rfen 10$ i m h M >nnt > olt, i trot >eln. Un4 *. Sil beult ) mit 6$ii Ich»! GiehenerKimilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1959 Zreitag, den [1. November nurnmcr 89 in 9t Nlhigl Kein, noble durch uölt, unb i ir in Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Abertragung von Arthur Seiffhart 2. Fortsetzung. so oschz : er, i unb n til 1 gii| >Ml ie tc iintn ZchH gcim n W d ja.1 hll M bertu oul. :ento «W f)ÖitH irt» b. üfira nett,: M unf* m i W ui* ut I« unM ufbrii nW: n®$ ne1 „Sehen Sie", sogt« sie, „man weiß nicht, was man tut, wenn so etwas geschieht. Ich habe Ihnen häßliche Worte gesagt; ich werde es nicht mehr tun. Und wenn es mit mir ans Sterben geht .... ja, aber nicht jetzt gleich, — so werde ich Sie holen lassen, und Sie würden dem Zandern mit seiner Sense sagen, daß er nicht eintreten darf. Und er wird es nicht wagen. Sie sind mein Sohn, mein Schatz! Es schmilzt! Das Eis schmilzt, jetzt rutscht es die Backe entlang. Es fällt! Sie sind der liebe Gott, Herr Doktor!" | Blitzartig, in weniger als einer Sekunde, hatte Roosje die Decken vieüer auf ihre Tochter geworfen: „Schämst du dich nicht? Hier ist doch emand", sagte sie. ...$an.n küßte sie sie lange. Grietje, die noch nicht recht erwacht war, “4le sie wieder: „Noch mehr!" sagte di« Mutter, „noch mehr, mein Grietje streckte, um die Mutter am Kopf zu fassen und so an sich zu jrehen, di« Arme aus den Decken, zog sie aber frierend wieder zurück. »Wer hat mich denn so nackt in diese Wolle gesteckt?" „Sie spricht!" rief Roosje, „sie spricht!" ,Lch will aufstehen", sprach Grietje. Die alte Frau lachte und weinte zu gleicher Zeit, nickt« mit dem «opf und schien wie verblödet. „Ah, du , sagte sie, „sag das doch noch einmal: ,Ich roiff!' Das steht Dir so gut, wenn du sagst: ,Jch will!'" „Ich will nicht sagen, ich will", antwortete Grietje. .Lieh mich an, Mutter." Dann näherte ste sich leise ihrer Tochter, hob ganz vorsichtig ihren Kopf und küßte si«, als ob sie aus Glas wäre. „Warm", sagte sie ganz leise, „sie ist ganz warm!" Grietje erwachte allmählich; ein unmerkliches Lächeln, das Lächeln der Gesundung zeigte sich im Winkel der Lippen, die sich ein wenig über dem aum sichtbaren Schmelz der weißen Zahne öffneten. Dann schlug sie p« Augen auf, große, braune, noch verschleierte, aber schon sanft an- mutende Augen. Sie blickte um sich, hustete einige Male und sagte um zeduldig: „Ich brenne. Nehmt es weg!" < Sie stieß die Decken mit dem Fuß fort und zeigte sich nackt und schön |?‘e eine Schöpfung Tizians. Ihr mattweißer Körper mit den zierlichen Miedern und den anmutigen Formen in ihrer noch jugendlichen Rundung Mrde durch das Licht der Kerzen vergoldet wie der Körper der bleichen uiana, als sie plötzlich in die Schmiede Vulkans hinabgestiegen war. ieber „Ja, ziehen Sie sie an", sagte der Doktor vortretend. „Wer ist dieser Herr" fragte Grietje ganz beschämt. „Das ist ein Arzt, der dich aus dem Sarg gezogen hat", antwortete •Roosje. tob *3 jtlU' efni1 9 !> hörte von unten her, wie Roosje herumlief, fang und tanzte. ■ Ct9 fünf Minuten kam sie herunter. »tp „ „Er ist viel zu schön für einen Arzt", sagte Grietje mit einem kaum Wi merkbaren, reizenden Verziehen des Mundes. I „Warum geht er fort?" „Damit wir dich anziehen können, mein Kind." | „Ach so, ja, aber er soll bald wiederkommen." Paul ging hinaus. „Das ist ein schönes, verwöhntes Kind", sagte er B nachdenklich, während er di« Treppen hi nab stieg. Und er fühlte eine ime Wirrnis ins Gehirn steigen. Er hätte mit zwanzig Männern Men, sie besiegen, aber nicht töten wollen, er hätte seine arme, alte iuh mle Mutter Wiedersehen und ihr um den Hals fallen wollen, um ihr wie M Kind zu sagen: „Ich liebe sie, Mama, und ich werde nun heiraten, ?as du immer wünschtest." Und er meinte, wenn er an feine Trauer t°W, und lächelte angesichts der Ungeheuern Zärtlichkeit und der unbe- Michen Liebe, die ihn überflutete. Eine Katze, die im Schankraum allein Wieben war, schlich verstört von Disch zu Tisch weil sie nichts weiter ai als eine Nachtlampe, wo sonst alle Abende Kerzen in Leuchtern Mnten und die Gäste lärmten. Auf den Doktor zuspringend, wurde e mit Liebkosungen so stürmischer Art begrüßt, daß sie mit einem Hieb Wr Krallen und einem Biß in die Hand des Begeisterten erwiderte, sich in der Richtung seines Zärtlichkeitsausbruches getäuscht hatte. „Grietje hat Hunger was darf man ihr zu essen geben?" „Starke Fleischbrühe , antwortete Paul. sonntags" ®Ott ' fa®te !RoO5ie' "'ch gebe ihr niemals Fleischbrühe auD„ „Haben Sie eine andere Suppe?" sie M°L^S°geL"^rt- beschämt, „aber dünn. Ich hatte "®fben Sie sie ihr, wie sie ist", antwortete der Doktor, „und dann ®ias alten Weines. Haben Sie solchen? Ja? Aber wirklich alt UNS rein 5 „Gewiß." „Was für ein Wein ist es?" „Bordeaux." „Gut, Bordeaux ist recht." Roosje stieg in den Keller und sagte, als sie wieder heraufkam, mit zitternder Stimme: Sehen Sie, hier ist Bordeaux. Bordeaux von einem H-°bler. Hundert Flaschen für eine Schuld von tausend Franken Kosten Sie ihn Hier .st der Korkzieher. Sie können ein Glas davon trinken, da Sie ste geheilt haben. Sie holte das Glas. Er netzte nur feine Lippen, gab ihr dann das Glas und bat fu auf die Gesundheit des Kindes zu trinken. Roosje nahm es, leerte es, schnalzte mit der