SichenerAmilieiiblötter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger )ahrgang 1939 " Freitag, den 15. Januar Nummer q Der kerZtlmacher von Sankt Stephan Ein heiterer Liebesroman von Alfons o. EZibuika «lopytigljf by I. G. Äotta'lche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart 14. Fortsetzung. Als sie nach Haufe kam, trat gerade das Pförtnerweib des kleinen Palais zwischen der Domkantorei und dem Wachszieherladen aus der Ladentüre. „Wo warst denn?" fragte die Vielgratterin und setzte sich ächzend in ihrem Schmerzenstuhl zurecht. Die Lisl'sah sie an. Was es wohl jetzt wieder geben würde? „In der Stephanskirchen halt", gab sie leise zur Antwort. Aber die Alte nickte nur: „Is recht, Lisi. Geh, richt mir einmal den Polster! ... Du, Liesl, hast du übrigens die große Opferkerzen g'nommen, die da g'hängt is?" Sie zeigte mit dem Stock, mit dessen Hilfe sie sich erhob, wenn Befucher kamen, gegen die Decke. „Ja, ich hab sie der Muttergottes gestiftet, Frau Tant", antwortete Elisabeth Brand verlegen und wurde rot. „Brauchst nicht rot werden, Lisi! Hast schon recht g'habt. Gar nicht oft genug kann man die himmlischen Heerscharen um ihren Beistand bitten. Gar nicht oft g'nug. Weil die Welt gar so schlecht is, Nix wie Zünd und Schänd is ,in der Welt ... Hab i nit wieder einmal recht l'ijabt? Kannst dich noch an den Leutnant erinnern, der allweil vor der Domkantorei g'standen is und die Fenster von der Hartenberg an'gafst hat? Kannst dich erinnern? Sogar eine Rosen hats ihm nunter« Pwarfen, das Mistvieh! .. Was haft denn, Lifl? Ich hab dir doch /sagt, daß du nicht rot werden brauchst wegen der Kerzen ... Und seit Montag steht der Offizier nimmer dort. Weißt, warum?" Das hätte die Lisi ihr schon sagen können. Sie war neugierig, was Me Alte wußte. Sie lachte und fragte: „Na, warum denn, Frau Tant?" „Weil er am Dienstag mit der Hartenberg nach Schlesien ab« fl'reift ist Dienstag und Schlesien? Das hatte doch auch der Hufar gesagt. Um kljsabeth Brand begann sich der Laden zu drehen. Es wurde ihr schwarz m den Augen. Sie mußte sich setzen. Aber die Alte merkte es gar nicht. Sie lieh ihre Zunge gehen und terichtete mit phantasievoller Verbrämung, was ihr die Pförtnersfrau irzählt hatte: „Auf das Schloß von ihrem Vater sind die zwei g'fahren. ('3rat> hat's mir die Brandlmeier g'fagt. Und die muß doch wissen. Der ihr Mann hat doch selber die Koffer aus die Postchaisen g'laden. Die Hartenberg ist zwar schon um zwölf g'fahren und er ist erst auf 1' Nacht g’ritten. Wahrscheinlich wegen dem Dekorum, wie man so sagt, über das merkt ja der Dümmste, daß die zwei miteinand reifen ... üto, hab ich recht g'habt ober nicht, daß ein Luder is? Wann sich eine euch schon beleuchten laßt! .. Aber jetzt heiratens wenigstens, weils doch nach ein bißl an Anstand haben ... Na, was sagst dazu, Lisl?" „Was soll ich denn sagen, Frau Tant?" Langsam ging Elisabeth Prand in ihre Stube hinauf. Das also war der Grund, warum er nicht gekommen war! Die Worte des Matthias Wimmer fielen ihr ein: „Und dann hat er halt doch eine andere g'heirat." In ihr waren alles Glück unb jeder Glaube zerstört. ■ So sinnlos schien ihr das Leben und leer, daß sie kaum hinhörte, als