SietzenerZamilieiibliitter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang 1939 Zreitag, den H- Juli Nummer 55 Sine Armee meutert SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Bericht von p. S.Lttighoffee Copyright b y Bertelsmann Gütersloh 8. Fortsetzung Die Mannschaften des britischen Kavallerie-Korps wissen am Abend des 10. April noch nichts vom beabsichtigten Vorstoß. Sie Hausen in den halbzerstörten Dörfern, außerhalb der Reichweite leichter und mittlerer deutscher Geschütze. Sie ahnen nur, daß etwas Großes bevorsteht Es liegt etwas in der Luft, und das Gerücht non einem baldigen Vorstoß mit bedeutenden Kavalleriekräften hält sich hartnäckig. Die Reiter sind in bester Stimmung. Ausbeutung des Jnfanteriedurchbruchs, Verfolgung des geschlagenen Gegners, welch eine Aufgabe! Hier muß doch jedes Reiterherz höher schlagen! Nach dec Wucht des brüllenden Trommelfeuers wird man drüben beim Feind kaum noch auf ernsten Widerstand treffen. Man wird in die Ebene Artois hinausretten, die flüchtenden Deutschen vor sich her treibend, und rückwärtige Truppenunterkünfte überrennen, man wird Sieg und Tod auf der Säbelspitze weit ins Hinterland tragen. Um 22 Uhr schläft man schon in den Alarmquartieren. Draußen it^ den Scheunen stehen die Pferde. Die Angriffsmasse ruht. An der nahen Front aber tobt die vorbereitende Artillerieschlacht ungebrochen. Um 2 Uhr, in der Frühe des 11. April, werden die Kavallerie-Regimenter alarmiert. Zwei Stunden später sind sie angetreten, die Mannschaften verpflegt, die Pferde gefüttert und getränkt, die Patronentaschen gefüllt mit Munition. Jetzt erscheinen die Regimentskommandeure, geben die taktische Lage und das Ziel des Tages bekannt. Kurze, knappe Sätze nur sind's. Am Schluß der klassische Hinweis, der ehedem Nelsons Streitkräfte zu letzter Kraftentfaltung beflügelt und seither durch seine männliche und eherne Schlichtheit hohe Gültigkeit behalten hat. Messerscharf schneidet die Stimme der Kommandeurs durch die eiskalte Nacht: „England erwartet, daß jeder Mann seine Pflicht tut!" Drei Hurrarufe auf Seine Britische Majestät, und dann setzen sich die Regimenter in Bewegung. Die Schwadronen werden auseinandergezogen und einzeln nach vorne geführt. Gedeckt im Dunkel der frühesten Morgenstunden dieses 11. April rücken die Regimenter in ihre Ausgangsstellungen. Die hügelreiche, verschneite Gegend bietet den Schwadronen gedeckten Anritt. Sorgsam hat man früher schon Schluchten, Talsenken und Hohlwege erkundet und Geländestreifen in Feuert ee der deutschen Abwehrbatterien ausgesucht. Hier sollen die britischen Regimenter warten. Von hier aus sollen sie zur Attacke gegen die deutschen Linien vorbrechen. Etwa zwei- bis dreitausend Meter hinter der eigenen Sturminfanterie stehen angriffsbereit die britischen Kavallerie-Regimenter. Die Stunden rinnen langsam. Eine strahlende Sonne hebt sich aus dem Osten, leuchtet minutenlang vdas Schneefeld ab, wird aber bald überwischt von dunklem Gewölk. Langsam fallen wieder die weihen Flocken. Mit jeder Viertelstunde wird der Schneetanz dichter und heftiger. Ein geradezu ausgezeichnetes Angriffswetter für größere Kavalleriemassen. Die Schneewehen peitschen schräg daher in dem auffrischenden Nord- westwmd. Auf weniger als 10 Meter ist die Sicht abgeschnitten durch eine Wand von bewegten weihen Strichen. Im Schutze dieses Schneeschleiers wird man gleich vorbrechen und überraschend, ohne entdeckt zu werden, die deutschen Linien erreichen. Mit einer festen und im Boden verankerten deutschen Infanterie rechnet eigentlich niemand mehr, nur noch mit starken Nachhuten, die es zu überreifen gilt. Man wird dahinter, nach diesem Trommelfeuer, das die Seele im Leibe erschüttert, drüben nur noch Tote oder nur noch Menschen auf der Flucht finden. Mit satanischer Wucht schlägt das Vernichtungsfeuer in die deutschen Pinien oder in die Geländestreifen, die »och etwa von deutschen Truppen besetzt sein könnten. Die Reiter sind abgesessen, stehen in kleinen Grup- Pen umher und finden, daß die Zeit nicht vergehen will. Sie stampfen unb zertrampeln den matschigen Schnee, um ihren Füßen Bewegung 3u verschaffen. Zäh letzt sich das Geriesel in die Falten der Mäntel und Uniformen, bedeckt die Flanken der Pferde und die glattgewetzten Sättel. Unruhig scharren die Reittiere. Das Heulen and Zischen der Granaten stört sie. Manchmal rauscht eine Salve deutscher Granaten ganz oicht und ganz niedrig über die Schwadronen hinweg und wühlt sich in den jenseitigen Abhang. Die Reiter bücken sich. Einige Pferde scheuen und müssen durch Klopfen und Worte beruhigt werden. Nach vorne hin, zur angriffsbereiten Infanterie, haben die einzelnen Regimenter Verbindungsposten geschickt. Dicht hinter der Infanterie wird die Reitermasse losbrechen und den Stoß der Fußtruppen ausbeuten. Die Kavallerieoffiziere schreiten langsam in kleinen Gruppen auf und ab. Sie vermeiden es, jetzt noch ihre Mannschaften an die kommenden Dinge zu erinnern, ihnen vielleicht gor Ermahnungen zu geben. Kein Reiter braucht jetzt noch irgendwelche aufmunternde Worte. Ein fairer, sauberer und männlicher Kampf steht bevor, der höchste Einsatz, den ein Mensch je geben kann, für die beste Sache der Welt — der Einsatz des Lebens für das Vaterland —! Diese Offiziere der feudalen britischen Kavallerie-Regimenter haben chre gute Lebensschule hinter sich. Sie wissen es, man