GietzenerZamilienblätter . Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Mrgang i»r» Montag, den >5. März Nummer 21 ömmgen Wirrungen Roman Son Theodor Montane 5. Fortsetzung. Der Alten Gesicht verklärte sich ordentlich vor Freude. „Na, das is ein Wort, Herr Baron. Un da hab ich doch nu meinen Kranz aufs Grab und s mir lieb, daß ich ihn habe. Denn ich kann die kahlen Gräber nich leiden, oie so aussehn wie'n Waisenhauskirchhof oder für die Gefangenen oder noch schlimmer. Aber nu mach einen Tee, Lene, das Wasser kocht un bullert schon, un Erdbeeren un Milch sind auch da. Un auch saure. Jott, den armen Herrn Baron muß ja schon ganz jämmerlich sein. Immer angucken macht hungrig, soviel weiß ich auch noch. Ja, Frau Dörr, man hat ja doch auch mal seine Jugend gehabt, un wenn es auch lange her is. Aber die Menschen waren damals so wie heut." Frau Nimptsch, die heut ihren Redetag hatte, philosophierte noch eine Weile weiter, während Lene das Abendbrot auftrug und Botho seine Neckereien mit der guten Frau Dörr fortsetzte. Das sei gut, daß sie den Staatshut zu rechter Zeit zu Bette gebracht habe, der sei für Kroll oder fürs Theater, aber nicht für den Milmersdorfer Pedenhaufen. Wo sie den Hut denn eigentlich her habe? Solchen Hut habe keine Prinzessin. Und er habe so was Kleidsames überhaupt noch gar nicht gesehen; er wolle nicht oon sich selber reden, aber ein Prinz hätte sich drin vergaffen können. Die gute Frau hörte wohl heraus, daß er sich einen Spaß mache. Trotz- oem sagte sie: „Ja, wenn Dörr mal anfängt, denn is er so forsch und fein, oaß ich mitunter gar nich weiß, wo er's her hat. Alltags is nich viel mit ihm, aber mit eins is er wie vertauscht und gar nich mehr derselbe, un ich >age denn immer: es is am Ende doch was mit ihm, un er kann es man bloß nich so zeigen." So pläuderte man beim Tee, bis zehn Uhr heran war. Dann brach Botho auf,- und Lene und Frau Dörr begleiteten ihn durch den Vorgarten bis an die Gartentür. Als sie hier standen, erinnerte die Dörr daran, daß man das Vielliebchen noch immer vergessen habe. Botho schien aber die Mahnung überhören zu wollen und betonte nur nochmals, wie hübsch der Nachmittag gewesen sei. „Wir müssen öfter so gehen, Lene, und wenn ich wiederkomme, dann überlegen wir, wohin. O, ich werde schon etwas finden, etwas Hübsches und Stilles, und recht weit und nicht so bloß über Feld." „Und dann nehmen wir Frau Dörr wieder mit", sagte Lene, „oder bitten sie darum. Nicht wahr, Botho?" „Gewiß, Lene. Frau Dörr muß immer dabei fein. Ohne Frau Dörr geht es nicht." „Ach, Herr Baron, das kann ich ja gar nich annehmen, das kann ich ja gar nich verlangen." „Doch, liebe Frau Dörr", lachte Botho. „Sie können alles verlangen. Eine Frau wie Sie." Und damit trennte man sich. Elftes Kapitel. Die Landpartie, die pian nach dem Milmersdorfer Spaziergänge verabredet oder wenigstens geplant hatte, war nun auf einige Wochen hin aas Lieblingsgefpräch, und immer, wenn Botho kam, überlegte man, wohin? Alle möglichen Plätze wurden erwogen: Erkner und Kranichberge, Schwilow und Baumgartenbrück, aber alle waren immer noch zu besucht, und so kam es, daß Botho schließlich „Hankels Ablage" nannte, von dessen Schönheit und Einsamkeit er wahre Wunderdinge gehört habe; Lene war einverstanden. Ihr lag nur daran, mal hinauszukommen und in Gottes -reier Natur, möglichst fern von dem großstädtischen Getriebe, mit dem geliebten Manne zusammen zu fein. Wo, war gleichgültig. Der nächste Freitag wurde zu der Partie bestimmt. „Abgemacht. Und raun fuhren sie mit dem Görlitzer Nachmittagszuge nach Hankels Ablage >inaus, wo sie Nachtquartier nehmen und den andern Tag in aller Stille iubringen wollten. . Der Zug hatte nur wenige Wagen, aber auch diese waren schwach !! besetzt, und so kam es, daß sich Botho und Lene allein befanden. In dem Loupe nebenan wurde lebhaft gesprochen, zugleich deutlich genug, um tzeranszuhören, daß es Weiterreifende waren, keine Mitpassagiere für hankels Slblage. . .... Lene war glücklich, reichte Botho die Hand und fah schweigend in die Hald- und Heidelandschaft hinaus. Endlich sagte sie: „Was wird aber Fran Dörr sagen, daß wir sie zu Hause gelassen?" „Sie darf es gar nicht erfahren." „Mutter wird es ihr ausplaudern." , „Ja, dann steht es schlimm, und doch ließ sich's nicht anders tun. Eh, ruf der Wiese neulich, da ging es, da waren wir mutterwindallem. Aber wenn wir in Hankels Ablage auch noch soviel Einsamkeit finden, so finden wir doch immer einen Wirt und eine Wirtin und vielleicht sogar emen Berliner Kellner. Und solch Kellner, der immer so still vor sich hinlacht oder wenigstens in sich hinein, den kann ich nicht aushalten, der verdirbt mir die Freude. Frau Dörr, wenn sie neben deiner Mutter sitzt oder den alten Dörr erzieht, ist unbezahlbar, aber nicht unter Menschen. Unter Menschen ist sie bloß komische Figur und eine Verlegenheit." Gegen fünf hielt der Zug an einem Waldrande ... Wirklich, niemand außer Botho und Lene stieg aus, und beide schlenderten jetzt behaglich und unter häufigem Verweilen auf ein Gasthaus zu, das, in etwa zehn Minuten Entfernung von dem kleinen Stationsgebäude, hart an der Spree seinen Platz hatte. Dies „Etablissement", wie sich's auf einem schiefstehenden Wegweiser nannte, war ursprünglich ein bloßes Fischerhaus gewesen, das sich erst sehr allmählich und mehr durch An- als Umbau in ein Gasthaus verwandelt hatte; der Blick über den Strom