SichenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1959 ~ Montag, -en 17. Juli Nummer M Eine Armee meutert SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Vericht von p. S.Ettighoffer Copyright b y Bertelsmann Gütersloh 9. Fortsetzung. Wie ferner Donner, wie Trommelwirbel zum Sturm, dies Dahin- 1 lauschen der Kavalleriemassen, dies Stampfen der Hufe, dies Daherbrausen ' liner lebendigen unaufhaltsamen Kraft. Aus der Gegend von Boirh folgen | sie 36 ungedeckt anfgefahrenen Rohre der deutschen Feldartillerie, schwenken | legen Südwesten und jagen ihre Schrapnells gegen die Schwadronen. Es sind in erster Linie die Reiter des 3. Garde-Dragoner-Regiments, 1 sie sich jetzt todesmutig nach Süden zur Nationalstraße durchschlagen B vollen. Das Gros der 10. Husaren und der Essex-Veomanrh hat sich in U Ronchh festgesetzt und kommt nicht mehr über die Ortschaft hinaus, weil das U «eutsche Feuer die Ausgänge abriegelt. Zwischen den Trümmern, hinter I Nauerresten und Schntthaufen sitzen die Reiter ab, greifen zum Karabiner, | liben die mitgebrachten Maschinengewehre vom Sattel der Handpferde I mb besetzen die Ortschaft, richten sich darin zur Verteidigung ein. Mit wachsender Wut brausen die deutschen Granaten in das Trümmer- iyrf, finden der Ziele genug im dichten Gedränge von Menschen und Pfer- ien. Die Tiere müssen weg, müssen zurückgeführt werden, sofort! Man bindet , ie zusammen, Zügel an Zügel. Einige Reiter steigen in den Sattel und | plvppieren mit den Pferden zurück. Die deutsche Artillerie sieht diese Be- dcgung und schickt den Abziehenden ihre Granaten nach. In dieser Minute haben auch die Trümmer der Dragoner-Schwadronen I Ke Nationalstraße erreicht. Sie erblicken die Tanks. Endlich die Tanks! I über die Panzerkolosse liegen still. Einige brennen lichterloh, andere glim- I een noch schwach. Und da erkennen die Reiter, daß alles vergebens Ivar md daß auch hier der Durchbruch niemals stattfinden kann. Sie schwenken 11 chts ein, reiten im Bogen zurück. Nebel und Pulverqualm hüllen sie ein ' s illid verschleiern diese letzte Bewegung. Noch einige Sekunden lang singen ihnen die Spitzgeschosse nach. Dann ' Iderklingt das Donnern der Hufe, verrauscht in der Ferne hinter der un- I durchdringlichen Wand von Gas, Nebel ttnb Badendunst. Die Reiterattacke ist vorbei, so rasch, wie sie gekommen ist. Ein Spuk '■< Ims vergangenen Jahrhunderten, der Eingriff Cromwettscher „Jronripons", k i bet sagenhaften rotröckigen „Eisenseiten", in das maschinenmäßige Gefüge k f einer neuzeitlichen Schlacht--- I _ Gefallene Reiter, tote nnd verwundete Pferde, Ausrüstungsgegen- Ustinde jeder Art bedecken die Angriffsfläche. Im zertrommelten Schneefeld I •' l't sich der Weg der Reiterattacke deutlich ab, bildet eine dunkel verwühlte I Eahn. Einzelne Reiter, nur leicht verwundet, hasten zu Fuß über das Trichin bcfeld zttr britischen Stellung hin. Verwundete Tiere versuchen aufzustehen, I litten nieder, nehmen nochmals ihre Kräfte zusammen, um es dann auf- H geben und sich geduldig mit großen, glänzenden Augen in ihr Schicksal ?' | it ergeben. Erschüttert wenden sich die Feldgrauen ab. Der Krieg ist hart. :! lind dieser harte Krieg hält nun für Minuten seinen Atem an. Fast schlveigt Feuer hüben und drüben. Es ist wie ein starres Verwundern nach dem Achtbaren und heldenhaften Erleben dieses Angriffes. | , Da heulen die britischen Granaten daher. Die Feldgrauen ducken sich ^eder in die schlammige Tiefe der Trichter und Gräben. Wieder hat die Eaterialschlacht die Oberhand. Ein Durchbruchsversuch ist mißlungen. J«r nächste wird schon wieder eingeleitet mit Granaten ohne Zahl. In diesem Augenblick erfährt General Nivelle, daß