SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1959 Hreitag, den p Oktober Nummer 79 Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 14. Fortsetzung. „Ja und...?" fragte Kelling. „Wirtschafterin!" trompetete der Wachtmeister und umschrieb den Aufgabenkreis eines solchen Frauenberufes. „Eine Wirtschafterin muß zupacken, sie hat harte Hände. Vor allem aber muß eine Wirtschafterin kochen können!" Kelling verfolgte aufmerksam den Weg, den die Gedanken des Wachtmeisters einschlugen. „Warum soll sie nicht arbeiten?" schloß Krätke. Der Premierleutnant nahm den Plan für einen Spaß. „Bravo, Krätke, sie soll kochen! Braten! Backen!" Er brach vergnügt ab. „Das Abendbrot, Krätke!" ' Der Wachtmeister befahl sogleich der Eingeschlossenen, da sie als Wirtschafterin des Kochens zweifellos kundig sei, eine Abendmahlzeit für den Herrn Premierleutnant zu bereiten. In der Posthalterei war eine für jene Zeit mit allem Nötigen versehene Küche, in die sich Ann Moreland ohne Widerstand führen ließ. Es war die Absicht des vergnügten Wachtmeisters, die Gefangene auf eine verstohlen« Art zu prüfen, denn bei einem unmittelbaren Verhör lief die Wahrheit ja doch erst durch das Sieb der Vorsicht. Ann Moreland witterte diese Absicht wohl, aber sie verhielt sich still und demütig; sie lächelte nur ein wenig und begann, als habe sie nie etwas anderes getan, das befohlene Werk am Herd. Krätke, den ihre Heiterkeit verwunderte, äußerte beim Weggehen, daß der Posten vor der Tür stände, er sagte es höflich und nur als leichte Erinnerung. Das Lächeln jedoch blieb um Anns Mund stehen. Die anzügliche Art, n der Krätke gesagt hatte,1 sie sei doch Wirtschafterin, erinnerte sie an die verständlichen Zweifel, die er hegte. Ann dachte in diesem Augenblick dankbar an eine Frau, die auf Moreland Castle erschien, kurz nachdem Anns Mutter das Zeitliche gesegnet hatte. Missis Doodlewith, eine rüstige Sechzigerin, war von Tante Vivian empfohlen und das, was man heut« Hausdame nennt. Sie riß die Schlüsselgewalt vom Keller bis zum Boden an sich und begann mit Takt und Verständnis, noch mehr aber mit Energie auf Moreland Castle zu regieren. Sir Moreland, der allen Empfehlungen Vioians mit Schauder begegnete, befand sich zu seiner angenehmen Ueberraschung bald in der Lage tin«s Fürsten, dessen kluger Kanzler nichts anderes im Auge hat als das Wohlergehen des Landes und seines Potentaten. auf solche Weise Land, Fürst und Kanzler glücklich und zufrieden fmb, ergab sich auch Moreland ohne Seufzer der von Missis Doodlewith neu gefügten Ordnung. Ann war damals vierzehn Jahre alt. Da Missis Doodlewith ihren Willen ebenso liebenswürdig wie hartnäckig durchzusetzen verstand, lernte Sinn' kochen oder, wie Missis Doodlewith es ausdrückte: „Die Küche suhren." , Wenn sie bei Ann ein leichtes Sträuben wahrnahm, lehrte sie: „Man kann überall alles brauchen!" An dieses Wort dachte Ann, als das Herdfeuer brannte. Denn was man unter der besessenen Lehrhaftigkeit der Missis Doodlewith gelernt hatte, saß fest wie ein Zahn. r _ . , _ Tätigkeit beruhigt. Ann hatte plötzlich Lust an diesem Spiel, sie verlaß beinahe, daß diese Kochprüfung wahrscheinlich nur eine gefährliche Pause im Marschschritt des Unheils war. , , , , , Die Posthalterei, die auch offenbar häufig Gäste beherbergte, war iletfenben Fußes von ihren Bewohnern verlassen worden. Geschirr, Messer mb (Sabel, ja auch ein Tischtuch lagen wie für den Gebrauch gefällig oor- hereilet im Schrank. , , Ann suchte den Weg in das Zimmer Kellings und deckte den Tisch so chnell und gewandt, daß sie den Raum schon wieder verlassen hatte, bevor Helling seine Ueberraschung ausdrücken konnte. Ann war in diesem Augen- W wahrhaftig im Sinne des Wortes ein dienstbarer Geist. Da aber der Premierleutnant, von Krätke beeinflußt, nichts anderes erwartet hatte als einen Zusammenbruch und ein Geständnis, wunderte er sich über die mit solcher Ruhe getroffenen Vorbereitungen. Er teilte dem Wachtmeister seine Beobachtungen mit. Krätke sagte: „Sie will uns durch Ruhe bestechen! Es ist aber alles Komödie! Ich habe ihre Hände gesehen! Wie eine Dam« oder — wie eine Kokette!" „Warten wir ab!" sagte Krätke und genoß im voraus den Erfolg seines Spürsinns. Wenn er daheim, bekannt mit allen Schleichwegen der Lausbuben, über die Gerissenheit eines Schülers triumphierte, es war das gleiche Vergnügen. , „Hoffentlich vergiftet sie uns nicht!" meinte Kelling und spielte damit auf die Kochkunst der unversehens zur Köchin beförderten Unbekannten an. Er stellte insgeheim eine gewaltige Magenverstimmung in Rechnung. Aber das stechende Wort „Vergiften" war ein Köder, den Kelling nun ungewollt dem wachen Mißtrauen feines Wachtmeisters hingeworfen hatte. Das Mißtrauen aber fraß den Köder und blieb an der Angel des Schrecks hängen. „Gift! Mein Gott, daran habe ich nicht gedacht!" sagte Krätke erschüttert. Rach einer Sekunde starrer Ueberlegung wurde des Wachtmeisters Schreck wilder Eifer: „Es war ein schlechter Vorschlag, den ich gemacht habe! Ich werfe die Person kurzerhand aus der-Küche!" Kellings Laune kletterten wie ein Wetterfrosch auf der Sorgenleiter Krätkes bis zur Spitze reinsten Vergnügens. Rein, so einfach wird-man nicht u'mgebracht! Er lachte: „Nun erst recht, Krätke! Wir müssen, wollen wir das Weib entlarven, etwas wagen!" Der Wachtmeister erwiderte, daß es kein Wagnis, sondern Tollkühnheit sei! Gift sei nun einmal wie das