SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger MgängM- Zreitag. den 19. Mai Nummer 58 ein Wohlgefallen hast an deinem Knechte, erkühnt er sich, dir In dieser traulichen Einsamkeit einen Rat zu erteilen: Gib mich nie aus deiner Hand in die Hand eines Herrn, der mächtiger wäre als du! — Denn in der Schmach meiner Sanftmut müßte ich ihm allerwege Gehorsam leisten und seine Befehle ausführen auch gegen dich, o König von Engelland ... Aber ich rede töricht ... wo ist der König, der mächtiger wäre als du? Welche Herrschaft kann mit der deinigen t)obern ohne ihren eigenen Schaden und Verlust? Siehe, es lebt keiner, der dich vor Gericht zöge! ... Darum rede ich töricht und spreche von etwas, das nicht vor- handen ist, von einem Traum, einem Hauch, einem Nichts!' Der König mochte diese Rede nicht höher anschlagen als der Kanzler; denn nachdem er ein bißchen gesonnen, gähnte er wie zu einer unnützen und unangenehmen Betrachtung und befahl mir, ihm einen Becher Weines zu reichen. — Auch ich konnte mir aus der Rede des Kanzlers nichts machen und legte es mir erst später aus, daß der heimlich zu Tode Verwundete verdeckter und zweifelnder Weise von der dunkeln und langsamen Rache Gottes sprach. Herr Heinrich erhob den Becher, betrachtete das schimmernde Gold des Rheinweins, als ergötze er seinen Geist an dessen Klarheit, leerte den starken Trank auf einen Zug und lachte, daß ihm die Augen übergingen. ,Wie du mir vorkommst, mein Thomas', lallte der Herr mit unsicherer Zunge, denn er batte durstig getrunken, und der Wein stieg ihm zu Kopfe, ,immer erhabener!... Meiner Treu — ich weiß nicht, was ich rede, aber nicht übel Lust hätte ich, dir ein Mehglöcklein um deinen Ziegenhals zu hängen und dich in Teufels Namen mit einem Ruck auf den Stuhl von Canterbury zu fetzen! ... Dort throne mir und orakle gegen den heiligen Vater! ...' Der Kanzler erhob sich rascher, als seine Gewohnheit war. .Unter dieser Eiche ist nicht gut wohnen', sagte er. ,Es mag in der Vorzeft grausamer Zauber unter ihr getrieben worden sein! — Ihr Schatten verwirrt das Hirn.' Hier verstummte das Gespräch. So ganz neben das Ziel traf übrigens mein Herr und König in der Laune seiner Trunkenheit nicht, wenn er meinte, der Kanzler ergebe sich zeitweilig tiefsinnigen und wunderbaren Betrachtungen. Ich selbst' weiß davon zu erzählen. In der Vorhalle, wo ich oft meines Herrn gewärtig mich stundenlang aufhielt und auch der Kanzler zuweilen, ohne meiner zu achten, in tiefem Sinnen auf und nieder schritt, hing in einer düstern Ecke ein großer, hölzerner Kruzisixus, ein grobes, mageres Werk, aber ein Haupt mit rührenden Zügen. Der König hielt ihn hoch in Ehren, weil sein Vorfahr, Wilhelm der Eroberer, ihn vor der Schlacht bei Hastings inbrünstig, angebetet und durch seine Macht dann auch den Sieg erlangt hatte. Auf dieses-Bildwerk hatte der Kanzler sich sonst wohl gehütet, seine verwöhnten Augen zu heften; denn er verabscheute das rieselnde Blut und das Häßliche. Aber in jener Zeit hörte ich zuweilen mit Verwundern, wie er mit dem gebräunten Kruzisixus Zwiesprach hielt. In arabischer Zunge, ich vernahm es deutlich, flüsterte er mit ihm. — Ich freute mich, daß ec sich an den guten Tröster wandte, obschon mir dabei fast unheimlich zumute war; denn, Herr, ich hörte davon zu wenig und zu viel und Dinge, die ich nicht gern wiederholen mag, weil sie, wenn nicht Eure Seele gefährden, doch Eurer Frömmigkeit zum Aergernis sein könnten. Mußt' ich doch nicht, inwieweit Herr Thomas das maurische Wesen von sich getan, und ob er, wie wir, den Hochgelobten, der am Kreuze hängt, als den heiligen Gott selber anrufe. Einzelne Stoßseufzer, unzusammenhängende Worte nur vernahm ich in der allmählich aus meinem Gedächtnisse entschwindenden Sprache, die mich erbauten oder auch erschreckten. Innig und schmerzvoll sprach er zu dem stillen Gekreuzigten, aber lästerlich und wie zu seinesgleichen, so schien mir. Also geschah es eines Tages, daß der Kanzler wiederum vor dem Bildnisse stand, ohne mich gewahr zu werden, der, in einer Ecke des weiten Gemaches auf einem Schemel sitzend, sich stille hielt und gering machte. .Auch du hast gelitten', so hauchte er, .und wohl so grausig, als du hier in der Marter schwebst! ... Warum? Warum? ... Der Welt Sünde zu tragen, steht geschrieben ... Was hast du gesühnt, du himmlisches Ge- müt? ... Friede solltest du bringen und an den Menschen ein Wohl- aesallen ... aber, siehe, diese Erde dampft und stinkt noch von Blut und Greuel ... und Schuld und Unschuld wird gemordet wie vor deiner Qgif! ,,, Sie haben dich geschlagen, angespien, gemartert... du aber beharrtest in der Tapferkeit der Liebe und batest am Kreuze für deine Mörder ... Verscheuche den Geier des unversöhnlichen Grams, der mein Herz verzehrt! ... Damit ich in deine Stapfen trete ... Ich bin der ärmste und elendeste der Sterblichen ... Siehe, ich gehöre dir zu und kann nicht von dir lassen, du geduldiger König der verhöhnten und gekreuzigten Mensch- Nachdem der Kanzler noch eine Welle mit dem Bilde geflüstert, wendete DER HEILIGE Novelle von Conrad Ferdinand ttteyer 6. Fortsetzung. ;ch bin dessen mlcht gewiß, Herr, aber ich muß es glauben, daß mein ki::g in jenen Tagen sich gegen den Kanzler mag ausgelassen haben über hi trauer, die er ihm wider Willen bereitet. Wenn auch nur mit wenigen iie; velbeckten Worten, hat er ihm wohl sein Leid bezeigt und gebeichtet, zh