es der tapferen "litlschen Kavallerie trotz rücksichtslosem Einsatz von Mann und Pferd nicht Ölungen ist, die vom britischen Trommelfeuer erschütterte deutsche Linie W durchbrechen. Eine Weile grübelt der Oberbefehlshaber nach, faßt sich "ier sofort und erklärt: .»Aber wir werden es schaffen. Die Vorbereitungen des Marschalls 5" *9 genügten wohl nicht. Unserer Kavallerie liegt die Attacke im Blut. lEnn unsere Regimenter tragen die glorreiche Tradition der Großen fcmee!" Gr denkt in diesem Augenblick nicht an Waterloo, der französische Ober- M^hlshaber, und an den blutigen Vorsommer des Jahres 1815, da die | »eiet jener britischen Reiter auf der Hochfläche von Mont St. Jean ■ seien die Alte Garde ritten und die Bataillone der Bärenfellmützen zu- i ^uneusäbelten — Drüben in den Quartieren bei Arras, wo die Trümmer der britischen 1 ~ griffsregimenter in Ruhe liegen, überzählt man nüchtern und nicht ohne M>»lz bte schweren Verluste der Morgenstunde. Die Leiche des an der Spitze Mner Truppe gefallenett Generals Bulkeleh-Johnson hat man inzwischen 1 S ünden. Unter den Sterbenden fand man auch den Leutnant Earl of ; llrlie, während der Sohn des Earl of Portalington mit erheblichen Wunden noch reitend das Hinterland gewinnen konnte. Die meisten Pferde sind nicht mehr zurückgekehrt und liegen tot im Trichterfeld. Nur 800 Menschen und Tiere haben mit letzter Kraft, verwundet, gepeitscht vom hohlen Knall der Spitzgeschosse, in enger Schlachtordnung wieder ins britische Hinterland zurückgefunden. Etwa 100 Pferde erreichten reiterlos die deutschen Linien und wurden inzwischen in rückwärtigen Stellungen von den Feldgrauen abgefangen. Alles andere liegt zusammengeschossen int Angriffsfeld. Nur eine knappe Viertelstunde dauerte dieser Spuk aus blanken Säbeln, lvirbelnden Hufen, stürzenden Leibern und brausendem Dahinrasen. Jetzt hat sich die Materialschlacht wieder besonnen und rollt heftiger, rücksichtsloser über die Landschaft hinweg. Und die deutschen Schützen, die sick- unter dem Hagel von Brisanzgeschossen in der Tiefe schlammiger Trichter tarnen, bis zum nächsten Feindvorstoß, können es kaum fassen und verstehen, wie alles kam und >vie alles seinen unerbittlichen, natürlichen Lauf nahm. Bor bett eiskalt gerichteten Mündungen deutscher Maschinengewehre brach der letzte große Kavallerieangriff im Westen zusammen. Getan die Pflicht! Neuer Kampf, neuer Opfergang, neues Heldentum für Freund und Feind bereitet sich vor. Und der Frontsoldat nimmt alles hin mit jener Selbstverständlichkeit, die Bewunderung hervorruft. Niemand spricht darüber, weil das alles so alltäglich geworden ist, wie Essen und Trinken und wie die Ablösung und die endlos zahlreichen Dinge, die man nicht mehr besonders erwähnt. lieber Not und Tod spricht der deutsche Soldat int Trichterfeld nicht. Er bleibt stumm und kämpft. Aber in seiner Erinnerung lebt diese letzte große Kavallerieattacke fort als ein Schauspiel von unerhörter Wucht, aber auch als eine jener heldenhaften Zwecklosigkeiten, die vielleicht eine streng abwügende Geschichtsschreibung verdammen lvird. Jene aber, vor deren Mündungen diese stolzen Regimenter zusammenbrachen, erklären und werden dies immer wiederholen: „Der britische Kavallerie-Angriff vom 11. April 1917 war groß und heldenhaft, und wir sind stolz auf einen Gegner, der ihn wagte." Deutscher Heeresbericht. Großes Hauptquartier, 12. April 1917. Westlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe Kronprinz Ruprecht. Auf dem Nordufer der Scarpe 'wurden bei heftiger Artilleriebeschießung Angriffe der Engländer auf Vimp nnd bei Fampoux abgeschlagen. Südlich der Bachniederung führte der Gegner starke Kräfte zum Stoß gegen unsere Linien vor. Nach mehrmals gescheitertem Ansturm ging uns Monchh verloren. Nördlich und südlich des Ortes brachen englische Angriffe, an denen auch Kavallerie und Panzerkraftwagen teilnahinen, verlustreich zusammen. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Von Soissons bis Reims hat sich der Feuerkampf bis zu äußerster Heftigkeit gesteigert. In der westlichen Champagne ist gleichfalls der Artilleriekampf im Wachsen. Erkundungsvorstöße französischer Infanterie wurden abgewiesen. Rittmeister Freiherr von Richthofen schoß den 40. Gegner ab..... Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorff. „Die Stunde ist gekommen!" Und die Schlacht am Damenweg? Nivelle ist mit den einzelnen Schießergebnissen nicht zufrieden. Ueberall, wo französische Patrouillen gegen deutsche Gräben vorfühlen, stoßen sie auf geordnete Abwehr und holen sich blutige Köpfe. Stellenweise schreiten sogar feldgraue Kompanien aus ihren Gräben zum erfolgreichen und tief angelegten Gegenstoß. „Trommelt weiter, trommelt heftiger und härter!" befiehlt Nivelle und fordert neue Munitionsmengen an. Alles wird genehmigt. Die Negierung hat keinerlei Bedenken. Warum denn auch? Es muß so sein. Sie hat Nivelle ihr vollstes Vertrauen geschenkt, also wird sie in allen Punkten seinen Anweisungen nachkommen. Drüben aber ordnet die deutsche Abwehr ihre Kräfte. Je dichter der Hagel schwerer und schwerster Brisanzgeschosse, je undurchdringlicher die Gasschwaden, je toller der Feuerwirbel auf die gelockerte Infanterie niedergeht, desto kräftiger die Antwort aus deutschen Batterien, die sich an steilen Hängen und Schluchten eingenistet haben. Nivelle klopft die weite Landschaft ab, und die Schläge seiner Artillerie lösen sofort das Aufbellen der deutschen Geschütze. Die Augen der Welt sind auf die an der Aisne-Front entbrannte Schlacht gerichtet. Deutscher Heeresbericht. Großes Hauptquartier, 13. April 1917. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Der heftige Ariilleriekampf längs der Aisne und der westlichen Champagne dauert mit ivachsender Stärke an. Vielfaches Vorfühlen von Er- - kundungsabteilungen wurde zurückgewiesen; dabei blieben 100 Franzosen in unserer Hand. (Fortsetzung folgt.- ^Auf Bergeshöhn.' Don Ricarda Huch. „Ueberm Staub und Lärm der Gassen, Wind und Wolken zugesellt, fühl' ich tröstend mich umfassen eine makellose Welt. Seine Flügel senkt mein Sehnen, alle Wünsche gehn zur Ruh, und die Quelle meiner Tränen schließt sich sacht von selber zu." Ricarda Huch. Zu ihrem 75. Geburtstag am 18. Juli. Don Annemarie von Puttkamer. An einer Stelle ihres Werkes, an der sie über die Beziehung der Geschlechter zueinander spricht, sagt Ricarda Huch: „Beide Geschlechter sind im Alter am schönsten, denn die Schönheit ist die höchste, die zugleich so typisch und so persönlich wie möglich ist." Für dieses Wort ist die nun fünfundsiebzigjährige Dichterin selber wandelndes Beispiel. Schon chre Jugendbilder erregten Staunen: das vielleicht nicht i>m landläufigen Sinn schöne, doch auffallend kühn geschnittene Gesicht, an dem jeder einzelne Zug groß ist, von einem strahlenden, fast schwärmerischen Ausdruck verklärt. Und doch, wie versinkt dieses Jugendantlitz vor dem großartigen und geheimnisvollen Altersgesicht der heutigen „Ricarda". Das Gesicht des jungen Mädchens zeigt das, was ihr durch Erbteil und Erziehung zu eigen gegeben war, und das war viel. An dem Altersgesicht aber haben die großen formenden Mächte, Erfahrung und Schicksal, gearbeitet, es gewissermaßen nach innen und in die Tiefe gebaut. Run sieht uns ein Gesicht an, an dem alles Zufällige weggeschmolzen ist, auch alles nur zeitlich Gebundene, das heute schon