GirheneiFamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1959 Montag, -en 13. November Nummer 88 Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 1. Fortsetzung. , Goethals, fo hieß der Gast, glaubte, Grietjes Körper wieder bedecken zu sollen. Aber Roosje ließ es nicht zu, riß wild das Tuch so wert rote möglich zurück und richtete sich drohend aus: „Wer hat Ihnen getagt, daß Sie sie vor mir verbergen sollen? Ich will sie sehen, ich will sie sehen, bis sie fortkommt. Die Polizei wird mir das nicht verbieten, denke ich!" Dann zeigte sie auf das Gesicht ihrer Tochter und hob leise die Haube, um einen ganzen Wald brauner Haare, die im Licht wie röt- liche Wellen schienen, zurückzustreichen. Wahrend sie sprach, wurde sie wieder milder: „Welches Mädchen in Gent hat solches Haar, eine so glatte Sttrn und einen so festen Willen unter diesem Marmor? Arme Grietje! Und die schönen großen Augen, die ihre arme Mutter so gütig und so neckisch anblickten. Du warst ein verwöhntes Kind, nicht wahr, Grietje? Wirst du mich nie mehr küssen, meine Tochter, mein« Tochter, meine Tochter?" Und Roosje warf sich zurück und schrie auf — „niemals mehr, Gnetiel und sie rief es immer wieder — aber nichts veränderte die Starrheit der auf dem Bette Liegenden. „Ja, ja", sagte Roosje wie eine Wahnsinnig« zu jemand, der nicht x "rein Mann rft vorangegangen, um für sie im Reiche der Würmer Quartier zu machen. Sie ist unverheiratet gestorben und hat mir mchts gelassen was ich nach ihr lieben könnte. Und diese Brust und dieses Blut hätten einem Kinde Milch geben können, die stärker gewesen wäre als Wein. Und welches Mädchen von Gent hat so schöne weiße Beine? Sie ist wie ein Marmorbild und muß doch unter die Erde, und die Häßlichen bleiben oben! Sagen Sie doch", fuhr sie fort und sprach diesmal zu ihrem neuen Gaste, „hätten Sie nicht gewünscht, wenn Sie auch ein feiner Herr sind, ein solches Mädchen jur Herrin des Hauses zu wählen?" „Das glaube ich wohl", antwortete er. „3a“, sagte Roosje, „aber Sie hätten es nicht bekommen." Und sie streichelte zart und leicht Haar und Gesicht ihrer Tochter. Roosjes Gast hörte nicht auf, Grietje mit der ganz besonderen Aufmerksamkeit eines Betrachters in sich aufzunehmen, der nicht an die Wirklichkeit besten, was er vor Augen hat, zu glauben vermag. Roosje sah, wie er aufstand, einen Spiegel ergriff, ihn über Grietjes aJtunb hielt, ihren Puls faßte und seine Hand unter ihre linke Brust legte, um sie abzuhorchen und abzuklopfen. „Was machen Sie da, und wer sind Sie?" rief Roosje, von einer unklaren Hoffnung erfüllt. „Ich bin Arzt", erwiderte er. „Arzt!" rief Roosje, auf einmal ganz ergeben und ehrerbietig. „Herr Doktor, ist es wahr, daß Grietje tot ist?" „Ich weiß es nicht", erwiderte er „Tun Sie, was nötig ist", sagte sie. Der Gast hob Grietjes Kopf und ließ ihn einen Augenblick in seiner Hand ruhen. „Wann hat der Arzt erklärt, das Mädchen sei tot?" „Drei Stunden vor Ihrer Ankunft, Herr Doktor." „Und wann hat sich nach seiner Behauptung das Unglück ereignet?" „Vor siebenundzwanzig Stunden", entgegnete Roosje, an den Fingern aachzählend. „Und welche Krankheit gab er als Todesursache an?" „Einen Schlaganfall, wie er ihm noch nie vorgekommen sei." „Einen Schlaganfall?" Paul lächelte. „Die Haare sind ja noch warm" „Was haben Sie gesagt?" fragte Roosje. „3d) sagte, daß die Haare noch warm seien und die Gesichtsfarbe nicht ter einer Toten gleicht. Ihr Arzt hat sich vielleicht getäuscht." „Was", sagte Roosje keuchend, „sind Sie wirklich Arzt?" „Ja." Roosje erschauerte vor Hoffnungsfreudigkeit und rief mit einem gri- "wssenähnlichen Lächeln: „Also, Sie sagen, es ist nicht sicher, daß Grietje tot ist?" „Ich bin nicht sicher, daß sie es ist." „Wiederholen Sie das noch einmal!" „Ich bin ganz und gar nicht sicher, daß sie tot ist." «n '/°“sLe p^te ihn am Arm und führte ihn zu einem kleinen mit Wachstuch bedeckten Holztifch, der zwischen den beiden Fenstern stand roie ein v°m Winde bewegtes Blatt öffnete sie mehrere Male ^ . Mund um zu sprechen und verschluckte immer wieder ihre Worte. Endlich schlug sie auf den Tisch: „Hör zu!" rief sie unter Lachen und ra6the ®aft ins Auge, als wollte sie ihn verklingen „Hör zu! Wenn du nicht etwa nur geredet hast, um dich über mich lustig töe"J' b? o4t flogen hast, wenn du dieses schon ftir den TiM. mSa»m? erre“et' 1° ^hle ich dir hier auf diesen Ttfd) 'n Gold, m Banknoten und in Fünffrankenstücken zehntausend Franken auf. Hörst du! Zehntausend Franken!" ' »etmtaujenD »6f1^Lbie olle Roosje meinte, es waren aber nicht Tränen, die Mutter- neue lyr erpreßte. r. t'^amm jetzt" sagte sie befehlend und zog ihn zum Bett hin. „Sieh sie dir an, sieh sie dir gut an!" und sie drohte mit der Faust. „Und sage mir, warum du denkst, daß Grietje nicht tot ist?" 9 ,"We-l -4 hier" sagte Paul, ,^ie Ruhe einer tiefen Betäubung und nicht den harten Ausdruck des Todes fä>e." „Wenn du lügst", stieß Roosje hervor, „bist du ein Schuft." 