spricht nicht von Pflicht, wenn man im Begriff steht, sie zu erfüllen. Man erwähnt unter keinen Umständen den Tod, wenn man gleich in die Hölle der Materialschlacht reiten wird. Man raucht Zigaretten, man erzählt von Urlaub, von neuesten Ereignissen und Begebenheiten in der Londoner Gesellschaft, vom Leben im Klubhaus, das man so lange nicht betreten konnte, von Jugendeseleien und herrlichen Dummheiten, die man als Etönschüter ausgeheckt und ausgeführt hat. Davon erzählt man und lacht schallend dazu. Man benimmt sich als Gentleman, auch hier im Trichterfeld um Arras, auch jetzt, wenige Minuten vor der Reiterattacke, von der vielleicht nur der zehnte Mann wiederkehren fall. Achtung, jetzt erscheint der Brigadekommandeur General Bulkeley- Johnson mit seinem Stab. Er wird mit gegen den Feind reiten, an der Spitze der Regimenter. Und nun ist die Zeit abgelaufen — — — Das Trommelfeuer hat seine fürchterlichste Wucht erreicht. Unmöglich, diese Hölle noch zu steigern. Das zischt und mahlt und johlt. Das schiittert in der Brust, das bebt unter den Fußsohlen, wenn die schwersten Einschläge Luft und Erde weithin .erzittern lassen. Es ist inzwischen 8 Uhr geworden. Auf Befehl des Generals Bulkeley-Johnfon blasen jetzt die Stabstrompeter zum Sammeln. Cs ist nicht viel zu sammeln. Die Reiter sind blitzschnell bei ihren Tieren. Endlich geht es los, endlich! „Gurte anziehen!" befehlen die Offiziere. Und dann: „Alles festgezurrt!" Jeder Reiter faßt an den breiten Gurt, der um des Pferdes Leib reicht und den Sattel festhält, wartet dann, bis das Tier ausatmet und sich nicht mehr bläht, um alles anzuziehen, festzuschnallen mit zwei, drei geübten Handgriffen. Packtaschen werden nachgeprüft, zurechtge- rllckt. Alles ist in Ordnung. Alles ist erzbereit. „Aufgesessen!" blasen die Stabstrompeter, auf einen Wink der Regimentskommandeure. „Aufgesessen!" befehlen die Offiziere. Das Schneegestöber hat nachgelassen. Diesig, fast still steht die qualmerfüllte Lust. Vorne, wo die britische Infanterie in diesem Augenblick tiefgestaffelt gegen die deutschen Linien zwischen Waneourt und Roeur, in mehr als 10 Kilometer Frontbreite, vorstößt, zischen rote und grüne Signalraketen empor, rufen ihren Alarm weit ins Hinterland, zeigen der Artillerie den jeweiligen Fortschritt der Stoßtruppen an. Auf der Nationalstraße Arras—Cambrai rattern britische Tanks in die Schlacht, bereit, die mürbe geschossenen Linien der bayerischen Bataillone zu Überstampfen. Aber die Bayern sind gleichfalls bereit und nehmen sich mit Wut der Stohlkolosse an. Hier können Maschinengewehre ‘nur wenig ausrichten, das steht fest. Aber gegen das sture Äa- terial wird der Mensch kämpfen. Monn gegen Tank! Und so springen die Bayern überraschend vor den daherratternden Kampfwagen aus verschlammten Trichtern, werfen bereitgehaltene geballte Ladungen unter die Schuppenräder, erklettern die stählernen Ungetüme, liegen dort und stopfen Handgranate um Handgranate durch schmale Schlitze ins Innere. Bayerisches Draufgängertum hat hier ein dankbares Ziel gefunden. Und währenddessen rast auch deutsche Artillerie in die Schlacht. Einwandfrei hat man die britischen Angriffsabsichten auf Monchy-les- Preux erkannt. Im Laufe der verflossenen Nacht haben schwere feindliche Granaten den Marktflecken zusammengehämmert, seine Häuser in Schutt gelegt, seine Mauern zermalmt, seine Straße aufgewühlt. Die Aufgabe des Dorfes lag schon seit dem Vortage im Plan der deutschen Gefechtsleitung. Und so haben sich nun am Morgen des 11. April die Feldgrauen etwa 600 Meter östlich auf die Lauer gelegt, mit dem weithin sichtbaren Termitenhügel als Angel- und Stützpunkt. Weitere 2 bis 3 Kilometer zurück prescht nun Feldartillerie daher, aus Dorf Boiry-Notre-Dame, geht in Feuerstellung, ungedeckt, aus freiem Feld. Borne im Park von Monchy, der sich groß und düster, wenn auch durch Trommelfeuer schon stark gelichtet, im Norden der Ortschaft dehnt, liegen noch schwache deutsche Schützenlinien und Artilleriebeobachtungen. An den Dorfrändern von Monchy, in der Tiefe schlammerfüllter Trichter, kauern letzte feldgraue Postierungen. Sie haben den Auftrag, bei einem weiteren Vorstoß britischer Streitkräfte auf Monchy-les-Preux und darüber hinaus den Rückzug auf die deutschen Hauptlinien anzutreten. Vorläufig scheint es aber nördlich der Nalionalstrahe noch ruhig bleiben zu wollen. Links, jenseits der Chaussee, haben die Bayern schon ihren Kampf mit den Stahlkolossen ausgenommen. Aber hier, bei Monchy und nördlich davon, liegen die britischen Angriffskolonnen noch untätig im verqualmten Trichterfeld. Die deutschen Maschinengewehre haben ihren ersten Ansturm abgefangen. Auf was warten die britischen Sturm- kolonnen? Auf was?? Auf ihre Kavallerie!! Jetzt ist die Zeit abgelaufen, jetzt wird die Erde zittern und beben, jetzt nähern sich die unermüdlichen Uhrzeiger schon der achten Stunde und dreißig Minuten westeuropäischer Sommerzeit. Die britischen Kavalleriemassen sind zusammengezogen. Jedes Regiment hat eine Schwadron als Schrittmacher vorausgeschickt. Dahinter, auf Sichtentfernung, so gut es das diesige Wetter erlaubt, stehen die andern Schwadronen, dicht zusammengezogen, in breiter Truppenkolonne, dreifach gestaffelt. Noch einmal überblicken die Offiziere die prachtvolle Ordnung ihrer Schwadronen. Herrlich diese Menschen und diese Pferde! Jungenhafte Frische leuchtet