Jahrgang (959 Montag, den 18. Dezember Nummer 71 Silin alles, was du hast, chni ’« ! „Ich werde etwi ja $ rige, wilde, unwillkürliche Eifersucht, A' ihn noch, wenn auch entfernt, “['«! lindet, aus der er so tief herabgestüi •L' । fflpfphrfor um foin nt f Art fit» n ieit und hört« mit einem ire Mutter habe sich eines V I»£ iel. I< t liege n hi« fetuity er alle WO M uralte lisooOt Ströme ir Öen !IÜ> t»l fr* 205 intet Dann bot er Margarete den Arm, und sie gingen fort. „Margarete", meinte Paul, „sie folgen uns. „Aber warum preßt du die Lippen so zusammen? Bist du böse? Margarete hatte Tränen in den Augen. „Du weinst?" fragte Paul. „Ach", erwiderte sie. „Arme Frau, arme Hundei Gib mir dein Geld, „„•v-----etwas behalten, um Leber zu kaufen", antwortete Paul. Margarete lief zu der Frau und schüttelte den Inhalt der Börse in ! ihre Hand; dann kam sie zu ihrem Manne zurück, der um sich blickte. „Kein Schlächter hier in der Nähe, aber wenigstens ein Bäcker." Er ging fort, um Brot zu kaufen. Die drei Hunde waren zu dem Haufen zurückgekehrt, und Paul gab ihnen das Brot, indem er freundlich mit ihnen redete. „Was du sagst, macht mich frieren, Liebster." Hunger^ hat^o^^te' »Besser, eine Mutter friert, als daß der Sohn iv Slj er, tz re H Sinin e soi| ’« kt art ja m. i » lanjei Jäixfja ,r Ä Ärieia Ä 6® Hein«® Heu Mi und i® eben iwifi* ,>11« ,itbt B und's [äruntf - er-’ Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 11. Fortsetzung. Jetzt wollten die beiden anderen Hunde sich auf den Neufundländer stürzen, aber sein Herr pfiff dem siegreichen Hunde, und mit hocherhobenem Schwanz und stolz auf seine Muskeln ließ dieser seinen schwachen Gegner heulend entfliehen; nach zehn Schritten blieb der Unterlegene stehen, um von dort aus den Sieger in seiner Sprache zu beschimpfen. Bei dem Lärm eilte ein Polizist herzu. „Was tust du hier, Kanaille?" schrie er die Frau an. „Ich werde «ich ins Gefängnis bringen, wenn ich dich noch einmal beim Schlacken- sammeln erwische." Die arme Frau antwortete nichts; sie schleuderte einen zugleich haßerfüllten und schüchternen Blick auf den Polizisten und ging langsam fort wie jemand, der an alle Beleidigungen und Kränkungen gewöhnt ist. .Lwanzigtausenü Franken, ha, ha, ha!" brach Roosje böse lachend los. Margarete hörte daraus die Eifersucht gegen ihren Mann, diese traurige, wild«, unwillkürliche Eifersucht, dieses Feuer, das in der allen Roosje brannte. Das Lachen dauerte lange Zi..... fast sanften Lächeln auf. Margarete glaubte, ihr besseren besonnen und fiel ihr um den Hals. 25. a"6! Kases7xTr '"f^ge einer unvorhergesehenen Zahlung das Geld ausgegangen Zu stolz, um seine Patienten mit Rechnungen zu belästigen, ließ er sie ganz nach ihrem Belieben das nnrh .Am nächsten Tage war sein Namenstag. Eine Woche trinten"^atten °'e e &ute ungeladen, um „ordentlich zu essen und zu Margaret« kam gegen acht Uhr in Roosjes Schlafzimmer. Als dl« alte Frau ihre Tochter angehört hatte, legte sie die Hände auf die Tür- klinke und öffnete und schloß sie unaufhörlich, als ob sie Margarete aus dem Zimmer verjagen wollt«. H Diese stand fast flehend vor chr. „Aber Mama", sagte sie, „zwei- hundert ^ranken rst doch für dich so wenig, und es ist gerade das was wir brauchen. Du hast sie und noch viel mehr in deiner Schublade " „Nicht einen Sou, Uicht einen Pfennig! Wie! Zweihundert Franken d"- Jr e n, °9n mir, die ich sechs Monate arbeiten mußte, um öne Halft«, ja etn Viertel zu verdienen! Zweihundert Franken!" vor';, o >st fern Namenstag, Mama, das kommt nur einmal im Jahre „u "var un'< alle gibt es teures Obst, Geflügel, Huhn! Und alle dies« Möbel und Bilder und euer Schloß und eure Dienerschaft! Das alles kostet nichts, mcht wahr?" Dann zeigte sie auf das Bett und die Rosenholzstühle und di« Tapeten um sich und strich darüber hin. „Und Kaschmirvorhänge und Kaschmir- spitzen — Sie waren aus Kretonne. — „Und unter meinen Füßen einen Teppich, schöner als die Decke auf dem Spieltisch im .Kaiserlichen Wappen. Und goldene Leuchter und Spiegel und chinesisches Porzellan Das ist ja ein Zimmer für eine Königin!" ... „Mama, das ist dein Zimmer. Wir haben das ganze Haus ae- plundert, um es schön zu machen." B »Das ist mir gleich! Nicht einen Franken, nicht einen Centime!" „Mama, ich versichere dir, es sind nicht fünf Franken im Haus." „Das geht mich nichts an." „Und eine Menge von Dingen sind bar zu zahlen: Obst, Gebäck und Eis!" „Obst, Gebäck, Eis!" Roosje geriet in fürchterlichen Zorn Ganz blaß und mit geballten Fausten ging sie auf ihre Tochter los: „Eis, wie! Bettlerin! Cis! Und von mir verlangst du Geld, um es zu bezahlen und es in den Schnabel dieses Bettelbruders, dieses Habenichts, dieses Fasses ohne Boden zu stecken, der sicherlich schon Schulden hat! Eis! Aber lieber drehe ich ihm mit meinen alten Fingern den Hals um! Cis! Ha! Ja, so sind sie alle, diese vornehmen Herren. Eis! Geh doch und sieh, ob dein Eis kommt! So was hat ein Schloß, Diener, so was macht Staub und bespritzt die Leute. Eis! Bezahll er wenigstens seinen Schneider? Jede Woche beinahe hat er einen neuen Anzug. Eis und Gell>- borgen! Hier sieh!" — Und sie faßte an die Falten, die der Keulenärmel ihres Kleides bildete. „Hier, das ist