GiehenerZainilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1959 Freitag, den 15. Dezember Nummer 10 Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 10. Fortsetzung. Roosje glaubte jetzt einen Ausweg gefunden zu haben, um ihre Würde zu wahren, und wandte sich an Margarete: „Wie schmecken denn die Rebhühner?" fragte* sie. „Willst du etwas davon hoben, Mama?" fragte Margarete. „Ja, nur um zu sehen, aber ich bin sicher, daß sie nicht gut sind." Paul reichte Roosje eine starke Portion, die sie ganz aufoß, von Scham und Vergnügen errötend. Zu Ende gekommen meinte sie: „Na, das ist das Geld nicht wert, es besteht ja nur aus Sehnen und Knochen." Paul schwieg. Margarete wurde traurig. Siska erkannte wohl das Unrecht Roosjes, aber Roosje war ihre Herrin: auch das Schweigen Pauls fand Siska häßlich, weil es Roosje viel Vergnügen bereitet haben würde, wenn er etwas Böses geäußert hätte. Aber Siska fand auch, daß Paul im Rechte war zu schweigen, und betrachtete nacheinander die beiden Feinde mit ihren großen, guten, flehenden Augen, um sie zu bitten, die Feindseligkeiten einzustellen. Und wider ihren Willen stossen die Tränen, als sie Margarete, das Adoptiv- kind ihres guten Herzens, die sie so liebte, traurig sah. Nun wurde Huhn und Salat aufgetragen. Jetzt hatte Siska einen großen Entschluß gefaßt und wandte sich mit ihrer guten Stimme ernst an Roosje: „Baesin, was ich jetzt sagen werde, muß ich Ihnen sagen. Ich weiß nicht, ob Sie Essig getrunken oder Absinth gegessen haben, aber Sie sind nicht gut und machen Fräulein Grietje meinen..." „Schweig, Siska", sagte Margarete. , Nein, ich werde nicht schweigen. Was ich sage, ist gerecht, und jeder muß nach der'Gerechtigkeit sprechen. Wenn Leute wie Sie , fuhr sie fort, sich zu Paul wendend, „alles tun, was sie können, um jemanben gut aufzunehmen — ich spreche nicht von mir, mein Platz ist in der Küche —, wenn man sieht, daß man diesem Jemand gutes Ragout und ferne Pasteten (Siska konnte die Pasteten nicht vergessen) und gute Weine gibt, wenn man alles das ißt und trintr, hierbei wandte sie sich ZU Roosje, „und bann mit Undank bezahlt, so sage ich, daß das nicht gut ist! Hier ist ein Huhn, das groß und fett und sicher sehr teuer gewesen ist, und wenn man dieses Huhn auf den Tisch bringt, so ist das, weil man den Gästen damit Vergnügen bereiten will. Ich sage nur das, und wenn man ihnen Vergnügen machen will, so darf man nicht Undank erwidern. Jetzt verlange ich, daß Herr Paul, Frau Margarete und Frau Roosje sich die Hand geben und sagen, daß sie es nicht mehr tun werden. Händedrücken wurden ausgedauscht. Angesichts des Huhns wurde Friede geschloffen. Uebrigens waren auch noch andere Überlegungen n Roosje aufgetaucht, die sich schon darüber ärgerte, daß sie nicht genug Vorsicht und Heuchelei gebraucht hatte. Als Paul und Margarete mit Roosje einen herzlichen Händedruck austauschten, sagten j " es nicht mehr tun". Aber sie wußten eigentlich nicht welch- Art von Verbrechen sie nicht mehr begehen soltten, »m Siska zu gefallem So endeten die erregten Zwischenfalle dieses Mahles, das mit einer gewissen Zahl anderer in Pauls Familie beruhmi wurde. 21. Roosje stieg in ihr Zimmer hinauf, um sich M legem ^wkas Zimmer befand sich neben dem ihrigen, was sie mit Genugtuung emp, fand, ohne es merken zu lassen. Sie nef Siska, um dem, während sie sich selbst auszog. Em°- Mi nute lang ersuchte sw m geblich, das gute Mädchen wach zu halten Trotz allem guten -Minen konnte Siska ihrer Herrin nicht länger zuhorem Sie hatte zum Ersten Male feit ihrem Hochzeitstage zuviel Wein getrunken und tat r überwältigte sie. Gluttot, mit zwinkernden Augen f J ®nr)c »rhob mit einer großen Willensanstrengung, neigte ihren sih , ihn wieder, seufzte, bekam den Schlucken und kmckt-! mitihren amen Deinen ein, als ob diese sich auf einmal in ® ' gffnen. Decgeb- Von Zeit zu Zeit versuchte sie, Augen und Mund 3” ^rgeo, sich es Bemühen l Unbewußt murmelte sie .statt , - trnen,b,eincrn Möbel- was Roosje sagte, ja und nein; wahrend sie sich 8 »einen, stück festhielt, um nicht nach hinten zu fallen bat sie rntt dem Körper' den Händen, dem Gesicht und bem -Bim mit so ergötzlichen, bemitleidenswerten und weinerlichen Mab- daß sie Roosje ein Lächeln der Verachtung entlockte und zu der iRay nung zwang: „Geh schlafen, du hast zu viel Wein im Kruge deines Kopfes." Siska begriff; sie hätte gern auf diese Beleidigung geantwortet. Nach vergeblichen Versuchen, durch Worte und Gebärden zu widersprechen, zog sie sich schließlich in chr Zimmer zurück, um sich dort auszukleiden, zu Bett zu gehen und sich vor dem Einschlafen gedankenlos zu bekreuzigen. Roosje dachte nicht ohne Zorn, daß Siska nicht aufwachen würde, selbst wenn man eine ganze Batterie zur Verfügung gehabt hätte, deren acht Geschütze mit einemmal losdonnerten. Sie beschloß daher, ihrem Unmute wegen der Vorgänge und ärgerlichen Aeußerungen Siskas während des Mahles und besonders ihrer Entrüstung wegen ihres Benehmens vor dem Zubettgehen bei einer besseren Gelegenheit Ausdruck zu geben. Paul und Margarete hörten Roosje, deren Schlafzimmer über ihrem Zimmer lag, hin und her gehen. Aber sie konnten nicht sehen, wie sie den Preis der Mattatzen, deren drei auf ihrem Bett lagen, um es weicher zu machen, und den Preis der Sprungfedermatratze unter diesen drei