Zunge, drückt« den Korken wieder auf me Flasche und sagte: „Jetzt werde ich Grietjes Suppe wärmen." - /paul, ^te ihr in die Küche und sah, wie sie nur ein winziges Stück Holz auf das Feuer legte, um es wieder in Gang zu bringen märten9"6" darauf", befahl er, „Grietje hat keine Zeit, zu „Mer? Genügen nicht drei?" Und sie dachte, daß dieser Arzt, der vier Holzstücke brauchte, um das §eu«r zu beleben, sicherlich eines Tages betteln gehen würde. . Aber er fetzte feinen Willen bei Roosje durch. Die vier Holzstücke gaben eme He Stamme, die die Suppe in dem Topf, in den Roosje sie ge- gossen hatte, sehr bald erwärmte. Roosje setzte den Topf auf ein Servier- brett neben die angebrochene Flasche, die sie umlegte, um sie vor dem Fallen zu bewahren und nicht etwa genötigt zu werden, eine andere holen zu muffen. Und dann ging sie wieder zu ihrer Tochter hinauf. 10. „ Bald darauf wurde der Doktor von oben gerufen. .Kommen Sie, He^r Doktor. Kommen Sie! Meine Tochter ist angezogen." Er stieg hinauf und fand ©rietje vollkommen angekleidet im Bett. H ' "®a.ru!” f’nb Sie nicht aufgestanden?" fragte er ein wenig zu herzlich. „Weil ich mich im Bette wohler fühle." 0 * y ’ »Sind Sie stark genug, um aufzustehen?" „Ja, wenn ich es wollte." „Warum wollen Sie es nicht?" „Weil ich es nicht will." „Sehr gut", sagte er. "Nein, das ist nicht sehr gut", sagte Roosje. ,Hch möchte wohl rniiie , wer Ihnen das Recht gegeben hat, fie so zu quälen? Kaum öffnet sie die Augen so wollen Sie schon, daß sie aussteht. Bleib' im Bette, Grietje mein Lämmchen." ' ' »Nein, ich will nicht im Bette bleiben, ich will jetzt spazierengehen." Griesie stand auf. „Fäulein", sagte Paul, „wir werden, wenn es Ihnen recht ist diesen Spaziergang zunächst im Zimmer beginnen. Geben Sie mir Ihren'Arml" Grietie gehorchte. Sie machten zusammen einige Dutzend Schritte, und Paul fand daß sie für eine gerade vom Tode Erstandene recht gut gehen konnte ' Die Mutter ging mit gefalteten Händen hinter ihnen und sagte: „Wie schon ist sie so! Ermüde dich nur nicht, Töchterchen, gehe nicht zuviel, Liebling. Ach, sind Sie ein tüchtiger Arzt." Grietje wollte sich wieder setzen, und Paul, Roosje und Siska taten das gleiche. Noosjes Gesicht, das seit Grietjes Erwachen vor Freude glänzte verzog sich plötzlich zu einer Grimasse; sie senkte den Kopf, blickte dann chrag zu Paul hin, ballt« die Fäu/te, knirschte mit den Zähnen und schien ich die Haare ausreißen zu wollen. Dann ging sie zur Tür und sprach vor sich hin: „Jesus, Maria! Jesus, God en Maria! Warum habe ich so etwas versprochen!" Sie verließ das Zimmer. Grietje war wieder aufgestanden und hatte Pauls Arm ergriffen Sie stutzte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf ihn und flüsterte: „Wenn ich Ihre Frau wär«, würden Sie mir dann diesen Arm geben oder den andern?" „Das wissen Sie besser als ich", erwiderte er. „Geben Sie mir den andern." „Nehmen Sie ihn, Marg... mein Kind." Er hätte beinahe Margarete gesagt. fragt Paul, aus Grietjes Ver- gesallen hätte, würdest du ihm käme?" gangeuheit eifersüchtig. „Ja", erwiderte sie. „Und wenn ein anderer Mann dir auch erlaubt haben, dich, zu küssen?" „Natürlich!" „Und wenn jemand jetzt oder morgen Schweigen Sie", sagte sie befehlend und ärgerlich. St'^Da5 müßten Sie eigentlich wissen, Sie, der Sie alles wissen." '„Warum neigen Sie den Kopf?" Warum sehen Sie mich wieder an? Schließen Sie diese bösen Augen! Sehen Sie meinen Arm an! Meine Mutter sagt, er ser schon. Ist das wahr?" "Warum^u schön? Warum sind Sie traurig? Ich habe gern, wenn Sie"traurig sind. Ich habe gern, daß Sie mich ansehen." Er gehorchte mit Freuden. , „ , , . „Wissen Sie", sagte Grietje, „daß Sie recht schone Augen haben und daß ich Sie sehr gern habe?" , ... „Und ich erst", brach Paul plötzlich heraus, zog Grietze an sich und Grietje versuchte nicht, sich seinen Armen zu entziehen. Der fehlende Widerstand flöhte ihm fast Furcht ein. „Weiht du auch", sagte er ganz leise, „daß ein großes Mädchen wie du sich nicht von einem jungen Herrn küssen lassen durste? „Warum nicht, wenn es mir gefällt?" „Gefällt dir das zum ersten Male?" 12. Siska war hinuntergegangen, um den Schankroum wieder für die Arbeiter zu öffnen, die Samstags meist lange sitzenblieben. Paul schwieg und betrachtete Grietje; er schien ruhig, fast traurig und war versunken in die Uebersülle der ihm neuen, frischen, traumhaften Empfindungen wahrer Liebe. Wie Engelschore drang es an .eine brennenden Ohren, die der purpurrote Zustrom des Blutes »um Gehinr erklingen ließ. Die geringsten Bewegungen Grietzcs erschienen ihm kost- lich- er glaubte in die Geheimnisse ihrer jungen Gedanken einzudnngen wie' in ein hellerleuchtetes Zimmer; in ihr spürte er tue Seele wahrer Weiblichkeit, die vor allem ganz Zärtlichkeit, ganz Hingebung ist. Mit Worten, mit Küssen, mit noch zu dichtenden Liedern hatte er ihr sagen mögen: „Margarete, ich liebe dich! Ich will dich so stark, so gluckver heißend, so glühend lieben, daß dir der Winterwind m,ld, daß dir gefrorener Schnee wie ein Rasenteppich erscheine und der schneebleiche Himmel für dich so schön sei wie der Himmel im Frühling, wenn die Baume m Blüten stehen, wenn d,e von Weißdorn schimmernden Hecken weithin das Land mit Dust erfüllen. Ich will" ... er hätte gewoll, daß sie alles