MchenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <959 Freitag, -en 15. September Nummer Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 6. Fortsetzung. Ann ist allein, unter einem fremden Fimmel, unter fremden Menschen und auf einer Erde, über die der Krieg gewaltig dahingeht. Da ist sie müde, nur einen Augenblick lang, dann strafft sie sich und sucht einen Entschluß. „Mademoiselle", sagt Labatut leise, „der Bürgermeister von Mere- ville bietet Ihnen Gastfreundschaft in seinem Hause." Ann zögert einen Augenblick. Labatut bemerkt es: „Ich habe als Maire die Pflicht zu solcher Einladung, Mademoiselle. Das Fremdenzimmer in meinem Hause ist teer und besser als ein Gasthauszimmer. Denn unser Gasthaus ist klein und beherbergt nie verwöhnte Gäste." Ann geht an Labatuts Seite durch das Städtchen. Es lebt Nicht. Es ist stumm rote eine Märchenstadt. Nicht ein Licht schaut aus einem Fenster. Es scheint, als verberge man die Stimmen und die Lichter. Geheimnisvoll. Das rote Leuchten am Horizont war der Mond. Er ist ausgegangen und hat den Nebel vertrieben, nun legt er Silber auf die schlafenden Dächer Bregnon trägt Anns kleine Reisetasche. Er hat es sich nicht nehmen lassen, die Reisen zu begleiten, auch bedrückt ihn die nahe Einsamkeit. Denn das Bewußtsein, Herr eines toten Bahnhofs zu sein, legt sich über ihn. Vor dem Hause des Maire verschwindet er mit Kurzem Gruß. Labatut schließt die Haustür auf und ruft: „Celestine!" „Es ist meine Haushälterin, sie hört schwer, man muß sehr laut zu ihr sein", erklärt Labatut und fügt hinzu: „Ich bin Witwer. Celestine muß gewaltsam geweckt werden, Labatut trommelt mit den Fäusten an die Tür der wahrhaft jungfräulichen Kammer, denn er hat sie nie betreten. . .. ... , , „ Mit vorn Schlaf und Schreck geröteten Augen, in weißem Häubchen und in der Nachtjacke steht Celestine im Flur, verwirrt wie em Nachtfalter vom Licht. .„ , ,. „Die Dame", schreit ihr der Maire ins Ohr, „ift geroiffermaf$en schnöder vielmehr eisenbahnbrüchig, wir haben die Ehre, ihr Gastsreuno- Celestine hat vor dreißig Jahren in ihrer Vaterstadt Wniens einen Tugendpreis bekommen. Es ist eine silberne Brosche in Gestalt eine Lilie. Dabei ist es geblieben, niemand hat die Lilie gebrochen. Manches Maul sagt gern manchem manches nach, auch dem Mmre. Aber Celestine ist eine sichtbare Bürgschaft für das Wohlverhalten Labatuts. Auch eine welkende Lilie ist eine Lilie „ « Dabei ist Celestine von Natur mißtrauisch, «der Hemdes Unglück macht ihr Herz weich. Eine fromme Erziehung tragt hfiüe noch die Frucht des Mitleids. Ihre großen Augen, die unerwartet mild auf- strahlen können und das Eckige ihres Gesichts vergessen lassen, grüßen "Dann schreit sie in der ihr eigenen Weise zurückh daß das Abendessen bereitstehe, obwohl sie den Herrn Maire nicht erwartet habe. Man werde es aufwärmen und die Mahlzeit teilen. hnf,„n So geschieht es. Aber weder Ann noch der Bürgermeister haben Freude an dem Mahl. Der Maire denkt an die Preußen und Ann denkt daran, wie sie nach England kommen kann. . . .. Darnach erhält Ann ihr Zimmer. Es ist klein, überladen und riecht muffig. „Gute Nacht", sagt Labatut. Die n. Ein seltsamer Abend für den Bürgermeister rü0" ^Yrht ^Sie ift ßiebe wohnt unter feinem Dach. Sie weiß es nur noA n <$■ f durch Mauern getrennt. Buchstäblich und überhaupt. Wehglucklnh nennt Ann hat Lufthunger und öffnet das Fenster. Vor ^r liegt der Place d'armes. Ein stiller verschlafener Platz. Eine fnedsame «tu märe es, wenn nicht unfriedliche Gedanken tanzten. Der Himmel ist jetzt ganz klar, und der Mond gießt fern Licht uver Hmafter, Mauern und Dächer. Möreville schlaft. Plötzlich tropft in die Stille ein Laut. Ein fernes Poltern geht gegen das Sdjro eigen an. Es ist friedlich, verföhnlich, es gibt der Stille die rechte Weihe, denn der ferne Widerspruch betont das Schweigen. Ein französischer Fourägewagen fährt auf den Place d'armes. Der Kutscher, ein Soldat, springt vom Bock, verliert fein Käppi, bückt sich darnach, fetzt es wieder auf, steht still und schaut sich um. Dann seufzt er laut, Ann hört es deutlich. Auch das Pferd sieht sich um. Dann entdeckt es den Brunnen In der Mitte des Platzes. Das Wasser klickert träumerisch aus der dünnen Röhre. Das kluge Tier wiehert freudig, zieht mit dem Wagen hinüber und trinkt. —- Dann hängt der Soldat dem Gaul einen mit Hafer gefüllten Futter- sack um, doch sorgsam so, daß der Futterfack das Tier nicht behindert, wenn er teer gefressen ist. „Gute Nacht, Louisonl Warte bis morgen früh und gehe nicht von der Stelle. Sonst könnten dich die Preußen erwischen und gefa-ngen- nehmen! Und das wollen wir doch beide nicht!" Dann geht der Mann suchend um den Platz und verschwindet schließlich in einer Seitenstraße. Nicht einmal im Schlaf, in den Ann bald sinkt, kommt ihr der Gedanke, daß dieser fremde Soldat zur Hand des Schicksals gehört, die über ihr schwebt. Theophil Poiporence ist vielleicht nur ein Fingernagel an dieser Hand, aber die Hand hält die Fäden, die das Gespinst der nahen Zukunft weben. Rue Royale heißt prunkvoll die Straße, die Poiporence jetzt aufsucht. Das ansehnlichste Haus dort gehört dem Rentner Beauvisage. Sonst ist die Rue Royale eine ganz