Baumwolle, für dreißig Centimes Schweizer Baumwolle, aber sie schuldet niemandem etwas! Bin ich jemals zu irgend jemandem gegangen wie ein kuschender Hund, und habe ich jemals das beschämte Gesicht eines Geldborgers gezeigt?" „Mama, uns schuldet man viel. Wir haben für wenigstens zwanzia- tausend Franken Außenstände..." „Mama, arme Mama", sagte sie und bedeckte sie mit Küssen. „Wirst du mich loslaffen", rief Roosje, sich aufrichtend. „Wirst du? Ich weiß, warum du mich küssest: es ist für mein Geld. Du wirst nichts davon erben, von meinem Gelde! Ich werde es als Leibrente anlegen; so wird er wenigstens nichts davon haben. Er verdient zwanzigtausend Franken! Ha, ha, ha!" „Mama, lach' nicht so, sieh dir lieber meine Bücher an!" „In die Bücher kann man schreiben, was man will..." „Mama, allein Herr von C..., der gleich hier nebenan wohnt, der Baron, schuldet ihm siebzehnhundert Franken." Roosje brach von neuem in Lachen aus: „Ha, ha! Siebzehnhundert Franken! Und wofür? Ha, ha, ha ha! Dieser Lausbub, der einen Franken für den Besuch bekommt, siebzehnhundert Franken!" „Aber Mama, das rft nur für drei Entbindungen und für die Behandlung." iK«! \r hin - »ähini iil m : di« ft mh „Ich habe ein seltsames Gefühl. Frau, wenn wir jemals einen Sohn Staben werden, was ich hoffe, so wollen wir ihn alles, was wir wissen, ehren, ihm alles mitteilen, was wir zusammen gesehen haben. Wir wollen aus ihm einen braven, starken und mutigen Menschen machen, der nützlich ist und leben kann. Wir müssen ihm die Welt zeigen, wie sie ist; die Welt, in der die Schlauheit einen Laden hat und die Kraft die Ware verteidigt. Aber unser Kind darf niemals arm sein! Niemals soll er aus der Wohlhabenheit, selbst nur vorübergehend, in Bedrängnis kommen, sonst würde er sehen, was die Welt unter der Maske ihres Lächelns an bitterer Grausamkeit verbirgt. Ach, ich wage nicht daran zu denken, Margarete. Er kann kränklich zur Welt kommen, als verschwenderischer, gedankenloser Mensch sich zugrunde richten, arm werden und ins Elend geraten. Der Arme ist ein Wesen, das von allen und immer unbestraft beleidigt, verfolgt, angegriffen und verleumdet wird. Wenn ihm noch ein wenig Stolz bleibt, und wenn er, ohne sich zu lt «1! erniedrigen, um Arbeit bittet, so wird man ihm aus dieser notwendigen ^n.3 Tugend ein Verbrechen machen, das man törichten Ehrgeiz nennt. Wenn n« weiße Wäsche und saubere Kleider liebt, so wird man ihm sagen, daß er besser täte, seinen Bäcker zu bezahlen, als soviel Geld für die Wäscherin auszugeben. Die Schwachköpfe, die ihm deshalb Vorwürfe machen, begreifen nicht, daß es gerade dieser letzte Anschein von Wohlhabenheit i Mutä ciujcmi, mit der Welt der Glücklichen Der- jnivni, ui» uei ,v tief herabgestürzt ist. Wenn er als Künstler oder , i belehrter, um sein Werk zu schaffen, von ttockenem Brot und Wasser ' lebt, so wird man ihm sagen, er täte besser daran, Soldat zu werden und ein Gewehr auf der Schulter zu tragen. Du kannst dir gar nicht ^erstellen, wie töricht und brutal meistens die Einmischung der Leute in s- ||||i Kis Leben derer ist, die leiden und die von niemandem etwas verlangen, >ls Zeit, um wieder hochzukommen. Wenn sie durch Entbehrungen und iruchilose Kämpfe am Boden liegen wie Löwen, di« an Erschöpfung hrben und nicht mehr beißen können, dann kommen alle, um ihnen Wi Eselstritt zu geben. Margarete, die Hunde, die arme Frau, die Mizei, der Neufundländer und der reiche, dicke Mann, das ist das Leben, t> wie es jetzt ist und wie es wahrscheinlich immer sein wird! Alles für Wge wenige, nichts oder fast nichts für die andern. Aber gieße keinen ßeß in das Herz deines Kindes. Sage ihm, daß der Mensch, der sich für 'groß hält, dem Tiger in nichts überlegen ist, wenn man (einen Vor- M antastet. Sage ihm, daß alle Mühe haben, ihre Nahrung zu verdienen und daß es gerecht ist, jeden feine Nahrung verdienen zu lassen. I GiehelmAmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger „Siebzehnhundert Franken? Aha, vielleicht muhte er t*c gnädige grau von einer Kathedrale entbinden." , Ich bitte dich, Mama, lah mich nicht m Verlegenheit. Nichts nicht einen Centime; du hast deine alte Mutter um einen Taugenichts, um ein Faß ohne Boden verlassen, und nun kommst du in seinem Austrage, denn du kommst in seinem Austrage... „Mama, für wen hältst du ihn?" „Ich halte ihn für das, was er ist, für einen Mann ohne Ordnung, der dich und deine Kinder an den Bettelstab bringen wird." „Aber, Mama, denke doch an die Eingeladenen, die kommen werden. Man wird glauben, daß wir arm seien, wir werden unser Ansehen einbüßen, Paul wird seine Patienten verlieren; also, sei gut, Mama, gute, ^Margarete ergriff sie bei den Händen und bedeckte sie mit Küssen. Roosje ließ es geschehen. Einen Augenblick lang war sie gerührt, ihre Züge entspannten sich, und sie betrachtete ihre Tochter, wobei sich ihre Augen ein wenig feuchteten; aber der unbeugsame Haß der armen Eifersüchtigen wachte im Herzen der Mutter. Sie lächelte noch einmal, aber diesmal ein schreckliches Lächeln, und sagte mit einer wilden Nutze: „Weiht du, was man tut, wenn man keine zweihundert Franken hat und viele Lebte eingeladen hat? Man geht zum Bäcker, bestellt ein großes Schwarzbrot, Rettiche