SietzenerZainilienblätter W Hi * »li «li eit ii tin w tu »in Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Mgang 1959 Montag, den August Nummer 62 Lim Armee meutert SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Ein Bericht von P.C.Lttighoffee Copyright b y Bertelsmann Gütersloh 17. Fortsetzung. und bittend ihre Poilus beschwören und sie zum Gehorsam ermahnen. Vergebens. Nirgendwo gelingt es, selbst den angesehensten Regimentskommandeuren nicht, die Truppe wieder in Ordnung zu bringen. Durch- einandergewürselt treffen sich zahlreiche Soldaten am frühen Morgen des 2. Juni in Soissons. Diese Stadt, ein beliebter Etappenort, hat für die Truppe eine gewisse Anziehungskraft. Hier ist man wieder unter Zivilisten, hier stehen die Urtauberzüge. Hier gibt's Verpflegung und Wein. Besonders der Wein ist billig. Und wer kein Geld hat, nun, der braucht auch kems. Drüben stehen ja die langen Weinzüge mit den Riesenfässern. ist. Meres, draufgängerisches, nervenloses Etwas, das nur zwei Dinge •M-.. veröden. Frankreich wird noch lange an den Verlusten, an d'efen Imlofen Verlusten der Schlacht am Dornenweg leiden müssen. Dieser Mrlaß war doch zu brutal, zu.furchtbar. . a lind wie haben die Zeitungen diesen Poilu bisher gezeigt? Ja, wie W! er, dieser Poilu, in Wort und Bild, so wie man ihn täglich dem sn!josischen Volk vorsetzte? Das war ein lustiges, drolliges, gutmütiges, 'W in? lUfr #; # M - mcm sie später durch die Gendarmerie und Ortspolizei ermittem mßi. stoch schlimmer steht's mit dem 60. Jägerbataillon, das ebenso als ^gezeichnete Elitetruppe gilt. Hier desertieren 75 Mann, wahrend $0 Jäger den bewaffneten Marsch ins Hinterland an.relen und ihren gieren den Gehorsam verweigern. lach beim 61. Jägerbataillon sieht es traurig aus. Hier desertieren $»or nur 25 Mann, aber 250 Jäger erklären sich nut den andern Meu- bc«-n solidarisch, bewaffnen sich und setzen sich in Marsch b" den Sann Üt'Dunfien. Ein solcher Punkt befindet sich m der Bannmeile vo Pisons. Regellos, ohne eigentliche Führung, begeben sich dui Meutere dftihin, marschieren durch die Dörfer, Weiler und Truppenunterkunft - tragen rote Fahnen voraus, schwenken das Tuch aufreizend ube .Miede? mindern K?eg, es lebe der Friede um jeden Pre'^Nteder tot bem Blutsäufer Nivelle! Nieder mit dem Bluthund und «chlachter stuf die Truppe wirkt besonders niederschmetternd und "uftelzend Lekanntmachung, daß die Regierung dem verabschiedeten General ^tigin das Großkreuz der Ehrenlegion verliehen hat. Eine Krawatte aus dem Blut seiner Soldaten hat man ihmi « ftn, diesem Menschenschlächter", schreien die Pollus « " Wt das breite blutrote Band zum hohen Orden der Ehrenlegion. Diese ^-nsverleihung ist neue Nahrung für die Meuterei. Faßdauben einschlagen! Das dunkelrote Naß strömt duftend in dickem Strahl über die Geleise, sammelt sich in Pfützen zwischen öligem Bahnschotter. Und die Soldaten trinken, trinken--- Infanteristen, Kavalleristen, Kanoniere, Pioniere und Angehörige der Hilfswaffen treffen sich in dieser Etappenstadt Soissons. Es wird viel geredet, viel gegrölt und besonders viel getrunken. Die Poilus sind gereizt. Wer es wagt, sich ihnen entgegenzustellen, wird niedergeschlagen, niedergetrampelt. Ein Stabsarzt wird durch Messerstiche verletzt. Es bilden sich lange Züge, nach dem Muster der regellosen russischen Massen- demonstration, ohne Ordnung, die ganze Straße ausfüllend. Von einer Häuserfront zur andern setzt sich die Welle der Demonstranten in Bewegung. Rote Fahnen flattern über den Stahlhelmen und den spitzen Ouartiermützen. Einzelne Gewehrschüsse durchpeitschen die Luft. Die Masse stutzt einen Augenblick und horcht hin. Aber das klingt anders, das ist kein Abwehrfeuer, das sind weiter nichts als Freudenschüsse. Gut, so wird man wieder schießen. Hundert, taufend Gewehre heben sich und schießen in die. Luft. Und da heißt es plötzlich: „Achtung! Da vorne ist eine Barrikade! — Ächtung, Maschinengewehre an die Front!" Wenige Sekunden später sind leichte Maschinengewehre da, gehen in Stellung, mitten auf der Straße vor dem haltenden Haufen der Meuterer. Und dann knattern die Geschoßgarben hinüber, peitschen die Straße entlang, fahren in bas Hindernis drüben, in die vermeintliche Barrikade. Aber es ist keine Barrikade, sondern ein zufälliges Hindernis, gebildet aus den Fahrzeugen einer ausgeplünderten Proviantkolonne. Man hat die teeren Wagen einfach umgeworfen, um ihren Inhalt auf die Straße kippen und ihn somit den hungrigen Poilus besser barbieten zu können. Kein Mensch wird bei diesem Schießen verletzt Aber das Peitschen der Schüsse bringt bis ins Herz Frankreichs. Unb in Paris bittet der Kriegsminister Painleve die einflußreichsten Parlamentarier aller Parteien zu einer Aussprache über die furchtbaren Dinge, die sich an der Front und dicht hinter der Front abspielen. Ja, vorläufig noch ist das alles da oben unweit, von der Feuerlinie, fast sagenhaft fern, aber bald, vielleicht schon morgen, wer weiß, werden die Maschinengewehre der Meuterer in Paris bellen, und dann---? Die republikanische Garde, eine unbedingt sichere und zuverlässige Truppe fest in der Hand der Regierung, wird alarmiert und