Uropa outn Montag, den 18. September hrgang M9 Nummer 72 Herz, wo liegst du r rech!« eine >ch laubooll braun und ob« 0 in tu di- etiijii .ne i|i natu; : a«)| W int^ 'Ulli i einji) C, k Mir# desk « m n uP1 Ei« heiterer Roman von Kurt Heyntckr Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart ich! ’ltöt ar® h einji ajffl Ä 1 W irkili ‘ 9« Die Ulmen zu beiden Seiten der Landstraße standen noi ! sommerlich, aber die Felder waren abgeerntet und lagen «chig, unterbrochen von grünen Krautstrecken. Eine Abteilung preußischer Ulanen ritt die Landstraße entlang. Aus- mbte Streifen hatten gemeldet, daß weit und breit keine französischen ippen zu sehen waren, so konnte Premierleutnant Kelling, der Führer Abteilung, die Vorsicht ein wenig laufen lassen. Alle, die auf dem Platz der Neugier frönten, stimmten in das Hoch Es war ein erhabener Augenblick. Aber Labatut hatte sich bereits in । Mairie zurückgezogen. Er litt. Unerwiderte Liebe ist. schlimmer als gar keine. Er erkannte Der Käsehändler Mauxpas, sonst ein stiller Mann, rief: „Es lebe isgnon! Es lebe Frankreich!" Mauxpas hatte jüngst von dem Stations- rsteher dreihundert Frank geliehen und stellte sich, da er sie noch nicht rückgezahlt hatte und um einen Zinsnachlah rang, auf dessen Seite. uni noi), im" dem > 8 der ein Die Stimmung war heiter und fähnchensroh. Die Erde schien ruhig i voller Frieden. Die Ulanen sangen. Sie sangen das Lied von der ibill, die von der ganzen Kompanie keck für Marie gehalten wird. Die ütger waren zwar Kavalleristen und somit Angehörige einer Schwa- aber da Marie sich nur aus Kompanie und nicht auf Schwadron mt, drückten die Reiter beide Augen zu und machten dem Reim 5 Zugeständnis und sangen, wenn auch mit ^gewisser Ueberwindung itnpanie": „Sie heißt Marie, Marie heißt sie, Die ganze Kompanie Nennt sie Marie!" llnd jetzt schwiegen alle bis auf einen, der sogleich singend fragte: „Warum heißt sie Marie?" Da erwiderte ein dritter spottend: „Sie heißt doch nicht Marie!" Wun fielen alle ein: „Nein, Jlsebill heißt sie. Die,ganze Kompanie Hurra, die weiß es nicht!" ’.rrb dann behauptete ein einzelner: „Weil sie mich leiden kann, Vertraute sie mir's an . Die Jlsebill!" Sine Gruppe tiefer Stimmen spottete: „Soll ein Geheimnis sein Schrieb mir ins Herz hinein . oie sangen die Worte so laut, daß das Geheimnis etn öffentliches w®4- Jetzt donnerten alle Reiter noch einmal: „Die Jlsebill!" lamjl Worüj öichtz! chtz |o i|lll jefprrj Reih i en Nv mei|l ewiirfi I Der Wechselgesang sprang launisch umher: „Die Jlsebill Heißt nicht Marie! Und das weiß keiner von der Kompanie! Ja, hieße sie Marie, Wer weiß, es liebte sie Die ganze Kompanie! Doch sie heißt Jlsebill, Die was Vesondres will, Es muß ein Reiter sein..." (Es war also doch ein Lied für Kavalleristenkehlenl) „Und darum wird sie mein. Die Jlsebill!" sang jetzt eine einzige Stimme. Die Jlsebill schien aber zwei Bewerber zu haben, denn nun sang ein anderer: in >i<, 7. Fortsetzung. Es war strll. Da müßten schon die Steine reden, dachte der Maire. Er jlb >ie Schultern. Ich habe das meine getan, sagte die Geste zu Ann. Da aber geschah das Unerwartete. Bregnon ries: „Niemand? Dann Bevor Labatut zu Ann Moreland sagen konnte: Wollen Sie sich dem ■Uninen Kerl anvertrauen? gab Ann Bregnon die Hand und dankte ihm. iß flV lui. LintiuHweite eue lji. |u;iuiunei HIV yui ieuiv. m/l uiunmv ® Lj « Wenn Ann Moreland ihn liebte, wäre sie geblieben. Jlr J Eine Viertelstunde später war Ann bereits auf der Landstraße, die ■ Mereville nach Nordosten führte. Herr Bregnon kutschierte. Mögen die Schienen verrosten, ein Menschenherz läuft eben nicht auf ienen. Das Herz gibt den Mut, der Kopf den Einfall: und Herr Breg- pit ersetzte die Eisenbahn durch die Stute Louison und einen Fourage- en. Die Eisenbahn war ein Gaul geworden — auf jeden Fall brauchte Bregnon nicht,zu feiern. Er hatte eine Aufgabe. Sie machte nicht ten Geldbeutel, aber seine Seele reich. (öicRcner amilknb lä ttcr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger „Sie will mich ganz allein, Schlöss' mich am liebsten ein, . Die Jlsebill!" Die Jlsebill, zu ihrer Ehre sei es gesagt, war jedoch ein braves Mädchen. Es hatte nur dem Dichter des Liedes, dem Wachtmeister Krätke, gefallen, die Stimmen eigenwillig zu verteilen, nicht nach dem Sinn oder Un-sinn der Verse, sondern nach dem Vorrat an Gesangsstimmen. Krätke war Gymnasiallehrer in einem stillen pommerschen Städtchen. Seit seiner Primanerzeit reimte er. Er hatte jede geschriebene Zeile verborgen, denn er war ein bescheidener Mensch. Er hielt sein Tun für vermessen und bat täglich die Klassiker um Verzeihung, daß er sein Laster nicht lassen konnte. Da kam der Krieg. Kampf war Leben, ein gesteigertes, gewaltiges Leben. Es geschah aber, daß mitten in diesem Ausichwung die alte Heiterkeit stand und die Musen anstieß. Und die Muse hob ihr Füllhorn. Und wieder fielen Verse heraus, so, verschwenderisch, daß sie nicht mehr zu verbergen waren. Da ließ Krätke die Strophen strömen und bettete sie in