Hreitag, den 17. März Nummer 22 ahrgang 1959 wbtll mir: * fc Derb» 1 *! Si jeunesse man vorwärts lobd „ .,Ja, wenn nicht ae f to die sind öfter, als A.1 bflC'H n r »<» v> an , ben unir Stillt mmt, kommt man doch auch rückwärts und bezahlt mit dem Besten, Ms man hat, mit Leben und Gesundheit. Denn was ist Leben ohne Schlaf?" itgi feite of lütt ,(l* Mite 'N e te O' ■3* ® Ws d) Ul’" us8*?J iibe - in* K fite: ih'k in *. i * E in** ?? n&i n,» g, d«!> Ortungen Wirrungen Vornan öon Theodor F'ontane 6. Fortsetzung. )*► DM r: * unb; idel r nne js mm' ii» f)ate,i ’fiff tannlt vor |» inj* tefon* ben. t I «»- i Ate liirfi „Wohl, ich sehe schon", sagte Botho, „kein Glück ist völlkomnien. Aber term kommt der Winter, und dann schlafen Sie wie sieben Dächse." lerade Silvester oder Dreikönigstag oder Fastnacht ist. 3 der Kalender angibt. Da sollten Sie das Leben hier Hülbert." Botho lachte. „Ja, die Berliner! Wobei mir übrigens einsällt, Ihre Goree hier herum muß ja auch die Gegend sein, wo die Ruderer und Segler zisammenkommen und ihre Regatten haben." „Gewiß", sagte der Wirt.' „Aber das will nicht viel sagen. Wenn's viele Jiiib, dann sind es fünfzig oder vielleicht auch mal hundert. Und dann ruht ci wieder und ist auf Wochen und Monate hin mit dem ganzen Wassersport tnrbei. Rein, die Klubleute, das ist vergleichsweise bequem, das ist zürn Aushalten. Aber wenn dann im Juni die Dampfschiffe kommen, dann ist et schlimm. Und dann bleibt es so den ganzen Sommer über oder doch fine lange, lange Weile." „Glqub's", sagte Botho. „ ... Dann trifft jeden Abend ein Telegramin ein. ,Morgen früh neun Hit Ankunft auf Spreedampfer Alsen. Tagespartie. 240 Personen.' Und dmn folgen die Namen derer, die's arrangiert haben. Einmal geht das. über die Länge hat die Qual. Denn wie verläuft eine solche Partie? Bis "tunfeliöerben sind sie draußen in Wald und Wiese, dann aber kornmt kn Abendbrot, und dann tanzen sie bis um elf. Nun werden Sie sagen, ,1m5 ist nichts Großes', und wär auch nichts Großes, wenn der andre Tag m Ruhetag wär. Aber der zweite Tag ist wie der erste, und der dritte islwie der zweite. Jeden Abend um elf dampft ein Dampfer mit 240 Perioden ab, und jeden Morgen um neun ist ein Dampfer mit ebensoviel Pi Zonen wieder da. Und inzwischen muß doch aufgeräumt und alles wieder klar gemacht werden. Und so vergeht die Nacht mit Lüften, Putzen wo Scheuern, und wenn die letzte Klinke wieder blank ist, ist auch das nichste Schiss schon wieder heran. Natürlich hat alles auch sein Gutes, „Da seh ich freilich", sagte Botho, „daß sich von Einsamkeit und Toten- nicht gut sprechen läßt. Ein Glück nur, daß ich von dem allen nicht Daußt habe, sonst hätt ich gar nicht den Mut gehabt und wäre fortgeblieben, «no das wäre mir doch leid gewesen, einen so hübschen Fleck Erde gar «i««t gesehen zu haben... Aber sie sagten vorhin, ,was ist Leben ohne Waf, und ich fühle, daß Sie recht haben. Ich bin müde trotz früher «lande; das macht, glaub ich, die Luft und das Wasser. Und dann muß Adoch auch sehn ... Ihre liebe Frau hat sich so bemüht... Gute Nacht, m kein großstädtisch Gesicht mehr, und die Berliner lasten einen in Ruh, fet der Großkuecht und die Jungemagd, die haben oann ihren Tag. sieht man Otterfellmützen und Manchesterjacken mit silbernen Buckel- misten, und allerlei Soldaten, die grad auf Urlaub sind, sind mit dabei: kluvedter Dragoner und Fürstenwalder Ulanen, oder wohl gar Pots- irnner Husaren. Und alles ist eifersüchtig und streitlustig, und man weiß jigt, was ihnen lieber ist, das Tanzen oder das Krakeelen, und bei dem kcmsten Anlaß stehen die Dörfer gegeneinander und liefern sich ihre Ba- Mlen. Und so toben und lärmen sie die ganze Nacht durch, und ganze ü'-innkuchenberge verschwinden, und erst bei Morgengrauen geht es über « Stromeis oder den Schnee hin wieder nach Hause." setzte sie hinzu. Sie mochte sich nicht trennen von dem Bilde. Zuletzt aber erhob sie sich, schob einen Stuhl vor den Spiegel und begann ihr schönes Haar zu lösen und wieder einzuflechten. Als fie noch damit beschäftigt war, kam Botho. „Lene, noch auf! Ich dachte, daß ich dich mit einem Kusse wecken müßte." „Dazu kommst du zu früh, so spät du kommst." Und sie stand auf und ging ihm entgegen. „Mein einziger Botho. Wie lange du bleibst..." \ „Und das Fieber? Und der Anfall?" „Ist vorüber, und ich bin wieder munter, seit einer halben Stunde schon. Und ebensolange hab ich dich erwartet." Und sie zog ihn mit sich fort an das offenstehende Fenster: „Sieh nur! Ein armes Menschenherz, soll ihm keine Sehnsucht kommen bei solchem Anblick?" Und sie schmiegte sich an ihn und blickte, während sie die Augen schloß, mit einem Ausdruck höchsten Glückes zn ihm auf. Dreizehntes Kapitel. Beide waren früh auf, und die Sonne kämpfte noch mit dem Morgeu- nebel, als sie schon die Stiege herabkamen, um unten ihr Frühstück zu nehmen. Ein leiser Wind ging, eine Frühbrise, die die Schisser nicht gern ungenutzt lassen, und so glitt denn auch, als unser junges Paar eben ins Freie trat, eine ganze-Flottille von Spreekähnen an ihnen vorüber. r i!' „Unglaublich früh. Okuli, da kommen sie. Sehen Sie, Herr Baron, l1** st,>nn ich, der ich doch ausgewettert bin, immer noch drin in der Stube feibe, weil der Ostwind pustet und die Märzensonne sticht, setzt sich der i-rlinet schon ins Freie, legt seinen Sommerüberzieher über den Stuhl u b bestellt eine Weiße. Denn sowie nur die Sonne scheint, spricht der i-tltner von schönem Wetter. Ob in jedem Windzug eine Lungenentzün- bng oder Diphiheritis sitzt, ist ihm egal. Er spielt dann am liebsten mit ststsen; einige sind auch für Boecia, und wenn sie dann