SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Mrgang 1939 Montag, den 13. Zebruar Nummer 13 Der kerzelmacher von Sankt Stephan Ein heiterer Liebesroman von Alfons o. LKulka Copyright by Z. G. Äotta'sche Buchhandlung Aachsolger, Stuttgart 23. Fortsetzung. In heiseren, abgerissenen Sätzen mit Gott und der Welt hadernd, auf dem ken Beine hinkend, das krebsrote schweißtropfende Gesicht über die raße gebeugt, schleppte er sich, auf einen abgebrochenen Ast gestutzt, ihsam dahin. Während der Lange barhäuptig ging und sich nur hin d wieder mit seinem blauen, dreieckigen Hute Kühlung zufächelte, hatte - Kleine ein mit vier Knoten versehenes weißes Tuch über den blanken adel geknüpft und wischte sich, alle paar Schritte schnaufend stehenübend, mit einem zweiten, rot und blau geblümten, die ©hm. So rschierten ste, das schmale, von Apfel- oder Birnbäumen geworfene battenband sorgsam ausnützend, schon seit dem Morgen. An der gläsernen Kuppel des wolkenlosen Himmels stieg der weih- giihende Sonnenball schon zur Mittagshöhe, als der mit dem Violoncell |id, im Schatten eines Birnbaums auf einen Schotterhaufen fallen lieh, ie3 Instrument an den Stamm lehnte und dem Voranschreitenden giftig mchrief: „Stehen bleibst endlich!" Der Lange, der es sichtlich eilig hatte, vnndte ärgerlich den Kopf. Diesen Anruf hatte er seit dem Morgen schon qlit zwei dutzendmal gehört. Weil der Kleine sich aber diesmal nicht zum Meitergehen entschloß, kam der andere doch auf ihn zu, deutete auf eine Kirchturmspitze, die in der zitternden Lust über den fahlgelben Feldern stwamm und sagte: „Dort drüben im Dorf machen wir Rast." Der Cellist wischte sich mit dem Tuche Hals und Nacken und schnaufte: „sticht einen Schritt geh ich mehr!" Auch als der andere auseinander- fe;te, daß es bis zum Dorfe keine Bierlelmeile mehr sei und dort Schatten nib Labung winke, wiederholte er mit der Hartnäckigkeit des Willen- lo'cn: „Nicht einen Schritt! Und mit dem Brummbaß gleich gar nicht." Der Lange drohte ihm lachend mit dem Finger: „Na, was hab ich sagt, Wimmer? Wer hat's denn mitnehmen wollen, das Violoncell?" Und das stimmte auch. Wohl hatte Matthias Wimmer zu seiner D rwunderung feststellen müssen, daß sein Freund Aloisius Brand dies- mil mit Bedacht und wie ein Mann handelte, der weiß, was er will. As hätte er sich vorgenommen, alle Wirrnisse doch noch selber zu einem jilen Ende zu führen, und als wäre durch die Bedrohung seines resl- ii’sen Glücks, das ihm mit der List geblieben, eine heimliche Kraft ersucht, die ihm von einem härteren Ahnen her bis dahin schlummernd itt Blute gelegen. Am Abend vor der "Abreise war es aber dann doch weder wie «in Rückfall in seine sonst allzu nachgiebige Wesensart, als er Wimmer die Pässe zeigte, die ihnen der Hofkriegsrat ausgestellt hatte, md besorgt hinzufügte: „Durch die eigenen Linien kommen wir also. Der bei den Preußen werden die Wische nichts gelten. Was machen wir, mnns uns nicht durchlassen, Wimmer?" Erst hatte der Regenschori selber bedenklich den Kopf gewiegt, dann aber in einem plötzlichen Einfall ge- nnint: „Weißt was, Brand? Du nimmst deine Flöten mit, und ich mei- ttt-i Brummbaß. Ein Musikant kommt überall durch, selbst bei die Preu- ftn. Schon mein alter Lehrer, der Domkantor in Salzburg, hat allweil Sagt: .Wimmer', hat er g'sagt, ,mit der Geigen unterm Arm wirst ifcerall warm!'" Aloisius Brand hatte zwar gefürchtet, daß vor allem das Violoncell ju einer Last werden könnte, weil sie doch mit der Post nur bis Kremsier s en könnten, und es daher leicht möglich wäre, daß sie von dort bis im preußische Hauptquartier zu Fuß laufen müßten. Aber Matthias W mmer lachte ihn aus: „Zu Fuß? Mit einer Flöten und einem Violoncell? Ein jeder Bauernwagen nimmt uns mit. Weil die Leut froh sind, mnn ihnen wer was oorspielt und gar urnasonst..." Solange sie mit der Post fuhren, ging es noch an. Wiewohl schon m ®-en der Postillon maulte, weil Wagen und Dach ohnehin schon gerap- Nit voll seien, und erst ein ansehnliches Trinkgeld bewirkte, daß der »inmmbaß doch noch hinten an der Kutsche über Ersatzrad und Hafer- taf geschnallt werden durfte. Aber in Kremsier begann dann das Kreuz, fc Brand den kaiserlichen Postmeister höflich fragte, wie sie nun weiter noch schmirschitz kämen, hob der kaum die rotgesoffene Nase vom Stehpult und den muffelnden Papieren und schnauzte höhnisch: „Zu Fuß! iller Wimmers Laune störte das nicht. Zwar brummte er wütend: „Sau- ütebes Mannsbild", draußen auf der Straße aber sagte er lachend zu Doud: „Deswegen fahren wir morgen doch wie die Generale ins preu- ßiiche Hauptquartier ein!" ■ m Danach sah es einstweilen freilich nicht aus. Wohl hakten sie am Vormittage, als Straßenstaub und' sengende Sonne sie immer gründlicher «15 ehrbaren Bürgersleuten in Brüder der Landstraße verwandelt hatten, etliche vom Markt heimkehrende Bauernwagen eingeholt. Als sie sie aber anriefen, ob sie nicht mitfahren könnten, hatten deren Lenker nur die Peitschen knallen lassen und waren eilig davongefahren. Entgegen Wimmers Meinung schienen sie durchaus nicht darauf aus zu fein, daß ihnen einer was vorspiele und gar noch umsonst. Dieses rätselhafte Verhalten vermochten sich Wimmer und Brand erst zu erklären, als ein Bauer sich umwandte, ihnen mit der Peitsche drohte und zornig rief: „Hendlsanaer, verfluchte!" Woraus sie erfahren, daß die Volksmeinung sie an diesem Tage den Fahrenden, Seiltänzern und Zigeunern zugesellte, vor denen man die Türen und Fenster zu ebener Erde verschloß. Indessen war es Mittag geworden, und Aloisius Brand schilderte, vor dem Schotterhaufen stehend und auf das zerfließende Mannsbild niederblickend, vergeblich alle Freuden-des nahen Dorfes in den verlockendsten Farben. Matthias Wimmer bewegte nur