Melodien: „Ach, ob Marie, Ob Jlsebill, Wenn mich nur eine herzlich lieben will! Ich schwöre auf Marie, Auf Anna und Sofie, Und eine ist noch da. Die heißt Cäcilia, Sie hat in dunkler Nacht Gar viel an mich gedacht. Doch nur die Jlsebill Weiß, was sie will! Ich glaub', in einem Jahr * Geh ich zum Traualtar Mit Jlsebill!" Noch einmal kletterten alle Stimmen in lärmendem Wettbewerb in die Höhe: „Mit Jlsebill!" „Das Lied kannte ich noch nicht", sagte Kelling. „Es ist auch neu", erwiderte der Wachtmeister lustig. „Bleiben Sie an meiner Seite, Krätke", sagte der Premierleutnant. Die Mannschaft plauderte, oft rauschte ein' Gelächter auf. Dann hatte einer zum derben Vergnügen der anderen einen Witz erzäylt, einen von jenen, über die nur Manner lachen. „Wann siel Ihnen Ihr erstes Gedicht ein, Krätke", wollte Kelling wissen. „Als ich verliebt war!" „Glückliches Mädchen!" lachte der Premierleutnant. Er stellte sich einen Laubwald mit Mondschein, eine weiße Statue, in der Ferne Flöten- spiei und in solcher romantischen Landschaft Krätke mit seinem Mädchen vor. Vergeblich! Denn Krätke glich keinem Jüngling, der ätherischen Him- meleien nachhängt. Er sah aus wie einer der später durch das Wort eines großen Staatsmannes sprichwörtlich gewordenen pommerschen Grenadiere. „Das Mädchen war ein Märchen!" lachte Krätke.. „Ich schuf mir ein Traumbild, ein Wesen engelrein und engelschön, wie es nicht einmal im Reiche der Feen eins geben würde! Nach dieser Phantasiegestalt sehnte ich mich! Das Bild dichtete ich an! Ich war aber, offen gestanden, kreuzunglücklich dabei! Aber dann eines Tages — —" „— wurde es Wirklichkeit!" sagte Kelling vergnügt. „— kam Elisabeth. Da ftrief) das Traumschiff die Segel. Sie war ganz anders als mein Märchen." Damals dichtete der Dichter Krätke nicht, denn die Tage durchwogten fein Gemüt süß und wild, und er fühlte sich mit der Geliebten selbst als ein Gedicht des unbändigen Daseins. Später trat der Frühling zurück und verbeugt« sich artig vor dem Sommer des Lebens. Die Sonn« weckte keine Blüten mehr, aber sie lieh in ruhigen Tagen die Frucht reifen." „Und was wurde aus Elisabeth?" fragte Kelling. „Meine Frau!" erwiderte Krätke und dachte an daheim. Sie schwiegen. Kellings Blicke hingen in der Luft, versponnen und verträumt. Man konnte den Offizier für eine unbedachtsame, ja wilde Natur halten. Der Mund, voll und geschwungen, wurde von einem herrisch kühnen Kinn getragen, das dunkle, etwas wirr« Haar vermochte der Ulanenhelm, die Tfchapka, nicht völlig zu verdecken. Es waren die Augen, die das Antlitz beherrschten. Aus ihm strahlte jene ruhige, heitere Gelassenheit, der alle guten Eigenschaften anvertraut waren. „Ich war noch nie verliebt, weder in ein Märchen, noch in ein Mädchen", sagte er. Kelling sagte es eigentlich zu sich selbst, als eine lockere Abrechnung aus dem Buche der Erinnerung. Allein die Rechnung, die er in das Schweigen fallen liest, schien nicht ganz ohne Bruch aufzugehen. Er verbefferte sich: „Mehr als verliebt meine ich! Geliebt — geliebt habe ich noch nie!" Krätkes Zartgefühl schwieg behutsam zu der lauten Träumerei seines Vorgesetzten und hielt den alten Faden fest: „Heute ist es freilich anders! — Ein Ritt, das Geplauder der Kameraden, eine Nacht am Lagerfeuer — das find die heimlichen Ursprünge eines Liedes. Auf einmal ist es da!" Er verhielt, denn er merkte, dah er in einen Kathederton hineingekommen war: der Oberlehrer pfuschte sich wieder einmal in den Reiter hinein. Aber er wollte nicht, dah das Ziel in ihm noch mächtig war. „So meine ich es auch", lachte Kelling, „die Liebe, käme sie, mühte da fein wie ein Gedicht. Aus dem Himmel gefallen. Einem vom Winde ins Gesicht geweht wie ein Blütenblatt. Teufel, ich werde romantisch! Sie stecken mich an, Krätke." Die Sonne kletterte mit jener scheinbaren Ruhe, di« der Jahreszeit entsprach, höher. Sie legte sich gemächlich auf die riesigen abgeernteten Felder, die grünen Krautstrecken, auf die «infamen Baumgruppen. Man sah kein Dorf, kein Gehöft, das Land war hügelig; zwischen den Hügeln aber, in Hohlwegen und Talsenken, in Büschen und Bäumen wohlbewahrt, nisteten die Häuser. „Langweiliger Ritt", sagte Kelling. Krätkes Augen schweiften rundum und voraus, reiterlicher Gewohnheit treu. Und jetzt hatte er etwas entdeckt. Cs war zunächst ein winziger Punkt, der sich ins Blickfeld schob. -Aber der Punkt bewegte sich, kam näher und war auf jeden Fall ein« Abwechslung. * „Ein Wagen!" sagte Krätke. Kelling nahm das Glas an die Augen: „Wenn Glas und Augen nicht täuschen, ein sranzösisches Militärsuhrwerk!" Kelling hob den Arm, im Trab näherten sich die Ulanen dem Wagen. Krätke erkannte als Insassen einen Mann und eine Frau. Aus einmal blieb der Wagen stehen. Das Pferd drängte an den Straßenrand und schob die Nase sehnsüchtig dem Gras entgegen. Der Mann und die Frau redeten, wie man von weitem sehen konnte, lebhaft auseinander ein. Als dl« Ulanen das Fuhrwerk umringten, schwieg der Streit. Bregnon, der männliche Insasse, hatte rote Flecken im