Matratzen, und den des zum Bett führenden Fußtrittes und die Kosten der feinen Leinentücher, die, ganz weiß und frisch, noch den Geruch der Wiesenbleiche an sich trugen, berechnete. Sie konnten nicht sehen, rote beunruhigt sie über den Preis des Stückes wohlriechender Seife war, die auf ihrem Waschtische lag, wie sie den Schildpattkamm, alle die Bürsten und sonstigen Gegenstände prüfte; wie sie, neugierig, ein englisches Handtuch unter den anderen fand und es wütend hin und her drehte; wie sie sich ärgerte, eine Karaffe spanischen Weines neben einem Glase Wasser stehen zu sehen; wie sie diese Karaffe ganz leerte, mit einer unsicheren Genugtuung, die sie zu verheimlichen versuchte, als ob jemand da wäre, um sie zu beobachten. Sie konnten nicht sehen, wie sie sich schließlich als Standbild des Hasses hinstellte und Gründe für Entrüstung und Zorn in den zahlreichen Zeichen zarter Aufmerksamkeit suchte, dte ihre Tochter und ihr Schwiegersohn für sie bereitet hatten. Paul und Margarete hörten sie lange hin und her gehen. Schließlich schliefen sie ein und ahnten nicht, daß Roosje bis drei Uhr morgens keine Ruhe fand, daß sie abwechselnd hin und her ging, sich setzte und suchte, welche Rache sie aus den Aufmerksamkeiten, die man ihr bewies, und aus dem Vergnügen, das man ihr hatte machen wollen, brauen könnte. Im Morgengrauen, gegen fünf Uhr, als Roosje endlich schlief, glaubte sie, sie sähe im Traume Margarete ganz weißgekleidet auf den Fußspitzen in ihr Zimmer kommen. Margarete kam, um zu sehen, ob sie ruhig schliefe, und legte auf die Bettdecke einen Strauß Sommer- und Herbst- rosen, so durch ein gemeinsames Band die Blumen verbindend, die in blassen Nebeln leben, und jene, die bald aufhören werden, sich den Küssen der Sonne zu öffnen. Als Roosje am andern Morgen um acht Uhr erwachte, ohne zu wissen, wie spät es sei, fand sie den Strauß auf ihrer Bettdecke; sie rief Siska, die aus dem Nebenzimmer kam und ihr beim Ankleiden half. ,Hetzt wollen wir hinuntergehen", meinte Roosje. Von Siska gefolgt, trat sie stolz und störrisch in das Speisezimmer mit der ausdrücklichen Absicht, ihrer Tochter eine Szene zu machen, weil sie sich erlaubt hatte, in der Nacht ohne ihre Erlaubnis in ihr Schlafzimmer einzudringen. 22. Weder Paul noch Margarete waren im Zimmer. Roosje läutete. Das Mädchen erschien und trug auf einer Platte mit vergoldeten Rändern Kaffee, die die Luft würzte, Kuchen, Brötchen mit Butter, Spiegeleiern und einer Flasche so kalten Wassers, daß das Glas ganz beschlagen war. „Wo ist der Herr? Wo ist die Frau?" fragte Roosje. „Schlafen die Nichtstuer noch? Warum kommen sie nicht zum Frühstück? Warum leistet man mir nicht Gesellschaft? Das ist ja schön, gleich am ersten Tage. Was bedeutet das alles? Kuchen, Gier? Die scheinen ja eine Goldgrube in Uccle gefunden zu haben. Wo sind sie?" Siska, die mit durch Hunger weit geöffneten Nüstern das Früsttick witterte und ausgezeichnet fand, flehte Roosje mit beruhigenden Ge- bürden an. . Antworte mir doch, kleine Truthenne", wiederholte Roosje. „Frau Roosje", antwortete das Mädchen, „ich bin ebensowenig eine Truthenne roie Sie. Wenn ich es wäre, so wäre ich vielleicht mehr wert als Sie, weil ich nicht so zähe bin. Die Herrschaften sind um fünf Uhr morgens fortgegangen und haben mich beauftragt, Sie zu bitten, zu frühstücken, ohne auf fie zu warten. Sie werden bald zurückkommen. Das Frühstück ist fertig, und — wenn Sie wollen —" Das Mädchen rückte einen Stuhl hin. .Ich will nichts, weder dich noch den Stuhl noch das übrige. Trage alles wieder weg und sage mir, wo sie sind!" Die Herrschaften geben mir keine Rechenschaft darüber. Wenn Sie das Frühstück nicht wollen, werbe ich es wieder in die Küche tragen." „Nun, Siska", sagte Roosje, sich an das dicke Mädchen wendend, „was sagst du dazu? Die Faulen sind schon unterwegs. Statt sich in seinem Arbeitszimmer zu befMen, um, wie zwei große Männer, die ich kenne, zu studieren, treibt er M herum. Ja, anstatt in seinem Zimmer zu bleiben und zu arbeiten, wie die ehrenwerten ,Krurn-Jan' und .Alsodaswas La Forst', zu denken, zu überlegen und Gott um die Heilung der Kranken zu bitten, läuft er umher. Das ist schon ein richtiger Nichtstuer, ein ,Zon- Klopper', ein Pflastertreter, wenn die Sonne scheint. — Wann ist er weggegangen, kleine Hexe?" *- „Um fünf Uhr morgens." „Meine Tochter läuft mit ihrem Mann« mit?" „Ja, sie besuchen manchmal die Kranken zu zweien. Während des Besuches wartet Frau Margarete in einem Zimmer oder auf der Straße." „Kranke?" sagte Roosje. „Wenn man Kranke hat, wohnt man dann in Uccle? Gibt es überhaupt Kranke in Uccle? Wer kommt denn hierher, um ihn aufzusuchen?" „Die ihn brauchen, Frau Roosje." „Geh hinaus!" „Ich werde das tun, was man mir aufgetragen hat. Frau Margarete sagte, daß sie nicht vor neun Uhr zurückkäme, aber wenn Sie inzwischen frühstücken wollen ..." „Ich werde nicht frühstücken!" „Doch, Baesin, ich bitte Sie", sagte Siska. „Jetzt ist es sieben Uhr, und ich bin seit vier Uhr auf und habe Hunger. Riechen Sie doch, wie gut der Kaffee ist. Frühstücken Sie, Baesin!" „Ha, du willst essen, du!" rief Roosje, „ich aber ersticke vor Wut! Nimm das weg, sage ich!" „Hören Sie zu, Baesin", sagte Siska, legte eine Hand auf Roosjes Arm, die andere auf die Platte. „Hören Sie zu: ich ersticke nicht vor Wut, aber ich habe feit vier Uhr morgens Hunger und will essen. Frau Margarete hat gesagt, Sie sollen frühstücken, ohne auf sie zu warten. Sie wissen, was Sie mir selbst gesagt haben. Uebrigens bin ich nicht hierher gekommen, um vor Hunger zu sterben. Wenn Sie finden, daß starker Kaffee, Eier, Weißbrot, daß das alles zu viel ist, so finde ich, daß es gerade genug ist, um mich das Spülwasser und das trockene Brot vergessen zu machen, das ich so lange gegessen und getrunken habe, Sie wissen schon wo. Ich will Ihnen auch noch etwas anderes sagen: Wenn die Leute Ihnen Gutes tun, behandeln Sie sie, als ob sie Ihnen Böses täten. Das ist nicht gerecht. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich Ihnen Böses tun, um vielleicht Gutes von Ihnen zu erlangen. — Geben Sie mir die Platte", sagte sie zu dem Mädchen, das gern gehorchte, um Roosje zu mißfallen. Roosje fetzte sich, den Ellenbogen auf die Tafel, das Kinn in die Hand gestützt, in die Nähe ihres Tellers. Durch diese Bewegung schob sie alle Falten und Fältchen ihres bösen kleinen Gesichts nach oben, so daß es wie ein Paket erschien, an dem man nichts Vorspringendes sah als die dünne Nase und die Pupillen, die wie Katzenaugen in der Dunkelheit leuchteten. Siska setzte die.Platte auf den Tisch, goß Roosje Kaffee ein, schnitt ihr eine Scheibe Brot, bestrich sie mit Butter, legte ihr drei Eier aus den Teller und stellte ihr alles hin, ohne sich weiter um ihre Herrin zu kümmern: dann bediente sie sich selbst, aß die Hülste des Brotes, fast alle Eier und leerte die Kaffeekanne. Sie sah nicht, wie Roosje angesichts dieses fabelhaften Appetits verstohlen das Wenige, was Siska ihr gelassen hatte, verschwinden ließ. Brot, Eier, die Kuchen, der Kaffee, alles ging dahin. Roosjes Wünsche erfüllten sich. Bis Besseres kam, plünderte sie die Eßvorräte ihres Schwiegersohnes. 23. Roosje verachtete Paul aufs tiefste. Seine Ruhe und Milde erschienen ihr als Zeichen von Schwäche. Sie ahnte nicht die wahre Kraft, die unter diesem friedlichen, fast empfindsamen Gehaben verborgen war. Da er kein Pedant war, konnte er in ihren Augen auch kein Gelehrter sein. Sie kannte andere „Hasen" als diesen Pfennigdoktor. Unter den Gästen des „Kaiserlichen Wappens" war da zunächst ein alter Schulmeister, der eine gewisse Einbildungskraft, eine nicht ganz genügende Nernunft und ein nur verneinendes Urteil befaß. Roosje verstand davon nichts und hielt ihn für einen großen Mann. Dieser große Mann las sehr viel und sprach gern über geschichtliche Fragen. Pläne, Ordnung der Ideen, genau sestgestellte Tatsachen, Daten und Personennamen, die von der Geschichtsschreibung gebracht wurden, versuchten an die Tür feines Gehirns zu klopfen. Eintritt verboten! Irgend etwas Untrennbares hielt dort Schildwache. Ein anderer Gegenstand der glühenden Bewunderung Roosjes war ein Dichter, der seit fünfundvierzig Jahren (er war sechzig Jahre alt) versuchte, die Avokalypse in französische Verse zu übertragen. Gelehrte Kommentare sollten sich am Fuße der Seiten befinden, um die Wahrscheinlichkeit und Wirklichkeit der im Gedicht angeführten Dinge zu beweisen. Die von ihm mit Tinte bedeckten Blätter waren unzählbar. Uebrigens fehlte ihm jede Kenntnis des Griechischen und Lateinischen. Bei jeder Gelegenheit zitierte er sein Lieblingsgedicht, und von der Höbe der „zwölf Türen, die zwölf Perlen waren", und der „Stadt, die nicht von der Sonne, noch vom Monde beschienen zu werden brauchte" und zu der man „den Ruhm und die Ehre der Nationen bringen werde", beurteilte er die Ueberweltlichkeit geschichtlicher und politischer Fragen, ja sogar die Volkswirtschaft und die Frage der Kinderarbeit in den Fabriken. Diese beiden „berühmten" Gelehrten hatte Roosie immer bewundert. Wenn der Meister, wegen einer gewissen Unreaelmäßigkeit im Bau feines rechten Beines der krumme Jan genannt, zu ihr kam, um sein Gläschen Genever zu trinken und redete, so erschien es Roosje, als ob Fluten von Büchern aus feinem Munde kämen Der Dichter mit Neman La Forst, trug den Spitznamen „Alsodaswas", weil er jeden feiner Sätze mit diesen Morten begann, wenn er sich über die Avokalnvse verbreitete Er kam manchmal zum Kaiserlichen Wappen", mit wirrem Haar, feine Apokalypse unter dem Arm, und bestellte dann l°in Gläschen mit aeballter Begeisterung. Die weihe, jeder Behandlung cmnärt spottende Locke, die auf die Stirn von „Alsodaswas" herabhing und beim Licht der Kerzen gelb schimmerte, rief Roosje den heiligen Johannes in ihr katholisches Gedächtnis, der als die Locke die feurige Zunge trug, die auf das Haupt der Apostel sich niedergelassen hatte. Weder „Alsodaswas" noch der krumme Jan lachten jemals, und ihre feierliche Haltung zwang Roosje zur Bewunderung. Eines Abends hörte sie eine sehr anregende Unterhaltung mit an, in der der krumme Jan und „Alsodaswas" nicht der gleichen Meinung waren. Es handelte sich um die vier Tiere der Apokalypse, von denen eines den sieben Engeln sieben Gefäße voll von Gottes Zorn und anderen Dingen gibt, dem Zorn, der nach der Meinung von „Alsodaswas" Belgien beträfe, und zwar das Unheil, das auf BelAen im allgemeinen und auf Gent im besonderen kommen würde. Der krumme Jan behauptete, Gottes Zorn sei kein Ding, das man in Flaschen ober in eine Faß füllen könne, wie Gerstenbier oder das man aus goldenen Vasen oder Halblitergläsern trinken