SiehenerZaiinIienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Zreitag, den 20. Januar Hummer 6 heiraten will, dann steckt gewiß eine zu seinem Freunde Wimmer, um ihn zu fragen, was die List denn Copgrisht by 3. G. Äotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Nuttgact >reün, !!ee Bauer m mi5P u 11 öu/ivpiuini uun x)uuiug uut lyntui uui. jiuucivuu 1111 miben f^-r. Plötzlich parierte er. Um Park und Schloß blitzten Waffen. Er । ityle hinüber. Von einem Waldstück verdeckt, ritten sie näher. Als ’ ! stst schon die Talsohle erreicht hatten, saß vor dem Parktor eben nicht einmal mit- Laß das Heiraten nicht so einfach wie ein Roßhandel war, hakte ommer iß mir tien es e tobet !N immer ten ßch > Arn«' kommt cfe r^'1 »Weil ich überhaupt nicht heiraten will/ sie sie i den illorih nt er, Ver> Zum ersten Male seit zwanzig Iahten verzichtete Aloisius Brand auf seinen Mittagsschlaf. Denn wenn ein Mädel sagt, daß es nicht ! Liebesgeschichte dahinter. Er rannte ein Fuchs: „Eine Liebschaft grad sah zum Domturm hinauf. Reden übrig. Und es war vielleicht auch mit dem Nußdorfer Weinhändler Der Regenschori sah drein wie nicht, Brand." Er trat ans Fenster, mußte er. Es blieb nichts anderes gescheiter. Sonst ging die Geschichte > Hot SOiole onbte Ein- doch ichäst * olj 1 mit : bas s 8 er Keyelmacher von Sankt Stephan eln helterec Liebesroman von Alfons 0. LMulka wdern s innen ibtll. Lust-!- 1 ..... Vorgang 1959 , alte luliffe auch noch schief. Und mit der großen Liebe roar’s bei der Lisl ja doch vorbei. Die große Liebe kommt nur einmal im Leben. Da roar’s immer noch gescheiter, die Elisabeth Brand heiratete den Franzl vom Kirndorser, als daß sie eine alte Jungfer wurde oder eines Tags aus Verzweiflung irgendeinen Speckbauch von Kleinbürger nahm. Er drehte sich herum, setzte sich halb aufs Fensterbrett und sagte: „Eine Liebschaft grad nicht ... Hör zu, Brand!" In den Augen des Wachsziehers flammte ein drohender Schein. Sein sonst so gütiges Gesicht wurde hart und kantig. Wenn er in Zorn geriet, glich es seltsam jenem Bilde seines welschen Ahnen, der einst als Söldnerführer des Herzogs von Ferrara gefochten. Aber gefährlich war das wohl nicht mehr. Wimmer lachte: „Brauchst keine solche Augen machen, Kerzelmacher. Es ist nicht schlimm." Er begann vom Leutnant von Rabenau zu erzählen. Brand fuhr auf: „Und das nennst du nicht schlimm?!" „Aber geh, was ist denn schon dabei? Js halt verliebt a'wesen, die Lisl. Mußt ihr halt Zeit lassen. Den Kirndorser krieg' ma schon rum." „Verliebt! Ein schlechtes Frauenzimmer is!" „Versündig dich-' nicht, Brandl Sei froh, daß du so eine honette Tochter hast!" „Honette Tochter! Und laßt sich in eine Liebschaft ein!" 16. Fortsetzung. Sie ritten abseits der Straße. Das war ein Uinweg, aber sicherer, hatte berichtet, daß er gestern, als er über Land fuhr, einer Schwadron begegnet fei. Rabenau trug die Ordre für die „Ich hab dir doch schon g'fagt, daß die zwei noch einander g’sprochen haben." As er dann noch am gleichen Abend mit ihr sprach, bekam er zur itort: ,Tich hab dem Herrn Vatter doch g'fagt, daß er mir Zeit srn muß." freilich, List. Aber wenn der Kirndorser halt nimmer warten will." Tann fall er's bleiben lassen." Allen weiteren Ueberredungskünsten iie sie ein hartnäckiges Schweigen entgegen. In nächsten Tage, nach dem Mittagessen, versuchte er es noch ein« ..... ~' — ...... ‘ ' ' «ich so Brand stampfte mit dem Fuß: „Lüg mich doch nicht an! Sag's lieber gleich, wies mit ihr steht. Ich halt schon was aus." Der Regenschori lachte: „Bon Fensterpromenaden hat noch keine ein Kind kriegt." Vor lauter Zorn hörte Brand gar nicht hin. Er schrie: „Heut noch jag ich sie aus dem Haus! Nicht unter die Augen kommen darfs mir mehr! Nichts hören und sehen will ich mehr vor ihr! ... Und von dir auch nicht. Wimmer." Er trat dicht an den Regenschori heran. Sein Gesicht war rot vor Wut. Er fragte lauernd: „Warum haft denn du mir nichts g'fagt?" Matthias Wimmer rutschte vom Fensterbrett herunter, ging durch das Zimmer, kam wieder zurück. Da hatte der Kerzelmacher eigentlich recht. Sagen hätte er es ihm müssen. Aber diese dumme Verliebtheit der Lisl war ja gar nicht die Ursache von Brands maßlosem Zorn. Er kannte ihn doch. Er antwortete ruhig: „Js schon besser worden, weil ich g’red't hab? Wie ein Narr führst dich aus. Aus lauter Zorn, weil du so schnell ja g'fagt hast und dich der Kirndorser jetzt beim Wort nimmt!" Aloisius Brand sah ihn wütend an und griff nach seinem Hut: „Die Lisl geht noch heut aus dem Haus. Und mit uns zwei is aus, Wimmerl" Er rannte aus dem Zimmer und schmiß die Ture hinter sich zu. Der Regenschori nahm das nicht ernst. Der Zorn des Kerzelmachers pflegte nicht lange zu dauern. Es fiel ihm vielmehr ein, daß heute beim Brand Hausmusik war. Er hatte zu fragen vergessen, um wieviel Uhr. Er lief ins Stiegenhaus, beugte sich über das Geländer. Eben fegte der Wachszieher durch die Kehre des zweiten Stockwerks. Wimmer rief: „Du, Brand, um wieviel Uhr