denke, daß er die Last von sich abzuwälzen sucht«, und zwar auf diese ritte Schultern hier, was ich ihm nicht verüble, denn so ist der Lauf der Bet, und zu befahren hatte ich dabei nichts. Der Kanzler war viel zu vie, um das Werkzeug mit der Hand, die es führt, zu verwechseln, und »i-lzu hoch, um einen Knecht seiner Rache zu würdigen. ii Hersteht mich! Herr Heinrich mag das Spiel des Zufalls und mich Klagt und verlästert haben, was das böse Sterben des Kindes angeht; ki Raub desselben und die Fleischeslust rechnete er sich nicht hoch an, M er kannte in diesen Dingen kein Recht und kein Gesetz. Auch trug i: He «Tat damals leicht, glaub' ich, weil unser aller Richter sie ihm ra nicht in ihrer vollen Schwere zugewogen hatte. Sn jenen Tagen begab es sich, daß der Kanzler einmal gegen Abend Im König auf die Jagd nachgeritten kam und die Herren unter einer viihin schattenden Eiche sich lagerten. Ich saß an der lichten Seite des Bitnmes und kraute einem Jagdhunde hinter den Ohren. Der König bitte meine Treue und war gewohnt, meinetwegen sich keinen Zwang nzüun, und Herr Thomas sah über mich hinweg oder, wann er mir lila Bück schenkte, war es kein unfreundlicher, denn jener von mir ti.ti Gnad es Sarg gesprochene Koranvers hatte ihm gefallen und wohl- jckn. So war ich Zeuge eines wunderbaren und dem Menschenver- t'it» unglaubwürdigen Gespräches, das aber so wörtlich wahr und jmß ist, als daß ich hier bei Euch fitze. I Die beiden Herren beredeten sich über ein Schreiben des Königs von z«nkreich, das Herr Thomas aus seinem Gewände hervorgezogen hatte. £' »nterhielt nämlich einen geheimen Briefwechsel mit dem Kapetinger r S-aris, dem dazumal sein Kanzler, der Abt Sugerius, gestorben war »6 der, um einen Ersatz zu finden, Herrn Thomas, als den klügsten Ir.n der Eide, gerne feinem Herrn abtrünnig gemacht und in den teeren Dienst gelockt hätte. Dieser tat nicht unwillig unb erfuhr unter * ungesucht ihm in die Hand gefallenen Larve auf einem kurzen und jt< n Wege alles, was er von den Anschlägen des fremden Königs gegen in Peinigen und die normannische Krone durchaus wissen muhte. ■ n dem Briefe, den der Kanzler Herrn Heinrich übergeben hatte, "cte der König von Frankreich ihm wieder hart zusetzen, in seine l fte überzutreten, denn mein Herr ergötzte sich mit wahrhaft könig- che- Lust an dem Schreiben. ... «. „ . Schau, schau!' spottete er, »zehntausend Pfund bietet er dir. Er °l es sich etwas kosten lasten. Aber daraus wird nichts, mein Vetter nnkreich. Diesen preiswürdigen Mann last' ich nimmermehr fahren! er legte die Hand liebevoll auf die Schuiter seines Günstlings. Dann 'c >te er in übermütig vermessener Laune: »Hast du etwas gegen mich dem Herzen, mein Thomas, und willst es mich entgelten lasten, les rer Mann, ohne Gefahr deines Leibes und Lebens, wohlan, dazu Rat werden! Morgen send' ich dich — in den Geschäften, die du W — nach Paris zu dem, der um dich wirbt! Laß sehen, ob es ihm I' jgt, dich zu verführen und mit Schmeichelwort zu Falle zu bringen! wundert Euch nicht allzusehr über diese unvernünftige Scherzrede “Piiie freche Sicherheit meines Königs. Sähet Ihr die zweie zusammen- den gewaltigen Leib und den Löwenkopf des einen, die feinen ^<»maßen und die milde Miene des andern, es wäre Euch verstand- leroefen. ' „ . 1' drauf entstand eine Stille. Ich glaubte, der Kanzler empfinde es i*®1" daß Herr Heinrich, der so tief in seiner Schuld stand, rhm die An- F'renfjeit seines fchmiegsameu und unterwürfigen Wesens, die doch .^ Majestät allein zugute kam, in grausamem Leichtsinne vorhalten *tite. Doch erwiderte Herr Thomas nach einer Weile ohne merkliche Ernis in ruhiger und — wie sage ich — philosophischer Rede: Mas «gen dich auf dem Herzen habe, ob wenig oder viel, du Mst Grund, Gebieter, an meiner Treue nicht zu zweifeln. So böse bin ich nicht iri auch nicht fo kurzsichtig und abenteuerlich, daß ich an dir zum Ver- «r würde. Doch hat deine scherzende Weisheit meinen wunden Punkt üen; denn du kennst meine unvollkommen« Natur und mein zur j'-jebrigung der Dienstbarkeit geschaffenes Wesen. Sei es frühe Ge- .hrheit des Herrendienstes, fei es di« Eigenschaft meines Stammes uno ./"5- ich kann dem gesalbten Haupte und den hohen Brauen der Komge Widerstand leisten. — Und da du jo glücklicher Laune bist und er sich langsam und entdeckte mich auf meinem Schemel. Ich hielt mich । unverwundert und beschloß, tapfer zu lügen, wenn er micy fragte, o» | ich ihn belaufcht hätte. .... , . Er aber näherte sich mit ruhigen Schritten, unmerklich lächelnd. — . Satin Japhets', sprach er mich an, ,du hast unter den Kindern Sems , qelebt und weißt, daß sie es nicht glauben, der Ewige habe fernen einzigen । Sohn ans Kreuz schlagen lassen - wie belehrst du sie eines Besseren? * Ich erhob meine Augen fest aus den Kanzler und antwortete unver- 3aQf Mein Salvator hat den Verräter Judas geküßt und feinen Peinigern vergeben, solches aber vermag ein bloßer Mensch nicht, denn es geht gegen Natur und Geblüt.' , y Herr Thomas wiegte leise das Haupt. ,Das haft du recht gesagt, meinte er, ,es ist schwer und unmöglich.' — Waren aber die Worte des Kanzlers nicht allesamt christlich, so wurden es feine Werke je mehr und mehr. Es schien in jenen lagen, als wolle Herr Thomas, müde feines Glanzes, der Herrlichkeit sich entkleiden und, selbst ein friedloser und kranker Mann, Uebel heilen und Frieden bringen, oroeit seine Macht