abfahren, ganz g'dunsen von der Prallsvnne, dann tut mir mitunter das Her^ tveh, denn liinet ist darunter, dem nicht wenigstens am andern Tag die Haut ab- zu halten war. Dicht neben der Eingangstür, über einem Rokokotisch, auf dem rote Gläser und eins Wasserkaraffe standen, hing noch eine buntfarbige, mit einer dreisvrachigen Unterschrift versehene Lithographie: „Si jeunesse savait", — ein Bild, das sie sich entsann in der Dörrschen Wohnung gesehen zu haben. Dörr liebte dergleichen. Als sie's hier wieder sah, fuhr sie verstimmt zusammen. Ihre feine Sinnlichkeit fühlte fich von dem Lüsternen In dem Bilde wie von einer Verzerrung ihres eignen Gefühls beleidigt, und fo ging sie denn, den Eindruck wieder loszuwerden, bis an das Giebelfenster und öffnete beide Flügel, um die Nachtluft einzulaffen. Ach, wie sie das erquickte! Dabei setzte sie sich auf das Fensterbrett, das nut zwei Handbreit über der Diele wär, schlang ihren linken Arm um das Kreuzholz und horchte nach der nicht allzu entfernten Veranda hinüber. Aber sie vernahm nichts. Eine tiefe Stille herrschte; nur in der alten Ulme ging ein Wehen und Rauschen, und alles, was eben noch von Verstimmung in ihrer Seele geruht haben mochte, das schwand jetzt hin, als sie den Blick immer eindringlicher und immer entzückter auf das vor ihr ausgebreitete Bild richtete. Das Wasser flutete leise, der Wald und die Wiese lagen im abendlichen Dämmer, und der Mond, der eben wieder seinen ersten Sichelstreifen zeigte, warf einen Lichtschein über den Strom und ließ das Zittern seiner kleinen Wellen erkennen. „Wie schön", sagte Seite hochaufatmend. „Und ich bin doch glücklich", Lene, die Füße schräg auf dem herangerückten Stuhl, hatte fich aufs Bett gelegt und eine Tasse von dem Tee getrunken, den ihr die Wirtin gebracht hatte. Die Ruhe, die Wärme taten ihr wolst, der Anfall ging vorüber, und sie hätte auch schon nach kurzer Zeit wieder in die Veranda hinuntergehen und an dem Gespräche, das Botho mit dem Wirt führte, teilnehmen können. Aber ihr war nicht gesprächig zu Sinn, und so stand sie nur auf, um sich in dem Zimmer umznsehen, für das sie bis dahin kein Auge gehabt hatte. Und wohl verlohnte sich's. Die Balkenlagen und Lehmwände hatte man ans alter Zeit her fortbestehen lasten, und die geweißte Decke hing fo tief herab, daß man fie mit dem Finger berühren konnte; was aber zn bestem gewesen war, das war auch wirklich gebessert worden. An Stelle der kleinen Scheiben, die man im Erdgeschoß noch sah, war hier oben ein großes, bis fast auf die Diele reichendes Fenster eingesetzt worden, das ganz so, wie der Wirt es geschildert, einen prächtigen Blick auf die gesamte Wald- und Wasterszenerie gestattete. Das große Spiegelfenster war aber nicht alles, was Neuzeit und Komsort hier getan hatten. Auch ein paar gute Bilder, mutmaßlich auf einer Auktion erstanden, hingen an den alten, überall Buckel und Blafen bildenden Lehmwänden umher, und just da, wo der vorgebaute Fenstergiebel nach hinten oder, was dasselbe sagen will, nach dem eigentlichen Zimmer zu die Dachschrägunh traf, standen sich ein paar elegante Toilettentische gegenüber. Alles zeigte, daß man die Fischer- und Schifferherberge mit Geflissentlichkeit beibehalten, aber fie doch zugleich auch in ein gefälliges Gasthaus für die reichen Sportsleute vorn Segler- und Ruderklub umgewqndelt hatte. Seite fand fich angeheirnelt von allem, was sie sah, und begann zunächst die rechts und links in breiter Umrahmung über den Bettständen hängenden Bilder zu betrachten. Es waren Stiche, die sie, dem Gegenstände nach, lebhaft intereffierten, und so wollte sie gerne wissen, was es mit den Unterschriften auf sich habe. „Washington Crossing the Delaware" stand unter dem einen, „The last hour at Trafalgar“ unter dem andern. Aber sie kam über ein bloßes Silbenentziffern nicht hinaus, und das gab ihr, so klein die Sache war, einen Stich ins Herz, weil sie sich der Kluft dabei bewußt toitrbe, die fie von Botho trennte. Der spöttelte freilich übet Wissen und Bildung, aber sie war klug genug, um zu fühlen, was von diesem Spotte iehenerMilieniMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger nid)ts| ... ..... . ... . lltiö wenn man um Mitternacht Kaste zählt, so weiß man, wofür man fich htts> fliiuält hat. ,Von nichts kommt nichts', sagt das Sprichwort und hat auch i jenr Anz recht, und wenn ich all die Maibotvlen auffüllen sollte, die hier schon gM geturnten sind, so müßt ich mir ein Heidelberger Faß anschaffen. Es bringt UM 1,1 ein, gewiß, und ist alles schön und gut. Aber dafür, daß Seite war noch in ihrem Morgenanzuge. Sie nahm Bothos Arm und J schlenderte mit ihm am User entlang an einer Stelle hin, die hoch in Schils und Binsen stand. Er sah sie zärtlich an. „Lene, du siehst ja aus, wie ich dich noch gar nicht gesehen habe. Ja, wie sag ich nur? Ich sinke kein anderes Wort: du siehst so glücklich aus." Und so war es. Ja, sie war glücklich, ganz glücklich und sah die Welt in einem rosigen Lichte. Sie hatte den besten, den liebsten Mann am Arm und genoß eine kostbare Stunde. War das nicht genug? Und wenn diese Stunde die letzte war, nun, so war sie die letzte. War es nicht schon ein Vorzug, einen solchen Tag durchleben zu können? Und wenn es-auch nut einmal, ein einzig Mal. So schwanden ihr alle Betrachtungen von Leid und Sorge, die sonst wohl, ihr selbst zum Trotz, ihre Seele bedrückten, und alles, was sie fühlte, war Stolz, Freude, Dank. Aber sie sagte nichts; sie war abergläubisch und wollte das Glück nicht bereden, und nur an einem leisen Zittern ihres Arms gewahrte Botho, wie das Wort: „ich glaube, du bist glücklich, Lene" ihr