müde den Kopf: „Wundg'laufne Füß hab ich, schwitzen tu ich wie ein Roß — nicht einen Schritt geh ich mehr!" Woraus Brand das Gescheiteste tat, was er tun konnte, das Bioloncell ergriff, es am Tragriemen auf den Rücken schwenkte und weiter durch den Straßenstaub trabte. In der richtigen Voraussicht, daß der Regenschori allein auf dem Schotterhaufen nicht bleiben werde. Als sie dann vor der Dorffchenke im kühlen Schatten einer großen Kastanie saßen, wurde ihnen noch einmal vor Augen geführt, daß man sie zu den Walzbrüdern zählte ünd nicht einmal zu den ehrlichen. Die Wirtin, der sie auftrugen, vor allem Wein und Wasser zu bringen, schielte mißtrauisch nach dem an der Hauswand lehnenden Cello, legte die offene Hand auf den Tisch und forderte hart: „Erst wird zahlt!" Brand warf ihr großspurig ein Silberstück hin. Da verschwand sie, iy ihrer Würde gekränkt. Woraus wieder einmal hervorging, daß man es den Menschen nicht recht machen kann. Nach dem Essen streckte der Regenschori die Beine behaglich von sich und versank, an die Hausmauer gelehnt, in Schlummer und Schnarchen. Aloisius Brand aber starrte nachdenklich in das grüne Flimmern und Weben der großen Kastanie, durch deren Blätter die Sonnenpfeile schossen und die goldenen Kringeln niederfielen auf die Platte des Tisches, auf Boden und Bank. Sein Herz war voll Sorge. Was wohl mit der Lisi sein werde? Ob er sie überhaupt fände? Und vor allem, was er tun solle, wenn sie von ihrem Leutnant nicht ließe. Saum, daß eine Stunde vergangen war, rüttelte er Wimmer aus seinem Schlummer und meinte, daß sie nun wieder aufbrechen müßten, wollten sie heute noch nach Schmirschitz kommen. Der Regenschori aber blinzelte schlaftrunken, gähnte: „Brand, wannst mich erschlägst — ich kann nicht mehr", barg den Kops in die Arme und schlief weiter. Eben wollte ihn der Kerzelmacher zum zweitenmal ^und diesmal kraftvoller wecken, als ein Wagen herankam. Ein Soldat kutschierte. Ein zweiter saß neben ihm. Das Fuhrwerk, das Säcke und Stroh geladen hatte, hielt an den Stufen vor der Kastanie. Die Soldaten fliegen ab. (Einer blieb bei den Pferden und begann sie zu füttern. Der andere kam di« Treppe herauf. Es mußten Preußen fein. Kaiserliche Uniformen waren das nicht. Der Soldat fah sich um. Vor der Schenke standen nur zwei Tische. An dem einen schnarchte Wimmer und saß Brand, auf dem andern schlief ein zerzauster Gockel mit seinem Hühnervolk. Der Soldat trat an Brands Tisch heran, tippte mit dem Zeigefinger an seinen Hut, setzte sich und rief: „Einen Doppelkrug Wein!" Dann warf er den Dreispitz auf die Bank, lehnte sich zurück, deutete auf den Brummbaß und fragte: „Fahrende Musici, die Messieurs? Wie? Schon was verdient heute?" Als Brand belustigt verneinte, meinte er gönnerhaft: „Könnt mir dann was vorspielen. Und mitsaufen dürft ihr auch." Die Wirtin brachte den Wein. War es der Dust des Weines ober die fröhlich polternde Stimme des Soldaten: Matthias Wimmer hob den Kopf, gähnte mit Genuß und richtete sich auf. „Morsen!" lachte der Soldat, drehte sich um und rief zur Straße hinunter: „Raufkommen, Müller!" Dann schenkte er die Gläser voll. Eine Weile dauerte es noch, bis der Regenschori begriff, daß das ein preußischer Soldat fei. Als er aber, völlig erwacht, auch den Fourage- wagen unten auf der Straße bemerkte, beschloß er, diese Gunst des Schicksals zu nützen. Kaum daß der ihm gegenübersitzende Soldat zum erstenmal das Älas abgesetzt halte, fragte Wimmer: „Weiß der Herr Soldat vielleicht.. „Wachlmester bin it!" „Also weiß der Herr Wachtmeister vielleicht, wo man da ein Fuhrwerk nach Schmirschitz bekommt?" Brand schmunzelte. Der Wachtmeister fragte erstaunt: „Nach Schmirschitz? Dort ist doch des Königs Quartier. Wollt.ihr denn frort hin?" Matthias Wimmer trank, stellte sein Glas hin, gab Brand einen Tritt gegen das Bein und sagte: „3a, wissens, Herr Wachtmeister, die Zeiten sind schlecht, bei den Bauern is nix zu holen. Da haben wir uns hall gedacht, daß vielleicht bei den Soldaten ein Geschäft gehen könnt. Meinens nicht?" Der Wachtmeister nickte. Das leuchtete ihm ein. Und getanzt hatte er wieder einmal für jein Leben gern. In Schmirschitz gab s zwar einen Wtrtsgarten, Madel und einen passablen Wein. Aber aus Tanze^ verstanden sich die Feldmusiken nicht. Er fragte: „Zum Tanz ausspielen tonnt greinet)doch unser G'schäst", lachte Brand. Der Wachtmeister wischte sich mit dem Handrücken über den «chnauz- bart: „Na dann braucht ihr doch kein Fuhrwerk. Da könnt ihr doch gleich mir uns fahren " Er stieß den andern Soldaten in die Seite: „Was meinst«, Muller? Getanzt hast wohl °ch !ch°n lange >ucht?" Wimmer sah Brand an und blinzelte. Hatte er nicht recht gehabt? Em Musikant Der Wachtmeister hob sein Glas und stieß mit den beiden an. Dann, beuate er sich über den Tisch und tippte Wimmer an den Magen: „Aber spielen mußt ihr Kerle, daß dem Kleinen sein Bauch da platzt! Er rief wieder nach Wein. Lumpen ließ er sich nicht. Immer wieder füllt« er di« Maler, strich sich den Schnauzbart, schwätzte und rühmte das Soldaten, leben. Der kleine Regenschori sah ihn mißtrauisch an. Allerlei Geschichten sielen ihm ein. Am Ende war das ein Werber, der ihn zur Feldmusik pressen wollte. Aber dann beruhigte er sich wieder. Unter das preußiscye Grenadiermah würde er schon nicht fallen. , , .., ,, Als der dritte Doppelkrug Wein zu Ende war, erhob sich der Wachtmeister, warf ein Geldstück auf den Tisch und sagte, sie mühten nun fahren. Er ging die Stufen hinab, kletterte auf den Fouragewagen, wies Wimmer und Brand zwei der hochgetürmten Strohbündel als Sitze an, griff nach Zügel und Peitsche und schnalzte. Die Gäule zogen an. Der Wagen ratterte zum Dorfe hinaus. . ... Der viele Wein und die Freude darüber, daß