7. Roosje setzte sich an das Kopfende des Bettes, Paul an das Fußende Longe.Zeit bettachteten beide die regungslose Grietje. " 8 Plötzlich stand Roosje auf. Sie nahm die kleine Kiste, das Tischtuch, wÄ U2b ble be.tb,!n Kerzen vom Tisch, schob diesen an das Bett und L "^^^^Eder darauf, stellte das Kruzifix auf den Kamin m’ivh h ^Aor, ich nehme den Altar auseinander; vielleicht wird das dem Kinde Glück bringen." „Haben Sie guten Essig im Hause?" fragte Paul. et“as ™it der Antwort. Sie wand sich, als ob man "Sf .Hangen aus den Zähnen risse und erwiderte 6Gr ®cr Zu stark, und ich mußt« zur Hälfte Wager m die Flaschen tun ... „Unb ...". sagte Paul, als ob er etwas anderes verlangen wollte „Verlangen Sie nichts mehr", flehte sie, und in Tränen ausbrechend: ,,3d) konnte das nicht vorausfehen, ober sagen Sie mir, was Sie brauchen und ich werde es um jeden Preis herbeischaffen. Sie sollen sehen, roie ich laufen kann! „Jemand wird noch schneller laufen als Sie." „Wer?" „Siska." „Und der Schankraum?" „Wird heute abend geschlossen", sagte Paul. Er ging zur Treppe und rief von dort Siska. Sie kam bald mit dem Schritt eines Ackergauls, an den sie übrigens m. ihrer ganzen Haltung etwas erinnerte. Sie blieb vor dem Arzt stehen wahrend er ein Rezept schrieb. „Geh zum Apotheker van Berckelaer, fünf Minuten von hier" ,^Ich kenne ihn." „Gib ihm dies Rezept. Falls er sagt, er brauche Zeit, um es anzu- fertigen, so bitte ihn, dir die einzelnen Bestandteile mitzugeben. Ich schreibe das übrigens noch darauf. Wie es aussteht, ist gleich, nur mußt du es rasch bekommen. Jetzt lauf!" „Geld!" Roosje griff langsam in die Tasche und suchte lange nach ihrer Börse Der Doktor gab Siska fünf Franken und füllte inzwischen einen großen Krug zu zwei Dritteln mit Wasser. Rach zehn Minuten war Siska schon zurück. Der Doktor nahm ihr zuerst ein Päckchen mit einem salzähnlichen Stoff aus den Händen den er in den Krug schüttete, goß den Inhalt erst des einen Fläschchens und bann ben eines andern hinzu, der gleich nach dem Deffnen des Fläschchens einen durchdringenden alkalischen Geruch im Zimmer verbreitete.' Er rührte die Mischung mit den Händen um, die er ganz rot wie blutend wieder herauszog. Die beiden Frauen niesten und husteten. „Holen Sie mir Flanell!" befahl er Roosje. „Rehmen Sie meinen Unterrod", Herr Doktor!" rief Siska. „Einen ganz neuen Unterrod", meinte Roosje. „Das macht nichts, Herr Doktor", sagte Siska. J)ier nehmen Sie!" Und sie zog den Unterrod unter ihrem Kleide hervor und riß ihn in Streifen, ehe Paul Zeit fand zu widersprechen. „Der lieb« Got wird ihn mir wieder ersetzen." „Siska",'sagte Paul, der sich entschlossen hatte, für Siska in diesem Falle der liebe Gott zu fein, „jetzt suche mir alles zusammen, was es an Bettdecken im Haus« gibt." Dann warf Doktor!" Er hob sie wollte sich auf hielt sie an. .„Sassen Sie Sie sah ihn auf und umarmte sie mit einem fünften Lächeln. Sie das Bett stürzen und die Decken wegreihen, aber er die Natur und das ÜRittel wirken", mahnte er. an wie einen Engel, der sich chr in einem verzückten „Es schmilzt!" rief sie. „Das Eis fchmilzt!" . ' sie sich auf die Knie: „Oh, verzeihen Sie mir, Herr „Daesin, geben Sie mir den Schr-mkfchlüffel." „ I ' „Ich werde sie selbst holen", sagte Roosje. „sie sind gleich nebenan . ln Roosft°^rwahrte die Wasche und die Kleidungsstücke in einem Schranke, dessen Schlüssel sie Siska nicht anvertrauen wollte; sie brachte einen Packen alter und neuer Decken, S-Hn 'm ganzen. „Jetzt passen Sie gut auf", sagte Paul. ..Z'ehen S>e Ihre Tochter ganz aus. Dann tränten Sie zwei Decken mit der Flüssigkeit aus dem I Krug und legen Sie sie unter ihren Körper. I „Wird das die Decken nicht verderben?" fragte Roosje. "Aus einigen Stücken des Unterrockes machen Sie Bäusche, bie Sie gleichfalls in die Flüssigkeit tauchen, und dann reiben Sie damit Sne je vom Kopf bis zu den Füßen tüchtig ab. Du, Siska, barjst deine Kräfte nicht sparen, und wenn ihr beide nicht mehr könnt, dann tauchst bu eine 1 anbere Decke in ben Krug, beckst sie über Grietje unb legst alle anderen darüber, daß nur der Kopf frei bleibt." ....... , Wenn man sie nur zu reiben unb zu schütteln braucht, bah sie auf« wacht —", sagte Siska, streifte ihre Aermel bis über bie Ellenbogen hinauf unb nahm die Stücke ihres Unterrockes in die Hand. „Los, Mutter! Und Sie, Herr Doktor, gehen Sie fort, hier können Sie nicht bleiben. Sobald wir fertig find, rufen wir Sie." t „ „Wenn Sie mich brauchen", sagte Paul, als er bas Zimmer verlieh, „ich bleibe auf bem Flur." r , ... s Von brausten hörte er bie beiben Frauen fortwahrenb husten unb niesen. Roosje sagte: „Wie kalt bas arme Lämmchen ist." Unb Siska: „So, junge Herrin, bie Würmer haben Sie noch nicht, wir werden Sie schon aufwecken. Ich tue Ihnen weh, nicht wahr, Grietje? Aber ich will ja nur Ihr Bestes. Das nimmt Ihre zarte Haut mit, armes Mädchen, aber sie wird schon ganz von allein wieder gut werden." „Du reibst zu stark", meinte Roosje, „bu reifet sie ja in Stucks! „Nein, Baesin, ich weife schon, was ber Doktor will: bas Blut soll roieber in bie Haut kommen. Merken Sie, wie stark unb heife bie I Lauge ist?" „Welch ein Segen, bafe er hierher gekommen ist", sagte Roosje. „Ja, ein Segen, bas glaub’ ich auch. Sinb Sie mübe, Baesin?" ,',Jch habe mehr Kraft als bu!" entgegnete Roosje. „Diese kleinen mageren Frauen sinb wie aus