Gesicht, was bei ihm soviel war wie bei anderen Menschen das Erblassen. Er käme aus Mereville und sei dort daheim, um es genau zu sagen: er sei der Vorsteher des Bahnhofs Mereville, diese Dame aber — und das Wort Dame betonte er — fei ein Eisenbahnfahrgast, dem die kriegerischen Handlungen die Weiterreise verwehrt hatten! Premierleutnant Kellipg aber hörte die Erklärung kaum. Alle Sinne schienen plötzlich wie durch einen Zauberspruch erloschen zugunsten des Gesichtssinnes, seine Augen hingen an der Begleiterin des wortreichen Kutschers. Er verlor sich in Wohlgefallen. Als er es fpürte, sah er Ann Moreland nur noch von der Seite an, schwebend zwilchen Bewunderung und Keckheit. Es war eine der schönsten Minuten seines achtundzwanzigjährigen Lebens. „Die Dame", erklärte Bregnon, „ist Engländerin und das immer gastliche Frankreich hat die Verpflichtung übernommen, di« Reifende nach Calais zu bringen." Bregnon klagte tauben Ohren. Kelling war in dem gleichen Grade versunken, wie Bregnon seine Stimme erhob. „Was meint er, Krätke", fragte er versonnen. „Er will die Dame nach Calais bringen!" sagte Krätke lachend. „Calais?" Kelling wandte sich wieder voll zu Ann. „Calais ist viel zu weit!" Er sprach zu ihr wie zu einem Kinde, dem man einen phantasievollen Plan ausreden will: „Sie werden auf solche Weise Catais nie erreichen!" „Denn ich darf Sie nicht passieren lassen", fuhr er fort, höflich wie ein Kavalier im Ballsaal, der um einen Tanz bittet und von vornherein weist, dah der schönste Walzer versagt ist. Wenn er mich zur Hölle schicken müßte, würde es auch mit einem Lächeln geschehen, meinte Ann Moreland im stillen. Ihr Wille versuchte sich zu behaupten: „Ich muh aber nach Calais! Irgendwo muh ich doch wieder auf die Bahnlinie stoßen, nicht wahr?" Er lachte: „Auf eine Bahnlinie? Soweit der Himmel und die Erd« ist: UebcraU auf uns, überall auf uns!" Ann glaubte, dah er übertrieb, wohl um ihr die Umkehr leicht zu machen. Sie sah bärtige, braungebrannte Männer, sie roch den Dunst der Pferdeleiber, sie sah den kleinen Wald der Lanzen. Der Stationsvorsteher saß mit eingezogenem Kopf geduckt auf dem Bock und dachte darüber nach, daß man vielleicht in Mereville über ihn lachen würde. Kelling sagte: „Sie kommen aus Mereville! Das ist ohnedies unser nächstes Ziell Wenden Sie!" Die Ulanen nahmen den Wagen in di« Mitte. Bregnon und Ann sprachen kein Wort miteinander. Ann hätte die Augen geschlossen. Ah« sie war hellwach und ärgerte sich. * Es hat sich niemals feststellen lassen, wer die erste Kunde vom Rast, der Preußen nach Mereville gebracht hat. Labatut' Wirtschafterin Celestine verbarg sich bebend und betend in ihrer Altm ntommer. Vielleicht dachte sie an die Tugendlilie ton Amiens ur nte nicht, wie wenig alles gefährdet war: die Tugend,- die Lilie u: e selbst. Sie pres ne Fäuste an die Ohren, als könnte der Lärm der Rein durch den D u ihrer Taubheit bringen und ihre Seele erschüttern. Labatut stand am Fenster hinter der Gardine. Bei Gott, die Ula« brachten den großsprecherischen Bregnon zurück! Daß die Deutschen kommen würden, damit hatte sich Maurice Laba!«! abgefunden. Aber dah sie Bregnon und Ann Moreland zurückbrachten, beides ihm, dah die Hand des Himmels nicht nur schwer herniedersausen, fonbirn auch streicheln konnte. Die Reiter stiegen auf ein Kommando Kellings ab. Labatut warlttt mit fliegenden Pulsen auf das Klopfzeichen, dann öffnete er. Kelling legte die Hand an die Tfchapka und fragte nach dem Maire. I „Ich bin der Maire!" sagte Labatut und schielte nach dem Wagen. Ulanen sicherten den Eingang des Hauses. Labatut zeigte auf las Gefährt: „Mein Herr Offizier, würden Sie der Dame gestatten, roir'er mein Haus zu betreten?" „Der Dame? Ihr Haus?" „Ja", sagte Labatut eifrig, „die Dame unsinnige Wagenfahrt antrai!" Ann sah in steifer Feindseligkeit gegen dem Bock. Kelling fragte Ann: „Sie wohnten im war mein Gast, bevor sie Mi alles, was um sie vorging, auf Haufe des Maire?" Lin: «den liljrtn «s M inten Asm Nit tWl‘ M! Gen Glück mit Trompetenklang zu verkünden. Die beiden liebenden Seelen wußten 1 wußten daher auch nicht, was inzwifhn üm Hilter Lin ■ näi inb oi »ü, i ils m »fa, 3ofj taun ®b in ichn. ffie seinen bisherigen Herrn, aber war es nicht auch und zuerst treulos lassen worden? Zwar hatte Theophile Poiporence von Louison geträumt, aber will das sagen? Als er erwachte, war es später Morgen. davon. Seine Aufgabe war zerbrochen. Die Landstraße war eben keine Eist« bahn. Arn liebsten hätte er sich auf die Schienen gelegt und ein Grt* gemacht, nach dem Fahrplan, den er im Kops hatte. Aber er ton n« «ne । •nflani « X , Ja: dah ihm die Seele weh tat. Ulanen führten das Pferd Louison und den Fouragewagen u»- Beides war nun Kriegsbeute. Die Stute stand sich nicht schlecht dabei, sie kam in gute Hände und verständige Pslege. Ihr Pferdeherz ahnte is,I denn sie wieherte hell. Recht besehen, verriet das Pferd mit dieser Freude in Mereville vorgegangen war. Theophile aber hatte ein schlechtes Gewissen und trieb die