reichte. Aber er tat es mit furchtsamer Klugheit, damit der König und die Normannen seiner nicht spotteten oder einen Argwohn aeaen ihn faßten. . _ , . Es wurde ihm nicht schwer, dem Könige zu zeigen, daß es klug sei, nicht über Maß feine Sachsen zu belasten und sie nicht zur Verzweiflung zu treiben, und daß es vorteilhaft fei, als ein gütiges Wesen über ihnen au stehen, großmütiger als seine Normannen, die ihre sächsischen Knechte und Mägde nach ihrem Gefallen mißhandelten. So durfte er mit königlichen Gesetzen das sächsische Volk erleichtern, nicht ausfällig und herausfordernd, sondern umsichtig und verborgen, um die Normannen nicht zu reizen. Begreift, er packte die Last auf dem Rucken des Saumtieres um, ohne sie zu vermindern, und sorgte nur dasür, daß die Riemen nicht zu ^Aber ^auch^den^ Normannen erwies er Dienste und verdoppelte gegen ie feine Freigebigkeit. Er Überhäufte sie mit Gunst und fürstlichen Ge- chenken und schlichtete ihre persönlichen Zwiste mit weisen Schieds- prüchen. Hatten sich zwei Mächtige verfeindet, so trat er als Fnedens- sagte er dann wohl, ,um mich in die Angelegenheiten der'Großen zu mischen? Ein Diener meines Herrn, der ihm die Stutzen seines Thrones erhalten will.' Und die zwei Feinde gingen versöhnt und in ihrem Stolze befriedigt von ihm. . .s , Hätte sich Herr Fauconbridge nur warnen lassen! Dieser beneidete den Kanzler um seine Gunst bei beiden Königen, Herrn Heinrich und dem Kapetinqer, und stellte ihm nach mit gezogenem Schwerte, aber auch mit heimlicher Verleumdung und der Schrift des Kanzlers nachgefalschten, an den König von Frankreich gerichteten Briefen, mit denen er unter- derhand Herrn Thomas dez. Hochverrats bezichtigte, wahrend er selbst mit dem Hofe von Frankreich gefährliche Ränke spann. Doch Herr Thomas durchschaute und überblickte ihn. Er lud ihn ohne Wissen und Beunruhigung des Königs zu sich — ich selber trug Den Brief — und legte ihm bann mit gelaßenen Worten und in sichern Beweisstücken die Wahrheit vor. — Weil er ihn aber, ohne Rache an 'hm z» suchen, ziehen ließ, statt ihn, wie er gekonnt hatte, mit einem Schlage zu vernichten, hielt ihn der Normann für einen vorsichtigen Feigling, der sich vor dem entscheidenden Streiche fürchte, und gebärdete sich fortan zwiefach sicher und frech, bis er mit einer Tat offener Felonie die Krone anqriff und man ihm dann freilich sein Blutgerüst zimmern mußte. Dergestalt verlor Herr Fauconbridge, dessen Ahnen mit dem Eroberer gekommen waren, sein Erbe und sein Haupt durch die langmutige Barmherzigkeit des Kanzlers. Ms dieser dem Könige später erzählte, er habe die verwegenen Pfade des rebellischen Barons von Anfang an gekannt und im Auge behalten, der König aber ihn fragte, warum er den Verräter nicht früher entlarvt habe, antwortete der Kanzler: ,O Herr, wozu? . Es regen sich unter dem Tun eines jeglichen unsichtbare Arme. Alles Ding kommt zur Reife, und jeden ereilt zuletzt feine Stunde.' Achtes Kapitel. Da begab es sich eines Tages, daß der König mit feinem Kanzler über Staatsgeschäften zusammenfah. Das war in einem Schloße der Normandie. Der Herr ließ sich von mir den Becher füllen mit jenem letcbten Schaumweine, den er liebte, und der Kanzler legte ihm den Inhalt der eben aus Engelland angelangten Botentasche vor. Einen Brief, an welchem das Siegel von Canterbury hing, behielt er bis zuletzt und sprach dann, denselben vor dem Könige entfaltend, in seiner ruhigen Art: ,Der Primas von Canterbury ist zu Anfang verwichener Woche gestorben, erhabener Herr.' — Herr Heinrich wunderte sich wenig darüber. Ohne etwas zu entgegnen, ließ er wohlgefällige Blicke auf dem Kanzler ruhen. ,Er kränkelte schon lange', fuhr Herr Thomas fort, .doch glaubte ich ihn in feinem Ziele noch nicht so nahe. Jetzt ist für dich, o König, und für die englische Staatsmacht die gelegene Zeit, die entscheidende Stunde gekommen, wo du das schädliche Geschwür deines Reichs, die geistliche Gerichtsbarkeit, fchneiden und heilen kannst. Wenn mein Herr diese gefährliche Stelle mit kühner Wahl besetzt, fo ist er der Erfüllung feiner königlichen Wünsche nahegerückt.' _ . Der König zwinkerte schalkhaft mit den Augen, sei es, daß er roie gewöhnlich an der Weisheit seines Kanzlers sich ergötzte, fei es, daß er dieselbe mit der [einigen diesmal noch zu überbieten und zu überraschen ^fjerr Thomas sah die schlaue Miene des Königs und beobachtete sie gelaßen. ,Auch einen besseren Heiligen Vater als den, welchen sie vor etlichen Monden in Rom auf den Thron gehoben haben, könnten wir uns nicht wünschen. Er hat eine Leidenschaft, durch welche wir chm menschlich nahekommen können. Mit gelehrter Hast sammelt und betrachtet er Münzen, und, wunderbar, während er sich begnügt, die alten römischen Imperatoren in ein paar wohlerhaltenen Exemplaren zu besitzen, kann er deiner Goldstücke, o Herr, nie genug bekommen, zu Hunderten, zu Laufenden ersehnt er sie, weil sie dein erhabenes Antlitz tragen, und er on ihm, als an bemjenlgen eines treuen Sohnes der Kirche, fein Gefallen iinbfierr Hemrick, schüttelte sich vor Lachen, während der Kanzler diese Hohnrede mit ernstem und traurigem Munde, wie er immer zu Kerzen pflegte vortrug. ,Wie aber wird mein Herr nun den Stuhl des Primas besetzen?' sprach er weiter. Mit jenem Bischof oder mit diesem Abte', — ich bin der Namen nicht mehr sicher und möchte Euch um nichts m der Welt, auch nur in einer