feine Prophezeiung sich doch noch erfüllte und statt seines Schusters Rappen zwei preußische Esten- schimmel ihn nach Schmirschitz entführten, versetzten den Regenschori wieder in die ihm angeborene Laune. Er begann, das zwischen semen Beinen legende Violoncell von seiner Umhüllung zu befreien, sah den Kerzelmacher an, der ihm gegenüber auf einem Strohturme faß, und lachte: „Brand, wie wär's? Fuhrlohn muh fein!" Als nach einer Weile die brummenden Töne des Cellos und die süßen der Flöte lustig erklangen, wandte der Schnauzbart den Schädel und nickte: „Das nenn ich mal spielen!"" Dann schlug er mit der Peitsche fröhlich den Takt. Zwei Stunden später fuhren sie streichend und sloteno ins Hauptquartier ein. Indes von allen Seiten, aus Höfen, Häusern und Gassen die Soldaten gelaufen kamen, um sich diese musikalische Fuhre zu besehen, stieß Wimmer den Ellbogen in die Rippen des Brand und hob zwinkernd den Kops: „Ra, wer hat recht b'halten? Als wie ein General!" Die Dächer und Häuser des Marktplatzes von Schmirschitz verdämmerten schon in die Schatten des Abends. Rur auf den kleinen Uhrturm des Schlosses und die höchsten Zelte des Lagers warf aus goldgeranderten Wolken die Sonne noch einen flammenden Schein, als der von Herrn von Leskow, einem Wachtmeister und zwölf Husaren geleitete Schwadrons- wagen mit der schönen Elisabeth Brand, einem Reisekorb und einem Diolakasten den Fuß de, Lagerhügels erreichte. Doch bogen nur die Husaren mit dem Schimmel des Leutnants in das letzte, steile Wegstück ein, das hinaus zu den Zeltgassen sührte. Der Wagen aber, in dem nun auch der Leutnant saß, rollte, den Hügel in weitem Bogen umfahreiw, im Abendschein über die Wiesen zur Wiener Heerstraße, von der etliche hundert Schritte weiter, an einem Bildstock vorbei, eine schmale, von Obstbäumen gesäumte Allee neben der Parkmauer des Schlosses zum Ortseingang abzweigte. . Roch ehe Leutnant von Leskow nut seiner Feldwache aufgebrochen war, hatte er sich schon entschlossen, die Demoiselle nicht in das Lager zu bringen, sondern geradeswegs in den Gasthof von Schmirfchitz. Denn er hatte bedacht, daß, wenn er mit seinem so schönen und seltsamen Beutestück in den Zeltgassen erschiene, das ganze Lager in solchen Aufruhr geriete, daß das alte Rauhbein von einem Lagerkommandanten am Ende die unschuldige Ursache dieser Störung der ihm anvertrauten Disziplin auf kurzem Wege an die Lust, das heißt zum nächsten österreichischen Vorposten befördern könnte. In Schmirschitz aber hatte der General nichts zu befehlen. Die Ordnung im Dorfe unterstand dem mit Herrn von Leskow befreundeten Kommandanten der Siabsfchwadron, von dem wohl auch die Erlaubnis für die Bequartierung der Demoiselle leichter zu erreichen war als von dem schnauzenden Rauhbein im Lager. Auch würde das Fräulein im Dorfe noch am ehesten dem lästigen Anstarren und Ge- gaffe entgehen. _... So war es wirklich da und dort nur eine kleine Gruppe von Offizieren oder Mannschaften, die dem Schwadronswagen der Puttkamer- Husaren erstaunt nachsah, als er um die Schloßinauer auf den Marktplatz einbog. Zu Leskows Verwunderung herrschte auf dem Platze, der sonst in so respektvoller Stille vor den Fenstern des Königs lag, daß man das Schreiten der Posten und das Plätschern des Dorfbrunnens zu hören vermochte, heute ein lärmendes Treiben. Sogar Tanzmusik klang drüben vom Gasthause her, aus der das leife Wehen des Abendwindes einstweilen freilich nur das Hebrumm einer Kniegeige hob. Leutnant von Leskow lachte und deutete nach dem Violakasten auf dem Sitze gegenüber dem Fräulein: „Bekommt die Derpoiselle da nicht ordentlich Lust? Ich könnt's verstehen. Geige spielt der kleine Leskow nämlich och. Nicht mal so schlecht. Uebrigens so vergnügt geht es bei uns sonst nicht zu. Aber der König scheint nicht in Schmirschitz zu sein. Da haben die Mäuse wohl Kirtag." Er warf einen Blick über den Brückenbogen, der sich über einen Wassergraben zum Schlosse schwang Die beiden Grenadiere am Schlohtore ^^Der Wirtsgarten, vor dem dann der Wagen hielt, war bis zum letzten Platze mit Soldaten gefüllt. Selbst auf dem Zaune und auf den Bäumen saßen noch welche. Der Leutnant bot der Demoiselle den Arm, weil sie den Garten durchqueren mußten, um zur Tür des Gasthofs zu kommen. Die Musik spielte. Aus einem freien Platze zwischen den Tischen tanzten und spranaen Soldaten mit Schmirschitzer Mädeln oder auch miteinandir, weil es an Weibsleuten fehlte. Herr von Leskow drängte sich mit der Demoiselle zwischen Tanzplatz und Tischen durch. Unter dem schwarz- grünen Laubwerk der Kastanien war es schon dunkel. Nur da und dort hob ein Windlicht ein Gesicht aus dem Schatten. Auch über das Podium neben der Gasthoftür, auf dem die Musikanten — em Geiger, ein Cellist und ein Flötenspieler — hinter ihren Pulten faßen, huschte, lange Schatten auf die Hausmauer werfend, hin und wieder nn fladernber Schein. Gerade als der Leutnant und die Demoifelle dem Wirbel der Tanzenden glücklich entronnen waren und zwischen den T'^en derTurezutreben, siel das volle Licht einer Ampel auf den rundlichen Schädel des Cellisten, der, das Notenblatt wendend, über blitzende Brillengläser hinter feinem Mi^einem weisen Ausfchrei griff die List nach dem 21rme bes ßeut. nants- „Iessas, der Wimmer!" Und wußte wohl selber noch nicht, worüber sie erstaunter sein solle: daß Wimmer in Schmirschitz war ober bet Regens, chori von Sankt Stephan Tanzmusik spielte. Seinen Jähzorn hatte Aloisius Brand diesmal zu unrecht gesürchtet. Mit seiner Meinung hatte er nicht.recht gehabt, daß es geratener wäre, Wimmer wäre dabei, wenn er seine Tochter wiedersahe. Denn dieses Wiedersehen war ohne Trübung und Vorwurf verlausen Mag sein, weil Brand bei der ersten Begrüßung gar nicht die