GriM „Sieh nach, ob Louison noch auf dem Platze ist!" Sie machte sich gehorsam davon, dann legte sich Theophile noch ei» mal zurück und hielt im halben Dämmerschlaf eine Gewisfensprüfung: Du bist kein guter Soldat, Poiporence. Du verschläfst und oerlieif deine Zeit, die auch die Zeit Frankreichs ist, anstatt dich durchzuschlaM Auf! Auf! Erst die Pflicht, dann die Liebe! Und wenn es die Pflicht nicht erlaubt, dann darfst du dich auch niH der Liebe opfern. Du mußt fort, Theophile! Es waren goldene Gedanken. Mit Recht gerieten sie in einer Slui# über ihn, in der die Stille dieser abseitigen Straße durch einige entfernt! Laute um so stärker Hervorgehoben wurde, im Hofe schnatterten @änif, ein Huhn gackerte und zeigt« an, daß es feiner Bestimmung gefolgt twn und ein Ei gelegt hatte. Es war eine Stunde des Friedens, ganz W angetan, den Krieg vergessen zu machen. Da klapperten Germaines Holzschuhe auf der Treppe, aber nicht w haglich und bedächtig wie sonst. Es war ein eiliges böses Klippklapp! „Ah", riß es Theophile hoch: „Beauvisage ist zurückgekehrt!" Er hörte den Ruf der Grifelle: „Theophiiil, Theophiiil!" Aber es war feine Natur, nichts zu überhasten und nichts zu üw fürchten. Er legte sich noch einmal zurück und schloß die Augen. Aber @ermai11 schoß bereits zur Tür herein, setzte sich aufs Bett, daß es krachte, pa®;1 Theophil am Schopf und riß ihn mit hartem Griff hoch, da sie ihn schilpt trunken wähnte: „Die Preußen, Theophil die Preußen sind da!" Er blinzelte aus blöden Augen. Aber er verstand. Also di« Prcutz«" und nicht der Hausherr! i Germaine berichtete: Bregnon hatte Louison und das Fuhrwerk M sich und eine fremde Person benutzt, war großartig davongefahren i™ü kleinmütig, von den Ulanen eskortiert, zurückgekehrt. „Also ist keine Straße frei, und ich kann nicht weg", überlebt Theophil, „und wer hat jetzt Louison?" „Die Ulanen!" - M „Dann hat sie es gut", meinte Poiporence mit der Seelenruhe w gewesenen Pferdepflegers. Louison war gewissermaßen eine Gesänge®, aber er? - „Hast du irgend jemand gesagt, daß ich bei dir bin?" fragte 11 Germain«. (Fortsetzung folgt.) Ann nickte stumm. Da half ihr der Offizier absteigen und führte sie ins Haus. Ihre Haid, klein und zart, fühlt sich an, wie ein junger Vogel, dachte er. N Hi ftiir K 811b. b Dt L'!> Wau !tibt ui . $0 Ne "Mii Situ . $1 Nb s« R( teilt N ft Im Hause Beauoisage herrschte Amor. Der heimliche Gott hatte maine zugeflüstert, daß es nicht klug fei, das nächtlich ins Haus gefallsnt solchen Gedanken nur hegen, weil er wußte, daß .fein Zug mehr sich. Doch war es süß, mit der eigenen Trauer zu spielen. Es tat ihm wohl, Der Auch Bregnon durfte auf einen Wink Kellings gehen. Er nun# sich, ohne feiner Arche und ihrem Vorspann einen Blick zu schenkn ■ 2- Heimat. Von Hans Franck. Und ließest du die Heimat auch, weltwärts gewendet das Gesicht, kannst scheiden dich von Baum und Strauch, von deiner Heimat nicht. Sie ist von dir so sehr ein Teil wie Mutter, Vater, Weib und Kind, die nicht von dir geschieden, weil sie fortgegangen sind. Vertriebest du aus deinem Tag herzlos die Heimat Stück für Stück, des Nachts, in deines Herzens Schlag, kehrt sie als Traum zurück. Sie ist in deinem letzten Hauch, ist in dem Blick, der dir zerbricht. Denn liehest du die Heimat auch — die Heimat lüht dich nicht. Orgelspiel am Wochentag. Von H. Linden. Einer von jenen Meistern, welche scheinbar mit leichtester Hand die Seelen der Menschen durch alle Regionen der Verzauberung heben, sühren und versenken, Lichchöhen hinauf, Abgründe hinab — ist Johannes Müller, ein großer Pianist, Magier des Flügels. Am Tag nach dem Konzert sitzt, in gewollter Einsamkeit, Johannes Müller auf einer Flußterraffe. Breit, unbestimmbar in der Farbe, wälzt unten der Fluh sich meerwärts. Die Luft des Sommertages zeigt jene phantastische Helligkeit, die allen Dingen den durchsichtigen Schein des Gläsernen verleiht, eine Luft, welche die Gedanken in die Ferne sührt. Ein unerwartetes Telegramm hat den Reiseplan durchbrochen. Johannes Müller braucht nicht, wie bei früheren Konzerten in Köln, sofort om nächsten Tag abzureisen; plötzlich hat er, der Rastlose, zwei unvorhergesehene Tage Zeit. Der Pianist sitzt am Rhein. Seine Augen gewahren wohl die herrliche Plastik des Bildes der Häuser, der Schisse und der Brücken, in Rauch und vielfachen Glanz gehüllt — aber die Blicke schweifen darüber hinweg, den vereinzelten winzigen Silberflockenwolken nach, die langsam, als wolltest sie die strahlende Bläue des Rheinlandhimmels nicht verlassen, nach Osten schweben. Johannes Müller springt auf. Sein Entschluss ist gefotzt. Die stumme Lockung der Ferne hat gesiegt. Trotz der plötzlichen zwei freien Tage und im Bewußtsein aller Reize Kölns wird er die Dornstadt sofort ver- Wenige Minuten später durchrast ein blaues Auto, der Wagen des Pianisten, die rechtsrheinische Üandschast. Der Strom ist verschwunden; seine sanfte Schwester, die Lohn, biegt sich an lieblichen Waldungen entlang. Johannes Müller fährt dicht heran an den