das mnerste Herz getroffen hatte. Der Wirt kam und erkundigte sich artig, wenn auch mit einem Anfluge von Verlegenheit, nach ihrer Nachtruhe. „Vorzüglich", sagte Botho. „Der Melissentee, den Ihre liebe Frau verordnet, hat wahre Wunder getan, und die Mondsichel, die uns gerade ins Fenster schien, und die Nachtigallen, die leise schlugen, so leise, daß man sie nur eben noch hören konnte, ja wer wollte da nicht schlafen wie im Paradiese? Hoffentlich wird sich kein Spreedampfer mit zweihundertundvierzig Gästen für heute nachmittag angemeldet haben. Das wäre dann freilich die Vertreibung aus dem Paradiese. Sie lächeln und denken: ,Wer weiß?' und vielleicht hab ich mit meinen Worten den Teusel schon an die Wand gemalt. Aber noch ist er nicht da, noch seh ich keinen Schlot und keine Rauchfahne, noch ist die Spree rein, und wenn auch ganz Berlin schon unterwegs wäre, das Frühstück wenigstens können wir noch in Ruhe nehmen. Nicht wahr? Aber wo?" „Die Herrschasten haben zu befehlen." „Nun, dann denk ich unter der Ulme. Die Halle, so schön sie ist, ist doch nur gut, wenn draußen die Sonne brennt. Und sie brennt noch nicht und hat noch drüben am Walde mit dem Nebel zu tun." Der Wirt ging, das Frühstück anzuordnen; das junge Paar aber setzte seinen Spaziergang fort bis nach einer diesseitigen Landzunge hin, von der aus sie die roten Dächer eines Nachbatdorses und rechts daneben den spitzen Kirchturm von Königswusterhausen erkennen konnten. Am Rande der Landzunge lag ein angetriebener Weidenstamm. Auf diesen fetzten sie sich und sahen von ihm aus zwei Fischersleuten zu, Manu und Frau, die das umstehende Rohr schnitten und die großen Bündel in ihren Prahm warfen. Es war ein hübsches Bild, an dem sie sich erfreuten, und als sie nach einer Weile wieder zurück waten, wurde das Frühstück eben auf- getragen, mehr ein englisches als ein deutsches: Kaffee und Tee, samt Eiern und Fleisch und in einem silbernen Ständer sogar Schnittchen von geröstetem Weißbrot. „Ah, schau, Lene. Hier müssen wir öfter unser Frühstück nehmen. Was meinst du? Himmlisch! Und sieh nur drüben auf der Werst, da kalsatern sie schon wieder und geht ordentlich im Takt. Wahrhaftig, folch Arbeits- Taktschlag ist doch eigentlich die schönste Musik." Lene nickte, wat aber nur halb dabei, denn ihr Interesse galt auch heute wieder dem Wassetsteg, freilich nicht den angekettelten Booten, die gestern ihre Passion geweckt hatten, wohl aber einet hübschen Magd, die mitten auf dem Brettergange neben ihrem Küchen- und Kupsetgefchitt kniete. Mit einer herzlichen Arbeitslust, die sich in jeder Bewegung ihrer Arme ausdrückte, scheuerte sie die Kannen, Kessel und Kasserollen, und immer, wenn sie fertig wat, ließ sie das plätschernde Wasser das blankgescheuette Stück umspülen. Dann hob sie's in die Höh, ließ es einen Augenblick in der Sonne blitzen und tat es in einen nebenstehenden Korb. Lene war wie benommen von dem Bild. „Sieh nur", und sie wies auf die hübsche Person, die sich, so schien es, in ihrer Arbeit gar nicht genugtun konnte. „Weißt du, Botho, das ist kein Zufall, daß sie da kniet; sie kniet da für mich, und ich fühle deutlich, daß es mit ein Zeichen ist und eine Fügung." „Aber was ist dir nur, Lene? Du veränderst dich ja, du bist ja mit einem Male ganz blaß geworden." „O nichts." „Nichts? Und hast doch einen Flimmer im Auge, wie wenn dir das Weinen nähet wäre als das Lachen. Du wirst doch schon Kupfergeschirr gesehen haben und auch eine Köchin, die's blank scheuert. Es ist ja fast, als ob du das Mädchen beneidetest, daß sie da kniet und arbeitet wie für drei." Das Erscheinen des Wirts unterbrach hier das Gespräch, und Lene gewann ihre ruhige Haltung und bald auch ihren Frohmut wieder. Dann aber ging sie hinauf, um sich umzukleiden. Als sie wiederkam, sand sie, daß inzwischen ein vom Wirt aufgestelltes Programm von Botho bedingungslos angenommen war: ein Segelboot sollte das junge Paar nach dem nächsten Dorfe, dem reizend an der wendischen Spree gelegenen Nieber-Löhme, bringen, von welchem Dors aus sie den Weg bis Königswusterhausen zu Fuß machen, daselbst Park und Schloß besuchen und dann auf demselben Wege zutückkommen wollten. Es war eine Halbtagspartie, lieber den Nachmittag ließ sich dann weiter verfügen. , Lene war es zufrieden, und schon wurden ein paar Decken in das rasch instand gesetzte Boot getragen, als man vom Garten her Stimmen und herzliches Lachen hörte, was aus Besuch zu deuten und eine Störung ihrer Einsamkeit in Aussicht zu stellen schien. „Ah, Segler und Ruderklubleute", sagte Botho. „Gott sei Dank, daß Wir ihnen entgehen, Lene. Laß uns eilen l" Und beide brachen auf, um so rasch wie möglich ins Boot zu kommen. Aber ehe sie noch den Wassersteg erreichen konnten, sahen sie sich bereits umstellt und cingefangen. Es waren Kameraden und noch dazu die intimsten: Pitt, Serge, Balasrö. Alle drei mit ihren Damen. „Ah les beaux esprits se rencontrent“, sagte Balasrö voll übermütiger Saune, die jedoch rasch einer gesetzteren Haltung wich, als er wahrnahm, daß er von der Hausschwelle her, auf der Wirt und Wirtin standen, beobachtet wurde. „Welche glückliche Begegnung an dieser Stelle. Gestatten Sie mir, Gaston, Ihnen unsere Damen vorstellcn zu btitfen: Königin Jsabean, Fräulein Johanna, Fräulein Margot." Botho sah, welche Parole heute galt, und sich rasch hineinfindend, entgegnete er, nunmehr auch seinerseits vorstellend, mit leichter HandbeWegung auf Lene: „Mademoifelle Agnes Corel." Alle drei Herren verneigten fich artig, ja dem Anscheine nach Wgat respektvoll, während die beiden Töchter Thibaut d'Arcs einen überaus kurzen Kuix machten und der