fei, was eine Frau zu sein vermag, alles, was sie in den Angern des Mannes ist der sie liebt. In seinem Kopse wogte eine Wirrnis von Liedern, Träumen und verliebten Umarmungen mit zwanzig anderen Jungfrauen, die ober alle Margarete waren. Diese kühnen Gedanken wurden schüchtern, ergebungsvoll und scheu, wenn er daran dachte, sich ihr zu nähern, ihr 'seine Träume zu erzählen... Er fühlte seine Seele in zarten, ganz leise ausgesprochenen Worten dahinschmelzen und ahnte, daß er vielleicht, wenn sie ihn dazu ermutigte, über eine Fülle von Beredsamkeit verfügen wurde. Aber sie ermutigte ihn ja Konnte er mehr erwarten? Sie gab sich ja fast hin. Nein, antworteten sein Stolz, sein Ehrgeiz und feine Liebe entrüstet. Nein, sie ist keine Dirne sie ist eine Jungfrau, die der Küsse und der unschuldigen Hingabe ihrer Person unbewußt ist. Sie glaubt, daß, sich so auszuliesern, die ganze Liebe sei und daß dies für fein nach Zuneigung gieriges Herz 0enfr®n knarrendes Geräusch riß ihn aus seinen Träumen: Roosje lachte ihm schamlos ins Gesicht. Er sah sie höchst erstaunt an und horte ihr zu, wobei er vermied, sie anzusehen, damit sie leichter sprechen könne Der gute Doktor, der schätzenswerte Charakter! rief sie. „Wieviel mag es geben, die zehntausend Franken zurückgewiesen hatten? Er verdient die Rettungsmedaille für seinen Mut und seine Aufopferung. Einen Mann, der zu ertrinken droht, aus dem Wasfer zu ziehen, ist eine Kleinigkeit, verglichen mit der unerhörten Tat eines Mannes, der zeh» tausend Franken verhindert, in seine Tasche zu gleiten!" Und so ging es ohne Aufhören. Grietje wurde ungeduldig, als sie sah, daß ihre Mutter sich mit fo flachen Witzen erniedrigte. Paul gelang es, Roosjes Freude ein wenig zu mäßigen: „Ich habe Durst", sagte er. , v. . . , „Trinken Sie, mein Retter", sagte Grietze und nahm die angebrochene Flasche. „Eine andere", bat er. , Roosje ging in den Keller, um eine andere zu holen, die sie |elb|t entkorkte in dem Glauben, daß Paul dann vielleicht weniger trmken würde. Er trank hintereinander mehrere Glas. Roosjes Gesicht rötete sich schon wieder. „Sie haben Durst, und ich habe Hunger", sagte Grietze. Hunger?" entgegnete Roosje, das drohende Verlangen nach einer reichlichen Mahlzeit witternd. „Willst du denn zwei Mahlzeiten nacheinander nehmen?" „ „Das ist doch wohl das wenigste, wenn man zwei Tage tot war, meinte Grietje. „ „Was kann man ihr denn geben? fragte Roos,e, , Ein Dutzend Austern, ein Hammelkotelett, eine Huhnerkeul«, Ganse lebe'r und ein Hummersalat sind für die vollständige Heilung des Frauleins unerläßlich. Und dazu alten Wein." ,O je" rief Roosje, „Austern, Kotelett, Huhnerkeulen, Ganseleber, Hummer! Ebensogut könnten Sie sagen, Sie wollen mich lebendig verzehren! Von all dem habe ich nichts im Hause und habe auch memanoen, der es holen könnte." v o . Siska!" rief Paul, „frage doch irgendeinen von den Leuten, oie unten sind, ob er einen halben Franken verdienen will." Siska gehorchte, und in weniger als einer Minute horten örierj > Roosje und Paul, der in seinen Bart lachte, Bah-, Falsett- und All stimmen einmütig antworten: „Ich! Ich! Ich!" „Du brauchst nur auszusuchen, Siska", rief Paul von oben, „u schicke, den du gewählt hast, heraus." Arbeiter Sie wählte den Aermsten, einen Lehrling, der neben einem Arv saß und an der Tischecke eine dünne Schnitte Brot ohne Butter aß. Der Lehrling kam herauf und fragte ohne Schüchternheit, was tun müsse, um das Trinkgeld zu verdienen. (Fortsetzung ! 9 ■ „Ihr Kind? Ich bin kein Kind, ich bin fast achtzehn Jahre. Sie sollen I tn'C$ei diesen Worten betrachtete Grietje Paul aus ihren großen braunen Augen. Paul begegnete ihrem Blick und sand, daß diese Augen wie Samt erschienen, hinter dem ein starkes Feuer loderte. „Warum sehen Sie mich an?" fragte Gr.etje Paul. . „ . „Ich rveih Nicht", antwortete er mit cm wenig bewegter und trauriger 11. Roosje kam zurück, in der einen Hand einen Beutel, in der andern eine Geldtasche. Sie setzte sich an den kleinen, mit Wachstuch bedeckten Tisch, legte Beutel und Geldtasche darauf und sah Paul hart an. „Sie sind nicht fortgegangen, weil Sie warten, daß ich Sie bezahle, nicht wahr?" sagte sie. .... - ., „ . , Paul betrachtete sie erstaunt; Grietje lies zu ihr und rief: „iDiutter, was ist denn mit dir? Und was willst du mit diesem ganzen Selbe machen?" „Schweig!" besohl Roosje. „Mutter ärgert sich, ich weiß nicht weshalb. „Komm", sagte Roosje zu ihr, „komm!" Und sie stand aus und verließ, nicht ohne Beutel und Geldtasche mitzunehmen, mit ihrer Tochter das Zimmer. * . ,, Auf der Treppe blieb sie stehen, schloß die Tur und fragte, mit zitternden Händen Beutel und Geldtasche schüttelnd: „Weißt du, was da drinnen ist? Achttausendfünshundert Franken in Banknoten und hier im Beutel fünfzehnhundert Franken." „Zehntausend Franken!" rief Grietje. „Zehntau end Franken, zehntausend Franken, die ich diesem Doktor versprochen habe, wenn er dich vom Tode rettet , grollte Roosje und küßte ihre Tochter hestig. ... „Du tust wohl daran, deine alte Mutter zu lieben, denn sie gibt für dich" zehn Jahre ihres Ledens; ja, zehn Jahre, Grietje, denn morgen werde ich im Bette liegen und nie mehr aufstehen, ganz gewiß! Zehntausend Franken!" „Zehntausend Franken", wiederholte Grietze, „hat er von Dir