auf den glattrasierten Gesichtern der Dragoner, Husaren und Leibgardisten. Nur die flachen Stahlhelme, die schief über den Stirnen sitzen, geben den gutgenährten, kampfesmutigen Menschen den soldatischen Umriß. Unruhig scharren die Pferde. Auch ihnen dauert dies alles nun schon viel zu lange. Die Regimentskommandeure spähen aufmerksam nach vorne. Gleich muß das Signal zur Attacke durch die Luft funkeln und leuchten, eine grüne Rakete zum Ankündigen des Jnfanterievorstoßes gegen die deutsche Hauptlinie. Vereinzelt heulen deutsche Artilleriesalven über die Köpfe der aufgesessenen Kavallerie-Regimenter hinweg ins nahe Hinterland. Zufallsfeuer,das noch der Angriffstruppe gilt. Noch steht sie unsichtbar für die deutschen Schützen und Artilleriebeobachter, gedeckt hinter Anhöhen. Und nun steigt vorne die grüne Rakete, das Zeichen, daß die Masse der britischen Infanterie jetzt vorbricht. Der große Augenblick ist da. Es ist genau 8 Uhr 30 Minuten, die im Armeebefehl vorgesehene Zeit zur Kavallerie- Attacke. „Line will attack !„ befehlen die Regimentskommandeure, zur Truppe gewendet. „Angriff in Schlachtordnung!" blasen die Stabstrompeter ihr helles aufreizendes Signal. Noch dichter rücken die Schwadronen zusammen, bilden eine einzige, lückenlose kompakte Masse von Menschen und Pferdeleibern. Halblautes Raunen, Befehlen und Kommandogeben. Nervöse Unruhe hat die Pferde erfaßt. Sie scharren, sie wiehern, sie geben sich ungeduldig. Das britische Trommelfeuer hat wieder mit voller Wucht brutal eingesetzt und überschüttet die deutschen Linien mit einem Orkan von Eisen, Stahl und Feuer, lieber den Pferdeköpfen und den flachen Stahlhelmen der Reiter ist die Luft erfüllt von Zischen und Gurgeln und Heulen der vorbeirauscheuden Salven. „Säbel blank!" schreien die Regimentskommandeure und heben die Klinge weithin sichtbar über die Köpfe der Reiter und Pferde. „Säbel blank!" blasen die Stabstrompeter herausfordernd in das Brüllen der Schlacht. Tausende Säbel blitzen durch den fahlen Morgen, ein letztes Bild männlicher Kraft, ein letzter Funke ritterlicher Kampfromantik auf dem Felde der Materiakschlacht. Tausende Säbelklingen leuchten sekundenlang Über den Schwadronen. „Trab! Terrr—a—a—b!“ Offiziere auf herrlichen Pferden voraus oder an ihrem vorgeschriebenen Platz, reiten die Regimenter zum Angriff. Ganz vorne der General mit seinem engeren Stab. Am rechten Flügel der ersten Schwadron vom 10. Husaren-Regiment „Prinee os Wales Own" reitet ein junger Leutnant aus einer Vollblutstute edelster Rasse. Der Reiter ist der Sohn des Earl of Portalington, Träger eines berühmten Namens. Nicht weit von ihm reitet Oberleutnant Earl of Airlie, Sohn eines uralten englischen Adelsgeschlechtes. Wie eine einzige feste Masse von Willen und Stahl reiten die Regimenter dahin, zuerst noch gedeckt. Ihre vordersten, etwa 200 Meter vorausreitenden Schwadronen haben nach wenigen Minuten schon die Höhe der schützenden Bodenwelle erreicht. Und nun dehnt sich weithin gegen Osten und gegen Süden ein schier flaches Gelände, ans dessen Dunst, wie eine finstere Bedrohung, der Termitenhügel wächst, ein lockendes, weithin sichtbares Ziel. Von dort bis zur Wotanstellung, die es zu erreichen gilt, sind's noch etwa 10 Kilometer Ritt über tief verschneites Gelände, das man, zusammen mit den südlich operierenden Tanks, vom Feind rein fegen wird. Ilm diese Minute sind die meisten Panzerwagen entweder schon außer Gefecht gesetzt oder befinden sich wieder auf dem Rückzug. Noch weiß die Kavallerie nicht, daß sie allein sein wird, ganz allein im weit und breiten Feld mit ihrem Mut und ihrer verzweifelten Tapferkeit. „Charge! Cha—a—a—rge!" befehlen die Regimentskommandeure und geben den Galopp an. Die Stabstrompeter nehmen den Befehl auf und blasen kurz und aufreizend das mitreißende Angrissssignal der britischen Kavallerie. Tausende Reiter beugen sich vor über die Pferdehälse. Tausende Sporenpaare ätzen die Flanken der aufgeregten Tiere, und wie gepeitscht schnellen die Pferde vor. Eng die Ordnung, Zügel an Zügel, galoppieren die Schwadronen. Tie vordersten deutschen Schützenlinien fiib noch knapp 500 Meter entfernt. Von dort bis zur deutschen Hauptlinie sind abermals 600 Meter zu durchreiten. Aber dort weiß man noch nichts vom nahenden Ungewitter. Nur überfeine kleine Entfernung reicht die Sicht. Richt etumal die Trom- peteusignäle der attackierenden Kavallerie hat man vernommen. So unerhört, so laut und mißtönend brüllt das Trommelfeuer. Unter dem Stampfen der Hufe bebt die Erde. Aber das Einwuchten der Minen und schweren Granaten schüttert noch rücksichtsloser. Jetzt haben die vordersten Schwadronen die Sichtweite der deutschen Schützenschleier erreicht. „Geradeaus--anreitende Kavallerie--anreitende Kavallerie --Kavallerie — rie---alle--rie!" Einer ruft's, brüllt's, schreit's den andern zu. Vorbei die ohnmächtige Müdigkeit, vorbei Hunger, Durst und jedes Empfinden überhaupt. „Ka— balle — rie!“ Der klassische, auf dem Kasernenhof tausendmal geübte und bisher nie eingetroffene Angriff ist da. „Geradeaus — anreitende Kavallerie!