Wetzenerzamilieiiblälter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zlhrgang Freitag, den t8. August Nummer 63 Line Armee meutert SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Bericht von P. C. Ettighoffec » p g r l g h t b g Bertelsmann Gütersloh 18. Fortsetzung. höchste Zeit für die französische Armee, daß nun energisch durchgegriffen md, denn in Massen tauchen nun Flugblätter auf. Es ist alles genau |t Die im Frühjahr drüben hinter der russischen Front. Anscheinend sind lier die gleichen Kräfte der Zerstörung am Werk. Die Flugblätter enthalten Mit kurze und wenige Sätze und stellen Behauptungen auf, die sich jedem, iu>) dem einfachsten Poilu, einprägen. Da heißt es: „Es ist nicht wahr, daß Elsaß-Lothringen von Deutschland unterdrückt md. Die Elsässer wollen gar nicht zu Frankreich. Unsere Regierung führt »n Annexionskrieg, möchte nicht nur Elsaß-Lothringen wiederhaben, toern auch das Saargebiet und das linke Rheinufer. Der Poilu muß Unten, weil England den deutschen Konkurrenten auf dem Weltmarkt «drängen will." Ein anderes Flugblatt enthält die Rede Poincarss, gehalten im Jahre 1915 vor dem Alliierten Kriegsrat. Darin heißt es unter anderem: ..Nicht nur Elsaß-Lothringen muß an Frankreich zurllckfallen, sondern Ilie Grenzen müssen die des ehemaligen Herzogtums Lothringen sein. 2ii Grenzen dieses Herzogtums wird Frankreich nach seinem Gutdünken benchnen, und zwar so, daß die strategischen Forderungen und wirt- Mllichen Möglichkeiten dieses Territoriums beachtet bleiben. Natürlich WS das Saarbecken und überhaupt das ganze Saartal wieder an Frank- ttk) zurückfallen. Das linke Rheinufer muß unter allen Umständen von Trtschland getrennt werden und einen Pufferstaat bilden. Deutschland ir in diesem Staat weder politische noch wirtschaftliche Interessen mehr Wien." Welche Möglichkeiten für die Rädelsführer der Meuterer! Hier zeigt sh deutlich die Angriffspolitik der französischen Machthaber, während int dem Poilu immer das Vaterland als brutal und schmachvoll ange- Mfen und als höchst gefährdet bezeichnet hat. i inzwischen ist es den Feldgendarmen und den Vertrauensleuten ge- Rcn, die Aufrührer in kleinere Abteilungen zu zerstreuen. Nur noch fertige bewaffnete Hausen sind's, die sich regellos und ohne Zusammen- ■iig untereinander dem Wald von Compiegne nähern. Und da stellen sich WM Feldgendarmen entgegen, fordern zur Uebergabe auf. An vielen leien zeitigt diese Aufforderung raschen Erfolg. Aber unweit von Mons werden mehrere Beamte angegriffen und entwaffnet. Man haßt s. die Feldgendarmen. Man bezeichnet sie als „Urlaubsschemschnuffler M „Etappenhengste". Man beschimpft sie als „Drückeberger und vimschenschinder". Und nun sind drei von ihnen in der Gewalt der Bitterer. .. ! Vewehrreinigungsstricke werden zusammengeknupft, den bedauerns- *n:en Feldgendarmen um den Hals gebunden. Und dann geschieht das, N im Dreißigjährigen Krieg oft genug geschah: Die unbeliebten Auf- Mr baumeln entseelt über dem Straßenrand und unter wiegenden men. Die Meuterer aber ziehen weiter, blutrünstig grölend, zu allem 2ie Bestie Mensch ist erwacht. , _ " irgendwo haben sie einen Zug angehalten, gestürmt und bestiegen. Sui vorgehaltener Waffe zwingen sie den Zugführer mit Volldampf b-Pfahren, Richtung Paris. Sie wollen in einigen S unden dort sein *i> das Parlament aus dem Bett holen. Der 3.3unt soll die Revolution b ter Hauptstadt sehen. Aber rasch herbeigerufene Kavallerie riegelt die Wnlinie ab. ..... ... „3er Zug wird angehalten. Maschinengewehrfeuer peitscht über die "ien hinweg. Die Meuterer sind gleich wieder nüchtern und kommen Fjus, stellen sich mit hochgehobenen Händen auf, so wie es gechrdert K unten am Bahndamm, werden abgeführt, ihrem ungewissen Schicksal liegen. Man wird mit ihnen nicht sanft verfahren, gewiß nicht. [Sie zuverlässige Republikanische Garde, diese Elitetruppe aus.att- Wj-Nten Unteroffizieren, im Verein mit der Feldgendarmerie und einigen i'ivllerieabteilungen, packt überall energisch zu. Aber wer weiß, abdieses ^3e Frontlinien halten noch. Auch zu ihnen ist die Nachricht von großen '■'■itereien hinter der Front gedrungen. Es mag noch so schlimsn ' i" da ist eine alte Anhänglichkeit, verbunden nut einem letzten Michl gefühl, verankert in der Tiefe des Herzens. Sie wissen, diese Front- truppenteile, daß ihre Kameraden im Hinterland sie nicht mehr ablösen wollen. Statt nach vorn Zu kommen, rücken die Ablösungen meuternd ins Hinterland. Der Grabensoldat bleibt wieder einmal verlassen und aus sich selbst angewiesen, wie schon so oft. Es ist das Schicksal des Grabenkämpfers, immer allein zu sein und als Unbekannter seine Pflicht tun zu müssen. Die Frontbataillone halten noch ihre Stellungen, aber auch hier, von Schützengraben zu Schützengraben, von Unterstand zu Unterstand, von Vorposten zu Vorposten, wandern die Flugblätter und erreichen ihre Wirkung. Die Kraft der Grabenbesatzungen wird immer mehr unterhöhlt. Und wenn der Feind jetzt angreift--- Ja, was bann? Was wird fein, wenn der Feind angreift? Warum greift der Feind jetzt nicht an? Weiß er nichts von diesen Unruhen, weih er tatsächlich noch nichts von der großen Müdigkeit im französischen Heer? Es könnte doch fein, daß der Feind zufällig, rein zufällig--- Wird ihn der Poilu dann durchlafsen? Wird der Grabenpoften mit gekreuzten Annen daftehen? Theoretisch wird er es sicher tun, ganz bestimmt wird er es tun, wenn er die revolutionäre Parole des Hinterlandes und der Etappe richtig verstanden hat. Und da wird die bereits schwer erschütterte Front auf eine ernste Probe