Zeit hatte, seinen Zorn zum Ausbruch kommen zu lassen, da er doch mit dem Regenschori und dem Schullehrer von Schmirschitz gleich wieder zum Tanze ausspielen mußte. Vielleicht, weil Brands nur selten beständige Wut mit den fröhlichen Weisen des' Spiels diesmal noch flüchtiger als fönst zu den Sternen entschwebte. Vielleicht auch nur einfach deshalb, weil er, als die List ihm so plötzlich in den Armen lag, froh war, sie wieder zu haben, und die Freude darüber alles andere aus seinem Herzen verdrängte. Die Sorgen kamen erst wieder, als seine Tochter schon am nächsten Morgen darauf bestand, nun nicht einfach nach Wien zurückzukehren, sondern zu dritt zum Herzog von Braunschweig zu fahren. Warum sie das wollte, obgleich der Leutnant von Rabenau wieder gesund war, erfuhr Brand erst nach Tagen. An einem Vormittage, als er mit ihr in der Allee zwischen dem Schlosse und der Wiener Heerstraße aus- und nieberging, erzählte ihm die Lisi, wie alles gekommen sei, warum sie den Kirndorfer nicht nehmen und vom Leutnant nicht lassen wolle, und um was \>» den Herzog von Braunschweig zu bitten gedenke. Als sie geendet hatte, blieb er stehen, schüttelte sorgenvoll den Kops und zog sie an sich: „Lisi, was wird die Kaiserin sagen?" Aber bann strich er boch bis zum Abend allein über die Wiesen und Felder und dachte nach, wie er es zuwege bringen sollte, der List die Erlaubnis zu erwirken, zum Braunschweiger Herzog zu sahren. Denn auch dem Leutnant von Leskow schien bas nicht zu gelingen. Daß ohne Erlaubnis bes Königs Fremde die Festung Schweidnitz nicht betreten dürften, hatte sich Leskow gleich gedacht. Aber er hatte nicht geglaubt, daß es so schwer sein werde, auch nur darum anzusuchen. Bisher war es ihm nicht einmal gelungen, einen der Adjutanten des Königs zu sprechen. Das Schmirschitzer Schloß war leer. Selbst die Stabsschwadron war ausgerückt. Man wußte, daß die leichten Völker des kaiserlichen Generals von Laudon plötzlich in Eilmärschen in weitem Bogen hinter dem Rücken der Armee des Marschalls.Daun nach Norden abmarschiert waren. Wo sie aber blieben, ahnte man nicht. Erst hatte man Laudons Korps bei Domstadt in den schlesischen Straßen vermutet. Ungarische Husaren und Pan- buren waren dort gesehen worden. Aber nun waren die Wälder und Schluchten im Gebirge wieder leer. Daun selber rückte immer näher an Olmütz heran. Für den König galt es, die Festung zu nehmen, ehe die dicke Exzellenz die Entsatzschlacht wagte. Selbst Herr von Marschall mit seinem Eisenfchädel würbe Olmütz nicht mehr halten können, wenn noch ein letzter Feuerorkan über bie zertrümmerten Batterien, über bie zu- sammengesunkenen Wälle unb Basteien fegte. Aber nach den vielen Wochen ber Belagerung waren Munition unb Proviant im preußischen Lager knapp geworben. Auf Befehl bes Königs waren in Troppau viertausend Magen mit Pulver, Stückkugeln unb Proviant beloben worben. General van Zielen batte Order erhalten, diesen Wagenzug mit einer Reiterbrigade und etlichen Bataillons in Troppau abzuholen und über das Gebirge nach Schmirfchitz zu geleiten. Viertausend Wagen bedeuteten eine Kolonne von einer Tagreise Länge. Ader der König mußte es wagen, wollte er nicht noch in letzter Stunde die Belagerung aufheben. Unb wenn es gelang, war Olmütz verloren unb Daun bazu. Der burch bas Belagerungskorps verstärkten Armee bes Königs würbe ber Marschall nicht stanbhalten. Unb zu gelingen schien es. Der König hatte Melbung, baß Zielen mit dem Wagenzug unangefochten über bas Gebirge gekommen sei, er hoffe, in zwei Tagen im Lager zu sein. Friebrich kehrte nach Schmirschitz zurück. Seit bem Nachmittage ftanben roieber bie beiben Erenabiere wie Bildsäulen vor bem Schlohtor. Friebrich arbeitete bis zum späten Nachmittage. Dann ging er, nur von einem Abjulanlen begleitet, zum Lager hinauf. Seit Tagen hatte man ihn bort nicht gesehen. Als er zu einer Gruppe Husaren trat, benützte ber kleine Leskow bie Gelegenheit, mit bem Begleiter bes Königs zu sprechen. Der Adjutant hörte ihn an. Dann lachte er: „Eine Audienz?! Leskow, wo denken Sie hin? Der König hat jetzt andere Sorgen, als diese' Leute aus Wien zu empfangen und ihnen einen Paffeport für Schweidnitz auszustellen. Damit kann ich bem König jetzt nicht kommen." Leskow gab nicht nach: „Ich wüßte schon einen Weg. Der König liebt boch bas Drgelfpiel, unb ein Domkantor von Sankt Stephan versteht sich wohl ä merveille daraus —" „Ach so! Sie meinen, baß man den König auf dem Umweg über bas Orgelspiel für bie Sache interessieren könnte ... Zu anberen Zeilen vielleicht. Aber im Augenblick nicht —" (Fortsetzung folgt.) I HIN 6 I IMcjeltäl. t »em D I leit taufen Änis n I :uj|tft'n tie I WO« | ment »es ■ f, hie 3 iiämpfen k ! >iie uni :.ion ihnen hin ur i art. toei nannten in :e!eg mente ! MMch Inert n ihn rpente iitiget un irngter P Ihn jen j lm Ungli I Vergebens xug.’ln oi I!« ZU he M i nom Fori, I M Fried! I fixierte iir ;ufj M I Wh (eine Ate ihm iltierbeiioe i 3m fo 'fnmmen mten Sol 'irt ein fy I |UR ben f ~ w be|on leim i'ob hino chÄnf *nijeit iftmte, t - IBeridjter wtag , ‘ G°n, ei: ™en nei K" Mn na Wer» 'W Ro: killten? 5 .. lin be ■Wrt. ” hond .. Mu !*pOt| .l.'N * sech- - ft- »e- li ”a,,e b $'nen i *»is i-ir ft;1? bet jtj. oott tum Hi|t ‘tkit lein, 'bei iten, ikn, neu !eut, übet Zn der Frühe. Von Eduard Mörike. Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir, Dort gehet schon der Tag herfür An meinem Kammerfenster. Es wühlet mein verstörter Sinn Noch zwischen Zweifeln her und hin Und schaffet Nachtgespenster. — Aengste, quäle Dich nicht länger, meine Seele! Freu dich! Schon sind da und dorten Morgenglocken wach geworden. lens. ht-i km Sommer des Jahres 1720 bezieht das 150. Regiment Seiner ■eubt i uni 5 m Pa» hstei hm, mar, hr in uni ! brr ) Ulti end« Oie Wache der toten Soldaten. Eine Erzählung aus der Geschichte Brilisch-Jndiens. Von Oskar G. F o erster.