aber hielt für alles, was fonst vielleicht fehlen mochte, schadlos und ließ das glänzende Renommee, dessen sich diese Stelle bei allen Eingeweihten erfreute, keinen Augenblick als übertrieben erscheinen. Auch Lene fühlte sich sofort angeheimelt und nahm in einer verandaartig vorgebauten Holzhalle Platz, deren eine Hälfte von dem Gezweig einer alten, zwischen Haus und Ufer stehenden Ulme verdeckt wurde. „Hier bleiben wir", sagte sie. „Sieh doch nur die Kähne, zwei, drei... und dort weiter hinauf kommt eine ganze Flotte. Ja, das war ein glücklicher Gedanke, der uns hierher führte. Sieh doch nur, wie sie drüben auf dem Kahne hin und her lausen und sich gegen die Ruder stemmen. Und dabei alles so still. O, mein einziger Botho, wie schön das ist und wie gut ich dir bin." Botho freute sich, Lene so glücklich zu sehen. Etwas Entschlossenes und beinahe Herbes, das sonst in ihrem Charakter lag, war wie von ihr genommen und einer ihr sonst fremden Gefühlsweichheit gewichen, und dieser Wechsel schien ihr selber unendlich wohl zu tun. Nach einer Weile kam der sein „Etablissement" schon von Vater und Großvater her innehabende Wirt, um nach den Befehlen der Herrschaften zu fragen, vor allem auch, „ob sie zu Nacht bleiben würden", und bat, als diese Frage bejaht worden war, über ihr Zimmer Beschluß fassen zu wollen. Es ständen ihnen mehrere zur Verfügung, unter denen die Giebelstube wohl die beste sein würde. Sie sei zwar niedrig, aber sonst groß und geräumig und hätte den Blick über die Spree bis an die Müggelberge. Der Wirt ging nun, als sein Vorschlag angenommen war, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen, und Botho und Lene waren nicht nur wieder allein miteinander, sondern genossen auch das Glück dieses Alleinseins in vollen Zügen. Aus eim5n der herabhängenden Ulmenzweige wiegte sich ein in einem niedrigen Nachbargebüsche nistender Fink, Schwalben fuhren hin und her und znletzt kam eine schtvarze Henne mit einem langen Gefolge von Entenküken an der Veranda vorüber und stolzierte gravitätisch auf einen weit in den Fluß hineingebauten Wassersteg zu. Mitten auf diesem Steg aber blieb die Henne stehen, während sich die Küken ins Wasser stürzten und fortschwammen. t _ Lene sah eifrig dem allen zu. „Sieh nur, Botho, tote der Strom durch die Pfähle schießt." Aber eigentlich war es weder der Steg noch die durchschießende Flut, was sie fesselte, sondern die zwei Boote, die vorn angekettet lagen. Sie liebäugelte damit und erging sich in kleinen Fragen und Anspielungen, und erst als Botho taub blieb und durchaus nichts davon verstehen wollte, rückte sie klarer mit der Sprache heraus und sagte rundweg, daß sie gern Wasfer fahren möchte. „Weiber sind doch unverbesserlich. Unverbesserlich in ihrem Leichtsinn. Denk an den zweiten Ostertag. Um ein Haar..." .... Wär ich ertrunken. Gewiß. Aber das war nur das eine. Nebenher lief die Bekanntschaft mit einem stattlichen Herrn, dessen du dich vielleicht entsinnst. Er hieß Botho... Du wich doch, denk ich, den zweiten Ostertag nicht als einen Unglückstag ansehen wollen? Da bin ich artiger und galanter." „Nun, nun... Aber kannst du denn auch rudern, Lene?" „Freilich kann ich. Und kann auch sogar steuern und ein Segel stellen. Weil ich beinah ertrunken wäre, denkst du gering von mir und meiner Kunst. Aber der Junge war schuld, und ertrinken kann am Ende jeder." Und dabei ging sie von der Veranda her den Steg entlang auf die zwei Boote zu, deren Segel eingerefft waren, während ihre Wimpel, mit eingesticktem Namen, oben an der Mastspitze flatterten. „ „Welchesnehmen wir", sagte Botho, „die ,Forelle' oder die ,Hoffnung'?" „Natürlich die Forelle. Was sollen wir mit der Hoffnung?" Botho hörte wohl heraus, daß dies von Lene mit Absicht und um zu sticheln gesagt wurde, denn so fein fie fühlte, so verleugnete sie doch nie das an kleinen Spitzen Gefallen findende Berliner Kind. Er verzieh ihr aber dies Spitzige, schwieg und war ihr beim Einsteigen behilflich. Dann sprang er nach. Als er gleich darauf das Boot losketteln wollte, kam der Wirt und brachte Jackett und Plaid, weil es bei Sonnenuntergang kalt würde. Beide dankten, und in Kürze waren sie mitten auf dem Strom, der hier, durch Inseln und Landzungen eingeengt, keine dreihundert Schritte breit sein mochte. Lene tat nur dann und wann einen Schlag mi* dem Ruder, aber auch diese wenigen Schläge reichten schon ans, sie n<- einer kleinen Weile bis an eine hoch in Gras stehende, zugleich als Schisss- werst dienende Wiese zu führen, aus der, in einiger Entfernung von ihnen, ein Spreekahn gebaut und alte, leckgewordene Kähne kalfatert und geteert wurden. „Dahin müssen wir", jubelte Lene, während sie Botho mit sich sortzog. Aber ehe beide bis an die Schiffsbaustelle heran waren, hörte das Hämmern der Zimmermannsaxt aus und das beginnende Läuten der Glocke verkündete, daß Feierabend fei. So bogen sie denn hundert Schritt von der Werft in einen Pfad ein, der, schräg über die Wiese hin, auf einen Kiefernwald zuführte. Die roten Stämme desselben glühten prächtig im Widerschein der schon tief stehenden Sonne, während über den Kronen ein bläulicher Nebel lag. „Ich möchte dir einen recht schönen Strauß pflücken", sagte Botho, während er Lene bei der Hand nahm. „Aber sieh nur, die reine Wiese, nichts als Gras und keine Blume. Nicht eine." „Doch. Die Hülle und Fülle. Du siehst nur keine, weil du zu anspruchsvoll bist." „Und