gestellt. Der 78. Reservedivision, der ich damals angehörte, bleibt es vorbehalten, diese geschichtliche Probe zu machen. Ohne etwas von Meuterei, von Unruhe oder Müdigkeit im französischen Heer zu wissen, greifen zwei Kompanien des unserer Division angehörenden Infanterieregiments 260 die französischen Stellungen bei Vauxaillon an. Zusammen mit einem Stoßtrupp des Sturmbataillons 7 und zwei Kompanien des Infanterieregiments 53, brechen die 260er in der Morgenfrühe des 1. Juni aus ihren Gräben und stoßen eine Teilbrefche in die französischen Linien. Es sind zusammen noch keine tausend Feldgraue, die da angreifen. Und doch zeitigt ihr Vorgehen einen ungeahnten Erfolg, denn mehr als tausend Meter der französischen Stellung rollen sie auf. Dies geschieht am 1. Juni, wohlgemerkt zu einer Zeit, da die französische Fronttruppe noch nicht voll und ganz durchseucht ist. Selbst die gefangenen Franzosen, drei Offiziere und 178 Mann, halten dicht und erwähnen nichts von der Müdigkeit ihrer Kameraden, von den Unruhen und den Meutereien im Heer. Der Poilu der vordersten Linie ist wieder Soldat geworden und hat sich noch einmal besonnen im Augenblick, da ihn der Gegner anfttirmte. Deutscher Heeresbericht. Großes Hauptquartier, 2. Juni 1917. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Bei Allemant, nordöstlich von Soissons, führten ein hannoversches und ein westfälisches Regiment, wirksam unterstützt durch Teile einer bewährten Sturmtruppe, Artillerie, Minenwerfer und Flieger, einen Angriff mit vollem Erfolge durch. In überraschendem Ansturm wurde die französische Stellung in etwa 1000 Meter Ausdehnung genommen und gegen wiederholte Angriffe gehalten. 3 Offiziere und 178 Mann sind gefangen, zahlreiche Maschinengewehre und Minenwerfer erbeutet worden. Der Poilu wehrt sich, wenn er angegriffen wird. Aber nun, am 2. Juni, wirkt sich der Schwarze Tag der Armee auch schon in der vordersten Linie aus, und der Deutsche Heeresbericht kann melden: Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Die Gefechtstätigkeit längs der Aisne und in der Champagne war im allgemeinen gering. Immer noch ohne Kenntnis von den Unruhen und Meutereien beim Gegner, brechen am 3. Juni deutsche Stoßtrupps der 15. und 41. Infanteriedivision gegen den Winterberg bei Craonne in das gegnerische Stellungssystem ein. Aber diesmal haben die Deutschen den wundesten Punkt der ganzen Front berührt. Craonne war die Fahne des Widerstandes und das Fanal des Angriffs auf der gesamten Front des Damenweges. Und dieses Craonne ist nun in Gefahr, wieder an den Feind verlorenzugehen. Die deutschen Stoßtruppen wollen eigentlich nur eine geringe Frontverbefferung. Aber siehe, sie stoßen hier ins Leere. Dor Poilu steht nicht mehr. llcbcrrafcbenb schnell und leicht bringen bte Deutschen burch. Eine ganze französische Division gerät ins Wanken. Das ist bas Unternehmen, bas ber Anfang des Durchbruchs fein könnte. Hier winkt ber Sieg, ber mühelose Vormarsck an bie Marne, bas immer noch lockenbe Ziel seit Eine Panik broht beim Gegner auszubrechen, eine furchtbare Panik, wie bamals, am blutigen 16. April auf ber Hochfläche rechts unb links der Hurtebise-Ferme. Man hört schon Schreie von Schulterwehr zu Schulterwehr: „Die Boches haben unsere Front eingekeilt und durchstoßen. Und hinten meutern sie, hinter uns gibt cs keine Linie, keinen Widerstand mehr, Kameraden, wir sind verloren!" Sie schreien es, und wissen nicht, daß die Deutschen diese tragischen Deutschen, den Augenblick gar^ nicht erkannt haben. Nicht einmal ein Regiment, nein nur schwache Stoßabteilungen haben sie eingesetzt. Und das Ziel ist keineswegs der Vormarsch, sondern nur ein ganz kleines vorspringendes Grabenstück, das ausgebügelt werden muß. Die Deutschen werden sich mit dem Erreichten zusriedengeben. Ach, sie ahnen nicht, diese tapseren Feldgrauen, daß sie nun den Sieg Deutschlands und den Niedergang Frankreichs auf den Spitzen ihrer wenigen Bajonette tragen. «Sie selbst verhindern die Panik, indem sie nicht weiter vordringen, nicht über das erreichte und vor dem Sturm vereinbarte Ziel hinwegschreiten, obwohl ihnen das weit und breite Hinterland osfen- steht.--- Deutsche Tragik! Hinten aber, bei den französischen Stäben, gerät alles in Aufruhr. Der gefürchtete und erwartete deutsche Angriff, der groß angelegte Durchbruch ist da. Man hält es für unmöglich, daß die Deutschen noch nichts von den Meutereien und von der Müdigkeit im französischen Heer wissen. Natürlich, da vorne der Vorstoß auf Craonne und am Winterberg ist der Auftakt zur Offensive. Dicht hinter Craonne liegt die 70. französische Division in Ruhe. Es ist eine Elitetruppe, bestehend aus Soldaten der östlichen Grenzbezirke. Der General begibt sich persönlich mit seinem Stab in die Quartiere. Er möchte jeden einzelnen Poilu umarmen, jeden einzelnen anflehen, jetzt Frankreich nicht im Stich zu lassen, angesichts des beginnenden deutschen Durchbruchsversuchs. Er nimmt ihnen das Versprechen ab, noch einmal die Pflicht, die ganz groß« Pflicht zu erfüllen. Lastwagen rollen an, gesteuert von Offizieren und bewährten Unteroffizieren. Den ersten Lastwagen besteigt der General mit seinem Stabe. Er will zusammen mit seinen Offizieren an der Spitze seiner Truppe kämpfen, im Graben stehen oben auf der Hochfläche von Craonne. Er will stehen oder sterben. Und sein Beispiel zündet. Denn die Poilus folgen ihm stumm und ergeben, und in ihren Augen lodert wilder Trotz. Sie sehen sich schon als Opfer, als sinnloses, unerhörtes Opfer. Aber dennoch, sie gehen nach vorne und sind entschlossen, zu