- ilfl tehtß der M en111 Loch«' &91' l nundertsünfundvierzig Jahr« später wurden das Fort und der aus«' (stliaiensriedhof von Azimpore zum Schauplatz einer seltsamen Be- le* i Einheit, die man als eine guterfundene Gespenstergeschichte abtun iriflw i äiiitte, wenn sie nicht von glaubwürdigen Augenzeugen und amtlichen |eM rechten bestätigt worden wäre. Im Juli 1857 lag eine kleine Be- f einig von 300 Mann unter Oberst Prendergast in dem Fort. Mir ogrei|i SSai, einer der einflußreichsten und tapfersten Fürsten Hindostans, hatte setz!« einer neuen Aufruhr entfacht. Mit einer Armee von fünftausend Krie- c tetr, zog er gegen die britischen Garnisonen. Fort Azimpore, am wei- tärtW testen nach Norden vorgeschoben, war am meisten gefährdet. Die Auf- eltngt« röter waren mit modernen Gewehren bewaffnet und fanatisch in ihrem genOKonnte Oberst Prendergast mit seiner kleinen Schar das Fort 'Tagt: lialhm? Di« Pallisaden waren halb verfallen, die Kanonen unbrauchbar. » bi« 5ti der Nacht zum 19. Juli erwartete der Oberst den Sturm auf sein n tgt Was in dieser merkwürdigen Nacht geschah, läßt sich am besten in« Hand der Meldungen und Berichte erzählen. * F'Juü Meldung des Kgl. Brit. Obersten Henry Prendergast an das Ober- ? lllimnanbo in Delhi, betreffend die Ereignisse beim Sturm auf Fort ds"» ! !t mpore, 19. Juli 1857. v" Hü6'! ,Am Nachmittag des 19. Juli kehrte Generalstabskapitän Endcrby , - mit sechs Soldaten von einem Erkundnngsgang ins Fort zurück. Sie IÄ i mt n drei Meilen nach Norden durch das Dschungel gegangen und jen= e “’j I lle des Flusses auf das Lager Mir Khans gestoßen. ih5ch ließ sofort die gesamt« Mannschaft unters Gewehr treten und die !,|®M'e besetzen. Patrouillen wurden ausgesandt. Dann hielt ich mit i innen Offizieren Kriegsrat. Wir waren entschlossen, befehlsgemäß das i?tn bis zum letzten Mann zu halten. . Koch am Abend meldete sich Leutnant Adderly vom 150. Regiment !>e: mir. Der Leutnant brachte uns die Meldung, daß sein Regiment ubmarschiert sei, um uns zu entsetzen, und gegen Morgen eintreffen mbe. Während wir noch die militärische Lage besprachen, eilten unsere läri, iejes —........ — —, weil Mestät des Königs von England die kleine Garnison Azimpore im tJotn tjniern Hindosians. Die Soldaten des 150. Regiments kennen sehr wohl dem ilie itausendsochen Gefahren ihres Postens. Aber sie fürchten weder ußie Md-nis noch Ueberfall. Nicht umsonst tragen sie auf den roten Uniform« idjeii i»d n die breite Schärpe, die sie unter Marlborough im spanischen ent, -s^ug erwarben. Diese Schärpe kennzeichnet sie als das tapserste Regi- m |n IM des englischen Heeres. „ ,2i« Jalwallahs (Schärpentrager) sind Teufel, mit denen niemand iliiufen kann!" sagen die Hindus. „Bvahnra hat ihre Leiber gegen '.ist e und Kugeln geschützt, und die Seelen der Tiger haben Besitz iioji ihnen genommen." bin und wieder kamen eingeborene Händler und Bauerns in das tioi. Aber sie betrachteten scheu die roten Schärpen der Soldaten und tun ten in wahnwitziger Angst in das Dschungel zurück, sobald der alte Ktegmentshornist MacGrath das Signal des 150. Regiments blies. lMGrath war ein hühnenhafier Irländer von gewaltiger Körperkraft, (»eit narbenbedecktes Gesicht war abschreckend häßlich, und die Hindus Mieten ihn für einen bösen Zauberer und den gefährlichsten aller „roten Ldchi rpenteufel". Doch war der Hornist tatsächlich ein humorvoller und tliitnütiger Mann im Kreise seiner Kameraden, dabei aber ein tapferer (Sei! at und in hundert Schlachten und Gefechten ein Barbild unbe.- büngier Pflichttreue. En jenem Sommer 1720, kurz nach der Ankunft in Azimpore, brach i auch tjlit Unglück über das tapfere Regiment herein. Di« Cholera brach aus. Hu ebens mühte sich der Wundarzt zu Helsen — er vermochte wohl ’ibnti te In aus verwundeten Soldatenkörpern herauszuschneiden und Wun- mchidieuzu heilen, aber gegen diese Seuche besaß er keine Waffe. Weit über die Hülste der Soldaten erlagen der Cholera. Westlich gs jii nmr Fort, unter den mächtigen Regenbäumen und Opuntien, entstand abrm ( i Friedhof für die toten Kameraden. Der Rest des Regiments mar- j bie te im Juli nach Jngradar. In der Nacht vor dem Abmarsch starb < ud) McGrath. Er hörte noch die Kommandos der Offiziere und griff k.. mat feinem Horn, um zum Sammeln zu blasen. Aber die Lunge ver-. --- des n/s. Agil ihm den Dienst, das Horn entfiel den kraftlosen Händen Wkibenden. « , {m folgenden Jahre zogen englische Soldaten eine Mauer um den < inj. men Friedhof von Azimpore und errichteten Grabsteine für die r u teile- Soldaten. Auf dem weißen Stein auf MacGraths Grab gruben !et v.. f e uin Horn und einen Totenkopf ein, und die Hindus, die ab und zu vc ’ cir |»en stillen Ort tarnen, mieden das Gräberfeld ängstlich und wichen mit besonderer Furcht dem Grabe des Hornisten aus, weil sie meinten, f n°- dätz (eine geheimnisvolle Zaubermacht auch über feinen körperlichen l,e 3" ß» hinaus wirksam geblieben sei ... Patrouillen und Vorposten ins Fort zurück und berichteten, daß dr» Feind heranmarschier«. Meine Offiziere und ich traten auf den i)»| hinaus und di« Soldaten stellten sich auf ihre Plätze hinter de» Wällen ..." * l Aus dem Tagebuch des Stabskapitän» Enderby: „... Es war eine heiße, stockdunkle Nacht. Der Tag war (ehr schwül gewesen, und nun zog ein Gewitter herauf, während wir an den Walley standen und den Feind erwarteten. Dann zuckten die ersten Blitze auf« für Sekunden zerrissen sie die Finsternis mit ihrem grellen Schimmer, dumpf grollte der Donner hinterdrein. Wir schwiegen und horchten mH angespannten Sinnen ins nächtige Dschungel hinaus. Neben mir stand