nach varne geschickt. In Eile beordert man noch starke Kavallerieabteilungen herbei. Es sind in der Hauptsache altgediente Leute und Unteroffiziere, die man bewaffnet und gegen die Meuterer einsetzt. In erster Linie soll in der Etappenstadt Soissons für Ordnung gesorgt werden. Im Lause des Nachmittags werden die eiligst herbeigeführten Kavallerieabteilungen in der Nähe von Soissons ausgeladen und sofort zur Säuberung der Stadt eingesetzt. Sie finden aber kein Betätigungsfeld mehr denn die Meuterer haben inzwischen die Stadt verlassen und sich kreuz und quer über die ganze Gegend verstreut. Ihnen hat die starke Führerhand gefehlt. Niemand war da, der sie zusammenhalten konnte. Und zudem hatte es zu viel Wein gegeben. Nachdem sie sich heiser geschrien und müde gegrölt hatten, waren sie qeqen Süden abmarschiert. Nur 700 Mann vom Infanterie-Regiment 298 sind zusammengeblieben und haben geschlossen den Marsch auf Paris anqetreten. Aber vor ihnen türmt sich bald ein unüberwindbares Hindernis. Die Regierung wirft ihre zuverlässige Republik-Garde in die Waagschale. Es will Abend werden, und di« 700 Poilus sind müde. Ihre Quartiermacher werden vorausgeschickt, einen Lagerplatz zu ermitteln. Ein dichter Wald in der Nähe von Missy-au-Bois wird zum Biwakieren gewählt. Das Gros rückt nach. Die Zelte werden aufgeschlagen. Diese Meuterer haben Soldatenräte nach russischem Muster gewählt. Aus Angst vor Uebcrrafcbuugen befehlen die Anführer das Aufstellen von Feldwachen und Posten. Dann legt sich die Truppe todmüde zur Ruhe hin. Dauert aber nicht lange, diese Ruhe, denn die regierungstreue Kavallerie hat das Lager der Meuterer inzwischen ausfindig gemacht und umzingelt. Nun erklingen Claironsignale, und eine kräftige Stimme ruft weithinschallend in den Wald: „Ihr seid -umzingelt. Verhallet euch ruhig bis zum Morgengrauen Wer versucht zu fliehen, wird niedergeschossen. Maschinengewehre halten den Waldrand besetzt." Drüben sind die Meuterer etwas ernüchtert, aber sie ergeben sich nicht. Noch trotzen sie, schreien den Kavallerieabteilungen Warnungen zu und erklären: „Wer sich unseren Zelten nähert, wird niedergeschossen." , Sie hoffen aus die Mitwirkung ihrer Freunde und Brüder, denn sie wissen ja, daß alles, daß die ganze französische Armee von dieser Meuterei ergriffen ist. In einem, in zwei Tagen wird es keine Front mehr geben, da oben am Damenweg, und die Armee wird sich einmal dieses verfluchte Paris und fein schlappes Parlament aufs Korn nehmen. Der Tag bricht an. Die 700 Meuterer im Wald halten noch immer. Ihre Lebensmittel find aufgezehrt. Inzwischen haben die Schwadronen Schützengräben und Löcher ausgeworfen und den Wald in Belagerungs- zuftand versetzt. Einige Jnsanteristen, die versuchen, die Sperrzone bewaffnet zu verlassen, werden durch wohlgezielte Schüsse niedergestreckt. Noch vier Tage und vier Nächte soll die Belagerung dauern, und dann werden die ausgehungerten Meuterer zurückkehren. Man wird sie, zwischen zwei Reihen Kavallerie, waffenlos zurückführen nach Soissons. Und sie müssen dort auf einem Kasernenhof stehen, und ihre Offiziere werden dort durch die Reihen gehen, ihre Männer einzeln ansehen und werden sagen: „Sie und Sic und Sie, vortretenl Auch Sie und Sie, treten Sie vor-----!" Und die Manner werden vor den Reihen stehen und dann abgesührt werden, und niemals wird einer ihrer Kameraden sie wieder erblicken. Die Kriegsgerichte arbeiten rasch und hart. Inzwischen aber ist der 2. Juni angebrochen. Und an diesem Tag muß Kriegsminister Painleve den zur geheimen Ratssitzung versammelten Parlamentariern mit furchtbarer Offenheit erklären: „Meine Herren! In diesem Augenblick erleben wir Stunden, die genau so ernst sind wie jene, die wir am 4. August 1914 gekannt haben. Damals haben wir die schweren Stunden überwunden, weil die Moral der Nation unangetastet war. Werden wir diesmal die Krise überwinden? Keine' Schönfärberei kann uns über die Furchtbarkeit des Augenblicks Hinwegtäuschen, denn jetzt, in der Stunde, da ich vor ihnen stehe, gibt es auf der Front zwischen Reims und Soissons keine zwei Divisionen mehr, auf die sich Frankreich verlassen könnte, sollte es den Deutschen einfallen, jetzt anzugreifen. Wenn Hindenburg von dieser Meuterei erfährt und jetzt, in diesem Augenblick, marschieren läßt, dann, meine Herren, dann ist Frankreich verloren, dann ist der Krieg beendet---" Durch die Versammlung geht ein Raunen des Entsetzens. Es wird aber sofort wieder eisig still, als der Kriegsminister fortfährt: „Tag um Tag, Stunde um Stunde, Nacht für Nacht haben wir bei der Regierung gemeinsam mit den Armeeführern nur für die Armee gelebt, nur für di« Armee geatmet. Und deshalb empfinden wir sie doppelt grausam, diese furchtbare Meuterei. Gestern noch haben wir mit Bangen in der Seele die frischen Divisionen gezählt, die zwischen Reims und Soissons gestaffelt liegen und unter Umständen den Marsch der Meuterer aus unsere Hauptstadt, auf das Herz Frankreichs aufhalten könnten. Wir haben die Moral der hier liegenden Truppenteile untersucht und haben — dies bitte ich aber mit der größten Verschwiegenheit behandeln zu wollen — nur eine, nur eine einzige Division