ver- IOn0’Jtein, ich war so dumm, es ihm anzudieten, als ich dich tot glaubte. Oh! Für dieses Geld habe ich (o arbeiten müssen und soll es nun in die Tasche eines solchen Lassen schmeißen? Aber du lagst kalt und mit geschlossenen Augen auf deinem Bette, da habe ich den Kopf verloren. Ich hätte alles gegeben, ja alles, wenn er alles verlangt hätte. Ach, wenn es doch irgendein Mittel gäbe, ihn zu veranlassen, daß er das nicht fordert' Ein Besuch bei einem Arzt kostet höchstens fünf Franken für reiche Leute. Weißt du, du bist so jung und so schön, geh zu ihm, sprich mit ihm, auf dich wird er vielleicht hören. Tu das, Grietje, für mich, für deine arme Mutter, und wenn er nicht auf dich hört, so werde ich zahlen, da ich es versprochen habe, und nachher werde ich schon einen Strick finden, um mich auszuhängen!" . r Grietje blickte ihre Mutter an, von Furcht befallen; sie wußte, daß Roosje einer solchen Verzweiflungstat fähig sein würde. Sie ließ Roosje mit ihrer Geldtasche und ihrem Beutel auf der Trepp? und ging ins Zimmer zurück, wobei sie die Tür etwas geöffnet ließ. Roosje horchte schwer atmend. Grietje trat auf Paul zu mit der Frage: „Herr Doktor, ist es wahr, daß Sie von meiner Mutter zehn- tausen Franken für meine Heilung verlangt haben?" „Ich? Nein, sie hat sie mir angeboten." „Bestehen Sie daraus, daß sie sie bezahlt?" „Für wen halten Sie mich?" fragte Paul, die Achseln zuckend. „Was sagen Sie?" meldete sich von draußen durch die angelehnte Tür eine vor Aufregung fast erstickte Stimme. Es war Roosje, die mit hervortretenden Augen, das Gesicht durch Unruhe und Hofsnung zugleich verzerrt, wie Espenlaub zitternd, angstvoll aus die Antwort Pauls wartete. „Kommen Sie herein, liebe Frau", sagte er lächelnd. „Heißt das ja oder nein", zweiselte Roosje. „Nein", antwortete er. „Nein!" rief Roosje, „er hat nein gesagt! Sie wollen also nicht die ... die ... zehntausend Franken?" ..Nein'* „Nein?" „Nein", wiederholte er. „Ist dies auch wirklich wahr? Mos je lächelt^ Jeeben Sie mir die Hand. Sie find ein guter Jung«, hihi ... ein wirklich guter Junge." „Macht sie sich über mich luftig? (Roosje mahnt^^Güetze^'gieh dem Herrn Doktor ein Glas Wein «in, wenn noch etwas in der Flasche ist." „Ach, Sie find sehr gut, Herr Doktor, fehr gut; hahaha, sehr gut Tu den Korken wieder draus, Grietje!" Und Roosje, die ihr Lachen in der Schurze verbarg eilte fort, um die zehntausend Franken wieder in den Geldkasten zu schließen, der am Fußboden ihres Schlafzimmers festgeschraubt war. Oie Nacht. Von Wilhelm Lobslen. Mit leichten Schritten kommt die Nacht gegangen Durch dunkle Heide, meilenweit gedehnt, Und lehnt nun aus vor meinem stillen Hause, Lässig an meine Fensterbank gelehnt. Aus abgrundtiefen, sammetweichen Augen Schaut sie mich an. Dann hebt sie ihre Hand Und weist hinaus in unbekannte Fernen, hinaus in fernes, fremdes, dunkles Land. Ist es das Land, daraus mein Sein gestiegen? Das Land, drin meine ferne Zukunft steht? ... Doch eh die Lippen sich zum Fragen formen, Winkt sie mir scheuverfchwiegen zu und geht. allen Ich bin allein. Das ferne Jnselfeuer Huscht geisterhaft durch meinen stillen Raum Und gleitet weiter durch die dunkle Heide, Ein schattenleiser, blasser Sonnentraum — ... — Wo blüht mein Tag mit bunten Sommerrosen? Wo meines letzten Friedens weiche Nacht? ... Allein! Auf einsamer Wacht im Südeis. Ein neues Buch von Admiral Richard E. Byrd. Schon Fridtjof Nansen hat auf seiner „Fram"-Expedition mit erdenklichen Mitteln gegen die Langeweile, den tödlichsten Feind des Polarforschers, gekämpft. Dabei war der Norweger von einem großen Mitarbeiterstab begleitet. Wie Richard E. Byrd zumute gewesen ist, als tr viele Monate ganz allein auf dem vom Standquartier feiner Expedition weit südwärts gelegten „Borposten" lebte, schildert er in seinem soeben im Verlag F. Brockhaus, Leipzig, erscheinenden Buch „Allein! Auf einsamer Wacht im Südeis. (Mit 42 Abbildungen, Preis »eb. 6,50 RM.) Im Titel schon ist alles enthalten, was dann der Inhalt bestätigt: Einsamkeit, Erwartung geistiger Vertiefung durch vollkommene Ruhe, unsägliche Kälte, Hölle der Mutterseelenverlassenheit, Verlorenheit bei Krankheit und Nervenzusammenbruch. Der Grad dieser Leiden -rschließt sich dem Leser aber erst beim langsamen Vordringen in die per- sönlichen Bekenntnisse Byrds. Vier Schritt nach einer Richtung, drei nach der anderen betrug die geographische Welt des antarktischen Robinsons. Wenn er diesen Raum verließ, um seine Instrumente abzulesen, dann n.e «eiter als 60 Meter. Im Schneetreiben hätte er sonst unweigerlich die Orientierung zum rettenden Hasen zurück verloren. Einem Schneesturm itn Südeis haftet nach den Worten des Admirals „etwas Wahnsinniges, en. Er fei „kein Wind, sondern ein Bergsturz, ein Wall, eine Lawine . Die Verzweiflung ritt den Einsiedler, als er eines Tages in die Hütte zurück wollte und die Klappe zum Hausdach durch Eis verkeilt vorfand. Rachdem ihm im Bett mehrere Finger beim Lesen erfroren waren, obwohl ir das Buch abwechselnd von einer Hand in die andere genommen hatte, mußte er nun unter freiem Himmel die dicken Pelzhandschuhe abstreften und in der furchtbaren Kälte von 55 Grad oder mehr mit bloßer Hand arbeiten Die Rettung kam keine Minute zu früh. Hätte auch nur ein sanfter Ostwind geherrscht, wäre