Geheim Kunilienbliitier Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1939 Montag, den 16. Oktober Nummer 80 Herz, wo liegst du Lm Quartier? edanken: Wenn er alle nennt, in Der Tag, welcher kühl begann, hatte wolkenlos der Sonne geho , mit dem Abend war ein leichter Südwind glommen und zauberte einen hauch Frühling zwischen das Laub und ließ die glühenden Astern, die sich am Liebe scheint eines jener verbreiteten Geduldspiele zu sein ve, vem man dazu verdammt ist, zwei verbogene Drahtstuckchen, die miteinander verbunden sind, möglichst geheimnisvoll voneinander zu trennen und wieder Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 15. Fortsetzung. „Man wird dem Hauptmann Baernburg jedenfalls Meldung machen müssen", gab er mürrisch zu. Und hängte zwei Worte wie widerwillige Nachzügler an: „Morgen früh.. Kelling wiegte sich in feiner heiteren Melodie, das spürte der Wachtals Kelling zurückkehrte. , Er schenkte sich ein Glas Wein ein und reichte ihr em Zweites, denn Trost hatte sie nötig. r r , , „Morgen müssen Sie zurück nach Möreville', sagte Kelling so hart als möglich und wartete ihre Antwort, die auch ganz überflüssig war, nicht erst ab sondern schalt: „Glauben Sie nur nicht, daß ich aus Sympathie ober Mitleid mit Ihnen anders verfahre! Die Suppe, die man sich eingebrockt hat, muß man auch essen! Wie man sich bettet, so liegt man! Ich bin wohl zu milde und zu freundlich gewesen, als ich Sie auf der Landstraße traf, und später beim Maire von Mereville? Nun, wenn dem Esel, verzeihen Sie, zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen. Uebrigens hätte ich mir nie vorstellen können, daß Sie und dieser Laba tut — nein! Aber ich mußte es sagen, um Ihren vertrackten Schwindel aufzudecken! Ich freue mich, daß Sie auf meine Worte hereingefallen sind. es ist der einzige Beweis, daß Sie so gerissen sind, wie man nach Ihrem Verhalten eigentlich annehmen müßte. Das ist aber nicht etwa ein Verdienst, sondern Zufall", schloß er. Ann war gar nicht traurig. Sie dachte: Ach, soll er nur weiter schelten! Er war nicht sehr geschickt darin, ich hätte es merken müssen Mer wenn er noch viel schlimmere Dinge sagte, jetzt müßte ich lächeln^ Innerlich natürlich nur, denn wenn er die Freude von meinem Gesicht ablase, könnte er das Lachen wieder für Frechheit halten. Es ist schwer, mit meister. Wenn der Teufel den Verliebten den Weg bereitet, knotet er mit Vorliebe das schwarze Garn der Melancholie in die Netze, di« er spinnt. Aus solchem Netz ist ein schweres Entweichen. Es ist viel besser, der Himmel führt zwei Verliebte gleich ohne viel Fährlichkeiten unter dem vergnügten Jauchzen von Schäferschalmeien und dem lockenden Klange der unsichtbaren Pansflöten auf eine Sommerwiese, wo alles bunt und voller Blumen ist. Das waren des Wachtmeisters wägsame Gedanken: Wenn er alle Weiber wie Schuljungen in einer Klasse hätte, die Engländerin, dieses eHge Früchtchen, wäre bestimmt bei der Einteilung auf einen der n Plätze gekommen, und es war gar nicht abzumessen, welches Äohlverhalten nötig war, um aufzurücken. „Es tut mir leid, daß ich Ihnen solche Unruhe schaffe , sagte Ann, zrühling zwischen das tiauo unv lieg ine — Saun bogen, erbeben. „,, ' Am Brunnen wuschen keine bunten Weiber mehr die sichtbare und unsichtbare schmutzige Wäsche des Dorfes. Der Mond tarn hinter den Häusern herauf und verwandelte das rinnende Wasser in Silbertropfen. Aber das war natürlich ein poetischer ^uf d°n 'verlassenen Waschbrettern rings um den Brunnen saßen Ulanen, sie hatten mit ihrer Abendratwn auch Wein empfangen. Sie drückten die Empfindungen, die der Stundenfruhlmg ihnen gab. einem Mann umzugehen. Es war fürchterlich, dachte Kelling wiederurn, ichf hatte mich vielleicht besser und weniger verlogen benehmen sollen. Allein ich habe keine Uebung, Geständnisse zu erzwingen, ich war em sanfterInquisitor unv ich fürchte, ich bin verliebt. Wenn das aber bte Liebe ist, l° Sacht ste offenbar jener Kirchweih- und Schützenfestbude, die man Irrgarten ' dem hundert Spiegel Wege vortauschen, die nicht da sind. Die nt eines jener verbreiteten Geduldspiele zu sein, bet dem man durch ein Lied aus, das allerdings mit ihren Gefühlen, die dem Wein galten, nichts zu tun hatte. Das ist nichts Absonderliches. Die Menschen sagen in ihren seligsten Stunden meist etwas ganz anderes als sie meinen. Sie fangen: ,Lebwohl, mein Schatz, Schließ zu die Türe, Heut reiten wir, Verlassen die Quartiere, Noch einen Kuß, Den schenkst du mir, Den letzten Kuß in dem Quartier! Ich denk an dich, Du schönes Mädchen, War keine so Im alten Giebelstädtchen, Und reit ich fort, Träum ich von dir: Qh, Herz wo liegst du. im Quartier? Ann blickte nachdenklich auf den Lichtkranz. Genau so allmählich wie die Kerzen war ihr Wagemut heruntergebrannt. Die Liebe gleicht Krankheiten, von denen man sagt, daß sie „im Anzuge" seien. Verwandte und Freunde versuchen vorbeugende Mittel und erreichen, daß die Krankheit und die Liebe um so gewisser aus- brechen.. Stumpfe, schwebende und unsichtbare Gefühle wisperten wie Kobolde um Kelling und zeigten ihr Gesicht nicht. Verliebtheit kann sehr unbehaglich sein. '„Kann ich jetzt wieder in mein Zimmer eingeschlossen werden?" fragte Ann Moreland demütig. Aber