gefunden, die bereit wäre, den Zusammenbruch nicht mitzumachen und zu stehen. Vorne an der Front, eine, höchstens zwei Divisionen, und hier, in der Etappe, als Deckung für Paris, noch eine. Division, das sind, meine Herren, zwei bis drei Divisionen, auf die Frankrech sich heute noch verlassen kann. Ich betone mit Absicht: heute; wer weih, was morgen sein wird, wer weiß, was in einer Stunde ist! Wer weiß, was in diesem Augenblick geschieht---! ?" Der Kriegsminister hat recht, so zu sprechen, denn just in diesem Augenblick ereignet sich ein neuer großer Fall von Meuterei. Das Infanterie-Regiment 310 soll antreten, fein Ruhequartier in Coeuvres verlassen und einige Kilometer weiter nördlich in die Nähe der Front marschieren, um als Eingreiftruppe in Bucy-le-Long das Ruhequartier zu beziehen. Bis jetzt scheint das Regiment noch sicher und anständig. Die Befehle der Offiziere hatte man bisher ausgeführt. Am 30. Mai und am 1. Juni hatten größere Abteilungen Meuterer die Ortschaft Coeuvres durchquert auf dem Marsch gen Paris. Diese rückmarschierenden Truppen hatten rote Fahnen getragen und die ^Internationale gegrölt. Sogar Offiziere hatte man zwischen den Meuterern gesehen. Dieses schlechte Beispiel trägt nun seine verhängnisvollen Früchte. Das Regiment 310 weigert sich, Coeuvres zu verlassen. Die Kompanien setzen die Gewehre zusammen, schnallem ab, legen die Tornister nieder und organisieren Massenversammlungen unter freiem Himmel. Vergebens mahnen die Offiziere. Man hört nicht auf sie. Der Regimentskommandeur, der besonders volkstümliche Oberst Dussange, mischt sich unter seine Poilus, spricht ruhig mit ihnen. Er mahnt sie zur Vernunft. Nein, sie wollen keine Vernunft annehmen. Sie haben den Weg des Ungehorsams beschritten und wollen weiter auf dem Abstieg bleiben. Um 15 Uhr marschiert das Regiment ab gegen Süden, Richtung Paris. Den Meuterern ist inzwischen zu Ohren gekommen, daß mehrere aufrührerische Regimenter im Wald von Compiegne auf sie warten. Also los, auf der Nationalstraß«, die über Villers—Cotterets führt. Oberst Dussange versucht ein letztes Mal, feine Männer zu halten. Er stellt sich an den Südausgang des Dorfes. Er breitet die Arme aus, um symbolisch den Weg zu versperren. Mit weithinschallendcr Stimme ruft er: „Männer, Franzosen, Soldaten, werdet vernünftig, kehrt um, haltet ein! Ihr schreitet auf der Straße des Verderbens und der Vernichtung 'ür Frankreich, ihr habt den Weg der Auflösung eingeschlagen. Soldaten, haltet und macht kehrt! Hört auf eueren allen Oberst!" Sie aber gehen weiter fnit verbissenen Gesichtern. Jetzt sind sie stj ihrem Regimentskommandeur. Werden sie ihn wegstohen, werden sie tijnj überrennen? Nein, die Gruppenkolonne öffnet sich, und je zwei Roller marschieren links und rechts am hohen Vorgesetzten vorbei, der, nie' zur Bildsäule erstarrt, mit ausgebreiteten Armen dasteht, Tränen in kn Augen. Er spricht nicht mehr. Jedes Wort ist überflüssig und sinno, angesichts dieses Zerstörungswillens. Aber man achtet diesen großen md echten Schmerz eines alten Soldaten, vor dessen Augen alle Jdeile ganz plötzlich und ganz brutal zusammenbrechen. Einige Soldaten sühn« grüßend die Hand an den Stahlhelm. Ihrem Regimentskommandem leisten sie noch die Ehrenbezeigung. Und dennoch marschieren sie nxiltr, den Weg der Meuterei. Der alte Oberst sieht sie vorbeiziehen, alle Kompanien. Er hört itrt Schritts in der Ferne verklingen. Eine dichte Staubwolke schwebt üter der Straße nach Süden. Und erst jetzt, da sie außer Sichtweit« fhb, beginnen di« Meuterer ihr Lied des Aufruhrs, fingen die Internationale. Solange der Oberst ihnen nahe war, hielten sie Disziplin. Die Gegenwart des gerechten und vertrauten Vorgesetzten hatte bisher genügt, dies letzte trotzige Bekenntnis zur Disziplinlosigkeit zu unterdrücken. Währeno das Infanterie-Regiment 310 von Coeuvres nach ©übm marschiert, trifft die eiligst herbeigerufene Feldgendarmerie ihre Gegen- Maßnahmen, um die Meuterer irgendwo abzufangen, die Kompanie einzeln zu zerstreuen, irrezuleiten und sie später in kleineren Abteilung«» zu entwaffnen. Durch geschicktes Arbeiten hat der militärische Gehei in- dienst rechtzeitig von dem Marschplan des Regiments Kenntnis beton- men. Schon sind zuverlässige Offiziere und Unteroffiziere in der Unifon einfacher Poilus unterwegs, um an wichtigen Punkten der Morschsten^ einzelne Kompanien abzufangen und abzuzweigen. Dieser Plan soll gelingen, denn diese angeblichen Vertrauensleute wissen da von gutut Unterkünften und von Lebensmitteldepots, die man plündern fantn Plündern ist das magische Wort für die Rebellen. liti* I J]om Lriljin, In«5 , M vor liefen i WIM Ititraü jinterm ( Jrinnerui litns co :i)is F° dubmze gar. Wol #1115 m A bann [i (Sines htk ich abffiiet lobt üiÄloft Ä öffne W nichi lilbe ui mW Miller taijen i üofen ba ihm i dsoom lFortfetzung folgt.) o Dorf am Abend. Von Hermann Hesse. Im späten schrägen Goldlicht steht Das Volk der Häuser still durchglüht, In kostbar tiefen Farben blüht Sein Feierabend wie Gebet. Eins lehnt dem andern innig an, Verschwistert wachsen sie am Hann Einfach und alt wie ein Gesang, Den keiner lernt und jeder