fang' ma heut an?" „Hol dich der Fuchs! — Um acht!" hallte es aus der Tiefe herauf. Matthias Wimmer war beruhigt. Wenn man feine Tochter am Nachmittage aus dem Haus werfen will, fetzt man für den Abend keine Hausmusik an. Aber am Abend erschrak er doch. Als er kurz vor acht in der Wohnung des Kerzelmachers erschien, war Brand allein. Ec stand mit verdüstertem Gesicht am Fenster und trommelte an die Scheiben. Wimmers Gruß überhörte er. Das Zimmer war fast dunkel. Nur eine einsame Kerze brannte. Erst stutzte der Regenschori. Doch auf dem Elavicembalo lagen wie immer die Noten, und auch die drei Pulte standen auf ihrem Platz: für die Viola, die Flöte und das Violoncell. Wimmer war erleichtert. Die Hausmusik sand also statt. Er fetzt« sich ans Elavicembalo und wartete. Plötzlich wandte Brand den Kopf, sagte kurz, fast befehlend: „Das Cembalo spielt heut der Hausmann. Du spielst die Viola." Matchias Wimmer sah auf. Die Viola spielte doch sonst die Lisl. Seit ein paar Wochen hatte sie erstaunliche Fortschritt« gemacht. Das ließ sich nicht leugnen. Es war der einzige Lichtblick in diesen trüben &«•[ Hoffnung hatte er nicht. Er sah doch, in welcher Gemütsver- jiny die Lisl seit Wochen war. Wenn er auch keinen Grund dafür ... „ - • - ™ - - "■ Aber er ■in Kirndorser inzwischen gemerkt. Aber er drängt« doch. Es ge- e ihm nicht, daß die Lisl vom Kerzelmacher zum Ansinnen ihres . Attis, den Franzl zu heiraten, nicht nein gesagt hatte. Er wollte ein EV . «Er hatte sich ohnehin nur grollend dareingefunden, daß es mit der ‘"m 1 $u Ostern nichts war. Aber er wollte wenigstens wissen, wann fl/iixn Verlobung feiern könne. Alle paar Tage kam er jetzt angefahren, vertröstete ihn immer von neuem. Doch das half nicht lang. 6 nes Nachmittags stellte ihn der Nußdorfer Weinkönig vor die . ,ilf»eidung. Er müsse jetzt endlich wissen, wie er daran sei. Er schlug ie5' j len Tisch: „Nachlaufen tu ich deiner Tochter nit, Brand. Aber eine itnort muß ich jetzt haben. Bin eh schon das G’spött von die Leut. :s! haben's alle Spatzen von den Dächern pfiffen, daß mein Franzl - tstern deine Lisl heirat', weil das alte Luder, die Vielgratterin, sich i H chnen Schnabel hat halten können. Jetzt is bald Mai. Ostern is : ihg eorbei, und ich kann den Leuten nicht einmal sagen, wann Ver- n yr0'- ing ist. Also, entweder — ober, Brand!" Es klang so ungefähr, wie 1 er auf dem Pferdemarkt einen hartnäckig feilschenden Händler in P- ’mßnge trieb: „Wannst nit magst, dann b'halt halt dein Roß!" ‘ and fühlte sich in eine ähnliche Zwangslage versetzt. Nicht, daß all11 (! fye feiner Tochter für ihn ein Handel war. Es wäre ihm lieber n H11' 1 seien, wenn der Weinprotz erst gar nicht vom Selbe geredet hätte. |»r er hielt es für seine Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Lisl nicht tauf«11' |iS tiaune oder Gott weiß welchem Grund dies« Gelegenheit ver- ide" Ein solcher Glücksfall kam in ihrem Leben nicht wieder. Darum ‘ utle er ja auch damals im „Silbernen Schneck" so rasch ja gesagt. Iiti habet wollte er bleiben. Auf einen Prinzen konnte sie schließlich i tfjt eoarten. Obwohl ihn das Auftrumpfen des Kirndorser ärgerte, ant- DTtee er friedfertig, er wolle mit feiner Tochter noch einmal reden. m< ich^ s E' ö|il iinb fragte: „Schau, Lisl, warum überlegst du dir's eigentlich so mb Jj? m * er ie 11-■ r» ~i|» r“* ‘vv., wim> V -- in M'ilsi und es für Saunen hielt. Versuchen wollte er es. iter.ssm-lsulf lte, ob es was nützte. ' urdyifdjen Schwadron begegnet fei. Rabenau trug die Ordre für die ßinte flegmenter des Hadik in der Tasche. Er mußte dafür sorgen, daß er ti den mbhelligt nach Jaunitz kam. Als sie den ersten Hügel hinaufritten, nach toten sie In der Ferne noch die Postkutsche zwischen den Pappeln Hafen- ftr strafte sehen. ternbt |u Mittag erfuhren sie in einem Dorf, daß die Preußen auf der n Mischen Chaussee eben die Post angehalten hätten. Doch hätten sie in einzigen Passagier, ein junges Frauenzimmer, nicht weiter be- Ibuchh lillist, sondern ihm nur zwei Briefe abgenommen. Daß diese Briefe schon'N Preußen in die Nase stachen, weil sie Siegel und Unterschrift der io bit M!Tln trugen, konnte Rabenau nicht wissen. Das Mädel tat ihm leid. n ür mürbe es trösten. Aber wenigstens hatten sie seinen Packkorb nicht n aus sNfrist' ([l ; Gegen Abend tauchte tief unten in einem Talgrund aus Mauern ..■—mb Park der Schloßturm von Jaunitz vor ihnen auf. Rabenau ritt m sreußischer Stab ab. Generalsschabracken leuchteten. Von dem Hang« 4. 11 1 nitts des Schlosses marschierten Kolonnen ins Tal hinunter: aleidr Ebenau wartete bis zur Dunkelheit, zählte Geschütz« und Bataillone. .",.4, Ian. wendete die Stafette und galoppierte auf einem Feldweg gegen St zurück, erfagen 1b, btt habe. Er kenne sich nicht mehr aus. Seit bald drei Monaten sei fl wie umgewandelt. Er könne es sich nicht anders erklären, als daß fl eine Liebschaft habe. hot kick bäumende AenaFt. Der Beifall rauscht. Der Schimmel wendet, ÄEn rt j&etten, Croupaüen und Ballotaden W.