um wenigstens fünfzehn Jahre älteren Königin Jsabeau eine freundlichere Begrüßung der ihnen unbekannten und sichtlich unbequemen Agnes Corel überließen. , Das Ganze war eine Störung, vielleicht sogar eine geplante; je mehr dies aber zutressen mochte, desto mehr gebot es sich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und dies gelang Botho vollkommen. Er stellte Fragen über Fragen und erfuhr bei der Gelegenheit, daß man, zu früher Stunde schon, mit einem der kleineren Spreedampfer bis Schmöckwitz und von dort ans mit einem Segelboot bis Zeuthen gefahren sei. Von Zeuthen aus habe man den Weg zu Fuß gemacht, keine zwanzig Minuten; es sei reizend gewesen: alte Bäume, Wiesen und rote Dächer. Während der gesamte neue Zuzug, besonders aber die wohlarroudierte Königin Jsabeau, die sich beinah mehr noch durch Sprechfähigkeit als durch Abrundung auszeichnete, diese Mitteilungen machte, hatte man, zwanglos promenierend, die Veranda erreicht, Wo man an einem der langen Tische Platz nahm. .... ... „Allerliebst", sagte Serge. „Weit, frei und o,fcn und doch ,o verschwiegen. Und die Wiese drüben Wie geschaffen für eine Mondfchcinpromenade." „Ja", fetzte Balafrö hinzu, „Mondfcheinpromenade. Hübsch, sehr hübsch. Aber wir haben erst zehn Uhr früh, macht bis zur Mondscheinpromenade runde zwölf Stunden, die doch untergebracht sein wollen. Ich proponiere Wasserkorso." ., c „Nein", sagte Jsabeau, „Wasserkorso geht nicht; davon haben Wir heute schon über und über gehabt. Erst Dampfschilf, bann Boot und nun wieder Boot, das ist zu viel. Ich bin dagegen. Ueberhaupt, ich begreife nicht, Was dies ewige Pätfcheln foll; dann fehlt bloß noch, daß wir angeln ober bie Meis mit bet Hanb greifen unb uns über bie kleinen Biester freuen. Nein, gehätschelt wird heute nicht mehr. Darum muß ich sehr bitten." Tie Herren, an bie sich biefe Worte richteten, amüsierten sich ersichtlich über bie Dezibiertheit ber Königinmutter unb machten sofort anbere Vor- fchläge, bereu Schicksal aber basselbe war. Jsabeau verwarf alles und bat, als man schließlich ihr Gebaren halb in Scherz unb halb in Ernst zu mißbilligen anfing, einfach um Ruhe. „Meine Herren", sagte sie, „Gebuld. Ich bitte, mir wenigstens einen Augenblick das Wort zu gönnen." Ironischer Beisall antwortete, denn nur sie hatte bis dahin gesprochen. Aber unbekümmert darum fuhr sie fort: „Meine Herren, ich bitte Sie, lehren Sie mich die Herrens kennen. Was heißt Landpartie? Landpartie heißt frühstücken und ein Jeu machen. Hab ich recht?" „Jsabeau hat immer recht", lachte Balafre unb gab ihr einen Schlag auf bie Schulter. „Wir machen ein Jeu. Der Platz hier ist kapital; ich glaube beinah, jeher muß hier gewinnen. Unb bie Damen promenieren betweikn ober machen vielleicht ein Vvrmittagsschläfchen. Das fall bas Gefunbeste sein, unb anberthalb Stunben wirb ja wohl ausreichen. Unb um zwölf Uhr Reunion. Menn nach bem Ermessen unserer Königin. Ja, Königin, bas Leben ist doch schön. Zwar aus Don Carlos. Aber muß denn alles aus bet /Jungsrau' sein?" Das schlug ein, unb bie zwei jüngeren kicherten, obwohl sie bloß das Stichwort verstanden hatten. Jsabeau dagegen, bie bei solcher antippenden unb beftänbig in kleinen Anzüglichkeiten sich ergehenben Sprache groß geworden war, blieb vollkommen würdevoll und sagte, während sie sich zu den drei anderen Damen wandte: „Meine Damen, wenn ich bitten barj: Wir sind jetzt entlassen unb haben zwei Stunben für uns. Uebrigens nicht bas Schlimmste." Damit erhoben sie sich unb gingen auf bas Haus zu, wo bie Königin in bie Küche trat unb unter freundlichem, aber doch überlegenem Gruße nach bem Wirte fragte. Dieser War nicht zugegen, weshalb bie junge Frau versprach, ihn aus bem Garten abrufen zu wollen; Jsabeau aber litt es nicht, „sie werbe selber gehn", unb ging auch wirklich, immer gefolgt von ihrem Drei-Damen-Kortege (Balafre sprach von Glucke und Küken) nach bem Garten hinaus, wo sie ben Wirt bei bet Anlage neuer Spargelbecte traf. Unmittelbar baneben lag ein altrnobifches Treibhaus, vorne ganz niebrig, mit großen schrägliegenden Fenstern, auf beffeu etwas abgebröckeltes Mauerwerk sich Lene samt ben Töchtern Thibaut d'Arcs setzte, während Jsabeau die Verhandlungen leitete. „Wir kommen, Herr Wirt, um wegen des Mittagsbrots mit Ihnen zu sprechen. Was können wir haben?" „Alles, was die Herrschaften befehlen." „Mies? Das ist viel, beinah zu viel. Nun, bann bin ich für Aal. Aber nicht so, sonbern so," Unb sie wies, währenb sie bas sagte, von ihrem Fingerring auf bas breite, bicht anliegcnbe Armbanb. „Tut mir leib, meine Damen", erwiberte ber Wirt. „Aal is nicht. Ueberhaupt Fisch; bamit kann ich nicht bienen; der ist Ausnahme. Gestern hatten wir Schlei mit DiU, aber ber war aus Berlin. Wenn ich einen Fisch haben Will, muß ich ihn vom Köllnischen Fischmarkt holen." „Schabe. Da hätten wir einen mitbringen können. Aber was bann?" „Einen Rehrücken." „Hm, bas läßt sich hören. Unb vorher etwas Gemüse. Spargel ist schon eigentlich zu spät, ober hoch beinah. Aber Sie haben da, Wie ich sehe, noch junge Bohnen. Und hier in bem Mistbeet wirb sich ja Wohl auch noch etwas ftnben lassen, ein paar Gurken ober ein paar Rapunzeln. Unb bann eine süße Speise. So was mit Schlagsahne. Mir persönlich liegt nicht baran, aber bie Herren, bie beftänbig fo tun, als machten fie sich nichts baraus, bie sinb immer fürs Süße. Also btei, vier Gänge, benk ich. Unb bann Butterbrot unb Käse." „Unb bis wann befehlen bie Herrschaften?" (Fortsetzung folgt.) Vorfrühling. Von Ina Seidel. Durch die frühe Dämmerung Geh ich ganz in Träumen hin, Und ich weih es nicht, warum Ich so still und selig bin, Daß mein Herz ganz hold und leicht Wie ein Veilchenstrauh sich trägt — Plötzlich überkommt es mich: Horch, die erste Amsel schlägt... Begegnungen am Abend. Von Anton Schnack. Als die Männer zur Dämmerstunde in den Gasthof einer alten I;tai>t am Main eintraten, erinnerte sich Bronsard, hier vor Jahren hon einmal gewesen zu sein und einheimischen Wein getrunken zu aben. Damals waren die Gastzimmer noch klein, behagliche Stuben mit inngerät aus den Bordbrettern und Stichen an den getäfelten Wänden, us den gemütlichen Zimmern von einst waren nun große Gastsäle nvorden, die Stiche und die warme Holzvertäfelung waren verschwur!