“ Blitzschnell gleiten die suchenden Finger der Musketiere ans Gewehrvisier. Ganz mechanisch stellen sie die für Kavallerie vorgesehene Entfernung von 700 Metern ein, legen an, schießen, Signalraketen zischen hoch, rot und grün, und bann ---? Dann sinb bie britischen Schwabronen Über ben schwachen beutschen Schützenlinien, reiten batüber hinweg. Niedergestampft, niedergetrampelt, zerrieben, in das Trichterfeld getreten, die paar deutschen Musketiere, ehe sie ein zweites Mal den Fünfer- rahmeu Spitzgeschosse in die Gewehrkammer schieben können. Tausende Hufe galoppieren in einen Nebel von Atemfahnen, Geschoßqualm, emporgewirbelten Schneeslatschen und wegspritzendem Morast. „Geradeaus anreitende Ka — val — le — rie!“ Es schreien jetzt die deutschen Artilleriebeobachter und brüllen es durch die Fernsprecher nach hinten. Beiderseits Monchy-les-Preux liegen sie auf der Lauer und sind wegen des undurchdringlichen Wetters so weit vorgeschoben. „Anreitende Ka--val--le — rie!" heißt es bei den Geschützstellungen westlich von Boiry-Notre-Dame. Sekunden später heulen die Schrapnells hinaus, riegeln das Gelände ab. lieber dem weiten Feld tanzen die grünlichen Wölkchen. Die 10. Husaren und das Leibregiment Essex vollsühren eine kleine Frontverschiebung, drängen hart zusammen, reiten nun pfeilgerade auf Monchy zu, bringen ein, genau wie es ber Befehl bes Brigabegenerals Bulkeley-Johuson vorgesehen hat. Der Brigabeführer reitet immer noch an ber Spitze ber beiben Regimenter, umgeben von seinem Stabe. Er spürt eine unbänbige Lust, jetzt burch bieses gefährliche Monchy zu reiten mit seinen Husaren unb (einen Leibgardisten, und über Trümmer und Mauerreste hinwegzusetzen, um als erster in den Feind zu preschen. Da fährt ihm ein harter Gegenstand an die Brust. Kurzer, stechender Schmerz. Gleichzeitig strauchelt das Pferd — — „Nicht unter das Tier zu liegen kommen!" denkt der General. Wird wohl ein Stein oder sonst was gewesen sein, durch Hufe emporgewirbelt, — dieser Stoß vor die Brust. Das Pferd des Generals macht noch einige Galoppsätze, überschlägt sich bann, wirft ben Reiter ab, ber sich geschickt in einen Trichter fallen läßt, sich bort budt unb tarnt. Und bann ist ber stechenbe Schmerz wieber ba — — — Unb nun reiten bie zwei Regimenter bonnernb vorüber unb ber sterbende General sieht das Blitzen der Hufe über sich wie ein Ungewitter und hört ihr Donnern und ihr wirbelndes Niederwuchten im schlammerfüllten Trichterfeld — die letzte Begleitmusik seines Heldentodes--Niemand, keiner der Reiter hat den General liegen sehen, sterbend, mit wohlgezieltem Brustschuß. Eng zusammengedrängt donnert die Kavallerieattacke weiter ihrem Ziel entgegen. Die deutschen Batterieführer bei Boiry schießen Schnellfeuer. Ihre vorgeschobenen Beobachter im Dorf von Monchy melden sich nicht mehr. Und auch die andern an der Südseite schweigen. Sie alle werden nie wieder eine Meldung durchgeben, denn sie liegen zerstampft, überritten unb vernichtet im Trichterfelb. Unb bie Kavallerie prescht weiter als dichtgeschlossene, wuchtige Masse, als eherner Keil, der sich nun anschickt, die deutsche Ber- teidigungssront zu durchstoßen. Geradeaus anreitende Kavallerie! Kavallerie —! Sa — val — Ic — riiiie 1 Kavallerie----! gellt der Alarm. Aus ben halberbrückten Unter» stäuben strömen bie Feldgrauen. Aus den Trichtern erheben sich die Schützen. Verwundete, schon fertig zum Gang nach hinten ins Feldlazarett, entwaffnet und ohne Koppel, packen das nächstliegende Gewehr. „Kavalleriiiiiie----!“ Das ist ja---unmöglich--nein, das ist eine vollkommene Frechheit. Jetzt noch knapp 200 Meier die vordersten Schwadronen. Und ba rattern bie Maschinengewehre. Die Spitzgeschosse peitschen und zischen ihre todbringende Bahn. Und jetzt greifen die Gewehre ins Gefecht ein. Das fileinfeuer mahlt unb knistert auf breiter Frontlinie. Ein Hagel von Spihgeschossen splittert ben tapferen Schwabronen ins Gesicht. Mißlungen jetzt schon der Angriff, die letzte große Reiterattacke auf dem Kriegsschauplatz der Materialschlachten. Und dennoch: keine Sekunde stutzen bie Schwadronen. Sie haben die Unmöglichkeit eines Durchbruches erkannt, unb beshald vollführen ihre gelichteten Reihen eine Rechtsschwenkung, reiten ab gegen Süden auf die Nationalstraße zu. Dort müssen doch die Tanks operieren, dort muß es doch noch gelingen, durchzukommen. Es muß — —! Die Pferde keuchen. Dieser Galopp über das unebene Trichterfeld ist furchtbar. Mit hartem Flupp wühlen sich die deutschen Spitzgeschosse in Reiter und Pferde. Krachend stürzen ganze Reihen, werden von nachreitenden Abteilungen übersprungen. Hier und da wälzen sich Menschen und Pferde in Knäueln. Viele Tiere, nur leicht verwundet, galoppieren irrsinnig vor Angst immer geradeaus über die deutschen Linien hinweg, werden später hinten bei der Artillerie abgefangen. Andere rasen siunlo- bin und her, schleifen ihre getroffenen Reiter nach, kopfunter im Steigbügel hängend. (Fortsetzung folgt.) Einen Gommer lang. Don Detlev von Liliencron. Zwischen Roggenfeld unb Hecken Führt ein schmaler Gang; Süßes, seliges Verstecken , Einen Sommer lang. Wenn wir uns von ferne sehen. Zögert sie den Schritt, Rupft ein Hälmchen sich im Gehen, Nimmt ein Blättchen mit. Hat mit Aehren sich das Meder Unschuldig geschmückt, Sich den Hut verlegen nieder In die Stirn gedrückt. Finster kommt sie langsam näher, Färbt sich rot wie Mohn, Doch ich bin ein seiner Späher, Kenn die Schelm i n schon. Noch ein Blick in Weg und Weite, Ruhig liegt die Welt, Und es hat an ihrer Seite Mich der Sturm gesellt. Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang, Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang. Robert Hamerling. ,All- h Zum fünfzigsten Todestag des Dichters am 13. Juli. Von R. A. Dietrich. liker von denen, die drüben in der Ostmark schon früh ein Mland", ein einig Reich aller Deutschen mit der Sehergabe des fotii Dichtertums verkündeten, war der aus ärmlichen Verhältnissen irienbe „Waldviertler" Sohn Robert Hamerling. „Deutschland ist mein Vaterland Oesterreich mein Mutterland" Ibinrt eines seiner Gedichte, und wenn man in Peter Roseggers »P- zarten" blättert und die zahlreichen Arbeiten Harnerlings liest, die li'Ji reunb dort veröffentlicht hat, so klingt aus allen dasselbe groß- ot|c’ Bekenntnis. In der Einleitung Harnerlings zur „Zwettler Heirnat- Ipk' heißt es, „Das Waldviertel war von den älteren Zeiten her eine IMDacht gegen das slawische Zwischenland im Norden. Es wäre zu lir .:i, daß unser gegenwärtig noch kerndeutsches Gebiet nicht zu einem ■Mi herabsinke, in welchem der Deutsche sich nicht mehr heimisch fühlen Ihttt und in welchem auch die Heimatliebe des Waldviertlers erlöschen . lifcon wegen feiner Heimat- und Vaterlandsliebe sollte der Name i Ift: Harnerlings weit bekannter [ein, als dies heute der Fall ist. Denn auch im Waldviertel (von dem uns im Reich nur ein Teil — die : Iru — ein bestimmter Begriff ist), Harnerlings Ruhm bis in die , ■< Weberstube drang, fein Werk hat doch zugleich ein Ausmaß, das ■B;chter, wenigstens im Rahmen feiner Zeit, mit der großen abend- , ■men Geifteswelt verbindet. Der Webersfohn. aus Kirchberg am . HP der Chorfängerknabe des Cistercienserftifts Zwettl auf der male- ' ■(fönen Halbinsel der Chuenringer, der Wiener Student, der sein ;mahl am Freitisch der Barmherzigen Brüder erhielt, der Gym- Will.hr er in Graz und später in Triest, wo seine ersten größeren Wc entstanden, hat immerhin eine romantische Dichtung wie die W'".i s im E x i l", ein Epos wie den „Germanenzu g" und i ■* hellenischen Künstlerroman „A spasi a"" geschaffen, der so voll rklich „Jdealischem" ist, daß man über manches heute vielleicht Mike Bild darin hinwegliest vom Hauch der inneren Seele berührt. > rliitt aber auch eine Tragödie „Danton und Robespierre" uwhe Komödie mit dem „modern" anmutenden Titel „£orb Lu - ' Jjr', es gibt Verse und AufZeichnungen, die in einer von der Zeit . 'SE/großartigen Weise die innige Heimatliebe kundtun, die der schlierte Dichter noch bis zu seinem Tode auf jahrlangem Kranken- '7'; n Trieft und Graz, also fern von der Waldviertler Erde, pflegte. , seiner besonderen Eigenart wirkt Hamerling am stärksten durch ( Ji roßangelegten epischen Dichtungen, wie „Ahasver in Rom künstlerisch stärkere „Der König von Sion', dessen Held ® ebertäufer Johann von Leyden ist. Hier wie in seinem berühmten h und KUnstlerroman „Aspasi a" ist es vor allem eine in r* und Sinnenglut prunkende Sprache, die oft — und das ist k, “i) und regional begründet — an die Gemälde Hans Makarts L ’M. Ma» muß diese zwischen Schwärmerei und Problematik, zwi- Ih. " »^geistigung und äußerem Prunk oft etwas schemenhaft wirken- , «hrmerlingschen Figuren, größtenteils in dem Jahrzehnt in Triest, i,‘*a‘ der damals umstrittenen Grenze zwischen Oesterreich und Jta- lu^^anben, etwas nach ihrer Herkunft und dem damaligen „oster- Zeitbild beurteilen. Im „Reich" ging die Entwicklung langst tC1 ■mbere Wege und strebte dem Versuch des „Naturalismus zu. X _ lerreich aber war unter den Besten der Dichtung wie Bartsch, > gr „ :’n Graedener und aus der vorherigen Generation eben vor d«Fobert Hamerling d i e Sehnsucht nach dem „Reich, nach *irX» n.$en; und „deutsch" ein Begriff, der an der Donau ebenso viel ^(geistige Verpflichtung enthielt als irgendwo bei uns. " Harnerlings Werk zeigen sich neben diesen freilich noch ganz andere Züge, wenn auch wesentlich im Formalistischen. Obgleich es ja selbst im Vorkriegsösterreich Harnerlings niemals eine „österreichische" Kunst ober Dichtung gab, sondern nur eine deutsche geben konnte, wie es nur eine deutsche Sprache gab, so hatte doch neben jenem tiefver- wurzelten Volkstumsgesllhl, das den Kern bildet, sich eine formalistisch besonders ornamentreiche Stilkunst gebildet, man möchte geradezu sagen, infolge des äußeren Abgetrenntseins vom „Reichsdeutschtum". Sie fand im Kunstgewerbe, etwa in der Schule des ausgezeichneten Malers und Bildhauers Gustav Klimt ihren sichtbarsten Ausdruck, sie zog ihre jugendstilartigen und mit reichen Orientalismen (der Balkan lag an der Grenze) geschmückten Kurven aber auch durch das Schrifttum. Sie sand ihre reichste Ausbeute etwa in den berüchtigt-berühmten Erzeugnissen von Hamerlings Zeitgenossen Sascher-Majoch. Aber ihr etwas schwüler Zug drang selbst noch in das unvergleichlich höherstehende Werk des Waldviertler Dichters (zumal in der Atmosphäre Triests!). So ist ein Zug des Tragischen um diesen in Krankheit und auch in künstlerischer Unbefriedigtfein vergehenden — in kurzem Ruhm erschöpften — und dann zu Unrecht wieder völlig vergessenen Dichter Hamerling. Es ist jener tragische Zug des Deutschen, der im sterbenden Oesterreich — das schon zu 'Kriegsbeginn längst zum Ende reif war — seine Wurzeln zu verlieren fühlt, der weiß, daß nur vom Neich her und im auch äußeren Zusammenschluß mit dem Reich (dessen Sprache man sprach, dessen Kulturboden derselbe war) er sich wieder wurzel- sicherer fühlt, und der doch zugleich weiß, daß diese Sehnsucht nach der Reichseinheit für ihn nur ein Traum