« enn etnüaes '-ixkien sind Reiter und Roh. Die Kaisenn klatscht erfreut in die Hände. Choiseul ist entzückt. Selbst Versailles kennt kein so herrliches Da'Pöffnet sich die Nein- Türe der Loge. Ein Hofsekretär fchlängeü sich mit um Vergebung flehender Miene gekrümmten Ruckens durch die Reihen der Aühle. Er wartet einen Augenblick bis der Reiter drüben an der Kobelwand seinen Hengst abklopst und wieder versammelt Dann gleitet er hinter den Sessel des Staatskanzlers, flüstert ihm etwas ins Ohr. Kaunitz hebt kaum merklich dl« Brauen. Er mckt. Der ^Dte° Kawerin'sit^ aufmerksam geworden. Sie steht den Kanzler fmerä an. Kaunitz notiert auf einen kleinen Block einige Worte, reicht den Zettel hinter dem Rücken Choisiuls der Monarchin. Der Herzog wendet für einen Augenblick den Kopf, sieht dann wieder aus den Bereiter, der von neuem antrabt und mit einer Croupade beginnt. Die Kaisenn lieft: „Meldung von der Armee. Der Kurier wartet vor der Loge. Maria Theresia faltet das Paprer zusammen, wartet einen Augen- blick, bis wieder der Beifall aus den Logen und Rängen prasselt. Dann erhebt sie sich und tritt auf den Gang hinaus. Der Doppelschlag von Reiterstieseln hallt. Weih von Staub, schwelh- triefend, keuchend und rot noch vom Ritt, aber kerzengerade, steht der Leutnant von Rabenau vor ihr. Sein linker Arm ruht m weißer, blutbefleckter Schlinge. Die Kaiserin nickt kurz: „Er bringt? „Meldung von Seiner Exzellenz dem Herrn Feldzeugmeister von Marschall: Olmütz ist seit gestern morgen vom König zerniert. Die Kaiserin verhält den Atem. Wer sie bleibt beherrscht. Sie nimmt ein Schreiben aus der Hand des Offiziers? „Wie stark ist das Belage- Ueber dem Purpursaum der Teppiche zwischen den weihen, marmornen Säulen des lichtdurchfluteten Raumes zierliche Perücken und entblößte Schultern in allen Logen und Rängen. Seidige Roben in allen Farben. Dazwischen das schwarze spanische Kleid der Minister und Räte die bunten Röcke der Kavaliere, das Rot der Garden, der blaue und grüne Samt, di« Reiher- und Adlerfedern ungarischer Magnaten, das Funkeln von Steinen und Gold. Zwischen silbergrauen Wänden auf weißgelbem Sande Rosse mit bunten Schabracken und Zaumzeug, das Blitzen von Rüstung' und Helmzier, schmetternder Fanfarenstoß und das Rufen der Herold«. Leise pochender Hufschlag, gepanzerte Reiter in Trab und kurzem Galopp: Karussell in der Hofburg. In der Mitt« der kaiserlichen Loge, unter dem gewaltigen, mit Genien und Trophäen geschmückten Rundbogen, sitzt in silbrigem Kleide auf einem kleinen Thronsessel Maria Theresia. Rechts von ihr der junge Erzherzog Joseph. Zu ihrer Linken, zwischen ihr und dem Staatskanzler Wenzel von Kaunitz: Etienne Franoois Herzog de Choiseul, Marquis de Siainvilte. Dahinter sitzen und stehen die kaiserlichen Prinzen und Prinzessinnen und di« höchsten Würdenträger des Reiches. Nur der Kaiser fehlt. Maria Theresia ist ernst. Ihrer Meiung nach ist es nicht an der Zeit, Feste zu feiern. Vom Kriegsschauplatz fehlt jede Nachricht. Der Marschall Daun wartet wieder in einer seiner merveilleusen Stellungen in Böhmen auf den Angriff des Königs. Fragt sich nur, ob er Daun den Gefallen tun wird. Des Königs Vorhuten streifen nicht in Böhmen, sondern in Mähren. Nicht ein Regiment steht zwischen Schlesien und Wien. Nur dem französischen EnvonL zuliebe, der mit einer Sonderbotschaft aus Versailles gekommen ist, hat sich die Kaiserin entschlossen, dieses Fest In der Hofreithalle zu geben. Diesen eitlen, wie ein Geck gekleideten Herzog von Choiseul kann ste nicht leiden. Wie sie alles Französische nicht mag. Sie kann den Kaiser verstehen, daß er einen Tag vor der Ankunst des Botschafters zur Jagd ins Höllental, nach Kaiserbrunn, gefahren ist. Aber dem Bündnis und der Politik zuliebe war dieses Fest nicht zu umgehen. Seit Wochen munkelt man, daß die Pompadour den Herzog von Choiseul zum Minister des Aeuheren der französischen Krone machen will. In seinen Händen läge bann das Schicksal der Alliance. Maria Theresia hat Kaunitz nicht widersprechen können, als er darauf drang, den Herzog mit allem kaiserlichen Glanze zu empfangen. Unbewegten Antlitzes steht die Kaiserin auf das prunkvolle Schauspiel. Das Schweigen vom Kriegsschauplatz macht ihr Sorge. Manchmal nur lächelt sie, bei einer besonders schönen Figur der Quadrille zu Roß. beim Rinaelstechen, oder wenn die Türkenköpse unter den klatschenden Säbelhieben fallen ober einer der lanzenstechenden Ritter, den Helm auf bas linke Knie gestützt, sich vor ihrer Loge neigt. Der erste TeU des Schaustücks ist vorüber. Die Manege ist für einen Augenblick leer. Stallknechte eilen mit Rechen über den gelblichen Sand. Die Kobelwand gegenüber der kaiserlichen Loge öffnet sich. Auf prachtvollem, goldgesatteltem Schimmelhengst reitet in scharlachrotem Schoßrock und weißlederner Hose, mit Ichwarzem Dreispitz und blanken Kanonenstlescln ein Reiter ein. In hohen, stolzen Gängen trabt er bis oor bl« Loge der Kaiserin, läßt den Lippizanerschimmel in mächtiger