gewöhnliche Straße, mehr dörflich als städtisch. Am Tag vor dieser Nacht hat Herr Beauvisage, der Junggeselle ist, Mereville mit hochgetürmten Gepäck verlassen. Er ist konservativ. Er zieht Pferd und Wagen der Eisenbahn vor und behauptet von sich, daß er eine unabhängige Natur fei, darum läßt er sich von keinem Schienenstrang bevormunden. „Ich habe Wagen und gute Pferde, damit bin ich ein Bogel und kann fliegen, wohin ich will." Und so ist er geflogen, weil die Deutschen kommen, mit Pferd und Wagen ist er davon! Er hat das Haus feiner Wirtschafterin anvertraut und" ihr die Sorge dafür und die Schlüssel in die Hand gelegt. Ja, Germaine Griselle hat das Vertrauen des Herrn Beauvisage. Geld und Wertsachen schlummern beim Bankier in Paris, und das Haus kann Germaine nicht roegtragen. Griselle ist eine starke Person, blond, mit festem Fleisch und den Genüssen der Welt zugeneigt. Darum leistet sie sich nach der unfestlichen Abreise ein einsames Mahl und erhebt es durch eine Flasche besten Weines, den sie des Rentners toftbarfter Kellerecke entnimmt, zur Feier. Segen Abend ist sie bereits entschlossen, die Selbständigkeit auszu- dehnen und das Bett des Herrn Beauvisage während seiner Adwesen- heit als ihr eigenes zu betrachten, denn es hat eine behagliche Breite und ist weicher als die enge Lagerstatt ihrer Mädchenkammer. Der Entschluß pendelt zwischen Verlangen und Hemmung, als die Hausglocke läutet. Germaine erschrickt, vielleicht sind es die Deutschen? Sie steckt den Kopf auf dem Fenster des ersten Stockwerks. Vor dem Haufe steht der Drainsoldat Poiporence und ruft halblaut ihren Namen. Die Stimme kommt ihr bekannt vor. Sie holt die Petroleumlampe und hält sie zum Fenster hinaus, um den Mann anzu- leuchten. „Aber Germain«, ich bin es doch, ich — Theophil, der hier im Quartier wär, Theophil vom letzten Manöver!" Da hat sie ihn aber schon herzklopfend erkannt! Und in diesem Augenblick weiß sie, weshalb ihr einsames Mahl bei des Hausherrn bestem Wein nicht so heiter verlaufen ist, wie sie es erträumt hat. Es fehlt das Element, das zur Abrundung ihres Glückes notwendig war: die Liebe. Nun steht die Liebe, o wundersame Fügung! vor der Tur! Ein kurzes, aber kräftiges Erlebnis hat ihre Herzen oder mehr ihre Sinne beim letzten Manöver verbunden. Doch hat die Zeit die Leiden- scha i einer Mondnacht nicht so im Herzen vergraben, daß sie Wurzeln geschlagen hat. Weder Germaine noch Poiporence sind sehr gefühlvoll. Aber die Erinnerung läutet ein freundliches Glöcklein. Germaine nimmt die Lampe zurück. Sie geht mit einem auf einmal leichten und schwebenden Schritt di« Stiegen hinab und schließt auf. Er sagt: „Meine Kolonne ist abgeschnitten. Ich weiß nicht mehr, wo ich durchkommen soll. Morgen früh versuche ich es noch einmal. Nimmst du mich auf bis dahin? Deine Herrschaft braucht es ja nicht zu rotifenl Sie zieht ihn ins Haus. Sie fährt ihm durchs Haar. Sie druckt ihn an sich und küßt chn. Dann sagt sie: „Du stinkst sa nach Schweiß!" Aber sie fagt es un- gemein zärtlich und setzt hinzu: „Wasch dich!" Sie gibt ihm warmes Wasser, einen Zuber, er grinst und sagt: „Du könntest mir den Rücken abseifen!" Sie glänzt ihn an, ihre Augen kullern. Aber, denkt sie mit Erfahrung, eines nach dem andern. „Nun iß erst einmal", ermuntert sie ihn und tischt auf, was im Hause ist. Dann holt sie Wein, wiederum aus des Kellers bester Ecke. „Bist du froh, mich wiederzusehen, Germaine?" fragt er selbstgefällig. „Es ist ja nur ein Zufall, du Schuft", knurrt sie liebevoll und stößt ihn in die Rippen. ,Liber ich habe den Zufall ergriffen!" schmettert er und tut das, womit er Germaine seinerzeit gewonnen hat, er schlägt sie mit derber Zärtlichkeit auf den Hintern. Aber dann reibt er sich die Augen, stützt den Kopf auf und gähnt. „Beauvisages Bett ist viel weicher und breiter als meines", sagt Germaine versonnen ... * Es war ein Morgen, lauernd, voller Cxplosionsstoff für den kommenden Tag. Er blinzelte grau und hämisch durch die Gardinen des Hauses ßabatut, der Maire blinzelte mißvergnügt zurück, und dann rumorten seine Gedanken. Die Preußen! Nun, Gott sei Dank, sie waren nicht gekommen! Doch der Preußen wegen hatte er einen Gast in seinem Hause, und dieser Gast beunruhigte fein Gemüt. Herr ßabatut blinkt in den gestrigen Tag wie in einen Spiegel und sand zu seinem Schrecken einen Verliebten. Er war verzaubert. Auch die Zauberin machte sich an diesem Morgen Gedanken. Eigentlich war es nur ein einziger Gedanke: sie wollte nach Calais oder wenigstens an einen Hafenplatz der Nordküste — und dabei blieb es. Auf dem Place b'armes döste das Pferd ßouifon. Es harrte aus, weil es fein Herr besohlen hatte. Ein Mensch hätte nicht so lauge aus- gehalten. Es war aber ein Pferd, ja es war sogar guter ßaune, denn als Ann am Fenster erschien, wieherte es. Es war ein freundlicher, lustiger Gaul, ein sonniges Tier sozusagen. Inzwischen löste sich Mereville langsam aus den Armen des Schlummers. Man hatte sich mit der Furcht vor den Preußen zu Bett gelegt und war froh, daß man wieder mit der Furcht und nicht schon mit den Preußen aufstand. Die Möreviller schienen eine große Familie. Sie lebten, wie Ann zu ihrer Verwunderung sah, ohne englische