Kelling fühlte, daß ein fünftes Gewitter im Raume schwebte, und er machte einen Versuch, es zur Entladung zu bringen. ,Lch sagte vorhin, daß ich mich in Sie verliebt hatte damals in Mereville", bemerkte er. „Qh, ich habe es nicht gehört", log sie freundlich. ,Lch wollte damit nur sagen", betonte er unwillig, „daß es jetzt wiederum kein Unrecht mehr fein kann." Sie erwiderte nichts, aber ihre Augenlider zitterten. Und ihr Mund war sehr weich und lächelte zaghaft. Sie hatte sich während ihres allerdings nicht allzu langen Lebens den Augenblick des ersten Kusses vorgestellt, und zwar so oft und verschieden, daß dieser Augenblick ein vollkommen verschwommenes Bild in ihrer Phantasie ergab. Doch schien, wenn nicht alles täuschte, die Wirklichkeit gekommen. „Nein", sagte Ann. Sie wußte zwar nicht, weshalb sie „Nein" sagte, wahrscheinlich ging alles viel zu schnell. Aber ihre Stimme war wie ein kleiner Vogel, der.in ein Zimmer geraten ist und vergeblich gegen die Scheiben fliegt. Sie hatte später an diesen ersten Kuß keine rechte Erinnerung mehr. Ganz im Gegensatz zll der Vorstellung, die sie sich davon gemacht hatte, stürzte weder der Himmel ein noch schwanden ihr die Sinne, nur ihr Herz klopfte etwas schneller, das war alles. „So laß mich dir Zum Angedenken Mit diesem Kuß Ein letztes Wunder schenken! Du nimmst mein Herz In dein Quartier: Dann bin ich immerdar bei dir!" Aber das Lied, das die Ulanen fangen, war plötzlich aller Worte bar, es kam wie aus weiter Ferne und glich dem Summen von Millionen Flügeln unsichtbarer Infekten: Libellen, Käfer und nächtlicher Schmetterlinge. . Nun aber unternahm Ann Moreland das Wagnis, den Kuß zuruckzugeben. Und bann traten Kuß und Lied in einen Wettbewerb. Es war ungewiß, wer aus solchem Streit als Sieger hervorging: war das Lied vor dem Kuß zu Ende oder umgekehrt. „Wo mag er sein? Brauchst nicht zu fragen! Hörst ja mein Herz In deinem Herzen schlagen, Und jeder Schlag Erklingt von mir: Dein Herz ist ewig mein Quartier!" Liedes fordert. * Aber bevor sich die Ewigkeit zwischen den Liebenden festsehke, meldete sich bei Kelling das Gewissen und trennte die Lippen der Liebenden. „Teufel, was tu ich! Bevor du nicht reingewaschen bist wie ein Säugling, bist du eine Gesungene oder Ausgewiesene, jedenfalls — kreuzdonnerwetter, ich darf dich nicht lieben!" Der Premierleutnant Kelling fluchte. Es war Del, das er auf die Wogen feiner Liebe goh. Man soll das Fluchen nicht schlechtweg verdammen, sondern es in Arten austeilen. Es ist ein Unterschied, ob man aus Bosheit slucht oder aus Verlegenheit, ob man das wenig empfehlenswerte „Gottverdammich" an sich selbst richtet oder ob man die Fluchpfeile gegen eine bestimmte Person abschießt. Auch die Wirkung wäre bei philosophischer Betrachtung der Fluche zu bedenken: es hat schon Leute gegeben, die ein auf sie bezogenes „Du verfluchter Hund" als eine Anerkennung aufgefaßt haben. „Wenn ich", grübelte Kelling. laut, „statt dich zu Baernburg zuvück- zuschicken, selbst nach Mereville 'reite und versuche, die Sache in Ordnung zu bringen, so muh ich dich doch von Krätke einschliehen lassen!" Sie lächelte und legte die Hand auf sein Herz: „Mehr einschliehen, als du mich jetzt eingeschlossen hast, kannst du mich gar nicht." „Schlimmstenfalls habe ich beim Oberkommando einen entfernten Verwandten, den General von Marbitz, dem trage ich die Geschichte vor", tröstete er. Ann wurde auf einmal ernst und nachdenklich. Sie hatte Kelling immer noch etwas sagen wollen, das ihr sehr wichtig schien. Doch ihr Herz sträubte sich, die Stunde dadurch zu vergrämen, daß sie noch einmal von Mereville anfing. Er spürte ihre Gedanken und fragte sie: „Was hast du?" ,Zch sag s, bevor du nach Mereville reitest, morgen!" Morgen. Er war es zufrieden. Noch einmal kam Gesang vom Brunnen her, dann entfernte er sich, denn die Ulanen hatten beschlossen, dem Mond noch ein Ständchen zu bringen. So zogen sie durchs Dorf, heiter und mit der Stunde auf du und du, Männer, die auch dem Tode so tief ins Gesicht schauen können wie der Freude, wenn das Leben gewaltsam und ernst die Tat statt des Der Hauptmann Baernburg überantwortet sich nach der Verhaftung der Griselle und der beiden Männer einer verbissenen Tätigkeit. Er schickt eine Ordonnanz nach Beauvillers, um dort zu erfahren, ob und wo die Feldpost die Ausgewiesene abgesetzt hat. Noch bevor die Ordonnanz aber mit der erwarteten Nachricht zurück ist, erhält Baernburg durch Meldereiter zwei Besetzte. Der erste lautet, daß die Kompanie Mereville mit Blisseron als Standquartier zu vertauschen habe, um dort das Detachement Ulanen abzulösen, das zum Regiment zurückbesohlen ist. Der andere Befehl aber, der vom Armeeoberkommando kommt und offenbar allen Dienststellen des Besatzungsbereichs in gleichem Wortlaut zugegangen ist, besagt, daß eine gewisse Ann Moreland, falls sie irgendwo auftaucht, festzuyalten und unter Beobachtung aller Aufmerksamkeit auf dem kürzesten Wege dem Oberkommando zuzuführen sei. Der Befehl, das erkennt Baernburg sogleich, ist herausgegangen, bevor sein Bericht über Ann Moreland, der den Dienstweg über Bataillon, Regiment und Division macht, dem Oberkommando vorgelegen hat. Was also sagen die schön gemalten Buchstaben? Daß