Kleinigkeit, das Unwahre fagen — .beide sind sie geeignet für die Zwecke meines Herrn, doch vielleicht der Abt noch besser, denn er ist der lasterhaftere.' . ,So läßt er sich leichter handhaben', ging der König auf den Gedanken 'Cm,Def Sitoof wäre nicht weniger gefügig', versetzte Herr Thomas, ,bet Vorzug des Abtes ist ein anderer, und ich gebe nur der Weisheit meines Königs Worte, wenn ich der Gefahr deiner Politik folgendermaßen das Antlitz aufdecke. Du weiht, o Herr, wie und warum der Eroberer, bein erhabener und ruhmbedeckter Ahne, die englischen Bistümer nicht nur mit der Gerichtsbarkeit über die Kleriker, sondern, was den Staat ent- träftet und zerstört, über die Händel zwischen Klerikern und Laien begabt hat Das war damals nützlich, da die ersten Bischöfe des Eroberers Kreaturen waren; jetzt ist es schädlich und unerträglich, denn aller Eigenwille deiner Normannen duckt unter den Bischofsstab, und jeder Empörer gegen deine Majestät läßt sich eine Krone scheren, um die Blitze deiner Gerechtigkeit ungestraft verhöhnen zu tonnen.' Mein Herr und König ballte ferne auf der Lehne des Stuhles siegende Liand. denn er war ein Freund der Ordnung und der Gerechtigkeit. .Deiner Weisheit ist nicht verborgen', bemerkte Herr Thomas, .warum auch erschlichene Rechte der Kirche sich fo schwer mindern ober aufheben laßen: weil die Kirche ein Doppelwefen ist, das aus Leib und Seele besteht. Der Leib ist ein Heer von Geschorenen und Ehelvsen, em paar tausend von Münstern und Klöstern, ein Bündel von Gebrauchen, Gelübden und auf Fabeln und Fälschungen beruhenden Ansprüchen — Die Seele der Kirche aber ist Tugend, Bescheidenheit, Erbarmen, Keuschheit,- der König machte unwillkürlich eine Gebärde und zuckte mit den Wimpern — .kurz alles, was jener andere lehrte, den sie gekreuzigt haben. Ihr müht wißen, Herr Burkhart, dah der Kanzler den Salvator nie bei einer seiner hochgelobten Würden nannte, sondern immer nur den .andern', und ich meine, dah es (einem heidnischen Blute widerstrebte, den heiligen Namen auszusprechen. .Das Volk aber, o Herr, kann Gesäß und Inhalt nicht trennen; - hast du es mit einem Primas zu tun, der durch feine Tugend ©email über die englischen Seelen übt, du nimmst ihm nicht ein Titeichen fein« Vorrechte. Darum wähle du einen öffentlichen Sünder, einen unbeftrittcncn Lasterhaften, wie unfern Abt .. Also fuhr der Armbruster, der im besten Zuge war, in der Rede des Kanzlers fort, doch Herr Burkhard hatte sich gegen ihn vorgeneigt uni zupfte ihm am Aermel. „Armbruster", tat er Einspruch, „ich halte dich für einen wahrhaftes Mann; aber es wird mir schwer, zu glauben, daß ein jetziges Mitgsiel Der triumphierenden Kirche sich bei Lebzeiten, auch vor seiner Bekehrung, über die hienieden streitende so schnöde geäußert und deinem König einen fo ruchlosen Rat gegeben. Ich habe es dir gesagt, dem neuen Heiligen tun ich nicht grün; aber was zu viel ist, ist zu viel. Das kommt aus deinem. Eigenen!" , „Herr", versetzte Hans der Engelländer mit einem bösen Lachem unter seinem grauen Barte, „es mag sein, dah der Kanzler dazumal nicht iw körperlichen Worte ausgesprochen hat, dem Geiste nach aber hat er (W [o ergangen, das dürst Ihr mir glauben, und nicht ein-, sondern Ijunbcr- mal — versteht mich, als Staatsmann. Er hat vor meinem Könige dies'! Frage häufig erörtert. Daß aber etwas von dem Meinigen beifloß, i| ■ nicht unmöglich, denn leider beten wir alle dieselbe Litanei, sobald auf die Sitten der Psaffheit die Rede fällt — natürlich mit gebührender Ausnahme Eures Stiftes und noch mehr Eurer eigenen ehrwürdigen Perfom. Gefetzt aber auch, meine Geschichte wäre etwas ins Ungewiße geraten,, von jetzt an wird sie echt und unumstößlich wie das Evangelium Denu was nun geredet wurde, haftet in meinem grauen Kopfe wie die römische Schrift auf einem umgestürzten Meilenstein, dessen Bruchßua^ noch die unauslöschlich eingegrabenen Lettern tragen. Bei der Gnade den Mutter Gottes, ich rede die Wahrheit und lüge nicht. Wo aber stand it?» ehrwürdiger Herr, als Ihr mich unterbrochen habt?" . . „Bei Deinem lasterhaften Abte", versetzte der Alte noch etwas gereizr. „Zweifelt nicht daran, daß der Kanzler ihn empfohlen hat!" fuy" Hans mit Feuer fort. . „ „Mein König', sagte Herr Thomas, .diesem tierischen Menschen wu" es nicht gelingen, die Rechte feines Stuhles als göttliche zu verteidiges- Du wirst sie ihm entreißen — und dann: weg mit ihm!' „ Er stieß diese Worte verachtungsvoll von seinen feinen Lippen unw fügte hinzu: .Der Unreine wird sich überdies selbst zerstören. Begnügt sich doch nicht, o Herr, wie deine anderen Bischöfe, Buhlerinnen zu Halter» sondern überfällt und verdirbt die unschuldige Jugend.' , Ich meine, daß der Kanzler nur jenen landkundigen Sünder ttm Sinne hatte; aber unversehens mußte ich an Gnade denken, und «UM der König bewegte sich unruhig. Doch schnell überwand er die Schar- und verwarf diesen Verdacht, wußte er doch, daß Herr Thomas es verschmäht hätte, fein Inneres durch eine Anspielung zu enthüllen. In der hellen Saune eines Freigebigen, der im Begriffe steht, e> großes Geschenk zu machen, und mit freudestrahlenden Augen fuhr v« König fort: .Wohin denkst du, Thomas? Diesen Stuhl, worin zwei ye lige und Gelehrte gesessen haben, von denen der eine, der selige Lansrav den die Wandlung leugnenden Ketzer Berengar besiegt, der andere, vv Anselm, einen triumphierenden Beweis für das Dasein Gottes hat, diesen Stuhl sollte ich mit einem Schweine besetzen? Das blei i ferne von meinem königlichen Willen!'Und mein Herr und König freu i sich seines Wissens. (Fortsetzung folgt.) 