kann. Gemäuer, Tünche, Dächer schief, Armut und Stolz, Verfall und Glück, Sie strahlen zärtlich, sanft und tief Dem Abend [eine Glut zurück. Angesichts der Ereignisse dieses Tages setzt General Franchet d'Esperq die Feldgerichte mit kürzester Wirkungsfrist ein. Nach seiner neuen Armee- Verordnung sollen zwischen Festnahme der Meuterer und Urteilsvol- streckung nicht mehr als 24 Stunden vergehen. Man will rasch und gründlich der Unruhe Herr werden. Oer Brunnen. Von Hermann Hesse. Zum erstenmal wieder nach Jahrzehnten fuhr ich mit der kleinen BW durch die Waldhügel der Maulbronner Gegend, stieg an der verschlafen«" Haltestelle aus und wanderte durch den feuchten, moorigen Wald Maulbronn hinüber, froh zugleich und beklommen in der Erwartung b-o Wiedersehens, denn hier hatte ich in den sagenhaften Jahren der erftan Jugend Wichtiges erlebt. Ich roch den bitteren Laubgeruch, ich sah zwischen Buchenzwelgen ba" Elfinger Berg und den runden Eichenhügel über den Weinbergen, ur» alle die andern Spielplätze meiner Schülerzeit liegen, ich sah im roarmai Dampf des Tales hinter Lindenwipfel die spitze Turmnadel erscheinst unb ein Stück des langen Kirchendaches, und es strömte mir aus hunbe« plötzlich brechenden Dämmen unsagbares Gefühl des Wiedersehens enii- gegen: Erinnerung, Trauer, Mahnung, Lächeln, Reue, Bangigkeit beß Ältgewordenen, tiefe, neuerweckte Liebe, aufgefchreckte Sehnfucht, ow flatternden Flügeln taumelnd. Oh, wie fehr liebte ich dies alles, da- meine Augen hier wiedererkannten und zu eigen nahmen, wie sehr fjaö ich mich nach alledem gesehnt, und es vermißt, und wie wenig hatte uh von meiner Liebe und Sehnsucht gewußt, wie tief hatte sie fo viele Jahne geschlafen! O Tal, o Wald und Teich, o Spielplatz unter den rauh dl1’ wordenen Besten der alten Eichen! ' ,J Und in der ersten, feuchten Wärme niedersteigend, nahm ich n,8l’f* Herz zusammen, und schritt in festem Takt an der alten Post vorüber v'r" am Hirschen durchs Tor hinein, auf den Klosterplatz und über ihn fjinnaS den Linden, dem Brunnen und dem „Paradies" entgegen, der wunderbar gewölbten Vorhalle der Sommerkirche mit ihren überfchlanken ^feilen- Ich sah Platz, Bäume und Gebäude in seliger Halbwirklichkeit stehe » genau nach dem Bild meiner (Erinnerung gestaltet, hörte warm und dumi i in den blühenden Linden Bienenvölker summen, trat unterm Holsts runden Bogen hindurch in das „Paradies", stand überrascht, von los verzauberter Steinkühle umwittert, trank tief den ernsten WolM,? der Fcnfterbogen und schlanken, lebendig wachsenden Pfeiler, fog I(' . Klosterlust in tiefem Atemzug — und wüßte plötzlich alles wieder, au-!- jede Treppe und Tür, jedes Fenster, jede Stube, jedes Bett im Schwl! ■irt unb iraumfjaf im nod Moni M £ taufjtfi Mich । *e, h M, ui M, teil sldje m ös lobe Amv •« $rui I» brei ' «lin at liie rie fWe *otnn Siele em M ben ch, er ■fine 1 :'»ienb, '1 vom "»ich, * Sui «Mite । !S 5'm 'Ä Ku Unb W(b ( N'nu ”«Oilt 7 id) Wijtm > J üi( ,7- uni S »»6s den Geruch der Dormente, den Geruch des Prosesforengarkens, und den der Klosterküche und den Ton der Morgenglocke! Vom ersten Rausch etwas genesen, ging ich später weiter, dahin und dorthin, ohne Eile, kleine vertraute Gänge im friedlichen Bereich des Klosters und seiner paar Nachbargebäude, wo jeder Tritt, jede Stufe, jeder vorstehende Nagel im alten Treppengeländer mir ehemals bekannt gewesen war, und wo tausend kleine Dinge dieser Art mir, wie ich mit Erstaunen sah, noch heute ganz genau bekannt und vertraut waren. Ueberall lebendige Erinnerung, und hinter ihr, wie Reste alter Bilder Hinterm späteren Verputz, fanden hier und dort sich Spuren noch tieferer Erinnerung aufleuchtend, geheimnisvolle Bruchstücke unbewußten Seelenlebens von damals, überwuchertes und vergessenes, kaum mehr verständliches Fortklingen tiefster und einsamer Erlebnisse aus der mythischen Knabenzeit, da noch Ungeheures zu erleben und Unerhörtes zu erproben war. Wohin ist das alles entschwunden? Was ist daraus geworden? Was lst aus mir geworden, aus meinen Gaben und Träumen, meinen Plänen >on damals? Eines aber inmitten dieser Klosterwelt hatte ich vergessen, an eines hatte ich nicht mehr gedacht, und dachte auch jetzt beim Umherschlendern .unb Wiedersehen nicht daran, es kam erst zu seiner Stunde wieder hervor. Da drehte ich, zu einer Zeit, wo niemand sonst die verschlossenen Teile l»es Klosters betreten darf, leife den dicken Schlüssel in der schweren Tür, »nd öffnete behutsam die Pforte zum Kreuzgang. Auch hier fand ich nichts, was nicht in meinem Gedächtnis tteulich vorgezeichnet lag: gotisches Gewölbe und reiches Fensterwerk, rötliche und graue Steinsliesen, mit zemeißelten Grabsteinen dazwischen, Wappen und Abtstäbe, geheimnisvoll verwitterte Farbenflecke im alten Verputz, zwischen steinernen Fensterlreuzen in beruhigtem Licht das satte Grün der Gebüsche, zwei, drei -tosen dazwischen zärttich und traurig leuchtend. Nun aber, da ich gegen die Ecke schritt, von keinem andern Laut erreicht als vom Hall meiner eigenen Schritte im Gestein, begann mir unendlich (art und hauchdünn eine selig seltsame Musik entgegenzuklingen, leichte lraumhafte Geistertöne mehrstimmig in versunkener