die vermeintliche Ann Moreland eine Spionin ist! Und er, Hauptmann Baernburg, hat diese Person entfliehen lafsen! Ob Labatut, die Griselle, der Poiporence mit ihr unter einer Decke stecken, läßt sich zwar noch nicht beweisen, aber es ist durchaus nicht allzu kühn, es anzunehmen. Inzwischen kommt die Ordonnanz aus Beauvillers mit der Meldung zurück, daß die Ausgewiesene in Blisseron abgesetzt und dort dem Premierleutnant Kelling übergeben sei. Baernburg läßt Alarm blasen. Blisseron ist das Ziel der Kompanie, in Blisseron ist aber auch die letzte Spur der Entwichenen, hier setzt also das Glück ein leichtes Lächeln auf: es ist zu hoffen, daß solches Zufammentrefsen die Jagd nach der Spionin leichter macht. Eine halbe Stunde später marschiert die Kompanie. Baernburg wünscht jedem seiner Leute Flügel an die Füße, doch wagt er nicht, allein voraufzueilen. Denn wer weiß? Will's der Teufel, sind die drei Sünder, Griselle, Poiporence und Labatut auf dem rasch requirierten Leiterwagen am Ende noch gefährlicher als Ann Moreland. Baernburg hofft, daß er bald aus dem Trio ein Quartett machen kann. — Dann wird er Ann Moreland zum Oberkommando schicken und die drei Gestalten auf dem Leiterwagen als Dreingabe mit. Der Maire ist in einer fürchterlichen Stimmung. Er darf sich völlig schuldlos fühlen, denn er ist es. Nicht der Krieg hat ihn in Gefangenschaft gebracht, sondern die Liebe, di« sich in einen Spott verwandelt hat Poiporence scheint sehr gleichmütig, es gefällt ihm, gefahren zu werden. Nur manchmal, wenn der Wagen sehr holpert, greift er nach seinem Schädel, der bei ftdem Stoß schmerzt. Denn er hat einen Kater, so faul und stark, wie er selbst ist. Der Griselle ist alles gleich. Sie döst stumpf vor sich hin. Sie hat eine Wut aus Poiporence, aber da sie ihn liebt, unterdrückt sie ihren Zorn und beginnt, Labatut zu hassen. Das geschieht aber nur so zur Ablenkung, denn der Maire ist an ihrem Unglück unschuldig. Doch ihr gefällt es, sein wehleidiges Gesicht zu verachten. Baernburg läßt ein paarmal den Weg abschneiden und gewinnt so eine Stunde Zeit. Kurz vor Blisseron kommt ihm Kelling in Begleitung von zwei Ulanen entgegen. Sie begrüßen einander. „Ich wußte, daß Sie anrücken, um uns abzulösen, wir müssen zur Schwadron, das Regiment geht vom Hauptquartier an die Front, wir haben schon Desehst', beginn! KeMng lebhaft, aber das letzte Wort erstirbt. Denn jetzt sieht er, daß in dem Leiterwagen, den die Kompanie in die Mitte genommen hat, Menschen sitzen. Herr Labatut blickt den Premierleutnant an wie eine Ruine, die bedauert, kein Schloß mehr zu sein. „Das ist doch der Maire von Mereville?" fragt Kelling verwundert. „Und das Weib ist die Griselle, von ihrem Geliebten, einem franzö- ischen Trainsoldaten, gar nicht zu reden! Ein Wespenschwarm, wie er leihender nicht gedacht werden kann! Und wo ist die Frau, die mit der Feldpost kam?" fragt Baernburg. Kelling sieht, daß die gewollte Verwechslung bereits entdeckt ist: „Bei mir in Blisseron!" „Dann haben wir alle!" lacht Baernburg befreit. Der Hauptmann, onst voll Strenge und Haltung, strömt eine ausgelassene Freude aus. Kelling gibt in Baemburgs Dankbarkeit hinein zu verstehen, daß er ihm eigentlich wegen dieser Moreland entgegengeritten sei. „Im Grunde ist es ein kindischer Streich, Herr Hauptmann! Bedenken Sie: eine neutrale Ausländerin, die unsere harten Kriegsgesetze bei ihrer Jugend und ihrer englischen Erziehungsart nicht begreift. Wir sollten versuchen, diesen Tausch nicht allzu ernst zu nehmen!" Aber Kelling muß immer stockender sprechen. Irgend etwas legt sich auf seinen Eifer und würgt ihn ab. Der Blick Baemburgs ist von so abgrundtiefer Verwunderung erfüllt, daß er den Premierleutnant ganz verwirrt. ~ „Herr Premierleutnant! Ist diese Ann Moreland bei Ihnen? Sie haben Sie ganz fest?" - „Ganz fest werde ich sie halten, wenn die dumme Geschichte beigelegt ist!" Der andere scheint eine Statue, marmorkalt, er fragt aber nur: „Wie darf ich das verstehen?" „Ich liebe Ann Moreland", sagt Kelling versonnen. „Es wird vielleicht noch einen Kampf mit dem Vater in England geben", er schnippt eine Gebärde in die Lust, die Verachtung vor allen Schwierigkeiten ausdrückt, „aber eine richtige Liebe muh immer erst kämpfen!" Endlich findet Baernburg Worte: „Herr Premierleutnant! Dienstlich^ Die Person ist eine vom Oberkommando verzweifelt gesuchte Spionin!" Baernburg schreit laut, so groß ist sein Schreck. „Sie können von Glück sagen, daß ich gekommen bin!" „Spionin?" Kelling möchte lachen: „Das ist ein Irrtum, Herr Hauptmann!" Seine Sicherheit schwimmt obenauf, ein Korkschiffchen auf künstlich aufgeblähten Wellen. „Ihr Irrtum!" sagt Baernburg kalt. Es ist eine Wand zwischen beiden. Vor der Posthalterei läßt Baernburg rühren. Die beiden gehen ins Haus. Der Kerzenkranz steht als trüber Rest auf dem Tisch, er erinnert mit seinen halb umtropften Stümpfen an den leuchtenden Abend. „Wie sind Sie darauf gekommen, daß die Person mit dem Ausweis nicht übereinstimmt?" „Ich hatte sie auf der Landstraße getroffen und nach Mereville zurückgebracht. Sie gab sich als Engländerin aus. Und der Maire und der Stationsvorsteher bezeugten es. Das war ein Widerspruch zu dem Ausweis s" „Da muhte sie ihre