am nächsten Abend der Vater nun doch mit ihr zu reden begann, weil wieder der Kirndorfer bei ihm gewesen war. Teilnahmslos starrte |1e auf den Tisch, als nach dem Abendessen Aloisius Brand ihre Hand ergriff, sie eine Weile nachdenklich streichelte und bann mit gespielter ssrohlichkeit fragte: „Sag einmal, Lisl, hast bu eigentlich darüber nach- dacht, warum wir am Sonntag in Nußdorf waren?" Die Lisl schüttelte kaum merklich den Kopf. Brand lachte: „Geh! Hast denn bu gar nix g’mertt? Der Franzi o»m Kirndorfer will dich doch heiraten." . Sie seufzte. „No, no! Das ist doch noch kein Grund zum Seufzen. Der Kirn- b»rfer Franz!! Das Schlechteste wär das noch nicht ... Und mit dem heiraten wird's bei dir jetzt Zeit. Bist ja wieder ganz burcheinand seit a paar Wochen ... Na. schau mich an! Wie wär's mit dem Franzl?" Sie hob den Kopf. Sie war zu müde, sich zu wehren. Es war ja kd) alles gleich. Sie versuchte ein Lächeln: „Zeit müssens mir halt taffen, Herr Vatter!" Aloisius Brand atmete auf. Es war leichter gewesen, als er sich's ß.'dacht hatte. Wenigstens war es ihm erspart gebtieben, der Lisl zu tagen, daß er für sie schon das Jawort gegeben. Zeit lassen wollte er ihr gern. Da würde der Kirndorfer eben warten müssen. So einfach wie ein Roßhandel war halt das Heiraten nicht. An diesem Abend hat Elisabeth Brand ihre große Liebe begraben. Um acht Uhr morgens wollte sich Rabenau beim Festungskomman« bauten von Olmütz melden. Nach dem Hartenbergschen Schloß in Schlesien war es noch weit Er wollte heute noch drei Viertel des Weges zurücklegen, um morgen noch am Vormittag nach Groß-Jaunitz zu kommen. Der General von Hadik mutzte schon unterwegs sein. Als er aber mit seinen Reitern vor dem Kommando hielt, hörte er, datz der Feldzeugmeister von Marschall seit sechs Uhr morgens im Vorfeld fei.- In der Nacht wären Meldungen gekommen, daß preußische Eskadrons herwärts der Grenze streiften. Patrouillen war man gewöhnt. Das war nichts Besonderes. Auch die leichten Reiter der Kaiserin schwärmten drüben im Preußischen. Aber ganze Schwadronen? Das war seltsam. Herr von Marschall ritt die Außenwerke ab Vor elf würde er nicht zurück fein. Er hatte den ausdrücklichen Befehl hinterlassen, daß der Leutnant auf ihn zu warten habe. Da war nichts zu machen. Vielleicht hing das mit dem Kurier zusammen, der gestern abend in den „Römischen Kaiser" gekommen war. Rabenau befahl: „Gurten Nachlassen!" Dann fetzte er sich vor bas gelbbraune Kommanbo- gebäude auf eine sonnige Bank unter einem noch kahlen Kastanien- baum und wartete. Unterhaltsam war das Warten nicht. Man tarn dabei nur auf dumme Gedanken. Er konnte ja schließlich nicht mit der Torwache schwätzen wie feine Dragoner, die aufgereiht auf einem Schlagbaum sahen, die Zügel ihrer Gäule hielten und ihre Späße trieben. Nachdenklich sah er vor sich hin, beklopfte seine Stiefel mit dem Reitftock oder zeichnete Figuren und Buchstaben in den noch feuchten Sand. Daß das mit dem Mädel so enden mußte! Wenn es -ihnr zu langweilig wurde, ging er die Straße hundert Schritte hinauf und hinunter. Um halb zehn rumpelte eine Postkutsche vorüber, gegen das There- fientor in der Richtung nach Schlesien. Der Postillon blies. Der