Leutnant Adderly vorn 150. Regiment, im Scheiy der Blitz« leuchtete die Helle rote Schärpe auf feiner Schulter. Glauben Sie, daß Ihr Regiment nach zurechtkommt, um uns ztt retten? fragte ich ihn — „Es kann vor drei Uhr morgens nicht hiek fein, Sir!" entgegnete er ruhig. „Es find fast fünfzig Meilen bi» Jngradar. Wir muffen eben so lange aushalten. Oder sterben .. " Ein Blitz erhellte die Nacht, und ich sah, wie Leutnant Adders ernst zu den weihen Mauern des alten Friedhofes vor dem Fort hiw» Übersah. In diesem Augenblick suhren wir alle zusammen. Denn in den Donner des Gewitters mischten sich plötzlich Gewehrschüsse. Ansangs waren es nur wenige, dann aber rollten ganze Salven durch die Nacht. „Sie stürmen den alten Friedhof", rief der Oberst. „Vermutlich halten sie ihn für besetzt!" „Still!" rief der Leutnant, „hören Sie doch! Das Signal!" „Was für ein Signal, zum Teufel?" fragte Oberst Prendergast. „Das Signal des 150. Regiments!" rief Adderly. „Das Regiment aus Jngradar ist da! Am Friedhof ertönte fein Signal!" „Unmöglich!" sagte der Oberst, „sie können noch nicht hier sein!" • Wir horchten in die Nacht hinaus. Wahrhastig — jetzt vernahm ich es auch, ein weithin hörbares Horn- signal. Der Oberst meinte zwar zunächst, es sei das Trompeten eines Elefanten. Aber als es nun zwischen Gewitterdonner und Schüssen zum dritten Male ertönte, war auch er überzeugt. Mit ihm alle unsere Leute. „Sie kämpsen schon mit den Indern!" rief der Leutnant. „Hört ihr den Kampflärm?" Ja, wir hörten ihn. Deutlich vernahmen wir das Toben eines wütenden Feuergefechtes. Hüben und drüben peitschten die Schüsse durch die Nacht. Aber schon nach wenigen Minuten fielen nur noch vereinzelte Schüsse, dann wurde es still. Unheimlich still. Auch das Gewitter war vorüber, und der Mond kam hinter den Wolken hervor. „Leutnant Adderly!" befahl der Oberst, „gehen Sie mit zwanzig Mann zum Friedhof hinüber und empfangen Sie das Regiment!" Der Leutnant salutierte und verließ mit seinen Soldaten das Fort. Eine halbe Stunde verging. Es war eine unheimliche Situation. Das Regiment versolgt wahrscheinlich die fliehenden Inder, meinte ich. „Aber man hätte dann wenigstens einen Melder zu uns gesandt!" erwidert der Oberst. „Und wo bleibt Adderly? Es sind kaum tausend Fuß bis zum Friedhof!" In diesem Augenblich kehrte Adderly endlich zurück. Er war seltsam erregt, und fein« Leute führten einen Gefangenen mit sich. Zwei Soldaten trugen außerdem einen Inder in goldgestickter Uniform herein. Er war tot. „Es ist Mir Khan!" meldete der Leutnant. Meldung des Leutnants Adderly, ausgezeichnet vom Regiments» fchreiber: ,^zch kam mit meinen Soldaten an den alten Friedhof, ohne auf dem Wege dorthin auch nur das leiseste Geräusch zu vernehmen. Der Mond schien auf die weißen Mauern und di« Grabsteine leuchteten hell über den dunklen Grabhügeln. Wir sahen uns überall um, aber wir fanden nicht einen Angehörigen meines Regiments. Dagegen war der Boden ringsum mit fortgeworfenen Waffen befüt. Weder ein Toter, noch ein Verwundeter zeugte von dem. wilden Kampf, den wir kurz vorher ver- nomrnen hatten. Die Grabsteine und Mauern weifen allerdings, soviel wir im Mondlicht erkennen konnten, zahllose Einschläge auf. Beim Abstreifen der näheren Umgebung fanden wir zwei Manner. Sie lagen vor dem eisernen Tore des Friedhofes. Der eine war tot, der andere erwacht« aus feiner Bewußtlosigkeit, als wir ihn rüttelten. Er war noch fast außer sich vor Furcht und erklärt«, der Tote fei der Fürst Mir Khan. Wir brachten beide hierher. Meine Leute find mutige Soldaten aber auch sie vermochten das Grauen kaum zu überwinden, das sie hier packte, als sie den Kampfplatz völlig still und verlassen fanden ..." * Aus der Meldung des Obersten Prendergast: „Uns allen war das Ganze unerklärlich. Ich beschloß darum, zunächst den gefangenen Hindu zu verhören, der fließend englisch sprach. Er machte folgende Ausfage: „ . „Sahib, Mir Khan und seine Krieger wollten Euch überfallen und das.' Fort dem Erdboden gleichmaßen. Wir gelangten an den Garten der Toten, von dem es heißt, daß er feit vielen Jahren verzaubert fei und wollten über feine Mauern steigen, um eine Deckung gegen eure Kugeln zu haben. Mir Khan führte uns gegen den Garten, und weil er nicht wußte, ob der Friedhof besetzt war, befahl er uns, unsere Gewehre in das Gräberfeld abzuschießen. Wir taten es, aber unsere Schüsse wurden sogleich beantwortet. Wir schossen ganz« Salven ab, die in gleicher Weise erwidert wurden. Plötzlich zerriß ein langer, greller Blitzschein die Dunkelheit und da sahen wir hinter den Mauern des Garten viele weiße Soldaten in roten Röcken und mit breiten Schärpen, wie sie der Sahib dort trägt." — Hier wies der Gefangene zitternd auf Adderly, der Die Ehrenschärpe des 150. Regiments trug. — „Dicht an der eisernen Pforte aber stand ein riesiger alter Soldat mit einem sehr häßlichen Pesicht voller Narben, er hielt em »orn in der Hand und blies darauf. Da faßte uns alle das Entsetzen, | denn wir wußten, daß diese Uniformen von den Engländern seit langem nicht mehr getragen werden. Es waren die toten Soldaten, Sahib, die aus den Gräbern aufgestanden waren und nun gegen uns kämpften. Gegen die Geister aber waren wir machtlos. Wir alle warfen unsere Waffen fort und flohen vor dem Zeichen der Götter, ich selbst verlor die Besinnung vor Schrecken. Ms ich erwachte, lag Mir Khan tot neben mir ..." Aus dem Tagebuch des Kapitäns Enderby: „Ich werde diese Nacht und ihre Rätsel nie vergessen. Kaum hatten wir die seltsame Erzählung des Gefangenen angehört, da erschien der Wundarzt, er hatte inzwischen Mir Khan untersucht, und erklärte verwundert, er habe nicht die geringste Verletzung an dem Körper des Toten feststellen können. Er könne nur unter