alte Rolle weiterspielen, natürlich", sinnt Baernburg. Der Premierleutnant befiehlt Krätke, Ann Moreland zu holen. „Hier ist der Befehl des OberkommandosI" sagt Baernburg. Kelling hat ihn nicht bekommen, wahrscheinlich, weil der Etappendienst der Ulanen beendet ist. Er wagt einzuwerfen, daß dieser Befehl keineswegs den einzigen Schluß zulaffe, die Moreland fei eine Spionin. Baernburg fragt verwundert, welcher andere Schluß möglich fei? Gewiß, der Befehl scheine etwas verhalten gegeben, das habe vielleicht seinen Grund, aber wie man an dem Beisatz „unter Beobachtung aller Aufmerksamkeit dem Oberkommando zuzusllhren" zweifeln könne, verstehe er nicht. Kelling fühlt, daß dieser Befehl ein Strick ist, der ihn fesselt, so daß er sich nicht rühren kann. Ja, ein Strick liegt um seine Tatkraft, sein Denken, die Freude, der er sich gestern hingab, hängt heute schon am Galgen. Als Krätke Ann bringt, wagt er kaum, sie anzusehen. „Sie sind mit dem Ausweis der Griselle geflohen?" fragt Baernburg barsch. „Ja", sagt sie und sucht Kellings Augen. Die versuchen wegzublicken, aber sie können es nicht. „Warum?" hämmert Baernburg. „Ich wollte nach Calais, das wissen Sie ja!" „Weil dort Ihr Spionagebüro ist?" Ann schweigt. Sie hört zwar die Worte, aber ersaßt ihre Bedeutung nicht sogleich. Sie wendet sich zu Kelling und will antworten. Aber Baernburg bedeutet ihr streng, daß er und nicht der Premierleutnant es fei, der sie vernehme. „Mein Gott, für was halten Sie mich?" „So haben Sie ja schon einmal gefragt. Sie entgingen damals einer Verhaftung nur durch die Bürgschaft des Maire!" Er wendet sich an Kelling: „Sie sehen, wie artig ich die Dame behandelt habe. Ich gab ihr trotz meines Verdachtes nur Hausarrest!" „Das wußte ich nicht", sagt Kelling. „Es war das, was ich gestern abend sagen wollte", druckst Ann. „Und warum hat es die Dame nicht gesagt? Warum nicht heute, Herr Premierleutnant?" forscht Baernburg, der fühlt, daß er dem Kameraden einen Wahn zertrümmern muß. Ann aber läßt die heiterste Erklärung hören: „Heute habe ich verschlafen." Und mit stiller Ueberlegenheit fragt Sie: „Sie wissen doch ganz genau, daß ich keine Spionin bin! Wie wollen Sie das beweisen?' „Wie wollen Sie uns beweisen, daß Sie keine sind?" (Fortsetzung folgt.) Trübes Wetter. Von Gottfried Keller. Cs ist ein stiller Regentag, So weich, so ernst, und doch so klar, Wo durch den Dämmer brechen mag Die Sonne weiß und sonderbar. Ein wunderliches Zwielicht spielt Beschaulich über Berg und Tal; Natur, halb warm und halb verkühlt, Sie lächelt noch und weint zumal. Die Hoffnung, das Verlorensein Sind gleicher Stärke in mir wach; Die Lebenslust, die Todespein, Sie ziehn auf meinem Herzen Schach. Ich aber, mein bewußtes Ich, Beschau das Spiel in stiller Ruh, Und meine Seele rüstet sich Zum Kampfe mit dem Schicksal zu. Wenn es Abend wird. Von Hermann Hesse. [ h ist dunkel geworden und die Gasse vor meinen Fenstern ist schon til einer Stunde totenstill, nur der hohe Brunnen träumt und redet" bmmibet weiter. Die verhängte Messinglampe beleuchtet die alte Wohn- W! mit ihren matten Holzwänden, Me schmale Wandbank, den starken Modisch, die bleichen Holzschnitte an der Wand. Und hinträumend ge° ich die Ruhe meines Hauses und meiner Stube, die Stille und Welt- fcnt, die mir niemand stört. Unnötiges Reden lieben wir am Abend litii; es ist so schön und wunderlich, der Stille zuzuhören und zu lauschen. «t die Erde einschläft, wie der letzte späte Eimer am Brunnen klirrt O jenseits über dem See der letzte ferne Eisenbahnzug leise pfeift und iterl und verschwindet. ' Gin Buch liegt auf dem Tisch, vielleicht werde ich später darin lesen. !r it ein großer Ouartband aus dem vorigen Jahrhundert, eine lieber« itu g des Offian. Daneben stehen mein Glas und ein Krug Meersburger, R’i der besten oberrheinischen Weine. Von den zwei Krügen, die ich ilate, faßt der kleine knapp ein halbes Literchen, aber ich nahm heute -e; geschieht selten — den größeren, weil mir sonderbar wohl zumute lot, und weil mir heute, nach einem arbeitsreichen und zufriedenen «oz ein friedvoll schöner Abend zu blühen schien. Während ich nach- lei.llid) den Becher leere, beginnt in der kleinen Nebenstube meine Frau m Klavier zu spielen. Sie hat den großen Krug gesehen und meine (fcitmung erraten. Sie spielt kleine verwehende Stücke von Schumann. Üf leinen leisbegleitenden Töne kommen zusammen mit dem schwachen Riten Kerzenlicht durch die weit offene Tür herein, lieber der Tür ui lern altmodischen schmalen Gesims stehen, einander zugewandt, zwei it.i ie Kuckucke, Männchen und Weibchen, Schwarzwälder Bauernkunst. roerfen zwei wahnsinnig verlängerte, fidel-groteske Schatten an die Ir. Und wie immer, wenn ich abends müde bin und Musik höre, ich alle diese kleinen Dinge verwandelt und ferner gerückt, und zu- Ik«i> geht mein Sinn ungeheißen rückwärts und sucht Pfade der Der- ! IpPnheit, Erinnerungen steigen aus den Tönen, aus dem Campen« ' Ipir, aus dem Becher, aus der sacht wölkenden Pfeife, Erinnerungen in IpSKn, sanften Reigen; es kommt eine der närrischen Stunden, in denen 11 W tasten und nichts tun, während doch die Phantasie, das Gedächtnis, Sehnsucht und hundert feine, tätige Nerven arbeiten und schaffen und 1‘ Ipern. Selbstverständliches wird rätselhaft und unerklärlich. Gelesenes 1 R Erlebtes, Erlebtes wird Geträumtes, Vergessenes wird gegenwärtig, 4 preidjtes wird wieder zum Wunsch. Ferne vor Jahren gelebte, seit fcn vergessene Tage und Stunden sind so gegenwärtig und tatsächlich 6 p Tisch und Zimmer, wie meine eigene Hand, während das eben n !Hidte Bild, der eben gehörte Ton, die eben gemachte Gebärde träum« 1 pi und zu alten, alten Erinnerungen werden. Wt, das ist nicht Schumann mehr! Was ist es doch? Ja, Cyopinl ) Ißtpin! Diese Musik voll Heimweh, Sehnsucht und Erinnerung. II Es ist schön, es ist schmeichelnd und wohlig, an seinem sicheren Tisch t ifiiljen, ein sicheres Dach über sich, einen zuverlässigen Wein in der eine wohlgefüllte große Lampe brennend, und nebenan bei ofse- '’nSür eine Frau am Klavier, Chopin-Stücke und Kerzenlicht... Plötz- W steigt mir wie eine Seifenblase die Frage auf: Bist du eigentlich Mich? ij IlK natürlich. Aber warte noch — nein, so eigentlich glücklich - nein, v IN ich muß mich erst besinnen. Und wie ich mich besinne, fällt mir ein, i, nan nicht vom Glück reden soll. Glück ist ja nichts, ein Wort, ein Jpjn; es kommt auf anderes an. Indem ich nachdenke, verwandelt sich Ipcoze. Ich möchte nun auf einmal wissen, wann mein srohester Tag, 1 seligste Stunde war. . « Bl Dein srohester Tag! Ich muß lachen. In meiner Erinnerung, da wo d [jrWten, reinen köstlichen Augenblicke ausgeschrieben sind, steht einer dem andern, zehn und hundert und viel mehr als hundert, und Hrt ist fehlerlos, mit ungetrübter Luft erfüllt, und einer ist so schon l'r Nr andere und keiner gleicht dem andern. Da ist em Tag, vor (, yrp im Hochgebirge verbracht, auf einer hohen Alp, zwischen Enzianen r E vetternden Ziegen und Geißbubenjodel, ein feuchter blanker Himmel ^er und in der Nähe das Rufen eines weißen Wasserfalles Dann , ijr„®lorgenftunbe noch vor (Sonnenaufgang auf einer Dliespräch mit einem verirrten Landstreicher, voll von Morgenkuhle, Erichs, Erwartung und Humor. Und eine andere Morgenstunde auf 'U^wabischen Alb, da saß ich im schüttelnden Postwagen und vorn uns goß der Regen herunter, und mir gegenüber eine kleine Sechzehnjährige, halb froh, halb ängstlich mit dem Unbekannken plaudernd, dann zuversichtlicher und schließlich fröhlich und ausgelassen wie ein Bub. Aber wie kann ich den Abend vergessen, den warmen Juniabend am See, auf der dunklen Bank! Und unser langsames Gespräch, alle paar Minuten ein Wort, und unfern ersten Kuß! Oder die wunderbare Märchennacht, als ich zum ersten Male, das Herz selig bedrückt von der Erfüllung jahrelanger Jugendsehnsucht, durch die Gassen von Florenz lief, und über den Ponte und wieder durch die alten Winkel auf die Piazza vor den schweigenden, kühnen, himmelhohen Turm! Oh, und der erste Anblick des Meeres — der Vormittag, da ich über Genua auf den Hügeln schweifte und unten schrie im Sturm das blaue und weiße Meer an den steilen Felsen empor! Auch jene Mittagsstunde darf ich nicht vergessen, die ich im Hofe eines südlichen Klosters auf dem herrlich glühenden Pflaster verschlief, und wie der Pförtner mich tadelnd weckte, und wie wir Freunde wurden und einen ergiebigen Gang in die kalten, massiv gewölbten, mächtigen Keller unternahmen. Auch nicht den schwülen Hochsommer-Mittag, da ich bei Rheinfelden mich seufzend entkleidete und an still brütenden Wäldern vorbei unter einem stählernen Gewitterhimmel aufatmend rücklings den Rhein hinabschwamm. Ich finde kein Ende. Wie viel Sonnen haben mich verbrannt. Wie viele Flüsse und Ströme mich gekühlt, wie viel Wege mich getragen und Bäche mich begleitet! Wie viel Blicke in blaue Himmel und in unermeßlich lebendige, liebe Menschenaugen habe ich getan, wie viel*Tiere lieb gehabt und an mich gelockt! Von diesen Augenblicken ist keiner schöner als der andere. Auch dieser gegenwärtige, da ich den Becher langsam leere, der Musik lausche, und liebe Erinnerungen hege, auch dieser gegenwärtige Augenblick ist keiner von den schlechten. O nein, und ich träume weiter. Und steh, andere Bilder steigen aus dem Meer des Erlebten — Stunden des Leides, Tage der Trauer, der Scham, der Reue, Augenblicke des Erliegens, der Todesnähe, des Grauens. Ich sehe den Tag wieder, da meine erste, unvergessene Liebe betrogen ward und unter Qualen starb. Den Tag, da ein Bott kam und grüßte und Geld heischte und die Botschaft da ließ, daß fern in der Heimat meine Mutter gestorben war. Die Nacht, da mich mein Jugendfreund im Rausch beschimpfte. Die Tage, da ich nicht wußte, woher die Pfennige zu einem Brot nehmen, während meine Mappe von Gedichten und leidenschaftlichen Artikeln Überquoll. Die vielen, vielen Stunden, da ich liebe Freunde leiden und verzweifeln sah und daneben stand und litt, und nicht helfen, nicht trösten, nicht lindern konnte. Und die Augenblicke, in denen ich vor Leuten stand, die reich waren und Macht über mich hatten und ihre geringschätzigen Worte hörte und meine im Krampf geballte Faust verberg -n mußte. Die Gesellschaft, in der ich die Hand beständig auf die schmählich geflickte Stelle meines letzten Rockes legte. Alle die Nächte, in denen ich schlaflos lag und nicht wußte, wozu ich dies Leben weiterführe. Und alle die Nächte, die ich am