Nichts, wie der Tod selbst, den man erst spürt, wenn man in das dunkle Tor eingeht. „Ohne Vorsicht würde ich auch nicht in Ihrer Richtung marschieren, lieber Krätke, wir lassen das Weib den Braten — was für ein Braten ist es?" „Hammel!" stöhnt Krätke. „... den Hammelbraten erst selbst-probieren!" schloß Kelling. Der Wachtmeister ahnte nicht, welche Liebe er Ann Moreland mit seinem Verdacht angetan hatte. Denn Ann verspürte einen durch Dampf und Ruch des Bratens verschlimmerten Hunger. Sie hätte sich aber lieber die Zunge abgebisfen, als ein Wort des Verlangens gesagt. Sie trug die Speisen auf. Kelling bat auf die höflichste Art, sich selbst noch Teller und Besteck zu holen und ihm Gesellschaft zu leisten. „Wenn wir sie auf die Probe stellen, darf es nicht auffällig geschehen", bemerkte Kelling, als Ann draußen war. Ann war seit Stunden entschlossen, schlechtweg alles zu tun, was man von ihr verlangen konnte, sie wehrte sich daher auch nicht gegen di« gemeinsame Tafel. Krätke schnitt das Fleisch mit des Premierleutnants Erlaubnis wie ein Familienvater zurecht, dann legte er Ann zwei kräftige Scheiben auf den Teller. Mit füchfiger Spannung lauerte er auf das, was nun nach feiner eitlen Berechnung eintreten mußte: Schreck und Verlegenheit. Aber die Gefangene aß kaninchenhaft rasch, große Brocken verschwanden zwischen den nagenden Zähnen. Sie aß zum Vergnügen Kellings, der sich an Krätkes enttäuschtem Gesicht weidete. Ann mißverstand di« unterdrückte Heiterkeit des Offiziers, schämte sich und bat, man möge entschuldigen, sie sei eben hungrig. Krätke fühlte sich nicht geschlagen. Die Sorge, daß Gift am End« einen Totentanz an sagt, war emporgeftiegen wie ein Herbstdrache am Bindfaden, und dort oben schwebte der Drache der Vorsicht noch, er hatte ihn noch nicht eingezogen. Er aß mit Appetit und würzte seine Bissen mit Gedanken wie: Vorsicht ist die Mutter des Glücks im Augenblick der Gefahr. Der Zufall lächelt zwar, aber er hätte auch explodieren können. Man soll den Tag loben, wenn der Abend da ist, aber wer weiß, was die Nacht bringt. Voll von Fleisch und Gedanken entschuldigte sich Krätke später mit der Pflicht der Essensausgabe für die Mannschaften, heute gebe es Wein, und das wolle er Überwachen. Als er den Raum verlassen hatte, erhob sich auch Ann: „Es ist für mich sicher ungehörig, Ihre auf so freundliche Art gewährte Gastfreundschaft länger in Anspruch zu nehmen, denn ich bin Ihre Gefangen«." Kelling fühlte sofort, daß sie recht hatte. Er erwiderte aber mit einigem Bedacht, daß der Ausdruck Gefangen« nicht ganz den Tatsachen entspreche, wenn er es sich recht überlege. Mademoiselle Erstelle (er betonte das Erstelle) befinde sich auf einem bewachten Transport — und dies« kleine Unterbrechung sei nur ein Zwischenspiel. Nein, sie möge noch nicht gehen, fetzte er hinzu, er t/abe ihr noch etwas zu sagen. Aber bann wußte er nicht, was er sagen wollte. „Setzen Sie sich!" befahl er. Aber der Befehl war nur eine Brück« über seine Verlegenheit. gerissen, der Mund leicht geöffnet, ats wollte sie sprechen. Mer sie blieb war Dämmerung kfs Fo M, di p bis i? Mi ’Nn Mi leuchten in den Augen des Weibes bemerken können, darnach aver aucy ein erschrecktes Zucken um die Mundwinkel, kurz: zwei Erscheinungen, die einander widersprachen. Ein Ulan hatte statt einer Lampe Kerzen aufgetrieben und brachte einen Kranz von Lichtern. Nun standen sie freundlich auf dem Tisch und wärmten mit mildem Schein die Stube. „Wann werden Sie mich durch Ihre Ulanen wegbringen taffen? fragte Ann Moreland plötzlich. . Da seine Worte vorhin aber mehr ein lauter Gedanke als ein Entschluß gewesen waren, ärgerte es ihn, daß sie die unvollkommene Absicht nicht als Drohung, sondern als Selbstverständlichkeit aufnahm. „Sie möchten wohl am liebsten gleich weg?" sagte er beleidigt. „Nein, nur bitte nicht des nachts. In der Nacht fürchte ich mich , erwiderte sie zaghaft. Er verbiß ein Lachen, das ihn locker anftieh. Und dann fühlte er auf einmal einen Haß aussteigen, der ihn würgte und im Würgen eine Wut erzeugte, die sich nicht gegen Ann und nicht gegen ihn selbst richtete. Sie brandete gegen das schwarze unbekannte Schicksal an, das ihn durch diese Frau narrte und bedrohte und verwirrte. Denn das versluchte Herz wollte nicht schweigen. , .. Wie kann ich der schillernden Tänzerin zwischen Trug und Wahrheit (denn das ist, sie, fühle ich) das Geheimnis entreißen, dachte er voll Inbrunst. Er litt. Er ahnte, daß die Wahrheit, die das Wesen da vor ihm verbarg, für ihn irgendeine Erlösung enthielt. War er toll? Er kannte dieses Mädchen nicht, aber er sprang schon, wie ein Jfingling beim Johannisfeuer, über die Flammen, immer wieder. Das Geheimnis muß ich haben, nackend wie eine Statue muß es vor mir stehen, ich werde es erkennen und zerttümmern, dachte er. Und plötzlich entfielen ihm die hohen Wort«, die er flüsternd formte, und alles wurde ganz einfach. Ihm war wie einem Wanderer, der im Dickicht am Stand der Bäume erkennt, daß der mühselig durchwanderte Wald zu Ende ist. „Aber die Nacht ist doch Ihre Stunde?" sagte er. Sie sah verwundert in sein ruhig abwartendes Gesicht. Er fuhr fort: „Ach, dieser strenge klare Blick! Wissen Sie, daß er mich auch einmal verwirrt hat, und daß ich diesen Augen geglaubt habe? Daß ich, wüßte ich nichts anderes von Jhnek, auch heute noch diesen Augen verfallen würde?" Er schob die Kerzen so, daß ihr Licht voll aus