kämpfen. Ein schneidiger, opferbereiter Führer hat hier, im Augenblick höchster Rot, das Schicksal der Schlacht gewendet. Und dann sind die Regimenter in der Feuerzone, und der Kamps beginnt. Das vermeintliche Loch wird geschlossen, wird zugedeckt mit lebendigen Leibern, die zum Gegenstoß schreiten. Die Lücke ist geschlossen. Und der deutsche Heresbericht kann erbitterte Nahkämpfe melden und kann weiter hinzufügen: „Am Westhang des Winterberges in unsere Stellungen einbezogene französische Gräben wurden gegen starke Angriffe gehalten." Gleichzeitig gibt der deutfche Heeresbericht unumwunden zu, daß es sich hierbei nur um einen Erkundungsstoß gehandelt hat. Nein, die Deutschen haben die Meuterei wirklich Nicht erkannt. Die Sorge der französischen Generäle war versrüht. Erst nach Wochen soll das Große Hauptquartier bei uns erfahren haben, daß in jener Stunde die Meuterei genau 45 französische Divisionen ersaßt hat. Das heißt: 75 Infanterie-Regimenter, 22 Jäger- Bataillone, 12 Artillerie-Regimenter, 2 Kolonial-Regimenter und ein Dragoner-Regiment. lieber die Hetze der französischen Defaitisten, über die Wühlerei der russischen Agenten, von der Arbeit der Drückeberger und Deserteure hinter der Front wird man erst nach Jahren, lange nach dem Krieg, bei Oeffnung dec Archive und bei Sammlung von Berichten, furchtbare Einzelheiten und bittere Wahrheiten erfahren. Sieg der Pflicht — deutsche Tragik. Die Tage vergehen langsam und voller Spannung. Jede Stunde kann den gefürchteten wirklichen deutschen Vorstoß bringen. Der Oberkommandierende, General Petain, hat sich auf Inspektionsreise begeben. Er besucht jede Division, jedes Regiment, jeden Poilu im Reserve- oder Ruheauartier. Er spricht mit den Soldaten, er kostet ihr Essen, er trinkt ihren Pinard, er hört ihre Verbitterung und vernimmt ihre Klagen. Er läßt mit sich reden, der Oberkommandierende, General Petain. Gewiß, auch er kann der Truppe keinen sofortigen Frieden versprechen. Aber diese sinnlose Niedermetzelei, die erfolglosen Angriffe um unmögliche, ferne Ziele, die wird er unterbinden, das verspricht er ihnen. Seine Schläfen find weiß, er hat etwas Gutmüfiges an sich, dieser Oberkommandierende. Seine Haltung ist väterlich. Die Soldaten hören auf ihn. Es tut ja so gut, einmal als Mensch behandelt zu werden. Die Truppe bekommt wirkliche Ruhezeit — nicht Tage nur, ausgefüllt mit sinnlosem Gamaschendienst. Der Poilu liebt das Exerzieren nicht. Seine Einstellung ist eine andere als die des Feldgrauen da drüben. In einem sauberen Gewehrgriff sieht er keineswegs den Ausdruck feiner Soldatentugenden. Das wird ihm nie beizubringen fein. Während sich der Feldgraue über feine eigene stramme Haltung freut und sie durch Exaktheit in Uniform und Waffen erhöht, läßt sich der Poilu gehen und macht es sich bequem. Er will ganz wie zu Hause leben in seinem bescheidenen Ruhequartier. Gut, General Petain kommt diesem Wunsche entgegen. Es ist kein weiches Nachgeben, es ist mehr väterlich« Sorgfalt, entsprungen aus der tiefen Kenntnis der Soldatenseele. Nichts wird versprochen, aber es wird gegeben, was man nur eben geben kann. Diese Rundreise des Oberkommandierenden von einem Quartier zum andern zeitigt baldigen und gründlichen Erfolg. Langsam will die Meuterei abbrechen. Sie macht wenigstens keinen Fortschritt mehr. Sie bleibt auf ihren Herd beschränkt. Die schweren und schwarzen Tage wollen schon vvrübergehen, da zieht ein neues Ungewitter um Himmel empor: Die Russen meutern. Die vor Monaten von Rußland auf den westlichen Kriegsschauplatz geschickten Regimenter des Zaren sind gleichfalls müde. Mit welche, Hoffnungen und mit welcher Begeisterung hatte man sie damals ausgenommen, bei ihrer Landung in Marseille, diese Russen! Das männerarm gewordene Frankreich hatte sie mit offenen Armen empfangen. Uni nun meutern sie. , - Nach den Kämpfen am Brimont sind von den stolzen Regimentern noch rund 5000 russische Soldaten Übriggeblieben. Die andern liegen in Lazaretten oder ruhen drüben vermodernd im Trichterfeld, unter den Mündungen der deutschen Maschinengewehre. Diese fünftausend Russen hat man weit ins Hinterland geschafft, ins Lager Curtine bei Chälons an der Marne. Aber auch dorthin ist der Ruf der Meuterer gedrungen Bei diesen Russen werden sie mehr Glück haben, so hoffen die Drahtzieher. Und siehe, es scheint, als sollte hier der Aufruhr seine größter Blüten treiben, wenn auch etwas verspätet. Denn am 9. Juni bekenn! sich die russische Hilfsbrigade offen zur Meuterei und zur Revolution. Ein Flugblatt wird verteilt. Es ist hektographiert und wird in Masse« unter die Soldaten geworfen. Darin heißt es: „Soldaten Rußlands! Ihr seid nach Frankreich verkauft worden al< Gegenleistung für französische Munitionslieferungen. Wollt ihr es euch gefallen lassen, als Sachwert behandelt zu weihen? Wir wollen der! Frieden genau wie das russische Volk. Nieder mit der französische« Bourgeoisie, die in der Fortsetzung des Krieges ein Geschäft sieht. Weigert euch, nochmals an die Front zu gehen, um euch für Frankreich niederschießen zu lassen." (Schluß folgt.) Auftrag. Vo n Ludwig Höltr>. Ihr Freunde, hänget, wenn ich gestorben bin, Die kleine Harfe hinter dem Altar auf. Wo an der Wand die Totenkränze Manches verstorbenen Mädchens schimmern. Der Küster zeigt dann sreundlich dem Reisenden Die kleine Harfe, rauscht mit dem roten Band, Das, an der Harfe festgeschlungen, Unter den goldenen Saiten flattert. Oft, sagt er staunend, tönen im Abendrot Von selbst die Saiten, leise wie Bienenton; Die Kinder, hergelockt vom Kirchhof, Hörten's, und