Eisen. Also fest reiben! „Verschonen Sie bas Gesicht", sagte ber Doktor von braufeen. , Jawohl’', antwortete Siska. „Kommen Sie noch nicht herein! Mut, Baesin!" „Sie ist recht schwer”, sagte Roosje. „Das finbe ich nicht, ober bodj — aber nein — Gott! Wie jammervoll, wenn bas wahr wäre, Sie schöne, gute, arme, kleine Herrin! Gott im Himmel! Jesus God en Maria! Gute Mutter, gib sie uns roieber, sie hat niemals etwas Böses getan, sie war so brav. Niemals haben bie jungen Männer schlecht von ihr gesprochen. Gebt sie uns roieber! Jesus, Maria! Ich will jeden Samstag eine ganz große Kerze für euch opfern. Gebt sie uns wieder!" ... Roosje brach wieder in Schluchzen aus. Paul horte zwischen Schluchzen unb Sprechen, wie bie beiden rieben unb ben Körper heftig schüttelten. Plötzlich rief er: „Genug! Deeken Sie sie jetzt zu!" Das geschah im Nu. „Dars ich eintreten?" „Ja, Herr Doktor", sagten beibe zugleich. 8. Nach soviel Unruhe herrschte jetzt tiefe Stille. Roosje unb Siska standen, von der Anstrengung noch keuchend, mit gefalteten Händen ba unb betrachteten bas junge Mädchen, von dem nichts zu sehen war als das lange braune Haar, bas überall bas Kopfkissen bebetfte unb sein bleiches Gesicht umrahmte. Die beiben Kerzen auf bem Tische brachten ben reinen Schnitt unb ben zugleich sanften, festen unb kinblichen Ausbruck von Grietjes Gesicht zur Geltung. , ,. Zehn Minuten, zehn Jahrhunderte währte bas Schweigen, bis Roosje es brach: „Das ist also ihr Heilmittel, Ihr berühmtes Heilmittel. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Heilmittel ... Sie sehen ja, wie es wirkt!" Sie schien Lust zu haben, ihn zu beleibigen, wagte es aber noch nicht. Paul blieb kaltblütig unb gutmütig; er wurde nicht einmal streng, sondern antwortete: „Geduld, arme Frau!" „Hat sich was mit Geduld und arme Frau!" schrie Roosje. „Geheilt Traume zeigte. . Siska, die bis dahin fest und fttll geblieben war, lachte und meinte zu gleicher Zeit. Sie sah auf Grietje, warf sich auf die Kni«, dankte Gott und 0«r Jungfrau, küßte Paul, sprang ihm an den Hals, zwang ihn, nut iyr zu tanzen, stürzte wieder ans Bett, beugte sich über Grießes Gesich unb zeigte in ihren kleinen Augen eine lange zuruckgehaltene und es grenzenlos entbrannte Siebe. Roosje war immer noch außer sich uno warf bie Arme hin und her, ohne zu wissen warum. Ihr Lächeln er schreckte mehr als ihre Tränen; ihr so lange bedrücktes Herz, das siw nun ausdehnte, schien ihr in der Brust zu zerspringen, und roie e.ne Wahnsinnige schrie sie, aufrecht stehend, begeistert und stegestrunre . „Das Eis schmilzt! Es dreht sich auf ber Stirn meines Kindes, mei Grietje. Es dreht sich! Es wird auf das Kopfkissen fallen, ja, ja, < wird fallen! Doktor, Herr Doktor, Verzeihung!" Der Doktor versuchte sie wie ein lieber Sohn zu beruhigen. (Fortsetzung folgt.) soll sie werden!” ,Zch glaube, es Ihnen versprechen zu können ” „Ich -.. glaube ... zu ... können”, brach Roosje wieder los, wobei sie näselnd jede Silbe betonte. „Ich glau ... be... Ein schönes Lied, das Sie mir da fingen!" ...... „Siebe Frau", sagte Paul, immer noch sanft, „ich bitte Sie nur noch um' einige Minuten Geduld, und Sie werden nicht mehr so betrübt lein wie jetzt. Soll ich es Ihnen beweisen?" „3a", sagte Roosje unruhig und drohend. „Gut, hören Sie: es friert braufeen Stein und Bein. Sie haben also sicher Eis zur Hand?" Gewiß", antwortete Siska, „eine ganze Wanne voll. Ich wollte meine Wäsche darin spülen; sie liegt schon zwei Nächte im Hof«. Das Eis in ber Wann« ist drei Finger stark. Brauchen Sie welches, Herr Doktor?" Siska ergriff eine Kerze unb rannte die Treppe hinab, was sich anhörte, als ob mehrere Frauen hinunterliefen. Roosje schwieg; sie war eingeschüchtert durch dieses Stück Eis, das ihr ben Beweis ber Möglichkeit geben sollte, Grietje wieder zum Beben zu erwecken. Paul hörte, wie Siska im Hofe mit bem Absatz ihres derben Schuhes das Eis in der Wanne zerbrach. m , Als sie mit dem verlangten Stück zuruckkam, legte es Paul auf Grietjes Stirn. Das Eis bildete einen kleinen, einige Zentimeter hohen unb breiten Block, oben nrtt 'einem Sprung; das gelbliche Licht ber Kerzen liefe es wie einen grofeen Diamanten feuerfunkelnd erglänzen. Roosje verharrte, immer mehr verwirrt, in Schweigen. Paul sagte: „Sobald Sie dieses Eisstück schmelzen sehen, werden Sie verstehen, bafe Wärme unb Beben wieder in die Stirn Ihrer Tochter steigen. Roosje antwortet« nicht; sie sah nur auf Grieß«. Das dauerte lange neit. Sie mußte eine starke Willenskraft besitzen, well sie so ruhig erschien, trotz ber Verzweiflung, bie jeber3eit sich m Wut verwandeln konnte, die ihre grauen Augen funkeln liefe und ihre Nüstern hefttg ““^auF" ebenfo bewegt wie Roosje, hielt seinen Wern an; auch er sah auf bas Eis, bas ebensowenig zu schmelzen schien wie ein Stuck Marmor. Die starren unb glühenden Augen ber alten Frau schienen auf bas Eis festgeschraubt zu sein. Paul sah, wie sie erschauerte und fürchtete einen Gehirnschlag, so färbte bas in Wellen chs Gehirn flutende Blut bie Augen und Wangen rot. Don Zeit zu Zeit hatte es den Anschein, als ob sie hoffte, unb bann glitt ein bleiches, schwaches Lächeln über