und ein Viertel Butter, weil man ein großes Fest geben will. Jeder der Eingeladenen erhält eine große Schnitte, eme Scheibe Rettich, Pfefser und Salz. Man sagt ihnen: ,Das Fest ist heute ein wenig mager, wir sind arm. Aber an dem Tage, wo wir es uns leisten können, zweihundert Franken aus dem Fenster und in eure Mäuler zu schmeißen, werden wir euch benachrichtigen!"' „Mama, ich bitte dich!" „Nichts, nichts, nichts, nichts!" „Mama!..." „Willst du fünszig Centimes?" In diesem Augenblick läutete es am Gittertore des Landhauses. Einige Augenblicke später Hopfte das Mädchen an die Tür von Roosjes Zimmer. „Ist die gnädig« Frau hier?" fragte sie. „Ja", antwortete Margarete, die hinter der Tür stand, und zeigte sich. „Der Diener des Herrn Baron hat eben dieses Päckchen für den Herrn Doktor oder die gnädige Frau gebracht." Zitternd öffnete es Margarete. Im Umschlag lagen sünfzehn Hundertsrankennoten der Bank von Frankreich und vier grün« Noten zu fünfzig Franken der Belgischen Nationalbank. „ , , L „Ach, Mama, wie froh bin ich setzt, sagte Margarete, als sie die Quittung ausstellte. „Du siehst jetzt wohl, daß ich nicht gelogen habe, Mama." Sie fiel Roosje um den Hals, di« sich enttäuscht die Lippen biß, aber doch an dem Festessen teilnahm und für Paul fast etwas wie Achtung bekommen hatte. 26. . Von ihrer Schönheit und Jugend berauscht, schritten Paul und Margarete sorglos durch das Leben. Sie liebten sich wie Kinder, suchten sich, flohen sich, liefen im Haus, im Garten und überall hintereinander her. Sie spielten. Wenn es läutete, und Margarete wollte in Abwesenheit des Mädchens öffnen, so folgte Paul seiner Frau, und Roosje hörte Ster der Tür auf dem Vorplatz das Geräusch zweier lauter Kusse. nn Roosje diese schöne Liebe sah, tauchte ihre Vergangenheit vor ihr auf. Auch sie hatte geliebt, auch sie war glücklich gewesen. Sie erinnerte sich besonders eines Tages, den sie mit ihrem Geliebten, der später ihr Mann wurde, auf dem Lande verbracht hatte. An einem Jahrmarktstage gingen sie über die Felder und ließen den Festplatz, der sich am Ufer eines Teiches befand, weit hinter sich und mit ihm das Fiedeln, das Bumbum und Trara von Geigen, Trommeln und Trompeten. Lange gingen sie ziellos durch blühende Kornfelder und über Landwege, unter dem weiten Himmel mit feinem ausgedehnten Horizonte. Ein Gewitter drohte, und es begann schon dunkel zu werden, als sie wieder zum Jahrmarktsplatze zurückkehrten. Sie setzten sich auf eine der für Spaziergänger bestimmten Bänke und betrachteten von dort, Hand in Hand, träumerisch das herrliche Schauspiel, das die Teiche barboten; alles erschien ihnen wie ein Rahmen für ihre Liebe. Das Becken des einen der beiden Teiche lag höher als das des anderen. Ein Deich trennte sie. Im unteren zitterten die Schilfwedel im Hauche der lauen Brise, im oberen glänzte klares, tiefes Wasser. Beide Teiche waren' von Ulmen und Pappeln umgeben, und in einigen Winkeln, durch die unregelmäßigen Ufer gebildet, standen Weiden und Akazien, aus denen hier und da das rote Dach eines Landhaches oder der schlanke Umriß eines kleinen Holzhauses sich abhob. Der Himmel erschien stahlblau, die Sonne war nahe daran, in den violetten Wolken unterzugehen, und am Horizont, hinter dem sie bereits die Halste ihrer Scheibe verbarg, öffnete sich ein riesenhafter Strahlenfächer in die Unendlichkeit. In den Buden wurden die Lichter angezündet, die, im Wasser sich widerspiegelnd, langen feurigen Schlangen glichen. Der Lärm der Trompeten und Trommeln, die Rufe der Schausteller, der Papageien, Adler, das Brüllen der Löwen und Knurren der Tiger, die in den Buden eingeschlossen waren, wirkte betäubend. Die mit rotem, von Metallplättchen besetztem Stoss ausgeschlagenen Karusselle drehten sich schwindelerregend und boten mit ihren Lichtern einen feenhaften Anblick. Männer, Frauen, Mädchen und Knaben lachten, pfiffen, fangen; es war das seltsame Geräusch der Massen, bei dem immer der rohe Ton überreizter Leidenschaft vorherrscht. Sie blieben auf ihrer Bank allein, in sich selbst und ihre Liebe versunken. Leute aus allen Kreisen gingen an ihnen vorüber, unter anderen auch ein« junge Frau. Sie führte zwei Kinder und ging am Arm ihres Mannes. Hinter ihnen kamen zwei sehr aufgeregte Dienstmädchen, die von toller Lustigkeit wie besessen waren. Im Vorübergehen warfen sie verzehrende Bücke aus den" Gesiebten Roosjes, die still unb nicht ohne einen gewissen Stolz unter den Blicken dieser beiden Bacchantinnen litt. E, folgte eine Frau von etwa fünfzig Jahren, lang aufgeschossen, trocken und mager; die ganze Bande gehörte zusammen. Die Frau warf auf Roosje einen Blick, der verächtlich fein sollte, aber nur neidisch war, und sagte bitter: „Das ist der Liebesweg." Roosjes Bräuttgam hatte t* nicht gehört, aber Roosje wiederholte es ihm. „Was kann uns das ausmachen", sagte er, ,I>ese Frau ist eifer« süchtig.aubst daß alle Frauen eifersüchtig sind?" fragte sie. „Ja, und du noch mehr als die andern." Das war richtig. , . . Sie standen auf und gingen langsam weiter, um eine stillere Cu» samkeit aufzusuchen. Sie stützte sich gern auf seinen starken Arm, indem sie beide Hände faltete und mit Freud« das Spiel seiner Muskeln fühlte Er knallte beim