- en, von der Decke herunter und an den Wänden entlang waren Gir- inden aus farbigen Papierblumen gespannt, wie es an Winzerfesten . nt> Faschingsveranstaltungen üblich geworden ist. Außer einem am kusschank stehenden Kellner war kein anderer Mensch anwesend. Den Intretenden Männern behagte nicht die Leere und sie wollten wieder nkehren, jedoch sie bemerkten dann an einem Tisch ein junges Müden, das in einer Zeitung las. Eine Porzellankanne und eine Tasse mden vor ihr. Das Mädchen ließ die hocherhobene Zeitung sinken und trachtete mit einem abwesenden und schläsrigen Blick die Gäste. „Als ich vor Jahren hier war", flüsterte Bronsard, „war die junge ame am Tisch ein Backfisch mit einer Schleife im Haar, der mit keckem ilick jeden musterte, der das Gasthaus ihres Vaters besuchte. Jetzt ... haut ihre Augen an, jetzt hat sie einen Blick, als ob sie eine traurige nD süßliche Liebesgeschichte erlebt hätte." Die Männer setzten sich gegenüber und das Mädchen nahm wieder die Zeitung vor ihr Gesicht. Von Zeit zu Zeit aber spähte es mit jähem uub verstecktem Blick über den Zeitungsrand. Als das Mädchen einmal iilfstand, um sich etwas aus einem Schrank zu holen, konnten die Danner ihre Gestalt näher betrachten. Das Mädchen war groß, sehr g oß sogar, dabei ausfallend geschmeidig und locker in den Bewegungen. Wit ihrer schmalen und ebenmäßigen Figur hätte sie überall Aussehen erregt. Ihr Gesicht war klug und anmutig, mit einem Anflug von Schel- Herei, aber die dunklen und schwermütigen Augen, deren Blickrichtung ncht zu erraten war, hatten diesen ursprünglichen Ausdruck zurückge- b ängt und beherrschten nun mit Trauer und Ferne das ganze Gesicht. $:n stummes Mitleidheischen ging von ihrem Wesen aus, aber niemand sellte das merken. Sie war zu stolz, um diese seelische Gebrechlichkeit Werken zu lassen, sie wollte abweisend erscheinen, kühl und unnahbar, mb so war auch die allgemeine Wirkung auf die Männer am andern Dich. [ „Hochmütig!", — auf der Stirne von Dunlop erschienen veracht- lihe Falten. „Immerhin hübsch", besänftigte Carlander. „Maske" — das war die Meinung von Bronsard. Inzwischen erschien das Mädchen wieder und setzte sich an den eichen Platz, ins Halbdunkle hinein, wo sie sich wohlzufühlen und ge- -rgen schien. Infolge des Weingenusses wurde das Benehmen der drei ;(inner ungezwungener und ihire Stimmen lauter, und die Unterhaltung ergab, daß sie dabei auf Musik, besonder? auf Klaviermusik, zu sprechen tunen und mit gegensätzlichen Meinungen sich auseinandersetzten. Bron- j(tb bemerkte, daß von diesem Augenblick an das Mädchen unverhohlen dir Unterhaltung zuhörte. Es war ihm sogar, als ob das Mädchen mit euem Vorhaben oder mit einer Absicht ringe und noch nicht den Mut g-sunden hatte, sie auszusühren. Sein Blick glühte und schoß in heißer Unruhe aus der Ecke. Wollte es sich an der Unterhaltung beteiligen? Hatte e- Interesse für Bronsard oder Carlander, und wollte es, daß man dieses sriteresse bemerke? Aber wem galt der Blick? Er war wie ein von rasender Kraft geschleuderter Pfeil und ging durch jeden Gegenblick hindurch, in die $i*rne zu etwas Unbekanntem. War einmal einer hier eingetreten und i)itte mit einem trügerischen Aussehen und verlogenen und glänzenden Sorten bas Herz dieses Mädchens an sich gezogen, mit Freude ynd Liebe erfüllt, und bann wieder losgelassen und müde gemacht. Wiederum erhob sich das Mädchen, aber diesmal ging sie auf ben D ich der Weintrinker zu, ihr Blick war nun wieder schläfrig, die Lider tr.aren tief über die Augäpfel gelegt, feiner konnte sich rühmen, von ihrem Auge betrachtet zu werden, und doch war allen bewußt, daß das Wädchen. nur ihretwegen aufgeftanöen war. Neben dem Tisch war die liire zu einem Nebenzimmer, die Übliche Einrichtung bei vielen ländlichen und kleinstädtischen Gastwirtschaften. Gleich nach dem Verschwinden bcs Mädchens erklangen aus dem dunklen Zimmer die weichen Tone eines Nocturnos von Chopin. Bronsard und die anderen hörten zu. Sie vißten, ohne sich gegenseitig daraus aufmerksam zu machen, was das Kiooierspiel zu bedeuten hatte. Das Herz und die Sehnsucht des Mad- h:ns fangen heraus. Das Spiel paßte zu der herbstlichen Dämmerung, bi? mit früher Dunkelheit über die Mainlandschaft gesunken war. Das eaiel war keine große Kunstleistung, aber es ergriff, erregte und war d deutsam, weil es das Spiel einer Einsamen und an der Liebe üiibenben war. . .. Nachdem die Männer eine zeitlang dem Spiel zugehort hat.en, tii fen sie den Kellner, zahlten und zogen ihre Mäntel an, well sie nicht länger verweilen konnten. Die Türe zum Nebenzimmer, wo das Mad- h'n am Klavier sah und spielte, stand offen. Dunlop ging baran vorbei, bann folgte Carlanber, Bronsard zögerte einen Augenblick und schaute in bas Zimmer, aber er sah weder das Klavier noch das Mädchen, nur das gelbe Licht einer Straßenlaterne schimmerte durch ein großes Fenster bis zu ihm. Die Töne schwebten leise durch den Raum. Ein leises Weinen im Dunkel, so dünkten sie ihm. Dann ging auch er seinen