ewigkeitsumwittert blickt und fast wie ein Monument wirken würde, wenn nicht der Zug teilnehmend überlegenen Humors um den Mund und in den tiefliegenden, von schweren Lidern halb verdeckten Augen wäre. Das Typische und das Persönliche! Ricarda Huch als Typus einzuordnen, ist allerdings nicht leicht. Sie steht so sehr für sich, ist so sehr Ausnahme, daß sie nirgends hinzugehören scheint als zu sich selbst und auch in ihrer Erscheinung seltsam „fremd" wirkt, lieber den Kreis ihrer patrizisch-bürgerliche Herkunft ist sie weit hinausgewachsen, und doch ist ihre hohe edle Gestalt eine zutiefst deutsche, ja sogar nordische, geblieben. Vielleicht haben so die uralten germanischen Seherinnen und Priesterinnen ausgesehen. Wie ungeheuer ist aber auch der Kreis der Erfahrung, den diese Frau abschritt und der ihr Persönliches erweitert und gesteigert hat. Zu dem niemals verleugneten oder verloren gegangenen niedersächsischen blutmäßigen Grundelement kommt das besondere Erbteil einer Familie, in der beste deutsche Bürgerkultur heimisch ist und in der schöpferisch dichterische Phantasie mit zur Tradition gehört. Dazu die geistigen Aneignungen, vor allem der Süden, der ihr durch jahrelanges Beheimatetsein in Triest und durch die Ehe mit einem italienischen Mann zu einem Stück der eigenen Natur geworden ist. Aber Ricarda Huch ist ja gerade dadurch Dichterin, daß ihr« Erfahrung sich nicht auf den Umkreis des eigenen Schicksals beschränkt, sondern di« Welt einbezieht, daß sie in die Tiefen der Zeit hinab- gestiegen ist. aus Urkunde und Ueberlieserung, aus Steinen und Landschaft längst verfunkenes Schicksal seherisch geschaut und durch ihr Dichterwort neu ins Dasein gerufen hat. In ihrem ersten Roman, den „E r - innerungen von Ludolf Urfleu dem Jüngere n", hält sie sich noch an ihre bürgerliche Herkunftswelt, und zu ihr kehrt sie auch in dem um zehn Jahre später geschriebenen „M i ch a e l Unger" zurück. In beiden Büchern zeigt sich bereits Ricarda Huchs dichterische Meisterschaft: die Fähigkeit, in kleinen Einzelbildern, manchmal in wenigen Sätzen, das ganz« Wesen des Dargestellten aufleuchten zu lasten. In den Skizzen „Aus der T r i u m p h g a s s e" baut sich aus dem Mosaik von Figuren und Schicksalen aus der Elendsgasse von Triest das Bild einer ganzen Rasse aus: die unterste Volksschicht der südlichen Hafenstadt, die trotz unsäglicher Verkommenheit verklärt ist vom Ab- Ö antiker Größe und dem Triumphstrahl der Phantasie. Dieser nsatz zwischen heimlichem Adel und tatsächlicher Niedrigkeit klingt in dem Roman „Von den Königen und der Krone" noch tiefer und steigert sich hier ins überpersönlich Mythische. Der überquellende Reichtum von Ricarda Huchs Phantasie, ihre Art, di« Wirklichkeit mit bildhafter Klarheit und zugleich doch als Bruchstücke eigenen Traums zu schauen, macht sie zur Romantikerin, ja, di« Romantik bedeutet« für sie eine Gefahr. Sie war sich dessen bewußt und sand die genialste Weise, sich gegen diese Gefahr abzugrenzen, indem sie sie darstellte. Ihre beiden Bände „Blütezeit und Ausbreitung und Verfall der Romantik" ist die tiefgründigste Schilderung dieser erregenden Epoche, in der „eine Schar junger Männer und Frauen erobernd über die breite träge Masse Deutschlands hinstürmte". Nur jemand, der innerlich mitgestürmt ist, für den die Erkenntnis Selbsterkenntnis war, konnte das Gesicht dieser Zeit so lebendig deuten. Indem sie sich so der Vergangenheit zuwandte, betrat Ricarda Huch das Gebiet, aus bem ihr Einzigartiges gelingen sollte: die historische Darstellung, die bei ihr weder gelehrte Arbeit noch frei schaffende Dichtung ist, sondern eine bisher unerreichte Beseelung und Wiedererweckung des