Ann fiel. Es tat ihm weh, sie zu verletzen, aber er fühlte, einem unbewußten Drange nachgehend, daß die Worte über seine Lippen stießen: „Nun, Sie täuschen mich nicht mehr! Der Alp ist gewichen! Wie lange aber wollen Sie dieses Leben weitersühren?" „Welches Leben?" fragte sie bebend. „Der Hauptmann Baernburg hat noch sehr milde vor Ihnen gewarnt! Leichten Lebenswandels verdächtig! Nun, man weiß, was hinter einem solchen Wort steht! Es ist Ihre Sache, wie Sie sich und Ihre Seele umbringen", sagte er, und es schmerzte ihn. Es ist ja alles anders, sagte der Flügelschlag eines Lächelns, das ihn befreien wollte, aber er ging krampfhaft den einen Weg, die enge Schlucht zur Wahrheit. Ann machte eine schüchterne hilflose Bewegung. Sie atmete hoch auf, sie wollte widersprechen. Konnte sie es? Dann verriet sie sich am Ende. Er ließ den Donner rollen: „Sie waren nicht der Gast des Maire, Sie sind seine Geliebte!" Unmöglich, unmöglich, wisperten die Gedanken und spielten doch Ball mit den Worten. Die Worte aber waren Geschosse, die eine andere sehr ängstliche Seele trafen. In Anns Wangen stieg langsam eine rote Welle, überflutete das Gesicht bis zur Stirn und wich wieder. Ihre Lippen waren schmal. Offenbar arbeitete in ihr eine Erwiderung, aber sie vermehrte den Worten die gefährliche Ausfahrt. „Der Himmel, oder war es der Teufel, hat Ihnen ein Aussehen gegeben, das in nichts an eine Kokotte erinnert", jagte Kelling verbissen, „wenn Sie sich jetzt im Spiegel sehen könnten, ein Bild beleidigter Unschuld! Wie können Sie aber mit einer Begabung für die Verstellung und den Leichtsinn in diesem Nest Mereville sitzen? Sie gehören nach Paris, Mademoiselle!" Ihr Antlitz stand im Lichte des Zorns. Die Augen waren weit auswirklich ausgewiesen!" „Und wo ist die Ausgewiesene fetzt?" Ann schwieg. Sie kam in diesem Augenblick zu der Erkenntnis, daß die polternd rasche Art seiner Fragen zwar der Wahrheit dient«, aber auch ihre Verfehlung bloßlegte. „Wo ist die Griselle?" forschte er hart. „In Möreville", sagte sie dünn und seufzte „ach" und ließ den Kopf hängen. * Sie war nicht mehr der stolze kühne Flüchtling, sie war ein schwaches hilfloses Herz und auf der ganzen Linie im Rückzug auf die Wahrheit. Die aber gestand sie nun. Sie schilderte, wie sie — freilich von ungewöhnlichem Glück begünstigt — den Tausch vollzogen hatte. „Ja aber worum?" fragte Kelling. , „Ich will doch nach England! Und ich habe keine Lust, in Mereville zu bleiben! Und ich hatte keinen Patz, den hat Lord Jllington! Ich dachte, bin ich erst aus Mereville fort, werde Ich schon weiterkommen!" „Wußten Sie, daß ich in Blisseron war?" e Sie schüttelte den Kopf: „Dann hätte ich es bestimmt nicht getan! „Nein, warum nicht?" wollte er wissen. „Weil Sie mich dann genau so zurückgeschickt hätten wie damals aus der Landstraße!" ... Sein Blick haftete an ihrem demütigen Gesicht. Aber fein Grimm ritt schon wieder auf der Straße der Verliebtheit. „Warten Sie", sagte er und verließ das Zimmer. „Ja", erwiderte sie gehorsam und bemerkte, daß Ehgeschirr und Bestecke noch nicht weggeräumt waren. Sie erbot sich kleinlaut, es nachzuholen, do solches ja zu der Arbeit gehöre, die man ihr besohlen hatte. Kelling erwiderte mit einer Geste, die sie noch ihrem Belieben auslegen konnte. Während sie in der Küche wie eine Köchin klapperte, suchte der Ptt< mierleutnant seinen Wachtmeister auf und jagte stolz: ,Krätke! J5ic ist doch eine Engländerin! Der Ausweisungsbefehl gilt einer anderen!" Er erzählte in knappen, von Triumph geschaukelten Worten Anns Reifegeschichte. ,Lch hatte sie nur ein paar Minuten im Verhör wie >n einer Kneifzange, da beichtet« sie", schloß er. Zwar zeigte der Wachtmeister mit feinen Mienen gehorsame Freu« über den Erfolg des Vorgesetzten, aber innerlich wurmte es ihn, daß dieser glücklicher gewesen war. .. Er suchte, ohne zu wollen, nach der schwarzen Tinte, die er über «e rosenrote Gewißheit des Sieges gießen konnte. „Dann hat sie zwar die Wahrheit gesagt, damals", meinte er bedächtig, „aber den Hauptmann Baernburg hat sie tüchtig hineingelegt. Ein nicht ganz leichter Fcm ttog- dem! Wir müssen die Person dem Hauptmann Baernburg zurückschickeni Kelling hörte die Wachtmeisterlogik, die nicht ohne Vergnügen entwickelt wurde, mißmutig an. Die Worte gingen ihm nicht wie feuriger Champagner ein, sondern wie Bitterwasser. . o „ Er sah es ein: Stätte hatte recht. Jetzt war die Engländerin eine Wll> die sogar auf dem dienstlichen Gewißen lag! (Fortsetzung folgt.) «bie "-in “Ma "ilh, % Jüte ! WH G Sie werden in Paris eine ungewöhnliche Karriere machen! Und wenn Sie einmal auf die eine Art sich keinem Beschützer annertrauen können, werden sich gewiß Dummköpfe genug finden, die Sie anbeten, ohne mehr als ein Lächeln zu verlangen!" In flammender Verwirrung stand sie auf. Was dachte dieser Mann, weil ein lächerlicher Satz hingeschrieben worden war! Ihre Sttmm« klang erstickt, als sie flehte: „Bitte, sprechen Sie nicht weiter!" „Warum nicht", sagte Kelling gehetzt, „warum nicht! Es war doch gelungen, auch mich zu verwirren! Wenn Sie wirklich die junge reifende Engländerin gewesen wären, für die Sie sich ausgaben, es roare I« auch fein Unrecht geroefen, Sie jju lieben, nidjt ? Dl), id) niGdje Ihnen dieses Geständnis sehr ruhig, denn heute weiß ich ja, daß Sie eine chlechte Seele haben!" . Ach er glaubte nicht an die schlechte Seele. Schlecht waren seine Worte die