Fluh, verlangsamt das Tempo, erreicht Limburg und nähert sich rasch dem Ziel. Das impulsiv sich gesetzte Ziel ist ein Dorf, das wahrhaft entzückend liegt. Schlicht krönt es einen breiten, niedrigen Berg, den dichter Wald geheimnisvoll-blaugrün verdunkelt. Wer das Dorf betritt, kommt, auf« märtsfteigenb, durch Wald, wer es verläßt, kommt abwärtsgehend, durch Wald. Beim Kommen wie beim Verlaßen grüßt den Wanderer der Ruf des verborgenen, aber zuverlässigen Kuckucks. Auf dem Plateau steht das Dorf mit feinen achtundachtzig Häusern, die mit Ausnahme der amtlichen Gebäude und der vier Gastwirtschaften altersfchwarze Movsdächer haben. Kreideweiß ragt der hohe Turm der Pfarrkirche über das wellige Land, das unzählige Getreidefelder mit einem gelben Leuchten erfüllen. Vor der Kirche stoppt der Pianist den Wagen, steigt aus, durchschreitet den Garten der Toten, betritt das kühle Haus Gottes, erklimmt die gewundene Treppe, erreicht die Galerie, fetzt sich vor die Orgel, klappt sie — mit dem Mechanismus vertraut — auf und beginnt, langsam zunächst, wie unschlüssig ober zerstreut auf dem edlen Instrument zu spielen. Diese Orgel war die Vision gewesen, die den Johannes Müller auf »er Rheinterrasfe in Köln mit Heimwehgewalt überrascht hatte. In diesem Westerwalddorf war Johannes Müller geboren worden. Auf dieser Orgel, dem seltsamen Instrument mit gestufter Tastatur und ichlanken Silberpfeifen, hatte der große Virtuose, der Magier des Flügels, zuerst die himmlische Macht der Musik staunend erleben gelernt. Der einzige Sohn des früh verstorbenen Gärtnerehepaars das im benachbarten Schloß die Blumenhäufer verwaltet hatte, Wattenknabe !rit dem elften Jahr — Johannes Müller, dessen Name nunmehr nut Riesenbuchstaben auf den Litsassäulen der Großstädte erscheinend, den Musikfreunden die Gewähr größter Genüsse bedeutet — war feit Zwölf Jahren nicht mehr in seinem Geburtsort gewesen. Nun sitzt Johannes Müller an der Heimalkirchenorgel und spielt. Wenn er nach links sieht, trifft fein Blick das sanfte, tiefglaubige Gericht jenes Apostels des Abendmahltisches, der Johannes heißt wie er elbft, am rechten Fenster leuchtet der Goldkopf der Magdalena. Johannes Müller spielt, was er damals gespielt hatte, vor jenen vielen Jahren, das, was einer Kirche und einer Orgel gemäß ist. Nichts von *«n Feuerstürmen weltlicher Leidenschaften, jene Tonwunder von Bach §nd Händel spielt er, welche unmittelbar, geradewegs fid) an die H>m- ^elssehnsucht der Menschenseele wenden, Melodien, die .Johannes Müller nie vergessen hat, die zwar nicht in die KonyrtprogEime lPsstn, die man von ihm, dem Tonbeschwörer irdischer Schönheit, forde, »ie er aber zu Hause, allein für sich selbst, auf dem Flügel oft genug •ufflingcn ließ. Der Meister sitzt mit dem Rücken gegen das Kirchenschiff. Aber wenii er auch umgekehrt sähe, würben feine Augen wohl kaum der Dinge ansichtig geworden fein, die sich inzwischen vollzogen haben. Das b« sondere Erlebnis dieses Nachmittags hat den Pianisten völlig in bet Gewalt. In der Tat — ein aufregendes Ereignis für das einsame Wald- landdorf: Orgelspiel am Wochentag! Pfarrer und Kaplan sind verreist zur Bischofskonferenz nach Limburg. Die Haushälterin, einziger Insasse des Pfarrhauses, hat die ersten Töne mit Schrecken vernommen. Dieselbe Entgeisterung hätte das runde, rotbackige Gesicht Anna Hilles gespiegelt, wenn das schrille Geläut der Feuerwehr plötzlich durch die offenen Fenster gejagt wäre. Die Haushälterin rennt den Ouergang, der Pfarrhaus und Kirche verbindet, entlang, betritt, etwas keuchend, die Halle, erblickt den Rücken des Unbefugten, stürzt hinüber zu Peter Nickels Haus. Da aber Peter Nickel nicht nur Küster und Organist, sondern auch Bauer ist und als Bauer am meisten zu tun hat, ist er immer eher auf seinen Feldern als im Haus oder Kirche zu finden. Unterdes wächst das Drgelfpiel zum Alarm. Die Bauern treten aus Häusern und Stätten, gebückte Gestalten auf den Feldern richten sich auf und starren lauschend zum Kreideturm hinauf. Ein leichter Wind treibt die Schallwellen weiter Kreis um Kreis; dort, wo sich die Töne verlieren, erlöschen, ruft einer dem andern zu: Die Orgel — die Orgel — Am Wochentag — Nachmittags vier Uhr — Was mag es bedeuten? Und die meisten de^ Bauern und Bäuerinnen lassen die Arbeit ruhen, legen die Geräte nieder, eilen hinauf zum Dorf. Der Kirchhof ist zu klein für die Lebenden. Auf der Straße drängt sich die Menge. Diejenigen aber, die im Kircheninnern Platz fanden, benehmen sich fonderdar, unbegreiflich. Still stehen sie, starren und lauschen. Niemand von ihnen kommt aus den Gedanken, die Treppe hinaufzusteigen, dem Fremden auf die Schultern zu klopfen und ruhigen Tönes zu fragen: ,H«, was soll das? Was machst du da? Wie kommst du dazu, dich an unsere Orgel zu setzen und zu spielen? Wer gab dir das Recht? Ueber eine halbe Stunde schon spielt Johannes Müller. Der lauschenden Menge kommt es vor, als sei die Orgel gar nicht mehr ihre Orgel. So wunderbar, wie sie jetzt tönt, am Wochentag, hatte sie