'm iig w* uy,w jj* %w iba®' i 3", yl". O Die Die Im Die Die Ein itor Wiege geht gelind Lied von Mond und Schafen, weißen Linnen schlafen, keine Hand mir,pinnt. Quell aus Bitten rinnt Mutterlegende. Von Ruth Schaumann. Ich lag und sah ein Kind Im Traume bei den meinen, Aus unbeschuhten Beinen, Und war so schwach und blind. Ich sah das kleine Kind Sich trauervoll gebärden. Es fang: „Wer läßt mich werden, Wie meine Brüder sind? Kalt ist der Sterne Wind, Kalt ist der Sonne Lohen, Wer ruft mich zu den Frohen, schon geboren sind? J • ri» «ikt '«fc I I ii; t Wb' - 5nk| meins | tn k r, to ■ i hi rt al mH i* ... i »tat Np» mpin biit i iej* AM ujfik’ ) Ä in pt: tn, (t -ti heil? 1M Dem Himmelreich zu Ehren, Wer wird mich Liebe lehren. Die Gottes Herz gewinnt?" „O Kindlein, arm und kalt, Hast du nicht mich gesunden?" Da war das Kind verschwunden — Ich weiß, es wird mir bald. Oie ^eise zu Louise. Von K. R. N e u b e r t. °i!'' s* ppi'11' % x dieses eine Wort. . „Was hast du dir nur gedacht?" flüsterte fie heftig. Sie war etwas bewegt. Ihr fielen wohl Stunden ein: im Heu mit Gafpard und am Bahndamm, wenn die weißen Wolken am blauen Himmel segelten, und die Stille über dem Land wie ein fernes Läute fummte. „Du mußt zurück, Gaspard! Was willst du in der Stadt? Hier verlierst du dich. Guter Gaspard' Du wirst wieder bei Philippe die Wiese mähen und mU mir am Bahndamm sitzen, wenn ich — wenn ich mal zu Besuch komme? Endlich nickte er. „Hast du noch Geld?" fragte sie leise. „Genua!" Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nein, du hast sicher nicht genug." Sie wollte aufstehen und Gew holen. Er hielt sie fest. „Genug Geld, Louise. Brauch es gar nicht mehr. „Gaspard!" bebte sie. „Bist du betrunken?" „Einen Kuh", sagte er nur. . . , Ja Gaspard!" slüsterte sie. Sie lauschte zitternd. Nebenan sprach Gustave. Sie nahm rasch Gaspards Gesicht zwischen ihre Hände und küßte ihn aus den Mund. Er stand taumelnd auf. Die Tur fiel hinter ihm zu. Gaspard lief durch die Straßen. Wieder flammte und zuckte das farbige Licht an den Häusern, aus den Lokalen klang Mustk, und von den Frauen wehte ein süßer Dust. Er ging, bis er müde war, und sich in ein Lokal setzte. Diele Mädchen saßen an den Tischen. Keine war trne Louise, sand er, aber eine gefiel ihm ganz gut. Sie hatte daheim wn Laden von Pailhard stehen können. Sie lächelte freundlich, als wußte fie, daß er traurig war, und als wäre Traurigsein doch dumm für einen Jungen wie Gafpard. Und ihr roter Mund war beinah etwas von Louise. Als er das dachte, war es schon wie Nebel um ihn. Was dann alles noch geschah, daran konnte sich Gafpard kaum noch erinnern, als er im Morgengrauen auf einer Bank am Seineufer erwachte. Ihn fröstelte. Er wußte nicht, wie lange er hier gesessen hatte. Der Dust irgendeiner Hautkreme oder eines parfümierten Puders haftete an feinen Händen. Er spürte es, als er sich das Haar aus der Stirn strich. War es von Louise? War es ...? Nebel. Nebel. Er wußte nur, daß er nun doch nicht in die Seine gesprungen war. ~ . .... . Gaspards Hand griff in die Tasche. Ein Geldschein war noch ubr g= geblieben Er hätte dafür frühstücken -können. Mein Gott, dachte er, ich muß nach Hause. Die Pferde warten auf mich und Besuch tommt; will fie da nicht mit mir am Bahndamm sitzen bei den gelben Königskerzen und den blauen Fingerhüten? Die Louise von damals. Seme Louise! Er fragte sich nach dem Bahnhof durch, auf dem er vorgestern an» gekommen war. Hier stand er stundenlang hinter der Sperre und sch den obfahrenden Zügen nach. Und dann stand er auf dem Bahnsteig, mit einer Bahnsteigkarte, und ein Zug sollte absahren, ein Zug nach Lyon. Und Gaspard lief unruhig an den Wagen entlang. Zehnmal blickte er auf die Tafel Die Menschen nahmen schon Abschied. Die Türen wurden schon zugeschlagen. Da sprang Gaspard noch auf... Ja so ist der junge, etwas übernächtig aussehende Mensch in der Sonntagsjoppe des Landbewohners in den Zug gekommen, der nach Lyon fahrti Er steht im Gang am Fenster und pfeift leise durch die Zahne wenn der Kontrolleur auftaucht. Mögen sie ihn schnappen, aber erst in Lnon. Von dort aus kann er nach Hause laufen 3n das »eine Dorf Zu Philippes Pferden. Es ist aufregend Er darf sich nichts merken lafien, roie er unruhig wird, wenn der Kontrolleur an ihm voruder- geht. Einmal hat er ihn schon prüfenb ongefefien, und Gaspard hat gar nicht gezittert: „Sie haben sie doch schon gesehen. Ader der Beamte konnte wieder fragen. Weit war es bis nach Lyon. So hebt Gaspard wie ein Wild, das wittert und sichert, im Gang am ftenfter. Ein dicker, wohlhabend aussehender Herr bleibt neben Gaspard stehen und zieht ein Zigarettenetui aus der Westentasche. Etwas ist dabei m »oben gefallen. Nur Gaspard hat es bemerkt. Sah es nicht wie eine ^abrtarte aus? Er stellte den Fuß darauf. Der dicke Herr schaut zum Fenster raucht, geht in fein Abteil. Und Gaspard hebt die Fahrkarte auf eine Karte zweiter Klaffe nach Lyon. Alles, was ©afparb fmbet, wurde er abliefern, nur nicht diese Fahrkarte. Siehst du, Gaspard, denk, er, Gott will nicht, daß du ins ©efängms kommst. Und warum will Gott es nicht? Weil er deine Liebe zu Louise kennt. Gaspard setzt sich in ein Abteil und schlummert ein. Plötzlich