Levade steigen, Wyroingt mit weitausladender Gebärde den Dreispitz vom Haupt. Unbeweglich wie ein steinernes Denkmal fielen der Reiter und rungskorps?" „Es ist des Königs ganze Armee, Ihrs Majestät." „Wann ist Er von Olmiitz ab geritten, Rabenau?" „Gestern ein Uhr nachmittags mit Relaispferden, Ihrs Majestät. „Da ist Er wohl auch die Nacht durchgeritten." „Mit einer Stund« Rast." Er ist «in braver Offizier. Mer ich seh, Er ist blesflert ... „Nur «in Streifschuß, Jhro Majestät. Ich wurde von preußischem Dragonern gejagt." „Er kann ja kaum mehr auf den Beinen stehen ... Mach Er mu nichts vor, Rabenau! Ich seh's. Sie winkt den Hofsekretär heran, der am anderen Ende des Ganges wartet und die Ohren spitzt: „Verschass Er dem Offizier etwas zu Esten und vor allem Wein, am heften Tokaier!" Sie lächelt und sagt: „Laß Er stch's schmecken, Rabenau, und meld Er sich in einer Stunde in meinem Kabinett." Sie nickt fteund lief) und tritt in die Log« zurück. Niemand sieht ihr an, was sie eben vernommen. Selbst der gewiegt« Choiseul nicht der mit einem raschen Blick ihr Antlitz streift. Sie lächeli gnädig, als di« Kavaliere und Damen der Quadrille zu Roh huldigent an ihr vorbeiziehen und der Bereiter noch einmal seinen Schimmei vor ihrer Loge steigen läßt. Während der Beifall rast, steht sie aus, sieht den Staatskanzler flüchtig an, grüßt nach rechts und links zu bet Logen und geht. Kaunitz hat den Blick verstanden. Er ahnt längst, was geschehen ist Nach einer Weite erhebt auch er sich, verneigt sich höflich vor dem französischen Herzog, küßt den Erzherzoginnen di« Hand, spricht verbindlich Worte mit den Ministern. Aber das Hirn des Kanzlers arbeitet Während er mit strahlendem Lächeln die Honneurs macht, gehen sein« kalten, stahlblauen Augen über di« Ränge und Logen. Er weih: voi diesem Sturmstoh aus Mähren kann in Tagen all dieser Glanz verwehen wie ein Blätterhaufen im Winde. Rabenau steht wieder vor der Kaiserin. An dem hohen Fenstet neben ihrem Schreibtisch wartet der Staatskanzler. Dor der Monarch!« liegt die Relation des Feftungskommandanten von Olmütz. Di« Kaiserin hebt den Kopf: „Ich will Ihn nicht lange aufhalten Rabenau. Ich kann mir denken, wie müde Er ist. Aber hat Er not eine mündliche Meldung für mich, die der Feldzeugmetster dem Papi« nicht anvertrauen wollte?" „Ich hab« zu melden. Jhro Majestät, dah die Festungsbesatzung voi Olmütz, einschliehlich der drei kurfürstlich bayerischen Bataillons, 7441 Mann zählt, die Anne« des Königs aber nach Aussagen von ®< fangenen und Deserteuren 65 Bataillons und 120 Eskadrons." „Daun wird wohl nicht viel weniger haben?" Die Kaiserin sieh Kaunitz ftagend an. Der Kanzler steht wi« aus Stein. Was er zu ant warten hat, darf er vor dem Offizier nicht sagen. Rabenau fährt fort: „Auch bittet der Herr Feldzeug meister, dah Ihr Majestät unverzüglich den Entsatz von Olmütz befehlen wollen ..." Die Kaiserin nickt, reicht dem Leutnant di« Hand zum Küste: „kV dank« Ihm, Rabenau. Bleib Er ein« Woche in Wien und laß Er st Seine Blessur kurieren!" Rabenau geht. Maria Theresia wendet den Kopf: „Das ist schlimmer als Leuthen. Was rät Er, Kaunitz?" Der Kanzler zögert. Seine Hand, di« mit dem hohen Orden b« Goldenen Vlieses auf dem schwarzsamtenen Kleide spieU, verrät seit Erregung. Die Kaiserin fragt: „Weih Er keinen Rat, Kaunitz?" „Den schlimmsten, den ich Euer Majestät je gegeben habe." Maria Theresia bewegt unwillig den Kops: „Frieden? — Rein! „Frieden vielleicht noch nicht. Aber immerhin könnte der Fall otf Olmütz oder eine neu« Niederlage Dauns das Ende des französische Bündnistes sein. Schon nach Leuthen haben ste in Versailles Fte Austria« geschrien ..." (Fortsetzung folgt.) mnr nte hätte das tiefe Leib, das über sie gekommen war, erst ihr« gan,ze Begabung erweckt. Sie übte jetzt mit Leidenschaft, a s »oute fie über der Musik das Leben vergeßen. Warum spielte ste heut« ntrbt? (Satte ihr Vater sie am Ende wirklich aus dem Hause geroorfe Wenn man ihn sitzt Io sah, war es ihm zuzutrauen. Er tobmätem Würfen nm Renfter Die Augen starrten ins Leere. Sem Gesicht hatte XiUsw --- ». Vsrfch« i bch IM, W fr« geroitt le läch ;uW sdjtoe ste « üi in im Mich,, i«t$el Ml Reiir tt. Dk 'rrtflen t>t bei weich, toferii äluger, • Da« chweii -cht d- r, bht Liane unterbricht Ihn. Sie wirft einen hurttgen Blick auf ihn, unterdrückt ein Schmunzeln und sagt bescheiden: „Ich kann das leider nicht ändern. Ich hatte Ihnen nachgegeben unb bie Korbbeckel angeschnallt. Nach kurzer Zeit jeboch würbe ich trotzbem ganz schwach und kraftlos." „Na — und?" fragt George mißtrauisch. „In meiner Angst wollte ich Sie bitten, auf mich zu warten, denn Sie waren schon ziemlich weit von mir entfernt. Sie kamen überhaupt äußerst rüstig vom Fleck. In dem Augenblick, als'ich zu rufen begann, tanden Sie gerade ruhig, hatten eine große Schnapsslasche hervorgezogen und nahmen einen tiefen Schluck." „Hm", brummt George und versucht vergebens, Lianens Gesichtsausdruck zu ergründen. Sie hat sich etwas von