noch an keinem Sonntag geklungen, selbst nicht an den höchsten Feiertagen. Die Bauern wissen zwar nicht, daß dieser Fremde, von dem sie nur den Rücken sehen können, in ihrem eigenen Dorfe geboren wurde, sie würden auch nicht wissen, wer Johannes Müller in der großen Welt ist — aber sie spüren, daß der Fremde, der dort oben als Unbefugter spielt, ein Meister ist, ein Zauberer vielleicht. Dieses Gefühl hält sie von jeder feindlichen Aktion zurück. Peter Nickel, den der Alarm endlich erreichte, erscheint. Von neuem staunen die Bauern. Der Küster und Organist, also eigentlicher Herr des Instrumentes und in Abwesenheit der beiden Geistlichen einzige Amtsperson im Kirchengebiet, steigt wohl, so gut es seine sechzigiährigen ^Beine erlauben, die Emporentreppe hinauf, tritt wohl energisch auf den Fremden zu und sieht ihm scharf ins Gesicht. Aber siehe, auch er, der Küster, der Mann mit der Amtsgewalt, ist keineswegs der Mutige, der dem Fremden hart auf die Schulter klopft und dem soeben am Kirchenportal angelangten Gendarmen winkt. „Johannes", jagt der Küster, „du bist also doch einmal heim gekommen!" Als Johannes Müller diese Stimme hinter sich hört, die immer noch jenen merkwürdig-heisern Klang hat wie früher, dreht er sich um, die Finger verlaßen die Tastatur, so daß die himmlischen Silberpfeifen zum Schweigen kommen, und nun sieht die unten starrende Menge, daß der Fremde erstaunlicherweise jener ist, der auf Schultern klopft. Auf die Schultern Peter Nickels; allerdings in einer ganz andern Art, in einer herzlichen, vertrauten, liebenswürdigen Art. „3a", sagt der Pianist, die Orgeltastatur sachte zuklappend, „komm, lieber Peter Nickel, laß uns gehen!" Die zwei Männer steigen die Treppe hinab, gehen Arm in Arm durch die schweigende Menge, die sich, aber immer noch kopsschütelnd, zu zerstreuen beginnt, hinüber zum „Goldenen Hirsch". Gleich funkelt gelber Rheinwein in grünfüßigen Gläsern. „Aber ich habe dich nicht vergeßen, lieber Peter Nickel", lagt Johannes Müller und prostet dem ersten Musiklehrer seiner Laufbahn zu. „Ich weih", erwider der Küster, „immer kam etwas von dir. Zeitungen, Postkarten, Geschenke. Es hat mich immer gefreut. Aber ich wartete auf dich. Ich weiß, daß die Welt groß ist und ich las in den Zeitungen, wie groß du geworden bist. Nun bist du also doch noch einmal gekommen. Ich danke dir." Ein etwas verlorenes Lächeln gleitet über Johannes Müllers Gesicht. Er fagt: „Wenn du wüßtest, mein Lieber, wie da draußen die Zeit vergeht, zerrinnt, rast, und wie man immer unterwegs fein muh, auf her Reife von Stadt zu Stadt, von Vertrag zu Vertrag, von Konzert zu Konzert, dann würdest du begreifen, wenn ich sage: die Jahre, die ich fort bin, erscheinen mir wie Monate--". ,Hch begreife", sagte der Küster schlicht. Johannes Müller, drückt dem alten Mann stumm die Hand. Sie sitzen zusammen bis tief in die sternensilberdurchsprühte Nacht. Der weitgereifte Pianist erzählt. Der Organist lauscht. Auf dem Holztisch häufen sich leere Flaschen. Der Wirt, miteingeladen, atemloses Staunen in kleinen verkniffenen Augen, trinkt freudig und fleißig mit. Geschichten, wie sie Johannes Müller erzählt, waren in der Wirtsstube noch nie gehört worden. Am Nachmittag des nächsten Tages verlassen Peter Nickel und Johan- nes Müller gemeinsam das Dorf. Sie gehen langsam durchs grüne Helldunkel duftender Tannenwaldgänge, dann ein Stück weihflimmernde Landstraße entlang und sind nach einer halben Stunde im Nachbarort, der Bahnhof und Kurhoiel hat. Im Hotelsaal steht sogar ein Bechstein- flügel. Eine Stunde hat er versprochen, vorzuspielen, und er spielt, der Johannes Müller, der Magier des Flügels, als säße er nicht allein mit T einem alten Manne in einem einsamen Hotelsaal eines abgelegenen Waldlandortes — er spielt, als wolle er mit seiner Musik die Götter in die Knie zwingen, wie Orpheus einst. Peter Nickel, der Organist, sitzt da wie versteinert, eine Skulptur der Andacht. Er versteht die Kunst dieses Spiels. Die Zeitungen tonnten Johannes Müllers Spiel nicht beschreiben. Es ist größer als jedes Wort. Lm Krämerladen. Bon K. j). Waggerl. David ist ja eigentlich noch ein Kind, noch nicht einmal der Schule ganz entwachsen, aber trotzdem übernimmt er gegen Abend — da Mutter sich nicht wohl sllhlt — die Schlüsselgewalt in Haus und Laden. Meles war er schon in seinem Leben, Glöckner und Pfarrknecht, Einsiedler und Klaubauf, aber Krämer war er noch nie. Er steht hinter dem Ladentisch und mustert seine Reichtümer, die Würste und Speckseiten neben Laternen und Kälberstricken und Mistgabeln an der Decke. Die Gläser mit Zuckerwaren, die Regale voll von Töpfen und Geschirr, die unzähligen Laden und Fächer, Schachteln und Dosen. So ungefähr muß es in Gottes Werkstatt ausgesehen haben, als er die frischgeschaffene Welt einrichtete. Es ist alles da, was es an Gütern und Genüssen auf der Erde gibt. Willst du einen Rosenkranz — hier ist ein Bund Rosenkränze in allen erdenklichen Sorten. Willst du etwas Irdischeres, eine Mundharmonika zum