weckt ihn eine Stimme. Er fährt erschrocken auf. Es ist der Kontrolleur. ,,3l)re Fahrkarte - bitte." Hat Gaspard nötig, vor dieser Stimme, vor diesem Bück zu erschrecken? „Hier!" lächelt er und reicht dem Beamten d,e Karte. Der Beamte grüßt sehr höflich. . . ... An der Sperre in Lyon sieht Gaspard den Herrn wieder. Der Dlcke sucht in allen Taschen und flucht. Ein Bahnbeamter spricht beruh gend auf den Dicken ein: „Lasten Sie sich Zeit. Suchen Stein -»"er -Nuhe. Gaspard schiebt sich durch die Sperre Man wird dem Dicken schon glauben ÖaB er die Fahrkarte nur verloren hat, denkt er. Sieht er nicht „Gustave" sagte Louise, „jemand von zu Haus. Ein guter Freund. Der arme Gaspard! Was sollte er sagen? Wenn dieser Gustave nicht gewesen wäre! Wer war Gustave? Ja, sie' wird ihn wohl vor drei Monaten tennengelernt haben... Gaspard trank, und Gustave füllte »ort neuem das Glas. Höflich war dieser Gustave. Verdammt. Es war fdpnw* rer zu ertragen als ein Schimpfwort. • „Also, du bist ausgerückt, Gaspard?" fragte das Mädchen. „Hast dus bei Philippe nicht mehr ausgehalten? Viel Lohn hat er Ja nicht gezahlt, aber schlecht hast du es doch nicht gehabt?" „Nein", murmelte Gaspard. , Denkst du, du wirst in Paris dein Glück machen r Oh, das denken viele, Gaspard. Na, hoffentlich hast du Glück. Eigentlich hatte ich nie gedacht, daß du deine Pferde im Stich lasten könntest." „Ich wollte ja nur —" stammelte Gaspard, „ich-- „Prost, Gaspard!" sagte Gustave und hob das Glas. „Prost!" sagte Gaspard erleichtert, als hätte er gerade dieses Work gesucht, Und griff nach seinem Glas. Da kam die ältere Frau ins Zimmer und rief Gustave in irgendeiner Sache fort. . Sie waren allein. „Louise!" seufzte Gaspard. Alles lag barm. Mehr brauchte er ihr gar nicht zu sagen. Alle Hoffnung, alle Enttäuschung sagte ihn* itnf ijiii# iiy i ijrjil* k W kthm lauf einer Bank ein. .. „ Als er erwachte, war sein erster Gedanke: „Louise . Die Menschen, Her die er sich mischte, eilten zur Arbeit, fliegen in den Schacht der Kiro oder auf die scheppernden Autobusse. Mstpard bekam Hunger und M auch ander« drüben beim Cafetier frühstücken. Er ge[ellte fid) 3 ?: 1 : feen, schlürfte mit Behagen das heiße Getränk biß, mit emer noch att- Hi so stark gefühlten Freude am Dasein, in das knusprige Gebäck, und Li? Liberte das Lächeln eines hübschen Mädchens, das am Tisch nebenan 2' : Melbe tat. Vielleicht frühstückt jetzt auch Louise, dachte er. S'e wird Lp; W zu Hause sein, wenn ich komme, aber die Wirtin wird mir sagen, sie arbeitet, wann fie zurückkommt... 1 Doch di« Wirtin in der Rue de Vaugirard wußte es nicht. Lauste war w-gezogen. Schon vor Monaten. Sie musterte den jungen Mann a k: Provinz, der so niedergeschmettert schien, und nannte gutmutig ein« ^Cs mor’bie Gegend des Montmartre. Weih flammte die Kirche Sacre Mr herüber. Steil stieg die Straße an, an der niebrige, alte1® auf er Men. Noch drei Häuser. Dort das Eckhaus mußte es einl S : ftieg mit feieren Beinen die Treppe empor und klingte. P!ii merci, die Frau, die öffnete, nickte. Ja, hier wohnt Lauste Raume . 81er fie ist jetzt nicht da. Gafpard lachte. Wenn sie nur überhaupt da »ir. Heute abend? Er würde wiederkommen. Und die alte Frau nickte biiber, und Gafpard lief fröhlich die Treppe hinunter. , Abends stolperte er in Louises Stube. Nein, er war nicht betrunken, «eioahre, er war nur aufgeregt, er konnte kaum sprechen unb ki Mütze in seinen großen Händen. „Louise!" stammelte er. „D .**)' Wollte sehen, roie’s dir geht!" , Louise sah ihn an und lachte. „Gaspard! ®u bift em Witz -... Me immer noch. Sie hatte einen sehr roten Mund, ihre 3‘jb’’« '^im- Jiirten, und unter dem engen Kleid dehnte sich ihr Körper. Plötzlich g k dem Verwirrten die Arm« auf die Schulter und sagte m einem falt mtterlichen Ton: „Guter, dummer Gaspard! Iß mit uns Abendbrot! wirst Hunger haben." „. ...M Da sah er, daß noch jemand im Zimmer war. Ein hübscher, > g W»nn. Ein Student modste es [ein, ein Maler, irgendein Künstler, wtie Ny junger, etwas übernächtig aussehender Mensch in der Sonntags- rsliiW ltpi>« eines Landbewohners geht auf dem Bahnsteig unruhig hm und her. eil ch wird der O-Zug Paris oerlaffen. Zehnmal hat der junge Mann neu- ml die Tafel gesehen. Ja, der Zug geht nach Lyon. Man nimmt fdjon Uchied. Die Türen werden schon zugeschlagen. Da spring * - * faul Der Zug rollt aus der Halle. Gaspard hat nur eine Bahnsteigkarte. Vorgestern war er hier an gekommen. Mik einer richtigen Fahrkarte. &! hatte einen großen Teil feiner Ersparnisse verschlungen. Was verdate er denn bei Philippe Baudoin in dem kleinen Dorfe vor Lyon Sn'bem Dorf, wo Louise gelebt hatte, bis vor einem Iayre. Dann mar fie nach Paris gezogen. Sie konnte hier mehr verdienen und hatte es Inter So schrieb sie. Aber immer länger mußte er auf Post warten. M seit drei Monaten war kein Lebenszeichen mehr von ihr gekommen. Er liebte doch Louise! Und fie — hatte sie ihn nicht geküßt und gern em feine Worte gelauscht, wenn er Zukunstsbilder malte? Drei Monate. Srmte sie nicht krank fein? Sie war ja allein in Pans. Die liebe, gute Steife! Wie sie lachen konnte! Wie gern sie die Blumen hatte und die »eßen Wolken am Sommerhimmel! Drei Monate! Eines Tages ging Gaspard nach Lyon und stieg in •n der Züge, die noch Paris rollten. Abends kam er dort cm. Er fi-mte über das flimmernde, zuckende Licht in den Straßen. Mit emem hfl ehrwürdigen Schauer stand er mitten