ihm abgewandt unb jagt leise: „Sie hörten mich nicht. Auch konnte ich nicht sehr laut rufen, bie Kehle war mir wie zugeschnürt, unb ich versank — trotz ber Korbflächen. Ach, es war schrecklich!" Unb mit einem Ruck roenbet sie ihm plötzlich ihr ganz verzerrtes unb entsetztes Gesichtchen zu. „Aber, das ist ja Unsinn, liebes Kind", sagt George kühl. Er legt den Kopf zurück und blickt Liane prüfend aus halbgeschlossenen Augen an. „Die Sache war ganz anders. Erinnern Sie sich, bitte, daß ich aus dem Atelier des Architekten die großen Zeichentische mitgenommen hatte. Sie hatten die Nase gerümpft, weil ich alle zwei mitnahm, ober nun erwies sich, wie nützlich das gewesen war. Denn auf dem einen umgedrehten Tische stehend unb gegen bas Versinken gefeit, birigierte ich den anderen dorthin, wo ich ihn haben wollte." „Wo wollten Sie ihn denn haben?" fragt Liane. „Neben Ihnen", antwortete George. „Und darum kam ich keineswegs .rüstig vom Fleck' und war .schon hübsch weit' von Ihnen entfernt." Er macht eine Pause und blickt Liane mit furchtbar gerunzelter Stirn an. Sie errötet und gesteht: „Ich habe geschwindelt, George." „Schließlich hörte es zu schneien auf", setzt er die Erzählung fort. „Es wurde Nacht unb kalt; wir froren sehr, aber bie größte Gefahr tag im Schlafe. Während ich noch Überlegte, was man dagegen unternehmen könne, waren Sie schon halb eingeschlafen. Und Sie waren so reizend m Ihrer verschlafenen Kindlichkeit, daß ich ttotz unserer Not als großes Glück genoß. Sie bei mir zu haben unb mich um Sie kümmern zu burfen. Der Schnee hatte sich gesetzt unb gefror, und unsere Tische bekamen dadurch größeren Halt. Ich hatte sie Kante auf Kante zusammengestellt und Sie, Liane, auf diese kleine Plattform herübergeholt; sie trug uns beide. Aber ich mußte Sie vor der Kälte schützen und kam zuletzt auf eine gute Idee. Ich knöpfte meinen großen Ulster auf, öffnete hinten den Gurt, packte Sie in den Mantel hinein, wie ein Dieb ein gestohlenes Gut an sich uerblrgt, unb schloß die Knöpfe über mir und Ihnen wieder. So setzte ich mich. Sie auf dem Schoße haltend, mitten in unserer Insel nieder unb wartete. Sie waren nicht zu schlecht untergebracht; benn ich überzeugte mich, daß Ihre eiskalten Häubchen nach und nach wärmer wurden. Die Rächt verging ich rauchte meine letzten Zigarren unb feinbete ben Himmel mit seinen tausend Sternen an. Schließlich fror ich gar nicht mehr; Sie waren fo warm geworden wie ein kleines Oefdjen und gaben mir ordentlich $öa™d) "habe noch nie so herrlich geschlafen wie in jener Rächt", sagt Liane und blickt George strahlend an, als habe sie bie Nacht soeben sagt er, „bas freut mich. Aber hören Sie nun bas Ende: Am Morgen hatte sich das Wetter geändert. Südwind weht. Der Föhn ist herbeigekommen, um uns zu retten. Er kommt brausend daher und duftet nach Hoffnung und Liebe. Die Schmelze beginnt. Eine Sonne steigt herauf, aber was ist das für eine Sonne! Wie wärmt ste uns, wie erweckt sie uns zum Leben!" George lacht. „Dort", sagt er und deutet mit dem aus- gestreckten Arm weit hinaus, „senkt sich das Schneemeer. Dorthin bläst der Wind Der verharschte Schnee, den jetzt der Föhn striegelt, bildet eme schimmernde, krustige Fläche. Dorthin müßte man fliehen! Wollen wir es versuchen? Ach, nun geht uns alles leicht von der Hand; bie Hoffnung führt uns. Nichts taugt bester zum Schlitten als ein Zeichentisch! Die Schiffer sind noch nicht dahinter gekommen, wie vorzüglich sich s mit einem Ulster segelt! So sahren wir vor dem Winde dahin. Hinter uns liegt die Not, Liane; waren das schlimme Zeiten? Einerlei, wir vergessen sie; vergesten wir nicht auch die guten? Nach Stunden der Fahrt Der» wandeln wir unseren Schlitten in ein Floß; denn nun gelangen wir an einen Strom, so breit wie ber Mississippi. Ihm-vertrauen wir uns an. Weiter geht die Fahrt. Wie lau hier bas Wasser ist! Niemand vermochte zu glauben, daß es vor einem Tage als erstarrte Flocke zur Erde fiel und uns bedrohte. Jetzt umschmeichelt es uns; feine Farbe ist blau, und jenseits des Stromes erblicken wir einen sonnigen Strand mit schlanken Palmen. Wohin sind wir nur geraten? Ist diese Fahrt nicht schön, Liane?" Liane nickt unb hält ©sorgens Hand fest, unb George, ber die letzter» Sätze sehr schnell gesprochen hat, fährt nun fast leise, aber noch schneller fort: .Hier jedoch muh ich aussteigen. Hier muß es Zigarren geben. Dort drüben sehe ich einen Neger, aus dessen Munde blaue Wolken dringen. Zu ihm will ich hin; er muß mir Tabak verkaufen. Leben Sie wohl, Liane, jetzt laste ich Sie allein. Blicken Sie auf, dort kommt ein riesenhaftes Floß den Strom herabgefchwommen. Eine Hütte steht daraus; aus ihr tritt ein Mann und späht zu uns herunter. Erkennen Sie ihn, Liane, es ist Ihr Verehrer Peter, der auch auf eine wunderbare Weise hierher geraten ist. und den Sie trotz feines dicken Bauches heiraten werden, weil er soviel Geld besitzt. Sehen Sie nur, nun hat er sie erkannt, er winkt. Da taucht auch eine Ihrer Tanten auf, lieber Gott, welche Menge von Freunden befinden sich auf diesem Floß! Da kann ich Sie beruhigt allem lasten; leben Sie wohl, Liane, leben Sie wohl, ich gebe Sie den Ihren zurück!" George löst feine Hand vorsichtig aus der Lianens, macht ein kleines artiges Kompliment und schickt sich zum Weggehen an. „Adieu, Liane!" wiederholt er leise. „ , . Liane blickt ihn vollkommen erstarrt an. „Was bedeutet das? fragt sie tonlos. „Es ist bas Ende der Erzählung", sagt George. r Ä rotiTC M * ""„Aber wir haben keine Zeit, um zu beobachten, wie viele verschwinden und" nicht mehr auftauchen, wir kämpfen selber um das nackte Leben. Jetzt zeigt sich am erhabenen Beispiele, was F.