Monotonie, nicht jcrn noch nah, wundersam und doch selbstverständlich, als klänge die Harmonie des Bauwerks ernst und innig in sich selbst wider. Ich tat noch einen Schritt, und zwei, ehe der holde Klang mein Bewußtsein erreichte. Da aber stand ich still, und mein Herz begann plötzlich zu zittern, und wieder tat die Erinnerung feierliche Tore auf, höhere, heiligere als zuvor, und wieder kam ein entschwundener Zauber lurllck, und ich wußte wieder: Du Lied meiner Jügendzeitl Kein Ton der Welt, kein heimatliches Kirchengeläut und keine Menschenstimme von denen, welche noch leben, spricht so zu mir wie du, Lied meiner Jugend — und dich habe ich vergessen können! Verwirrt und beschämt trat ich dem Wunder näher, stand am Eingang der Brunnenkapelle und sah im klaren Schatten des gewölbten Raumes l-ie drei Brunnenschalen übereinander schweben, und das singende Wasser kel in acht feinen Strahlen von der ersten in die zweite, von der zweiten in die riesige dritte, und das Gewölbe spielte in ewigem Dornröschentraum »«rzaubert mit den lebendigen Tönen, heute wie gestern, heute wie damals, die Jahre und Jahrzehnte hindurch, und stand herrlich in sich begnügt und vollkommen als ein Bild von der Zeitlosigkeit alles Schönen. Viele edle Gewölbe haben mich beschattet, viele schöne Gesänge haben nich erregt und mich getröstet, viele Brunnen in vielen Ländern haben »iir, dem Wanderer gerauscht. Aber dieser Brunnen ist mehr, unendlich mehr, er singt das Lied meiner Jugend, er hat meine Liebe gehabt und meine Träume beherrscht in einer Zeit, da jede Liebe noch tief und -liihend, da jeder Traum noch ein Sternhimmel voll Zukunft war. Was ich vom Leben erhoffte, was ich selbst dem Leben anbot und versprach, aas ich zu sein und zu schaffen und zu dulden dachte, was von Heldenmut mb Ruhm unb ehrwürdiger Künstlerschaft meine ersten Lebensträume erfüllte und bis zum Schmerz mit Fülle überquoll, das alles hat dieser Brunnen in der Kapelle mir gesungen, das hat er belauscht und beschützt. Und ich hatte ihn vergessen! Nicht freilich die Kapelle mit dem Stern- sewölb und den überschlanken Fenstersäulen und auch nicht die Brunnen- Schalen und die lichte grüne Garteninsel inmitten der schweigenden Mauern; lies alles hatte ich nicht vergessen. Aber das Brunnenlied, den süßen, «leichschwebenden Zaubergesang der sanft herabfallenden Gewässer, den hott und Schatz meiner frühesten und reinsten Jünglingssehnsucht — ihn sötte ich vergessen können! Unb stand nun still und traurig im vertrauten Heiligtum und fühlte jede Sünde und jeden Verderb in mir tief und I Unauslöschlich, und hatte nicht Heldenmut noch Künstlertum erworben, »eiche an jenen Träumen gemessen nicht wertlos wären, und wagte nicht, mich über den Rand zu beugen und mein eignes Bild im dunklen Blaßer iu suchen. Ich tauchte nur meine Hand in die kalte, strenge Flut, bis sie iror, und hörte stehend das Lied des Brunnens in die Gartenstille und in !ie langen, toten Steinhallen strömen, zauberisch wie einstmals, für mich «ber voll tiefer Anklage. .. , „Es muß für dich ein wunderliches Gefühl fern , sagte spater mein frreunb, „hier herumzugehen und an damals zu denken. Damals warst iu ja voll Sehnsucht nach der Welt und nach der Kunst, und voll Zweifel, tu wußtest ja nicht, ob irgend etwas von deinen Träumen sich mürbe er= Ullen können. Und jetzt kamst du zurück aus der Welt und hast wirklich iein Ziel erreicht und deine Träume erfüllt, bist wirklich ein Künstler «eworden und kehrst hierher zurück aus einer eroberten schönen Bleit, fius einem Künstlerleben mit Erfolgen, mit Reisen und Festen „Ja, es ist wunderlich", konnte ich nur sagen. . , , Dann setzte ich mich noch einmal unter den hohen ßinben des Hofes fieber, stieg noch einmal zum alten Spielplatz bei den Eichen hinauf, hwamm noch einmal im tiefen See und reifte weiter, unb wenn ich sicher an Maulbronn bente, bann sehe ich wohl ben Faustturm und das jParadies", den Cichenplatz und den spitzen Kirchturm wieder, aber es iid nur Bilder, und sie kommen nicht recht zu Glanz und Leben vor dem soften -Brunnengeläut in der Kreuzgangkapelle und vor jenen Lonne» 'ungen, die hinter den anderen Erinnerungen stehen wie die Reste alter Eiliger Malereien hinter der Tünche einer Kirchenwand. Hausspruch. Von Joses Weinheber. Dies Haus ist mein und doch nicht mein, wird nach mir eines andern fein, war vor mir eines andern schon, und bleibet stehn, geh ich davon. Da ich's bekam in Heim und Hüt, fein Herd bleibt warm, fein' Mauern gut, der Brunnen dran mir nie versieg, und frei zu Dach die Taube fliegI Geschafft sei, was darin getan, daß es der Nachbar wissen kann, doch guck er mir nicht jedensalls mit feinem Fernrohr in den Hals! Dies Haus fei all zu meiner Zeit dem Fleiße und der Kunst geweiht, und Siebe gehe für unb für von Herz zu Herz burch jede Tür! Es schliefe ein, es halte fern, unb frohe Gäste heg es gern, ein Krümel Brot, ein Schlüpfet Wein, da wird es wohl zum Guten sein. Viel mehr steht nicht in unsrer Macht, jo nutzet auch kein Vorbedacht: In Gottes Hand stell ich dies Haus unb bie da gehen ein unb aus. Liebhaberei der Dichter. Von Hanns Arens. Wie ebn Dichter sich außerhalb feiner