wenn ich es wäre, so wär ich es bloß für dich.' „O, keine Ausflüchte. Du wirst sehen, ich finde welche." Und sich niederbückend, suchte sie nach rechts und links hin und sagte: „Sieh nur, hier ... und da ... und hier wieder. Es stehen hier mehr als in Dörrs Garten; man muß nur ein Auge dafür haben." Und so pflückte sie behend und emsig, zugleich allerlei Unkraut und Grashalme mit ausreißend, bis sie, nach ganz kurzer Zeit, eine Menge Brauchbares und Unbrauchbares in Händen hatte. Währenddem waren sie bis an eine seit Jahr und Tag leerstehende Fischerhütte gekommen, vor der, auf einem mit Kienäpfeln überstreuten Sandstreifen (benn der Wald stieg unmittelbar dahinter an) ein umgestülpter Kahn lag. „Der kommt uns zu paß", sagte Botho, „hier wollen wir uns setzen. Du mußt ja müde sein. Und nun laß sehen, was du gepflückt hast. Ich glaube, du weißt es selber nicht und ich werde mich auf den Botaniker hin ausspielen müssen. Gib her. Das ist Ranunkel und das ist Mäuseohr, und manche nennen es auch falsches Vergißmeinnicht. Hörst du, falsches. Und hier das mit dem gezackten Blatt, das ist Taraxaeum, unsere gute alte Butterblume, woraus die Franzosen Salat machen. Nun meinetwegen. Aber Salat und Bukett ist ein Unterschied." „Gib nur wieder her", lachte Lene. „Du hast kein Auge für diese Dinge, weil du keine Liebe dafür hast, und Auge und Liebe gehören immer zu- fammen. Erst hast du der Wiese die Blumen abgesprochen, und jetzt, wo sie da sind, willst du sie nicht als richtige Blumen gelten lassen. Es sind aber Blumen und noch dazu sehr gute. Was gilt die Wette, daß ich dir etwas Hübsches zusammenstelle." „Nun, da bin ich doch neugierig, was du wählen wirst." „Nur solche, denen du selber zustimmst. Und nun laß uns anfangen. Hier ist Vergißmeinnicht, ober kein Mäuse ohr-Vergißmeinnicht, will sagen kein falsches, sondern ein echtes. Zugestanden?" „Ja." "Und das hier ist Ehrenpreis, eine feine, kleine Blume. Die wirst du doch auch wohl gelten lassen? Da frag ich gar nicht erst. Und diese große rotbraune, das ist Teusels-Abbiß und eigens für dich gewachsen. Ja, lache nur. Und das hier", und sie bückte sich nach ein paar gelben Blumenköpfchen, die gerade vor ihr auf der Sandstelle blühten, „das sind Immortellen." „Immortellen", sagte Botho. „Die sind ja die Passion der alten Frau Nimptsch. Natürlich, die nehmen wir, die dürfen nicht fehlen. Und nun binde nur das Sträußchen zusammen." „Gut. Aber womit? Wir wollen es lassen, bis.wir eine Binse finden." „Nein, so lange will ich nicht warten. Und ein Binsenhalm ist mir auch nicht gut genug, ist zu dick und zu grob. Ich will was Feines. Weißt du. Lene, du hast so schönes langes Haar; reiß eins aus und flicht den Sttauß damit zusammen." „Nein", sagte sie bestimmt. „Nein? warum nicht? warum nein?" „Weil das Sprichwort sagt: ,Haar bindet.' Und wenn ich es um den Strauß binde, so bist du mitgebunden." „Ach, das ist Aberglauben. Das sagt Frau Dörr." „Nein, die alte Frau sagt es. Und was die mir von Jugend auf gesagt hat, auch wenn es wie Aberglauben aussah, das war immer richtig." „Nun meinetwegen. Ich streite nicht. Aber ich will kein ander Band um den Strauß, als ein Haar von dir. Und du wirst doch nicht so eigensinnig fein und mir's abschlagen." Sie sah ihn an, zog ein Haar aus ihrem Scheitel und wand es um den Strauß. Dann sagte He: „Du hast es gewollt. Hier, nimm es. Nun bist du gebunden." Er versuchte zu lachen, aber der Ergst, mit dem sie das Gespräch geführt und die letzten Worte gesprochen hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. „Es wird kühl", sagte er nach einer Weile. „Der Wirt hatte recht, dir Jackett und Plaid nachzubringen. Komm, laß uns aufbrechen." Und so gingen sie wieder auf die Stelle zu, wo das Boot lag, und eilten sich, über den Fluß zu kommen. Jetzt erst, im Rückfahren, sahen sie, wie malerisch das Gasthaus dalag, dem sie mit jedem Ruderschlage näherkamen. Eine hohe, groteske Mütze, so saß das Schilfdach auf dem niedrigen Fachwerkbau, dessen vier kleine Frontfenster sich eben zu erhellen begannen. Und im selben Augenblicke wurden auch ein paar Windlichter in die Veranda getragen, und durch das Gezweige der alten Ulme, das im Dunkel einem phantastischen Gitter- Werke glich, blitzten allerlei Lichtstreifen über den Strom hin. Keiner sprach. Jeder aber hing feinem Glück und der Frage nach, wie lange das Glück noch dauern werde. Zwölftes Kapitel. Es dunkelte fchon, als fie landeten. „Laß uns diefen Tisch nehmen", faßte Botho, während fie wieder unter die Veranda traten: „Hier trifft dich kein Wind, und ich bestelle dir einen Grog ober Glühwein, nicht wahr? Ich sehe ja, du hast es kalt." Er fchlug ihr noch allerlei andres vor, aber Lene bat, auf ihr Zimmer gehen zu dürfen; wenn et dann komme, sei fie wieder munter. Ste sei nur angegriffen und brauche nichts; und wenn sie nur Ruhe habe, so werd es vorübergehen. Damit verabschiedete sie sich und stieg in die mittlerweile hergerichtete Giebelstube hinauf, begleitet von der in durchaus irrigen Vermutungen befangenen Wirtin, die sofort neugierig fragte, „was es denn eigentlich sei", und, einer Antwort unbedürftig, im selben Augenbttck fortfuhr: ja, das sei so bei jungen Frauen, das wisse sie von sich selber, und eh chr Ael- testet geboren wurde (jetzt habe sie schon vier und eigentlich .fünf, aber bet mittelste sei zu früh gekommen unb gleich tot), da hätte sie's auch gehabt. Es