^.--------- tafi 9 Sie, Liane, haben eine Torheit begangen. Eigensinnig, wie immer, wollten ~__ix. rinntna ift in hiel»m hreihia Meter tiefen. Gchneetroum. Eine Geschichte von Rudolf Schneider-Schelde. Liane steht an ber Glastür, bie in den Garten führt, und blickt hinaus. Sie ist jung unb schlank und hat schwarze Haare; George, der mit ihr sprechen wollte, aber wegen anderer Gäste nicht dazugekommen ist, zögert, als er sie sieht. Er saugt nervös an feiner Zigarre unb tritt schweigend näher. Wie es schneit!" sagt nach einer Weile Liane. „3a", antwortet George, „ich gehe jetzt." Liane dreht sich nicht um, beide blicken in ben Garten hinaus. „Wie es schneit!" wieberholt Liane nach einer Pause. George gibt sich einen kleinen Ruck, er lächelt matt unb sagt: „Morgen wirb ber Schnee bis an Ihr Fenster reichen, Liane." „3a, bas ist wahr", meint Liane unb wirst ihm einen Blick zu. „Wir müssen es Papa sagen, damit er sich nach einer anderen Wohnung umtut." „Umsonst!" sagt George. Lianens Blick scheint belebend auf ihn gewirkt zu haben, er lächelt plötzlich genießerisch und streicht mit einer Hand- bewegung über bie ganze Gegend, die vor dem Fenster liegt: „Nach vier Tagen wird ber Schnee bie Höhe ber Dächer erreicht haben, unb in einer Woche gibt es all bas nicht mehr. Die Bäume werben verschwunben fein, enes große Museum — fort! Keine Straße mehr, kein Park, keine Stabt! Was sagen Sie bazu?" — Liane sagt nichts, aber sie lacht und wendet sich George halb zu. „Lachen Sie nur", droht er. „Sie werden schon sehen! Wir müssen rechtzeitig im 3nnern des Hauses nach oben auswandern, um nicht von ber Kälte erbrütft zu werben. Aber bann kommt ber Tag, wo alles bebend unter dem Dache sitzt, von dem wir Männer in wechselseitigem Turnus den Schnee auf die Straße herabgeworfen haben, damit er das Haus nicht zerquetscht, und dann meldet einer: Jetzt können mir keinen Schnee mehr in bie Straße hlnunterschaufeln, bie Straße ist voll, sie ist in gleicher Ebene mit unseren Dächern. 3etzt erst brechen wir enbgültig auf unb vertrauen uns ber weihen Wüste an. Wir heben ein Bein, aber wir kommen nicht vom Fleck, wir sinken nur ein. Hat der Himmel kein Erbarmen? Nein, er hat keins. Dort versinkt jemand langsam, ihn trägt die Decke nicht. Er fährt geräuschlos wie in einem List nach unten. Lachen Sie noch, Liane? „Hören Sie auf", sagt Liane und starrt George ängstlich und neu- Da schüttelt sie den Kopf, errötet und sagt leise, mR zitternder Stimme: ».George, ich liebe dich!" , George blickt sie durchdringend an, er wird bleich, wie der Schnee im Garten, und fragt hastig: „Was bedeutet das?" Aber Liane ist nicht aus den Mund gefallen. Sie erwidert prompt: „Es ist der Anfang der Wirklichkeit." Oie wilden Schwestern. Eine Walfänger-Sage von Hans Friedrich Blunä. Wenn die Walfischfänger in die Dunkelheit des Polarwinters geraten and nicht mehr rechtzeitig heimkehren, dann kommen, so heißt es, die „Wilden Schwestern" und bereiten ihnen eins schlimme Zeit. Sie singen vor den Butten auf dem Eis, winseln und heulen und lachen solange, bis der Wahnsinn der Einsamkeit über die Männer fällt und sie, komme was da wolle, dis Türen aufstoßen und in die Polarnacht hinausstürzen, um die lüsternen Lustheulerin-nen einzusangen. Aber selten kehrt einer von ihnen zurück. Das war schon bekannt, als die nordfriesischen und Hamburger Walsahrer sich vor vielen Jahrhunderten auf Spitzbergen und Grönland ihre festen Buchten suchten. Und als die Bremer Seeleute um 1845 in der Südsee auf Wale und Robben auszogen, mußten sie erfahren, daß es da drunten keineswegs anders herging. So daß einige ernstlich vermuteten, von Pol zu Po! sei die Erde ausgehöhlt und des Herodes Schwestern — so nannten die frommen Männer jene lüsternen Frauen zum Zeichen des Abscheus — vermöchten blitzschnell von Norden nach Süden durch sie hindurchzuhuschen. Gegen solche Verlästerung der schönen Gespenster hat nun ein Schreiber der Stadt Bremen Verwahrung eingelegt; man zeigte mir einmal seinen Bericht in einem langen, handgeschriebenen Lebenslauf. Es hat sich auf Grund feiner Geschichte auch ein Streit darüber erhoben, ob wirklich jene wilden Frauen sich verwandelt und freundlicher geworden sind ober aber, ob es im Gegenteil des Schreibers Liebste gewesen ist, die ihm in letzter Not geholfen hat. Die