Vor- reiter ließ die kurze Peitsche knallen.'Rabenau war es, als hätte er hinter den Scheiben die Kleine von gestern erkannt. Da fiel ihm ein, daß er heute morgen den Wirt hatte fragen wollen, wer sie fei. Vielleicht war es eine Dummheit gewesen, daß er gestern nicht galanter war. Er sah der Postkutsche nach, bis sie hinter einem Hause verschwand, unter dessen Erker der heilige Georg einen steinernen Drachen spießte. Endlich kam der Feldzeugmeister von Marschall mit seinem kleinen Stab und saß ab. Als er den Leutnant bemerkte, winkte er ihn heran, nahm ihn unterm Arm und führte ihn durch die Torfahrt in den Garten, in dem die Marschallin, wie man sie nannte, ihre Gemüse pflanzte. Sie hatte nichts dagegen, daß man sie die Marschallin hieß. Es klang nach Feldmarschall. Und im übrigen wußte sie, daß sie nach einmal mit Fug und Recht so genannt werden würde. Wenn sie mit dem Feldzeugmeister auch manchmal herumkommandierte, wie dieser mit der Festungsbesatzung: sie liebte und bewunderte ihn und war von seinen Fähigkeiten überzeugt. Wie übrigens auch Daun und die Kaiserin. Als er mit dem Leutnant den Garten betrat, stand sie gerade in Schürze und Morgenhaube am Küchenfenster. Der Feldzeugmeister aß gern und gut. Darum kochte sie selber. Er winkte ihr zu und bot bann dem Leutnant eine Prise an. Rabenau dankte. Er schnupfe nicht. „Schade! Schnupfen reinigt das Hirn." Der General klappte die Dose zu, nahm den Offizier an einem Knopf seines Waffenrocks, zog ihn zu sich heran und sagte: „Na, schon gehört, daß die Preußen über die Grenze sind? Seid wieder einmal zu spät gekommen in Wien, fürchte ich. Will Ihn nicht lange aufhalten, Leutnant. Und reiten muß Er ja wohl. Obgleich das Alarmieren der Regimenter inzwischen schon der König von Preußen besorgt haben wird. Aber das wollt' ich Ihn bitten und darum habe ich Ihn warten lassen: schick Er mir gleich Meldung, wenn Er was vom Feinde sieht. Fürchte nämlich, daß ich hier auf den Wällen von Olmütz werde einrenken müssen, was die Perücken in Wien verschlafen haben." Er begleitete den Leutnant noch bis zum Tore. Dort blieb er noch einmal stehen und sprach weiter: „Nach den Meldungen, die ich habe, sind feindliche Eskadrons schon auf sechs Stunden von hier gesehen worben. Seh Er zu, daß sie Ihn nicht fangen! Seine Kutiertasche wäre für die Preußen ein Fressey." Rabenau lachte und saß auf: „Mich kriegen sie nicht so leicht, Jhro Exzellenz!" „Verschrei Er's nicht, Er Grasteufel! Mit den Preußen ist nicht zu spaßen." Er zog ein Stück Zucker aus seiner Hosentasche, hielt es dem Fuchsen des Leutnants hin. Dann klopfte er dem Tier den seidigen Hals: „Brillanter Gaul! ... Na, reit Er jetzt! Und mach Er die Augen auf in den Schluchten zwischen Domstadtl unb den schlesischen Bergen!" Rabenau ritt heute scharf. Er mußte sich eilen, wollte er das Dorf Rautzenberg, sein Nachtquartier, noch erreichen. In der Landschaft, die nördlich von Olmütz noch in sanften, flachen Hügelwellen wogt, ehe sie mich denn Leib- Frau fährt allein durch die Nacht?" „Wenn der Herr Leutnant mich allein fahren lassen, wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben." Sie öffnete die Türer „Oder ist der Herr Leutnant heute