im Wunder. Und lief bie ganje W an Cafes und Musik und Licht und duftenden Frauen voruben to dachte an Louise. Bis der Morgen graute über der Seine. Da fchttef Pt Der«ntwortlich: Dr. Han« Thhriot. — Druck und Derlag: Brühlfche UnlversitLtSdruckerei R.Lang«, Gießen. »III «w te 'Sui 3« k I i|Bt tats hiirt ' 86 N" sj ju «D h:! $ i*i M wohlhabend aus? Wenn ich jetzt dort stehen würde, mir würde matt «Z Nicht glauben... Und Gaspard läuft vier Stunden zum Dorf. Zu Philippe und den Pferden. Der gute, dumme Gaspard. Er wird größer werden und stärker und klüger. Er wird eine Marie heiraten oder ein« Madeleine. Nur nicht feine liebe, kleine Louise. Vieleicht wird er noch eine Weile eine kleine Bahnsteigkarte aufbewahren wie andre ein Bild. Und manchmal, im Kreise der Burschen, wird er sich vernehmen lassen: »,OH, Paris? Welche Stadt! Ich kenn« sie!" Und er wird geheimnisvoll lächeln. . । i)trr lf< wir |e$ in IW Der! litt M Mondstimmung. Von Christlan Morgenstern, lieber den weiten schweigenden Wäldern der Welt macht ich gleich dir, o Mond, großen Auges dahinziehn ... wenn die dämmerigen Wiesen den Geist ihrer Nebel zu dir emporwölken, und breite Gewässer schwärzliche Eilande silbern umrinnen ... wenn die Dörfer sich tiefer dem erdigen Boden schmiegen und die steinernen Städte mit weißeren Giebeln und Türmen lautlos vor deinem Angesicht schlafen. Auf die träumende Menschheit dann möcht ich gleich dir großen Auges hinabschauen und der leisen Musik ihres flutenden Blutes lauschen. *1 ** ait Kaufloden Kamerun. Von Eva Mac Le an. Der Urwald, der Kamerun gegen das Meer wbschlieht und der schon vor dem Krieg das Vordringen der deutschen Kolonisation stark gehindert hat, richtet sich auch heute noch wie ein schwer zu nehmendes Hindernis vor der eindringenden abendländischen Zivilisation auf. Ab.er es ist etwas Gutes daran, an diesem finsteren -Dickicht — es läßt auch die neue Zeit nicht herein, die neue Zeit der afrikanischen Westküste, deren düstere Vorzeichen im letzten Winter, am „Kakaostreik" der Goldküstenkolonie zu erkennen waren. Als ich aus der Fahrt nach Kamerun an Akkra, dem größten Kakaoaussuhrhasen dieser englischen Kolonie, vorbeikam und den gewohnten Landausflug unternahm, war der Kgkaokrieg gerade in vollster Blüte. Der Hafen leer — keine Lastwagen mit Katao- säcken wis sonst um diese Zeit der Kakaoernte, kein Gedränge in den Straßen — tot lag die Stadt. Und warum? Weil das Hinterland streikte, die schwarzen Kakaobauern die Herausgabe der Ernte verweigerten mit der Begründung, die großen Kakaofirmen hätten einen Trust mit der unmoralischen Absicht gegründet, den Kakaobauern niedrige Preise aufzuzwmgen. „Wer Kakao an diese Händler verkauft, wird von uns als Verräter angesehen", sagte der Oberhäuptling der Aschantis zum englischen Gouverneur, „und ich versichere Euer Ehren, daß, wenn wir dies duldeten, unsere Frauen uns auslachen würden." Am meisten erschrocken waren die Engländer über di« Disziplin, mit der dieser Streik durchgeführt wurde, der Hand in Hand mit einem Boykott der europäischen War« an der Küste ging. Kein Eingeborener trank mehr das Bier der Brauerei in Akkra — man kehrte zum selbstgemachten Palmwein zurück — kein Schwarzer kaufte etwas in den Faktoreien, di«, bis obenhin mit Waren vollgestopft, vergeblich auf Abnehmer warteten. Nachdem die Ernte zum Teil verfault, zum Teil verbrannt worden war, löste sich der Trust der Kakaofirmen auf, den die Schwarzen so wütend bekämpft hatten. Damit war der Stein des Anstoßes hinweggeräumt. Boykott und Streik — Wort«, die wir der demokratischen „Kulturwelt" vorbehalten glaubten — geistern also auch schon an der Westküste Afrikas. Aber in den Urwald Kameruns sind sie noch nicht eingedrungen, und jenseits der grünen Wildnis, bei den absolut regierenden Sultanen des Nordens, finden sie erst recht kein Verständnis. Hier herrscht — sozusagen — noch Ordnung! Wie lang«? Das ist eine andere Frage. Der reichste Mann auf Fernando Po — der dem Festland vorgelagerten spanischen Insel — ist ein Neger, der Besitzer des Elektrizitätswerkes von Santa Isabel. Es wäre denkbar, daß die Weißen dort auf einmal im Dunkeln sähen, weil der reichste Mann der Insel die Kilowattstunde noch rentabler gestalten möchte. Vieles wäre denkbar, was sich an der Westküste noch ereignen könnte. Aber, wie gesagt, in Kamerun steht der undurchdringliche Urwald schützend vor seinem Volk«, Und hinter einer dünnen europäischen Fassade güst das Leben seinen alten — man möchte sagen vorkriegsmähigen — Gang weiter. Speer zu Leibe gehen. „Rauchen Babingas Zigaretten? Oder lieber Blättertabak? Kann man ihnen Sardinen anbieten? Haben sie Salz?" Das sind bang« Fragen, die man sich stellt, wenn die Ausrüstung für den Urwaldmarsch zusammengestellt wird, denn man kehrt dem modernen Wirtschaftsleben dann fo endgültig den Rücken, daß sogar das Wort „Geld" seinen Klang verloren hat und man auf den Tauschhandel zurückkommt. Die Babingas wollten übrigens keine Zigaretten, aber für ein Kilo Blättertabak hätten sie wahrscheinlich einen ganzen Elefanten angebracht. Es ist begreiflich, daß die Urwaldzwerge für den weißen Kaufmann von geringem Interesse sind. Bedürsnislosigkeit ist der Feind der Wirtschaft. Der Wunsch, den sich ein primitiver Buschneger am ehesten in der Faktorei befriedigen wird, ist wohl ein Buschmesser, das als Waste und Axt zugleich dient. Dann schießen die Wünsche schon