könne. Hierauf schlug der erzürnte „Alsodaswas" den krummen Jan heftig und überzeugte ihn mit Hilfe einer Reihe Faust- und anderer Hiebe davon, daß er unrecht habe, die Wahrhaftigkeit der Logik und der Voraussagungen der Apokalypse zu bezweifeln. Der krumme Jan ging zeitig zu Bett und kühlte seine Beulen. „Alsodaswas" hatte für ihn, dem er unrecht getan hatte, eine wilde, kaum verhohlene Verachtung und betrachtete ihn von da an als einen nüchternen Menschen, der zu schwerfällig war, um sich jemals in höhere Sphären zu erheben. Roosje bewahrte für beide eine große Verehrung. Das Volk hak viel Achtung vor dieser Art von Gelehrten, und Frau Servaes, verwitwete van Steelandt, gehörte trotz ihres vornehmen Namens zum Volk. Vor diesen Vorbildern an Weisheit verblaßte bie- befcheibene Wissenschaft bes Doktors wie ein Nachtlicht im Scheine zweier Sonnen. 24. Paul unb Margarete gingen übers Lanb unb burch die Stadt, über Berge unb Täler, burch Straßen unb Gäßchen, unb suchten bie Schaubühne bes Gebens auf, um Lehren buraus zu ziehen, die dem erwarteten Sohne später nützen sollten; denn daß es ein Sohn würde, fühlte Margarete an ihrem guten Allgemeinbefinden. Sie befanden sich in der Rue des Minimes. Neben dem Brunnen lag ein Haufen von Salatblättern, Pflaumenkernen, Lumpen in allen Farben und Staub, wahrscheinlich das Ergebnis des Auskehrens der benachbarten Häuser. Drei arme alte Hunde liefen ganz ruhig auf diesen Haufen zu, durchwühlten ihn, sahen, daß nichts für sie darin war und liefen trübselig, wie sie gekommen, wieder davon. Ohne viel Hoffnung hatten sie ein wenig Nahrung gesucht; da sie sie nicht fanden, waren sie kaum enttäuscht, weil Enttäuschung für sie eine Gewohnheit geworden war. Paul und Margarete folgten ihnen. Die drei großen, außerordentlich mageren, armen Tiere zeigten dumpfe Bedrücktheit, aber auch eine gewisse Entschlossenheit in ihrem Gebaren. Die abgefcheuerten Stellen des Felles ließen sie als ehemalige Zughunde erkennen, die wenig ober gar nicht gefüttert unb bann, weil schwach ober krank, fortgejagt worben waren. Der brüte, kleiner unb älter als bie beiben anberen, trug um den Hals noch ein Stück Strick, an bem sich eine Art Schlinge befand. Die Schlinge hatte wohl einen Stein gehalten, aber bem Tiere war es wahrscheinlich gelungen, sich auf bem Grunbe irgenbeines Teiches vom Strick zu befreien. Dieser Hunb schien bis bahin als Rentner gelebt zu haben, benn fein Fell zeigte keine abgeschabten Stellen. Seine Haltung war weniger entschlossen als bie seiner beiden Begleiter. , Sie gelangten alle drei zu einem anderen Haufen, wo sie einige alte Häute und Reste von Gräten fanden. Die Gräten verschwanden bald, worauf sie sich ängstlich auf die Häute stürzten. Sie standen auf ihnen unb zogen sie mit ber ganzen Kraft ihres geschwächten Körpers an sich, wobei sie wie Diebe, bie eine Ueberraschung fürchten, scheu nach rechts unb links blickten. Sie waren so wenig ans Fressen gewöhnt, daß ihnen bie hier gefunbene Nahrung als Diebstahl erschien. Eine Frau aus bem Volke, bie am Arme nahe bem Ellenbogen ihren Korb mit Kohlenschlacken trug, kam aus der Rue des Malades, lief auf den Haufen zu und durchwühlte ihn, was bie drei Hunde aber nicht störte. Die Schlacken, nach denen bie Frau suchte, waren ihnen gleichgültig. Sie wollte bie Hunde erst verjagen, aber als sie knurrten, fürchtete sie sich und begnügte sich mit ihrem Platze. Das Gesicht ber Frau hatte einen ähnlichen Ausbruck wie bas ber Hunde. Außer dem bei ihr recht trüben Strahl von Verstand, der aus dem Gesicht jedes Menschen spricht, war sie wie die drei Tiere, traurig, von einer Gewohnheitstraurigkeit, und schüchtern, weil sie ständig schlechte Behandlung und Mißachtung auszuhalten hatte. Auch sie glaubte Unrechtes zu tun, wenn sie auf einem Abfallhaufen einige Schlacken sammelte. Plötzlich kam aus einem vornehmen Hause ein dicker „Herr", ein fröhlicher Mann, der sicherlich gerade gut gegessen hatte und seine Freundin besuchen wollte. Der „Herr" war von einem prachtvollen Neufundländer begleitet, mit dickem wohlgewaschenen Felle. Wie fein Herr schritt er mit dem festen Schritte der Wohlgenährten dahin. Kaum hatte er die drei Hunde bemerkt, als er sich heftig unb unüberlegt auf sie stürzte. Die drei armen Hunde hielten mit eingezogenem Schwanz ihr Stück Haut fest und standen bewegungslos. Sie schienen diesen reichen, so tauberen unb wohlgenährten Hund zu bitten, ihnen ihre armselige Nahrung zu lassen. Der Neufundländer ging um sie voll Verachtung herum und beleidigte sie in feiner Sprache. Sie verstanden ihn und knurrten, worauf auch er begriff, daß sie böse waren, benn er knurrte auch. Sein Herr unterhielt sich gegenüber der Minoritenkirche mit einer Dame. Der Neufundländer schien zu zögern, auf welchen Hund er sich zuerst stürzen solle. Einer von den dreien ließ ihm keine Zeit dazu; es war her kleinste, der, welcher einst wie der Angreifer auch wohlgenährt gewesen war. Er sprang ihm an die Kehle. Der Neufundländer warf mit einer einzigen Bewegung ben Armen auf den Abfallhaufen, mit zerrissenen Ohren unb blutigem Schwänze. (Fortsetzung folgt.) ©er Kachelofen. Von Friedrich Bischoff. Wie war es doch? — Ich weiß es noch, Verschlummernd im Alkoven, Dort glummte rot das Ofenloch, Stand braun der Kachelofen. Und wohlig warm im Ofenrohr, Als ob es