ist, dessen Erfüllung er nicht mehr erleben wird. So steht Harnerlings Dichtung zwischen den Zeiten, wie sie zwischen Heimat- und Weltgefühl steht und noch nicht beides voll verbindet, sondern in einem hohen Pathos die innere tragische Kluft zu überbrücken versucht. Gerade darum aber, weil er so auf einsamem Vorposten gekämpft hat: Ehre feinem Angedenken' Nächtliche Ueberfahrt. Von Peter Ehrhardt. Die Waffer träufelten sich sacht. Die Wellen plätscherten am Bug Des Kahnes, der uns durch die Nacht Zum Steg ans andre Ufer trug. Dort gab das Buschwerk hart und klar Im Mond ein krauses Schattenspiel. Und undurchdringlich dunkel war Der Schatten der aufs Wasser fiel. In dieser Schwärze glitt der Kahn Und streifte rauschend durch das Rohr. Und aus dem Schilfe schrak ein Schwan Schmal in das bleiche Mondlicht vor. Jn der chemischen Welttücke. Von Dieter von der Schulen bürg. Der Schöpfer gab uns den Stoff; aber er überlieh es dem Menschen, diesen sich dienstbar zu machen und aus ihm den besten Nutzen zu ziehen. Der Stoff, die Materie, befindet sich überall in der Natur, über und unter der Erde, im Gestein, in jeder Pflanze, in Tier und Mensch, im Wasser und in der Luft. Schon das heißt Grenzenlosigkeit! In ihren verschiedenen Zustandsformen, als fester Körper, als Flüssigkeit und endlich als Gas unerschöpflich und mannigfaltig wie das Weltall, unfaßbar oft für den Menfchengeist, verwirrend, überwältigend wie der Blick in die Stille der Nacht zu den ©fernen und fernsten Sternensystemen. Ins Ungeheuerliche weitet sich diese Sicht, wenn wir uns weiter vorstellen, daß fast jeder Stoss sich in seine einzelnen Bestandteile und Urbestandteile zerlegen, und zergliedern läßt. Gerade darin ist das eine Arbeitsgebiet der chemischen Wissenschast begründet, das man mit „Analys e" bezeichnet. Und die Chemiker betrachten es von jeher als ihre Aufgabe, die Stoffe voneinander zu scheiden, wertvolle Stosse aus Stofsgemischen, wie sie meistens in den Naturprodukten vorliegen, zu gewinnen. Deshalb nennen auch die Holländer die Chemie „Scheikonde", die Kunde von der Scheidung der Stoffe, die „Scheidekun ft". Jeder Stoff kann aber auch wieder in andere chemische Verbindungen umgewandelt werden. Man gewinnt auf diese Weise ganz neue Stoffe mit ganz neuen Eigenschaften, die häufig dadurch erst wertvoll werden. Man nennt dies „$ e r e t> e l u n g". Dies stellt die zweite Haupttätigkeit der Chemie dar; die Synthese, den Aufbau neuer Stoffe aus bereits vorhandenen. Die Vorgänge bei solchen Umwandlungen »erlaufen nun nicht immer vollkommen einheitlich, sondern es bilden sich dabei auch Nebenprodukte, die entweder für sich oder auch in Verbindung mit anderen Stossen wieder nützlich und wertvoll werden können. So greift, wie überall in der Natur, eines in bas andere. Man muß ein Forfchungslaboraforium größten Stiles, wie etwa das der IG.-Farben in Ludwigshafen gesehen haben, um eine Vorstellung von der ungeheuren Vielseitigkeit der Materie gewinnen sowie begreifen zu können, wie weit der Mensch mit Hilfe chemischer Forschungen »nd Auswertungen sich die Materie bereits dienstbar gemacht hat. Man ist voller Ehrfurcht vor dem rastlosen Eifer des menschlichen Forschungsgeistes. Die Früchte dieser Tätigkeit sind Denkmäler deutscher Forschungsarbeit, die Segen über Segen nicht uur für unsere Volkswirtschaft, sondern darüber hinaus für die gesamte Menschheit gebracht ^"^Äls ich dieser Tage ein Forschungslaboratorium in Ludwigshafen besuchen durste, erging es mir genau so wie jenem Schüler, der zum gelahrten Dr. Faust kommt, um zu „profitieren". Hilf- unb ratlos, ja erschüttert, stand ich vor dem ungeheuren und vielseitigen Tatigkeitsseia chemischer Forschung. Genau wie dem Schüler drängten sich mir die Worte auf die Sippen: „Mir wird von alledem so dumm, als ging’ mir ein Mühlrad im Kopf herum." Gläser, Flaschen, Retorten, Röhren, Tiegel, Kolben, Kessel, Kühler und andere Apparate aus Glas, Porzellan und Eisen, fn jedem ein anderes Pulver, eine andere Flüssigkeit in allen nur denkbaren Farben! Ueberall kocht, brodelt etwas anderes, rauschen die Helzflammen, drehen sich die Rührwerke. Daneben geheimnisvolle, mit allerlei Meßinstrumenten versehene Apparate, von deren Inhalt nichts zu erkennen ist. Auf meine wißbegierige Frage über das Arbeitsgebiet dieses Instituts wurde mir in liebenswürdiger Weise Auskunft erteilt. Zunächst wurde ich auf den Unterschied zwischen rein wissenschaftlicher Forschung und technisch-chemischer Arbeit aufmerksam gemacht. Während die wissenschaftliche Forschung lediglich die Aufgabe hat, neue Erkenntnisse Über Zusammenhänge und neue Gesetzmäßigkeit sowie neue Stoffe zu gewinnen, hat die technische Forschung das Ziel, für die Gewinnung solcher Stoffe ein wirtschaftliches Verfahren auszuarbeiten, da sie im Gegensatz zur Wissenschaft mit dem Herstellungspreis des Erzeugnisses zu rechnen hat. Beide Arbeitsrichtungen werden in einem solchen Forschungslaboratö- rium gepflegt. Dabei arbeitet der Wissenschaftlicher meist auf längere Sicht, d. h. man verlangt von ihm nicht, daß schon morgen das fertige Produkt auf dem Saboratoriumstisch liegt, das übermorgen bereits die Tausendmarkscheine einbringt, die die Forschungsarbeit selbst in großer Zahl verschlingt. Er muß tiefer einbringen in die Materie. Er muß den Vorgängen und Erscheinungen bei seinen Reaktionen nach spüren und ihnen