sahn, wie die Kränze bebten. Almrast. Bon Hans Kloepfer. In meinen Arbeitstag schagen die Almen herein. Nicht immer natürlich, aber oft genug, daß sie mein Wandern und Mühen im Tale per-- heißungsvoll trösten und mir einen frohen Weitblick gönnen wie einen, frischen Trunk an staubiger Straße. Oder wie etwa auch ein Flickschneider zuzeiten von seiner Stichelarbeit aufblickt nach den hohe» Lindenkronen vor seinem Dachsensterlein, um sich ein Stücklein Herrgottsweite in die enge Kammer zu holen. Und dann kommt ein Tag, von köstlicher Vorfreude begrüßt, an dem ich auswärts steige im geheimnisvollen Morgengrauen durch kühle Waldschatten, über tauige Wiesen, langsam erst, dann immer schneller. Einen sandigen Hohlweg geht es entlang am Waldsaum. Nur eine mannshohe Erdwelle und der eifengraue Almzaun trennen mich noch von den freien Bergwiesen, darinnen die Quellen klingend sprudeln. Nun bin ich oben, und die letzten Schritte führen mich aus traulicher Erdnähe hinaus vor die leuchtende Unendlichkeit. Da liegen weitum die Almen, schenken mir das Glück ihrer Höhe auf freien, leichten Wegen, die ich ftunbenroeil übersehen kann. Und schließen sich zum Kranze wie die schimmernden Gefilde der Seligen. Schon im Raume hoch emporgehoben über allem, was Pflügen und Graben und Roden und Schlagen braucht, was hart« Arbeit fordert und sauren Schweiß und zitternd« Sorge in Wettern und Hagel schlügen. Sehen herab in der lächelnden Selbstverständlichkeit der Schönheit auf das kraus« Furchennetz, das unser Menschenwerk im Laus« von Jahrhunderten der Erde ins Antlitz gegraben und über dem unsicher und ruhelos das graue Gespinst unserer Sorgen roeb* Das ist ein weiches Fließen der Formen, frei und leicht, und doch durch feine Brechungen der Linie immer wieder reizvoll aufgelöst, mit sparsamsten Mitteln vor Eintönigkeit bewahrt. Und meilenweit gekrönt vom flutenden Sonnenlicht und heiliger Stille. Das laute Gehaben der Industrie, der Kleinlärm werkender Alltäglichkeit, all die tausend Stimmen, in denen das Menschenlos zum Himmel schreit, sie sind verklungen, versunken, schon drunten in den blauen Waldgründen, die ihren Fuß umsäumen. Und nur die letzten, die größten, die Grundakkord« aus dem Leben auf Erden werden über diese freien Borde getragen, der mächtig« Orgelklang der Winde, das Rauschen der Wasser, all die Stimmen der Tiere, die frei wandeln wie an ihrem ersten Schöpfungstage. Es ist das große Gesetz der Vereinfachung, das auf unser kompliziertes Empfinden wirkt, befreiend und läuternd im künstlerischen wie im ethischen Sinne. Wo anders sonst noch stürmen die Wolken über einsame Höhen wie vor tausend Jahren, werfen Bilder in die Seel« voll stiller Kraft, die nichts gemein haben mit heute und morgen, die zeitlos sind wie die ewig« Natur, Der alte Hochwald im letzten Almwinkel schirmt gleichmäßig bleichende Baumleichen und saftigen Jungwuchs, kein wehleidiges Menschentum sährt ihm störend in die große Linie des Werdens und Vergehens. Und die vom Anfang aller Zeiten an die freien Hohen durchstreifen, die Hirten und Jäger, fi« tragen noch heute ihr Amt heroben still und wetterfest, nur statt der Felle den rauhen Loden, statt des Speers und der Armbrust die Büchs«. Nur das Meer zeigt Bilder, die tfj vergleichen Hetzen, voll einsamer Größe und ohne Beziehung zum etlichen. Ader es ist heute noch das feindliche Element, das die Men- Yen ernst und wortkarg macht im täglichen Kampfe mit Wogen und tebolstürmen. Das Almvolk dagegen hat klingende Lieder. Die weite ichau über die herrlich prangende Welt zu seinen Füßen hat ihm wohl ie Zunge gelöst im hallenden Jauchzer. Und was sie singen, gilt immer lieber dem halb unbewußten Glück des freien Lebens heroben, der fon- ,gen Schönheit um sie her und der Liebe in ihrer ersten, natürlichsten örm. Ick) liege im Grase und muh die Augen schließen vor der Fülle des ichtes, das noch purpurn durch die Lider scheint. Als ob sich’s hier oben kohl gar nicht sterben liehe. Dazu ein körperliches Wohlbefinden, das brch die Glieder strömt wie starker, brausender Edelwein. Eine Hummel tutet schwingend vorüber, in leichten Wellen läuft der wehende Wind i-rch Gräser und Blumen und bringt einen feinen, warmen Schwall rn Wohlgeruch als köstliches Destillat aus Wütenduft, Erdgeruch und vnnengold. Ich wende leicht den Kopf und sehe über die nächsten Gras- itzen in meilenweiter Ferne winzigklein eine Kette gewaltiger Berge, ahkupferrot die Felswände und wie in Silber genietet die Bänder der kchneerunsen: die Tauern. Zur anderen Seite dehnt sich di« weite kotteswelt in blauen Wäldern und Hügeln und blassen Tälern und ganz rne säumt der fitmmernüe Aether eine feine Linie, aus der ein kan- zes Hügelchen ragt, die Riegersburg, nicht weit von Ungarn. Ein kleiner Käfer krabbelt mir ans Ohr und mahnt mich aus leuch- nden Weiten bescheiden an di« Nähe. Gehorsam wende ich mich und staue und staune in eine Welt des Kleinlebens. Da tragen die Halme id Blütenglocken ein feines Haarkleid von steirischem Loden gegen die searfen Schneewinde und stehen stämmig und aufrecht auf starkem Wur- !gründe, getrost und zufrieden wie kleines Almbauernvolk. Eine wilde t ene steckt bis zur Brust in einem wiegenden Glöcklein. Von der Spitze ries Halmes läßt ein stundenaltes Mllcklein die schillernden Flügel fpie- Ict und kann sich vor unbewuhtem Wohlbehagen kaum entschließen zum ging ins weite, unbekannte Land. Ein kleiner schwarzer Käfer hastet t.rchs Urwaldmeer, so eilend und aufgeregt, daß ich schuldbewußt lächeln «uß. Das kenn' ich. Kleinerl Wenige Schritte zur Seite