Geschichte scheint mir wert, erzählt zu werden, mag der Leser selbst vermuten, was er will. Es ist zunächst nichts Gutes über jenen Dittmar Miller zu sagen. Er war Stadtschreiber zu Bremen und hätte eine gute Laufbahn vor sich gehabt, wär« er nicht in schlechte Gesellschaft geraten. Die setzte ihm so schlimm zu, daß er schließlich aus seinem Amt gestoßen wurde — so erzählt er selbst in seinem reuigen Bericht. Als der Mann nun so von allen verlassen dastand, sand er an einer Fischerstochter «ine Vertraute, die an das Gute in ihm glaubte und die trotz allem ihr Leben mit ihm teilen wollte. Und sie gewannen einander lieb. Aber um ihr Heiratshäuschen zu kaufen, hätte es bei ihrer beider dürftigem Lohn noch lange währen können. Da hörte Dittmar Milles, der sich als Fischerknecht verdungen hatte, eines Tages von Walschiffen der Bremer Reeder, bei denen die Mannschaften auf Anteil führen. Und er rechnete sich aus, daß er sich bei gutem Glück mit einer einzigen Fahrt das Geld für ein Häuschen sichern könne; er meinte auch, wenn er von jenen zwei Jahren Fangzeit glücklich heimkehre, sei er in Wahrheit von allem Vergangenen gereinigt. Er bat seine Liebste also, Tag und Nacht an ihn zu denken, heuerte an und stach auf einem Walfahrer in See. Die Bremer sind schon in der ersten Fangzeit mit Macht dem König Wal, der in mächtigen Rudeln die Südsee bevölkert, zu Leibe gegangen. Es galt damals noch, mit jedem Tier einen Kampf zu bestehen, und Dittmer Milles hat sich dabei so gut bewährt, daß er in der zweiten Fangzeit Bootsführer einer - Schaluppe wurde. Das ergab einen erhöhten Anteil für ihn, er war froh und glaubte sich bald aller Sorgen ledig. Als die Jahreszeit nun wechselte und die Walfänger nach Norden hielten, um ihre Tranfässer auf großen Frachtschiffen im Feuerland zu löchm, zog nach einmal ein klares Herbstwetter über das südliche Eismeer und di« Schiffe gerieten im Schutze der Säbelinseln in solch mächtige Wal- und Robbenherden, daß sie der Versuchung nicht widerstehen konnten und noch einmal die Boote auf Jagd aussetzten. Aber schon nach einigen Stunden schlug das Wetter um, launisch, wie es da unten ist; ein heftiger Sturm und treibendes Eis nahmen alle Sicht, und sie verloren einander im Dunkel. Milles hatte das Glück, mit seiner Schaluppe festes Land zu erreichen. Es war nicht durch fein Zutun allein; einige riesige Packeis- schollen hatten das Boot wie einen Zapfen hochgepreßt und trieben mit ihrer Beute an die Eisbärte der Klippen. Da beeilten sich die Schiffbrüchigen, was sie noch hatten, auf das Gestein zu schleppen. Sie verwandten in den ersten Tagen das Kleinholz zu Notleuern. Dann, als sie einsehen mußten, daß ihr Schiff sie aufgegeben hatte, richteten sie sich auf einigen heilen Bootsrippen einen Schuppen her, den sie mit Eis und Schnee umpackten. So bereiteten sie sich auf jenen furchtbaren Winter vor, den bis dahin nur wenige überstanden hatten. Sie behielten in der ersten Zeit noch ihren guten Mut: es war ihnen gelungen, einige Robben zu schlagen, so daß sie Tranflammen für die dunkle Zeit gewannen. Das war wichtig; denn feit Menschen- aedenken war noch niemand ohne Licht durch die Nacht des langen Winters hindurchgekommen. Als die Helle draußen spärlicher wurde und die Dunkelheit fast schon den ganzen Tag dauerte, so daß sie in der Hütte bleiben mußten, erzählten sie einander ihr Leben in weit ausholender Breite, zeichneten sich ein Kartenspiel und spürten doch, wie sich langsam die Furcht vor der Dunkelheit entsetzlich über sie legte. Stürme heulten über ihren Lustschacht hinweg, die Tür war verweht, immer seltener glückte es ihnen, noch einmal in ruhigen Stunden nach draußen zu gelangen und die Sterne über dem grauen Feld scheu anzustaunen. Eines Tages war dann die letzte Patrone ihrer Bootsflinte verschossen, sie blieben in ihrer halbhellen Höhl«, fangen oder machten einander grauen, gähnten, schliefen, stritten sich und wollten oft gar mit den Messern auseinander los, wie es geschieht, wenn Menschen einander zum Ekel werden. . Und dann kam es; eines Tages vernahmen sie alle jene Stimmen im Wind, von denen sie oft hatten erzählen hören und die so lieblich sein sollten, daß sie die Vergrabenen aus ihren Schächten herausholen. Die „wilden Schwestern" hatten sie entdeckt und sangen und flogen mit schwerem Flügelschlag um ihr Eishaus. Die Männer verstopften ihre Ohren mit Werg und banden sich aneinander, sie grölten gegen die Weisen an, obschon sie bald wie ein Wiegenlied der Mutter, bald wie «in Verlocken zu den herrlichsten Gärten, bald wie ein Ruf Hilfeflehender dicht vor ihren Ohren schollen. Drei Wochen tobt« der Sturm über ihr Eisloch hinweg und die wilden Schwestern sangen; die Schiffbrüchigen ertrugen es, sie erzählten einander abwechselnd wüst« Geschichten und Kinderreime, sie legten sich die Karten und erdachten ellenlange Sagen, nur um ihre eigenen Stimmen zu hören. Da war ein Graubart Jewers, der noch zur napoleonischen Zeit Schmuggel betrieben hatte und