Zurückhaltung. Während ihr Vater nicht einmal seinen eigenen Garten in der Hausjoppe betreten hätte, es fei denn im Zustand einer großen Verwirrung, boten die Damen von Mereville in Nachtjacke und Haube einander den guten Morgen und fegten, das Haar noch wirr und für eine kunstvolle Frisur nur vorbereitet, den Platz vor den Häusern. Bald sammelten sich um den Fouragewagen die Neugierigen. Da die Schrift am Wagen verriet, daß ßouifon ein französisches und sogar ein militärisches Pferd war, genoß die vergnügte Stute die Freundschaft aller. Der Bäcker Croubillon brachte ein langes Weißbrot als Morgengabe, und der Wirt Bicheroux schrieb mit Kreide an den Wagen: „Es lebe Frankreich!" Alle hätten mit ßouifon gern ein Gespräch angefangen, denn man war neugierig, was der Gaul erlebt haben mochte, aber selbst französische Gäule sprechen nicht Französisch. Der Vorsteher Bregnon stand vor seinem Stationsgebäude. Er konnte immer noch nicht begreifen, daß er nun zu unfreiwilligem Feiern verdammt war. ßangfam schloß er die Tür feines Dicnstraumes auf. Aber keine Arbeit verlangte nach ihm, das Büro war nichts als eine Häufung auf einmal nutzloser Gegenstände. Er tippte auf die Tasten des Telegraphenapparates; es war eine mechanische Geste ohne Wirkung. Seufzend trat er auf den Bahnkörper hinaus. Die Schienen waren zerschlagen, die Signalstangen umgestürzt. Er rührte an einer Weiche, aber sie bewegte sich nicht. Bregnons Tag verlief also von nun an ohne das Gleichmaß des Dienstes. Er fühlte sich zerstört wie Station und Strecke. Es war nichts ßebenbiges übriggeblieben als eine Reifende. Als er an sie dachte, spaltete ein blitzender Einfall die Wolken seines Mißmuts, und er sah im grellen ßichte der Pflicht eine Aufgabe. Wohlan! sagte er laut und eilte zu ßabatut. Ann Moreland sagte unterdes dem Maire, daß sie als Engländerin sich in keiner Weise beengt fühle und das Recht auf Bewegungsfreiheit voll in Anspruch nehme. Aber der Bürgermeister verstand kaum, was sie sagte. Er war zu sehr Auge, um noch Ohr sein zu können. ßabatut glaubte, er sei wieder jung. Dajnit erreichte er den Boden der Phantasie. Dort bekam er Flügel. Die Wünsche der Menschen sind dre Eltern der Einbildung, ßabatut fühlte ßiebe und war sicher, auch ßiebe erweckt zu haben. Es war ein angenehmer Zustand, denn ßabatut vergaß die Preußen. Er warb um Anns Verbleiben: „Glauben Sie mir, die Unfern werden nicht lange auf sich warten lasten! Bald sind die Preußen zurück- geschlagen! Und Sie können reifen, wohin sie wollen!" „Nun", erwiderte die ungläubige Ann, „ich fürchte, bis dahin ver- Qept niefyr Heil, als Ahnen unb mir lieb ift. Sie würben ficfyer bereuen, mich fo lange beherbergt zu haben." Da schwur er mit solcher Begeisterung: „Nein", daß Ann merkte, wie wild sein Herz brannte. Diesem Feuer war sie aber nicht unbeschwert gewachsen, denn den Maire von Mereville kannte sie nicht so gut wie Gilbert Jllington. Darum verstummte sie abwartend. Inzwischen erschien der Stationsvorsteher Bregnon in der Mairie sind bot erregt seine Dienste am „Mademoiselle! Die Eisenbahn hätte Sie nach Calais bringen müssen! Das war nicht möglich! Aber die Eisenbahn" — er verneigte sich — „Ist für Ihre Reise verantwortlich! Wir Werden Ihnen heljen!" ßabatut lachte auf: „Lächerlich, lächerlich, ganz unmöglich!" Er wünschte Bregnon zum Teufel. Er störte den Zauberkreis, noch ehe er gezogen war. „Gestern, am späten Abend", sagte Bregnon, „war es unmöglich, einen Wagen zu beschossen, gewiß! Sehen Sie — so sind die Menschen: die Dunkelheit verwirrt sie und macht sie zu Kindern! Sie haben Angstl Aber der Tag, des bin ich gewiß, macht sie froh und bereitwillig! Man muß Ihnen helfen, einen von den Deutschen nicht besetzten Platz zu erreichen!" „Wenn ich Sie recht verstehe, so glauben Sie, daß ich von einem solchen Platz wieder Anschluß nach Calais oder Boulogne bekomme!" „Ja, ja!" sagte Bregnon eifrig. ßabatut widersprach, aber was er sagte, klang ungeschickt. Denn er widersprach nicht reinen, sondern entzündeten Herzens. Ann fragte heiter: „Aber meine Herren, was kann mir geschehen? Angenommen, ich begegne wirklich den Deutschen, werden sie mich erschießen?" Der Stationsvorsteher glaubte es nicht. Aber ßabatut schrie ihn erbost an: „Was wissen Sie von den Preußen?" „Und was haben Sie davon, einer jungen schutzlosen Dame Angst zu machen", gab Bregnon zurück. — „Und wenn es so wäre, wie Sie sagen: kein Mensch gibt in Mereville Pferd und Wagen heraus, um eine Expedition ins Ungewisse zu unternehmen!" Bregnon meinte, dies sei in der Tat die schwierigste Seite der Angelegenheit. Doch schien er nicht entmutigt. „Dabei gibt es sogar herrenlose Pferde in Mereville", sagte Ann und zeigte durch das Fenster auf den Wagen und das Pferd am Brunnen. „Ein militärisches Fuhrwerk!" betonte der Maire. Es war natürlich unantastbar. „Wo ist aber der Soldat, der dazugehört", fragte Akin und erzählte den nächtlichen Vorfall. Da verbreitete sich Bregnon sogleich in einer spitzfindigen Art, die jedem Advokaten Ehre gemacht hätte, über bas Recht, dieses Fuhrwerk zu benutzen. „Hatten nicht", so führte er aus, „militärische Operationen die Eisenbahn verhindert, die Pflicht der Personenbeförderung zu