Gewesenen. Daß dabei im Lauf der Jahre die freie Phantasie immer mehr zurücktritt, die einfache Darstellung der geschichtlichen Wirklichkeit immer beherrschender wird, ist kein Nachlassen ihrer Dichterkraft, vielmehr im Gegenteil ein Wachsen des echt Seherischen innerhalb ihres Dichtertums. In den beiden Garibaldi-Romanen wirkt bei aller Gröhe der Darstellung die subjektive Phantast«, die romantische Färbung, sogar etwas störend. In dem Lebensroman des edlen Märtyrers des Risorgimento, des Grafen Federigo Confalonieri dagegen, ist die historische Darstellungsart schon zu voller Meisterschaft herangereift. Ihre höchste Höhe aber erreicht sie in dem Werk, das Ricarda Huch unserem Volk in Schicksalsahnung des Kommenden unmittelbar vor dem Weltkrieg geschenkt hat, in dem „Großen Krie g". In diesem dreibändigen Zeitgemälde des Dreißigjährigen Krieges hat die Dichterin sich nicht um Einheitlichkeit der Darstellung bemüht, sondern scheinbar willkürlich setzt sie Punkt neben Punkt, Ausschnitte aus dem Leben des Fürsten neben solche des Landsknechtes, des Bauern, des Psarrers, der Mutter, des Handwerkers. Aus diesem scheinbaren Gewirr aber wächst ein Bild von großartiger und erschütternder Anschaulichkeit, mehr als das, aus Chaos, Zerrüttung und Untergang steigt unversehens etwas empor, was dieser grausigen Epoche deutscher Wirrnis einen Sinn gibt: sie erscheint zuletzt nicht allein als Todeskampf einer sterbenden, sondern auch als Geburtswehen einer neuen Zeit. Die Versenkung in die Realität der Geschichte hat Ricarda Huch vom Einzelschicksal fort und den großen Fragen der Gemeinschaft, der völkischen Entwicklung, des Glaubens und der Weltanschauung zugeführt. In den Werken „Natur u n d G e i st", „Luthers Glaube", „Vom Sinn der heiligen Schrift", „Entpersönlichun g", setzt sie sich mit den religiös weltanschaulichen Fragen auseinander, die unserer Zeit wie jeder Zeit neu gestellt sind. In der psychologischen Studie über Wallensiein, der Biographie des Freiherrn vom Stein, den Skizzen der revolutionären deutschen Bewegung um 1848 unter dem wenig glücklichen Titel „Alte und neue Götter", vor allem aber in ihren „Lebensbildern deutscher Städte" und in ihrem großen, noch nicht abgeschlossenen deutschen Geschichtswerk, setzt sie die Geisterbeschwörung unserer nationalen Vergangenheit fort. Selbstverständlich ist es, daß es bei einem Werk von so umfassenden Ausmaßen Unterschiede und Stufen der Beseelung gibt. Ricarda Huchs Darstellung des deutschen Mittelalters zeigt, daß gewisse Bezirke des „alten Reiches" für sie stumm geblieben sind. Aber nur der oberflächlich schwankende Mensch, der kein eigenes Zentrum in sich selber hat, kann „allen gerecht werden". Und er wieder kann es nicht, da ihm überall die wirkliche Lebendigkeit eigener Anschauung fehlt. Die schenkt sich nur dem starken, von eigenem Glauben wurzelhast gespeisten Menschen. Bei Ricarda Huch ist diese nährende Geisteskraft ein edler, kampf- froher, dabei sehr durchgeistigter Protestantismus. Ueberall, wo dieser Protestantismus, der eine geistige Grundhaltung bedeutet, aus Verwandtes trifft, da reden für sie die Steine, da ist ihr Macht gegeben, die Stimmen zu beschwören. So ist sie für uns zur Seherin und Künderin weiter Gebiete unserer Geschichte geworden, und wir hoffen zuversichtlich, daß sie ihre Darstellung unserer Vergangenheit tis nah an unsere Gegenwart heranführen wird. Erinnerung. Von Ricarda Huch. An unserer Seite geht Erinnerung Und flicht des Weges Zier zu Kranzgewinden. Wie Bienenflug um sommerliche Linden Summt süß Musik von ihrer Füße Schwung. Vom Schmelz der Dinge schimmern ihre Hände, Sie hüten erd- und meerversunknen Hort. Er rührt und