Gehen mit den Fingern wie mit Kastagnetten und sagte plötzlich: „Ich habe mich verbrannt.' „Me, verbrannt?" fragte sie und tat, als ob sie nicht verstünde. * Er tat einen langen Seufzer und antwortete: „Ja, und ich liebe dich! „Wohin geht dieser Seufzer?" fragte sie. „Zu dir!" „Und auch zu andern?" m .. D nein du kennst mich nicht! Man kann einen gemeinen Menschen für' einen Augenblick lieben, wenn seine Form schön ist, und ihn dann gleich verlassen." — Er war Bildhauer. —* „Aber du, in dir ist mein Herz, mein ganzes Sein. Oh, ich lieb« dich!" Und er küßte sie zärtlich mit jenen zarten Küssen, die mehr sind als Sinnenliebe. „Ich liebe dich wegen deiner Güte, wegen deines Mutes. Sie arbeitete wie ein Pferd, mehr als ein Pferd, vierzehn Stunden täglich. „Ich liebe dich wegen deines guten Herzens und weil bu Seine Stimme umschmeichelte sie, als ob sie den Wein der wahren ■ Liebe, die ganz Güte, Liebkosung und Bewunderung ist, mit allen Poren in sich ausgesogen hätte. Auch sie war „verbrannt" und lieh sich bewundern. Sie bogen in einen der kleinen, von Liebenden gern gesuchten dunklen Fußwege ein, der sich bei dem Dunkel der Nacht ins Leere zu verlieren schien. Hinter ihnen ertönte durchdringender fiarm aus den Buden, deren Besitzer alles in Bewegung setzten, um den Zuschauern mit schreienden Farben in die Augen zu springen und den Zuhörern durch das wilde Schlagen der Trommeln und den grellen Ton der Blechmusik die Ohren zu zerreißen. . Sie fühlten sich im Schweigen, in der Lieb«, in der Nacht. Langsam schritten sie, dicht aneinander gedrückt, dahin. Wollüstig« süße Berührung! , .. , . ' „Niemals", sagte sie ein wenig zitternd, „sind wir so weit in bet. Dunkelheit gewesen." „Ich bin bei dir, gut für zehn Mann und bewaffnet. Sie wußte, daß er nicht bewaffnet war; aber ihre Hand, di« sich aus seinen Arm stützte, fühlte die Bewegung feiner Muskeln, hart wie Eisen. Neben ihnen im Teiche, der ruhig wie eine silberne, an einigen Stellen blind gewordene Platte batag, spiegelten sich die Schattenbilder der Bäume wider, die rote, goldglänzende Leinwand der Karussells, M bei Bewegung des Wassers zitternden Lichter und der graublaue Himmel an dem bleiche Sterne schimmerten. Sie blieben stehen. Die Nacht hüllte sie in ihren Schatten. St« betört Furcht vor ihm. „Wollen wir uns die Buden ansehen?" sagte sie. „Ich liebe die Menge nicht", erwidert« «r, „bleibe bei mir!" Sie wollt, «s nicht, weil sie die eigene Furcht und die Furcht vor den Leuten, b« vielleicht hinzukommen könnten, nicht zu beherrschen vermochte. Sie stell!« sich deshalb zornig und sagte mit Frauenlist: „Niemals zeigst du mit etwas. Ich bin immer ganz allein. Bring' mich doch zu den Duden! Und so gingen sie wieder zum Jahrmarktsplatz, einer wahren Teufelsherberge von Seiltänzern, heulender Blechmusik, Lärm und Licht. S« waren von diesem Treiben noch ziemlich weit entfernt und fast allein auf der kleinen Straße, di« am Teich entlang führte. Roosje neigte bei Kopf und wurde traurig, was er sogleich bemerkte. „Schon wieder", sagt« er mit fünftem Vorwurf. „Ich hab« auch Kummer, aber vergesse ich ihn nicht bei dir? Mut, Rose!" „Du bist ein Mann!" „ „Das weiß ich wohl, aber weil ich ein Mann bin und dich siebe, 1° mußt du mir gehorchen. Willst du jetzt gleich lachen, aber sofort?!!" &'< lachte und fiel ihm um den Hals. Die Siebe gewann bei ihr die Oberhaus. Der Lärm und das Licht der Buden wurden immer deutlicher. mischten sich unter die Menge. Sie wollt« in der ersten Reihe stehen. der sonst sonst, wenigstens ziemlich sanft war, wenn er sich allem befand packte, wenn er sie am Arme führte, die Wildheit eines Hahnes, dem feine Hennen folgen. Die Menge öffnete sich vor ihnen. Vor einer prächtigen Bude blieben sie stehen. Zunächst sahen sie Po< dneU ganz in schwarzem Samt mit Flittem; er ging aus den Absatzes di« Schuhspitzen in der Luft; dann kam die Mutter ©igogne und Nein« schwarzgekleidete Kerle mit roten Gesichtern, die um fk herumttinzmo Hierin lag irgendein« Anspielung, die die Menge zum Lachen brudjp, besonders der enge Gürtelumfang dieser kleinen Männer und di« ihrer dicken Gesichter. , Dann verschwanden sie, hinweggedreht wie eine Windhose. S)ier der Windhose hinweggeführt und erhob sich bis zur Decke der Buyu- Die Menge klatschte von neuem. Der Vorhang senkte sich, eine üanöiap' zeigend, die nur Häuser mit schwarzen Ziegeln darstellte, die sich rotem Rasen und einem schokoladefarbenen Himmel abhoben. (Fortsetzung folgt.) Lichtnacht. * Don Herbert Böhme. Allen Nächten Sterne leuchten, dieser Nacht sei du das Licht. Gib den Glanz aus deinen feuchten Blicken, bis der Schmerz zerbricht unter soviel heiliger Helle dem Verschenken zugetan, bis sich dir vor ärmster Schwelle wird der Weihnacht Wunder nahn. Steht dein Herze ganz in Gnade nur von Freuden hell erglüht, des Gesanges Wort belade dann mit Liebe, bis es blüht. O, dies Wunder, Stern zu werden, o, dies glücklich frohe Sein. Geht ein Leuchten über Erden. Erde gcht zum Himmel ein. Denkwürdige Weihnachten. Von Hans Sturm. Drei Weihnachtsereignisse legten in alter Zeit den Grund zur kulturellen Zusammenarbeit der germanischen und römischen Welt: der Uebertritt des Frankenkönigs Chlodwig zum Christentum (496), die Bekehrung des Sachsenherzogs Widukind zur christlichen Lehre (785) und die Krönung Karls des Großen am Christtag des Jahres 800 zu Rom. Von der Elbe und der Raab bis zum Ebro, von der Eider bis über den Tiber reichte die Macht des Frankenkönigs, als er im Advent 800 in Rom einzog. In der feierlichen Christmette kniete der Frankenherrscher in der Peterskirche vor dem Hochaltar, umgeben von seinem Heergefolge; während der Papst ihm die Krone aufsetzte, stimmten die Römer in den Ruf ein: „Carolus Augustus, dem gekrönten, friedbringenden Beherrscher des Römischen Reiches Deutscher Nation — Leben und Sieg!" So huldigte Rom, die neue Zeit ahnend, der nordischen Macht. Unter den Nachkommen Karls des Großen zerfiel dessen gewaltiges Reich, und erst unter Otto dem Großen wurde es wieder hergestellt, allerdings nicht in demselben Umfange. Dieser Herrscher wählte den Weihnachtstag als „Tag des Hofes", an dem er Reichstage abhielt und Entscheidungen traf. Den Christtag des Jahres 941 verschönerte er durch eine Feier, auf der er sich mit seinem Bruder Heinrich, der nach mehreren mißlungenen Aufständen um Gnade bitten mußte, versöhnte; im Dom zu Quedlinburg wurde die Aussöhnung vorgenommen. Schlimme Zeiten waren es, als Karl IV. zum Kaiser gewählt wurde. Gesetz- und Rechtlosigkeit herrschten, und was die herumstreifenden Söldner- Horden nicht fanden, raffte der aus dem Süden eingeschleppte schwarze Tod, die Pest, hinweg. Um Ordnung zu schaffen und Zerwürfnissen mit den Fürsten vorzubeugen, erließ der Kaiser am Weihnachtstage 1356 die „Goldene Bulle", jenes berühmte Reichsgrundgesetz, das rund ein halbes Jahrtausend als deutsche Verfassung gedient hat; dieses Gesetzwerk, das seinen Namen von der Kapsel (bulfa aurea), jn der sich das angehängte kaiserliche Siegel befand, erhielt, regelte die Stellung der sieben Reichsfürsten, die zur Wahl des Kaisers berechtigt waren, und verlieh ihnen fast völlige Landeshoheit. „ Am Heiligen Abend des Jahres 1530 setzte Nikolaus Kopernikus, der Frauenburger Domherr, den Schlußstrich unter ein Werk, an dem er viele Jahre in aller Stille gearbeitet hatte, und nannte es „De revolu- tionibus orbiutn coelesticum“; in diesem astronomischen Werke widerlegte er das bis dahin gültige geozentrische System des Ptolemaus der annahm, die Erde sei der Mittelpunkt des Weltsystems, und setzte an seine Stelle das heliozentrische System, das die Sonne als Mittelpunkt ansteht, um die sich die Erde und die anderen Planeten bewegen. Aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung und auf feine Gegner, zu denen auch Luther und Melanchthon gehörten, ließ er es erst kurz vor feinem Tode (1543) auf Zureden von Freunden drucken. r s , Im Spanischen Erbfolgekrieg hatte das bayerische Oberland als Schlachtfeld gedient; bei Höchftedt wurde des Landes Schicksal entschieden, der Fürst mußte fliehen, und schwer lastete die Hand der Eroberer In den stillen Schneenächten des Winters 1705 liefen Mahnboten von Dorf zu Dorf, von Gehöft zu Geböft, das Volk zum Befreiungskampf aufzurufen. Die versteckten Waffen wurden verteilt, und hier und da wurden die Oesterreicher vertrieben. Nun zogen 5000 Bauern gegen München, stürmten um Mitternacht den Brückenkopf an der Isar and drangen in die Stadt; doch die von den Feinden entwaffneten Münchner konnten ihnen nicht helfen. Die Oberländer wurden zuruckgescylagen, stellten sich aber bei Sendling en noch einmal. Sie -wurden m der Christnacht 1705 umzingelt, und wer nicht fliehen konnte, starb den Heldentod. So endete der bayerische Bauernkrieg unter den Sternen der Weihnacht. Im Dezember 1745 war der z w e i t e S ch l e s l s che K r i e g zu Ende, Dresden hatte kapituliert. Es schien zweifelhaft, ob Diedrich der Große jetzt noch unter den damaligen Bedingungen Frieden schließen wer . Aber er blieb dabei. „Ich habe wohl nur noch em Dutzend Jahre zu leben , sagte er, „und will diese ruhig hinbringen und an dem Gluck meiner Untertanen arbeiten. Das ist mähre Große. Ich ? „ur daß Waffen greifen, als zu meiner Verteidigung. Co forderte er nur O B ihm der Besitz Schlesiens nochmals zugestanden werde- »nd noch am erf Weihnachtsmorgen des Jahres 1745 wurde der Fr.edensfchlutz m <- - i«•" Frankfurt a. M. den spateren König F! r l e b r i 4be5fe!ben Jahres verlobte sich im April mit ihm und zog am 22. Dezemoer oesi« x. als Braut des Kronprinzen von Preußen in Berlin ein. Am Heilige« Abend wurde das Paar im Weißen Saal des Schlosses vor dem Alta» getraut. Als Königin gewann Luise die Herzen ihres Volkes. Drei Weihnachten verlebte sie mit ihrer Familie auf der Flucht vor dem Korsen, der durch seinen Sieg in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz und den merkwürdigen Frieden, den Oesterreich zu Preßburg am zweiten Weihnachtstage des Jahres 1805 abzuschließen gezwungen wurde, auf der Höh« feiner Macht zu stehen schien. Kurz vor ihrem Tode (1810) schrieb di« Königin Luise einer alten Freundin: „Ich weiß es, meine Liebe, nut wenige Winter noch, und Preußen ist frei!" Ein düsteres Christfest erlebte Napoleon 1812 nach seiner Flucht aus Rußland. Präsident von Schön berichtete aus Gumbinnen, wo er den Durchzug der zusammengebrochenen „großen Armee" gesehen