losbrausten wie Wildpferde auf fremder Weide und Gras und Saat unter sich traten! Worte wie Elefanten waren es, die sich über die zarten Gärten der Hoffnung wälzten und die Blumen und Kräuter, diese Kinder des Lichtes, zermalmten. Ach ja, im wütenden Drang nach der Wahrheit, im Kampf mit diesem schweigenden Rätsel war Kelling nun selbst bei der Lüge angekommen. Er suhlte es am Ton, der ihm fremd war, fatsch, pathetisch, gleihnerisch, unwahr: „Lassen Sie ab von diesem Leben! Es kann auch ganz anders kommen! Vielleicht find Sie in einigen Jahren nur noch ein Schatten. Verbraucht, gemieden. Und wenn Sie Blifseron verlassen, denn morgen will ich Sie hier nicht mehr [eben nehmen Sie wenigstens meinen Rat mit! Werden Sie ein anständiger Mensch, Griselle." Seine Stimme überschlug sich, es mar ein Trompetenklang darin, aber «in falscher. Nun war er am Ende. Alles umsonst, dachte er erschöpft. . Ich bin nicht di« Griselle", schrie Ann erbost. Aber >m nächsten Augenblick erschrak sie und schloß die Lippen so krampfhaft, als wollte sie 'sich davor bewahren, noch mehr zu sagen. Aber was sie gesagt hatte, genügte dem Premierleutnant Kelling. Daß der Sturm richtig geblasen hatte! Daß er nicht nur ihm, sondern auch Ann Moreland das Gemüt zerzaust hatte. Windstöße aus bitteren Worten, Wirbel aus Anklage, Windhosen aus pfeifender Verachtung hatte es gegeben. Und nun hatte sich Ann Moreland empört. Der Panzer der Lüge war doch nicht so stark, weil unter dem Panzer ein anständiger Kerl steckte, der ihn nur aus Angst angezogen hatte. Ja, er hatte Ann Moreland gepackt: am Stolz, am Weibtum. Es war gelungen. Krätkes Kochprüfung, welch lächerliche Stümperei! „Wer sind Sie dann? Wieder hinsetzen?" befahl er, als fte die Hand nach der Türe ausstreckte, „hierbleiben!" „Ich bin Ann Moreland!" „Und wer ist die Griselle?" „Die Wirtschafterin des Herrn Beauvisage in Mereville! Die ist »m d ptrabin Mig K |, is roa '*U| Ann dachte: „Aha, setzt gibt es wieder ein Verhör! Aber vor diesem bangte ihr mehr als vor Baernburgs herrisch-mißtrauischen Fragen. Dort konnte ihr Trotz Blüten treiben wie ein Baum nach dem Fruhttngsregen, hier aber, obwohl sie wußte, daß man ihr mit Milde entgegentrat, zerbröckelte ihr Mut. . , ... . , Kelling sah nachdenklich zum Fenster hinaus. Ann setzte sich gehorsam, er hörte es, aber er drehte sich nicht um. ... Zwei Säge jagten in seinem Hirn: „Unflätiges Benehmen! Leichten Lebenswandels verdächtig!" Dabei sah diese Person aus wie ein eigensinniger Engel! .. .. . .. . , , Sollte er mit eiliger Feder an Baernburg schreiben und die vermeintliche oder wirkliche Griselle (es würde sich ja Herausstellen) bis zur Antwort des Hauptmanns hier gefangen halten? .. . m , Aber wenn ihn nun dieses Mißgefühl narrte? Wenn diese Person scheinheilig aus wer weiß welchen Gründen die Ausländerin vor ihm nur gespielt hatte, aber vor Baernburg, dem ftrengen Richter, mcht? Dann hatte er einen Vorgesetzten geärgert, und das war selbst dann nicht gut, wenn man sich im Recht glaubte. Die Mühle feiner Gedanken drehte sich: nur die Verdächtige selbst konnte ihm Klarheit geben. Die aber saß da wie ein Tier, das ein Gewitter über sich suhlt und es schon beim ersten Wetterleuchten fürchtet. Das war aber eine Haltung, die zu ihrem Wesen nicht paßte. „Ich werde Sie von ein paar Ulanen in die Mitte nehmen lassen und Sie dann irgendwo aussetzen, Griselle!" drohte Kelling vom 'S. Mn Itiie Ai t) enblic s Öen ’ iimtefter ■■ |o chli sei . über d it; lang, liigen i Iti, (eim -Ma «iti tt hin "r9tmo Sb ’ninbi Fenster her. Es war schade, daß er sich jetzt nicht umsah. Denn obwohl sich di« ; schon dick ins Zimmer legte, hätte er ein freudiges Auf- ben Augen des Weibes bemerken können, darnach aber auch Wir Mütter. | Von Ilse Franke. Ihr fremden Mütter, meine Schwestern alle, Ich liebe euch! Uns hat das gleiche Leid, Das gleiche Glück zum heiligen Dienst geweiht. Es wölbt sich über uns die Kuppelhalle Des Himmelsdoms. Die Erde ist der Raum, Wo unser Glück im kleinen Kreis sich gründet, Wo unsres Schicksals voller Kranz sich ründet Und unser Haus erfüllt den liebsten Traum; Den Traum, der Leben wird in reinster Fülle, Das Ich erlöst und goldne Ernten reist. Der kühl und selig die Gestirne streift. Dem sich auch Tiefen zeigen ohne Hülle. Wer hat der Qualen tiefste so erfahren. Die sich im Grund der Liebe offenbaren, Wie nur die Frau, die ihr umhegtes Leben Der dunklen Urkraft opfernd hingegeben! Ihr Mütter, meine Schwestern, seht, wir tragen Das schwerste, schönste Los; laßt uns nicht klagen! Wer weiß wie wir, was tiefstes Beten heißt! Wer kennt wie wir die Erde und den Geist! Hedwig Koch. Von Lisa Peck. : Die Entdeckung des Tuberkel-Bazillus und des Tuberkulins, der Kampf M die Anerkennung in der Oeffentlichkeit und in der medizinischen Welt imi> endlich der Erfolg — das ist der erste Sieg im Leben Robert Kochs, l>: den Namen des unbekannten Kreisphysikus' in die Reihe der be- Hmteften aller Forscher rückt. Diesen einen Lebensabschnitt, gekrönt von wm so wunderbaren Erfolg, hat der Film „Robert Koch" zum ?chalt seines Geschehens gemacht. Aber das Leben und vor allem das Wirken Robert Kochs hatte damit ich lange nicht fein Ende gefunden. Im Gegenteil, denn wer die For- Mngen und Ergebnisse Robert Kochs aus der zweiten Lebenshälfte ver- filgt, feine Forschungen an der Malaria, Cholera, Pest und vor allem an kl Schlafkrankheit in den