auf den Grund gehen. Dabei bedient gerade er sich sehr vielseitiger Methoden. Mit Hilfe der Röntgenstrahlen und anderen Strahlen kann er die feinen Unterschiede im Aufbau der Stoffe bestimmen, kann mit Hilfe des Ultramikroskops und der modernsten physikalischen Meßeinrichtungen erkennen, ob die Verbindungen, die er dargestellt hat, rein sind. In einer hohen geräumigen Halle, der gegenüber die Alchimistenküche des Dr. Faust ein Kinderspiel ist, stehen Behälter aller Art, strecken sich stählerne Rohre vom Boden bis an die Decke, die oftmals so dick rote Kanonenrohre sind; ein für den Laien unentwirrbar scheinendes Geäder von Leitungen drängt sich hier zusammen und ich höre, daß aus diesen und anderen ßab Oratorien in Ludwigshafen die Benzin- Synthese aus Kohle hervorgegangen ist und daß hier der Ammoniak aus dem Stickstoff der Luft- und aus Wasserstoff zum erstenmal technisch gewonnen wurde. Auch heute nach werden unübersehbare Früchte für unsere Volkswirtschaft aus diesen Synthesen geerntet: für die Landwirtschaft, die diesen Verfahren die Düngemittel verdankt, für die Automobilindustrie, die nun mit dem so notwendigen Brennstoff versorgt werden kann. Hier in Ludwigshafen wurden auch die grundlegenden Verfahren ermittelt, die zum Aufbau des künstlichen Kautschuks; „Buna" heißt das Zauberwort, geführt haben. Fast unglaublich klingt es für den staunenden Besucher, wenn ihm erklärt wird, wie in einem Stahlrohr unter ungeheuren Drucken und hohen Temperaturen aus zwei Gasen, Wasserstoff und Kohlenoxyd, eine Flüssigkeit, der Methylalkohol hier zum erstenmal aus den Grundstoffen entstanden ist, wobei geheimnisvolle Stoffe, die die Chemiker Katalysatoren nennen, eine bedeutende Rolle spielten. Gerade diese katalytischen Verfahren, bei denen aus einfachen Stoffen höchst interessante wichtige Rohstoffe erzeugt werden, sind heute erst recht ein hier besonders gepflegtes Gebiets Alle diese Verfahren, die unser rohstoffarmes Vaterland unabhängig vom Ausland machen, waren das Ergebnis langjähriger, mühfeliger, wissenschaftlicher Arbeit; der Vierjahresplan stellt den Chemiker hier vor immer neue und größere Aufgaben, die mit Eifer und Hingabe gelöst werden. Wir sehen an einer Stelle, wie ein Chemiker sich bemüht, aus einer dicken Lösung Fäden zu verspinnen. .Es sollen daraus neue und bessere Faserstoffe für unsere Bekleidung werden; und wieder an einer anderen Steile zeigt man mir; roie man das Paraffin, aus dem man bislang nur Kerzen hergestellt hatte, heute zu einer ausgezeichneten Seife verarbeitet. Ein riesiges Arbeitsfeld hat sich für den Chemiker aufgetan, in den sogenannten Kunststoffen. Die eigentümlichsten Behälter fintiert wir in einem Raum ausgestellt; sie sind in dauernder auf- und niedergehender Bewegung und man erzählt mir, daß darin Flüssigkeiten sich zu festen Massen verdichten, „die Moleküle reihen sich aneinander zu Ketten". Cs tritt „Polymerisation" ein. Vielfach läuft ans diesen Behältern eine Emulsion heraus, die wie Milch aussieht. Der Chemiker vermischt sie mit einer Säure und was wir in der Hand hasten, ist ein elastischer, gummiähnlicher Stoff. So wird der Buna hergestellt und viele andere neuartige Stoffe, die • man zu Filmen, Griffen, Knöpfen, Radioapparaten, Wandbekleidungen, Bodenbelag verformen kann. Ungeahnt ist auch die Weiterentwicklung, die einmal die Lackindustrie nehmen wird, wenn alle die Rohstoffe, Harze und Oele, die in Ludwigshafen an Stelle von Leinöl oder Kolophonium erfunden und geprüft werden, Eingang in die Technik gesunden haben werden. Dabei vernachlässigt man auch alte Gebiete keineswegs. Die Farbstoffe, denen ja die JG- Farbenintiustrie ihren Namen verdankt, werden immer mehr verbessert. Ludwigshafen ist ja die Geburtsftätte des weltbekannten Indanthrens. Die Indanthrenfarbstosfe gehen in alle Länder der Welt. Auch die Sortimente dieser echtesten aller Farbstosse werden immer noch mehr ergänzt und den Wünschen der wechselnden Mode angepaßt. Lehrreich für mich war das liebenswürdige Privatissimum, das mir ein Abteilungsleiter in feinem durch hohe Glaswände abgeschlossenen Atbeitsraurn gab. Man versuchte mit bewunderungswürdiger Haltung nicht zu zeigen, roie man gestört wird in dieser kostbaren Vormittags- ftuntie. Auf meine Frage, was find denn das: „Azofarbstoffe"?, wird mir ein Benzol ring mit allen möglichen Anhängseln geschickt und schnell auf ein Papier hingeworfen. Dem naiven Einwurf, des Faust- Sck;ülers: „kann euch nicht eben ganz verstehen", wird mit einem nachsichtigen Lächeln begegnet, und wenn ich nun die Deutung in „mein TZerantwortlich: Dr. Hans Thyrtot. — Druck und Berla A (in eoch 4t iS g: BrühlscheUntv er sitätsdruckereiR. Lange, Gießer». hi» großes Syj und 3mpngi Uebereinstimmung gebracht werden. In gleicher Weise roie für die Gerberei wird ein (aboratorium für Textilhilfsmittel, für Wasch- As i Hilden! ®t lebe «36 um !PN Sii herabgesetzt wird, ohne daß die einzelnen Fasern dabei verkleben i die Regentropfen perlen von dem Stoff ab, während feine Lust! (äffigteit unverändert bleibt. Hier werden auch neue Stosse fii.i Schlichten und Glätten der Fäden zum Polieren und ßüftiereir Fäden und Kordeln geprüft; neue Mittel zur Enthärtung von Ä| die Trilone, werden untersucht. Doch kehren wir zurück zum Forschungslaboratoll Der Chemiker hat also ein neues Produkt soweit gefördert, daß er « Laboratorium Herstellen