literarischen Tätigkeit bewegt, ist nicht nur interessant für den Freund feiner Dichtungen, sondern wesentlich für die Beurteilung, Stellung unb Haltung des Dichters zur Welt, zum Leben. Der Leser und Freund möchte gern hinter die Erscheinung des Dichters greifen. Vieles bleibt ihm rätselhaft, verschleiert, was sich aber bei Beleuchtung von einer anderen, der nicht- literarischen Seite ost als ganz eindeutig und unkompliziert erweist. Wir haben kein Interesse am privaten Leben des Dichters aus Gründen der Neugierde, sondern aus einem viel tieferen Gefühl heraus: wir möchten dem Dichter nahe fein; wir haben den Wunsch, ihn in feiner privaten Lebensweise zu beobachten, wobei uns selbstverständlich fein familiäres Leben nichts angeht. Nein, den Dichter in feinen vier Wänden zu belauschen ist nicht unsere Absicht, noch soll es je unser Wunsch fein, ihn über Dinge des Lebens zu befragen, die sein aller- persönlichstes Geheimnis sind. Was wir möchten, ist, ihm bei der Nebenarbeit, bei einer ernsten „Liebhaberei", die. abseits seiner dichterischen Arbeit geht, zuzufehen, um aus ihr den Menschen besser zu verstehen, zu beurteilen — den Willensweg des einzelnen Dichters zu erkennen. Nun wollen wir einen flüchtigen Blick in den Alltag zweier Dichter werfen, die sich aus Neigung und Liebe einer ihrer Dichtung konträr liegenden ober anders gelagerten Beschäftigung hingeben; wir wollen sehen, warum sie neben der Dichtung ganz bewußt eine „Liebhaberei", eine „Nebenarbeit" wählten. Wir werden bald sehen, daß diese Beschäftigung mit anderen Dingen beim Dichter aus ganz organischen Gesetzen entspringt. Wir wollen dabei nicht von uns aus langwierige Analysen stellen, sondern die Dichter selbst erzählen lassen: Karl Heinrich Waggerl: „Mein allererstes darstellerisches Erlebnis hatte ich als Zeichner, ich erinnere mich dieses Vorganges mit ungemeiner Deutlichkeit, obwohl ich damals erst zwei Jahre alt mar. Ich machte also im Kalender einen Strich, wie ich vorher schon so viele gemacht hatte. Dann aber fügte ich am einen Ende eine Menge kleinerer Striche hinzu und plötzlich wurde ich gewahr, daß ich ein Ding getroffen hatte, einen Pinsel, ich erkannte ihn auf dem Papier. Ich lief mit dieser Schöpfungsurkunde im ganzen Haufe umher, freilich ohne das geringste Verständnis für meine Leistung zu finden — eine Enttäuschung, die sich heilsamerweise noch oft in meinem Leben wiederholen sollte. Ich kann gar nicht deutlich machen, wie tief mich dieser Vorgang damals berührte, es war mir zum ersten Male klar geworden, daß man ein Ding von feiner Erscheinungsform lösen, es darstellen könne. «Später kam ich dahinter, daß es viele verschiedene Möglichkeiten der Darstellung gebe, und das hat mich sehr verwirtt und gehemmt. Es gibt wohl kein Ausdrucksmittel, kein Handwerk, an dem ich mich nicht zu irgendeiner Zeit und in irgendeiner Form versucht hätte. Ich glich gewissermaßen einer schadhasten «Brunnen» (äulc die ihr Wasser aus vielen Ritzen verschwendet, statt in einem kräftigen Strahl aus dem Rohr. Erst im Kriege, in der Gefangenschaft besann ich mich unb wurde der Mensch, der ich bin, nicht besser, aber mit der Gnade eines Zieles begabt. Auch jetzt noch sind mir bie Dinge auf rätselhafte unb verlockende Weise gefügig. Ich muß mich schämen, bei soviel guten Gaben eigentlich wenig wirklich gelernt zu haben. Ich kann ebensowohl einen Schlüssel machen wie eine Dreschmaschine reparieren, ich beschaffe mir einen Treibhammer und schlage eine Schale aus Kupfer, ohne Umstände, ich weiß einfach, wie man sie macht. Mitunter scheitert ja wohl ein Versuch an der Unzulänglichkeit des Werkzeuges, wie etwa beim Buchbinden, beim Schnitzen, bei den Scherenschnittten ober beim Photographieren. Aber nur selten mißlingt etwas grundsätzlich, außer in der einen Kunst, die ich fliehe und der ich doch widerstandslos verfallen bin, bie mich meiner Leichtigkeit Reifenpanne vorm Eskorial. Oder: Der Trunk als Siegel der Freundschaft. Don Peter Damm. (Nachdruck verboten.) . Man macht einen Plan und führt ihn aus — sehr gut! Man macht einen Plan und wirft ihn um — noch besser! Das Salz des Reisens sind die glücklichen Zufälle. Die gewöhnlichste Art von glücklichem Zufall ist die Reifenpanne. Herb und köstlich ist Kastiliens Lust. Aber in den Reifen sind immer noch zwei Atmosphären aus Berlin. Ein Hufnagel, der sich, wie ein Argument der Philosophie, sanft und unerbittlich in den Pneu bohrt, gibt der gedrückten Berliner Luft Gelegenheit, ins Gebirge zu entweichen. Während sie sich in Berlin damit begnügen muhte, nach Benzin zu riechen, darf sie hier von einem ganz kleinen Esel ein sich atmen lassen und wieder aus, um bann in der Krone einer Steineiche zu weiten» Umblick sich niederzulassen. Dieser Hufnagel kostete uns den Eskorial. Es war ausgeschlossen, daß wir mit der Verspätung, die die Reifenpanne verursachte, den Eskorial noch mitnehmen konnten, wenn wir abends Madrid erreichen wollten. Darüber hätten wir uns ärgern können. Aber die Panne ist sozusagen die moralische Kehrseite der Geschwindigkeitsmedaille. Wir beschlossen, unsere Souveränität über die Technik wieder herzustellen durch die Annahme, daß wir