flog einen so an und sei dann wie zum Sterben. Aber eine Tasse Melissentee, das heißt Klostermelisse, da fiele es gleich wieder ab, und man fei mit eins wieder wie'n Fisch im Wasser und ordentlich aufgekratzt und fidel und ganz zärtlich. „Ja, ja, gnädige Frau, wenn erst so vier um einen rum- stehen, ohne daß ich den kleinen Engel rniktechne ... Lene bezwang nur mit Müh ihre Verlegenheit und bat, um wenigstens etwas zu sagen, um etwas Melissentee, Klostermelisse, wovon sie auch schon gehört habe. Während oben in der Giebelstube dies Gespräch geführt wurde, hatte Botho Platz genommen, aber nicht innerhalb der windgeschützten Veranda, sondern an einem urwüchsigen Brettertisch, der, in Front derselben, auf vier Pfählen aufgenagelt war unb einen freien Blick hatte. Hier wollt et fein Abenbbrot einnehmen. Er bestellte fich denn auch ein Fischgericht, und als der „Schlei mit Dill", wofür das Wirtshaus von alter Zeit her ein Renommee hatte, aufgetragen wurde, kam der Wirt, um zu fragen, welchen Wein der Herr Baron — er gab ihm diesen Titel auf gut Glück hin — beföhle. „Nun, ich denke", sagte Botho, „zu dem delikaten Schlei paßt am besten ein Brauneberger oder, sagen wir lieber, ein Rüdesheimer, unb zum Zeichen, daß er gut ist, müssen Sie sich zu mit setzen und bei Ihrem eigenen Weine mein Gast fein." Der Wirt verbeugte sich unter Lächeln und kam bald danach mit einet angestaubten Flasche zurück, während die Magd, eine hübsche Wendin in Frstsrock unb schwarzem Kopftuch, auf einem Tablett die Gläser brachte. „Nun, lassen Sie sehn", sagte Botho. „Die Flasche verspricht alles mögliche Gute. Zu viel Staub unb Spinnweb ist allemal verdächtig, aber diese hier... Ah, superb! Das ist Siebziger, nicht wahr? Und nun lassen Sie uns anstoßen! Ja, auf was? Auf das Wohl von Hankels Ablage!" Der Wirt war augenscheinlich entzückt, und Botho, der wohl sah, welchen guten Eindruck et machte, suhr deshalb in dem ihm eigenen leichten unb leutseligen Tone fort: „Ich find es reizend hier, und nut eins läßt sich gegen Hankels Ablage sagen: der Name." „Ja, bestätigte der Wirt, „der Name, der läßt viel zu wünschen übrig unb ist eigentlich ein Malheur für uns. Unb doch hat es seine Richtigkeit damit; Hankels Ablage wat nämlich wirklich eine Ablage, und so heißt es denn auch so." „Gut. Ader das bringt uns nicht weiter. Warum hieß es Ablage? Was ist Ablage?" „Nun, wir könnten auch sagen: Aus- und Einladestelle. Das ganze Stück Land hier herum (unb er wies nach rückwärts) wat nämlich immer ein großes Dominium und hieß unter dem Alten Fritzen und auch früher schon unter dem Soldatenkönige die Herrschaft Wusterhausen. Und es gehörten wohl an die dreißig Dörfer dazu, samt Forst und Heide. Nun sehen Sie, die dreißig Dörfer, die schassten natürlich was und brauchten was, ober, was dasselbe sagen will, sie hatten Aussuht und Einfuhr, unb für beides brauchten fie von Anfang an einen Hafen- ober Stapelplatz unb konnte nur noch zweifelhaft fein, welche Stelle man dafür wählen würde. Da wählten fie diefe hier; biefe Bucht wurde Hafen, Stapelplatz, ,Ablage' für alles, was kam und ging, unb weil der Fischer, der damals hier wohnte, beiläufig mein Ahnherr, Hanke 1 hieß, so hatten wir eine ,Hankels Ablage'." „Schade", sagte Botho, „daß man's nicht jedem so rund und nett erklären kann", unb bet Wirk, der sich hierdurch ermutigt fühlen mochte, wollte fortfahren. Ehe er aber beginnen konnte, hörte man einen Vogelschrei hoch oben in den Lüsten, und als Botho neugierig hinaufsah, sah er, daß zwei mächtige Vögel, kaum noch erkennbar, int Halbdunkel über der Wasserfläche hinschwebten. „Waren bas wilde Gänse?" „Nein, Reihet. Die ganze Forst hierherum ist Reiher-Forst. Ueberhaupt ein rechter Jagdgrund, Schwarzwild und Damwild in Massen, und in dem Schilf und Rohr hier Enten, Schnepfen und Bekassinen." „Entzückend", sagte Botho, in dem sich der Jäger regte. „Wissen Sie, daß ich Sie beneide. Was tut schließlich der Name? Enten, Schnepfen, Bekassinen. Es überkommt einen eine Lust, daß man's auch so gut haben möchte. Nut einsam muß es hier sein, zu einsam." Der Wirt lächelte vor sich hin, und Botho, dem es nicht entging, wurde neugierig unb sagte: „Sie lächeln. Aber ist es nicht so? Seit einer halben Stunbe hör ich nichts als bas Wasser, das unter dem Steg hingluckst, und in diesem Augenblick oben den Reiherschtei. Das nenn ich einsam, so hübsch es ist. Und bann und wann ziehen ein paar große Spteekähne vorüber, aber alle sind einander gleich oder sehen sich wenigstens ähnlich. Und eigentlich ist jeder wie ein Gespenstetschisf. Eine wahre Totenstille." „Gewiß", sagte der Wirt. „Aber doch alles nut, solang es dauert." „Wie das?" „Ja", wiederholte bet Gefragte, „folang es bauert. Sie sprechen von Einsamkeit, Herr Baron, unb tagelang ist es auch wirklich einsam hier. Und es können auch Wochen werden. Aber kaum, daß das Eis bricht und das Frühjahr kommt, so kommt auch schon Besuch, und bet Berliner ist da." „Wann kommt er?" (Fortsetzung folgt.) luiti M einmal über*- dflt!