hatte, nach Berlin: „Seit Terxes ist ein gleicher Rückzug einer großen Armee nicht geschehen!" Erst am zweiten Weihnachtstage brachten die Berliner Zeitungen ein Bulletin Napoleons über den Untergang der „Großen Armee", das, nachdem die früheren Erklärungen alle gelogen hatten, auf die Wahrheit vorbereiten sollte. Dabei war der Kaiser bereits am 18. Dezembe« als Flüchtling in Paris eingetroffen. Am Tage nach der Veröffentlichung des Bulletins erfuhr man in Berlin, daß in der zertrümmerten Arme« etwa 200 000 Deutsche gewesen waren. Ueber die „weihnachtliche Stimmung" in Berlin schrieb Professor Heinrich Steffens: „Jeder erwartet« einen großen Augenblick und schien für ihn gewafsnet. Und doch wat der Moment der Tat noch nicht da, aber sie war schon im Innern viele» tausend Gemüter, die den Tag der Tat sehnsuchtsvoll erwarteten." Fritjof Nansen schildert eine Weihnacht im hohen Norden in seinem Werke „I n Nacht und Eis" mit schlichten Worten: „24. Dezember minus 24 Grad. Heute ist also Weihnachtsabend. Kalt und windig ist es draußen, kalt und zugig hier drinnen. Wie einsam es ist. Noch niemals haben wir einen solchen Weihnachtsabend gehabt. Nun läuten zu Haus di« Glocken ... Jetzt werden die Lichter angezündet, die Kinderschar wird hereingelassen; in Freude und Jubel tanzt sie um den Baum. Wenn ich wieder nach Hause komme, muh ich ein Weihnachtsfest für Kinder veranstalten ... Auch wir mit unseren ärmlichen Mitteln feiern ein Fest, Johannsen hat die Hemden gewechselt, indem er das äußerste Hemd zuerst anlegte. Ich habe dasselbe getan und dann die Unterhosen gewechselt^ um andere anzuziehen, die ich in etwas warmem Wasser gewunden habe« Auch ich habe mich in warmem Wasser gewaschen und fühle mich als ganz neuer Mensch. Die Kleider kleben mir nicht mehr so stark am Körper ... Zum Abendessen hatten wir Fiskegraiin aus Fisch und Maismehl, mit Tran anstatt mit Butter gebacken und gebraten, und zum Nachtisch in Tran geröstetes Brot ..." UeberaU, wo Menschen des Heiligen Abends gedenken, steht, damals wie heute, „der große milde Weihnachtsftern". Erfüllunq. Von Hermann Walter Kaden. Den ganzen Tag über ist Schnee gefallen. Jetzt, am Abend, rieselt et nur noch ganz zart hernieder, als sei das Wolkenbett, das grau und dicht über der Stadt hing, fast leer geworden und schütte die letzten Flocken aus. Im Schein der Laternen glitzern die Schneekristalle Der Lärm der Straßen klingt sehr gedämpft, wie wenn alles Pantoffeln trüge uni» sich hüte, ein lautes Wort zu reden. Aus den letzten Läden eilen verspätete mit Päckchen beladene Weihnachtskäufer nach Haufe. Hin und wieder schleicht einer mit einem Tannenbäumchen unter dem Arm an den Häusern entlang, das Gesicht fast ganz in den aufgestülpten Mantelkragen versteckt, als schäme er sich, daß der Baum heute am Heiligen Abend noch nicht lichtergeschmückt und behangen in festlicher Stube steht, Es wird immer leerer in der Stadt. Die Läden löschen ihr lockendes Licht, während in den Häusern immer mehr Fenster sich erhellen. In den Straßenbahnen sitzen nur wenige Fahrgäste. Alle Menschen zieht es heut« ins Haus. In der Vorstadt, in der Heinrich Beltmann wohnt, ist es säst kirchen- still. Hier liegt der Schnee in manchen Straßen noch unberührt und das Gehen macht Mühe. Beltmann kommt nur langsam vorwärts, doch «r hat keine Eile, es ist, als strebe er nur widerwillig feinem Ziele zu. Dort steht endlich das Haus, in dem er seit achtzehn Jahren wohnt. Er steigt langsam die knarrenden, schlecht beleuchteten Stiegen hoch. Aus den Türen, an denen er bis zum dritten Stock vorüber muß, bringt Geruch von Tannenharz und Weihnachtsgebäck. Manchmal, wenn gerade innen eine Zimmertür geöffnet wird, erschallen freudig erregte Stimmen ober Frauen- und Kinderlachen. Beltmann durchzuckt es bann und er bleibt für einen Augenblick an der Treppe stehen und lauscht. Aber dann macht er eine Bewegung, als schüttle er etwas ab, und geht weiter. Oben im dritten und letzten Stock brennt das Licht besonders schlecht. Man kann kaum das Namensschild lesen. Seltmann klingelt nicht. Er sieht mit ängstlich-erwartungsvollem Blick nach dem Gitter des Blechbriefkastens 'Doch da blinkt nichts Weißes, kein Brief, keine Karte, nichts. Er zieht einen Schlüsselbund aus der Hosentasche unb schließt die Wohnungstür auf Kühle weht heraus. Er knipst bas Licht auf dem kleinen Korridor an, legt Hut unb Mantel ab, zieht bie burchnäßten Schuhe aus und schlüpft in bie Filzschuhe, die vor dem einfachen Kleiderständer 'tehn. Dann öffnet er die Stubentür, läßt bas Licht in dem Zimmer angehen unb dreht den Flurschalter ab. Auch die Stube ist kalt. Ader im eisernen Ofen liegen schon Papier, Holz unb Kohlen, bie schichtet Beltmann immer am Morgen hinein, ehe er auf feine Arbeit gcht. Das Feuer prasselt. Dalb ist das Zimmer mollig warm. Die kleine Stube ist einfach, doch behaglich eingerichtet. Tisch, Kommode, Schrank, Kanapee, Es riecht auch hier nach Nadelharz unb Weihnachtsgebäck. In der Ecke auf dem Fußboden steht ein kleiner, mit Kerzen, Glaskugeln und Lametta geschmückter Tannenbaum. Beltmann tritt an den Tisch, nimmt bie geblümte Decke herunter, faltet sie fein säuberlich zusammen, glättet sie mit ber Hanb, und leat