Wirts- haustisch mitlachie und Possen riß, und lustig tat, während mir innen elend und traurig zumute war. Auch die Zeiten hoffnungsloser Liebe, die Zeiten der Glaubenslosigkeit und Selbstoerhöhnung, wenn wieder ein begonnenes Werk mißglückt, ein Ideal verloren, ein Versuch fehl- geschlagen war. Auch hier kein Ende! Aber welche von diesen Stunden möchte ich hergeben, welche ausftreidjen und vergessen? Keine, keine einzige; auch die bitterste nicht. Lieber noch einen von den frohen Tagen; es sind ohnehin, wenn ich nachrechnen will, viel mehr als böse. Die Musik hat aufgehört, die Kerzen im Nebenzimmer sind verlöscht. Meine Frau kommt heraus, schaut in meinen Weinkrug und lacht: Du bleibst noch auf? Ja, ich will noch lesen: Ossian. Sie geht, aber ich lese keinen Ossian. Ich sitze still und fühle die Minuten entgleiten. Ich überschaue träumend die hundert Erinnerungen, die in dieser Stunde mich besucht haben. So viele Tage, so viel Abende, so viel Stunden, so viel Nächte — und alles zusammen ist noch lange fein Viertel meines Lebens. Wo sind die andern? Wo sind die tausend Tage, die tausend Abende, die Millionen Augenblicke, an die mich nichts mehr mahnt, die nimmer auswachen und mich ansehen können? Vorbei, dahin, unwiderbringlich vorüber! Und dieser Abend? Wo wird er bleiben? Wird er irgend einmal wieder erwachen und mir gegenwärtig fein und mich laut und sehnlich an ein vergangenes Damals mahnen? Ich glaube nicht, ich glaube, er wird morgen oder übermorgen vergangen und tot fein und nie wiederkommen. Und wenn ich heute nicht gearbeitet und mich gemüht hätte und ein kleines, kleines Stuck vorwärts gekommen wäre, so sänke morgen oder übermorgen dieser ganze Tag, dies gegenwärtige Heute, unrettbar ins Bodenlose, zu den vielen begrabenen Tagen, von denen ich nichts mehr weiß. Freilich wäre es ungerecht, in einem Menschenleben nur die unvergessenen Tage zu zählen. Das stille Wachsen, das unbewußte Reisen, ebenso wie die unansehnlichen Stunden bescheidener, langsam fortschreitender Arbeit sinken unvermerkt und unbeklagt hinunter, und wo später unser Gedächtnis nur eine Reihe blasser, irgendwie vergangener, wertlos gewordener Wochen und Monate sieht, da war vielleicht die Zeit der (Empfängnis und Vorbereitung für unverlierbare Lebensgüter. Aber ohne Höhepunkt und ohne unauslöschlich sich eingrabende Momente wäre doch das Leben mir undenkbar. Schon jetzt weiß ich für ruhige Feierabend« nichts Edleres und Wohltuenderes, als ein ftummes Gespräch mit den Schatten aller jener Augenblicke, die, in Wohlsein oder Schmerz das alltägliche Maß überschreitend, sich als reife Früchte lösten und nun zeitlos und immer gegenwärtig meine Schätze und meine Freunde sind. Wie erst, wenn ich alt sein werde? Woher anders kann jenes milde, leis wärmende Glück eines schönen Alfers kommen, als von einem randvoll gefüllten Gedächtnis solcher Momente? Wem es nicht gegeben ist, mit der großen einseitigen Leidenschaft eines vom Dämon berührten Schicksals blind und glühend durch ein nie rastendes Leben zu stürmen, der tut wohl daran, sich zeitig in der Kunst der Erinnerung, vielleicht der ersten aller Künste, zu üben. Die Kraft bes Genießens und die des Erinnerns find eine von der andern abhängig. Genießen heißt, einer Frucht ohne Rest eine Süßigkeit entpreffen. Und litte E DKW.?!" — Jawoll, das wollen wir. Nil Mtraf utet „Legion Condor . Vorher, bevor müssen Lilla Löß ynt> ich aber noch S nett man in dem so klein aussehenden DKW.-Wagen schlafen kann, wi man die Füße in den Kofferraum steckt und sich die Rückenlehne tir Sitzkissen so richtig zurcchtlegt. mletz Un lichen Wir haben uns aber wiedergefunden — wenn auch erst om nötf "Kj Tag, wir sind auch zusammen wieder nach Hause gefahren, glatt » ’N 6ii N i Nt Verantwortlich: Or. Fr. W. Lange. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gieß^" löcher, Bodenwellen und tiefe Mulden, die auf den Straßen von 9 schoheinschlägen herrührten, das ganze Fahrgestell des kleinen DA zum Teufel gehen würde. — Aber Lilla Löß hielt, brummte und schnrn wacker dahin, machte elegante Schlenker, wenn andere sie rammen i* ten, war Tag und Nacht unterwegs und erhörte gnädig meine inständss Bitten doch nicht schlapp zu machen. — Tagsüber brauste das kleine Sil durch sengende Hitze, nachts stand es oft in eisiger Kälte, denn in i* Bergen fror es nachts noch, während unten bereits die Sommers« tagsüber heiß brütete. — Eine Garage hat Lilla Löß in diesen natürlich niemals zu sehen bekommen. Ich selbst konnte manchmal lt sein, wenn ich so etwas als-Unterkunft fand. — In Toledo zum BeW da war jedes Fleckchen mit Soldaten belegt und ich pries mich gW in einer Herberge untergekommen zu fein, um die man in frieW Zeiten wohl einen weiten Bogen gemacht hätte. Ich hatte ein Zim« dessen Fenster von einem Geschoheinschlag so weit vergrößert wa^ war, daß man ein Klavier hätte hindurch buxieren können. Mt " lagen in diesem „schicken" Hotel, in dem man die wackligen Treppen «■ mit Gefahr heraufklettern konnte, noch einige Marokkaner und ein I!