üppiger ins Kraut, Buntdruckstoffe zur Bekleidung ist ein ganz großer Artikel im Busch, weiterhin Sturmlaternen und Petroleum, denn die Neger sitzen nicht gern im Dunkeln. Man kann den Gang der Zivilisation förmlich daran verfolgen, was Verkaufsläden in den Städten und Flecken zu bieten haben und wie der groß« Strom Überseeischer Waren von der Küste weg in immer schmaler« Kanäle sich verästelt, bis er schließlich in einer kleinen Wellblechbude im tiefsten Busch verebbt. In Duala, wo vierhundert Weiße leben, gibt es die kostspieligsten Delikatessen, französische Kristallwaren, Parfüms, kurz und gut, Dinge, die man nicht ohne weiteres in Afrika vermutet. In Kribi mühte sich ein deutscher Kaufmann, einem Schwarzen das Fahren auf einem Motorrad beizubringen. Dreihundert Kilometer landeinwärts, in Jaunde, wird die Sache schon schwieriger, obgleich man in der Hauptstadt ist: denn das Typische für einen solchen innerafrikanischen Der- kaufsbetrieb ist, daß plötzlich die allereinsachsten Dinge ausgehen — der Nachschub trifft erst mit dem nächsten Dampfer wieder ein! „Kleine Eisennägel?" heißt es dann zum Beispiel. — „Bedaure, im Augenblick find keine mehr da, aber ein reizendes japanisches Teeservice ist gerade zu haben — und ganz im tiefsten Vertrauen — mit dem nächsten Dampfer kommt eine Kiste Rheinwein an!" Auf die kleinen Plätze mitten im Busch senden die Firmen meistens schwarze Angestellte, gelegentlich trifft man auf diesen Vorposten aber auch noch Weiße an, oft sind es Griechen, Syrier oder Armenier. In Kamerun leben ungefähr 180 Griechen, was bei einer weihen Bevölkerung von dreitausend ein ziemlich hoher Prozentsatz ist. Aus diesen kleinen Plätzen ist der Ladeninhalt fast ganz auf den Bedarf der schwarzen Kundschaft eingestellt, und gerade hier kann man am besten erkennen, daß eigentlich die ganze Welt wetteifert, die Bedürfnisse der Schwarzen an Jndustriewaren zu befriedigen. Ich habe in einer solchen Faktorei einmal „Bestandsaufnahme" gemacht — es war in Akonolinga, Sitz einer Bezirksverwaltung, wo auch noch etwa zwanzig Weiße lebten. Folgendes Ergebnis: Aus Japan kamen Bier, Buntdruck, Daumwollhemden, Zahnbürsten und Lachs, bis letzten beiden Artikel für die Europäer. Aus Frankreich Rotwein und Zigaretten, Italien hatte Wermut geschickt und Deutschland Sicherheitsschlösser, Buntdruck, Sturmlaternen und Sodawasser. Aus Amerika stammten Petroleum und Marmelade, aus England Nähgarn und Filzhüte. Schweden war durch Streichhäzer, Dänemark durch Konservenbutter vertreten. Die ganze Welt hatte sich also ein Stelldichein in diesem fernen Erdenwinkel gegeben. Es gibt natürlich eine ganze Anzahl anderer Waren, die Anziehunas- kraft auf den Schwarzen ausüben und von denen nur noch Stockfisch, Blechschüsseln und Nähmaschinen genannt seien. Die Gesichter werden jetzt immer länger, da mit dem stürzenden Franken die Preis« höher klettern und Worte wie Inflation noch nicht zum Sprachschatz des Eingeborenen gehören. Das Papiergeld lehnt er meistens ab, und man kann ihm lieber etwas weniger bezahlen, wenn man es nur in Hartgeld tut. Die Luftfeuchtigkeit und die gefräßigen Kakerlaken zerstören leicht «in Stück Papier, eine Münze aber hält ewig, die kann man sogar unbeschadet in der Erde vergraben. Besonders die französischen Nickelstücke, die in der Mitte ein Loch haben, so daß man sie auf eine Schnur reihen kann, sind sehr beliebt., Dabei haben diese Geldstück« kaum noch einen errechenbaren Wert. Zehn Centime sind noch nicht ein Pfennig. Aber Geld ist Geld, sagt der Schwarze und hamstert die runden Metallstücke, und so sind im Lauf« eines Jahres über zwei Millionen kleine Münzen in Kamerun aus dem Umlauf verschwunden. Auch das ist eine Kapitalsanlage, denn selbst wenn die Münzen einmal ganz außer Kurs gesetzt werden sollten, so können sie doch noch als Schmuck dienen, so wie auch heute noch ungezählt« Frauen mit dem Silbergeld behängt sind, das die deutsche Kolo- nialverwaktung vor dem Krieg ins Land gebracht hat. Das ist vielleicht das Reizvollste an Kamerun, daß man dort noch J einen Querschnitt durch alle Stadien der Kulturentwicklung machen kann. , M An der Küste der überelegante ober zerrissene Hosenneger, weiter hinein fl ins Land der von der Kultur schon etwas beleckte Schwarze, der noch liflj in dörflicher Gemeinschaft lebt, aber durch Schule, Mission und Auto- 111 verkehr mit der fremden weißen Welt in Berührung gebracht wurde, ' |i der z. B. noch das Hüstentuch trägt, aber sich einen Scheitel rasteren ||r i läßt. Und der entsprechend innerlich, trotz Christentum und Rechtschrei- V bung, doch noch befangen ist in der Gedankenwelt seiner Väter. Und dann haben wir noch die „richtigen Wilden" nach der Südgrenze zu, wo sich die Urwaldströme dem Kongobecken zuwenden. Da sind die Makos und di« Kokas, die freundlichen alten Menschen- fresser, die einen heute noch so wohlwollend gefräßig anblicken können, als liefe ihnen schon das Wasser im Munde zusammen beim Anblick von weißem Fleisch. 1921 ist bas letztemal dort «in Mann wegen Kannibolis- ' mus gehängt worden. Er hotte sein« zwölfjährige Tochter verspeist — ; HM und wer kann sagen, was in dem gewaltigen dichten Wald heute noch ; .2-— vor sich geht! Schließlich sind in dem Dreieck Jokoduma— Molundu — ■■ Lome die Zwerge zu Hause, bie Babingas, keine Menschenfresser, sondern die geborenen Jäger, die auch jetzt noch dem Elefanten mit dem '