ihr« Sippen, verschwand aber schnell roieber vor bem Anblick des Todes. Ihr alter magerer Rücken krümmte sich noch mehr, und die Falten in ihrer Stirn vertieften sich, und sie ballte bie Fauste, üöenn bas nicht schmelzende Eisstück ein lebendes Wesen gewesen wäre, sie hatte es erwürgt und mit ihren Händen in Stücke gerissen. Immer noch lag es unbeweglich und glänzend im Sicht ber Kerzen auf Grietjes Stirn wie I ein unheilvoller Diamant, wie ein kalter Dämon mit einem steinernen Herzen, der zum Beben nein sagt, zum Tobe ja. „Schmilzt es noch nicht, Herr Doktor?" fragte Roosje mit einer Stimme, die nicht mehr von Tränen erstickt war. „Nein", antwortete Paul traurig. Das Licht ber rauchenden Kerze liefe bas stolze und zarte Gesicht Grießes in einem Rernbrandtschen Halbdunkel erglänzen, aber das blinkende, unheimliche Eisstück schmolz nicht. Roosje verlor die Geduld. Sie pfiff hohnlächelnd zwischen ben Zähnen und rief mit immer lauterer Stimme: I ,Zch wußte genau, bafe es nicht schmelzen würde! Es hütet sich wohl I zu schmelzen! Das wäre ja Hexerei!" Ihre Augen begannen haßerfüllt zu funkeln. „Geduld!" antwortete Paul. .Geduld!" wiederholte Roosje, noch stärker grinsend. „Geduld! Es schmilzt nicht, es wird nie schmelzen. Sie sind ein Esel und ein Henker, roie all die andern. Wenn diese vornehmen Herren, die lateinisch können, ihren Frack anziehen, so möchte man meinen, daß ihnen ganz Gent gehöre, aber wenn es sich darum handelt, ein armes Kind zu heilen, das nicht einmal krank war, ba sind sie gleich am Ende ihrer Wissenschaft ... Sieh mich nicht an mit deinen Augen, die gutmütig aus- sehen sollen. Du bist ja viel zu jung, um Arzt zu sein. Du kannst ruhig versuchen, dir ein ernsthaftes Aussehen zu geben, du wirst doch immer ein Narr und Heuchler bleiben!" Dann parodierte sie näselnd Pauls Ton: „Ich werde dieses Mädchen, das nicht tot ist, heilen, liebe Frau." Du stehst doch wohl, daß bas Mädchen tot ist, du Wysneus, du Naseweis, du Prahlhans, ber bu deinen Dünkel noch hinausposaunst! Bring sie doch wieder zum Beben, wenn sie nicht tot ist. Und für dieses schöne Stuck Arbeit muhte man I einen ganz neuen Unterrock in Stücke reifeen, und mit dieser Sauge, bie ich bir am liebsten ins Gesicht giefeen möchte, zehn Decken Derberben. I Du siehst ja, wie es schmilzt, dein Eis, nicht wahr? So wie mein Pan- toffel, nicht wahr?" Und mit einer schnellen Bewegung warf sie ihren Pantoffel zehn Schritte von sich. Ha, dein Eis schmilzt roie ein Stück Holz, nicht wahr? Du Schwindler! Wage nur, von mir Geld für deinen Besuch zu fordern, und du wirst sehen, mit welcher Münze ich dich bezahlen werde, schändlicher Heuchler!" Sie stand auf, um zitternd unb wütend ihren Pantoffel wieder zu I holen; bann setzte sie sich ans Bett. Plötzlich richtete sie sich hoch aut ein heftiges Zittern lief über ihren ganzen Körper, sie streckte ihre Arme liebkosend gegen ©netje, mir Augen, bie durch eine erschreckende Freude unnatürlich grafe wurden, und mit offenem Munde wie eine Wahnsinnige. wär, hielt er in dem kalten Master und das mutz ihn ge,rywücht ynor-, denn er trieb mit dem Strom ab, verlor den Boden und mutzte jdjroim» men. Sein Reiter glitt aus dem Sattel, hielt sich am Hals des Pferdes fest und erst eine gute Strecke unterhalb der Furt gewannen beide das andere Ufer. Der Reiter trug damals unter dem weiten Dragonermantel einen Unterziehpelz aus Lammfell. Selbst dieser hat das Wasser nicht abgehalten und der Mann hatte keinen trockenen Faden am Leib, zugleich war er so schwer, daß er kaum gehen konnte, denn das Winterzeug hatte sich wie ein Schwamm voll Wasser gesogen. Auf der Sohle der Reiterstiefel schwappte es und wenn man die Beine hochhielt, sickerte es nur tropfenweise heraus. Aber der Feind störte d^n Uebergang, die Schützen sahen zum Gefecht zu Fuß ab, sie muhten sich Schritt für Schritt Raum erkämpfen für einen Brückenkopf. Den ganzen Tag hindurch währte das Gefecht bis in die Nacht hinein, man sprang auf, lief rasch über das Feld, warf sich nieder, schoh und sprang wieder aus. Abschnittsweise wurden kleine Befestigungen angelegt, es war ein heißer Kampf und in diesem Kampf wurde der Reiter trocken, ohne dah er wußte wie. Das Pferd aber Überstand das kalte Bad nicht. Als der Vormarsch am nächsten Morgen weiterging, hatte es den Verschlag, wie man die Blutstockung im Hufbein nennt. Sie macht das Pferd steif. Mit trüben, milchigen Augen blickte Fiskus vor sich hin, kaum konnte er die Beine voreinander setzen. Man mußte ihn im Schritt nachführen. Wieder einmal war sein Reiter ohne Pferd. Beim eiligen Frühstück am Morgen sagte der Schwadronsführer zu seinen beiden Offizieren: „Einer von euch muß dem Vizewachtmeister ein Pferd abgeben." Er sagte das leichthin, als ob sich das von selbst verstünde, und so wurde seine Anregung auch ausgenommen. Die beiden Offiziere waren junge, hilfsbereite, freundliche Leute. Der eine, Carl Hans L., war als Fahnenjunker mit dem Kriegsfreiwilligen zusammen in das Regiment eingetreten und hatte Freud und Leid »er Reiterjahre mit ihm geteilt. Der andere war jünger und um vieles später ins Feld gekommen. Als Offizier hatte jeder von ihnen fein