“ nb '« ihr ans dir Sicherheit zu seinen Brust- Zangen und t N Wli hrem hieb "A Äh t ja, Sei r bet tat 'mit libtl tum. einet in« achte, alle* aber laflen halte. Er ist ein großer und vielersahrener Mann, weit über meterlang, klagen und hossärtigen Gesichts, grün und silbern gewandet. Die großen Hauen Augen gehen sest und kühl durch die trüben Wirbel der Schmelz- msser wie durchs Unsichtige des schweren, nahrungsträchtigen Wassers ter Nordsee. Im Strom ist er zu Haus und im Meer. Er kennt die Herr- Weiten und Gefahren beider Wasserreiche. Er ist ohne Furcht und ohne lltbermut, und läßt die Tuge und Nächte, Gezeiten und Jahre in großer Striae die Flanken seines mächtigen Leibes hingleiten. alles." „Habe keine Zeit! Bis die lebendig wird! Oh!' Der Lachs dreht bei und rudert langsam das Tal hinein. Als er gegen Abend wiederkommt, hockt die Anemone allein und behaglich aus dem Dach und ist sehr lebendig. Ihre Buntheit ist wieder da, und die seinen Geräumig und sicher! Für viele Monate hat er das wieder standen. Der Lachs versteht, daß es hübsch sein mag, in solcher dösen. Da kommt der Mann wieder halb heraus, zeigt panzer, schaut behaglich aus der Tür um sich, und legt Wachsendes Licht. Von Hedwig Forstreuter. Licht wächst aus langer Nacht, Tropft von den Himmelswänden ein Feuer, angefacht von unsichtbaren Händen. Da muß nach starrem Schweigen der Saft der Bäume steigen, er braust und zieht hinan. O ungestümes Quellen in fiebernd dumpfen Wellen: Das Tor ist ausgetan! Erfüllt der Jahreskreis! Schlafdorn hat uns gestochen, nun ward der Bann gebrochen, zerschmolzen rinnt das Eis. Tau rinnt von Haselzweigen verweht in schnellem Neigen, ein Hauch weht himmelan. Der Glanz verwehter Tropfen will an den Boden klopfen: Das Tor ist aufgetan! itte» lochlk* Bogel' ah t'i et bei halle Mbl, , Ml nt et richh ■t ein Iches Inin MU«! ijibn Oer Meerpilger und der Eremit. Von Joses W e n t e r. t ep!« habe» tviirbi habe." „Nicht schlucken! Keine Freude! Dummkopf!" sagt der Lachs. „Verstehst du nicht!" Behutsam und geduldig hält er die Freundin Dach gepreßt. Vielleicht kommt sie bald zu sich. Dann hockt sie von allein. „Zu was brauchst du sie?" fragt der Lachs. „Es ist so Brauch bei uns!" „Ein netter Brauch!" höhnt der Lachs. . Hst er!" sagt der Eremit. „Gib acht, wenn sie lebendig wird! Ihr» Würmer machen schönes klares Wasser vor meiner Tür. Ich rieche weithin halb-' I hB ■ itiibft | tifl««1' | iiietb' | „Du bist mir zu groß! Trau dich endlich!" Die Fühler und Zange tmfr Greisfüße recken sich, und weil sie nichts Verdächtiges gewahren, löst del Eremit seine Saugnäpfe im Gehaus und schlieft heraus. Oh, welche Witt«« rung! Einen Augenblick zuckt das Ruder des Lachses und die graue tf Augen funkeln auf. Aber die Zangen! Ruhig steht der große Fisch oo# dem großen Geharnischten und sieht den grauen, nackten Leib in das neue Haus sich verschliefen. Rücklings verschlieft er sich. Sogleich saugen die Näpfe sich fest. Dann zieht er sich ganz ins Haus hinein, jo daß die scharsen Kanten der Zangen über den Rand hinaus liegen. So ist's gutl Klauen zurecht. So, jetzt kann das Leben weitergehen! Aber dann fällt ihm etwas ein. Unruhig glotzt er umher, und die Fühler recken sich nach allen Richtungen. Vielleicht ist er hungrig? Keineswegs! Di« Fühler sind jetzt an das alte, verlassene Haus geraten und tasten das Dach ab. Der Lachs gewahrt eine jener schönen und tückischen Würmerblumen, die vergnügt auf dem Dach des verlassenen Krebsenhauses hockt. Sie hockt kopfunterwärts, und es sieht aus, als gucke sie zu» Tür hinein. Ho, der Panzerterl futtert dieses brennende Bunte, denkt der Lachs, als die Fühler des Eremiten minutenlang auf der Anemone ruhen und wieder schmeichlerisch sie abtasten. Wahrscheinlich hat er einen Panzermagen, der Kerl! Dann merkt er nicht, was für ein tückisches Ding er da Muckt! Alt genug ist er ja! Der Lachs paßt scharf auf, wie es kommt. Der Eremit rückt knapp vor das verlassene Haus. Dabei schmeichelt er unausgesetzt der Anemone, der solche Zärtlichkeit zu derb ist. Sie hat alle bunten Würmer eingesackt und hängt wie leblos über der Haustür« Wahrscheinlich erinnert jte sich, was jetzt kommt. Dann reckt sich eine riesige Zange. Oh, natürlich! So mußte es ja kommen! Die andre saßt den Rand des Hauses, damit es nicht umfalle bei der Gewalttat. Langsam tastet die Zange den Fühlern- nach. Des Lachses Ruder zuckt, unmerklich nur zuckt es. Aber der Schreck ist ihm in den Leib gefahren, als die Zange sich auftat. So gewaltig hat er sich die nicht vorgestellt. Grausam funkeln die grauen Augen, wie diese riesigen Backen sich jetzt um die zusammengesackte Anemone schließen. Wäre die nicht so weich, man hörte das Zusammentlappen. Keineswegs hört man es. So sanft schließt der Panzermann seine schreckliche Waffe. Daun rüttelt er ein wenig. Als die Anemone, die keine Lust zu reifen hat, sich mit allen Kräften an das Hausdach klammert, da hat der alt« Einsiedler so viel Gedulo und biegt und roentetjrie sich Sträubende mit jo sanfter Gewalt, daß sie endlich, halbtot vor Schreck und Schwäche, allen Widerstand aufgibt. Sie schrumpft ein und ist ein Häuschen Elend und Gallert in der riesigen Schere. „Das ist jetzt das vierte Haus, seit wir beieinander sind! Aber sie vergißt alles." — Der Eremit hält sie beinahe vor di« schwarzen Stielaugen, und der Lachs wartet, ob er sie zerreißen ober ganz in den Schlund stopfen wird. „Sie brennt im Bauch!" sagt er. Er hat das bei (einer er|ien Meer- sahrt erlebt. „Dann schluck sie nicht, Dummkopfl" „Und du?" Der Panzerkerl antwortet nicht. Er hat etwas anderes vor. Er reckt die Zange hoch aus, daß sie über den First des neuen Hauses hinaus- langt. Oh, er wird sie herumschleudern, die Bunte, denkt der Lachs. Aber so sanft holt man nicht aus, wenn man schleudern will, ist