erfüllen? Weshalb soll die Militärbehörde nicht einen samt Pferd vergessenen Wagen leihweise hergeben?" „Sie reden wie ein Zivilist", bemerkte ßabatut verächtlich. „Nachdem gestern das Pionierkommando abgefahren ist, gibt es in Mereville überhaupt nur noch Zivilisten!" erwiderte Bregnon trocken unb suchte durch einen Blick Rückhalt bei Ann. ßabatut fürchtete, daß die englische Zähigkeit seines Gastes dem verwegenen Gedanken des Stationsvorstehers zu Hilfe kommen würde. Er verkürzte daher das Gespräch durch einen Befehl an den herbeigerufenen Ortsdiener Duatrebras, er möge mit der großen Schelle in Mereville umhergehen, den Wagen ausläuten und nach dem Soldaten forschen. * Theophile Poiporence ruhte im Arm der Liebe und im Bett des Herrn Beauvisage. Er hatte nach so vielen Kriegs- und Rückzugstagen einen tiefen und gefunden Schlaf. Germaine aber befaß nicht das Herz, ihn dieser Erquickung zu entreißen. Sie freute, sich seiner natürlichen Entrücktheit und lauschte gerührt seinem festen männlichen Atem. Da die Fenster des Schlafgemachs auf den Hof gingen, hörten die beiden Bewohner des Hauses Beauvisage weder das amtliche Klingeln noch die krächzende Stimme des Ortsdieners Duatrebras. So besiegte der Schlaf die Pslicht. ßouifon blieb verlassen. Verlassen um eines anderen weiblichen Wesens willen. Und der Tag ging weiter, ohne daß sich für Herrn ßabatut die ßage klärte. Bregnon aber gab, durch den Widerstand des Maire gereizt, seinem Eifer die Grundmauern des Eigensinns. Er blieb abwartend auf der Bank vor dem Hause ßabatut sitzen. Als der Amtsdiener unverrichteter Dinge zurückkehrte, grinste Bregnon Triumph. ßabatut sah es, kochte und schalt ihn einen Narren. „Ach", schrie Bregnon in die Neugierigen hinein, die auf dem Platz vor der Mairie standen, „ist es närrisch, diesen verlassenen Wagen in Sicherheit zu bringen? Retten wir nicht vielmehr Pserd und Wagen vor den Deutschen?" Wahrhaftig! Bregnon wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlage», und alle begriffen es! ßabatut aber verlor den verächtlichen Ausdruck nicht, den er ausgestellt hatte, seit Bregnon ihn bedrängte. Mit der Ruhe eines ßöroenbänbigers folgte Ann Moreland dem Streit. Sic war entschlossen, den Kampf, bei dem sie mehr ßeibträger Qts Preisträger schien, zu beenden. Sie wußte aber noch nicht, auf welche Weise dies geschehen konnte. „Nun gut", sagte ßabatut und machte eine einladende Geste an die Runde der Neugierigen: „Wer will Miß Moreland mit diesem Wagen von hier fortbringen?" Die Blicke der Neugierigen von Mereville liefen vom Wagen auf den Maire, vom Maire zu Ann. ßouifon wieherte einladend. Der Maire lächelte. Das Lächeln sagte zu Bregnon: „Nun? Siehst du?" Wenn sich Furcht und Vorsicht zusammentun, verkrüppelt der Mut. Niemand wollte den Deutschen in den Weg laufen. Dabei war es sehr ungewiß, daß man ihnen begegnete. ßabatut freute sich über’ das Schweigen, ßiebenbe wollen immer triumphieren. Auch Maurice ßabatut hatte einen Triumph nötig. Frauen bewundern gern. Und wo sie bewundern, lieben sie bald. Allein es ist ein gefährliches Spiel für den Mann: ein mißratener Triumph endet im Gelächter. ßabatut fühlte sich stark genug, die Frage zu wiederholen: „Ist niemand da, der Miß Moreland fahren will?" (Fortsetzung folgt.) Dcm Führer. Von E. ®. Kolbenheyer. Im Schicksalssturm der Völker wachst der Mann, Der seinem Volk die Bresche bricht zum Licht. Er trägt Verlangen nach der starken Stunde, Die blanke Waffe führt und keinem Munde Das überflüssige Wort vergeben kann. Er sucht die Tat. Die Tat nur hat Gewicht. Und Grenzlandsehnsucht schärft ihm das Gesicht. Er weih, hoch über allem Ränkespiel Wird sich sein Volk als Führervolk erweisen: Das weite Volk, geeint durch Blut und EisenI Träume versinken. Einzig nur die Pflicht Des eignen Opferganges scheint ihm Ziel. So dankt er Gott in strömendem Gesühl, Daß ihm die Gnade wird, Soldat zu sein In einer Stunde, da der Erdkreis zittert Und deutscher Boden, schicksalüberwittert, Den Führer zeugt: ein Herz, in Flammen kühl, Ein Wille, planvoll, hart, kristallenrein. Das Volk wacht auf. Don W a l t e r v o n M o l o*. .chast du bemerkt? Unser Leutnant ist blutrot geworden, als er sein scecht einsah?" sagt der eine Rekrut zum andern. ,Es wäre Schande, mein Sohn", spricht ernst der Hauptmann aus ft Fenster der Regimcntskanzlei heraus, „freutest du dich über anderes, ü daß.jetzt jeder Preuße erkennt, daß die Sittlichkeit das Um und li unseres Bestandes ist." Stramm steht der junge Soldat vor seinem ^gesetzten. Beisällig nickt des alten Hauptmanns Kopf im Fenster- Mchnitt. „Wer vor sich erröten kann, der kann dem Donner der Machten fürs Vaterland ruhig entgegenleben. Ein Bataillon guter Huschen ist stärker, als ein Regiment knechtischer Seelen. Haltet, euch ten, und seid bereitI" „Sehr wohl, Herr Hauptmann!" Anmitten eines Grabmonumentenlagers stehen zwei Greise und jnten miteinander. ,Du bist leichtsinnig! Wie kannst du immer Wohltätigkeit spenden?" tx der eine. „Was schänden?" fragt grob der Schwerhörige und sieht fr den Bruder an. „Ich sagte schenken!" schreit der. „Du sollst nicht so W herschenken, wir können nichts mehr entbehren!" — „Ja, ehren, das Ist uns." — „Ich sagte entbehren! Wir können nichts mehr entbehren!" -„Wir brauchen jetzt nur Wasser und Brot und ein Gewand, das * kleidet. Mehr nicht. Wir sind Junggesellen!" — „Du wirst noch ver- N«rn! Gib der Frau den Grabstein. Es müssen überall Grabtafeln bestellt werden, zur Ehre unserer Toten und zur Nacheiferung für «Lebenden. Beruhig' dich: du wirst bald gute Geschäfte machen!" jornig, aber nachgebend, stelzt der Bruder zur Werkstatt, in der ptatme Frau wartet, die ihrem toten Mann ein Denkmal setzen will W kein Geld dazu hat. Ich geb dir keinen Kuß. Ich könnte dich umbringen!" sagt das Men. Küss« mich tot!" antwortet der Mann. itezwungen legt das Mädchen ihm die Arme um den Hals, es bietet ™ Mund zum Kusse dar. „Geh gegen den Feind!" Es ist alles eines, Brigitte." 