Beispiel, auch die kannst du haben, Peitschenschnüre und Melissengeist, Blumensamen und Filzpantoffeln. Es ist gar nicht leicht, einen solchen Kramladen zu führen. In dem Sanzen Durcheinander muß doch ein gewisser Sinn und eine strenge irbnung liegen, man muß gleichsam alle Bedürfnisse der Menschen nach Preis und Herkommen und Beschaffenheit im Kopfe haben. Zudem sind die Bauern eigensinnig, sie wünschen eine ganz bestimmte Sorte Tuch oder Feigenkaffee, heuer, diese, im nächsten Jahr jene, und die andere nähmen sie geschenkt nicht mehr. Jeden Drahtstift drehen sie hin und her — hast du keine mit geriffelten Köpfen? fragen sie. Nicht als ob solche Nägel besser hielten, aber die letzten waren geriffelt, die Bauern können sich nicht ohne Umstände an glatte gewöhnen. Und keinem ist es jemals recht zu machen. Da kommt einer und verlangt eine Lampe, die hat er irgendwo gesehen, Excelsior heißt sie. Er ist tief beleidigt, weil David keine solche Lampe hat. Jeder Hausierer führt sie, behauptet der Mensch. Ja, wie denn, wenn sich Mutter nun schleunig eine Kistewoll anschaffte? Die hätte sie in zehn Jahren noch liegen! Das ist ja die Kunst, diese weitläufige und vielfältige Sammlung von Dingen so einzurichten, daß sie sich in Wochen und Monaten allmählich verkrümelt und erneuert. Dieses Bündel Teesieben, und hier diese Schachtel mit tausend Perlmutterknöpfen, wer im ganzen Dorf braucht denn jemals so eine Unmenge von Sieben und Knöpfen? Und dennoch finden alle ihren Käufer, Mutter weiß es beinahe auf die Stunde zu sagen, wann sie ihre Teesiebe los sein wird. Cs wäre wunderbar, denkt David, wenn er sich nun mächtig ins Zeug legte und alles im Laden verkaufte! Dann fände Mutter nur leere Regale und schlüge die Hände über dem Kopf zusammen. O Gott, würde sie sagen, hat jemand eingebrochen? Aber David lächelte nur und zöge einen riesigen Sack unter dem Ladentisch hervor, der wäre bis an den Rand mit Geld gefüllt, mit lauter blanken Silberstücken ... Es kommt ja auch schon jemand, der Vorstand. Holla, sagt er, ist der Krämer wieder aufgestanden? Er will eine Rolle Kautabak, — bitte sehr! Und dann gibst du mir noch ein Paket Malzkaffee, sagt er, die geringere Sorte. Gut, aber David kann leider keinen Malzkafsee finden. Darf es nicht ein Stück Kernseife sein? Die wäre zur Hand. Nein, sagt der Vorstand, dann lass' es nur, es eilt nicht. Er sucht sich eine Handvoll Schuhnägel zusammen, eine Dose Lederschmiere. So, das wäre alles. Was bin ich dir schuldig? Ach ja, wieviel denn nur? David nimmt einen Zettel, er benetzt den Bleistift zwischen den Lippen und fängt eine umständliche Rechnung an. Der Vorstand hilft auch mit, wir müssen einen Strich machen, meint David, ein Strich muß auf alle Fälle darunter sein. Jawohl, sechs und acht und neun, bleibt zwei — wieso denn, sagt der Vorstand, das kann doch nicht stimmen? Dafür kaufe ich mir ja eine Kalbin, sagt er. Ach, freilich, weil David den Punkt vergessen hat! Mit einem Punkt dazwischen ist alles in Ordnung. Bei anderen Kunden ist der Handel weniger leicht zu schlichten als beim Borstand. Es erscheint die kleine Franziska von den Weberleuten. Bis zur Nase ist sie in ein großes Wolltuch geknotet, ein grauer Knäuel, der auf dünnen Pilzbeinen läuft. Franziska bohrt die Hand durch ihre Hüllen und läßt zwölf Groschen aus der geballten Faust auf den Ladentisch fallen. Was willst du denn haben? fragte David. Keine Antwort. Kannst du nicht reden? Sag doch, was du heimbringen sollst! Finsteres Schweigen. Franziska zieht die Hand wieder in ihr Gehäuse zurück und wartet. Daraus wird in Ewigkeit nichts, man muß die Sache von einer anderen Seite her anpacken. Wenn David der Reihe nach auf alle Dinge zeigt, die es im Laden gibt, dann wird sich ja schließlich das Richtige finden. Ist es also eine Erbswurst? Eine von diesen Kuhketten? Nein. Vielleicht ein Paar Schuhriemen? Oder dieser Topf Marmelade? Auch nicht. Franziska folgt dem Finger Davids mit den Augen, aber sie bleibt stumm. Nun, was denn nur? Etwa so eine Mausefalle? Möchtest du diese kleine Gießkanne haben, sieh her, rot gestrichen und mit Blümchen bemalt? ' ♦ Franziska betrachtet die Kanne und' plötzlich nickt sie heftig mit dem Kopf. Gefunden! Wer hätte auch gedacht, daß die Weberin mitten im Winter nah einer Gießkanne schickt! Wenn sie aber glaubt, so ein prächtiges Stuf für ein paar Kupferlinge zu haben, so irrt sie. Der Preis steht angeschrii. ben, David kann keinen Groschen nachlassen. Die kleine Franziska nimnif das Paket und verschwindet wortlos, wie sie erschienen ist. War das nicht ein Meisterstück an Scharfsinn? Gewiß, aber ble Weberin ist anderer Meinung. Nach einer Weile kommt sie selbst gt* laufen und ist außer sich vor Aufregung. Was das heiße, zetert sie, ob man sie zum Narren halten wolle? Seit Wochen schickte sie das Kinb jeden zweiten Tag nach einer Kerze, die Spatzen wüßten das schon, uni nun brächte Franziska plötzlich diese lächerliche Gießkanne nach Hauftl Sieh dich vor, sagt die Weberin aufgebracht, daß ich dir