der Wirkung ungeheurer Furcht einen Herzschlag erlitten haben. Am folgenden Tage gingen wir Offiziere auf den alten Friedhof und machten dabei eine seltsame Entdeckung: Jedes Wort, das der Oberst, der an der Eisenpforte stand, sprach, war an der hinteren Mauer deutlich zu verstehen, und als er einen Pistolenschuß abfeuerte, sandte ein Echo ihm sogleich einen zurück. Es war also das Echo der Schüsse gewesen, das die Ausrührer in der Nacht genarrt hatte. Als wir am zweiten Tage mit den Hundertfünfzigern ausbrachen, um das Heer Mir Khans zu verfolgen und zu zerstreuen, ritt der Oberst mit uns noch eiymal an dem alten Friedhof vorüber. Am Grabe MacGrachs legte er die Hand an die Mütze und wir folgten seinem Beispiel." Hebbels .Nibelungen" und die Gegenwart. Von Friedrich Schreyvogl. Im Spielplan der deutschen Theater für 1938/39 nimmt Hebbel einen bedeutsamen Plätz ein. Besonders seine „Nibe-» lungen", meist für einen Abend zusammengezogen, erfahren immer wieder neue Aufführungen im ganzen deutschen Sprachgebiet In Hebbels Nachlaß findet sich eine Vorrede zu seinen „Nibelungen". Er setzt sich darin mit der Literatur über das Nibelungenlied auseinander, die schon, als er seine Trilogie schrieb, die Geister bewegte. Er wehrt sich dagegen, daß vieles in das Gedicht hineingelegt und aus ihm herausgsdeutst" wird, das weniger dem Werk und seinem Gegenstand als der Phantasie der Ausleger und Deuter entwächst. Man muß also auch vorsichtig sein, wenn man über Hebbels „Nibelungen" spricht. Er selbst hat uns gewarnt. Aber auch die Warnung eines Dichters kann nicht hindern, daß sich der Einblick in fein Werk und Einschätzung feiner Werte von Geschlecht zu Geschlecht wandelt. Wenn ein großer Bau — eine Kirche, ein Theater, «in Denkmal — auf einem Platz aufgerichtet wurde, auf dem ihn Hauser vor allen Seiten einschließen, so ändert sich wohl nichts vom Grundriß und den Linien des Bauwerks, auch wenn später die engenden Hauser von allen Seiten einschließen, so ändert sich wohl nichts vom die Menschen das Bauwerk anders als vorher, freier und vollkommener. Darum wird in allen Zeiten, in denen Vergängliches stürzt, Enges und Kleines zu Fall gebracht wird, das Große und Bleibende neu erschaut und verstanden werden. Die neue Raumordnung kommt auch dem Sein, nicht nur dem Werden zustatten. Auch eine alte Gestalt gewinnt im neuen Licht eine neue Bedeutung. So steht es auch mit Hebbel. Er gewinnt dreifach, wenn man seine „Nibelungen" heute spielt. Einmal, weil man deutlicher als jemals früher begreift, was die Wirkung eines Dichters auf das Gemüt des Volkes begründet, zum zweiten, weil die Gestalten des Nibelungenliedes aus jener zeitlosen Tiefe steigen, die heute für das ganze deutsche Volkstum freigelegt und fruchtbar gemacht ist, zum dritten, weil in unserer dramatischen Zeit die Menschen wieder dem Geist des Dramas, das unerbittlich die Gegensätze austrägt, innerlich zugeneigt sind. Wer erlebt hat, daß die Völker ihr Schicksal erfüllen müssen, ohne daß je eine dauernde Täuschung auf dem Welttheater glückt, der gibt auch, wenn sie von der Bühne herab fprechen, lieber dem Tragiker als dem Theatraliker recht, der über die Konflikte hinwegspielt, statt sie zu unterscheiden. Die harte Wurzel, aus der nach unablässiger Gärtnerarbeit des Denkers und Sprachgestalters schließlich jede Dichtung Hebbels wächst, ist der Widerstreit, in der ein einzelner zu den Notwendigkeiten des allgemeinen, also des höheren Lebens gerät. Das Gesetz aller vernichtet den einzelnen, der sich gegen seine Ordnung vergeht, es erhebt ihn aber zugleich zu moralischer Größe, wenn er sich erkennend dem Schicksal unterwirft und, ein siegender Besiegter, gerade dadurch zu seinem Herrn wird. Die „moderne Seelenkunde" hat Hebbel oft als einen Vorläufer ihrer alles zergliedernden Menschendeutung in Anspruch genommen. Die Gründlichkeit, mit der Hebbel das Seelenleben seiner Helden in die liefe verfolgt und den Schauplatz in einem ungewöhnlichen Maß von der äußeren Szene in das Innere der Gestalten verlegt, die Art, wie er hier Schuld und Wunsch bis ins kleinste ausmalt, schien denen recht zu geben, die ihn im Gleichklang zu einer eigensüchtigen Zeit als individualistischen Dichter sehen wollten. Das ist grundfalsch. Denn die dramatische Spannung bei Hebbel kommt nicht allein aus der Formung und Färbung des Ich in feinen Figuren, sie kommt aus dem Gegensatz, in den das so anschaulich beschworene Ich zu dem wichtigeren, herrschenden Wir gerät. Nur das strenge, leidenschaftliche und unbedingte Bekenntnis zu einem Gesetz der Gemeinschaft gibt den Hebdelfchen Konflikten ihre tragische Wucht und macht erst aus tiefen Charakterstudien wirksame dramatische Helden. Die Gemeinschaftsidee in den Hebdelfchen Dramen war anderen Zeiten, einfach weil sie sich den Blick auf die gemeinsame Wurzel aller Einzelschicksale so vielfach verbauten, nicht in gleicher Art sichtbar wh uns. Wir finden darum nicht etwa einen neuen Hebbel, aber den ganzen, wo man früher oft nur einen halben sah, und wenn wir „Mari« Magdalena", „Gyges und fein Ring" oder die /.Agnes Bernauerin" auf dar Bühne erleben, so empfinden wir den Zusammenstoß von Leidenschaft und Wunsch des einzelnen mit den unerbittlichen Forderungen ber Gemeinschaft nicht nur als ein Beispiel des wahrhaft Tragischen, bas uns überaus gegenwärtig anmutet, auch als den tiefsten, den wahrhaft bewegenden Ton Hebbels und den Kern dichterischer Wirkung überhaupt Nicht minder bedeutsam für eine starke Wirkung in unserer Zeit ist der Wandel, den die Betrachtung des Nibelungenstoffes an sich erfahren hat. Noch im Jahre 1861, als feine Trilogie das erstemal von Dingel- ft e dt in Weimar zur Ausführung gebracht wurde, schrieb Hebbel gegen dl« „Nebelregion", in