schnarrend tropfe, Da klapperte, da plapperte Der Deckel mit dem Topfe. Der Feuermann fuhr stumm hervor Mit rüttelrotem Schopfe. Und rotberockt, mit blauem Hut, Oh, wie sie fleißig hüpften, Die Funkelflammen, goldbeschuht, Und Funkenbänder knüpften. Die Stube sah im Spiegel zu. Sie schaute tief von innen, Wie's munkelte und funkelte Und dunkel glomm von hinnen. Sie sah sich selbst und ging zur Ruh Und ließ das Feuer spinnen. Das wisperte und knisterte. Und wirbelte im Reigen; Tat ab den roten Rock, die Schuh, Mußt in die Asche steigen ... Vorm Fenster hing der Abend blau Schneeschüttelnd in den Zweigen: Das flimmerte und schimmerte Hinschlummernd schon im Neigen. Der Ofen sah es ganz genau. Hieß Topf und Deckel schweigen. Mit Genehmigung des Propyläen-Verlages dem neuen Gedichtbuch von Friedrich Bischoff „Das Füllhorn", Lieder der Balladen der Kindheit, entnommen. Oie Fahrt zum Weihnachtsmarkt. Bon Waldemar Augustiny. Einen ganzen Tag hatte man geschlachtet und gerupft und die nackten Leiber angesengt, lieber den Hofplatz tänzelten die weißen Federn, kam (in Wind, so wirbelten sie hoch, und dann sanken sie wie Schnee. Es roch än bißchen dumpf und süßlich nach Blut, und auf roh zusammen- jehauenen Tischen lagen die vielen Enten und Gänse, ließen ihre Hälse taumeln, und die toten Köpfe bewegten sich im Wind. Am nächsten Morgen aber, als das Geflügel beim Licht der Stall- liternen aufgeladen werden sollte, gab es Aufregung. Der Knecht war Irant, der den Bauern begleiten sollte; er lag im Bett und krümmte sich, bas Gänseklein, das die Frau gekocht hatte, war fett gewesen, und der knecht hatte sich den Leib zu voll gestopft. Nun standen der Bauer und He Frau, nachdem der Wagen beladen, Stroh für die Mitfahrenden hneingepackt und unter das Stroh die Geldkiste geschoben war, beisammen inb überlegten. „Ich nehme den Boß mit", sagte der Bauer. Die Frau ober zuckte mit len Schultern. Der Boß hatte vor zwei Tagen erst an die Haustür geklopft, er hatte bleiben dürfen, weil man beim Schlachten Hilfe brauchte, kr würde über Weihnachten noch auf dem Hof sein, dann würde er »eiterstromern, wie diese wandernden Gelegenheitsarbeiter es eben halten, ler Boß war ein fremder Mensch, gar kein Verlaß auf ihn, und nicht einmal sagen kannte das die Frau. Denn der Boß lehnte am anderen Ende les Wagens, über fein bärtiges Gesicht zuckten die Lichter der Laternen. „Nimm wenigstens den Hans mit", bat die Frau und hatte Sorgensalten auf der jungen Stirn. „Es geht schnell, wenn ihr noch einen lugenblick wartet, bring ich ihn." „Den Hans?" Der Bauer schilpte die Unterlippe vor. Schien ihm unnötig, den Hans aus dem Bett zu holen, mit zwölf Jahren schlief man f'ft gegen Morgen, aber seinetwegen — „Gut", sagte er, „weck den (jans." So kam es, daß Hans zum ersten Mal zum Weihnachtsmarkt durfte. „Du fährst tnn wegen dem Boß — mußt auf das Geld passen , sagte die Mutter, als sie dem Jungen, der noch wirr vom Schlaf war, den heißen Kaffee an die Lippen hielt und ihm einen Brotknust in die Hand drückte. Jcb werde aufpaffen, dachte Hans und turnte auf den Wagen. Er legte sich neben den Boß auf das Brett, Vaters Rücken hatte er vor sich, daß er ihn mit dem Stock erreichen konnte. Seinen selbstgeschnitzten Stock, eine Keule beinahe, die ihn bei allen Jungen gefürchtet machte, hielt Hans Mischen den Knien. Die Füße kuschelte er ins Stroh, und mit den Zehen tonnte er die Kiste fühlen, die tief im Stroh vergraben lag. Noch war die Kiste ja leer, aber Hans fühlte sich in seiner Rolle und toelt den Stock fest in der Hand, und wie der Wagen die lange dunkle Äraße entlang, rumpelte, hütete er sich, daß ihm die Augen zufielem Ue »ach und gefnannt. Aus den Wäldern schrien Kauie dunkle Wwfel »änderten vorbei, unbeweglich blieb die rnesserdunne Sichel des Mondes i>ie Räder fnarrtm, und wie Säcke runwelten die Manner neben und pr ihm. Hans sah und hörte alles, er fühlte den Schauder des Wmter- |»orqens, saß aber, die Keule in der Hand, aufrecht und tapfer wie V Gegen Morgen, als der Himmel grau wurde und die Luft zu glänzen pqonn von weißen, lautlos schwebenden Kristallen, tauchten wie e |®auer die unübersehbaren Häuser der Stadt auf, darüber hoben sich dünne, zittrige Stangen, die Fabrikschornstelne, und noch höher, maste grün, ragten die Türme von Dom und Kirchen. Da fühlte sich Hans seltsam beruhigt und begann sich zu freuen, und die Gefahr, die vom Boß drohte, schien im leicht. Der Vater wurde munter und pfiff den Pferden eins, daß sie mit den Ohren spielten, nur der Boß bekam ein dunkles Aussehen. Er hatte sonst einen weichen Ausdruck in fernem runden, stacheligen Gesicht, anders als der Bauer, dessen Haut sich über eckigen Backenknochen spannte und bläulich schimmerte von der Rasur. Der Boß bekam einen düsteren Ausdruck, nachdem er zweimal, ohne es zu wollen, mit feinem Stiefel gegen die Füße des Jungen gestoßen war — gerade über dem Holzdeckel der Kiste. Der Boß bedachte, daß an diesem Markttage vielleicht mehr zu holen sei als ein Silberstück für das Handlangen. Davon merkten aber weder der Bauer noch sein Junge. Sie fuhren mit ihrem Geflügel, das sich hoch wie pralle Säcke auf dem Wagen türmte, durch die Straßen. Sie tarnen sich fremd vor mit ihrem Gefährt zwischen Elektrischen und Autos und fühlten die Ruhe ihres Heidehofes wie eine unsichtbare Mauer