kein solcher Holzklotz mehr?" Rabenau hob bedauernd die Schultern: „Kaiserlicher Dienst, De- moiselle ..." „Mit eurem ewigen Dienst seid ihr Offiziere ennuyant. Ich fahre heute ohnehin nicht mehr weit. Nur bis Raudenberg." Rabenau überlegte. Eigentlich hatte sie recht. Warum sollte er für diese halbe Stunde nicht in den Wagen steigen, statt durch die Löcher und den Morast der holprigen Straße zu stolpern. Weit und breit war ja doch kein Feind. Er rief seinen Burschen und glitt aus dem Sattel. Als er schon auf dem Wagentritt starrd, befahl er: „Korporal mit zwei Reitern auf hundert Schritt voraus, die anderen hinter die K ’sche!" Er stieg ein, setzte sich und verneigte sich köchelnd: „Mit Per- m'ssia" der Demoiselle: Raudenberg ist nämlich auch mein Nachtquartier." Di« Gäule zogen an. Die Kutsche rumpelte die steile Straß« hinaus. Auf sein Gesicht siel das Mondlicht. Die Demoiselle hatte stch in ihr« Ecke geschmiegt. Sie beobachtete ihn verstohlen. Er hatte ihr schon gestern gefallen Noch ehe sie wußte, wer er war. Die Postkutsche rollte und stampft« wie ein Schiff auf dem Ozean. Rabenau sah die Demoiselle schweigend an. Nach einer Weile fragte sic: „Ist der Herr Leutnant immer so gesprächig?" ,Zch dachte nur darüber nach, wer die Demoiselle wohl sein mag." „Ist das bei Reiseconnaissancen so wichtig?" Sie deutete in die Nacht hinaus: „Eine Fahrt durch mondbeschienenen Wald. Ein gemeinsames Souper vielleicht — und man sieht sich nie wieder. Was sagt da ein Name? — Weiß der Herr Leutnant übrigens, ob man in Räuden- berg übernachten kann? Der Wirt vom „Römischen Kaiser" zeigt« sich heute nicht mehr. Aber der Hausknecht sagte, der „Schiimnel" in Raudenberg fei gut." „Er hat nur ein einziges traitables Zimmer." „Und wo wird, dann der Herr Leutnant schlafen?" „Im Stall vermutlich." „3m Stall? Sie Aermsterl" ,,A la guerre comme ä la guerre, Demoiselle." Dann schwieq er wieder. Sie dachte nach. Waren doch sonst nicht so hölzern, die Herren Offi- ziers! Und vermutlich schon gar nicht, wenn sie in stockfinsterer Nacht mit einer Dam- allein in der Postkutsche fuhren. Sie sah ihn von der Seite an. Ob der Rabenau am Ende schon eine andere liebte? Dann hatte die Kaiserin ihr Billett umsonst geschrieben. Sie fragte unvermittelt: „Ist der Herr Leutnant verliebt?" Denn das mußte sie w'ssen. (Fortsetzung folgt.) aufsteigt zu dem wald- und schluchtenreichen Bergland zwischen Mahren und Schlesien, blieb die Sea.ette noch au^ der Stcage. Hücker D^.n^adrl aber bog sic ab. Die Hohlwege begonnen. Sie waren gefährlich. An die preußischen Schwadronen glaubte Rabenau zwar nicht recht. Aber immerhin- der General hatte recht, die Preußen würden sich freuen, wenn sie ihn fingen Er ließ die Pistolen laden und die Säbel ergreifen. Schnee lag noch aus allen Wegen. Die Pfad« begannen zu steigen. Durch seuchte Talgründe ritten sie, durch Buchen- und Tannenforst, aus dessen Schlägen im Sommer das Blau der Heidelbeeren schimmert und das Rot der Erdbeeren und Preiselbeeren leuchtet aus üppigem Wald- kraut Langsam sanken die Wälder zurück. Weiter und weiter wurde der Blick über das leuchtende Land und das schwarzgrüne Meer der unermeßlichen Forste, aus denen über