der „Gestalten in Allegorien umschlagen unb Zaubermittel an die Stelle allgemein gültiger Motive treten." Heute wissen wir, daß es sich bei den verschiedenen Fassungen des Nibelungenstoffes nicht um beliebig-beiläufige Allegorien handelt. Wir wissen, daß im Norden, in dem die Siegfriedsage ihre Heimat hat, dem fchöpferischen Geist, der unserem Erdteil seine reinste Kulturgestalt gegeben hat, die Flügel gewachsen sind. Das neue Deutschland hat uns in jedem Sinn auf die Wurzel zurückgewiesen, nicht nur die Sippen und Völker werden ihrer Ahnen bewußt, auch die Vorstellungen von Mensch und Welt. Wir wissen heute, daß in den germanischen Anschauungen von Sein und Werden, von Leben und Tod, vom Schicksal und seiner Meisterung der Grundton zu hören ist, nach dem sich das Schicksalslied der großen Völker in der Geschichte fügt. Noch in naher Vergangenheit wurde es als eine Art seelischer Kraftmeierei angesehen, wenn Deutsche unter Berufung auf die großen germanischen Grund vorstellungen von Leben und Lebensgestaltung den friedensseligen un) glückshungrigen Hoffnungen auf eine kampflose Weltzukunft entgegentraten. Längst wissen wir, daß die Schwachen, die den Kampf als Vater der Dinge und das Schicksal als den Gott der Welt verdrängen wollten, in Wahrheit die Träumer und die Betrogenen waren, und daß nur wer nach unabänderlichem und hartem Gesetz durch opfervollen Kampf und fordernde Kraft die Welt gestaltet sieht, die Wirklichkeit erkennt und meistert. i Damit hat auch vieles, was früher einmal blaß und zeitfremd schien, bi» Kraft eines unmittelbar wirksamen Symbols gewonnen. Daß jeder das Gesetz erfüllen muß, nach dem er angetreten, irrt und sühnt, wie es uns aus der gewaltigen Ballade von Brünhilde, Gunther, Kriemhild«, Siegfried und Hagen entgegentritt, das wird heute von uns anders und wohl auch richtiger verstanden als in der Vergangenheit. Die prunkenden Einzelheiten eines Romanes von Glück, Liebe, Leid und Rache in romantischer Ritterzeit werden heute von der allgemeinen, der völkischen Bedeutung des Nibelungenthemas überstrahlt. Heute ergreift und die Gestalt Hagens neu, wir ernennen feinen Plan, nach dem er btt große Probe herbeiführt und mit den Burgundern zu Attila zieht, um ihn, wenn schon nicht zu überwinden, so doch ins Herz zu treffen und damit für die Zukunft ohnmächtig zu .machen. Der Entschluß her Burgunder, für die Treue alles zu wagen, für ein Ungreifbares, bas doch unlösbarer Teil des wahrsten, eigenen Wesens ist, das Leben zu opfern und alles äußere Glück preiszugeben, biefe beispielhafte Verklärung unserer geheimsten Kraft scheint uns heute vor allem zu begründen, daß wir das Nibelungenlied als unsere große Nationaldichtung lieben. Daß der innere Sieg schließlich nicht nur die heldische Unsterblichkeit, sondern auch die Herrschaft über die Welt herbeiführt, daß die Freiheit von Todesfurcht in allen äußeren Gefahren zugleich die befte Kraft gibt, sie zu überwinden, daß man ein Volk in feinem Herzen groß und kühn machen muß, damit sich seine äußere Macht groß und kühn entfaltet, das mag im Nibelungenlied auch in Allegorien stecken, aber wer sie erkennt, dem sind sie Wahrheiten des Lebens und der Gegenwart. Nun wissen wir auch richtig, wogegen sich Hebbel verwahrte, nicht etwa gegen eine allgemeine Deutung des Nibelungenliedes dieser Art Er wollte nur nicht auch noch mit seiner Dichtung in das Zwielicht treten, das zu seiner Zelt über der deutschen und germanischen Vergangenheit lag. Er kann heute in keinem Vorwort und in keinem Nachwort mehr zu der neuen Zeit sprechen. Aber sein Werk hören wir doch heute und finden in ihm sehr deutlich den entscheidenden Gleich- tlang. Auch das Wesen der Nibelungensage, wie wir sie heute sehen, entspricht in allem dem Gesetz, nach dem der Dramatiker Hebbel sich entfaltet hat. Die Forschung der Geschichtswissenschaft deckt immer klarer auf, baj) die schöpferische Kraft der griechischen Kultur aus dem Norden stammt Daher kommt es auch, daß der Glaube an die Macht des Schicksals, dem alle unterworfen find, des Schicksals, das menschliche Größe nur dem zumeist, der das Unabänderliche mit Würbe erfüllt, in gleicher Weift die germanifche Weltbetrachtung wie das griechische Drama beseelt: bas Nibelungenlied steht so mit Euripides und Sophokles in geistiger Verwandtschaft. Nicht mit Unrecht gilt das gleiche Wort für die Träger großer Rollen auf der Bühne wie im Leben: der Held ist es, du und dort. Hebbel stellt Helden auf die Bühne, darum ist er ein Dramatiker. Die Nibelunzenfage fiihrt uns Helden als Beispiele und Sinnbild unseres Daseins vor, darum hat sie bas große Nationalgebicht der Deutschen erweckt. Darum konnte aber auch der Dramatiker Hebbel als ein Wesensgleicher das Heldenlied der Nibelungen gestalten. Wir wiederum wünschen heute eine im reinsten Sinn heldische Gestaltung unserer Zeit und wissen, daß sie nur auf einem dramatischen Weg zu finden sein wird, das heißt in unerbittlicher Austragung der Gegensätze. So stimmen wir heute besser als je zusammen: die Nibelungen, Hebbel und wir. Und jede Aufführung feines Werkes ist nicht nur eine Verbeugung vor der Literaturgeschichte, sondern auch ein lebendiges Wort in die Zeit. 1 Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlfche UniversitätSdruckerei R.Lange, Gießen. Dann 4 tour I „Geht1 Limidnis Hiin sie d , Mon „tot mriM'ich e|!fangenci m ßesfoi Mit di- «mdmad i: |idj (or$ UM) hinzu Mieren! stifte der i (i-tn die 5 Als de i-n leere ittjohlen Bl Schld iiütjcn de ’ffiimni >«z°g o negenschc mu .. .* „Aber ' .„Dos DerK ich is,« iuotier hei Jffiitnn hth um: ti-irt sch», litt. @i' tnoinme $ Wen n "kschöst - J -3«,1 «troll Weilend Eine m I j S:r J Ms den W Iiefe w. .ton Lech JM Wn rech Wb a «ei Wen,,