in der übernächsten Kurve gegen einen Baum gefahren und in den Abgrund gestürzt wären, wo man uns nach Wochen erst gesunden hätte als bleiche Skelette des Hochmuts. Vor einem so jähen Ende durch einen ganz gewöhnlichen Hufnagel gerettet zu sein, war Anlaß genug, dem Hufnagel gegenüber statt Aerger geradezu Zärtlichkeit zu empfinden. Während nun Erich im Schweiße seiner Bescheidenheit das Reserverad montierte, hatte ich endlich Gelegenheit, ihn über den heiligen Laurentius ins Bild zu setzen. Zu Ehren dieses Heiligen nämlich ist der Eskorial gebaut, dessen voller Titel „Real Monasterio de San Lorenzo del Escorial" lautet. Philipp II. hatte während der Belagerung von St. Quentin dem Heiligen ein Kloster gelobt, weil seine Artillerie eine seiner Kirchen hatte zerstören müssen. Dieser Heilige ist bekanntlich geröstet worden, und so ist nach der Meinung des Volkes der Grundriß des Eskorial ein Rost. ..... Wendet mich", spricht St. Laurenz mit Lächeln. ..Auf der linken Seite bin ich gar ..." Dieser fromme Vers aus der alten Legende hatte leider nicht die wünschenswerte Folge, Erich zur Bewunderung der glänzenden Haltung des frommen Mannes zu veranlassen. Vielmehr stieß er mich aus der Meditation an den Wagenheber, bis die Räder gewechselt waren. und meines Leichtsinns beraubt, zu Tranen erschöpft und immer wieder an den Anfang zurllckwirft .. Felix Timmermans: Wer kennt seinen herrlichen „Pallieter" nicht? Es werden nicht viele fein! Timmermans entstammt einer alten flämischen Handelsfamitle und ist als dreizehntes von vierzehn Kindern in Lier geboren. Seit Urväterzeiten treibt die Familie Timmermans den Spitzenhandel; und auch unser Dichter war Handelsmann, landauf, landab. Daneben fpiette er Theater und vertrieb sich die Zeit mit dem Erzählen von Geistergeschichten. _ . . o. , Meine größte Liebhaberei ist Malen, wenn >nan das eine Liebhaberei nennen will, denn ich bin eigentlich ursprünglich Maler gewesen. Bevor ich schreiben konnte, bevor ich einen Buchstaben gelernt hatte, malte und zeichnete ich schon. Ich habe stets gedacht, einmal Maler zu werden. Aber nachdem ich lesen und schreiben konnte, konnte ich es doch nicht unterlassen, Erzählungen und Gedichte niederzuschreiben. Das Malen blieb meine große Freude; aber man weiß nicht, warum und wieso: mit „einer Schriftstellerei hatte ich mehr Erfolg, obwohl ich das Malen nie gelassen habe. Aber auch heute noch, zwischen zwei Seiten Erzählung greife ich nach dem Pinsel. Erst, wenn meine Zeichnungen und Gemälde fertig sind, sehe ich ihre Unzulänglichkeit ein. Solange ich daran arbeite und die Farben wachsen lasse und wachsen sehe, finde ich sie ausgezeichnet. Auf alle Fälle machen sie mich glücklich; ich freue mich, wenn ich malen kann. Und dieses Glück kann ich weder durch schriftstellerische noch durch irgend eine ander« Arbeit erreichen. Ich habe früher auch Glasmalerei gelernt. Ich bosstere auch; da ich aber schwer Lehm bekomme und frisch halten kann, wird nie viel daraus Meine Gemälde stellen gewöhnlich Bauern und kleine Leute dar, keine Salonmenschen. Mein Malen ist Erzählen. Ich schwärme für Pieter Brueghel und Fra Angelico, bewundere die Bilderbogen, Holzschnitte, Kirchenfenster, Hinterglasmalereien, Teller-, Bier- und Milch krugmale- reien, alte Aushängeschilder und Zeichnungen von Kindern unter zehn sahen, die Liebhabereien unserer Dichter sind durchaus keine Spielereien. Jeder gibt sich mit Ernst und voller Liebe seiner Nebenarbeit hin. Sie. brauchen dieses für die Wett unsichtbare Werk aus innerer Nötigung und Neigung. Sie finden darin Ruhe und Entspannung von ernster dichterischer Arbeit. Freude an der .^Liebhaberei" ist es wohl zutiefst, die sie treibt, sich einem anderen Element willig hinzuneigen. Es sind ihre Feierstunden, Ruhepunkte nach getaner Arbeit am Wort. Ihnen zusehen zu dürfen, ist für den Freund ihrer Dichtung ein stilles Glück. Denn nirgends woanders als beim Dichter spürt man so sehr die Freude über ein Gelingen in einer solchen Nebenbeschäftigung. Und was ist es denn im letzten Grunde, was uns immer wieder zu den „schönen Künsten" hinzieht? Die Freude am Miterlsbendürfen. Wir, die wir teilhaben, können weiter nichts tun, als ihnen zu danken für Stunden aus ihrem Alltag, Stunden allerdings, die für uns festlich waren. Seit der Erfindung der Automobils ist das fünfte Rad am Wager das wichtigste von allen. Es ist nämlich dasjenige, das Beruhigung gibt Wir aber hatten einen Hufnagel im fünften Rad, und so rollten mit nur äußerst langsam und bescheiden weiter, gewissermaßen mit einem; moralischen Nagel im philosophischen Hinterteil. In einem kleinen, wirklich unbeschreiblich kleinen Ort trafen wir aus eine Anzahl Camions, deren Vorhandensein in uns reparative Hoff- nungen erweckte. — Die Camions sind eine Art von Benzinarchen, di! den Verkehr zwischen den weit auseinanderliegenden kleinen Orten vermitteln. Aber wenn auch ein modernes Auto nach dem Prinzip bet Wahrscheinlichkeit funktioniert, während die Benzinarchen auf dem Prinzip der Unwahrscheinlichkeit dahinrollen, so sind doch beide als Mechv novehikel der gleichen schöpferischen Idee entsprungen. Wir hielten am Das erste