langgestreckte, rahle Hänge der Atem Gottes rauscht zu den sturmgesegten Hochflächen, wo nur noch Wacholder und Heidekraut wuchern um die von Wurzeln umkrallten Steinblöcke, um verkrüppelte Lärchen oder die bleichen Gerippe blitzgeschälter Bäume. Tief stand schon die Sonne. Heber dem Dunkel der Täler und Wälder, über dem Gold der Ebene und dem Lichtblau der Ferne schwammen die silbernen Häupter des Altvaters, der Hohen Haide und des Gold- fteiner Schneebergs. Eben zogen sie zwischen zwei letzten, gegen die Hohen brandenden Waldzungen über einen von Windbrüchen und Steinblöcken besäten hang, als der Spitzenreiter parierte und das Zeichen „Feind" mit dem über dem Kopf kreisenden Pallasch gab. Langsam heranreitend spähte Rabenau nach dem jenseitigen Waldrand, wo die Wipfel des Jungholzes sich rührten und hin und wieder ein blauer Dreispitz, ein Blinken oder ein wippender Pferdekopf zu fehen waren. Mit dem Marschbefehl für die Regimenter an der preußischen Grenze durste es Rabenau nicht aufs Raufen ankommen lassen. Er wandt« sein Pferd, um zurück in die Wälder zu tauchen Da sah er den Spitzenreiter, den Pallasch quer über dem Sattel, zum Jungholz traben. Hellblaue, silberbetreßte Reiter mit weißen Wäschen lösten sich aus dem Dunkel der Fichtenschonung. Einer hielt neben dem Spitzenreiter, schien ihn etwas zu fragen und winkte dann mit hocherhobenem Arme herüber. Bayerische Dragoner ritten heran. Sie gehörten wohl zu den drei kurfürstlichen Bataillons, die di« Festungsbesatzung von Olmütz verstärkten. Ihr Leutnant, ein kleiner fröhlicher Herr mit lustigen Augen, rief schon von weitem, während sein Gaul noch über die Blöcke stolperte: „Wo kommen denn Sie hergeschneit, Herr von Rabenau?" Er schüttelte ihm di« Hand. „In München, beim Ball der kurfürstlichen Durchlaucht im vergangenen Jahr, haben wir einander verfehlt. Und hier auf des Teufels Kegelbahn müssen wir uns treffen. Was ist die Welt doch klein. Ich dachte. Sie wären noch in .Wien." Rabenau berichtet, daß preußische Schwadronen gemeldet seien. Der kleine Leutnant nahm den weißblauen Dreispitz ab, wischte sich die Stirn: „Was diese alten Perücken schon wieder unken!- Müßt doch auch was davon wissen. Nicht einen Pserdeschwanz hab ich gesehen und reite doch schon seit vier Tagen in dieser Wildnis herum ... Na, und wie war der Urlaub in Wien?" Er blinzelte verschmitzt. Rabenau bewegte resigniert di« Hand. Der Bayer lachte: „Hat’s also nicht mögen? Schad!" Rabenau schwieg. Der Leutnant schmunzelte: „Sehens, ich hab Ihnen gleich g'sagt, daß den Fasching in München verbringen sollen. Da kommt so was nicht vor Aber es hat ja ä tout prix Euer Wien sein müssen .,. Wer war's denn? War's hübsch?" Er bekam fein? Antwort. , Herzensangelegenheit also. Vermutlich eine Mariage, die nicht klappen wollte Der Bayer fragte nicht weiter. Rabenau hatte es eilig. Blauschwarze Schatten huschten über die Hänge. Er erkundigte sich, ob der andere das Wirtshaus in Raudenberg kenne, ob es praktikabel fei oder man besser biwakiere?" „Bei der Kälten? Das braucht's nicht. Was der Schimmeltyirt jn Raudenberg sonst für Löcher hat, weiß ich nicht. Aber jedenfalls hat er so was wie ein Staatszimmer. Mit zwei Betten