gefährlichsten Gegenden Zentralafrikas und iiben Kolonien, der weih nicht, was mehr Bewunderung abfordert. Daß I tiefes Forscherleben aber sich so vollkommen erfüllen und ausschöpfen ! ' lomte, verdanken wir auch zu einem großen Teil der Frau, die nicht |l w das aufreibende und gefährliche Leben Robert Kochs geteilt hat, lljotbem die als „guter Stern", als Vertraute und beste aller Lebens- tmeraibinnen sein Leben reich und „himmlisch schön" gemacht hat: Frau , Hwig Koch. Es war das Jahr 1889, als Hedwig Freiberg im Atelier ihres jjmrers — Hedwig Freiberg wollte Malerin werden— zum erstenmal labert Koch begegnete. Und schon kurze Zeit darauf stellte sich die , WAibzehnjährige dem berühmten Forscher zu gefährlichen Versuchen zur S Beifügung. Drei Jahre jedoch mußten vergehen, bevor Robert Koch, dessen ||tife unglückliche Ehe mit seiner (im Film von Hildegard Grethe Wielten) Clausthaler Jugendgespielin Emmy Fraatz 1892 geschieden Horben war, die 29 Jahre jüngere Hedwig Freiberg zu seiner Lebens- Ahrtin machen konnte. Es waren Jahre, in denen sich die Liebe beider ^einander immer wieder aufs neue beweisen mußte. Wohl ist auch in km Herzen des jungen künstlerisch begabten Mädchens oftmals ein Zweifel hit geworden, ob sie ihren Platz an der Seite des so berühmten, so viel ihren Mannes aussüllen könne. Und auch Schwierigkeiten und Hinder- ®i|c blieben nicht aus. Wie ihnen Robert Koch begegnet, und wie er sie IGewindet — das ist in Briefen und Tagebüchern niedergelegt, die feineres und Gültigeres über den liebenswerten Menschen Robert Koch Hit feine Lebenskameravin ausfagen als alle biographischen Skizzen es Wmögen. In diesen Jahren schrieb Robert Koch an die junge Hedwig: Berlin, den 21. Juli 1890. Mein liebes, bestes Hedchen! Wenn Du diesen Brief erhältst, feierst $1 Deinen Geburtstag, den achtzehnten, einen der wichtigsten im ganzen 6ben, da man mit diesem Tage gewöhnlich den Schritt in die große Welt ht Du hast ihn schon längst gemacht (Hedwig Freiberg hatte sich bereits die gefährlichen Experimente mit dem noch unfertigen Tuberkulin zur Wägung gestellt), und so hat dieser Geburtstag für Dich auch keine toere Bedeutung als die früheren und späteren. Und doch hätte ich glichst gewünscht, bei Dir zu fein und Dir meine innigsten und herz- **)lten Glückwünsche auszusprechen ... Cairo, 6. März 1891. Dlein liebstes Hedchen! Einige wundervolle Tage habe ich in Luxor, °!n wo ich Dir zuletzt schrieb, verlebt ... Ich hätte dort wachen-, monate- f W bleiben mögen, wenn mich nicht ein Magnet nach dem Norden gezogen We, ein Magnet, der noch stärkere Anziehungskraft ausübt als das । I Wönfte Paradies ... f I [Du bist ja immer meine Vertraute gewesen, und so will ich Dir auch W mein Herz ausschütten in der Erwartung, daß Du mir Die sorgen i Wen hilfst. Verlaß mich jetzt nicht, Deine Liebe ist mein Trost und mein i «fern, ;u dem ich aufschaue. Sommer 1892. -. Du bist jung, und das Leben liegt noch vor Dir, Deine Ansprüche Rm vor. Ich habe im Leben das Entsagen gründlich gelernt. Zwar i ich es mir so schön, so himmlisch schön gedacht, nur einmal in wahrer M'r Liebe aufzugehen, und ich hatte mich mit allen Wurzeln meines ?b'Ns an Dich geklammert. Aber unglücklich sollst und darfst Du nicht 7rf) mich werden. Folge dem Drange in Deinem Innern und überlaße W meinem Schicksal, das mir nun einmal beschieden ist ... 28. November. Meine liebe, süße Hedi! Meine Sehnsucht nach Dir ist so groß, und die Zeit bis zum Sonntag noch so lang, daß ich Dir wenigstens ein paar Worte schreiben muß, um meinem Herzen Luft zu machen. Immer von neuem möchte ich Dir zurufen, daß ich Dich grenzenlos liebe, und wie glücklich ich mich fühle, daß ich auch Deiner Liebe gewiß bin. Bis gestern abend glaubte ich Dir, daß Du mich lieb hättest. Einen eigentlichen Beweis für Deine Liebe hatte ich aber nicht. Nachdem aber trotz der Eröffnungen (Es handelt sich um die Eröffnung, daß Hedwig Freiberg an der Seite Robert Kochs auf das Glück, Kinder zu haben, verzichten mußte), die ich Dir machen mußte, Deine Liebe nicht ins Schwanken gekommen ist, seitdem weiß ich, daß Du mich wirklich liebst; das war die erste und wohl die stärkste Probe, welche Deine Liebe zu bestehen hatte, und Du hast die Probe glänzend bestanden. Dafür will ich Dir aber auch fo dankbar fein, und will Dich immer auf den Händen tragen. Du fällst an mir einen vollen Ersatz für alles haben, was Du in Deinem Leben an Liebe der Geschwister, der Eltern, der Verwandten entbehren mußtest ... Schon zwei Jahre nach ihrer Verheiratung folgte Hedwig ihrem Mann auf feinen Forschungsreisen, die ihn nach Rhodesien, Transvaal, Neu- Guinea und vor allem fünfmal in die früheren deutschen afrikanischen Kolonien führte, sowie nach Britisch-Jndien, zur Zeit der großen Pest- Epidemie im Jahre 1898. Alle Entbehrungen eines solchen Lebens hat sie klaglos auf sich genommen. Was sie, die vielbeneidete Gattin des berühmten Forschers, in Wirklichkeit gelitten und durchkämpft hat, darüber berichtet eine unscheinbare kleine Seite aus Robert Kochs Neu-Guinea- Tagebuch: „Fr. Koch angekommen in Stephansort 29. 2.1899. Erstes Fieber 2. 2. 1900. Nahm (vorher feit mehreren Jahren) prophylactifch Chinin am 9. und 10. Tag, ein Gramm. In letzter Zeit Magenkatarrh, deswegen wurde wahrscheinlich das Chinin nicht resorbiert. (Die ersten) Tertiana — (Fieberansälle) am 2.2. und 4. 2. — Chinin am 5. 2., morgens und abends, am 6. 