Chargenpferd, obendrein noch ein eigenes Pferd, ihre Burschen ritten gute Schwadronspferde, außerdem gab es Packpferde und andere Vorwände. Und obgleich beide gern geholfen hätten, konnten sie dem Freiwilligen kein Pferd abgeben. Bei Pferden hört die Freundschaft auf. Das Beispiel des Fiskus zeigte, wie leicht jeden Augenblick ein Pferd aus- fallen könnte. Auch waren die Pferdeburschen eifersüchtiger auf ehren Stall bedacht als ihre Herren. Der heimlichen Mittel sind viele, um ein- zugreisen, wenn ein Pferd abgegeben werden soll. Man braucht nur ein dünnes Pferdehaar um die Fessel zu spannen und das Pferd lahmt, wenn es lahmen soll. Dann kann man es nicht abgeben. Es ging also nicht nein, beim besten Willen ging es nicht und der Vizewachtmeister blieb ohne Pferd, wenn er nicht einem Dragoner «ins wegnehmen wollte. Die Macht hatte er jetzt dazu und mancher wird fragen, warum dann der ganze Umstand? Aber man mag den Mann auslachen, es kam ihm schwer an, seine Macht auszuüben, denn er hatte es zu ost am eigenen Leibe erfahren, was es hieß, wenn einem Dragoner fein Pferd abgenommen wurde auf höheren Befehl. Als es dann doch geschah und der Vizewachtmeister auf der Rosa des Dragoners H. faß den er zu den Troßwagen schickte, da vermied er cs geflissentlich, daß er dem Abgesessenen zu Gesicht kam. Es war ja sein, des Dragoners Pferd, hatte in eine Pechsträhne gegriffen in diesen Tagen. An einem regnerischen Morgen zogen die Reiter in die Stadt Buzau ein. Die liegt am nordöstlichen Rande der Walachei, von hier ab breitet sich die Moldauebene nach Norden und Osten aus bis ans Schwarze Meer hin, der Sereth und seine Sümpfe an der Mündung sind nicht weit. Den Deutschen standen jetzt Russen gegenüber. Buzau hatten sie in der Nacht geräumt Die Stadt brannte an allen Ecken, bei dem Regen aber konnte das Feuer nicht um sich greifen, es schwelte unter einem dichten Rauch, der sich mit dem Morgennebel mischte. Wie Schimmel lag er auf den Dächern und Mauern. . . . _. Die Dragoner waren di« ersten deutschen Truppen in der Stadt. Sie hatten sie vom Feinde frei gefunden und nun ruckt« das Regiment ein und hielt eine Weile, während Patrouillen über die Stadt hinaus dem Feinde nachspürten. Weit weg konnte er nicht fein, man rechnete damit, daß es bald zu einem Zusammenstoß tarne Doch die Rosa ging lahm an diesem Morgen. Vielleicht hatte sich auf her kiesigen, aufgeweichten Sttahe ein Stein in den Huf gezwängt und dem Bferd weh getan. Wer als man den Schaden besah, konnte man nichts an dem Huf finden. Vielleicht war auch ein Pferdehaar im Spiel, jedenfalls lahmte das Pferd auf dem rechten Vorderfuß. Da sah der Vizewachtmeister, wie ein Dragoner sich in eine »eiten* qaife schlug. Schon an der Art, wie er wegschlich war zu merken, daß er au etwas aus war, und er hielt nicht hinter dein Berg damit. Hi«r. sollte ein Gestüt sein, vielleicht konnte man da ein Pferd erwischen. Datz in Buzau ein rumänischer Würdenträger ein Schloß und ein Gestüt hatte, das war schon an höherer Stelle vorgemerkt worden. Beim Korvsstab der gut hundert Kilometer zurück in einem anderen schlosse saß, war man beim Abstecken der Tagesziele darauf gekommen daß Buzau fallen werde, und darum hatte man im Kraftwagen einen Herrn vom Stabe vorgeschickt, damit er sehe, was dort für den Stab zu brauchen fei. Auf ihn, einen Oberleutnant der Artillerie, stieß der Vize- wacbtmeister als er sich durchgefragt hatte und mit [einer Rosa vor dem Dor des Schlosses hielt. Hinter dem Schloß lag ein Park, an den Park ’^Mlk^im Sd)Iofferunnbnim Gestüt sei für den General Morgen be- Icklaanahmt so verwehrte der Oberleutnant dem Retter den Zutritt. Er hatte9 nur ein Achselzucken auf dessen bewegliche Bitte, daß er ein!Pferö brauche weil die Truppe gleich weiter vorgehe. Der Vizewachtmelst«r wie, auf sein Pferd hin und vielleicht bewog das traurige Bild, das Rosa machte den Herrn zur Nachsicht. Er ließ den Vizewachtmeister ein und sagte, es habe freilich keinen Zweck, denn di« Russen hatten m der Nacht alles mitgenommen, was nicht met- und nagelfest sei, an Wahlspruch. Von Maurice Reinhold von Stern. Tapfer und treu. Ohne Furcht, ohne Reu'I Was das Herz fpricht, Ist Gesetz und Gericht. Die Tat ist Gebet. Gottlos, was sich selbst verrät. Reitererlebnis in Rumänien. Don Eduard Lachmann. Im Frankfurter Societäts-Verlag erscheint soeben unter dem Titel „Ser Schimmel d e s Kriegsfreiwilligen und andere P f e rde g e f ch i ch t e n", das heiter- besinnliche Erinnerungsbuch eines Darmstädter Leibdragoners, das mit fast treuherziger Sachlichkeit und einer besonderen Art köstlichen Humors die wechselvollen Schicksale eines Freiwilligen und seiner Pferde im großen Kriege vom Ausritt nach Flandern dis zum Wiedereinzug neuen frisch-fröhlichen Reiterlebens in die alte Garnisonstadt schildert. Der Verlag stellt uns folgenden Abschnitt zum Vorabdruck zur Verfügung. Der Fiskus war ein großer kräftiger Brauner von reinem Blut. Dm nennt feinen Schlag irische Hunter, es sind gute Spring- und Mjdpferd«. Wer das Pferd nicht gesehen hat, den mag der Name Fiskus iii Steuerbehörden und staatliche Abgaben erinnern. Aber mit Geld Me Fiskus nur insofern zu