freilich, was wir feststellten, war, daß sämtliche Arche« vollbeladen und im Begriffe waren, abzufahren. Schon wollten wir de«; Hufnagel aus dem Hinterteil ziehen und mit einem Fluche in de«! Graben werfen, als er aufs neue feine magische Kraft bewies. Wells entfernt, uns im Stich zu bleiben, wurde er vielmehr die Veranlassung zu einer Kette von Ereignissen, aus der wir mehr über Spanien erfuhren, als das genaueste Studium des Eskorial uns je hätte vermittel« können. Einige Leute umstanden uns, die zunächst völlig gleichgültig warem So galt es, eine Schlacht zu gewinnen. Wir wandten uns an eine« alten Mann mit würdigem Barte und hellen Augen, wie Menschen st« haben, die viel beobachten und wenig sagen. Diese mehr spontane als bewußte Aktion stellte sich als diplomatisch richtig heraus. Die Achtung vor dem grauen Haupte ist eine alte Ueberlieferung der Kultur. Wir hatten gezeigt, daß wir, wenn auch Fremdlinge, so doch keine Barbaren wären. Die erste Bresche war geschlagen. Der Alte natürlich verstand uns so wenig wie wir ihn. Aber da rott ihm Ehre erwiesen hatten, konnte er nicht umhin, sich zum Anwalt unserer Sache zu machen, so unbekannt auch immer sie ihm sein mochte. Er rief einen jungen Mann herbei, der auf der Tasche seines blauen Monteuranzugs ein eindrucksvolles Wappen trug, das einen geradezu amtlichen Eindruck machte. Mit diesem Manne nun verbanden uns schon legitime Beziehungen, die nämlich, die der Alte durch seine Aufforderung an ihn hergestellt hatte. Auch wir führten zunächst ein langes Gespräch voller herzlicher Ausruf« und reich geschmückt mit Versicherungen gegenseitigen Vertrauens und gegenseitiger Hochachtung, ohne daß einer auch nur ein Wort des anderen verstanden hätte. Die Entwicklung freundschaftlichen Wohlwollens, ja gercchezu menschlicher Anteilnahme wurde nicht wenig befördert durch die Tatsache, daß langsam die Fahrer der Camions sich hinzugesellten, langsam freilich, um keine unvornehme Neugier sich merken zu lassen, aber doch eben neugierig. Auch -die Camions selber entleerten sich allmählich, und Kinder, Weiber und Esel schlossen bas Amphitheater. Schließlich ergriff Erich einen Schraubenschlüssel, die Kappe ooitt Reserverad abzuschrauben, um durch Vorweisung des moralischen Nagels die Klärung der Sachlage zu fördern. Dies sollte sich als für ihn nachteilig Herausstellen. Denn durch Verrichtung einer gewöhnliche körperlichen Arbeit verlor er viel von seinem bisherigen Glanze, I® daß der Alte mit dem grauen Barte, der Patriarch der Menge, weiterhin mich durch Ansprache häufiger auszeichnete als ihn. Das Auftreten des Nagels rief allgemeines Entzücken hervor. Dw Weiber faßten kichernd daran. Der Mann mit dem Wappen ging M tröstenden Gebärden über. Kurz, es war klar, wir find als Mensche" alle gleich, und vor der Rache der Götter ist niemand sicher. Der Mann mit dem Wappen montierte nun unter dem beifälligen: Gemurmel der Menge den Reifen ab und begann, mitten auf dem staubigen Dorfanger, ihn zu flicken. Er machte das schnell und geschickt: Daß sie alle schon eingestiegen gewesen waren, um sogleich a-bzusahrem. das hatten sie, einer wie der andere, vollständig vergessen. Zum Schluß sollte der Reifen aufgepumpt werden. Dabei erwies sich, daß der Ansatz der Pumpe auf das Ventil des Rades nicht paßte- Ein nördlicher Techniker hätte nun wahrscheinlich, schnell und geschickt einen neuen Pumpenansatz gesräßt. Der südliche Techniker nahm ein Stück Zeitung von der Straße, spuckte drauf und pappte es um Ansatz und Ventil, mit vollem Erfolge. Wir waren lange im Zweifel, ob wir nun bezahlen sollten und wie viel. Schließlich kamen wir überein, r—» lieber mit zu viel als pt wenig zu blamieren. Wir nahmen also einen etwas größeren ScheM und boten ihn dem Manne mit denr Wappen. Der Mann mit dem Wappen lehnte rundweg ab. Er tat es nicht unhöflich. Schließlich, woher sollten die Fremdlinge wissen, daß sie ihtm damit zu nahe träten? Aber doch tat er es gemessen. Wir mußten dem Rückzug antreten, aber natürlich wollten wir dabei unser Gesicht nid)« verlieren. So griffen wir zu jener Methode der Diplomatie, die in allen Lag«" versöhnlich zu wirken geeignet ist. Wir luden zu einem Umtrunk et tu Dies wiederum konnte man uns nicht abschlagen, ohne uns zu kränke-ti- So wurde die Humanitas besiegelt im Zeichen eines Trankopfers full Bacchus, den Gott brüderlicher Herzlichkeit. In den Jurten der Steppe., zwischen Freund und Feind, ist der Trunk aus dem gleichen Bechell das Siegel der Freundschaft. ,, Wir ließen die Vaterländer leben, den Frieden und die Güte de» fröhlichen Gottes. Erich hatte den bezaubernden Einfall, den Hufnagel in den Becher zu werfen. Das Gelächter war allgemein. Als Fremde waren wir gekommen. Als Freunde schieden wtn Hinter uns wurde der Fahrplan der Benzinarchen wieder in Beftu« genommen. Kleine Staubschlangen entfernten sich nach allen von der Stätte dieser Komödie der Herzlichkeit, dem,Anger eines gan® kleinen spanischen Gebirgsdorfes, der zur Bühne des Theairuc» I humanum wurde durch einen Hufnagel am rechten Platz. verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag,- Brühlschs UniversitStsdruckerei R. Lange, Gießen.