2., morgens je ein Gramm .. ." Frau Hedwig "Koch hat diese (Eintragungen Robert Kochs über ihre eigene schwere Erkrankung ergänzt: „Die obenerwähnten Magenverstimmungen waren nicht die Ursache, daß das Chinin nicht resorbiert wurde, sondern sie waren die Wirkung des jahrelang prophylaktisch genommenen Chinins an sich. Später, als außer der Tertiana noch eine Quartana hinzukam, und ich die oben von Robert Koch erwähnten hohen Dosen (drei Gramm wöchentlich) viele Jahre schlucken mußte, ohne daß eine Wirkung, d. h. ein Verschwinden der Parasiten aus dem Blut sich zeigte, — besonders, als weitere Jahre später in Zentralafrika, während der Schlafkrankheiten-Expedition noch eine Tropica sich einfteUte, so daß ich nunmehr die Parasiten von drei verschiedenen Malariaarten im Blut hatte —, wurde auch die Wirkung des Chinins und des Methylenblaus ärger als die Fieber selbst." Als Robert Koch am 27. Mai 1910 die Augen schloß an den Folgen einer Erkrankung, die er, der keine Schonung kannte, sich im Innern Afrikas geholt hatte, war auch das Leben feiner Vertrauten und Gefährtin zerbrochen. Jahrelang hat sie bann fern von aller Welt gelebt, um diesen harten unerbittlichen Schicksalsschlag zu überwinden. Und auch jetzt lebt die alte, noch immer fchwerleidende Exzellenz Koch zurückgezogen in Berlin, ganz den (Erinnerungen an Robert Koch, den großen Wohltäter der Menschheit, hingegeben. Lehen ver Stille. Von Hilde Fürstenberg „O, iyr tytauen vergangener Zeiten! Von euch reden, bedeutet vom Himmelreich reden: eitel Schönheit wäret ihr, eitel Licht. Ewig jung, ewig schön wäret ihr, und mild wie das Auge der Mutter, die auf ihr Kind niederblickt. Weich wie junge Eichkätzchen hinget ihr am Halse eurer Gatten. Niemals bebte eure Stimme im Zorn, niemals runzelt ihr die Stirn, eure weiche Hand wurde nie rauh und hart. Ihr lieblichen Heiligen, wie geschmückte Statuen standet ihr im häuslichen Tempel, Räucherwerk und Gebete wurden euch gespendet, durch euch vollbrachte die Liebe ihre Wunder, und um eure Scheitel spann die Dichtung ihren goldenen Glorienschein." Dies« Worte, die sich tn Selma ßagerlöfs Roman „G ö ft a Gerling" finden, entbehren gewiß nicht einer seinen Ironie, eines lächelnden Zweifels, der gerechtfertigt ist, denn oftmals hat die romantische Sehnsucht des menschlichen Herzens nach Größe und Reinheit das Vergangene verklärt, und manche Heilige trägt ihr Krönlein kaum zurecht; doch wie der Wind die Spreu vom Weizen trennt, fo ist durch das Sied der Zeit viel Dünnes und Wertloses daoongestossen, in der Schale zurückgeblieben ist das Gute und Starke, auf dem ein Hauch von Duft und Glanz liegt wie auf einer reifen Frucht, die in der Morgenfonne eines sommerlichen ©artens zwischen dunklem Laubwerk leuchtet. Nie ist der Frauen Leben leicht gewesen, denn ihre Nöte und Entbehrungen lagen zu allen Zeiten nicht in den Gesetzen, die der Staat ihnen auferlegte, sondern in denen, die die Natur ihnen aufzwang. Diese aber sind unabänderlich. Trägerin des künftigen Geschlechtes zu sein, ist ihre Bestimmung, darin liegt alle Ehre, aber zugleich alles Leid ihres Ledens. Die germanischen Auffassungen und oft auch die der Kirch« haben diesen unabänderlichen Gesetzen der Natur Rechnung getragen, und je würdiger die Frauen sich selbst mit ihrem Lose abfanden, um so mehr hat man sie verehrt und ihr Wort und Dasein gewürdigt. Obgleich sie durch das Gesetz vom Mann abhängig und von den Geschäften des Staates formell gänzlich ausgeschlossen waren, haben sie doch großen Anteil gehabt sowohl an den Staatsgeschäften, als auch an der geistigen Entwicklung ihrer Zeit. Die Geschichte berichtet, daß B e r t r a b e , die Mutter Karls des Großen, feine Heirat bestimmte; die Königin Mathilde, die Gemahlin Heinrichs L, wurde von ihren Kindern und Enkelkindern, unter denen sich der Erzbifchos von Mainz befand, einer Heiligen gleich geachtet wegen ihrer maßvollen, klugen und ausgleichenden Art. Ihre Enkelin, die schöne Herzogin Hadwig von Schwaben, die als sunge Witwe auf dem Hohentwiel lebte, war eine Frau mit großen Geistesgaben. Sie war in ihrer Jugend dem griechischen König Konstantin verlobt gewesen und hatte mit großem Eifer griechische Studien betrieben. Die byzantinische Hochzeit zerschlug sich zwar wegen der heftigen Abneigung des eigenwilligen Mädchens, jedoch die Liebe für den Geist Griechenlands brachte sie mit in ihre Heimat. In der Ehronik von St. Gallen wird berichtet, wie Hadwig, die mit großer Strenge ihr schwäbisches Herzogtum regierte, den jungen gelehrten Mönch Ekkehard auf den Hohentwiel befahl, damit er ihr den Vergil erkläre — eine Begebenheit, die Scheffel in seinem bekannten Ekkehardroman mit sehr großer, dichterischer Freiheit romantisch ausgesponnen hat. Eine schöne Frau aus dem Mittelalter ist auch die heute allen noch so bekannte Uta, eine der Stifterinnen des Naumburger Domes. Wir wissen nicht viel mehr von ihrem äußeren Dasein, als daß sie Askanierin war, Tochter Esikos V. von Ballenstedt und Gemahlin des Markgrafen Ekkehartz II., aber ihr Antlitz, weich und verschlossen zugleich, ihr träumender Blick, der in die Ferne schweift, die Gebärde, mit der sie scheu den Mantel zur Wange hebt, die Hand, die mit edler Ruhe und fraulicher Grazie das Tuch unter der Brust zusammenrafft, sind Ausdruck einer herben Lieblichkeit, durch die des Bildhauers Seele und Hand ein schönes Frauentum beredt gemacht