um sich im Tuten, Quäken, Quietschen und Brüllen der Stadt. Dann aber gab es keine Zeit zum Nachdenken. Sie hielten in einer Straße, die von Wagen verstopft war. Der Bauer brachte die Pfsrde in einen Ausspann, darauf holten sie zu britt Bocke und Tischplatten und schichteten sauber wie eine Sondsackmauer die toten Leiber der Weihnachtsvogel. Nun standen sie in der engen Budengasse, durch die sich das Siadtvolk schob, und hatten zu tun mit Rufen und Angreifern Sie hielten die Tiere am Hals empor, und auch der Boß machte sich gut dabei, sie schlugen mit der flachen Hand auf die prallen Bäuche und nannten die Preise. Das war selbst für den Boß nicht schwer, denn um jeden Hals baumelte ein Papier, auf dem standen Preis und Gewicht. Das Geschäft ging gut. Wurden auch in Stadt und Land die Zeiten beklagt, man kaufte, weil eben Weihnachten war. Die Enten und Gänse fanijen ihre Käufer, bis Mittag war der Tisch bereits gut geleert. Taler auf Taler fiel klirrend in die Kiste. Als der Tag die Neig« überschritten hatte, leerte sich der Markt, man durfte wagen, einen Augenblick beim Kaffee zu verschnaufen. Der Vater ging zuerst, da hatte Hans wachsame Augen, daß alles Geld, was noch kam, richtig in der Kiste verschwand und daß die Kiste von keiner Hand angerührt wurde. Dann kam der Vater wieder, und nun ging Hans. Er fühlte sich müde vom langen Stehen und auch von den vielen Gerüchen der Tiere, der Honig- und Kuchenstände und dem welken Hauch der im Treibhaus gezüchteten Blumen. Er taumelte fast, indeß die Glocken der Domtürme donnernde Klänge über feinen Kopf zerschlugen, zum Er- frifchungswagen und schluckte die viel zu heiße Brühe. Endlich ging auch der Boß. Hans lehnte am Verkaufsstand, sein Kops begann gerade zu nicken, die Kiefern schmerzten vom unterdrückten Gähnen. Da sah er, und wurde wach wie je, da sah er, wie der Boß heimlich mit einem Mann sprach, der ein Fahrrad durch die Gasse schob. Die Gruppe war nicht zu Übersehen, denn der Mann mit dem Fahrrad mußte auffallen. Eben wollte Hans dem Vater zuslüstern, da war der Boß wieder da und stellte sich hinter Hans. Hans mußte feine Entdeckung bei sich verschließen. Als sie am Abend zur Stadt heraushumpelten, war es Hans eng und schwer ums Herz. Wie albern kam ihm (eine Rolle am Morgen vor, denn da war die Kiste noch leer gewesen. Nun aber wurde es ernst. Indessen, es geschah nichts. Der Himmel wurde dunkel, Sterne tarnen nur wenig, Mond war noch nicht da. Die Wipfel wanderten wieder dunkel vorbei, die Pferde trabten gut. Die halbe Strecke war vorbei. Da hielt der Vater vor einer Schenke. Mitten im dunklen Land stand eine Schenke mit hellen Fenstern. Ein Lautsvrecher krächzte bis auf die Straße. Der Bauer warf Hans die Zügel zu und tippte den Boß an. Hans schickte flehende Blicke zum Vater, aber in der Tür verschwand der Bauer, der Boß hinterher. Hans blieb allein auf dem Wagen zurück, er hielt Zügel und Keule in den Händen, fein Herz schlug. Da jagte ein Radfahrer, eine dunkle Gestalt, ohne Lampe vorbei. Und plötzlich hörte man das Surren der Räder nicht mehr, es wurde ganz still. Dann hörte man leise Tritte. Hans wollte auffpringen, den Vater rufen, schreien, da flüsterte jemand: „Du, Junge!" Hans drehte sich um — nichts als Dunkelheit Überall, nur das Fenster gab ein bißchen Licht. Hans beugte sich herab und sah auf den blonden Kopf eines Mädchens, einer kleinen Deem von vielleicht elf, zwölf Jahren. „Du, Junge, wollen wir schnell ein bißchen spielen?" Hans band die Zügel fest, holte die Kiste aus dem Stroh hervor und kletterte vom Wagen herab. Er war so froh, daß es kein Räuber war, der ihn angesprochen hatte, er vergaß feinen Jungenstolz, er dachte auch nicht daran, daß er den Posten verließ, auf den fein Vater ihn gestellt hatte. Hand in Hand liefen die Kinder ums Haus. Nicht lange darauf, da ging der Boß mal eben vor die Tür. Er käme gleich wieder, sagte er zum Bauern. Er hatte ein wildes Gesicht, als er auf die Straße trat und sah, daß der Wagen leer war. Mit einem Satz war er oben, raufte im Stroh, daß die Halme um feinen Kopf stoben und sich im Haar verharkten, aber die Kiste war fort. Da ließ der Boß die Hände sinken und kletterte langsam vom Wagen und dachte an den Knaben. Die Gier nach dem Gelde versank, wie sie hochgeschossen war. Er dachte: Wo ist der Hans? Er holte den Bauern, die Zunge ging ihm schwer, aber der Bauer verstand. Sie gingen ums Haus, die Wirtsleute hinterher. Knecht, Magd, das ganze Wirtshaus suchte nach dem Knaben, der mitsamt der Geldkiste verschwunden war. Sie rissen die Stalltür auf, weil Licht durch die Ritzen schien. In der Tür blieben alle vier stehen. Da knieten beisammen im Stroh Hans und das Mädchen. Eine Puppe hatten sie genommen, die lag in Seinen gewickelt in einer alten kaputten Krippe. Und Schafe, weiß Gott, wie sie aus ihren Kofen gekommen waren, standen oder lagen auf den Knien um die Kripve herum und streckten ihre Mäiller vor und blickten mit sanften Augen ins Licht. Da drehte der Boß sich um und fuhr mit dem Aermel über fein Gesicht, es zuckte von alten Erinnerungen, die wach wurden. Er wischte auch über M Bar« " ous 15 «et bie Stirn und über den Kopf, dabei kamen die Halme kos aus seinem Haar, ehe sie jemand gesehen halle. ~ Auch der Bauer wurde weich, es reute ihn, daß er eine Stunde des Heiligen Abends vertan