6i< stehen Hand in Hand. Sie blicken durchs Fenster, zu den Grä- » der gefallenen Franzosen, zum Erbbegräbnis, in dem ihre Eltern hn. -Herr Domäneninspektor! Die Demoiselle Tochter ist da!" -Was? ..." ruft der Hausherr. »n der alten Magd vorbei, vor die zusammenschreckenden Eltern und ^Geschwister, stürzt die Verstoßene ins Zimmer und auf die Knie, '«n Anatole ist gefallen! Verzeiht mir!" Tief beugt sich der Vater 91 Kopfe feines schluchzenden Kindes nieder; die Mutter hebt die Zer- 'cene auf und zieht sie liebend an ihre Brust. „Es war nur die Zeit, ihr! Nur die Zeit; er war ein guter Mensch, Mutter, wie ihr. Glaubt pl.iich wollte ihn stützen; er ist jetzt tot. Laßt mich nicht verkommen!" umarmen ihr heimgekehrtes Kind. ,lin Offizier steht vor den Staatsgefangenen in der Spandauer . M-elle. „Ihr seid im Unrecht", fagt er ernst. „Wenn ihr auch im Zu- I^iuenbruch alles fürs Vaterland aufgeopfert habt, Herr von der Marwitz, Wveht es um mehr! Ich weiß", beschwichtigt der Offizier, „Sie sind Waus persönlichen Gründen gegen die Regierung; ich weiß: «is sind c achljcher Gegner; aber die Mehrzahl unserer Standesgenossen ist L?f. Jo. In diesem Augenblick gegen die Regierung aufzutreten, war, kichen Sie das harte Wort, Hochverrat! Es war Staatsnotwendig- fc‘ richtig, daß Sie verhaftet wurden ..." »',D0 spricht der Sohn des großen Seydlitz zu mir? Cs ist weit ge- W>en! Ihr schafft die Revolution! Das ganze Volk bewaffnen, heißt »Den den König aufstehen lassen!" Zustimmend nickten die anderen gmierten. Mitleidig sehen sie den Major von Beneckendorf an, der r müden Schwere seines Alters wie gelähmt auf einem Schemel Ijt vor sich hinstiert. Der kassierte Offizier hält seinen Kopf mit iP ”ei6en Harrbüscheln in den Händen vergraben. iw.’’,;5 jst hart, Treue mit Arrest bestraft zu sehen!" spricht verbittert W Warm streckt ihm Seydlitz die Hand hin. „Herr von Benecken- | !^us der Crstschrift des Romans „Das Volk", veröffentlicht in dem IP' --Der endlose Zug", Verlag Holle L- Co., Berlin. Vorst', bitte! er sodann, „kommen auch Sie!" Bestürzt hebt der GrekS den Kopf; Seydlitz tritt ans Fenster, er weist über die Courtine zum Ravelin nieder. Beneckendorf weicht zurück: Hier drangen im Jahre des Zusammen-, bruchs durch feine Schuld die Franzosen ein! Seydlitz faßt des Alten Hand. „Sehen Sie da unten die Leute schanzen?" fragt er. „Es sind ehemalige Soldaten von Ihnen. Sie werfen bombensichere Defensionen auf!" Als erwache er unter Seydlitzens Blick, starrt der Greis. „3m ganzen Land wird geschanzt! Graf", sagt Seydlitz. „Sie sind ein Nachkomme von Friedrichs Minister! Ihr Vater, Beneckendorf, verlor sein Bein neben dem großen König bei Kolin, wollen Sie jetzt, da die Entscheidungsstunde da ist, nicht vergessen, wie wir alles Trennende vergessen und nur noch Ordres parieren?" Marwitz nickt. Beistimmend nickend, wankt der alte Beneckendorf zu seinem Schemel zurück. Der schneeige Kopf beugt sich, der alte Mann weint, wie ein Kind. Aus den Schloten der Gewehrfabrik quillt Rauch. „Es schneit!" spricht leise und ehrerbietig vor der Hilfe des Alls Seydlitz. „Freunde", ruft er und breitet die Arme aus. „Freunde, werft alles Trennende von euch. Alles Rechthabenwollen, alle Vorrechte, werdet ein Volk! Es gilt die Freiheit." Emsig rinnt ber Schnee vom Himmel. Legendenkranz um die Danziger Marienkirche. Von O. G. F o e r ft e r. In der Marienkirche zu Danzig befindet sich über der Hedwigs- kapelle ein in Holz geschnitztes Bild des Gekreuzigten, dessen Schönheit und Naturwahrheit jeden Beschauer in seinen Bann zieht. Man glaubte lange, es sei eine Schöpfung Michelangelos. Die Legende aber erklärt die erschütternd treue Darstellung des schmerzensvollen Hinscheidens am Kreuze anders. Ein Künstler erhielt vor Jahrhunderten den Auftrag, dies Bild zit malen. Es war ein Maler, dessen Leidenschaft zur Kunst keine Grenzen kannte und sein ganzes Leben erfüllte. Lange fuchte er nach einem Modell für sein Bild. In einer Nacht träumte er: ein Jüngling von edler Schönheit erschien ihm und winkte ihm. Er führte den Maler in ein Haus in der Nähe der Tormauer. Tags darauf wanderte der Maler zur Tormauer und erblickte dort das Haus, das er im Traum gesehen. Er fand darin auch den Jüngling, der sich bereit erklärte, Modell für das Bild zu stehen. Aber als die beiden nun im Haufe des Malers weilten, ergriff ein wahnwitziger Gedanke den von feiner leidenschaftlichen Wahrheitsfucht befeffenen