse, ber in zwilchen zum wohlbestallten Förster aufgerückt war, Dberrieb unb bas Zastlertal unb bewarb sich um eine Försterei im Unterland. Nur ben Stein, bas halbmonbförmig berausgebrochene Stück Granit, bas er bamals zur (Erinnerung an bie Begegnung mit bem lange vergebens gesuchten Wildschützen unb besten letzten fehlgegangenen Schuß zu sich gesteckt hatte, nahm er mit. Aber -n»n ist auch biefer fort ... (verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck unb Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.