sogar. Hab selbst gestern, als ich von der preußischen Grenze kam, darin gcschlosen. Parole d’honneur, tout seul. Hat zwar ein Töchterlein, der Schimmelwirt. Ist aber ein gräuslicher Uhu." Rabenau lacht« laut. „Nur damit Sie nicht enttäuscht sind, Rabenau. Falls Sie für Ihre verwundete Seele am Ende aus ein Abenteuer hofften. Aber jetzt muß ich weiter." Er warf einen Blick zum Himmel hinauf. „Hab keine Lust, in den mährischen Wäldern zu schlafen. Wenn Ihr Hadik wieder zur Armee kommt, werden wir ja dieses Pläsier ohnehin zur Genüge haben. Au revoir, Herr Bruder! Und wenn bis dahin Ihre Knochen nicht in böhmischer ober schlesischer Erde ruhen, dann gehens im nächsten Fasching nach München! Parole d’honneur, es lohnt sich." Also hatte er recht gehabt: vom Feind keine Spur! Der Leutnant von Rabenau bog wieder zur Straße ab, die sich eine halb« Meile von hier jenseits der Paßhöhe hinziehen mußte. Eine Weile trabten sie noch auf einem Waldweg. Dann fiel plötz- lick) die Dämmerung ein. Di« Gäule am Zügel, stolperten sie über Wurzeln und faulig- Baumstämme. Schließlich'rutschten sie über das Geröll eines noch wasserleeren Bachbettes zu Tal. Cs war schon stockdunkel. als sie an einer kleinen Holzbrücke die schlesische Straße erreichten. Wu-der trabten sie los. Nach Raudenberg konnte «s kaum eine Stund« (ein Auch wenn man in dem Hohlweg, tn den die erbärmliche Straße sich bald wieder senkte, nur im Schritt reiten konnte. Manchmal stolpert« ein Gaul und ein Reiter fluchte. Nur der schwache Widerschein des noch hinter den Bergen verborgenen Mondes schimmerte in den Wipfeln und warf ein gespenstisches Licht auf die fahlen Baumleichen zwischen den schwarzen Stämmen der Buchen und Tannen In den noch dürren Aeften der Bäume knarrte leise der Wind. Da hörten sie plötzlich Pserdegewieher vor sich auf der Straße. Der Gaul des Korporals gab Antwort. Rabenau ließ die Säbel ergreifen und sandte einen Reiter vor. Noch sah man nichts. Da fiel durch ein kleines, von den Höhen sich niederziehendes Waldtal das voll« Licht des Mondes auf die tiefst« Stelle der Straße, di« hier auf Prügeln und Bohlen einen Morast überquerte. Ein« Postkutsche steckte, aus die link« Seite geneigt, im Straßensumpf, in dem di« Gaule bis an die Knie versanken. Das Licht einer Laterne schwankt«. Ein Mann machte sich an dem eingesunkenen Rade zu schaffen. Rabenau ritt an den Barretter heran und fragte, was los fei. Der deutete mit feiner kurzen Peitsche auf das linke Hinterrad und drosch TÄ erb«,, er «■«-«» »l. zu seinen Leuten: „Absitzen! In di« Speichen eingreisen! Das rechte Fenster der Kutsche glitt nieder. Ein Frauenkops beugte sich ins Mondlicht. Eine erfreute Stimme rief: „Dieu rnerc«, der Herr Leutnant!" Eben stemmten sich die Dragoner in die Rader wie Kanoniere bei einem Geschütz. Rabenau erkannte das kleine Persönchen von gestern. Er schwenkte mit der Rechten im großen, weihen Stulphand- '*$U|i kleine lachte^°Hätt' gar nicht gedacht, daß der Herr Leutnant so galant sein kann .." „Warum, Demoiselle?" ,Weil der Herr Leutnant gestern wie ein Holzklotz war. Allem nut zwei Damen und der Herr Leutnant bleibt wie ein Bärenhäuter beim Weine sitzen ..." Sie schrie leise auf. Die