ragt ein Fels- dbck aus den Almwiesen, kaum meterhoch, aber wie ich nun aufs nächste rigestellt bin, ein gewaltiger Berg durch die Wucht der Umrisse. Auf oem Flecklein seiner firnwindzernagten Rippen trägt er wurzelstarkes Eiben. Einen tiefen Spalt hinan steigt ein Fähnlein Moose, lanzen- jolank, mit spitzen Sturmhütlein, wie ein Trüpplein Gewappneter, das mnnhaft auszieht auf Aventiuren. Und richtig: da lauert im hintersten hhlengrunde der gewaltige Drache, ein fingerlanges Eidechslein, braun, ztdfchuppig, mit fliegenden Flanken. Auch sonst begibt sich manch Un- f loolles an der Schattenseite meines Mikrokosmos. Da würgt ein Inner gepanzerter Käfer in schauerlicher, winziger Einsamkeit einen büchen Tausendfüßler und im luftigen Raubnetz der Spinne büßt ver- fcmachtend ein stahlgrünes Flieglein feine kurze Daseinspracht. Wie 1:formen aus der Sagenzeit unseres heutigen Lebens erscheint alles, ins da kreucht an Wurm-, Schlangen- und Echsengestalten. Und das mnnenlange Fichtengreislein, das den Gipfel meines Liliputanerberges hint, es ragt aus dem Urwaldgefilz der Moose und Preihelbeeren ?! Itimm und windzernagt, aber hart und zäh wie der sturmzersegte II 8:umriefe eines uralten Opferhaines. Spielzeugklein, aber von einer I 8:walt der Umrisse und Kraft der Formen ist diese kleine Welt, als ob l| k' tausendjährige Kamps mit Sturm und Eis alles froh« Ausrecken und llü rzweigen niedergezwungen hätte, den Kern aber verstählt. Immer H ütfer versieht man sich in diese kleine eindringliche Welt der Wunder, D tl betroffen von dem Reichtum, den man kaum geahnt, und der Ge- IIknten auslöst, scheinbar platt und alltäglich, und doch voll innerer Be- Mfihung zur Geschichte des Lebens heroben. Noch vor wenigen Wochen ■h;en die Kräutlein unter fuhhohen, stahlharten Schneewächten, und «inte wiegt sie der Almwind so lind und zart, als ob jedes gröbere Mi:greifen ihnen schaden könnte. Eine säst unendliche Abstufung der liiäfte ist hier am Werke, au die sich dos Leben angepaßt hat, mühsam WM Lause von Jahrtausenden, unter tausendfachem Tod und wieder unter W'iilhundertfachem Werden, siegreich für alle kommende Zeit. So steigt H Ür ter diesen grausen Formen ein großes Gesetz der Entwicklung auf: ■kr Kampf ums Dasein. Bei uns drunten klingt das Wort nicht gut, ist WMz fürs Menschliche in Besitz genommen, für eigennützige Ziele und D Wlistige Ränke. Ein reißender Strom, der seine trüben Wellen zuzeiten M'ch ans ruhigste Gestade klatschen läßt und zu Wehr und Sorge zwingt. B -''d so kann es kommen, daß man solchen Nahblick in die freie Welt des ij hiverfums empfindet wie ein Märchenwunder, das ganz fein anklingt M fernen, fernen Tagen. In der ersten Kindheit gab’s auch eine Zeit, j, ro die Natur so einfach und eindrucksvoll und doch voll von Gehcim- k'isen zu uns sprach, nur in Farben und Formen, ohne Beziehungen Weite. Wo man lange in einen Georginenkelch starren konnte und I »7 das leuchtende Gelb, das flammende Rot empfand, daran das Auge »e gessen trank und trank, bis es satt war. Und der goldgrüne Käfer im Märzen der Rose war ein kleines Gotteswunder, ein verstohlenes Ma^ । Man bezog nicht alles auf fein eigenes Ich) di« Begriffe schädlich 8 nützlich hatten noch keinen Raum im weiten Garten der Natur. Sin leises Dröhnen des Bodens, ein gemütliches Schnauben laßt Mch aufschauen. Ein schneeweißes Rind sieht mich aus großen guten "I ügen an, schüttelt das Haupt vor einer Wolke von Fliegen und schaut | ft- anfenaoU ins Weite. Wie sich die leuchtende Umwelt wohl aus der j ^tzhaut seines Auges spiegeln mag? Die Frage ist nicht so müßig, wie Jc augenblicklich scheint, wenigstens nicht an einem Feiertage des «f(»ens, der mir so Seltenes schenkt an Zeit und Ruhe. Was bringt ■"fer seelenvolle Blick in blaue Fernen dem Tier ins Hirn heim? Wohl H Men die Bilder durchs klar« Aug auf seelenblinden Grund, wie die | ^nste Gletscherlandschaft durch die Spiegelscheiben eines leeren Alpen- I "Els fällt. Sicher ist's nur aufs nächste eingestellt. Hunger und ja ^"Mn's nicht eben ein Ochs wäre. Aber irgend ein Zustand der Zu- I f^denheit, ein behagliches Hindämmern ruht doch unbewußt am Grunde iHüver augenblicklichen Lebensempfindung. Glücksgefühl? Das ift wohl zu stark — für einen Ochsen, der jenseits von Gut und Bös« im trägen Blute die köstliche, brausende Leidenschaft nicht kennt. Mit einem feuchten, innigen Blick des Mitleids wendet er sich von mir armen grübelnden Menschlein und rupft wieder im Schreiten den würzigen Almboden. Daß ich und meinesgleichen die Krone der Schöpfung, quittiert er gelassen mit einem breiten Schluhpunkt feines friedlichen Stoffwechsels. Im goldenen Spätnachmittage schreite ich der fernen Hütte zu. Wie von selbst fällt der Schritt in ein ruhiges Gleichmaß, das sich einfügt in den Takt des Lebens um mich her. So gehen sie auch alle, die in dieser Welt ihr Leben verbringen, die Hirten und Wurzelgräber, die Jäger und Holzknechte, wenn anders sie nicht ein Außenstehendes, ein Ziel zwingt. Das Ziel ist nicht vor uns, ist um uns, ist ein Gehen, ein Stillestehen und Schauen. So stehen die Rehe unten im Grund«, so säumen die leuchtenden Wolken überm Wald, so fällt der Quell in den Brunnentrog. Alles gehört zusammen, und nichts fällt zu besonderem Zwecke aus dem Rahmen. Der heimkehrende Hirte grüßt mich gleichmütig mit leichtem Nicken als etwas Selbstverständliches, beinahe Erwartetes. So wird di« Rast auf der Bank vor der Hütte im sinkenden Abendgold zum unbewußten Gottesdienst. Herrgottsfriedeni Das ist das rechte Wort für dies« heilige Stille im weiten