ihm. Der Eremit denkt nicht ans Schleudern. Keineswegs. Mit (einen Fühlern tastet er das Haus ab, und wie er den oberen Rand der Schneckenhöhle findet, setzt er die Anemone aufs Dach, so daß ihr weicher Fuß den Rand um- fasten kann. Aber diese weiche Anemone ist bewußtlos von dem harten Druck der Zange, obwohl der Panzermann, wie er meint, besonders freundlich angegriffen hat. Leblos und schlapp hängt sie über Zangen- und Dachrand und weiß nicht, was mit ihr geschehen ist; und daß der Fürsorgliche ihr wieder einmal eine neue und schöne Wohnung bereitet hat, kommt ihr nicht ins Gedächtnis. . „Sie vergißt alles! Jetzt muß ich sie halten, bis mir der Arm lahm wird." — Es strengt ihn an. Er ist schlecht aufgelegt. „Wann schluckst du sie denn?" fragt der Lachs. „Dummkopf!" , „ _ . , Der Lachs weiß, daß es Leute gebt zum Schlucken, zum Spielen und solche, mit denen man Hochzeit hält. Darüber hinaus ist in feiner Seel« kein Wissen um die Lebendigen. „Du schluckst sie nicht?" . Fast zwanzigmal hat der stolze und herrische Rheinlachs seine lähr- liye Pilgerfahrt aus dem Vorderrhein getan, wo er ins Leben geschlüpft nur in der weißen kiesigen Nestmulde, die Mutter Lachs jeden Herbst an br nämlichen Stelle durch mehr als zwei Jahrzehnte dort zugerichtet ,[x Um die Widderwende ist der Lachs von seiner Stromfahrt wieder . L. im Meer gelangt, und die Aequinoktialstürm« donnern in die dämmrige Tiife hinab, in der er sich vergnügt, von den Mühsalen der monatelangen 9 Wngfahrt erholt und an den Köstlichkeiten des Meeres schadlos hält für . I bi( Hungerwochen im Strom. Denn es ist uraltes Gesetz seiner Sippe, ’™’j| «ui der großen Reife zu fasten. Di« Hochzeitsfahrt hält Leid und Seele [Wl grdannt. W**! Seit Tagen kreuzt der Lachs um die Hänge eines riesigen schwarzen Asaltstockes, der aus der Finsternis aussteigt. Von den Riffen und Zacken Ws lieft er kleine Muscheln und fette Krabben, seine Leibspeisen, ab. Dabei erlebt er am Eingang eines schmalen Felsschrundes, der eine sanfte gtM Nulte bildet, die große Klugheit eines Panzermannes. Weil er satt ist, ,t eiu »«hält er vor dem Kerl und schaut ihm zu. Tüiei' Der ist anfänglich mißtrauisch gegen den großen Fischmann, der vor ti Giöße fast Schatten wirst, und er verschließt sich, so gut es geht. Aber tton ist ihm, daß er doch auch recht gut gewachsen ist, und er reckt eine .Atoll röige Zange aus. Weil der Lachs ein wenig, ganz langsam freilich, und . J mebr aus Gewohnheit, rückwärts geht — oh, nicht einmal um Leibes- Zunj| lirge! —, faßt der Panzerkerl Mut und treibt fein unterbrochenes Ls, A chäft weiter. L.,,' Er ist dabei, feine Wohnung zu wechseln. Sie ist ihm zu klein gewor- „ii beu. Ja wenn er ein so vollkommen gepanzerter Mann wäre wie die ffiraanbten mit ihren geharnischten Leibern und Schwänzen! Oh, dann ' ’■* siklich brauchte er keine Wohnung! Aber aus irgendeiner höhnischen ftrine ward er kaum halb gerüstet, und die größere Hälfte seines Leibes i|tfo weich und hat zum Unglück noch eine so nahrhafte Witterung, wie fle die Verwandten haben, wenn die jährlich ihre Panzer abrüsten. Die «schliefen sich dann in die finsteren Löcher. Das aber paßt dem Gremien, der ein vergnügtes Geben führt, keineswegs. Also schafft er sich «ne tragbare Wohnung an. Wochenlang ist er über dem Halbdunkeln kiesigen Grund herumgezogen M hat Ausschau gehalten. Es muß ein besonders großes und schön thrf Iftrehtes Schneckenhaus (ein, wenn es ihm gefallen soll. Es muß leer - 'n W verlassen fein, denn eine rechtmäßige Besitzerin zu vertreiben, gelingt nie Das weiß der Einsiedler aus mancher Erfahrung. Die Monate, bis er sich entschließt, aus dem alte Hause wegzuziehen, N> sehr ängstigend für ihn. Immer hofft er, es werde noch gehen. Aber eines Tages gewahrt er entsetzt, daß sein nackter Rücken weit zur Tur fytauslugt. Und da kreuzen auch gleich Räuber heran, die die Witterung «lockt. Es ist ein Glück, daß alle diese Kerle da herunten ihre Augen sich fast abgewöhnt Hohen. Und wenn man ihnen nicht gerate vor die fhvarzen Glotzer gerät, merken sie nichts. Aber wittern können sie sein, W das ist die Gefahr. , Als der Lachs heranrudert, hat ter Eremit nach tagelangem Suchen ein leeres Haus gefunden. Mit feiner großen Zange hat er es jetzt er- finden und stellt es so vor sich hin, daß er gleich hineinschlupfen kann. Seine langen Fühlhörner reckt er in den leeren schwarzen Schlund und pnift Tiefe und Höhe, und ob da nichts Heimliches sich versteckt. Natur- W Sandhüpfer und Flohkrebse wirbeln in Scharen heraus. Die hotten ihm gerate gefehlt! Aber dem Lachs gefallen sie. Mit weit geöffneter Söüe schluckt er fast die ganze flüchtende glashelle Herde. Das paßt dem SifNer. Dann schickt er die Fühler über die Außenwände. Kein Schwamm, km neidischer Mitsiedler! Ho, man kann es wagen! „Fahr ob, Fischmann, pack dick!" glotzt er den Lochs an. ,Zch trau nicht! Keinesf alls trau ich dir ft „Nein!" „Hast du Freude mit ihr?" Der Eremit glotzt schwarz auf den Lochs. Er ist sehr ärgerlich, daß er die Halbtote halten muß. Denn wenn er losläßt, sinkt sie zu Grund, weiß Gott auf welche Seite des Hauses. Er muß sie suchen, greifen, und das Kunststück geht von vorn an. „ „Freude? Das siehst du ja, Fischmann, was ich für Freude an Derintwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühllche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen. «hi Mm ■et Btutee AM b ,e iiir», t nriii Al ihi ÄH