hatte. Er nahm den Jungen auf und k opfte ihn auf die Schulter, weil er die Kiste treu zwischen den Kmen hielt. „Soll ich sie tragen?" sagte der Boß und zeigte auf die Klste. Jakob sah auf und war erschrocken, so demütig baten die Augen des Hemden Mannes. Er gab die Kiste, schwer und dumpf rutschte das Silber über den Holzboden. Alse drei stiegen auf den Wagen. Hans sank tn Schlaf und träumte, bis die Pferde mit einem Ruck standen. Aus dem warmen Licht der offenen Tür trat die Mutter. scheu machen!" . . , . „ Nun ist es einen Augenblick lang, als müßten wir herausplah» Doch nur ein Weilchen und dann sehen wir dies eifervolle, arglose Rin blatt an, —---- ----... , . y. ich denk«: das Wunder des Christkindes wird auch meinen Kindern fallen, und dann ist es gut, wenn ihnen das Wunder des Menschen CT steigt, mit dessen Entstehen Gott wohl mehr zu tun hat als wir. Und vielleicht hat Gott das Weihnachtsfest geschaffen, daß wir elnm« zum Nachsinnen kommen, über die blonden Zukunftsköpfe der Kind« hinweg, in deren Märchen und Legenden sich Vergangenheit und W wart mit den bleibenden Wahrheiten verknüpfen. Weihnachtsbaum." „Warum Hilst ihm bef Nikolaus nicht?" „Ach, der ist alt." „Und die Engel?" , r „Ja, die tun es wohl. Aber auch sie werden nicht fertig mit all w Arbeit. Denn überall wollen die Menschen Geschenke bekommen. -0 müssen auch sie selbst etwas dazu tun." „Der liebe Gott soll dem Christkind Helsen!" meint Susanne., , Du Dumme!" ruft der Junge. „Der liebe Gott! Der muß ,a M«« 5e: siürzei Schwc Heuler non d Be dich ir lamme Di< erfüllt, ,|wt t MÖHiit R- . „D „Ä alles, '•’m, * Mlien «Iren, ■Men »#1 . Cr flaufer mit ih, Dm -,M Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lange. — Druck und V e rl a g: B r ü h l s ch e U n i v e rs i tä t s d ru ck e r e t, R. La n g e, G t eßen Bor Weihnachten. Don Heinrich Zillich. Die Weihnacht wandert durch die Kinderstuben schon viele Wochen lang ehe sie aus der frühen Abenddämmerung aufstrahlt, Ihr Wesen ist das Geheimnis des Raunens, die Neugier um versperrte Türen, die plötzlich ausspringen und einem goldenen Leuchten Raum geben — und sieh, da ist auch das Raunen ein einziger Ton des Lichtes geworden, die Neugier versank und ein großer Flügel streift aus der Ewigkeit unsere Stirne. Aber so wie der Glanz nur strahlen kann, wenn seine Umgebung dunkler ist als er, muß der Weihnacht das wunderdunkle Warten vorausgehen geflüsterte Worte, Nichtwissen und Ahnen, worin das Kommende manchmal auffunkelt. Blickt man sich jählings um, dann ist es still, als huschte ein Schatten oder ein Gesang ins Schweigen. Deshalb fragen die Kinder, von dem Wehen der Zeit berührt, in den Adoentswochen so viel und gleichen blauen Meeraugen unter dem Schimmer des Himmels. Wenn die Sterne dort oben aufgehen, beginnen in den reinen Spiegeln hier unten Kreise zu wandern. , Auch meine drei Kinder, der fünfjährige Jobst, die vieriahnge Susanne und der dicke Zweijährige, der keinen richtigen Namen hat, sondern nur Cle heißt, sie sitzen um ihre Mutter Maria und der Vater bin ich und habe wie der Kleine auch keinen richtigen Namen, denn mir gebührt seit der Schulzeit der merkwürdige Anruf: Hucke. Es gibt unter den Verwandten manchen, der es unpassend findet, daß mich auch meine Kinder nicht anders nennen. Ich hörte sagen, sie feien deshalb zu bedauern, und man meinte gar, es fei geradezu so, als hätten sie keinen Vater, die Armen, die da wie die Mäuschen sitzen und mit den Beinen manchmal zappeln, als liefen sie schon in das Wunderzimmer. Es ist ja in dieser Stunde, als hörte auch ich die fernen Lichterglocken läuten, die kein Ohr vernimmt, nur das Herz und jenes innere Lauschen, das uns durch die Adern und die Sinne wie ein heiliges Schwindligwerden bringt. Während ich bann hinausblicke durch das Fenster in die Nacht, die marmorschwarz an der Scheibe steht, denke ich davon, wie anders sie mir einst erschien als heute, wo ich sie wohl schon zu oft erlebt habe in Sturm, Krieg, Sattheit und Schlaf. Lebendiger war sie einst und voll Unbekanntheiten, Drohung und Verlockung, damals als ich auch so saß wie die drei Kinder und die Geschichte von Josef und Maria hörte Nur einmal war sie noch dichter angefüllt mit der Allgegenwart des Geschicks: Gruß euch Patrouillengänger vor der letzten großen blutigen Offensive, Gruß über Zeiten und Raum! Einige Lichter sind im Marmor der Finsternis, Sterne, von Funken- fäben neblig umstrahlt, Geäder des Marmors, und an ihnen erkenne ich, wie tief auch diese Nacht ist und noch alles umfängt, was ich erlebte, ersehnte und was noch kommen mag. Und so wird es wohl nur davon abhängen, ob wir richtig sehen und lauschen, damit die Nacht voll sei ober entleert. Doch nun faßt mich die Helle Gegenwart: „... Es war einmal ein Dater unb eine Mutter. Die hatten ein kleines Kindlein und das war das Jejuskindlein und lag im Stall in einer Krippe auf Heu und auf Stroh. Ihr wißt doch, was eine Krippe ist? Das, woraus die Pferde im Stall fressen —" Oie Weihnachiswlege. Von Ruth Schaumann. Maria auf der wehen Flucht Dem Kind eine Wiege sucht, Eia, eia fufani. Ein Vogel in den Wipfeln schrie: O Jungfrau, nimm mein Nest! O herzgeliebtes Bögelein, Dein zartes Nest, das ist zu Hein — Und hält ihr Söhnlein fest. Die Jungfrau-Mutter weiter zog. Der Vogel nach den Wäldern flog. Eia, eia fufani! Die