Künstler: Er vermeinte, den Schmerz eines furchtbaren Todes nur dann echt wieder geb en zu können, wenn er diesen Tod selbst miterlebte. So verübte er die grausige Tat. Er fesselte den Jüngling, zimmerte ein großes Kreuz und schlug den Unglücklichen lebendig ans Kreuz. Dann ging er an die Arbeit. Als der Gekreuzigte die Augen schloß, war das Bild vollendet. Der Maler aber erkannte in jäher Ernüchterung seine Schuld und erhängte sich neben dem Toten ... Grausig ist auch die Geschichte von der kunstreichen Uhr, die in der Marienkirche aufbewahrt wird und früher einmal am End« jeder Stunde ein frommes Lied gespielt haben soll. Heute schweigt das Werk. Es war ein Meisterwerk des Nürnberger Hans Düringer. Die Sage erzählt: Hans Düringer lebte in Danzig, als der Rat ihm befehl, eine Kunstutz r zu bauen, wie sie keine andere Kirche in der Welt besitze. Er sollt« viel Geld dafür bekommen, bis zu seinem Tod« würde er sorgenfrei leben können. Aber die Herren vom Rat stellten eine Bedingung: Nach diesem Werk dürst« Düringer feine ander« Uhr mehr bauen. Danzigs Uhr sollte unübertroffen und des Meisters letztes und größtes Werk bleiben. Falls aber Düringer sein Versprechen nicht hielt, sollte er dem Henker übergeben werden. Hans Düringer baute die Uhr, und sie erklang fortan lieblich in der Marienkirche und galt als ein Wunderwerk in ganz Deutschland. Der Meister lebte hochgeachtet und sorglos in der Stadt. Aber auch er war ein Künstler, und bald wuchs die Sehnsucht in seinem Herzen, Neues zu schaffen, den kühnen Ideen, di« in ihm lebendig wurden, Gestalt zu geben. Sein Versprechen reute ihn längst, und in aller Heimlichkeit begann der alt« Meister, eine neue Uhr zu bauen, ein Kunstwerk, das jenes der Kirche noch weit übertreffen und mit feiner Musik das Lob des Ewigen künden sollte. Noch war das neue Werk längst nicht vollendet, da erfuhr der Rat von der Arbeit Hans Düringers. Man hielt Gericht über ihn, und obgleich er nach dem Vertrage des Todes schuldig war, mildert« der Rat di« Strafe, indem er befahl, den Meister zu blenden, damit er fortan feine weiteren Uhren mehr bauen könnte. So geschah es, und Hans Düringer lebte fortan blind, einsam und unglücklich in seinem Haus. Bald fühlte er, daß er sterben müsse. Da ging er zum Rat und bat, noch einmal feine Uhr in der Marienkirche schlagen und spielen zu hören. Man gewährte dem Greise gern den Wunsch. Aber als Hans Düringer nun vor seiner tickenden und spielenden Uhr stand, griff er wie liebkosend ins Räderwerk — und sogleich stand sie still. Der Meister sank zu Boden, niemand aber vermochte seine Uhr wieder in Gang zu setzen, sie blieb stumm bis heute. Auch ein aus Ton geformtes Marienbild von rührender Schönheit, das in der Marienkirche steht, erzählt eine dunkle Geschichte. Ein junger Bursche war wegen eines Raubes, den er in der Not begangen, zum Tode verurteilt worden. In der Nacht vor seiner Hinrichtung fand er plötzlich in feiner dunklen Gefängniszelle einen Klumpen und knetete ihn, bis es Morgen wurde. Der Henker und feine Knechte kamen herein — der Jüngling lag friedlich schlafend auf dem Boden. In seinen Händen aber hielt er ein wunderbares Bild der Maria, kunstreich aus Ton geformt und fo überwältigend schön, daß selbst die Henker davon gerührt wurden und den Rat holten. Der Jüngling erzählte, daß er in tiefer Finsternis und ohne eine Absicht den Ton geknetet habe. Die Danziger aber erblickten erschauernd das Wunder und mochten wohl lop! Ä! $ »1 01 itmni V 3 iiror nenS 1« K ’tti kmr tMe 61 8« ath Ügtjal M kiw! Wairit Mitt Sain tut 3 f Here Verantwortlich: l)r. Fr. W. Lange. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießet glauben, daß gute Geister die Hände des armen Sünders geführt hätten, und der Rat begnadigte ihn. In einer anderen Kirche Danzigs steht ein Stein, der einstmals Brat gewesen sein soll. Ein Schuh knecht ging in der Ordenszeit einmal von Oliva nach Danzig. Die Mönche des Klosters von Oliva hatten ihm einen Laib Brot als Almosen geschenkt, das er unter dem Rocke trug. Eine arme Frau mit zwei Kindern begegnete dem Burschen und bat ihn um ein Stück Brot für ihre hungernden Kinder. „Ich habe keines!" sagte der« Geselle. Die Frau zeigte stumm auf das Brot, das aus seinem Rock hervorsah. „Es ist nur ein Stein, damit ich die Hunde scheuchen kann!" rief der Bursche. ,Zch schwöre es dir, es ist nur ein Stein". Als der Geselle aber nach Danzig kam und sein Brot verzehren wollte, war es plötzlich wirklich ein großer Stein geworden ... zieht und in bösen Jahren Hunderte von Tieren einbüßt. Fleiß und Geduld.'