« zweifelhafte „Damen". — Lilla Löß aber stand auf dem Marktplatz, den Ruinen des Alkazar, während ein paar Kilometer weiter, am ® des Tajo, die nationalen Granaten bei der Schlußoffenfive auf die reif Stellungen herunterprasselten. — xag, wir pno aucy zusammen roieoer naaj jjauje geiuyicn, ohne jede Schwierigkeit. Stolz trug Lilla Löß am Armaturenbrett va das Zeichen der spanischen Falange als Erinnerung an die ersten ihres jungen Daseins, die sie gleich mitten im Bor ein paar Tagen aber ist uns das Zeichen in Berlin gestohlen und wir trauern darum. — Weiter aber sind wir gemeinsam umerm^ mein kleines Kriegspferd und ich und inzwischen haben wir vc^ 25 000 Kilometer auf dem Kilometerzähler, das ist für 6 Monate iS gut. — 8000 Kilometer davon aber kommen auf Konto Spanien. tri o. I ft«: , t/UI ‘•ISDOll fiien, 'Nen I, Set !N iil .„Sell ■«ittto »w «iiiler .. »Ur in Reims, der Kilometerzähler übersprang die 1200-Grenze. — Wir konnten schon etwas mit dem Tempo zulegen. In Frankreich gab es schon den ersten Spargel und bei Bordeaux konnte man schon das Verdeck herunterklappen — zum ersten Mal, seitdem Lilla Löß und ich zusammengehörten. Warme Sonne — dann blaue Meeresküste, herrliche Straße durch den Süden Frankreichs durch die zauberhaften kleinen Badeorte dort unten in der Ecke, durch Biarritz, entlang, dicht entlang an der Meeresküste. Dann Hendaye. — Grenze. Zwischen Hendaye und Jrun spannt sich die Internationale Brücke. Auf der einen Seite sonniges Frankreich — auf der anderen Spanien, wo noch der Krieg herrscht. Französischer Abschiedsstempel in den Paß, bann rollen wir über die Brücke. — Drüben kriegserprobte Soldaten als Grenzwache. Sie tragen schußbereite Karabiner unterm Arm, malerisch dient ihnen die Felddecke als Umhang, verwegen sehen sie aus — alles hier wirkt etwas abenteuerlich. — Papiere heraus. Zu diesem Zeitpunkt ist es nicht seicht nach Spanien hineinzukommen. Man muß einen ganzen Sack voller Ausweise haben. Bis nach San Sebastian müssen wir drei Mal an Posten der Gardia Zivil stoppen, die hier Wache auf den Landstraßen halten. — Ausweise raus, Hinweis auf das Wagenschild, weiter. Wenn man nicht stoppt, schießt der Posten sofort. Die Straßen sind von San Sebastian nach Burgos tadellos. — Breite Fahrbahn, glatte Oberfläche, wenn es auch ein paar Kurven gibt, fo kann man ganz ordentlich loszwitschern. Lilla Löß hat inzwischen die ersten 2000 Kilometer auf dem Buckel, und wir beide drehen nun langsam zusammen aus. — Abends sind wir in Burgos. — Biele Autos stehen vor dem Hotel „Eondestables", dem ersten Haus am Platze. Autos, die vom Krieg gezeichnet sind, mit Beulen und dreckbespritzt, stehen neben eleganten Diplomaten-Wagen. — Der blanke Lack von Lilla Löß ist inzwischen auch unter einer dicken Staub- und Schmutzschicht verborgen, sie paßt also schon ganz gut zu den Kriegsautos. — Nur die deutsche „IA" — Nummer unterscheidet sie von den andern. Im übrigen ist der kleine DKW. als deutsches Auto hier gar nicht einsam. — Es hat in Spanien schon immer viele deutsche Wagen gegeben, jetzt aber sieht man in Burgos auch solche mit dem Zeichen „L C" auf dem Nummernschild und das bedeutet „Legion Condor". Vorher, bevor wir im „Eondestables ' einziehen, müssen Lilla Löß und ich aber noch Besuch im Innenministerium machen, wir parken vor der stummen Wache mit den Dreispitzen, die hier steht, ich melde mich an und hole mir eine Zimmeranweisung für bas Eondestables. — Dann hinein in die moderne Halle des großen Hotels. Sie ist dicht gefüllt mit Menschen, hohe Offiziere des Franco-Hauptquartiers sitzen hier neben Diplomaten, Führern der Falange, Männern der nationalen Regierung, eleganten Frauen, internationalen Presseleuten. Stimmengewirr und buntes Durcheinander der Sprachen. Man hat hier in diesem Hotel ein Zimmer mit Bad — eine im Krieg immerhin seltene und köstliche Sache, man ißt von weißgedeckten Tischen, wenn auch das Essen einfach ist und das Frühstück zum Beispiel nur aus einem Ersatzkasf.ee und einem trockenen Brötchen besteht. — Aber das ist im Krieg nun mal nicht anders. — Lilla Löß und ich, wir müßen uns ohnehin bald an ganz andere Quartiere gewöhnen. — Einen Tag später zum Beispiel sind wir in Avila, wo zu diesem Zeitpunkt der Gefechtsstab der Legion Condor liegt. Tausendjährige Mauern umzingeln diese alte Stadt in den Ausläufern der Sierra de Credos. In den Straßen wimmelt es von Militär, schlafen geht, von Berlin bis nach Kaiserslautern kommen. — Dort Kundendienst, der letzte innerhalb der deutschen Grxnzen, und dann fragten die Zollbeamten mit einem etwas schiefen Blick auf Lilla Lötz und mich: „Nach Spanien wollen Sie, ins Kriegsgebiet, mit dem kleinen — Am Abend waren wir bereits Marokkaner, Falangisten, ItaNener sieht man und dazwischen die schtz» A ten Felduniformen deutscher Soldaten von der Legion Eonvor. vii a y|| 1 j schlängelt sich durch die schmalen Gassen hindurch — wir hupen lest II quetschen uns vorbei an andern Autos, schieben uns durch Solbite» i kolonnen durch und halten schließlich dort wo ein deutscher Posten, d» II Gesechtsstab der Legion Condor kenntlich macht. — Der Weg hierhl W hatte ein paar Kilometer an der Front vorbeigeführt, die Straßen not Burgos nach Avila waren aber noch gut Das wird nun anders bei bet ununterbrochenen Fahrten, die von nun ab für uns beginnen. — Eli paar Tage zum Beispiel suchen wir uns Quartier im „Parador de 6rt dos", einem