Rose sich ein Stimmlein lieh: O Jungfrau, leg gemach In meinen Kelch bas einzge Gut! O Rose, rot wie Christi Blut, Dein Schoß ist wohl zu schwächt Am Himmel wuchs das Abendrot, Maria ging in stiller Not. Eia, eia fufani. Ein Kindlein fiel auf feine Knie: O Mutter, leg dein Kind Mir in mein Herz, fo klein, doch rein! Ja, Kind, das soll die Wiege feint Und legt den liebsten Sohn darein, Und wieget ihn gelind. „Pferde!" schreit Cle begeistert. . „Und die Mutter hieß Maria und der Vater hieß Joses... Oh das wollen die beiden „großen" Kinder nicht wahrhaben. Sie werden eifrig. Är Weltbild gerät Ins Schwanken. Eine Mutter, bk Maria heißt? Da muß doch der Vater Hucke heißen! Ich spure alle Geister in den Zimmerecken schmunzeln. Gottlob, daß meine Kinder doch einen Vater kennen, wenn er auch bloß Hucke heißt. Und was nun die Maria anbelangt, so ist das natürlich eine ganz andere Maria. Sie hat ja auch bloß ein Kind und nicht drei. Sie hui eben feinen Hucke zum Manne, sondern einen Joses. Und einen Bart hol dieser Joses. Wo hätte der Hucke je einen Bart getragen! Und nun sinkt wieder das alte Wunder in die gläubigen Seelen. Sie Hirten, die redlichen, kommen von den Feldern herein und die Kam strahlt aus ihren Pelzen in den Stall. Sie beugen sich an ihren langen Stöcken über die Krippe unb beten. . „Cle auch beten!" mischt sich der Kleine ein, selig, daß er ein Fadch.-n der Erzählung gefaßt hat. Oben im Himmel der Engelein Chor, unten das Christkind und heißt Jesus, der kleine Bub — Aber das will Susanne nicht glauben. So em kleines Christkindlein hat ein langes Kleidchen bis zu den Zehen - nicht wahr? Und solche Kleidchen tragen bloß Madel, meint sie, wahren» Jobst stürmisch den Standpunkt vertritt, Jesus fei ein Bub, weil man „der Jesüs" sagt, wozu ich mich auch bekenne, obschon icy dazu die Erklärung fügen muß, das Christkind sei auf den Bildern eben im Nachthemd zu sehen. „Jetzt im Winker?" zweifelt der Junge. Oh, wer vorn Himmel kommt, friert niemals ... . Der Stern wandert über das Haus. Im Stall steht der Esel. Dtt Schein der Laterne fällt wie Silber auf sein Fell. Die Geschenke hegen um das Kind. Die alten Worte, die alten Worte. Wir sitzen da und streuen, ohne es zu wollen, die gleichen Samenkörner aus, die einmal in unseren Herzacker fielen. Wir haben keine Sonbermeinung mehr. Wir sind nur Glied einer langen lleberlieferung$> fette Wenn man uns vernünftig und dumm die Nutzlosigfeit dieser alt« Geschichten weismachen wollte, so ist die Zeit längst vorbei, wo mir darauf hörten. Wir sprechen kindlich mit den Kindern in der uralten Sprache, die die Sprache der Kinder ist und die in geheimnisvollen Stunden die unklaren Umrisse des Wunders genau so umschließt wie ei Wen Wayryetten verrnupsen. poen diese summenden Adventsstunden, in denen es un r, als ei das Trübe unseres Schicksals, ja. W RiJ X. _________t___finMIO Da gibt es nun mitunter erscheinen mag, u» ---------- ----------—'..‘"XAfcA das Opfer des Todes auch darum notwendig, um tn solchem tuwug* Besinnen die alten ewigen Worte der Legende aus Mutter- und KM»: W t mund wieder gläubig zu vernehmen, mit hellem Ohr und tiefem Echo «j in inneren Lauschen, denn erst aus dem dunklen Hintergrund, durch ben i-1 w traten, strahlt uns Unkindlichen bas Licht wieder auf. »ent W in Joiet oiinn Webri 'ViÄ W oue ein Weilchen und dann sehen wir dies"eifervolle, arglose Kl" das Vater und Mutter in aller irdischen Faßbarkeit hat, un s.-- rc k»-; ft Pi vtSorx trurh nitrk tnomon SW । 1 S'ein die Sprache des Dichters vermag. .. Rauscht es nicht um uns in aller Stille gleich den ziehenden Strömen aus den verschollenen Brunnen der Herkunft? Was wissen wir denn, sind wir nicht Saiten, angeklungen von unsichtbarer Hastd, tönend n-.’di einer alten Regel? „ „ . „1 Der nüchterne Tag? Das harte Licht der Tatsachen? Hart und nüchtern ist nur bas alltäglich Kleine! Um die großen Tatsachen des Leben» wehen Fahnen, ruft der Rausch der Begeisterung, heult der Schrei « Not schasst der Glauben, fließt der Purpur des Blutes. Nun kommen st wieder, die ich so oft sah, Heere der Toten, Kameraden des Kriege» ^e h Brüder des Durstes, des Hungers, der Erde, des Bestehens und 6!« bens. Ja, das war alles Tatsache und alles tausendfach mehr, geheimnis voll, unfaßbar, unsagbar, sinnvoll. Besteht ein Unterschied zwischen bcni Sinnglauben der Kinderaugen, diesen Meeraugen des Lebens, und bei schwerer zu fassenden und noch schwerer zu ertragenden Sinnerleben bt Mannes? O ja, ein fruchtbarer und entscheidender, aber nur der zwischt dem Baumsetzling, ben der Sturm überspringt, und dem Baum, ben et packt, bricht ober stählt. Der unüberbrückbare Unterschieb liegt nicht hiel er öffnet sich wie eine Kluft zwischen denen, bie bas Wunder unb bt Sinn nicht mehr fühlen unb den anderen, denen es oft entschwinden doch gnadenvoll wieder naht. - Ferner und näher stehen wir ihm und suchen oft nach Erklärung« wie Jobst nun wieder tief in den Zweifel fällt, denn — seht — er W entdeckt, daß feine Mutter ein Weihnachtsgeschenk strickt. Ein Weihnach-i geschenk, das doch kein Mensch anfertigt, sondern bas vom Christkin gebracht wird. Aber nun sagt aus dem alten Wissen um die froim* Schutzlüge bie junge Mutter: „Ich helfe boch dem Christkind. Das jb« jL jetzt so viel zu tun. Diese Jacke gebe ich ihm unb es legt sie unter d« m