Byrd wohl umgekommen. Denn Ostwind erhöbt die zermalmende Wirkung der Kälte; er lähmt nach einiger Zeit die Luftröhre, so daß Erstickungsanfälle eintreten, die dann zum Tode ^Dieben Monate lang litt der Eingeschlossene schwer an einer Kohlen- rasvergiftunq. Seinen Gefährten im Quartier „Klein-Amerika allerdings, mit denen er Funkverbindung hatte, verheimlichte er feine Krankheit, um lie nicht zu einer Rettungsexpedition zu veranlaßen, die in der em halbes tzahr dauernden Polarnacht das Leben der Retter selbst gefährdet hatte. Allen Beschwerden zum Trotz, zuletzt mit den Füßen, bediente Byrd seine Geräte, die ihm zuzuflüstern schienen: „Wenn du aufhorst, Horen wir auf" Eines Tages versagte der Empfänger; nun war er ganz „21 klein"! Von Norden keine Antwort. Während die argwöhnisch zewordenen Gefährten zum Aufbruch rüsteten, werkte ihr Führer weiter, ein „minderwertiges Strandgut", wie er sich in jemer elenden Ver assung nannte. Wichtig war ihm nur der Ruf des wissenschaftlichen Unternehmens. Lehrreich für den Leser ist der Blick w die Seele des Forschers, der weit draußen im ewigen Südeis für lue Menschheit arbeitet. Uni den Segnungen der Zivilisation verlernt der Mensch viel, in diesem Buch iann er die rechte Würdigung des einfachen Lebens und feiner befchei- »enften Freuden neu entdecken, den Frieden der Seele nachsuhlen der -inen leidenden, bei allem Ungemach am Dafew Hangenden Menschen erfüllt. „Weise", sagt Byrd, „wird der Mensch erst mit der Erkenntnis, däh er nicht länger unentbehrlich ist." . Im folgenden bringen wir einen besonders fesselnden Abschnitt aus dem Buch, Byrd schildert seine Arbeit am Hch'dmorseapparat, den er mit eiserner Energie in Tätigkeit hält, um seine Kameraden nicht zu einer fjilfs-erpebition zu veranlassen. Er schreibt: KaM Kalt! Die rote Linie sinkt und sinktz Sollten km Freunde au-- «erechnet die kälteste Zeit getroffen haben? Dyer tyatte mir die Hellen iängen des Schleppers mitgeteilt, mit dem er stündliche {Mlung Unterwelt. Ich versuchte mitzuhören, vernahm aber nur den Gespradjslarm -enn das Morsen ging viel zu schnell für mich. ®°0en M'tiernacht flüft rte der Wind wieder aus dem Norden, nachdem er vorübergehend im West n Umhergelungert war. Der Luftdruck stieg noch, aber d,e Kalte-hatte .nner- halb der letzten Stunde auf -59,4 Grad.zugenommen Diese kaUeste Ablesung des Jahres übertraf die kälteste m Klemamercka um 1 Grad obgleich die Scblepperleute es nicht ganz so kalt haben wurden o tneb 's mir doch den Schweiß auf die Stirn wenn ich an dn Frostgefahr, ins Versagen der Motoren und an die andern Muhsale dachte. Um Mitternacht klang es, als sei Murphy etwas enttäuscht. Er sagt« „Wir hören soeben von Poulter, daß sich der Schlepper 27 Kilometer südlich von uns befindet. Man dringt noch vorwärts, aber langsamer." Ich buchstabelte: „Alles IO?" Die Stimme im Kopfhörer schien aus unendlich weiter Ferne zu kommen, als Murphy langsam betonte: „Scheinbar nicht. Bei ihnen chneit es fest, obgleich wir hier Helles Wetter haben. Poulter meldet sehr chlecht« Sicht. Viele Fähnchen sind verschneit. An der Oberfläche zeigen ich nur fünf Zentimeter Fahnentuch. Daher fährt man nach dem Kompaß von Flagge zu Flagge. Verfehlt man eine, so fährt man im Kreise, bis man sie gefunden hat. Daher das langsame Fortschreiten." Infolge der Mangelhaftigkeit meines Empfängers mußte ich Murphy mehrmals wiederholen lassen, woraus sich obiges verdichtete. Eigentlich war ich ja zu feiner Hoffnung berechtigt, denn ich kannte die Reifebedingungen in der Polwüste nur zu gut. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie Poulter rittlings auf der Haube faß und den Scheinwerfer handhabte, um handgroße Tuchfetzen auszumachen, die rund 300 Meter zwischen sich hatten. Natürlich bediente er sich der Karte, die Jnnes- Taylors Reifeweg beschrieb. Hundeschlitten bewegen sich aber im Zickzack, so daß der nächste Wimpel 20 Meter links oder rechts von der Kompaß- geraden stehen kann. Infolgedessen muhte man die Umgebung absuchen, wenn man dem Kilometerzähler zufolge den erforderlichen geraden Abstand zurückgelegt hatte, ohne auf ein Zeichen zu stoßen. „Dick, es hat keinen Zweck, die ganze Nacht auszubleiben", riet Murphy. „Wir bleiben mit Poulter in Fühlung und werden Sie um 8 Uhr anrufen." Ich entwarf eine Nachricht für Poulter, wonach er bald bessere Verhältnisse antreffen und die Flaggen leichter finden würde. Zu weiteren Ratschlägen kam es nicht mehr, weil die Arme versagten. Das war schon vorgekommen und würde auch wieder eintreten; trotzdem hat mir nichts im Leben ein derartiges Gefühl vollständiger Unzulänglichkeit gegeben. Als ich die Tagesarbeit abschloß und in den Bunker kroch, machte ich mir klar, daß alles Weitere von jetzt ab meiner Einwirkung entzogen sei. Schmerz und Alpdrücken quälten mich wieder. Am Samstagmorgen schwebte ich abermals im Grenzland zwischen Besinnung und Bewußtlosigkeit. Mit knapper Not entwand ich mich dem Bett. Im Lichte der Taschenlampe sah ich, daß die rote Linie des Wärmeschreibers um 3 Uhr früh bis auf —62 Grad hinuntergegangen und seitdem dort geblieben war. Das Borwasser für die Augen war gefroren und hatte die Flasche gesprengt. Sogar die Milch in der Thermosflasche war zu Eis erstarrt, und die Eistapete reichte jetzt sogar beim