immer die gleichen Schnippstücke erzählte, bis er vor Heimweh losschrie uni> sie sich über ihn werfen mußten. Da war ein junger Kerl, ein verjagter Student, der einen Aufstand aller Länder gegen die Türken machen wollte. Und Immer heulten zwischendurch die Worte der wilden Schwestern in ihre Nächte, auch wenn sie die Ohren noch so fest verschlossen, immer dringlicher und luftiger wurde ihr Singen und bettelndes Winseln. Dittmer Milles war der Besonnenste von allen geblieben. Er konnte nicht glauben, daß das Leben, das noch einmal so schön vor ihm auf- gegangen war, für immer zu Ende fei. Er stellte sich vor, was sein Mädchen sagen würde, wenn vom Feuerland ein Brief nach Haufe kam: der uni> der sei bei den Säbelinseln verschollen. Er rief ihren Namen tausendmal und glaubte nicht an den Tod. Je ärger die anderen ihre Hoffnungslosigkeit hinausschrien, um so zäher hielt er am Dasein fest. Er beruhigte die Mucker; er versprach, er achtete auf jeden Trübsinnigen, er spottete am lautesten über den Aberglauben. Dann fiel es eines Nachts auch über ihn. Zu einer Stunde, als die andern, vom Lärm und lauten Zwisten übermüdet, in einen unruhigen Schlaf gefallen waren, wachte er auf und hörte oben am Schornstein ganz deutlich zwischen den singenden Weisen der wilden Schwestern etwas wie die Stimme seiner Liebsten. Es war kein lauter Wind, w>e er sonst über sie hin ging, es war ein deutliches, klar verständliches altes Lied, und dazwischen, wenn er sich mühte, die Worte zu verstehen, ein Rusen, er solle hinauskommen, Rettung sei aus dem Weg. Dittmer Milles sprang auf, er fürchtete, der Wahnsinn habe auch ihn. Aber im nächsten Augenblick war der Laut so echt und verwirrend, der Mann fiel vor Glück auf fein Lager zurück, wurde wieder geweckt und war jetzt schon so weit, daß es für ihn feinen Zweifel mehr gab, daß wirklich sein Mädchen nach ihm suchte. Ja, Milles, der am heftigsten über die armen Wahnwitzigen gescholten hatte, verfiel nun selbst in ihre Traumvorstellungen. Mit schon irrer Vorsicht löste er die Riemen, mit denen die Männer sich aneinander gebunden hatten, beruhigte einen Halbschlafenden und kroch lauschend, entrückt vom Singen und von lieben Worten in seinem Ohr, unter den Schornsteinschacht.. Dort schwang er sich aus den Eistisch, den sie sich fürs Kartenspiel geschlagen hatten, hob die Kappe um das Luftloch hoch und hatte sich, ehe die Erwachenden ihn hindern konnten, hinaufgeschwungen und durch das Eisloch gedrängt. Der alte Jewers kam hinter ihm hoch, drohend, bittend und schreiend, er sei wahnsinnig, die wilden Schwestern würden ihn erwürgen. Milles vernahm nichts mehr. Er lief, so schnell er konnte, er folgte hundert Stimmen, er folgte einer unter ihnen, die ihm das Letzte und Liebste dieses Lebens war, über ftahlkalte, umblasene Eisklippen. Er gab nicht auf Sch nee gruben noch Abhang acht, er kletterte, geführt und verlockt, mit singenden Ohren unter den Steinen entlang, er sank bis an den Gürtel in den körnerfeinen Schnee, klomm wieder auf, schon schlaflahm vor Frost und Wind, und tappte weiter. Und dann sah Milles die dunkle Bucht unter sich, die der Sturm von der Eisdrift freigelaffen hatte. hib er sah, während alle Stimmen jäh von ihm abfielen, «in Schiff in chccu, Schutz schaukeln. Dittmer Milles ist mit letzter Kraft hinabgeklommen. Es gelang ihm, sich hörbar zu machen. Männer ruderten in einem Boot herüber, um ihn aufzunehmen. Dann suchten Matrosen die Eishöhle, fanden die verirrten Menschen und brachte sie an Bord. Es war aber ihr eigener Walfänger, der auf dem Weg nach Kap Horn so tief nach Süden verschlagen war, daß er noch einmal unter einer der Säbelinseln hatte Schutz suchen müssen. Der Sturm, der es getan hatte, war ein Wunder; aber ein größeres Wunder war es, daß die Menschen in der Eiswüste einander gefunden hatten Dittmer Milles ist glücklich heimgekehrt und in feinem Leben ist nichts Absonderliches mehr geschehen. ■ Er hat seine Tage still und nüchtern neben seiner Hausfrau verbracht und später in Ruhe Betrachtungen darüber angestellt, die meist so langweilig und bigott waren, daß man sie nicht des Aufbewahrens für wert gehalten hat. Aber bei aller Frömmigkeit hat er immer daran festgehalten, daß jene wilden Schwestern wirklich find und nicht nur Schlimmes tun, o-n£r,rn au$ ,9ut können. Und er sagt, daß sie den Träumen seiner Liebsten geholfen und sie dahin geführt hätten, wo er mit den andern unterm Schnee wohnte. Es ist ein gefährlicher Glaube, den er gefunden hat. Viele arme, im Eis Sterbende hören solche Stimmen und schreiten ins weiße Nichts. Ditimer Milles meint aber, daß die Liebe, die ihn umfing, größer als öte anderer Menschen gewesen sei, und wenn das auch ein frommer Unglaube mar, so wissen wir doch, daß es Gesichte gibt, die wahr sind, und daß es mellt über Menschenkraft geht, zwischen den Träumen und den wirklichen Rufen und 'Berufungen zu unterscheiden Verantwortlich: Dr. Hans Thhrlot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.