die Späße nicht austreibe! Nun, was das betrifft, erklärt David kühl, so sollte sie lieber trachte», ihrer Tochter das. Reden beizubringen. Uebrigens macht David jetzt Feierabend, die Mutter ruft zum Essen. Er schließt die Läden und schiebt den Balken vor, und zum Ueberflujji stellt er noch einen Stoß Viechtöpfe an die Tür, um nächtlichen Mordbrennern das Handwerk zu verleiden. Oie Salzburger Hochzeitsstiege. Von Franz Karl Ginzkey. Mit der Liebe fing es an. Das war zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts, da erbaute der höchstkunftfinnige, aber auch sehr eigenherrliche Erzbischof Wolf Dietrich für die schöne Salzburger Bürgerstochl« Salome Alt, die er kühnlich zu seiner Gattin erhoben hatte, ein romantisch gestaltetes Schloß unb benannte es „Altena u". Wir können es mit den Worten von damals beschreiben: „ain schöns, groß, geviert, herrliches Gepeu, mit einem wolgezierten, glanzeten Thurn, und inwendig, auch außen herurnd, mit schönen Gärten von allerlei Kreutlwerch, Paum- gewächs und Früchten geziert und »ersehn." Nach dem traurigen Ende des allzu leidenschaftlichen und wohl auch zu wenig diplomatisch geglätteten Fürsten (er starb nach sechsjähriger Gefangenschaft auf seiner eigenen Festung Hohensalzburg) übernahm sein geriebener Nachfosger Mark Sittich das schöne Schloß, taufte es tu „M i r a b e 11" um unb ließ nun gleichfalls feine Geliebte darin wohnen, die aber diesmal die Frau eines anderen war. Etwa hundert Jahre später wurde das Schloß vom großen Sau? meister Lukas von Hildebrand fast gänzlich umgebaut. Und ein weiteres Jahrhundert darauf, es fehlt nicht viel an der Zeit, zerstör!« der verheerende Stadtbrand, der das halbe rechtsufrige Salzburg ein- äscherte, auch ben größten Teil des alten Schlosses. Glücklichekweise aber blieb die Hauptstiege verschont, von der nun die Rede ist. Auch der neue Umbau, der diesmal in der üblichen Nüchternheit der franzisceischen Zei! erfolgte, verschonte gottlob die schöne heitere Stiege' und so können wir uns auch heute noch daran erbauen. Sie wurde schon unter Hildebrand von dem rühmlichst bekannten Bildhauer Raphael Donner (wir verdanken ihm auch den schönen Brunnen am Neuen Markt in Wien) im Verein mit dem „Marmorierer" Balthasar Haggenmüller geschaffen. Wir besitzen heute noch den Kontrakt der Hoskammer mit beiden., wonach Balthasar ,chie völlige Architektur samt dem ersten Vestibulo und Hauptgesims" zu übernehmen hatte. Raphael aber ben SkulpturenschmuK „von weißem Unterfpergermarmorftein nach allergnädigstem Contento (!® auch wie und auf waß Manier solche alsdann verlangt werden, vo» sainer eigenen Handl mit seinem böften Fleiß, Kühnst und Studio nach und nach zu verförtigen". So ist uns diese Stiege, im Volksmund bisher „® n g e l ft i e g e" genannt, bis heute erhalten geblieben, als eines der reizendsten Denkmäler des Spät-Barock, wohl auch schon mit einem Schuß ins Rokoko hinüber Was Meister Donner wollte, ist ihm zweifellos geglückt, das Schritlmah» die Harmonie im Aufwärtsstrebenden durch die drollig köstlichen Engelchen anzukündigen, die auf dem üppig verzierten und durchbrochenen: Marmorgelünder ihr holdes Unwesen treiben. Sie sind wie vom Himmel herabgefallen und wollen jetzt scheinbar wieder hinauf. Und gut“ mütig, wie sie sind, wollen sie auch den Menschen helfen, höhersteigenb- das Licht zu gewinnen. Es war keine Kleinigkeit für den Meister, im Reigen der einundzwanzig Engelkinder, worunter sich auch vier Doppel- gruppen befinden, immer das selig Höherstrebende anzudeuten und sich doch niemals dabei zu wiederholen. Allen ist in ben runden satten Gesicht- lein ein überirdischer Ausdruck eigen, wie sollte es auch anders (ein? De deutet eines schwebend nach oben, ein anderes rerfelt sich wohlig auf seinem Sitz unb boch bewegt unb beflügelt zugleich; da hält sich eines das Händchen aufs Herz, als empfände es plötzlich Menschenleid, ein anderes stützt die molligen Aermchen auf unb spielt Besinnlichkeit, die im Himmel boch wirklich überflüssig ist. Und immer ist alles froh und kühn bewegt und gelagert, aus Marmor wird Lebendigkeit, ein Triumph der Form im Spiel des Lichtes. Meister Donner schuf seine singende Stiege damals vor 200 Jahren für feinen Fürsten, zu dessen „allergnädigstem Contento". Wie wäre ihm aber zu Mute gewesen, wenn er oorausgesehen hätte in unsere heutige Zeit und in das neue Wunder, das sich nunmehr vollzogen? Aus der Engelstiege ist eine Hochzeits stiege geworden, denn der schöne alte Marmorsaal in ben sie führt, hat sich nun zum — S t a n be s am t ge« wanbeit! Wie viel auch sonst zufriedene Menschen diese Stiege hinausgeschritten fein mögen (es werden nicht immer Zufriedene gewesen fein), niemals hat sie sich so sinngemäß erfüllt als heute: verliebte junge Menschen hinaufzuführen in die helle oftergläubige Hoffnung auf ein kommendes gemeinsames Glück, bas vielleicht auch für sie von kleinen rosigen Engelchen umsäumt ist. Verantwortlich. Dr. Fr. W. Lange. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.