haben, wobei es gleichgültig ist, was Wahrheit, was Dichtung ist an diesem Bilde. Mehrere Jahrhunderte später finden wir das Gesicht der deutschen Frau stark verändert, es ist die Zeit des ausgehenden Mittelalters. Die Pracht der äußeren Aufmachung hat zugenommen, die durch das Christentum ursprünglich geprägte und betonte Schlichtheit ist durch den Reichtum der neuen Städte und Kaufleute verdrängt. Zwar trägt man diesen Reichtum mit Würde und Geschmack, doch man trägt ihn auf Kosten des Volkes. Bilder wie die der Elsbeth und Felicitas Tücher, von Dürer gemalt, und die seiner Frau und seiner Mutter sind beredt im Hinblick auf die sozialen Zustände jener Zeit. Während auf den Gesichtern der Tucher-Frauen behäbige Wohlhabenheit, Stolz und Sicherheit liegen, zeugen die der Dürer-Frauen von Armut und Entbehrungen, von Angst und Enge. Dürers Mutter, die ihrem Mann achtzehn Kinder schenkte, trug ein schweres Schicksal. Von den Epidemien, Hungersnöten und Wirtschaftskrisen in einer mittelalterlichen Stadt lebenslang bedroht, verzehrt von Sorge um die Ihren, weiß ihr Gesicht an ihrem Lebensabend nur von Leid. Auch Agnes Dürer, des Meisters Gattin, hat diesen festgeschlossenen, harten Mund. Man weiß, daß sie auf den Messeständen Dürers Handzeichnungen zum Verkauf bieten mußte und von der Mengs des Marktes verlacht, verhöhnt und verspottet wurde. Wie strahlend steht daneben die Frau Rat, Goethes Mutter. Wenn man ihre Briefe gelesen hat, ist es nicht schwer, zu raten, von wem Goethe das Feuer seines Temperaments, den heiter-prüfenden Blick und die Beweglichkeit seines Geistes geerbt hat. Eine Frau mit frohem Herzen war sie, eine Frau, deren Erkenntnisfähigkeit keine vorgefaßten Meinungen entgegenstanden. Zu ihren Füßen ist eine anmutige, geistreiche, kleine Person nicht wegzudenken — Bettina Brentano. Was.man über dieses Mädchen und ihre überschwengliche Liebe zu Goethe auch sagen mag, eines ist sicher — die Frau Rat hat dieses tolle Mädchen geliebt. Entzückend ist der Briefwechsel dieser beiden. „Liebe Frau Rat", schreibt Bettina, „eine Schachtel wird Ihr mit dem Postwagen zukommen, beste Frau Mutter, darin sich eine Tasse befindet. Tun Sie mir den Gefallen, Ihren Tee frühmorgens drauß zu trinken, und denk' Sie meiner dabei. Den Wolfgang hab' ich endlich gesehen; aber ach, was hilst's? Mein Herz ist geschwellt wie das volle Segel eines- Schiffes, das fest vom Anker gehalten ilt am fremden Boden und doch so gern ins Vaterland zurück möchte. Ad'-" meine liebe, gute Frau Mutter, halt' Sie mich lieb." D'-s, lo scheint es, behagte der Frau nur wenig, denn sie schreibt daraus: „Was läßt Du Deine Flügel hängen? Nach einer so schönen Reise schreibst Du einen so kurzen Bries und schreibst nichts von meinem Sohn, als daß du ihn gesehen hast; das hab' ich auch schon gewußt. Was hab' ich von deinem geankerten Schiff? Da weiß ich soviel wie nichts. Schreib doch, was vassiert ist. Hab' ich nicht Deine albernen Geschichten hundertmal angehört, die ich auswendig weiß, und nun, wo Du etwas Neues erfahren hast, etwas Einziges, wo Du weißt, daß Du mir die größte Freud' machen könntest, da schreibst Du nichts. Bist Du traurig? Liebe, liebe Tochter, mein Sohn soll Dein Freund sein, Dein Bruder, der Dich gewiß liebt, und Du sollst mich Mutter heißen in Zukunft--" Man Kt aus diesen wenigen Zeilen schon, daß sie dies Kind liebte und ihm itter war, und sie. Bettina, einmal in das Kielwasser des großen Goethe' geraten, hat wobl nicht anders können, als ihr Leben lang diesen leuchtenden Spuren nachzuschwimmen. Auch im vorigen Jahrhundert ist die Frau in der selbständigen Stellung noch eine Seltenheit, sie ist, was sie immer war, Gefährtin ihres Mannes und Mutter seiner Kinder. Ihr Antlitz und Wesen sind geprägt von den herrschenden Gesetzen der Kirche und des Staates, ihre Kraft wird in der Stille verbraucht. Dennoch liegt Größe auch in solchen Frauenleben Wenn man das Dasein Johanna v. Bismarcks bedenkt, die mit ihrem Mann kreuz und quer durch Europa ziehen und am Ende Sorge tragen mußte, auf daß dem schweraekränkten und verbitterten Gatten noch ein freundlicher Lebensabend beschieden wurde, so kann man dieser Frau Bewunderung nicht versagen. Das Puppenspiel. Von Otto Anthes. Es war in seinen ersten Weimarer Jahren, als der junge Goethe mit dem noch jüngeren Herzog Karl August in wildem Jugendübermut das Ländchen durchtobte. Dem Dichter selbst fing der überstürzte Trunk aus dem Becher der Lust schon an ein wenig schal zu werden, indes der Herzog noch immer nicht genug davon kriegen konnte. So fielen sie einmal gegen Abend, nach einer tollen Fahrt die Kreuz und die Quer, bei dem Forst meister von Kinzrode ein, nicht gerade zufällig, indem der Forstmeister eit mehreren Jahren Witwer, eine um vieles jüngere Schwester seiner > verstorbenen Frau bei sich hatte, die ihm den Haushalt führte. Aus dies«, die eine Schönheit sein sollte, war es abgesehen. Und sie erwies sich auch in der Tat als ein feines Weibswesen mit hintergründig dunklen Augen, das den beiden jungen Männern genug zu gucken und zu denken gab. Der Forstmeister seinerseits war hocherfreut ob der Ehre solchen Besuche, und machte sich auch keine Gedanken darüber, wie er die Gäste ziemlich bewirten solle. Denn seine Küche war, wenn auch mit ländlich einfacher und derber Kost, doch immer wohl bestellt, und auch sein Keller enthielt so viel guten Wein, daß er sich wohl