Ofen bis an die Decke. Das Eisen des Ofens riß mir die Haut von den Fingern. Zu schwach, um auf den Füßen zu stehen, legte ich mich wieder hin. Kurz vor Mittag wachte ich auf; ich hatte also die erste Funkverbindung verpaßt. Die Funkversuche um 12 und 14 Uhr ergaben nur Störungsgeknatter. Die rote Linie verharrte auf — 62 Grad. Wachsende Besorgnis quälte mich Als ich um 16 Uhr wieder nichts hörte, fünfte ich blind in die Weite: „Poulter soll nach Kleinamerika zurück und wärmeres Wetter abwarten." Diese Nachricht hat niemanden erreicht, wie ich später erfuhr. Der Magen behielt nur etwas heiße Milch bei sich. Zumeist lag ich jufammengefnäult im Schtofsack. Trotz der andauernd betriebenen Heizung blieb es in der Hütte unerträglich falt. Abends tarn ich wieder zu mir. Aber die Augen brannten und tränten, Kops und Rücken schmerzten. Also mußte die Stube wieder einmal gründlich vergast fein. Daher zwang ich mich aus dem Bett, um nach dem Rechten zu sehen. Den Luftauslaß versperrte ein harter Eispfropf, den ich mit dem Stachelstock ausbohrte. Der obere Teil des Ofenrohrs war ebenfalls verstopft, denn er fühlte sich falt an Vielleicht haft es etwas, wenn ich den aus dem Dach ragenden Teil des Ofenrohrs gegen die Kälte abdämmte. Ich holte ein Stück Asbest und Bindfaden aus der Vorhalle und flieg an Deck. Die Kälte war so grimmig (—63,3 Grad), daß es mir den Atem verschlug, als ich den Kopk aus der Klappe streckte. Schnell tauchte ich wieder ins Zimmer zurück und legte die Gesichtsmasfe an, die es mir ermöglichte, ins Freie zu gelangen. Die Lüftung puffte wie ein schadhaftes Dampfrohr. Um feine Enttäufchung zu erleben, hielt ich den Blick vom Norden abgewandt. Schließlich drehte ich mich aber doch um, für den Fall, daß die Lampen des Schleppers über einer Bodenwelle aufblitzten. Ein Lichtfunken überm Kimm gab mir heftiges Herzklopfen; es war jedoch nur ein Stern. Im Nordostviertel des vollkommen klaren Himmels schimmerte ein blasses Südlicht. Die Schlepperleute genossen zumindest gute Sicht, was mich beruhigte und freute. Aber wie lange vermochten es sterblich« Wesen in dieser fürchterlichen Kälte auszuhalten? Meine Lungen schienen bei jedem Atemzug zu verdorren. Die ausgestoßene Lust bildet« eine knatternde Wolke. Dann stieß mir etwas Merkwürdiges zu. Ich kroch auf den Kmen, mit der Taschenlampe in der Hand und dem Asbest auf dem Rücken. Plötzlich wurde es stockfinster. Zuerst dacht« ich an ein Versagen der Taschenlampe. Als ich aber aufblickend kein Südlicht sah, schloß ich auf EMindung. Auf der Suche nach der Falltür stieß ich gegen einen Stützdraht des Windmastes. Hier hielt ich an, um nachzudenken. Ich zog die Handschuhe aus und knetete die Augen. Die Wimpern und Lider waren mit Eis verklebt. Sie tauten in der Handwärme auf, wofür ich dann erfrorene Finger eintauschte. (Js dauerte lange, bis ich die Ofenrohre umwickelt hatte, denn mit Pelzfäustlingen ist man recht ungeschickt. Das Rohr war bis auf ein baumenbreites Loch verstopft. Inzwischen verklebten sich die Augenwimpern wieder; und zur Abwechslung erstarrten zwei Finger der linken Hand Eilends rutschte ich die Leiter hinunter, um der grausamen Kälte zu entrinnen Beim Abnehmen der Maske ging die Haut über den Backenknochen mit. Erst nach einer halben Stunde geduldigen Knetens verkündeten wilde Schmerzen das Wiedererwachen des Blutkreislaufes in benz'röh9mneiner Mattigkeit wagte ich nicht, schlafen zu gehen, ehe der Ofen richtig zog. Ich hielt ein Gefäß mit brennendem Meta ans Rohr, um das Eis aufzutauen. Als das Schmelzwaffer zu rinnen begann, genügte die Ofenhitze, um den Rest zu besorgen. Der Zapfhahn im w die die mir »M Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen. % «Erinnerungen. Bon Hermann Hesse. Wmtr „6 »6 ,6ie Eine Rauchsäule schraubte sich himmelwärts, vom Wind gebeugt. Aus dem Norden kam keine Antwort. Später ließ ich eine Magnesiumfackel aufleuchten, die ich ans Ende einer langen Bambusstange gebunden hatte. Sie brannte bedeutend heller und riß ein blaues Riesenloch in die Finsternis. Die Brenndauer betrug etwa zehn Minuten. Dann wuchtete ' Nacht wieder herein. Ich fühlte mich einsam und verlassen. w S* 9 mir e De |ttm d $e Ro De wsd« R° Ht|em «er, »5 A *n A »erbe MlKl , A & - Wed tetam M Ni$e ch A „81 klie fote. Mtor w .« Mt '%Pt Ä! Nes De Es ist schon seit "Stunden dunkel, drüben über dem See liegen Hügeldörfer mit roten Fenstern, eines vom andern und jedes von ..... durch Regen, Wolken, Sturm und Finsternis getrennt. Sie glänzen herüber und verschwinden, je nachdem der Sturm die niedrig hängenden Wolken treibt. Bon diesen Dörfern ist mir jedes bekannt und lieb, jedes ein Freund und eine Erinnerung. Dort ein Sonntag mit Freunden vertrunken! Dort ein Regennachmittag im Gespräch mit Wirtin und Wirtskindern hinter beschlagenen Fenstern verdämmert! Dort ein Abend, feucht und blau, am Rand der Weinberge verträumt, mit aufblinkenden Sternen, herüberwehender Dorfmustk und leisem Rauch aus abendblassen Kaminen, der hinter den schwarzen Kronen von Pappeln und Obstbäumen aufstieg! Der Ofen, längst erloschen, wärmt noch gelinde, im Bratloch schläft die Katze, erwacht zuweilen für Minuten und fängt zu schnurren an. An den Wanden stehen mit tausend breiten und schmalen Rücken meine Bücher. Und so oft ich ans