hebt sich auf ihr weckend Wort Und funkelt jung wie Tau in das Gelände. Nicht Blumen sind's, was sie zum Kranz gelesen, Sie sammelt Saat des Gebens, das verging. Aus neuer Hoffnung, längst versiegten Zähren, Verschmiedend glühend Heut und starr Gewesen, Biegt unser goldnes Leben sie zum Ring, Daß es unendlich kreist in ew'gen Sphären. Eine Deuterin der Geschichte. Von Dr. Johannes Günther. Aus einer gründlichen Geschichtsforschung und aus einer nach innen gekehrten Lebensbetrachtung erwächst der Dichterin Ricarda Huch eine eigenroertige Schau des Weltgeschehens. Schon ihre Vorarbeiten zeigen denkerisches Gepräge oder di« Möglichkeiten poetischer Gestaltung. Dem wissenschaftlichen Tun ist stets in reizvoller Weise die künstlerische Grazie beigesellt, ohne uns doch nur einen Augenblick lang irre zu machen an der Genauigkeit ihres Vorgehens. Wir vertrauen uns ohne ein Gefühl des Gehindertseins der Führerin an. Ricarda Huch, als Epikerin berufen und berühmt, ist im eigentlichen Erfolg ihres Wesens Dramatikerin. Was Schiller von der Wirkung des Dramas sagt: „Wenn du das große Spiel der Welt gesehen, so kehrst du reicher in dich selbst zurück; denn wer den Sinn aufs Ganze hält gerichtet, dem ist der Streit in seiner Brust geschlichtet." Das erfahren wir auch beim Lesen der großen geschichtlichen Werke, die uns Ricarda Huch schenkte. - Geschichte wird vorwärtsgetrieben durch Persönlichkeiten, die, selbst- gläubig und der Gemeinschaft, in die das Schicksal sie hineinstellte, z'«>° treu und einsatzbereit dienend, mutig über bas Gegebene hinausgreifen. Eine große Persönlichkeit reicht der anderen ihre 'Waffen weiter. Eno- Ihrer, hatten es gezähmt, das Zauberroß. Wallenstein glaubte nicht, pi, :oä heroische Element sich dem Bürgervolke lange bequemen würde. i65 erreichen kann keine. Ja: eine jede spürt einmal ihre Grenzen. |ie mutz sich darein finden mit stiller Beherrschung. Es mutz ihr । sein, die Idee, die des Einsatzes wert war, weitergetragen zy t. Auch wenn ungelöste Fragen und Dunkelheiten ihren letzten, n säst den Stempel des Erliegens auf drück en — sie lassen sich den- Lj nicht beugen. Eine stolze Melancholie ist die seelische Verfassung j(r infamen Helden Ricarda Huchs. Ja, nach dem Gesetz eines Ver- iiiiiisses, dem die Dichterin nicht anklagend, sondern stumm verehrend Miibersteht, gehen auch gerade Persönlichkeiten, die auffallend vvr- fe eilten, jener Einsamkeit entgegen. Jjt ihrem Buche „Der große Krieg in Deutschland" heißt es: „Als j( üserltchen unter Wallenstein in Verfolgung des Feindes an die E|t von Jütland kamen, sahen sie in der Ferne die dänischen Schiff«, 1 !)n unerreichbar entführten. Solche Rosse, die auf dem Wasser Eiji könnten, möchte er auch haben, sagte Wallenstein zu Arnim, der ihm ritt, worauf dieser erwiderte, ja, ohne sie hätten sie die Sn bis auf den letzten Mann niedergemacht, oder sie hätten in len$raben springen und ersaufen müssen. Wallenstein blieb am Strande in) l (irrte auf das unzugängliche Element, das, vor feinen Füßen aus- Men, ihn durch sein Dasein unterjochte. Es wurmte ihn, daß das Wrtier seinen schäumenden Nacken dem geschlagenen Dänenkönige und ihn, Wallenstein, den Sieger, verhöhnte. Es tanzte vor ihm btibie Felsen, daß die aufspringenden Tropfen ihn bespritzten, über- ttsiljn mit dem Dampf seiner Nüstern, und sein jauchzendes Wiehern M ihm ins Gesicht, weil es wußte, daß er ihm keinen Zügel über« Mn konnte. Armselig, dachte Wallenstein, sei die Herrschaft der (Erbe; sie das Meer, das Könige mache! Was für ein Bettlerfürst war im inne der Kaiser deutscher Nation: ein Bauer auf einem verfchuldc- hjofe, der niemals Geld in Hand hatte, eine alte, verschrumpfte |