sie in den oberen Kommodenkasten. Nun nimmt er aus dem unteren ein weißes Tischtuch heraus und breitet es sorgfältig über den Tisch. Dann holt er das Tannenbäumchen und stellt es in die Mitte des Tisches. Den rohhölzernen Kreuzfuß umwickelt er mit einer kleinen weißen Decke. Hierauf zieht er die mittlere Schublade auf. Mit leis zitternder Hand trägt er verschieden« Sachen behutsam hinüber zum Tisch, sedes Ding einzeln, und breitet es auf der reinen Fläche aus: einen seidenen Schal, ein Paar braune Lederhandschuhe, eine dünne golden« Kette mit einem Herzen daran, einen roten Lackgürtel, ein Stück bunten Kleiderstoff. Alles für ein« Frau bestimmte Geschenk«. Sie sind noch nicht getragen, aber sie sehen irgendwie zeitberührt aus, als wären sie nicht mehr ganz neu. Zwischen die Geschenke verstreut Beltmann Süßigkeiten — Gebäck, Schokolade, Marzipan —, und kleine Tannenzweige. Prüf«nd überschaut er sein Werk, rückt noch hier einen Zweig zurecht, dort einen Zucker- kringei. Sein Blick ist wehmütig-ängstlich, als fürchte er die Enttäuschung, die ihn auch heute wieder narren wird. Und doch leuchtet ein kleiner Hoffnungsstrahl aus den dunklen, müden Augen, scheu wie ein vom Wind geducktes Licht. Er hebt die Hand, als möchte sie die ausgebreiteten Geschenke noch einmal liebend berühren, — aber er zögert mitten in der Bewegung, denn er merkt, wie ihm die Lider feucht werden. Da kramt er aus feiner Tasche die Streichholzschachtel und zündet behutsam die Kerzen an. Als der Baum im heimlichen Glanz erstrahlt, löscht er das Zimmerlicht. Er schaut ein« Welle verloren in den Schimmer hinein. Dann setzte er sich auf das rotplüschen« Kanapee, legt die Hände gefaltet aufs Knie und wartet, ob nicht die Flurglocke tönt... So wartet Beltmann seit fünfzehn Jahren auf seine Frau Marie, die ihn kurz vor dem Weihnachtsfest, eines anderen Mannes wegen, verlassen hat. Seine Not wächst mit diesem Fest, aber auch seine Hoffnung, li« möchte gerade am Heiligen Abend zu ihm zurückkehren, klammerte sich daran, bis sie freilich mit den Jahren immer ängstlicher und verschüchterter wurde. Die kleinen Geschenke hatte er ihr damals zugedacht. Die Kette, die Handschuhe und der rote Lackgürtel sind noch dieselben; nur den Kleiderstoff hat er dreimal erneuern müssen, er brach an den Faltstellen durch. Beltmann wartet also, und es ist natürlich, daß er an nichts anderes denken kann, als an seine Frau Marie. Er sieht die drei Jahre vor sich, die er mit ihr verlebt hat, die seine glücklichsten waren, wenn er auch später erfahren mußte, wie wenig Marie mit ihm glücklich war. Es hat ihn damals tief erschüttert, als sie von ihm ging und er hat ihren Schritt verdammt und alle Schuld auf sie gehäuft. Mit der Zeit aber nahm er immer mehr Schatten von ihr auf sich. Er war doch wohl zu still und einfach für sie, die Lebhafte, nach dem Leben Verlangende gewesen. Zu sehr in sich gekehrt, zu wenig der Welt zugewandt. Das war sein Fehler, und ein Fehler ist immer Schuld. Die Jahre vergeblichen Wartens hatten ihn freilich nicht anders gemacht, dych auch an Marien würden sie nicht ohne Spur vorübergegangen sein. Vielleicht war sie gesätttgt und verlangte nach Stille und Geborgenheit. Vielleicht kam sie wieder zurück. Wenn er tagsüber bei seiner Arbeit war, kam ihm seine Hoffnung selbst närrisch vor. Aber diese Narrheit war es, die ihm noch das Leben lebenswert macht«. Er mußte eingenickt sein, denn er schreckte plötzlich empor und wußte im Augenblick nicht, wo er war. Irgendein Laut hatte ihn wachgemacht. Er rieb sich die Augen, das Licht des Tannenbaumes blendete ihn. Alles blieb still. Er war allein in großer Einsamkeit. Jetzt schreckte er wieder zusammen ... draußen an der Tür läutet« es! Er wagte noch immer nicht zu glauben, daß es Wirklichkeit sei. Wer anders konnte Einlaß begehren, als Marie. Er stand auf und legte die Hand aufs Herz, so schmerzhaft hart schlug es ihm gegen die Brust. Er hätte fliegen mögen, doch die gestaute Erwartung lähmte ihn wie eine ungeheure Last. Mit schleppendem Schritt durchmaß er den kleinen Korridor, nachdem seine zitternde Hand das Licht angedreht hatte. Seine Schläfen pochten. Heiß und kalt lief es ihm über den Rücken. Er riß die Tür auf, sah im schlechten Lampenschein eine weibliche Gestalt, wollte schreien: „Marie!", da bemerkte er, daß es ein Kind war, das vor ihm stand und er tastete nach der Wand, so schwach machte ihn die erneute Enttäuschung. Während dem sprach das Mädchen mit leiser Stimm«: „Sind Sie Herr Beltmann?" und als er schwach nickte, „bann soll ich Ihnen diesen Brief geben." „Von wem?", fragte Beltmann noch immer verstört und abwesend. Da fing das Kind zu meinen an und neigte das Gesicht in deki Zip el des braunen Tuches, das seinen Kopf umhüllte. Belttnonn sah, wie ärmlich es gekleidet war und daß es vor Kälte zitter» „Komm' herein", sagte er freundlich, „du kannst drinnen auf Antwort warten und dich dabei wärmen." Das Mädchen wischte sich das Gesicht, dann wickelte es das Tuch vom Kopfe. Beltmann nahm es ihr ab und sie traten in die wanne, festliche Stube. Als das Kind, betroffen von soviel Glanz, an der Schwelle stehen blieb, führte es Beltmann in die Nähe des Ofens und nötigt« es in einen Stuhl. Noch voller Unruhe, öffnete er den Briefumschlag. Ein kleiner Zettel lag dann. „Nimm dich des Kindes an, Heinrich. Du warst immer aut zu mir. Vergib. Marie." Beltmann starrte den Zettel an, bis die Buchstaben vor seinen Augen tanzten. Mariell Sie lebte, war nah! Aber warum kam sie nicht se'lbtt zu ihm? 1 Er sah zu dem Mädchen hin. Es hatte der Mutter Gesicht, ihr blondes Haar. „Wo ist deine Mutter?", fragte er ängstlich, Da fing das Kind wieder zu weinen an. „Mutter ist tot, schluchzt« es. Weltmann zuckte zusammen. Er mußt« sich setzen. „Seit wann?" fragte er endlich. Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lang«. — Druck und Verla „Seit einer Woche. Im Krankenhaus." Das Mädchen nannte eine klein« Stadt, nahe der Grenz«. „Und wie heißt du?" . .Marie." Beltmann schluckt«. Es bauerte lange, bis er die Frag« stellte, vor der er Furcht empfand. „Wie alt bist du Marie?" „Dreizehn Jahr«." . " Die Worte schlugen wie Keulen auf ihn ein. Also des anderen Kind, nicht das feine, wie er gehofft. Er stand auf, drehte Marien den Rücken zu und ging ans Fenster. Sie war also tot, war nicht zu ihm zurück- gekehrt, schickte ihm aber ihr Kind, dessen Vater der ander« war. Sein Herz füllte sich mit Bitterkett. Hatte sie ihm durch ihr Fortgehen noch nicht genug Leid angetan? Mußte er auch noch diese neue Kränkung ertragen? Er sah durch die Scheiben. Es hatte mit schneien aufgehört. D1« Straße und die weiten FeDer lagen unter dem stillen, ebenen Weiß. Dunkel, fast schwarz, stieg der Himmel aus der Helle empor. Sternengespickt hob er sich über die Welt, als behüte er sie in Frieden vor Leid und Ungemach. Des Mannes Gedanken aber waren ruhelos. Des anderen Kind. Wo mochte dieser Ander« fein? Hatte sich das vergeltende Schicksal auch an Marien erfüllt? War sie einfam und verlassen gestorben, wie er einsam und verlassen gewesen war, und auch einmal sterben würde? Er erschrak vor der bösen Fährte, auf die ihn sein Unmut gelockt. Schickte ihm die Tot« nicht ihr Kind? Sprach nicht ein fast übermenschliches Vertrauen zu ihm aus ihrer Ditte. Sie hatte fein Herz im Tode erkannt und legte ihr Kind, ein Stück von ihr, in feine Hut. Er hatte sie geliebt, konnte er ihr diese Liebe schöner beweisen? Beltmann wandt« sich ins Zimmer zurück. Das Mädchen hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt und schaute mit großen Augen auf den gaben« gedeckten Disch. „Willst du bei mir bleiben, Marie?", hört« sie jetzt des Mannes freundliche Stimme. r < „3a, sagte sie leise/ „ich bliebe schon." Sie schloß die Augen, als blende sie plötzlich der Helle Glanz. Ihre Brust atmete erregt, als quälten sie schlimme Erinnerungen. Dann stand das Kind rasch von seinem Stuhl auf, faßte Beltmanns Hand und legte seine heiße Wange darauf. Er wehrte ihr verlegen und unbeholfen. Fast stand er selber scheu wie ein Kind neben ihr. Lächelnd legte er seinen Arm um ihre Schulter und Mrte sie an den Tisch. „Das gehört alles dir, Marie." „Mir?", jubelte das Mädchen. „Ja, und nun mußt du Vater und du zu mir jagen." Marie lachte und meinte in einem zugleich, nahm die Geschenke einzeln vom Tisch, strich mit leisen Händen darüber hin, legte sie wieder an ihren Platz und dankte mit glücklicher Herzlichkeit Dann aber stutzte sie. Ein Gedanke gewann über sie Macht. „Wußtest du denn, daß ich kommen würde?" Beltmann senkte den Kopf. Seine Augen schimmerten. „Ich wußte es", antwortete er. „Seit fünfzehn Jahren wartete ich auf die Erfüllung." „Seit fünfzehn Jahren?" Das Kind sah verständnislos zu ihm empor. Er wollte zu ihm reden, ihm seine seltsamen Worte erklären. In seiner Seele klang alles hell, was er ihr hätte sagen können: Verstehen kannst du das jetzt noch nicht. Das will seine Zeit. Jemand ging von mir unb jemand kam heute zu mir zurück. Ich hoffte lange. Die Hoffnung ist der Lichtschein im Leide sdunkel der Menschen. Wenn sie töricht ist, erfüllt sie das Schicksal nicht, ober auf eine andere Art. Ich" liebte deine Mutter Marie, und wartete auf sie. Nun bist du, bas Kind Marie, gekommen und ich werde dich hegen, wie es die Hoffnung der Toten war. So klang es in Beltmann, aber er merkte, daß sich das nie aus« sprechen ließ, bei jedem Versuch zerfloß was er gedacht, wie Nebelhauch. Er legte die Hand an den Kops des Kindes und drückte das blaffe Gesicht an feine Brust, daß es die Tränen nicht sehen sollte, die unaufhörlich aus seinen Augen rannen. Christrose im Garten. Von Hedwig Forstreuter. Im Garten rührt sich schwer der Tannenbaum, Die nassen Aeste klopfen an di« Scheiben, Durch Wipfelbeugen und durch Wolkentteiben Sieht man die Sterne öberm Giebel kaum. Die kahlen Sttäucher sind herabgesenkt. Mit ihren Zweigen tief zum Grund gebogen, D dunkle Trauer, ganz von Tod getränftl Zerzaust und frierend starrt der Efeubogen. Und wenn die Nacht kommt, steht der Garten stumm/ Als warte er auf ein geheimes Zeichen, Di« Birke schwankt und sieht sich sehnend um, Wenn früh am Himmel Mond und Sterne bleichen. Ging eine Rose auf am Boden dicht Im Gartenbeet, ganz in ihr Blühn verloren, Es sttahlt aus ihrem Kelch: „Christ ist geboren!" ___________________Ein golbner Griffel schreibt in weißes Licht, g: Brühische Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.