.. Denn bis die Dattelpalme Ertrag gibt, li vier bis fünf Jahre nötig, und wo die Oasen klein sind und eine gem*- Landschaft, wie im „Sous", in Süd-Algier, nur gegen 300 000 Palm trägt (statt einer Million und mehr, wie in begünstigten Landstrst Dscherid, Oued Rirh) oder wo nur eine tiefere unterirdische wassertest Schicht die Palmenkultur — die bis in diese Schicht herabreicht — kleinen Gruppen gestattet, da macht der unbarmherzig anrückende Sa der Wüste langsam aber sicher dem menschlichen Fleiß den Garaus, steht man denn an den weniger begünstigten Stellen nur noch cinjel halb erstickte Palmen mit der Krone aus dem Sande aufragen einen Garten, der nur mit immer neu erhöhter Lehmmauer und tred nen Palmblättern als Palisaden darauf um fein Leben kämpft. Ist Kamps zu Ende, so ragen diese Palisaden als ein dunkler Strich noch dem Rücken hoher Sanddünen hervor — Denkmäler einer Schlacht, & vorn Menschen verloren wurde. Dieser Kamps hat aber auch die Mensch der Wüste wach und regsam gemacht — von der Trägheit mancher P' mitioeren Bevölkerung in glücklicheren Ländern merkt man im Wüste gebiet wenig, außer wo sie klimatisch nicht nur bedingt, sondern gerabti nun. N Mi 1 Sei 'i Ul Mm liitil Mutterschafe. Von Hedwig For st reute r. Dunkelrankende Zweige senken die Eichen zur Erde, Seltsam bog sie und wild brausenden Sturmes Gewalt. Langsam über das Gras trottet die weidende Herde, Hoch in den strahlenden Himmel düftert des Schäfers Gestalt. Winterlich knistern die Blätter, welk, in des Weges Geleise, Doch aus der Wiese hell steht schon ein Blumengesicht, Rings in den Bäumen sitzen die Krähen im Kreise, Und aus des Stromes Ferne sprüht es wie silbernes Licht. Lächelnd leuchtet die Sonne, streichelt die zottigen Felle, Webt um den Hutrand des Schäfers heimlichen bebenden Glanz, Zittert zum Boden hernieder, wiegt sich in goldener Welle, Flimmert bann über den Schafen wieder in kosendem Tanz, liefet neigen die Bäume suchende Aeste zur Erde, Fast, als wollten sie segnend über den Müttern stehn. Die geduldig tragen den Segen der Herde Und ihrem Erntetag stille entgegengehn. Der Europäer begreift erst dort den ihm so selbstverständlichen Reichte den er am Wasser besitzt. Er versteht auch dann die reduzierten SBafo sitten solcher Völker und Landstriche (ganz abgesehen davon, daß uni« der brennenden Sonne „Fettwäsche", d. h. Oele usw. wirklich meist }i» träglicher sind, als Wasser oder Seife) aus dem dort eingewurzelt« Gefühl für bie Kostbarkeit des Wassers. Aus dem Gesagten geht hervor, daß nicht eigentlich eine natürliche Ueppigkeit diese Oasen schuf — außer dem unterirdischen oder auch gi oberirdischen Wasserreichtum und dem kultursähigen Boden —, sondcn unendlicher menschlicher Fleiß, Mühe und Scharfsinn. Auch die Staffelns des Pflanzenwuchses in mehreren Stockwerken ist hier nicht eine üppiel Naturlaube, sondern ein Gebot der Not: ausnutzen, bis aufs letzte dlPI kostbare Erde ausnutzen — dreifach, vierfach —, in der Senkrechten to die waagerechte Ausdehnung begrenzt ist —, ganz abgesehen davon, toji eben dadurch der dichte, lebenswichtige Schatten der Oase entsteht. Demi sorgfältiger Bearbeitung durch die Besitzer (Eingeborene und europäifdn l Handelsgesellschaften), fast immer etwas unordentlich aus — aufgerissn^ l^r Boden, Pfützen und Lehmbrei zwischen den Kulturen. Ader köstlich, Schattenfrische und smaragdenes Grün ringsum! ’ M Wasser stehlen, aus dem Anteil des Nachbarn, oft mit schlauen & 111 bohrungen der Lehmwände der Bassins und heimlicher Ableitung au If I den eigenen Boden, war daher ein beliebtes Geschäft, aber ein scher¥1 Vergehen. Deshalb hat man auch die Lehmwände solcher „Verteilung bassins" — kleine Vierecke mit niedrigen Lehmmauern, „gaddus“ genannt jetzt besser aus Zement errichtet; schon die Römer errichteten sie am Stein. In Europa hat sich in der geregelten Wasserwirtschaft und bei „Wassergerichten" im Gebiet der spanischen Stadt Valencia noch eit Nachklang dieser vorwiegend arabischen Regelung erhalten. In den hochberühmten Oasen des Dscherid, des Landrückens zwischen dem ihm benannten großen Salz-Schott, dem Schott Rharsa und Wüte» gebiet, war es schon im 13. Jahrhundert ein weiser Scheich, der bkji strenggeregelte Wasserverteilung erdachte und durchführte. Sein Nm wird noch heute geehrt. Auch der Verkauf solcher Wasseranteile ist fii die ärmere Bevölkerung, die ihren Besitz nicht voll ausnutzen kann »da will, eine regelrechte Einnahmequelle. Hier gilt wirklich das Wort bei griechischen Weisen „to ariston men hydor“ (bas Beste und Wichtige i) das Wasser) in voller praktischer Bedeutung. Versagen die Quellen aus Naturgründen ober durch menschliche MW lässigkeit, die die Wasserzufuhr der Oasen verkommen läßt, so ist ta j Todesurteil der Pflanzenparadiese in solcher Wüstengegend gefprodjet Der Kampf mit der Wüste. Von Dt. Lenore Kühn. Wir sprechen bildlich von einer „Oase in der Wüste", obwohl sich die Wenigsten natürlich eine klare Vorstellung davon machen können — so etwa: „ein Fleckchen mit Palmen in einem Sandmeer". Aber diese Oasen in Algier und Tunis, von denen hier nur die Rede sein soll, sind vor allem nicht nur eine „Nicht-Wüste"; sie sind darüber hinaus von einer so geradezu hemmungslosen Ueppigkeit, daß auch der, der die romantisch-üppig blühenden Gefilde der Rivieraküsten Europas kennt, zunächst nur Überrascht und verblüfft ist über diesen drängenden, unerhört wuchernden Reichtum mitten in der Wüste, im toten Sande, sozusagen vier- bis fünffache Vegetation, in der Vertikale gezählt, an einem Ort. Es ist, als ob das starre Wüstenland an solchen bevorzugten Stellen alles wiedergutmachen wollte, was es sonst den Menschen an Erfreuendem und Nützendem, ja an Lebenswichtigem vorenthält! So in der wunderschönen Oase von nördlicheren El Santara und der berühmten von Biskra, so aber auch