getrauen konnte, die Herren über den Durst hinwegzubringen. Nur darum war er — überflüssigerweise - in Verlegenheit, was er an geistiger Speise bieten solle. Und so fiel ei ihm bei zu fragen, ob es wohl genehm sein würde, wenn seine beide« Buben Otto und Max, der eine dreizehn-, der andere elfjährig, eine Bov stellung auf ihrem Puppentheater gäben. Dem Herzog war alles recht, weil er nur daran dachte, daß er bani im Schummern neben der schönen Schwägerin sitzen werde. Goethe aber machte seltsam große Augen, als er vom Puppenspiel härte, nahm sich auch gleich die Buben vor, trat mit ihnen vor die Haustür in den langsam sinkenden Abend und befragte sie über ihre Kunst: ob sie das Theater selbst gebaut hätten, was als selbstverständlich bejaht wurde; und was fier Stücke sie spielten. Da kam denn zuerst heraus, daß Max, der jüngere, ein ausgesprochener Humorist und Kaspar war, der selbst ein Stück ge- schrieben hatte. „Die Katzen" betitelt, in dem zwei Nachbarn, durch ncichb liches Katzengeschrei geweckt, miteinander in Streit gerieten, weil jeder dem andern vorwarf, daß es dessen Katze wäre, die den heiligen Fried»: der Nacht störe. Darüber kamen sie jeder aus seinem Haus und eröffnetem die gewaltige Prügelei, die den Höhepunkt des Stückes ausmacht. Währens dessen aber drangen die Spitzbuben, die in Wahrheit das Katzengeschwi nachgeahmt hatten, in die verlassenen Häuser ein und räumten sie gründ' lich aus. Diesen Bericht nahm Goethe mit halbem Anteil hin. Als er sich banm aber zu dem älteren Jungen wandte, gestand der nach einigem Zögem und mit einem leichten Erröten, daß er am liebsten nach einem vorhtt festgelegten Plan aus dem Stegreif spiele. Und Goethe bestimmte, er wolllr solch ein Stegreifspiel hören. Inzwischen hatte der Herzog in feiner gewaltsam kecken Art der Schwägerin des Forstmeisters heftig zugesetzt, so daß diese in ihrer Not auf den Einfall kam, sich dumm zu stellen. Sie tat, als ob sie nichts von den verliebten Andeutungen ihres Hofmachers verstünde, und steckte z« allem, was er vorbrachte, nur ein töricht leeres Lächeln auf. Das belustigt!! den Herzog ein Weile, weil er so immer deutlicher werden konnte. M man aber nach dem Nachtessen vor dem Theaterchen saß, das in der Tier zwischen zwei Zimmern aufgebaut war, und er in der Dämmerung }ii einem zärtlichen Händedruck vorfchritt, sagte die Jungfer laut: „Wir befehlen Hoheit?" Und als er danach es wagte, feinen Arm um ihre HW zu legen, da tat sie fast erschrocken: „Hoheit sitzen zu eng", und rürfti ein Stückchen von ihm weg. Das schien dem Herzog denn doch der Dumm1 beit zu viel, und er ließ ärgerlich von ihr ab — als auch schon der Sott hang sich hob und das Spiel begann. / Da wurde es nun offenbar, weshalb Otto das Stegreifspiel bevorzugt» Was da vor sich ging, war ein Stück von lauter Liebe, wie sie sich beim eben erwachten Dreizehnjährigen darstellte, und zu der er in keinem her vorhandenen Stücke die rechte Unterlage sand. Er selbst sprach den Lied«' Haber Floridol und leitete ihn an seinem Draht; die angebetete Amintm war Max anvertraut. Dies letztere ging auch fo lange gut, als di« 2li»' gebetete nur stumm aus dem Fenster oder vom Balkon zu winken hott» Als es aber nun zum Stelldichein gekommen war und geredet roerbm mußte, da nahte das Verhängnis. Otto schüttelte seinen Floridol gewastiz in den Schultern und sagte mit gramsüßer Stimme: „Ich liebe dicht" M! aber, in dessen tumbes Bubenherz die Liebe noch nicht den ersten Blitz geschleudert hatte, wußte darauf schlechterdings nichts zu erwidern und bliö. stumm. Abermals schüttelte sich Floridol in der Brust und wiederholter „Ich liebe dich!" Und wieder blieb er ohne Widerhall. Wohl aber mk? nahmen die Zuhörer ein scharfes Zischeln aus dem Hintergrund be* Theaters. Zum drittenmal versicherte Floridol, nun schon Liebeszorn tn Ton: „Ich liebe dich!" Und als wiederum eine bange Pause eintrat, wurde das Theater von einem gelinden Ruck erschüttert, der unzweifelhaft vorn einem Rippenstoß herrührte. Da aber sprach Max, unendlich erstaunt un.) gedehnt: „So—o—o?" Und nichts weiter. Nun war es aus. Die Zuhörer platzten los, der Vorhang fiel schall und deckte eine kleine brüderliche Rauferei. Der Herzog wollte sich fall'- ausschütten vor Lachen, einesteils weil er sroh war, daß er das Stuck ■' schnell überstanden hatte, für das er nun bei der Torheit der Schwäger i keinen Sinn mehr hatte; aber auch weil ihm die unglückliche WenbuiU der theatralischen Begebenheit fein eigenes mißglücktes Abenteuer kost!« darzustellen schien. Er schenkte jedem der Buben einen Taler. Goethe aber nahm den unsäglich traurig dreinschauenden Otto um bä: Schultern und führte ihn wieder vor die Haustür. Da lag jetzt der -Bore wald drüben in silbrigem Mondlicht wie lauter Versöhnung, und per * vor der Tür rauschte daher wie tröstliches Vergessen. Goethe druckte o. Kopf des Jungen an seine Brust und sagte: „Siehst du, mein yunga) _ nun hast du bas schwerste und schmerzlichste Erlebnis, das uns Dich.er- (euten wird, schon hinter dir. Wo unser Herz Überschäumt vor «gen Wonne und Leid.und vor Drang der Mitteilung, da bleibt die 2ßejt |m - und träge und zum günstigen erstaunt. Aber sei ruhig! Unser Gluck i ■ nicht bei der Welt, sondern in uns selbst und tn dem, daß wir jubeln leiden." ___ Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. — Druck und Verlag: Brüh Ische Unioersitätsdruckere i, R. Lange, Gießen.