eeiti l Würmch->n schlängeln vergnügt vor der dunklen Tür, in der breit und dehädiq der Einsiedler liegt. Seine Fühler tasten manchmal, rote um sich zu vergewissern, daß sie da ist, zu der schönen Anemone hinauf, die dann mit ihnen spielt Wenn er seine Mahlzeiten hält und dabei den Sand ordentlich aufroühlt, dann hat die bunte Freundin nahrhafte Zeit. Eine Weile steht der Lachs vor dem seltsamen Paar und schaut zu, wie die sich vertragen. Der Krebs hat eine Entenmuschel ergattert und ist dabei, sie auszusressen. Davon steigen fette Stückchen im wölkenden Sand auf, und die Schlänglein der Bunten sind in tausendsacher Aufregung, nur ja nichts davon zu verlieren. Geschickt fängt sie die fast unsichtbaren Bissen und stopft sie in ihren Schlund Zst es nicht ein schöner Brauch?" sagt der Einsiedler zum Lachs. Jetzt ist er zufrieden und heiter und schluckt mit großem Behagen. Anders, anders als bei uns! denkt der Rheinpilger, in dessen Sippe klare Verhältnisse herrschen müssen. Er rudert ins Unsichtige davon. Der Geharnischte glotzt ihm schwarz nach. Jetzt zieht die Anemone plötzlich die bunten Würmer ein und hangt leblos in der Tür. Der Eremit hat das sofort gewahrt und ist im Haus verschwunden. Nur die Zangen liegen über dem Rand. Em riesiger Polyp wuchtet strudelnd vorüber. Die Anemone hat ihren Ernährer rechtzeitig gewarnt. 0 schöner, weiser Brauch! Annas Lied. Bon Achim von Arnim. Goldne Wiegen schwingen Und die Mücken singen. Blumen sind die Wiegen, Kindlein drinnen liegen, Auf und nieder geht der Wind, Geht sich warm unb’ geht gelind. Wieviel Kinder wiegen? . Wieviel soll ich kriegen? Eins und zwei und dreie, Und ich zähl' aufs neue, Auf und nieder geht der Wind, Und ich meine wie ein Kind! i an« 81*, II Hin Uli i> 8 Hm "f, IMn 0k. «h Re toi 9 llte i si-i- S 'il mii «iii'ni 1t» W'äf UM M tz UM, IV im Bii IHltli 'ilitie Iti fei lilu l«tn tutet ?l:j |ihih '3C Ility N bjjilfc Oie Verlobten. Bon Josef Martin Bauer. Man machte Feierabend auf der Freihube, denn die Leute sollten zeitig schlafen. Franz, der Knecht, ging noch einmal durch den Pferdestall und prüfte alle Riegel, dann hob er den Riegelbalken des großen Tores noch einmal aus und ging über den sandigen Fahrweg zum Weiher. Es wurde eben dunkel, als Franz an den Weiher kam und auf der Waschbrllcke sich gemächlich auszuziehen begann, um einmal oder zweimal den Welcher zu durchschwimmen. „Guten Abend, Franz!" sagte da eine Stimme, und jetzt sah der Knecht erst, daß jemand an der Kante der Waschbrücke saß. Es paßte ihm nicht, wenn man ihn störte in seinem Tun, und wenn diese junge Kathrina, die noch kaum ein Mädchen war, ihn störte, mußte er widerwillig auf sein Vorhaben verzichten. „Eigentlich hätte ich baden wollen", sagte er gleichmütig und wollte der kleinen Magd Kathrina damit zu verstehen geben, daß sie ihn allein lassen sollte. Aber Kathrina sagte nur: „Du kannst ja schwimmen, wenn du willst. Bei den Erlen dort kannst du ins Wasser steigen, und im übrigen ist es schon dunkel." Das sagte sie so ruhig, wie nur ein ganz harmloses Kino es sagen konnte. Und Franz, der sich zuerst geärgert hatte über das Mädchen, das hier vergnügt die Füße ins Wasser baumeln ließ, setzte sich eng neben Katharina und machte es wie sie. Man hatte sich nichts zu sagen. Dazu war der Tag lang genug. Und ein Knecht mit achtundzwanzig Jahren hatte so einem jungen, törichten Ding mit knapp siebzehn Jahren auch bei Tag nichts zu jagen. So saßen die zweie denn still nebeneinander und ließen die Füße ins Wasser baumeln. Als sie beide schließlich zur Freihube zurückgingen und Franz das Mädchen so nebenhin fragte, wie lange es eigentlich auf der Freihube zu bleiben gedenke, gab ihm Kathrina lachend zur Antwort: „Ich werde bleiben, bis ich heirate. Und wenn ich einmal heirate, bann wärest mir am liebsten du als Mann. Dich mag ich gern und dich möchte ich heiraten." Dann lief sie weg und huschte in die Kammer, während Franz noch einmal alte Türen überprüfte, ehe er feine Liegestatt auffuchte. Ein paar Jahre gingen herum, ehe Franz mit Kathrina wieder auf dieses Gespräch zurückkam. Beim Weizenlegen jedoch, ein paar Jahre später, als Kathrina wie immer hinter Franz her die Mahd ablegte, fanden sie ein paar Minuten für sich, um dort weiterzureden, wo sie an jenem Abend auf der Wasch- brücke begonnen hatten. Franz zog fest aus und entdeckte beim Umsehen, daß der nächste Mäher ihm und Kathrina nicht folgen konnte. Darum hieb er noch kräftiger drein und war schon am Rande der Mahd, als die anderen noch in der Ackermitte gingen. Jetzt war es Zeit, und jetzt ließ sich etwas ausreden, was man nicht immer so mit sich Herumtragen konnte „Du bist groß geworden, Kathrina", sagte er anerkennend, aber als Kathrina nur verlegen „Ja sagte, wußte er nicht mehr weiter und wurde verlegen. Da nahm Kathrina das Wort richtig auf und fragte ihn, während sie einen Halm unruhig zerzupfte, ob er sie auch jetzt noch nicht heiraten wolle, nachdem sie ihm damals beim Füßewaschen auf dem Steg noch zu jung gewesen sei. Franz war dem Mädchen dankbar, daß es selbst bie Frage stellte, aber er zerrieb verlegen eine Aehre in der Hand und zählt, die Körner. „ , , . .. , .. Man könnte wohl einmal darüber reden , meinte er, und sie beide verstanden die Antwort so, als hätte er Ja gesagt. Die anderen Mahleui« waren den zweien inzwischen nachgekommen, Franz nahm die Sense über die Schulter, Kathrina strich