inmitten der Sanddünen der Sahara, in Truggourt und in den tunesischen Oasen des Wüstenrückens El Dscherid. Da sind, zuoberst in solchem grünen, schattenspendenden Pflanzengebäude einer Oase, die himmelhohen Dattelpalmen Afrikas, mindestens drei bis sechsmal so hoch, als was man an behäbigeren Dattelpalmen als Zierpflanze der Parks und Plätze Südeuropas zu sehen bekommt (dort natürlich ohne genießbare Früchte, bis auf den einzigen Fleck in Spanien, Alicante-Elche). Das Abernten dieser Riesenbäume, mit ihren nackten, relativ dünnen Stämmen und den ästelosen Kronen ist daher eine wirkliche Kunst. Man sieht die slinken braunen oder «schwarzen Gestalten der Eingeborenen, Araber und Neger, oft in kühnem Winkel gegen die Stämme angeftemmt, wie richtige Kletteräffchen auf den abgestorbenen BlattstümpfeN- diese Palmstämme hinaufklimmen. Nur bisweilen hängt ein langes «eil zur Erleichterung der Kletterarbeit von der Krone bis auf die Erde nieder. Und oben, in dem Nest von langen Palmblättern, deren Stiele so dick und verholzt sind, daß sie als Balken-Ersatz dienen im holzlosen Lande, sitzen und klettern, singend und in bester Laune, diese fleißigen Ernter der berühmten Datteln Nordafrikas, der besten der Welt. Wie ein Gesang unsichtbarer Geister des Himmels ertönt ihr Erntelied durch die dichtbelaubten anderen „Stockwerke" der Oasengärten herab. Da sind nämlich, als „zweiter Stock von oben", bisweilen ein wirres Weinrebengehänge ober die kräftig belaubten Aprikosen- unb Pfirsichbäume, die zu unwahrscheinlich imposanter Größe dort gedeihen; sie geben ben bichtesten Schatten für bie andere Lebewelt ba unter ihnen. Denn nicht Sonne, sondern Schutz vor ihr — außer für die sonndurch- gloften Dattelpalmen — ist hier die Losung für Pflanze wie Mensch. Das „dritte Stockwerk" solcher grün-schattigen Oasenwildnis bilden bann etwa Feigen-, Quitten- und Zitronenbäume, auch Drangen, unb hohe Granatapfelbüsche, deren leuchtend rote fleischige Blüten die beliebte Zierde der dunkelhäutigen Schönen, aber auch der Männer sind, keck zwischen die Zähne gesteckt. Als letztes, unterstes Stockwerk bedecken dann saftiges Gras, Blumen, üppig Hohe Gerste und allerhand Gemüsearten den Boden, falls man bie lehmige Erbe nicht in großen kreisförmigen Gruben offenhalten muß, rings um die kostbaren Dattelpalmen, um sie mit Wasser zu überschwemmen ober ben Bodgn zu lockern. Gruben, tiefe Gräben, flache Rinnen, kunstvolle Bassins mit Lehmwällen, oft mit zementenen Einfassungsmauern, aus benen zu verschiedenen Tageszeiten die verschiedenen Oasengärten aus dem kostbaren Ouellreichtum versorgt werden, sind überall dort im Gelände zu sehen. Eine Oasenwanderung Ist daher oft eine recht feuchte Angelegenheit, unb man täte schon am besten, wie die Eingeborenen, mit nackten Füßen in dieser grün-braunen Wirrnis einherzuwandern. So sehen denn auch diese Oasengärten, trotz geboten ist. Meist aber sind diese Oasen in Algier unb Tunis ganz große Seid' striche, die von fern als riesige schwarz-grüne Streifen in der blenbw Hellen Wüste auftauchen. 150 000 Palmen, ja 170 000 bis 200 000 Palm« bas ist oft der Besitz nur eines Stadtgebietes mit seinen Gärten, W J sich Kilometer um Kilometer hinziehen mit schmalen, feuchten Weist ' dazwischen ein Labyrinth zwischen Lehmmauern. So sorgfältig der Bck ’ “ gehandhabt wird, so freigiebig macht doch dieser Reichtum: es ist W verständlich, daß der Vorübergehende sich Früchte oder Blumen : i1 *' kann, und der Besucher wird gern beschenkt. Denn auch der eins«* Neger ist stolz auf feinen Besitz und fühlt sich als Herr, auch roenm.” in zerlumpten Fetzen, unter Mithilfe der Kinder, fein ganzes Leben ’|! mühen muß. Man bekommt dort Achtung vor solcher Zähigkeit im Komi mit der Wüste. Leider sind durch Ungunst der Natur ober Armut, w» solcher eifrigen Eigentümer zu Lohnarbeitern im Dienst irgenbeines $:> lungsträftigeren Unternehmers herabgesunken, womit viel liebe»» Sorgfalt erlosch, so daß dadurch manche Gegenden in ihren Kullm« zurückgingen. Und es ist, int Wüstengebiet, gefährlich, wenn bie' Wist« an Macht gewinnt —. Schon Nietzsche sprach bas tiefsinnige M« „Die Wüste wächst — weh bem, der Wüsten birgt." Wenn wir er|* ren — aus alten Zeugnissen menschlichen Geistes wie burch soni '■'? Untersuchungen, baß diese Wüstengebiete einst wasserreich, fruchtbar ns. von Tieren unb Pflanzen belebt waren und — vor allem zwar bu™ bas Versiegen einstiger großer Flüsse — allmählich erst so „Ver®111^ ten" — aber auch burch Menschenhanb verwüstet würben, daß in Oie-; afrita z. B. weitausgedehnte Baumkulturen zerstört wurden, wie dest bers im 7. unb 11. Jahrhundert durch einbrechende Nomadenstänune,.^ ist dies eine Mahnung, den Kampf des Menschen gegen die Wüste ig allen Mitteln zu stützen. Dort rächt die Natur unbarmherzig jedes Iw lassen des Kampfes, wie sie, in den erstaunlich grünenden unb blühen« f Dafengärten, jede treue Mühe reichlich lohnt. jeder will dort ja seinen Anteil an diesem Reichtum haben, dem einzig j]w, sofern man als Seßhafter und nicht als Nomade leben will, bei« 'A '< Trupps mit ben riesigen Schafherben ober stattlichen Kamelherben raffln die Wüsten unb Steppen nach Flecken selbst kargen Weibetandes doch