herrlichen Berghotel 70 Kilometer von Avila entfernt. Ooq hinauf muß man in steilen Serpentinen klettern, immer höher, bis dl Baumgrenze erreicht ist und nur noch kahle Bergkuppen ringsumher i| den Himmel ragen. — Lilla Löß, mein DKW., klettert wacker. — Mir , . gens früh steigen wir von unserm Bergsitz ab — hinunter nach AM MI oder hinüber nach Toledo, wo sich die letzte große Offensive oorber itet — oder nach Torrijos, wo die Jagdflieger der Legion Condor liegen - Dann wieder heißt es scharf zufahren um in Salamanka noch die $ej maschine zu erreichen, die von hier ab nach Deutschland geht. — lly Salamanka hin und zurück sind es rund 300 Kilometer und Lilla W muß Vollgas laufen, denn manchmal ist die Sache eilig. — Nacht- i| es an sich verboten, auf den Landstraßen zu sein, denn es lungert * Hand Gesindel herum und oft kommen Raubüberfälle ober Verschlepp» gen vor. Die Berichte müssen aber trotzdem weg. — Wie traurig jeboj war es, als wir beide nachts um 1 Uhr ausgerechnet 10 Kilometer m Avila ohne Benzin liegen blieben und uns trennen mußten. — Lilla N blieb einsam auf der Landstraße — ich pilgerte bei grimmig kaltem Eil zu Fuß weiter. Stockfinster dabei die Nacht und ferne, ganz ferne d verheißungsvollen Lichter Avilas. — Dort dann noch einen Wagen in dann auch noch Treibstoff aufzutreiben, das war so um 3 Uhr her» auch nicht gerade einfach. — Dann aber, als alles geglückt war, fdjnapp uns eine Wache und verbot uns die Weiterfahrt. Recht trübselig muflt wir in Avila den Rest der Nacht verbringen und ich lernte dabei, ® Mit „Lilla Löh" in Spanien. Lin kleines Auko und ein großer Kriegsschauplatz. Von K G. von Stackelberg. Mein kleiner DKW-Reichsklasse-Zweisitzer heißt „Lilla Lötz", das ist schwedisch und heißt auf deutsch .Kleine Laus". — Als Lilla Löß die ersten 100 Kilometer auf dem Kilometerzähler hatte, bekamen wir beide den Auftrag nach Spanien zu fahren, um von dort zu berichten. Es war im März dieses Jahres und man erwartete jeden Tag den Fall Madrids, der sich dann allerdings noch etwas hinauszögern sollte. — Das aber wußten wir ja nicht vorher. — Wir wußten nur, daß wir so schnell wie möglich hinunter kommen mußten. „Lilla Löß" bekam Oberschmieröl und em paar gute Worte, bann begann die Jungfernfahrt. — In Deutschland war cs noch winterlich. Wir schnurrten treu und brav mit 50 Spitze über die Autobahn. Und selbst mit ein ent solch „rasenden" Tempo kann man an einem Tag, wenn man früh aufsteht und spät Dann verlegten wir unser Hauptquartier nach Toledo. — Da n»ni mir um Lilla Löß aber doch bange. — Jeden Tag waren wir eingeteilt fange Kolonnen von Militärtransporten und mit ungemeiner Sorg|i schlängelten mir uns durch das Wirrwarr von marschierenden Solded rollenden Lastautos, ratternden Panzerwagen und Kanonen hindurch. ■ Die Soldaten waren es vom Kriege gewohnt wild drauflos zu fahren - Q! Was machte es schon, wenn ein Kotflügel in die Brüche ging — Mf •1: kümmerte sich schon um einen Kratzer ober eine Beule. — Die W sahen ohnehin schon schlimm genug aus. — Meine Lilla Löß batj-get wollte ich boch, wenn irgend möglich, heil wieder nach Hause reffen. - Dann wieder fürchtete ich, daß bei den wilden Sprüngen über Scki«k Erinnerung heißt die Kunst, einmal Genossenes nicht nur festzuhalien, sondern es immer reiner auszuformen, es goldiger und tieftöniger zu machen. Jeder von uns tut das unbewußt. Er denkt an feine Kinderzeit und sieht dabei nicht mehr ein Wirrwarr von kleinem Geschehen, sondern die zur Phantasie gewordene Erinnerung spannt selig blaue Himmel über ihm aus und mischt das Andenken von tausend Schönheiten zu einem ungetrennten, mit Worten nicht zu erschöpfenden Lustgefühl. Indem so das Rückwärtsschauen die Genüsse entfernter Tage nicht nur wiedergenießt, sondern jeden zu einem Sinnbild des Glückes, zu einem Sehnsuchtziel und Paradies erhöht, lehrt es immer wieder neu zu genießen. Wer einmal weiß, wie viel Lebensgefühl, Wärme und Glanz er in eine kurze Stunde pressen tarnt, der wird nun auch die Gaben jedes neuen Tages möglichst rein und restlos und unverdorben aufnehmen wollen. Und er wird auch dem Leib gerechter werden,' er wirb einen großen Schmerz ebenso lauter und ernst zu kosten versuchen. Denn er weiß, baß auch bas Anbeuten buntler Tage ein schönes und heiliges Besitztum ist. rung an die ersten -uw 8-.'W Krieg zubringen mußte, -h, in Berlin gestohlen K Sein Und bann, ja bann tarn die stolzeste Fahrt von Lilla Lotz. — ? “’N jagten auf Madrid zu — Spaniens Hauptstadt war gefallen, wir OT'® die ersten dort sein und Lilla Löß mußte alles fjergeben, was steckte. — Wir brausten vorbei an jubelnden Soldaten, hindurch "ün geflaggte Ortschaften. — Es war an einem Dienstag. Um 11 Uhr i)®1 mir in Toledo die Nachricht von dem Fall Madrids gehört — 12 Uhr 30 Minuten stand Lilla Löß in einer zerschossenen Straß«' Vorstadt Carabanchell. Rettungslos waren wir eingeteilt in langen $ tonnen — keiner konnte mehr vorwärts, keiner mehr zurück. — 3m ‘ mußte ja weiter, nach Madrid hinein. — Also auf Wiedersehen tla» DKW., hoffentlich auf Wiedersehen! — Lilla Löß blieb in dem Tro allein, während ich durch die Gräben und Stellungen, durch die * barrikadierien Straßen Madrids ins Zentrum der Hauptstadt • hastete. —