Fenster gehe und an den feuchten Scheiben wische, liegen jenseits überm See di« Dörfer mit leis glühenden Fenstern an den Hügeln, jedes eine Erinnerung. Und auf der Welt kein Laut, als der Pendelschlag der Kuckucksuhr, das feine Tropfen am Fenster und hie und da das zarte, schläfernde Schnurren der Katze. Ich spiele, wie man es an diesen langen Abenden gerne tut, mit Erinnerungen, alten Briefen und Tagebüchern und Gedichten, die ich als Knabe und als Jüngling schrieb. — Wie anders man damals war! Ich lese: .. ist seit jener Nacht, daß ich vom Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, den ein Traum erregt, wie das Aufwallen einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert ist, gelebt zu werden." Und: „Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über meine fiebernden Augen beugtest! Wenn du mit mir der Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Aug« in die Nacht gewendet, die helle, vergeistigte Stirn von einer losen Locke marchenblonden Haares überhangen. Wenn du das Auge senktest und duwm^st!" meme ^ani> mit deiner weißen Linken suchtest. — Wie schön Das schrieb ich, als ich wenig über zwanzig Jahre alt war; ich schrieb <5 "n Spa herbstabenden und hatte das Gefühl, ich nehm« mit diesen Worten Abschied von meiner Jugend. Es ging mir schlecht, ich erlebte nichts als Enttäuschungen, und nachts saß ich in meiner Mansarde wach unt) schrieb traurige Gedichte ohne zu wissen, daß ich gerade in dieser Schwemmt eine der süßesten Iugendwonnen durchgenoß. 'Nun klingt mir Ees was ich damals schrieb, so wunderlich, ein wenig lächerlich vielleicht, und doch so suß und Wohllaut, wie nichts seither mehr in mir Hang. — „Wie schon du warst!" Da stehen meine Bücher, mehr als tausend, alle in Hungerjahren langsam zusammengespart, ein schöner Schatz mit vielen Perlen darin. ^ie stehen auf guten, festen Brettern und liegen nimmer wie früher am Boden und auf dem Bett und Sopha herum. An den Wänden hängen ein Paar gute Bilder, und der große Ofen brennt so lang ich will, ich brauche die Scheite nimmer zu zählen und zu sparen. Sogar ein Fäßchen Wem liegt im Keller, mit einem freundlichen Hahnen im Spundloch. und -B'n'Wdjtel liegt beständig Tabak genug. Es geht mir also gut, sehr gut; selbst meine Katze wird fett, sie bekommt Milch, so viel 21ber seit die Wälder rot sind und der See im Herbststurm blitzt und Knie des Ofenrohres lieferte einen Eimer voll Wasser. Die Kälte haste inzwischen um ein Grad zugenommen, und verschüttetes Wgsser gefror im Augenblick, wo es den Fußboden berührte. Zunächst erschien es mir untunlich, den Ofen abzustellen, denn alle Uhrwerke konnten stehenbleiben, von mir selbst zu schweigen. Jrn Schlafsack dachte ich an herrliche heiße Wüsten und Palmengärten, was tatsächlich ein Wärmegefühl zu erzeugen schien. Etwas später stand ich auf und löschte den Ofen. Am Sonntag, dem 22., geriet ich wegen der Gefährten auf dem Schlepper in fürchterliche Unruhe. Beim Erwachen bildete der Kopfteil des Schlafsackes einen dicken Eisklumpen. Die Oelleitung aus dem Behälter zum Ofenbrenner mußte mit Meta aufgetaut werden. Dreimal — morgens, mittags und abends — bemühte ich mich vergeblich um Funkverbindung mit Kleinamerika. Mit wunden und klammen Fingern zerlegte ich den Empfänger, aber ohne irgend etwas zu erreichen. Der Aether schien ebenfalls eingefroren zu fein. Wohl ein dutzendmak guckte ich durch die Falltür, und jedesmal narrten mich Sterne am Kimm. Die Kälte verminderte sich auf —50 Grad. Jedoch erhob sich gleichzeifig ein Südostwind von 30 Stundenkilometern. Wieder erstarrte das Benzin, so daß ich den Stollen auf Kosten der Stube Heizen mußte. Nachmittags erftarben meine Hoffnungen, und mit ihnen erstarb die freudige Erregtheit, die das angesagte Kommen der Freunde ausgelöst hatte. Innerlich fühlte ich mich wie ausgehöhlt. Alles, was menschlicher Verstand ersinnen konnte, war getan und versucht worden, aber umsonst. Immer stärker bemächtigte sich meiner die Angst, daß der Gruppe Poul- ters ein Unglück zugestoßen sei. Es gab keinen Grund, etwas anderes anzunehmen. Trotzdem kletterte ich um 15 Uhr mühselig aufs Dach und entfachte zwei Benzintöpfe. Mindestens ein Dutzend Zündhölzer verlöschte im Wind, ehe ich mit der Flamme ans Benzin kam. Endlich fing es Feuer, mächtig auflodernd und die ans Halbdunkel gewöhnten Augen blendend. laubgrün und meerblau wird, fest die Ofenbehaglichkeit anfing und ich mein Segel vom Strand geholt und unter Dach gebracht habe, befällt mich öfters ein Zorn über dies bequeme Hinleben. Wenn ich abend» beim Dunkelwerden zum Strand hinuntergehe, rauschen an der Schiffs, lände die Pappeln stark und zart, der feuchte Wind umarmt mich schnell, springt auf den See und fährt stöhnend über das bewegte Wasser hin. Dann tut mir die Seele im Leibe weh, daß ich kein Einsamer und Wan< derer mehr bin, und ich gäbe mein bißchen Haus und Glück gern für einen alten Hut und Ranzen, um noch einmal die Welt zu grüßen und mein Heimweh über Wasser und Land zu tragen. Und gestern, ich war allein noch wach im Haus, schlug mir der Wind so dringlich ans Fenster und über dem Kapellenturm flogen die Wolken so eilig und begierig durch die Nacht, daß ich nicht länger sitzen bleiben konnte. So nahm ich leise Mantel, Hut und Stock und ging hinaus. Da