Rund. Ruhiger, in ausgleichendem Zeitmaße, gehen hier die großen Gesetze des Lebens ihren Gang. Die weiten Linien lassen freie Bahn fürs Auge wie für die Seele. An Segantini muß ich denken, der anbetend schauend sein Größtes in der schweigenden Bergwelt empfangen hat. Schweres Leid, hier sinkt es zum Grunde, zuckender Schmerz um Verlorenes, hier oben müßte er sich lösen, weich verströmen in der Unendlichkeit. Drunten tief im Arbeitsfeld unseres Lebens mahnt uns immer wieder eine schmale Gasse, ein liebes Haus, eine stille Stube an liebe Weggenossen, die wir verloren, hier oben aber schreiten sie uns wieder zur Seit«, frei und leicht, und mit all dem fröhlichen, oft absonderlichen Gehaben, das ihnen im Leben angehangen. Hier oben möchte man wohl einst begraben sein ober, besser noch, verzehrt werden in reinigenden Flammen und als leichte Asche verstreut in den wehenden Wind, daß bald kein sichtbares Teilchen unseres Körperlichen zu finden wäre, daß wir aufgelöst wären im weiten All, wiedergegeben der mütterlichen Erde. Ein Dichter hat's gesungen, aber wie viele vor ihm haben es ahnungslos empfunden. Zögernd scheidet das Licht. Aber noch lange stehen die Berge klar und scharf gegen den helleren Westen, bis endlich die Nacht die reife Pracht des Tages in ihren blauen Mantel fängt und das schimmernde Sternenheer unser bewegtes Einzelschicksal für einige Stunden ruhen läßt vor den ehernen Toren der Ewigkeit — Ich aber steige durch den schweigenden Hochwald, sroh und getrost, mit einer Welt des Erlebens zwischen gestern und heute. Und mit einer Lust zur Arbeit für all di« nächsten Tag«, unter der es wie ein feiner, köstlicher Durst liegt nach dem Sonnentraum auf der Höhe. Bis ein heihverdienter Ruhetag mir aufs neue ein Wandern schenkt nach oben, nach Sonne, Licht und Freiheit — auf die Alm! Wer hat die Alpen gestaltet? Von Dr. R. Francs. Warum sind die Alpen schöner als alle anderen Gebirge von gleicher Mächtigkeit, wie das sämtliche Weltreisende von je bestätigt haben? Aus diese Frage hat die neue Forschung eine sehr merkwürdige Antwort gefunden, indem sie nämlich die Eiszeit, von der doch jeder Naturfreund bereits gehört hat, als den großen Künstler erkannte, der an ihrer Verschönerung gearbeitet hat, ja ihnen erst den eigentlichen Hochgebirgscharakter ausgeprägt hat. Dadurch wirken sie größer, als sie find. Die Eiszeit hat mit Gletschern und durch sie bewegten Schutt gebosselt und gearbeitet an ihnen. Sie war es, die die scharfen Felsgrate, die kühnen Bergspitzen, die tiefen Kare, das herrliche Relief der Täler, die steilen Wände, die Wasserfälle und Klammen, die malerischen Talhintergründe geschaffen hat, ohne die die Alpen ebenso großartig langweilig wären, wie die Cordillere in Amerika oder die Mafsengebirge Aftikas. Nur ein einziges Hochgebirge gleichen Ranges hält darin den Wettbewerb mit den Alpen aus, und das ist der Kaukasus. Aber gerade er hat ebenso seine Eiszeit gehabt wie sie. Dort, wo das Eis nicht waltete, bleiben die Alpen durchaus in der Landschaft des Mittelgebirges stecken. Man sieht dies an der Steiermark in ihren östlichen Teilen, die auch in der Eiszeit keine Gletscher trugen, sondern nur die Wirkung des rinnenden Wassers und des abblafenben Windes ausgesetzt waren. Dort gibt es nur auf den über 2000 Meter hohen Gipfeln wirkliche Hochgebirgserscheinungen, gleichsam als Inseln zwischen wohlgerundeten Kuppen und sanften Waldbergen, welche zwar die Anmut der Steiermark bedingen, sie aber hinter der Majestät des übrigen Alpenlandes zurückstehen lassen. Es arbeiten zwar auch an ihnen Verwitterung und Wasser restlos daran, die kühnen und malerischen Gestalten, die uns die Eiszeit hinterlassen hat, wieder gewöhnlich zu gestalten. Die tiefen Täler werden zu- geschüttet, die Felswände und Felsstufen werden zerschnitten, die Firste der Berge stürzen ein, und an Stelle der schlanken Felsnadeln tritt Schutt und Geröll. Gegenwärtig aber erfreut sich das Herz des Alpenfreundes doch noch überall an dem herrlichen Wechsel der Bilder in dem Gegensatz zwischen breiten Talgründen und schmalen dunklen Schluchten, dem jähen Sturz der Felswände und den grüngeschmückten sanften Abhängen, die durch Flüsse gebildet sind, an den gefälligen Einzelheiten der mannigfaltigen Durchbildung und Gliederung, die eben die Alpen so schön macht und das Erbe der Eiszeit ist. .. Gerade die größten Schönheiten der Alpenwelt waren nicht zustande- qetommen, hätte nicht die Natur vergangener Jahrtausende diese schwere Schickung bestanden. H. v. Humboldt nennt Salzburg an erster Stelle, wenn er die Schönheiten der Welt preist. Und seitdem ist dieser Ruhm der schönstgelegenen Alpenstädte auch unbestritten. Wie ist aber dieses Tal, das von so mannigfachen Berggestalten umstellt ist, so überaus mannigfaltig und dadurch malerisch geworden? Woher kamen in ihm diese entzückenden Gegensätze zwischen kühnster Hochgebirgsformation und so an- mutigen Kuppen wie der Gaisberg und fein Vorland? Woher im einzelnen die reizvollen Klippen des Mönchsberges, der Festung und des Kapuzinerberges, welche alpine Schönheit inmitten der Gassen der Stadt tragen und ihr sogar innerhalb des Burgfriedens noch verwegene und kühne Auge verleihen? All das konnte nur entstehen durch immer wiederholte Eiszeiten, die hier gehaust haben. Der riesige Salzachgletscher hat das Tal von Salzburg im Großen modelliert, er hat es um einige hundert Meter übertieft und erst dadurch Hügel entstehen lassen und den Randbergen ihre imposante Höhe verliehen. Er war hier schon seinem Ende nahe, er war bereits in Arme