Begleitern durch den Haupteingang nach, aber draußen auf der Terrasse zögerte er zum zweiten Male und trat an das große Fenster, das eigentlich eine Türe war und anscheinend an warmen Sommer- abenden geöffnet wurde und den Durchgang zur Terrasfe bildete. Bronsard trat an das Fenster, preßte an die von keinem Vorhang bedeckte Scheibe sein Gesicht und spähte ins Zimmer. Nun konnte er bas Mädchen erkennen, es sah mit dem Rücken gegen bas Fenster am Klavier. Aber auch bas Mädchen mußte gemerkt haben, daß einer der Gäste an das Fenster getreten war und in das Zimmer schaute; denn das Klavierspiel wurde heftig, fast leidenschaftlich, lauter heiße und wilde Schreie klangen aus ben Tasten, die bleichen Finger flimmerten im hereinfallenden Lichterstrahl der Straßenlaterne wie unruhige Schmetterlinge über einem Abgrund voll Dunkel und Tiefe. Durch die Gestalt des sitzenden Mädchens zuckte eine seltsame Erregung. Bronsard drückte, ohne lange zu überlegen, aus die Klinke der Fenstertüre. Sie ging auf und er trat ins Zimmer und ging auf ben Zehenspitzen auf das Mädchen zu, das ihm den Rücken zukehrte und ganz feinem Spiel hingegeben war und anscheinend die schleichenden Schritte hinter sich nicht bemerkte. Als Bronsard unmittelbar hinter dem Mädchen stand, legte er, von einer unwiderstehlichen Rührung ergriffen, -feine Hand auf bas Mädchenhaar. Die Spielende drehte sich nicht um und hörte auch nicht mit ihrem Spiele auf, sondern ließ, allerdings etwas leiser und säst Zögernd, die Melodie fort erklingen. Bronsard beugte sich, da das Mädchen nicht die geringste Bewegung machte, um die Hand abzuschütteln, zum Kopf herunter, um bas Haar zu kiisfen. Aber er tat es nicht, sondern bog den widerstandslosen Kopf mit zarter Gewalt nach rückwärts und küßte den feuchtfchimmemden Mund. Das Mädchen hielt die Augen geschloffen, und die Finger hörten plötzlich zu spielen auf, als wären die Hände zu schwer und müde. Sein Mund gab sich dem anderen Munde, dem unbekannten, in glühender Verzückung hin, und Bronsard spürte mit Lust das selige Entrücktsein der schönen und warmen Lippen. Immer tiefer sank der Nacken des Mädchens nach hinten und immer wilder wurde der Kuh der Beiden „Ach — nein — nein", stammelte bas Mädchen plötzlich und stemmte ihre Finger auf die Tasten und ein lauter, mißtönender Klang entstand. Bronsard ließ bas Mädchen los und erwartete, daß es austpringen und davonlaufen würde. Ader es spielte wieder weiter, zwar griffen feine Hände vor Erregung zunächst einige falsche Töne, bann aber hatte es die Erregung überwunden und der gleiche traurige Schimmer, wenn auch etwas süßer und milder, lag über dem Spiel. Das Mädchen hatte sich nicht nach Bronsard umgedreht, der mit kühnem Entschluß heran- getreten war und (einen Mund geküßt hatte. Er wagte nicht zum zweiten Male das Spiel zu stören und sich über den Mädchenkopf niederzubeugen. Er schlich sich auf den Zehenspitzen wieder zur Zerraffen« türe zurück und machte sie lautlos hinter sich zu. Es war ein anderer Gasthof in jener Landschaft, man mußte zu ihm durch eine enge Gasse gehen, die auf ben Fluh führte und an jenem Sommerabend nach Feuchtigkeit, Minzenkraut und Fifckernetzen roch. Im Gastzimmer saßen Mutter und Tochter, beschäftigt mit Strickarbeiten. Als Bronsard sich gesetzt hatte, trat die Wirtstochter an seinen Tisch und fragte nach seinen Wünschen. Sie war braunäugig und glitzerte recht unternehmungslustig und freundlich mit ihren Augensternen umher. Zu dem selbstsicheren Auftreten gesellte sich noch ein feiner Reiz von Verlegenheit und Scheu. Sie glich ben schönen Wirtstöchtern, wie sie von den Malern der Romantik gezeichnet wurden, und von deren anmutigen und lieblichen Mädchengesichtern angelockt die Studenten zum Weintrinken tarnen und mit Gesang und Musik viele Abende und Nächte verbrachten. .„ Während des Gespräches, bas Bronsarb und die Wirtstochter über vielerlei unwichtige und allläglicbe Dinge führten, erzählte das Mädchen von dein abendlichen Kinobesuch, ben es vorhabe. Welcher Film vorgeführt würde? Ein Rühmann-Film! Ob Rühmann ihr Lieblingsfchaufpieler ober Typ Jet? Das Mädchen verneinte. Es wollte sich aber trotzdem den Film an« sehen, weil nur zweimal in der Woche Filmvorführungen stattfanden; da hätte es keine Wahl. Ihr Lieblingsschauspieler und Typ sei Karl Ludwig Diehl. r, . ,, , ... Also dem Mädchen gefiel der elegante, ernste und ^arf umri(fene Mann kein Spaßmacher und unbeholfen listiger Junge, ein Mann also, vertrauenerweckend, gut angezogen, in allen Sätteln gerecht, selbstbewußt und selbstsicher — das war der insgeheime Sehnsuchtstraum dieses neunzehnjährigen Mädchens vom Main. . Kurze Zeit nach dieser Unterhaltung trat in das Wirtszimmer em Stammgast, um fein Abendessen zu verzehren. Er setzte sich zu Mutter und Tochter an den Tisch, und aus seinem Benehmen ging hervor, daß er dies jeden Abend tat. Es war ein Mann im Alter von vielleicht fünfunddreißig Jahren, von kurzem Körperbau, dabei dick, viel zu dick für seine Jahre. Er machte einen fast luftigen Eindruck, zumal auch sein Gesicht rund geformt und kräftig gerötet war. Blaue Kugelaugen rollten fröhlich und vergüngt darin umher. Er wirkte in keiner Weise elegant, ein Anzug hatte Mängel im Sitz und im Aussehen; er war auch nicht rasiert, wahrscheinlich hatte er am Morgen und untertags keine Zeit dazu. Er lachte in abgerissenen, kurzen Stößen, was fast wunderlich wirkte weil er jedesmal dabei eine Kleinigkeit vom Sitze in die Hohe hüpfte' Man brachte fein Essen und ein Glas Bier, und während des hastigen Ellens schäkerte er mit dem Mädchen, das bei ihm am Tische saß. Am meisten schien