tun, als er feinen Herrn eine schöne Stange ß-son gekostet haben mag. Wer das stolze, königliche Tier kannte, dem vrg der Name wie Priskus oder sonst ein fürstlicher Name. Zum ttlenmal in seinem Leben sollte der Freiwillige auf einem edlen Pferd fen. Als Pferd eines Offiziers trug es einen leichten Sattel mit Men Pauschen, an die sich das Knie wie von selbst anlegte. Da hemmte M Vorgebirge von Packtaschen und auch hinten war der Sattel frei vm Wall des aufgeschnallten Mantels und Futtersacks. Leicht glitt nm in den Sattel und gewann eine wohlig lässige Haltung von selbst. Mus war ausgeruht und gut gelaunt, er hatte Lust auf einen Spa- jirjang und er bedurfte keines Antriebs, er trachtete von selber vor- mits. Unter der Zügelfaust spielten die starken Muskeln des aufge- hlten Halses, das Pferd spitzte lebhaft die Ohren und blickte mit den R" in Augen aufmerksam um sich her, als es neben dem anderen Pferd die Dorfstraße von Conti dahinschritt. Unter den geräumigen litten federte das Gebäude des Tiers, es ging wie ein Tänzer zum litj, eine Leichtigkeit und Freiheit ohnegleichen. Beim Traben ver- 6Melke sich alle Kraft unter dem Sattel, die Hinterhand fetzte sich unter ii gewölbten Rücken, als ob es nichts anderes gäbe. Der Schwung teile sich dem Reiter mit, es war ein glückliches Schweden, wahrend das Wird zurückfank, die Welt vorüberfloß. Und «s verblieb bet diesem Mtneben auch im Galopp über die Wiesen, so gewaltig der Sprung tasjriff. Fiskus hielt mit jedem Pferd mit, wenn es darauf ankam. Wer Lust bog er den Kopf tief zur Erde und hob ihn aufschnaubend Wider hoch. Es war eine majestätische und zugleich schmiegsame Art, nie er auf dem weichen Grund dahingaloppierte, ein leichter Druck der Whenkel genügte zur Verständigung und schon bei diesem ersten Ri.t Hit« sich der Reiter mit dem Pferd eins. Auf dem Fiskus ritt der Vizewachtmeister im dritten Kriegsiahr, Herbst sechzehn bis zum Herbst siebzehn, das letzt« Jahr, das er bei bir Reiterwaffe diente, das letzte Jahr, da er drei Fuß hoher über dem Wen als andere Menschen in die Welt sah I Ein Reitersmann hätte manches gegen die Verbindung des Fret- IIlligen mit dem Fiskus einwenden können. Sem erster Reiter mar ein Her und schwerer Mann gewesen und man hatte eigens für ihn das lliierb ausgesucht. Der Vizewachtmeister, ein Bi«rundzwanzigiahn ger l|«n mittlerer Größe, dem das karge Feldleben schmal hielt, brachte zu t>mig Gewicht für das mächtige Tier mit. Hans Eberhard hatte leicht Mn können, daß der neue Reiter auf dem Pferd sitze wie Sper- litc auf einem (Elefanten, und es wäre em Korn Wahrheit darin ge- Nn. Aber wählerisch durfte der Dizewachtmeister nicht fern und das flwe Tier fragte auch nicht danach. Es wölbte von selbst den schonen feen, ohne daß Kreuz und Schenkel feines Retters ihni ers hatten dazu i Mngen müssen, es ging wie vom Hengst geritten und wußte, wa äs tun hatte, damit es nicht müde werde. Frei und hoch trug es den Sopf, den Zügel achtete es nicht mehr als em seidenes Banü. I 'las Jahr sechzehn schien für die Reiter im Schützengraben am Dft- ' We von österreichisch Polen zu Ende zu geben. An «’nem oonntag 'n November hatte das Regiment hinter der Stellung ein kleines Fes an diesem Abend traf die Kunde ein, daß der atte Kaiser Franz hs-ph gestorben sei. Ein dem Regiment ^geteilter österreichischer Ritt- Wr sprach ein paar herzbewegte Worte, bevor man ausemandergmg, Ad in feiner Red« leuchtete das Abendrot eines großen Untergangs. I^tr wenige Tage darauf kam der Befehl: Rad) !Ruman , , lasch stießen sie im Anfang vor, die nebelverhangten Berge h,na f M hinunter, bis sie die walachische Ebene erreichten. Auch dort bot der !^°ner wenig Widerstand, tagaus, tagein zogen die Reiter durch i aas M>, in dem einsame Bauerngehöfte und Brunnen mithohen 3^ -"gen den Weg anzeigten. So hielten fie an einem Morgen m DeZ b-r vor der Prahooa, einem größeren Fluh. Au seinen leyrngr Kuren schwamm das Erdöl, das aus den zerstörten ®^ranl“3en l irge stammte, velkringel in Regenbogenfarben wurden von Hellen ausgedehnt und zerrissen und bildeten sich neu. sraaffer „ Fiskus stellte sich nicht wie andere Pferde an, die, vor dem W itzer Heuten, er ging tapfer durch die Furt und trug fern yber cr ?d-r« Ufer Die Flut spülte ihm über Den Rucken hinweg Werter Nä*e noch einmal in die Mitte des Flusses zurück wieder flott ^e.chinengewehrfahrzeuge stecken blieb. Bis der W g 1 Verantwortlich: Or. Fr. W. Lange.— Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Giehem Pferden hätten sie nur trächtige Stuten und Jährlinge zurückgelassen. Das Gestüt war mit dem Ueberfluß ausgestattet, den reiche Leute für chre Pferde aufwenden. Jedes Pferd hatte in den langen Stallgebäuden seinen eigenen Raum gehabt, und es war nicht gespart an ausgeklügelten Einrichtungen für alle Art Bequemlichkeit. Wenn das Pferd mit dem Maul auf eine Platte drückte, füllte sich eine Schlürfstelle mit Wasser, das Pferd bediente sich selbst. Die Krippen waren aus Stein, der Boden mit Platten belegt, es fehlte an nichts, nur an der Hauptsache, den Pferden. Statt dessen standen Stallburschen herum, die nichts $u tun hatten. Auch die Trainer des Gestüts waren dageblieben, ein Franzose mit aufgezwirbeltem Bart und ein ältlicher breitgesichtiger Amerikaner. Der Franzose erwies sich von eiskalter Höflichkeit, dagegen schien der Amerikaner etwas zugänglicher, der Darmstädter Datterich hätte von ihm gesagt: „Den kennt mer vielleicht melke, er hot so en guthmhidige Zug um die Noos herum." Der Vizewachtmeister faßte sein Schulenglisch zusammen und in der Bedrängnis fehlte es ihm nicht an Worten. Wie es um ihn stand, das war rasch gesagt. Das wollte er gern glauben, daß die Russen alles mitgenommen hätten, was sie hätten greifen können. Aber da müßte ihnen doch der Teufel geholfen haben, wenn sie bei dem hastigen Aufbruch in der Nacht alles gefaßt hätten. In den weiträumigen Anlagen werde man wohl das eine oder andere Pferd vor ihnen sichergestellt haben. Und um so ein Pferd bitte er jetzt. Denn auf die Dauer werde es sich nicht verstecken lassen. Born am Tor stehe schon der Abgesandte eines hohen Stabes, der sich hier auf lange ZeU einrichten werde. Und vor dem werde nichts verborgen bleiben, das sei klar. Und wenn man daher die versteckten Pferde doch hergeben müsse, wäre es dann nicht richtig, wenn so ein Pferd zu guten Reitersleuten käme, m die Schwadron eines Reiterregiments? So redete der Freiwillige auf den alten Amerikaner ein, und was dieser auch denken mochte, er hörte ihm zu, nickt« zuweilen und sog an seiner zerknautschten Zigarre. Sie waren beide hinter einen Stall gegangen und es schien, als ob niemand acht hatte auf ihr Gespräch. Die Zigarre war ausgegangen und der Amerikaner zündete sie von neuem an. Vielleicht tat er es, um Zeit zu gewinnen, wie er sich entscheide. „WeU", sagte er, er habe ein Pferd vor den Ruffen versteckt, eins, das er immer selbst geritten habe. Und dann fügte er hinzu: »Vollblut, sieben Jahre." Dem Vizewachtmeister schlug das Herz bis in den Hals. Das Pferd werde es gut bei ihm haben, das versprach er. Aber man dürst es ihm nicht hier geben, sondern an einem entlegenen Ort, wo er durch ein Nebentor aus dem Gestüt heraus könne, denn an dem Haupttor werde man es ihm doch abnehmen. Das leuchtete dem Trainer ein, vielleicht machte es ihm Spaß, dem Herrn vom Korpsstab ein Schnippchen zu schlagen. Er winkte einem Stallburschen, gab chm einen Auftrag und ging mit dem Vizewachtmeister über leere Höfe und Reitbahnen weiter abseits. Dort lieh er ein Pferd vorführen, das sich vor seinen Artgenossen, wie sie im Festzug der Athener auf dem Fries der Akropolis abgebildet sind, nicht hätte zu schämen brauchen. Es war ein Fuchs, wohlgenährt und wohlgepflegt, der aufgeregt den zierlichen Kopf reckte und mit feurigen, rotschimmernden Augen um sich blickte, während ihn der Pferdebursche am Trensenzügel hielt. Ungeduldig schlug das Pferd den Huf auf den Boden, es schien zu merken, daß die Entscheidung ihn selbst an- gmge. Der Trainer trat auf das Pferd zu, klopfte ihm auf den Hals und sprach zu ihm, da spielte es mit den kleinen Ohren, legte sie zuruck und spitzte sie wieder. Der blanke Rücken des Pferdes leuchtet« wie Gold, den Schweif trug es hoch und stolz. Unter der dünnen Haut zeichneten sich prall die Adern ab, die Sehnen konnte man mit den Augen abtasten, so fest und klar traten sie hervor, und die Fesseln waren trocken wie gut abgelagertes Eichenholz. Solch ein Pferd würde der Bizewachtmeister bet der Schwadron nicht lange reiten, das wußte er wohl. Aber der Schwadronsführer würde ihm für den Zuwachs feines Stalles zu einem anständigen Ersatz verhelfen. Nun noch umsatteln. Dazu mußte die Rosa geholt werden, die ein Stallbursche dem Vizewachtmeister abgenommen hatte, als die Unterhaltung mit dem Trainer anstng. Bis die Rosa kam, verging kostbare Zeit, es waren verhängnisvolle Minuten. Denn als sie zur Stelle war und man den ungefügen Armeesattsl auf den Rücken des Vollblutes legen wollte, tauchte der Stabsherr auf und war entrüstet Er hatte Wind bekommen von dem Pferd und nun befchlanahmtt er es auf der Stelle. Wenn er auch eingeräumt habe, daß der Dragoner sich nach einem Pferd umsehe, so doch nicht nach einem solchen, fcas behalte er für Seiner Exzellenz persönlichen Gebrauch vor. Ünd wie wenn tws Pferd mit einem Geruch von Ambra weithin all« feinen Wa en angelockt hatte, erschien jetzt Rittmeister v. M. von den Kasseler Husaren auf dem Plan, ein großer Pferdemann, der auch hier herum- ftoberte. Er sprach zu dem Bizewachtmeister die einleuchtenden Worte: .Junger Mann, wenn einer von uns beiden das Pterd dem Stabsherrn ausspannen sollte, dann bin ich es, und nicht du, hau ab!" Und der Vizewachtmeister haut« ab mit der lahmen Rosa Pflug durchs Herz. Von Herbert Kurzbach. dstrde den Rain erreicht haben, wenden sie von stlbst, chre Leiber drangen und ruhten sich aus für die nächste Furche Der Knecht wirft den Pflug herum, der blanke Stahl blitz? und dann setzt ftrnnno e,n Jn?'e Stoppeln, die Pferde stapfen dahin, die Zug- 'Ä s'S 8,16 Hesß liegt der Himmel über Feld und Gefpann. Die alten Furcken vor einer Stunde wohl gepflügt, liegen grau und ausgetrocknet,- ein Dies Bild schmerzt wohl den Knecht sehr, feine Lippen liegen gar j hart aufeinander, und er kehrt sich ab. Die Pferde