geteilt, so daß zwischen ihm Inselchen stehen blieben, die heute als die malerischen Klippen von Mönchsberg und Kapuzinerberg das Stadtbild verschönen. Einst in einer Zwischeneiszeit war das ganze Becken von Salzburg ein ungeheuerer See, der durch einen Kranz von Schutthügeln abgedämmt war. In ihm lagerten sich jene großen Schotter ab, die der Salzachfluß, damals ein Strom, aus dem Gebirge brachte und die sich dann zu einem Gestein verdichteten: aus ihm, das man Nagelfluh nennt, hat sich der Salzachgletscher, als er wiederkam, das heutige Tal herausgehobelt; die Berginseln hat er stehen lassen. So wäre ohne die wechselvolle Geschichte der Vergletscherung niemals die Fülle der Schönheit entstanden, mit der die herrliche Salzachstadt sich heute schmückt. In ähnlicher Weise wurde auch im Münchener Ausflugsgebiet der Aus gang des Jnntals aus den Bergen mit dem gleichen Zauber umkleidet. Ueberall, wo dis großen Eiszeitgletscher in die Ebene hinaus- traten, hat sich eben die gleiche Erscheinung wiederholt. Man findet sie auch in der Schweiz zweimal, einmal bei der Lage von Sitten im Rhönetal und dann bei Bellinzona im Tessin. Im bayerisch-tirolischen Beispiel ist die Gestaltung aber besonders mannigfaltig und dadurch schön. Da liegt die einstige Grenzfeste Kufstein, und wer von der Sparchen, oder noch schöner von der Neapelbank am Eingang des weltberühmten Kaisertales auf sie zurückblickt, etwa wenn der letzte Abendsonnenschein die Burg von Kufstein mit den farbigsten Lichtern umglüht und an den Bergen tiefviolett die Schatten niedersteigen, der muß wohl gestehen, daß dieser Anblick ganz gut den Vergleich mit Salzburg aushalten könne, ja, daß das Bild in feiner Geschlossenheit und den reichen Kontrasten von Farben und Formen jenes der Salzachstadt sogar übertreffe. Würden hier noch die Wellen jenes großen Seebeckens ziehen, das nach der Eiszeit die ganze Gegend bis Rosenheim unter Wasser setzte (es ist heute noch in großen Verlandungsmooren kenntlich), dann würde der Anblick den Neapels wohl noch übertreffen. Auch diese entzückende Lage wurde nur durch den Jnngletscher herausmodelliert. Denn auch hier ist das Inntal gewaltig übertieft, es ist ein echtes eiszeitliches Trogtal mit ebenem Talboden und senkrechten Wänden, und auch hier blieben wie bei Salzburg, Nagelfluhklippen erhalten. Der Festungshügel ist eine solche. Und so bringt die Eiszeit in ihren Spuren nicht nur in der Berg-. welt selbst, sondern sogar noch ins Vorland Züge von Schönheit und Anmut. Die Wellen^üge der Schutthügel, die blauen und grünen Fluten der Borlandseen, der hohe idyllische Reiz von Landschaften, die einen Schleich und Morgenstern als Maler berühmt machten, sie wurden ihnen als Modell geschaffen von einem der größten aller Künstler — von der Eiszeit. Wer so, wie wir es hier in einigen Beispielen taten, ihr auf seinen Alpenbesuchen sinnend und verstehend nachgeht, der wird ihr Walten preisen und dankbar fein, daß sie da war. Mit dem Silberstist gezeichnet. Eine Geschichte aus Riga von Elly von Stern. 1848. Alma-Katharina lief leichtfüßig über die Wiese. Rings um sie herum stand flirrendes, tanzendes Sonnenlicht. Zwischen den Schachtelhalmen und im harten Gras der Flußwiese zirpten und geigten die Grillen. Eine Lerche schwirrte auf und schraubte sich, immer höher und höher steigend, in die blaue Sommerluft. Das Häuschen lag weiß und schimmernd vor Alma-Katharina. Die roten Bohnen kletterten mit Lust an ihren Schnüren empor und deckten die kleinen Fenster mit einem Netz gaukelnder Blüten. Alma-Katharinas weiter Rock blähte sich im Seewind, als sie in voller Fahrt, hüpfend und singend, bei ihrem Hause ankam. Die Tür stand weit offen. Am Herd unter dem Mantelkamin wirtschaftete die alte Edde und briet Strömlinge auf offenem Feuer. Die Butter brutzelte, und der Duft der gebratenen Fische drang bis auf den Vorplatz. „Ein Bries ist angekommen", sagte Edde gleichmütig. Alma-Katharina wurde rot vor Freude. Sie war achtzehn Jahre alt und seit einigen Monaten verheiratet. Sie trat ins Nebenzimmer. Da lag der Brief auf der bunten Tischdecke. Der schmale, weiße Umschlag trug, von ihres Mannes Hand geschrieben, die Anschrift: „Frau Titularrätin Alma-Katharina Alten, Dubbeln bei Riga" und darunter den Vermerk „Durch besondere Gefälligkeit". Alma-Katharina griff nach dem Brief. In diesem Augenblick ward ihr, als ob ein schwerer, schwarzer Vorhang vor ihr niedersank und sie von ihrer Umgebung trennte. Entsetzt streckte sie die Hände aus. Sie griff ins Leere. Einen Augenblick nur dauerte das Grauen, bann wurde es wieder leicht um Alma-Katharina. „Ich habe wohl zu sehr in die Sonne gesehen", überlegte sie. Sie drehte den Brief um. Er war mit einer blauen Oblate zugeklebt, auf der sich zwei weiße Täubchen schnäbelten. Alma- Katharina drückte den Brief an ihre Lippen. „Ich liebe dich unbeschreiblich", flüsterte sie, „ich würde dich nie einer anderen lassen." Sie holte ihre Brodierschere herbei und öffnete den Brief sorgfältig. Friedrich Alten schrieb in seiner zierlichen Kanzleihandschrift: „Meine inniggeliebte Alma-Katharina! Da Frau Staatsrätin Neumann so liebenswürdig war, diesen Brief an den Strand mitzunehmen, so kann ich Dir ein Zeichen meines Gedenkens geben. Leider werde ich auch in dieser Woche nicht die Möglichkeit haben, zu Dir nach Dubbeln zu kommen. Die schreckliche Krankheit wütet nach wie vor in unserer Stadt und macht uns auch tt unserer Kanzelei viel Arbeit. Vorgestern wurde der Dischvorsteher NiU ferow während der Arbeit von der Krankheit befallen. Wir mußten ih« ins Choleralazareth