die Mutter am Getändel und Geliebäugel Gefallen zu finden, wahrscheinlich war der gutgenährte Mann durch Stand und Einkommen wertvoll und begehrenswert als Schwiegersohn. Manchmal näherte er ben fauenben und bierfeuchten Mund den Hub- schen Wangen des Mädchens, das mit einem verlegenen Seitenblick auf Bronjard vor hem plumpen 2Ijigriff zurückwich, aber infolge des Zuspruchs her Mutter sich schließlich hoch hie Harmlosen Liebkosungen und Tätfcheleien gefallen ließ. . Der bevorzugte Stammgast.war mit hem Essen zu Ende, das Mädchen nahm hie Teller und has Besteck und verließ das Gastzimmer. Als es nach einiger Zeit wiederkam, Hatte es sich zum Besuche hes Kinos umgekleidet. Der Stammgast stand auf, has Mädchen nickte noch einmal zu Bronsard Hinüber, und dann verließen sie, die junge schlanke Königin und her dicke, runde Clown, das Gastzimmer, Bronsard dachte: oh welche Tragödien ereignen sich in solchen Mädchenherzen — noch ein paar Jahre später und der Liebhaber, dann ihr Mann geworden, war sicher eine wandelnde und selbstzufriedene Kugel, er war dann in jeder Hinsicht das ausgeprägte Gegenstück zu ihrem Typ, zum Manne ihrer Vorstellung und ihrer Sehnsucht. Ich hab die Nacht geträumet... Volksweise. - Ich hab die Nacht geträumet Wohl einen schweren Traum; Es wuchs in meinem Garten Ein Rosmarienbaum. Ein Kirchhof war der Garten, Ein Blumenbeet das Grab, Und von dem grünen Baume Fiel Kron' und Blüte ab. Die Blüten tät ich sammeln In einen goldnen Krug; Der siel aus meinen Händen, Daß er in Stücken schlug. Draus sah ich Perlen rinnen Und Tröpslein rosenrot. Was mag der Traum bedeuten? Ach Liebster, bist du tot? Das Ochsenmenuett. renne Novelle von Alfons von Czibulka. Der Herr Kapellmeister des Fürsten Esterhazy war in übelster Laune. In so zornigem Eilschritt war der sonst so Gelassene von seinem Hause in der Klostergasse zum Schlosse hinausgestürmt, daß an der fliederumwehten Parkmauer der kleine rundliche Sekretarius Seiner Fürstlichen Gnaden sich ihm entgegengestellt und verwundert gefragt hatte: „Ja, was is denn Ihnen über d' Leber g'laufen, Herr von Haydn?" Der Herr Kapellmeister war doch dafür bekannt, daß er die glückliche Gabe besitze, sich und seinen Mitmenschen nicht nur durch die ruhevolle Heiterkeit seiner Musik, sondern auch seines eigenen Wesens die Grillen zu vertreiben. Doch heute versagte die Gabe. Er antwortete gereizt: „Soll es sich einem vielleicht nit auf die Leber schlagen, wenn die höllische Bestia sich aus den Noten von meinem Menuett Papilloten dreht für ihr Haar?" Wobei er selber hell laut auflachen mußte bei der Vorstellung, daß sich eine Haarwickel dreht aus einem Menuett von Joseph Haydn. Das gallige Lachen über das zu Haarpapilloten erniedrigte Menuett hatte die Laune des Herrn Kapellmeisters nicht gebessert. Das spürten die Musikanten und Sänger droben im Schlosse, mit denen er jetzt das morgige Kirchenkonzert probierte, bis schon die sternenglitzernde Nacht niederstrahlte auf das burgenländische Meer. Selbst die dunkelhäutige Signora Luigi, die — was alle Welt wußte und ihm in Anbetracht der Umstände auch niemand verübelte — dem Haydn sein Hauskreuz tragen half, bekam heute eine wenig schmeichelhafte Bemerkung über ihre Stimme zu hören. Wiewohl ihr damit unrecht geschah, nahm es Signora Luigi nicht krumm. Daß es bei Haydns wieder etwas gegeben, hatte sie schon beim Eintritt gemerkt. So warf sie ihrem Kapellmeister nur einen tröstenden. Blick zu aus nachtdunklen Augen voll zarter Verheißung. ' Aus dieser Verheißung konnte aber für diesmal schon darum nichts werden, weil der Herr Kapellmeister nach der Probe bis in den grauenden Morgen hinein damit zu tun hatte, die Haarwickel wieder aufzudrehen und das Menuett von neuem abzuschreiben oder gar dort, wo Teile durch sachgemäße Kühlung der Brennschere gänzlich zerstört waren, aus dem Gedächtnis zu ergänzen Denn Joseph Haydn hatte doch dem Engelwirt versprochen, ihm für den Polterabend seiner Tochter, der schon am morgigen Sonntag vor sich gehen sollte, ein Menuettl zu schreiben. Was er auch glücklich bis Samstag mittag zu Ende gebracht; als Madame Haydn es als geeignet für ihren Haarscknnuck befunden. In den Gärten krähten schon die ersten Hähne, als her Kapellmeister des Fürsten Esterhazy mit der Feststellung einschlief, daß er zwar in dreißig Jahren mit seiner Frau schon allerlei erlebt hatte, aber eine Partitur von Joseph Haydn in ihren Haaren noch nicht. Daß aber selbst solcher Unverstand noch einer Steigerung fähig war, mertte er am Vormittage, als er, nachdem er noch das Menuett zum Engelwirt getragen, aus der Schloßkirche heimkam Als er an der Küche vorüberging, versetzte ihn ein lieblicher Pastetengeruch in eine sanftere Stimmung. Für den Augenblick, seines Sonntagshungers wegen mit seinem Eheschicksal ausgesöhnt, stieß er die Tür auf, um zu sehen, welcher Genuß ihn erwarte Indes er, seinem Eheweib gnädig zunickend, fach- kundig die aut dem Backblech ruhende Pastete betrachtete, fiel sein Blick auf eine verdächtige Lineatur, die unter dem kulinarischen Kunstwerk hervorsah. Sich niederbeugend erkannte er Notenkäpfe von seiner eigenen Hand, und mit kräftigem Rucke das Papier unter der Pastete hervorziehend, sah er, daß es die Partitur einer Sonate war, um derentwillen sein Verleger, Herr Artaria in Wien, schon seit Wochen die Hai(erliü)e Post zwischen Wien und Eisenstadt in Atem hielt mit mahnenden Eilbriefen. Weshalb es zu verstehen war, daß jetzt Backblech und Pastete, von männlichem Zorne bewegt, durch das geöffnete Fenster in den Garten hinausflogen, wo die Hühner sie gackernd umringten. Dann stürzte er, fein keifendes