ihre Rupfenschürze glatt, die Arbeit ging weiter, und an diesem Taae wunderten sich die Leute auf der tfreibube, weil Franz beim Pserdefüttern zum erstenmal, seit er auf dem Hof war, ein Liedlein pfiff. An diesem Abend trafen sich die zwei, als wäre es Zufall, wieder am Weiher, und obgleich sie beide nach soviel Tagesh,tz, gern den Weiher etliche Male durchschwommen hätten, blieben sie auf dem Waschsteg sitzen, ließen die Füße ins warme Wasser baumeln und redeten mit ein paar Worten aus, wie sie es machen und wie sie es zusammen halten würden in der Ehe. j „Wir werden eben warten müssen", meinte .Franz, „weil wir als Knecht und Magd doch nicht heiraten wollen." Kathrina sagte nur: „Ich kann ja warten." Dann gingen sie zum H°s hinauf, und Franz pfiff sich ein Lied, als er alle Riegel noch einmal prüfte. „ ... . , . Dieses Liedei hörte die Bäuerin in ihre Kammer hinein, und in btt Kammer schlief schon seit Jahren kein Bauer mehr neben ihr. Sie hort, es anderntags in der Küche, sie hörte es überall, und sie lächelte dem Knecht, der sich so gut auf die Arbeit verstand, fteundlich zu, als sie bas Essen auf den Tisch brachte. Sie war noch eine recht ansehnliche Frau, die Bäuerin, die ihren Bauern schon nach wenigen Ehejahren verloren hatte, und wenn sie einen Mann als Bauern auf den Hof nehmen wollte sand sie zehn für einen. Seit diesem fröhlichen Giebel ihres Knechtes aber nahm sie sich vor diesen sonst so schweigsamen Burschen, der plötzlich zu einer stillen Froh lichkeit erwacht zu sein schien, vom Knecht zum Bauern zu machen, wenn er nur wollte. Und wenn er nicht wollte, war sie wohl Weib genug, diesen Willen in ihm zu wecken. Sie schnitt von diesem Tage an das Stück Fleisch, bas ihm gutem, besser aus, sie fragte ihn vor ben anberen Leuten um alle Dinge bes Hofes, als sei er ber Bauer. Am Morgen schon ging sie burch ben Stall, wenn Franz ben Pferben einfütterte, unb am Abend, wenn Franz seinen letzten Runbgang beenbet hatte, stanb sie im Dürftet so, baß der Knecht ganz eng an ihr vorübergehen mußte ... Eines Tages muhte er doch begreifen, daß er hier Bauer werden burfii auf der Freihube. Er blieb stehen im Türftock, als bie Bäuerin ihn |o sonderbar anblickte, unb ging bann mit ber Bäuerin. Die verschwiegene Liebe zu Kathrina schien abgetan unb vergessen zu fein. Franz rebete nie mehr mit Kathrina barüber unb nahm, was ihm anbersroo so bereitwillig bargeboten würbe. Als Franz heiratete und |o zum Bauern wurde auf der Freihube, packte Kathrina ihr Bündel unü meinte unb packte es roieber aus. Sie wollte bleiben, dem Manne zim Trotz, ber alles vergessen hatte. Franz hätte ihr nicht gewehrt, wenn p« gegangen wäre, unb wehrte ihr nicht, als sie blieb. Er sprach in ben Dingen ber Arbeit mit ihr, wie er immer mit ihr gesprochen hatte, er war im übrigen ber gleiche schweigsame Mann geblieben unb pfiff auch sein kleines Liebel nicht mehr, bas einzige Lieb übrigens, bas er kannte. Gar nichts veränderte sich auf der Freihube. Jeder tat wie zuvor seine Arbeit; das Korn wurde Jahr um Jahr gesät, der Weizen wurde in jedem Sommer geerntet, und die Magd Kathrina ging in jedem Erntesomnm hinter dem Bauern in der Mahd und legte den Weizen zu Garben. NI« aber kam es dem Bauern mehr in ben Sinn, seinen Knechten eilig voraus- zumähen, weil er ber Magb Kathrina unb sie bem Bauern nichts zu sagen hatte, was nicht all feine Leute hätten hören dürfen. Sechzehn Jahre blieb da so, unb am Enbe biefer sechzehn Jahre starb bie Bäuerin auf ber Freihube, nacfjbem sie gut unb rechtschaffen mW ihrem Bauern gelebt hatte. Franz, ber nur einmal ein Liebel getanmt I und noch nie gemeint hatte, begleitete schmeigsam feine Bäuerin zu Grabt; er meinte nicht, roohl roeil er das Weinen nie im Leben gelernt hatte, aber er lebte in ehrlicher Trauer von da an in bie Zeit hinein, noch einmall über zwei Winter hin, bis roieber einmal Zeit war, ben Weizen zu mähe« Zu dieser Zeit mußte auch die Magd Kathrina, die seit dem Tode btt Bäuerin das Hauswesen versorgte, mit auf die Felder gehen und Hinte» dem schweigsamen Bauern her die Mahd zu Garben legen. Immer notz mähte Franz besser als jeder Knecht, und als man schon den halben Acke» gemäht hatte, schien es plötzlich, als habe der Bauer größere Eile als bisher. Kathrina blieb ihm eng auf den Fersen, bis er die ganze Ackern länge durchgemäht hatte und bie anberen Leute noch in ber Ackerniitts werkten. Franz räusperte sich unb besah seine Sense unb fragte plötzlich unvermittelt zu Kathrina hin: „Weißt bu noch, roie mir bamals vorausgemühU haben?" Dieses Mal aber nahm Kathrina nicht für ihn bas löfenbe Worb auf, fonbern schickte sich an zum Umkehren. Es schien gar nichts Wichtige- zu sein, was bie beiden auszureben hatten, benn Franz zerrieb eine Aehrs in ber Hanb unb zählte bie Körner, währenb er nebenhin murmelte: „3611 Frauenleute seid aber vergeßlich! Von heute auf morgen wißt ihr sch« nicht mehr, was war, und ich möchte doch meinen, es wäre ein richtiggehender Verspruch gewesen, damals, du weißt schon noch, beim Weizenlegen." Kathrina wußte keine rechte Antwort unb sagte nur verlegen: „Ja" Dann kehrte sie um zu einer neuen Mahd, unb vor bem ersten SensenhieW sagte Franz noch über bie Schulter zurück: „Es hat wohl eine Weils gebauert, aber für Kinber ist immer noch Zeit. Unb wenn wir ihnen einem Hof hinterlassen können, werben sie es uns mehr banken, als wenn ® nur ein Knechtsplatz wäre.