schaffen, und heute soll er in den letzten Zügen liegen Mache Dir keine Sorgen um mich, meine liebe, kleine Frau, ich tue alle,, was möglich ist, um die Krankheit abzuwehren. Ich räuchere, hänge Essig, lappen auf, lebe mäßig und rauche fleißig. Es ist mir eine Veruhigung, Dich in der guten Luft am Strand zu wissen, die keine Miasma in sich hat. Uebrigens hat der Apotheker Kersting unfere Rigaer Luft untersucht und sie ganz unverändert gefunden. Seltsam, fehr seltsam. Wenn ich nach zwei Wochen an den Strand komme, dann wollen wir im Aktienhaus tanzen gehen. Wie ich erfahre, hat der Tanz dort neulich bis ein Uhr nachts gedauert. Wenn sich auch nichts gegen das Tanzen im Sommer sagen läßt, so scheint es mir doch nicht angebracht, das Ver- gnügen bis über Mitternacht auszudehnen. Ich bin in meiner Wirtschaft wohlversorgt. Madde kocht gut, und unten Nachbarinnen, Madame und Demoiselle Müller, geben ihr gute 9tat' schlüge und sind sehr um mein Wohlergehen bemüht. Demoiselle Müller ist übrigens eine charmante Person. Ich grüße Dich herzlich und küsse Dich Dein Dich liebender Friedrich." Alma-Katharina ließ den Brief sinken. Sie war blaß geworden. Ech heute und aus diesem Brief wurde ihr klar, daß Friedrich, ihr geliebter Mann, in Riga in beständiger Lebensgefahr war. Und sie, Alma-Katha. rina, seine Frau, war nicht an seiner Seite. Ein Schluchzlaut kam aus ihrer Kehle: „Demoiselle Müller kann immer um ihn sein, und ich sitze hier und bin nur in Gedanken bei ihm. Edde", rief Alma- Katharina (aul, „(auf gleich zum Awotinwirt, er soll anspannen, ich fahre sofort nach Riga. Mein Umschlagetuch, meine Schutte, leg alles bereit." Edde wollte Einwendungen machen, aber Alma-Katharina hörte nicht auf die alte Magd. Nach einer halben Stunde stand das Bauernwägelchen vor der Tür, und Alma-Katharina stieg ein. Langsam ging die Fahrt vor sich, viel zu langsam für Alma-Katharinas Ungeduld. Die Räder mahlten ächzen! im tiefen Sande. Nur hier und da waren Heidekrautbüschel mit de« Wurzeln auf den Weg gebreitet, um das Einfinken der Räder zu ver. hindern. Das Gewicht des Wagens drückte bas harte Gezweig ber lieb, liehen Pflanze tief in ben Sanb. Eine Wolke von braunem Staub, im bem Bremsen unb große braune Fliegen tanzten, hüllte bas Gefährt uni Alma-Katharina ein. Unentwegt zuckten bie Pferbe mit ben Mähnen uni schlugen mit ben Schweifen, um bie Plagegeister zu verscheuchen. Bei ber Fähre über ben Fluß gab es langen Aufenthalt. Es war schon gegen Äbenb, als bas Wägelchen über bas Kopfstein- Pflaster in bie Stadt rumpelte und vor ber vertrauten Haustür hielt Alma-Katharinas Herz schlug hoch. Wer würbe ihr bie Tür öffnen? Würbe bas Friebrich selber sein ober nur bie Magb? O, gewiß war es Friebrich, ber sie in feine Arme nahm. Alma-Katharina sprang leichtfüßig aus bem Wagen unb ließ ben Klopfer nieberfallen ... * 1938. Es ereignete sich, baß Ilse Alten mit ihrer Freunbin Moniea ihrem Urlaub in einem Häuschen zwischen Meer unb Fluß verbrachte. Sei Sommer hatte seine hohe Zeit Einen Tag um den anberen fegeltem geballte, schimmernbe, schneeige Wolken am Himmel, ober ein Netz vom hauchfeinen Zirruswölkchen spannte sich über bie leuchtenbe Bläue. Das Korn stanb reis unb ernteschwer auf ben Felbern. Ilse unb Moniea lagen im Grase. Sonnenstrahlen tanzten burch bas blaugrüne Geäst ber Kiefern und huschten über bie Gestalten ber beiden Mädchen. Das Häuschen im Hintergründe, bohnenblütenumsponnen» leuchtete in seiner Weiße. „Moniea", sagte Ilse, „findest du nicht, baß wir hier eingesponnen finto in zeitlosen Traum? Sieh bas Häuschen! Es stammt gewiß aus bet» Anfang bes vorigen Iahrhunberts. Die Streckbalken ber Decke, bie sich« tief-in bas Zimmer senken, bie kleinen Fenster, ber Mantelkamin, bas ist alles wie aus einer anberen Welt." „Es ist ursprünglich wohl eine Fischerhütte gewesen?" „Gewiß, aber seit mehr als einem Jahrhunbert haben hier Sommer-- frlschler gewohnt." „Was mag bas Häuschen wohl alles gesehen haben?" „Ich habe hier Alma-Katharina gesehen", sagte Ilse leise und g«1' heimnisvoll. „Alma-Katharina? War bas der Name ber ersten Frau deines Vorfahren, ben bu so lange gesucht hast?" „Ja, so hieß sie. Sieh dieses Bildchen. Ich fand es mit anderen Papieren im Sekretär meines Großvaters. In einem Geheimfach lag es." „Mit dem Silberstift ist es gezeichnet, blaß und undeutlich, aber fehl' lieblich." „Es ist Alma-Katharina. Denn unter der Zeichnung steht ,Meine Frau. Friebrich Alten, 18. V. 1848h In der Familie wußten wir nicht: einmal mehr ihren Vornamen. Ihr trauriges Geschick aber kannten wir Sie hatte im Jahre 1848 am Strande gelebt, kam aus irgendeinem Grunde in bie Stabt unb lief bem Tob geradewegs in die Arme. Sie erkrankte an der Cholera und starb in wenigen Stunden, 18 Jahre alt. Mein Vorfahre heiratete nach Ablauf des Trauerjahres Cordula Müller, eine blühende und lebenstüchtige Frau. Sie schenkte ihm sieben Kinder, die alle tüchtige Menschen geworden sind und unseren Namen auch in andere Länder getragen haben." „Und Alma-Katharina? Verweht wie ein Sommerwölkchen am Lebenshorizont eines Menschen? Verweht unb vergessen?" , „Vergessen wohl nicht. Als ich bie Papiere aus ihrem Versteck nahm, raschelte etwas kaum hörbar. Am Bilbchen war mit einer Nabel em Strohblume befestigt, eine .Immortelle', wie eine empfindsame Zeit btci Blume nannte. Vielleicht war Alma-Katharina für Urgroßvater eine In marterte, bie er in feinem Herzen bis an fein ßebensenbe trug." Derintwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühlfche UniverfitätSdruckerei R.Lange, Gieße».