stehen unruhig, s schütteln die Köpfe und werfen sie hoch, daß die Mähnen flattern, i Fell zuckt jäh, die Schwänze schlagen über die Schenkel hin, unablässi und manchmal stößt der Hinterhuf gegen den Leib. Der Knecht nimmt die Leine auf, und der Pflug zischt durch dis Erde. So fft das wohl, denkt er weiter, der Mensch wird gequält, uii das Tier auch. Der Mensch muß verlieren, daß es weh tut, und Obi das Tier fallen di« Fliegen her. Aber die Fliegen stechen nur in di Haut, beim Menschen sitzt alles tiefer, viel tiefer. Die Kirche schickt ihre Stundenschläge herauf, und der Mensch zW gut nach. Noch einen Schlag mehr aus derselben Glocke, denkt er, uni . bann hält ein Zug auf der Haltestelle, und sie wird einsteigen, und iw ‘ Bauer wird dabei sein und die Bäuerin, und beide werden tüchtis ’ winken, wenn der Zug abfährt, dem Walde zu. Der Rain ist da, wieder kehrt das Gespann um. Dort bei den gingen 1 hüten steht der Krug mit Kaffe«. Nein, ich werde nicht trinken, entschlief!| sich der Knecht, es ist doch nichts gegen solchen Durst, wie er ii mir sitzt. 11 Gewiß, die Kehle ist trocken wie von altem Brot, und unter dei Zunge liegt bitterer Schleim, ober von dort kommt nicht der Schmitz Der Pflug fährt und rauscht, der Boden bricht und liegt geroetM und die Gedanken des Knechts stürzen, wie von einer zweiten PjlU schar geschnitten, im Acker seines Herzens übereinander, und Finck legt sich an Furche. Ja, beginnt in ihm eine neue, ich fahre au|i einen weiten Weg fahre ich, furchenauf und furchenab, zwei Pstck ziehen mich, der Pflugstahl baut die Bahn, und mein Schweiß gilt all Fahrkarte. Ich drücke und wende, wende und drücke, und auf der ein# Seite fahren die Stoppeln vorbei, starr oder geknickt, und auf btt anderen stürzt« Erde, feucht und verwundet. Und wenn ich bitten bürt bei Gott, so wollte ich wünschen, die ganze Erde wäre ein einzig# Stoppelfeld, und ich käme nie ans Ende meiner Fahrt und hätte ult eine letzt« Furche zu ziehen. Denn das weiß der Knecht: Wird bi.’l« Feld gepflügt fein, bann muß er heim, und er wird effen müssen ni, dem Bauer und der Bäuerin und wird doch nichts essen können, öl3 Elisabeth bann nicht mehr am Tisch mit sitzt. Das wird das SchweE Da fleht Elisabeth am Weg, als er wenden will. [L „Ich wollte von den Tieren Abschied nehmen", sagte sie mit unsicher, Stimme, und sie tätschelt di« Köpfe der Pferde und klatscht an ijl naffen Halse. Die Tiere scheuern mit zuckenden Mäulern an den Schi fern des Mädchens; es ist ein stummes Bild herzlichen Liebens. 9 denkt der Knecht, es sind Pferde, aber ich bin ein Mensch, und ti Mensch muß still bleiben, wenn das Herz auch schreit. Er schaut sie » sie trägt ein neues Kleid, und das Haar ist sauber gefaßt und no feucht vom Herrichten. Da will im Knecht eine Leidenschaft aufbrech#, hmsturzen möchte er und das Mädchen festhalten, daß er es nicht vi liere, jetzt nicht und nie. Sie geht ein paar Schritte auf ihn zu. Ihre neuen niedrigen Schu kratzen über die Stoppeln, und da weiß der Knecht, daß er seine Am irgendwie binden und lähmen muß, sofort, sonst könnte er sich nii batten und müßte bas Mädchen umfassen. Und er kauert nieder t Pflug und stößt seine Hände in die frischen Schollen, tief, recht tui als suche er dort drin nach dem, das Halt gibt. „Was hast du, Bruno?“ fragt sie. • r,ny^r f"gen, um fein Herz nicht zu verraten. „Gestochen hat tri em Vieh , sagt er und nimmt die Hände aus der Erde, „und das küh so gut." Er läßt die Erdbrocken an seiner Haut; so wird er der S« suchung widerstehen. „In einer halben Stunde fährt der Zug“, spricht sie weiter, „un da dachte ich — da wollte ich —“ tJC s°gt er, „das Herz ist wie ein Feld, und das Leben zerdrückt und zermürbt, von seinen Fingern wie leiser Regen. „, Er setzt den Pflug, die Pferde ziehen an, und eine neue Furche ft® sich ws Feld. Hier stand die Tochter des Bauern, nein die jun# Paftorsfrau stand hier auf diesem Fleck, denkt der Knecht und brii» auf den Pflug, und die geheiligte Stelle stürzt, feucht und braun, t*31 die Schritte des Knechts. weißer Schmetterling schaukelt verloren über die Oede. Noch gliinzI die jungen Schollen, die an der Pflugschar stürzen, aber die Sonne jgl über sie her und saugt sie aus. In einer halben Stunde sind sie alt. Es ist wohl alles ohne Dauer, denkt der Knecht. Das Feuchte trochD das Trockne wird feucht. Nichts dauert. Roggen wogte hier vor lagell Halm an Halm, ein Meer von Aehren. Jetzt stehen nur Stoppeln. UiM ich bin der Knecht und drücke meinen Pflug und wende das Unter! nach oben. Nichts dauert. Und der Mensch und das Leben? fragt er. Da find die Pferde am Weg angekommen, ihre Hufe Harfen l» auf den Steinen. Der Knecht richtet den Pflug, aber er läßt noch nit anziehen. Ins Dorf hinunter schaut er und wischt sich mit dem Heni ärmel über Stirn und Mund. lieber den Dächern zittert die Lust. Im Teich stehen nackte Kini» Es muß schon sein, im Wasser zu tollen und sich zu kühlen, denkt d Knecht, aber es kann nichts nützen, der Schweiß kommt doch miet* Nickis hat Dauer. Eine einzeln« Lokomotive rollt west unten die Schien- entlang, pfeift, fährt am Häuschen der Haltestelle vorbei und verfchwiiÄ hinterm Wald.