Hauskreuz unsanft zur Seite schiebend, die Treppe hinunter. Dem eben heimkehrenden Diener und Vertrauten Johannes Elßler, der sich ihm begütigend entgegenstellte, rief er nur wutentbrannt zu, daß er keine Lust habe, sich mit einem solchen Drachen an den Tisch zu setzen. „Und ohne Pasteten schon gar nicht!" Am Nachmittage saß er dann übelgelaunt in seinem kleinen hölzernen, in Efeu, Flieder und Obstblüten begrabenen Gartenhäuschen in der Vor- stadt, um, wie in der Nacht die Haarwickel, nun in Gottesnamen auch diese fettgesprenkelten Notenblätter n»ch einmal zu schreiben. Eben als er zum erstenmal die Feder ins Tintenfaß tauchte, wehte der Wind über die Stadtmauer her eine ferne Musik durch bas geöffnete Fenster. Haydn erhob sich und lauschte. Seit gestern ging, weiß Gott, alles schief! Das war doch oben beim Engelwirt und sollte wohl das Menuett vorstellen, bas man heute zum Polterabenb aufführen wollte. Klang wahrhaftig so, als ob bie Musikanten bas Menuett nach den Haarpapilloten der Mabame Haybn probten unb nicht nach ben roieber säuberlich kopierten Noten, weil sie gar so saumäßig spielten. Er beschloß, vor Abenb noch selber hinüber- zugehen. Porerst aber setzte er sich, auf daß Herr Artaria in Wien sich nicht länger in Erwartung verzehre. Nach einer Stunde knarrten Schritte auf der schmalen, hölzernen Stiege, die, den Wipfel eines Apfelbaumes streifend, an der Außenseite des Häuschens aus Gartenwiese und Blumengrund in sein Tuskulum führte. Machte wohl der Elßler fein, der endlich bie Nachmittagsschokolade brachte, auf die Haydn schon mit Sehnsucht wartete, weil ihm nun doch der Magen zu knurren begann. Gerade wollte er bas zweite, kleinere, auf bie Stiege schauende Fenster öffnen, als es schon klopfte, bie Tür kreischte und die breite Gestalt des Engelwirts fast bas Zlmmerchen ausfüllte. Ehrerbietig grüßend, lachte der Wirt: „I hab' Ihnen schon daheim in der Klostergassey g'sucht, Herr von Haydn." Schon wollte der Kapellmeister antworten: „Werb mich hüten, mir ben Nachmittag auch noch versauen zu lassen von ber höllischen Bestia", als er sich gerabe noch besann, baß er bem Engelwirt gegenüber schließlich Respektsperson war. So fragte er nur, wegen ber ausgebliebenen Schokolade noch brummiger: „Ja, warum bann? — G'fallt Ihnen am Enb' 's Menuettl nit?" Der anbere wiegte entrüstet ben Kopf: „Aber, Herr von Habn! Net g'fallen? — Was Schönres tjaben’s ja no gar nie net g'fchrieben." Jebes Lob machte Haybn verlegen. Er begann in feinen Noten zu kramen. „Unb was verschafft mir sonst bie Ehr'?" „Meine Schulbigkeit komm' i halt zahlen." „Schulblgkeit? Jetzt hör Er aber auf, Engelwirt! Er braucht mir doch nichts zu zahlen. War mir doch selber die größte Freud', fürs bildsaubere Engelwirtstöchterl 's Hochzelts-Menuettl zu komponieren." Der Wirt schmunzelte: „Steht aber schon brunt, bie Bezahlung." Haybn sah auf: „Was stehl brunt?" „Das Salär fürs Menuettl ... Wenn's halt einmal ans Fenster gehen wollten, Herr Kapellmeister." Haybn stieß bas kleine Fenster auf über ber Stiege, schob ben Kopf burch bas grüne Geranke des Efeus und bas violette Blühen bes Flieders. Dann rief er belustigt: „Ieffas, ein lebendiger Ochs!" und starrte vergnügt unb verwunbert auf das mächtige Rinbvleh, bas, bie Tulpenknospen ver- suchenb, aus bem Gartenweg stanb hinter zwei Geigern, flankiert von Brummbaß unb Bratsche. „Unb der gehört mir?" „Frelli, unb recht gut schmecken soll er -Ihnen, Herr von Haydn!" „Unb wie is mit ben Musikanten, Engelwirt? Soll ich die auch auffressen? Verdient hätten's es, weil's vorhin gar so saumäßig g'spielt haben." Diese Bemerkung freute den Wirt. Sie erleichterte ihm die Bitte, bie er nun vorzubringen gebuchte. Er nickte zustimmenb: „Haben'? es a g'hört? Drum hab ich's ja glel mitbracht, bie Musikanten, weil's allein mit bem Menuettl net zurechtkommen." Aber bann stockte er boch. War vielleicht boch eine zu starke Zumutung an den berühmten Kapellmeister! Erst nach einer Welle setzte er zögernb hinzu: „Wenn's es vielleicht einmal selber btrlgteren täten, Herr von Haybn." „Hab' so schon vorg'habt, zur Generalprob' zu kommen." Der Engelwirt kratzte sich verlegen hinter bem Ohr: „Könnten's es net gleich ba dirigieren? Um Acht kommen nämlich schon die Gäst', unb jetzt is schon Sechse vorbei ..." Der erste Abendschein fiel schon auf Antlitz und Perücke Joseph Haydns, als er, den Zeigefinger als Taktstock benutzend, die Generalprobe abhielt, im Fensterrahmen stehend zwischen Apfelblüten, Efeu und Flieder. Und es ging vortrefflich. Nur als gegen Schluß ein paar falsche Takte erklangen, dachte er zuerst, daß er vielleicht einen Haarwickel, müde, wie er gegen Morgen gewesen, nicht richtig entziffert. Aber dann war es doch nur ber Tulpen fressende Ochs, der mit dem Schweif bald nach dem Cello, bald nach der Bratsche schlug, weil ihn auf bie Dauer bas Gebrumm unb Gesumm irritierte. So vergnügt war plötzlich Joseph Haybn, trotz ber Partituren In Pastete unb Haar, baß er am Abend Im Engelwirtsaal selbst sein Menuett dirigierte. Als dann die letzten Töne erklangen, er noch droben bei ben Musikanten stanb unb auf bie Tanzenben niebersah, bie, von ber Musik verzaubert, sich noch an ben Hänben hielten, streckte ihm ber Wirt bie Tatze entgegen: „Schön roar’s, Herr von Haybn — der Ochs hat sich g'lobnt ... Nur an Namen fürs Menuettl haben's vergessen." Da rief Joseph Haybn, roäfjrenb er schon lachend bie drei Stufen hinunter zum Saale schritt: „Dann nennen wir's halt bas Ochsenmenuett, dem Rindvieh zu Ehren!" Derantwortlich: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche UnlversitätSdruckerei Lange, Gießen.