kann, daß er seine Eigenschaften und feine » tische Bedeutung kennt. Damit steht er aber erst am Anfang einer und noch mühseligen Arbeit. Es gilt nun, den Soff im Großen Sai stellen. Dabei erlebt er nun häufig die tollsten Ueberraschungm । ist wohl durch alle erdenklichen Vorsichtsmaßregeln und Älarmvis tungen dafür gesorgt, daß man die Gefahr erkennt und gewarnt »- Entscheidend ist aber immer die Entschlußkraft des Meisters und dü beiter; von ihrer Geistesgegenwart hängt es oft ab, ob die Gejährt' ab gewendet werden kann. Mit it Mi finti, Wie' ■ »ujam typier R u 3n bit Besonders gilt dies für das Arbeiten mit Hochdruckgefäßen bü * vielseitigen katalytischen Prozessen, die hier bearbeitet werden. Gaia Wasserstoff, stehen unter Drucken von 200 und 300 Atmosphären. ® - der Wasserstoff an einer Stelle des Apparates austritt, bildet er. 1 wir das noch von der Schulbank her wissen, Knallgas. Da heW vorsichtig und geistesgegenwärtig sein. Man entschließt sich zum ® versuch erst bann, wenn die Vorversuche gründlichst vorbereitet Ms [ungen_ finb; dabei ist bas genaueste Kalkül wirtschaftlicher RentallR eine Selbstverständlichkeit, da es um hohe Summen verschliß i Werte geht. ’S 4? ■ft eilt rthet(d $od) Wien, ü hdj t) s * s uerrefi leit die - »atio bet bie Sen 'St : Siej *#et9o 'Magen ''»neu iF M nie Wen, ■ 'Me Gerbstoffen gegerbt sind. Die sauren Farbstoffe, die meist aus in weiten Gebiet der Azofarbstoffe kommen, finden ebenfalls immer io Verwendung für alle Portefeuille-Leder, wie auch für viele djrong« schau- und Bekleidungsleder. Wir sehen hier Hunderte von Ziegen in Schaffellen, die alle Monat hier zu Mustern verarbeitet werden 5 Lederindustrie tritt mit tausenderlei Wünschen und Anregungen mi Die einzeln hergestellten Muster müssen dann in ihren EigensÄch und im Farbton mit den Nuancen der eingesandten Farbenfkallu stellt sich etwa heraus, daß er seinen sorgfältig bis ins Kleinste gearbeiteten Laboratoriumsversuch in kleinen Mengen zwar lack! t[ ausführen kann, so daß er selbst im Kilomaßstab klappt, aber ba * Herstellung von vielen Zentnern versagt mit einem Male der Propn »1 Man versetze sich in die Verantwortung eines leitenden Chemil« der die Ausarbeitung zu überwachen hat. Allein könnte er diese N niemals bewältigen. Er muß sich vor allem auf die Ingenieure, du Apparate bauen und auf seine Mitarbeiter, auf seine Arbeiter, .5* ranten und den Meister verlassen können. Deren Erfahrung, Tülsts und Pflichtauffassung finti_bann in noch weit höherem Sinne al- nach der wirtschaftlichen Seite hin entscheidend. Manchmal geht solchen Prozessen selbst um das Geben aller in Betrieb Schassenden geliebtes Deutsch" zu übertragen versuche, so entstehen die MjofatliJL aus organischen Radikalen (Benzol- oder Naphtalinabkönimtingey, 6k untereinander durch eine Brücke von zwei aneinander geschionW Stickstoffatomen verbunden sind. Für chemische Ohren soll diese ML lierung gerade eben noch erträglich klingen. Dem genau so mc orientierten Leser kann ich zurufen: Schmeck’sl, er wird’s ja JE weiteres kapieren". Man kennt diese Azofarbstoffe feit langem. M auch für sie gilt es,~ neue Verwendungsgebiete zu erschließen. Ai Probleme gibt die Färberei der neuen Fasern aus Wolle uni , Zellwolle, wie sie meist im Gemisch gesponnen und verwebt werden, t! „Neu", ist überhaupt das Kennwort für den Chemiker, und seien t Frage lautet immer, „was gibt's Neues". Man führt mich noch in ein Speziallaboratorium. Solche ergiiy vielfach die Arbeit des forschenden Chemikers, sie müssen für W i Anwendungsgebiete für die neuen Produkte erschließen. Das ßaburoi rium, in dem wir stehen, dient zur Bearbeitung von Leder « zur Gerbung, Zurichtung und Färberei des Leders. Hier werden ii neuen synthetischen Gerbstoffe, die uns von der Einfuhr der Quedrch Rinde frei machen, geprüft. Ihre Bedeutung nimmt immer mch j Jede Gerbart erfordert besondere Sortiments von Farbstoffen, Mi nicht gesagt fein soll, daß es nicht auch Farbstoffe gibt, die für m:,fn Gerbarten ebensogut verwendbar sind. Die alten basischen Facht« haben immer noch ihre Bedeutung für alle Leder, die mit pflar.,it rungsmittet unterhalten. Bekannte Netzmittel sind die Nekale, um) I I i (ich Ramasit ist heute der bekannte Regenabstoßer geworden. Die Milli dieser Stoffe beruht darauf, daß die Saugfähigkeit der Gewebe: Ü Vom Tisch des forschenden Gelehrten, durch Laboratoriumssäl" ihren unzähligen Kleinversuchen, bis zur Großversuchsanlage, wr. ein langer Weg. Ein beständiges Brausen, Zischen und Motoren« rnern war um mich. Als ich nach zwei Stunden wieder auf ein|! vielen Straßen der Fabrikstadt stand, wo hier und dort neue gebäube sich zum Himmel reckten, mußte ich sehr bescheiden W Ipw daß dieser Großversuch eines chemisch praktischen Seminars auf h,J‘, Gehirn verheerend gewirkt hatte. Man wird keinen Chemiker nw_ mir machen, aber eines war meinem Führer ganz geglückt: 34,*?.!;■ eine helle Begeisterung hineingeraten, über dieses unglaublich viest^ Wissen und Können, was sich mir in dieser chemischen Weltküche Jf barte. Da stand ich nun im Sonnenbrand und wischte mir die Sch,’ perlen von der , Stirn, und dann bot mir der freundliche Fühl^ . die liebenswürdigen Gastfreunde im behaglichen Kasino einen , Pfälzer Tropfen. Da wich der Bann von mir und ich meinte, Tropfen sogar verdient zu haben, nach all den geistigen ^imW- . . R dieses Morgens. ,1»,