schrie der Sturm in der Höhe, unten schlug im Dunkeln der unruhige See, im ganzen Dorfe war kein Fenster mehr hell, und nur am Ufer schritt unwillig der Grenzwächter auf und ab, tief in den dicken Mantel gehüllt und mit ausgestelltem Kragen. Und als ich auf die erste Höhe kam, da lag weichin schwarzes Land und Wasser, See, dahinter der bleich scheinende Himmel gespannt, an dem die schweren Wolken stürmten. Die langen Bergzüge bückten sich im Schlaf und streckten da und dort Traum- hörner gegen den Himmel. Das ging wie eine breite, heftige Woge über mein Herz, als bräche meine ganze Jünglingszeit mit aller Freiheit und Macht auf mich herein, höbe mich vom Boden und riffe mich in unerhörte Weilen mit. Oh, du Wald, du stiller schwarzer Wald, und du Seeweite und du schlafende Insel im Wasser! Oh, ihr fernen Berge! Unvermerkt fiel ich in meinen Wanderschritt, als ob es in alle Fernen ginge, und die von der Nacht verhüllte Gegend lag als ein Märchenland verschwiegen um mich her. Bis nach einer Stunde der erste Kreuzweg kam. An diesem stand ich lachend still und dachte an mein Haus, auch fiel mir ein, daß ich beim stürmischen Fortgehen die Lampe nicht gelöscht hatte. Die schien nun weiter, solange das Del es vermochte, über die gelben Seiten eines alten Büchleins, über Tisch und Wände und durch die Scheiben ins schlafende Dorf hinaus. Nun wußte ich wohl, daß ich morgen zurück sein müsse, und mein heißes Wandergefühl fing langsam an, geringere Wellen zu schlagen. Aber die schöne Nacht war mein und ich wollte sie nicht von mir weisen, wie sie wartend vor mir lag. Und wie ich, erwägend am Kreuzweg zögerte, begann ein starkes Heimweh mich zu ziehen. Hinter Wald un- weiten Hügelwiesen wußte ich eine alte Stadt mit runden Türmen liegen, nauj der es mich schon lang gelüftete. Ich hatte aber in alle der Zeit nicht gewagt, einmal hinüber zu wandern, denn es lag dort ein Stück schöner Jugend von mir und lauerte auf meine Wiederkunft, um mich mit Heimweh zu überfallen. Jetzt in der Nacht schien mir die Stunde gut. Ich ging den schönen, bergigen Weg durch Wald und Matten, ich saß eine Weik und rastete vor dem Tor der Stadt, hörte dem Brunnen zu, nahm einen kühlen Schluck von ihm und lief wieder weg und heim, noch ehe die Morgenhelle kam und die wohbekannten Häuser aus der schönen schlummernden Dämmerung weckte. Da war mir fast, als hätte ich eine Tat getan. Auf dem Heimwege war mir sonderbar zu Mut, indem ich an vergangene Jahre dachte und an die alte Stadt mit den runden Türmen und an das, was ich dort einst erlebt hatte. Nichts zum Erzählen. Eine Liebesgeschichte, einfach und schön, aber nicht frei von Schuld, und ihr Schatten hat mir ganze Jahre verdeckt. Nun schritt ich träum enb durch die schwarze Nachtwelt, meinem lieben Dorf entgegen, hoch am Hügel hin über dem finsteren See. Und allmählich liefen meine halbwachen Gedanken weiter und ich dachte an alle die Frauenbilder, vor denen ich in Iünglingsjahren gekniet war, bereit, ihnen mein Liebstes und Bestes zu schenken, nur um näher ans Innere des Lebens zu kommen, nur um eine Antwort zu finden auf die dunkel in mir fragenden Stimmen. Und wie haben alle diese Versuche, diese ersten Flüge ins Land der Liebe geendet! Alle ohne die rechte Antwort, alle unfroh und unerlöft und die meisten nicht ohne Reue und Schuldgefühl. Und von fast allen meinen Freunden wußte Ich dasselbe und sah es an Fremden täglich. Es stirbt ja kaum einer daran. Wir werden älter, werden Männer, tun den Kranz aus den Haaren und finden unsere Ruhe Ader wie ist es mit jenen Frauen, mit den Mädchen, um die wir etnft so sehnsüchtige Jrrgänge taten, die uns den ersten Morgenglanz der Liebe schenkten? Was fühlen sie, wenn wir von ihnen gehen? Und was fühlen sie, wenn sie am Ende einer an hohen Träumen reichen Jugendzeit dem Letzten Ja sagen und di« Hand geben? Wir Männer, wir tret« ben hundert Dinge, wir schassen und forschen und arbeiten, wir haben 2lmt und Beruf und Schaffensfreuden — aber was haben sie die Frauen, die nur in Liebe leben, nur auf Liebe hoffen können? Wie selten geschieht es, daß ihnen jener Letzte auch nur einen Teil von dem zu geben hat, w«w ihr die Ersten, die Jünglinge und schüchtern-kühnen Anbeter versprochen haben! Der Sturm lief lärmend auf mich an und warf mir Regen und harte, welke Blätter ins Gesicht. Vorwärts kämpfend, gab ich den Klagen Abschied und ließ die ungelösten Rätsel hinter mir liegen. Ich dachte daran, was wir alle einst als Knaben, als kühne, freche Knaben vom Leben als unser gutes Recht erhofften! Und wie verzweifelt wenig davon wahr geworden ist! Und doch ist das Leben gut, und ist schön, und rührt uns leben Tag mit heiligen Kräften ans Herz. Vielleicht geht es auch den armen Frauen mit der Liebe so. Man erzählte ihnen von Märchenwäldern und mondbeglänzten Gärten, und sie finden nachher ein rauhes Stück "and, wo statt Rosen geringe Kräuter wachsen. Von denen binden sie sich einen Strauß, stellen ihn ins Fenster, und wenn abends das Dunkel die Farben auslöscht und der singende Wind aus der Ferne her kommt, liebkosen sie ihren Strauß und lächeln, und es ist, als wären es Rosen und als wäre das Ackerland draußen ein Märchengarten. Genug, genug! Was brennt die Lampe noch? In meinen Iugend- gedichten kann ich morgen weiterlesen.