Postkutsche ruckte. Der Vorreiter ließ die Peitsche knallen. Es war vergebens. Das Rad glitt in den Schlamm zurück. Die Demoiselle schwätzte weiter: „Aber sein gestriges Betragen sei dem Herrn Leutnant verziehen, weil er hier vom sicheren Tod« errettet . " . Rabenau bemüht« sich, in den Wagen hlneinzusehen: „Ist Madame la Grand'mere nicht hier?" .Erstens ist sie nicht meine Grand'mere und zweitens hat sie schmerzen und mußte in Olmütz Zurückbleiben. Hat sich bei der . Marschallin einquartiert." Sie überlegte, als gäbe es da noch einen anderen Grund. Aber dann sagte sie nur: „3a, so ist das. Und ich sahre jetzt mit dem Gepäck voraus. Mein Tod hätte es sein können. Aber Gott, was tut man nicht alles, wenn man muß." Er hatte also recht gehabt: Herrin und Dienerin. Doch nach einer Zofe sah die Kleine nicht aus. Also war sie wohl die Gesellschafterin der Alten. Vielleicht eine verarmte Verwandte. Denn eine Dame war sie doch. Rabenau fragte: „Und wohin reift die Demoiselle?" „Mit Permission des Herrn Leutnants nach Groß-Jaunitz." Groh-Iaunitz? War der Drache mit der Lorgnette, der gestern der Kleinen das Schauen verboten, am Ende die alte Hartenberg? Er kannte sie nicht. Er lachte: „Nach Jaunitz reite ich selber." Si« schien nicht besonders erstaunt, sondern sagte nur: „Tant mieux, so habe ich wenigstens Gesellfchast." Wieder ruckte der Postwagen. Diesmal gelang es. Die Kutsche hob sich, schwankte und fuhr. Dann blieb sie auf festem Boden stehen. Rabenau lieh aufsitzen, ritt wieder an den Kutschenschlag heran: „Madame la Comtesse ist also ein wenig malade. Und die Demoiselle Xs mb itt nie iich )er Ich bk ab. stch Sie err no= )on nb= int mit (im lor- in iein nid) enn üb« rou ntn chrr Iber In« trin war der nnte :ux, hab ram Ifelle rohl Heck Drahn für M breit dem >oral bi« Per- )uar- !raß« ihn [fern z-°n> ragt« nag“ i bi« mein« Jt* üben« - sich flau« eg ‘r Ossi' SJlaap i fragt« ,fe si« Auf ein schlummerndes Kind. Von Friedrich Hebbel. Wenn ich, o Kindlein, vor dir stehe, Wenn ich im Trauin dich lächeln sehe, Wenn du erglühst so wundervar. Da ahne ich mit süßem Grauen: Dürst' ick in deine Träume schauen, So wär' mir alles, alles klarl Dir ist die Erde noch verschlossen, Du hast noch keine Lust genossen, Noch ist kein Glück, was du empfingst; Wie könntest du so süß denn träumen. Wenn du nicht noch in jenen Räumen, Woher du kämest, dich ergingst? Wie es den vier Bremer Stadlmusikanten weiter erging. Von Wilhelm Scharrelmann. Was für tapfere Leute die vier Bremer Stadtmusikanten waren, und rite sie sich das Räuberhaus im Waide eroberten, weih alle Welt. Aber ur wenige wissen, wie es ihnen weiter ergangen ist. Denn als sie alles i^rzehrt hatten, was die Räuber zurückgetassen, der Esel keinen Halm fitroh mehr im Hause fand, der Hund den letzten Zipsel Wurst ^oer- fiplungen, die Katze unter den Mausen reinen Tisch gemacht und der jahn kein Körnchen mehr im Hause nachzusuchen brauchte, sah es mit d m guten Leben, das sie bis dahin geführt hatten, nicht gerade mehr fc. m Besten aus. „Kommt", sagte der Esel da, „warum wollen wir hier am Hungertuch ragen, steht uns nicht die ganze Welt offen? Wenn es euch recht ist, rochen wir uns wieder auf den Weg noch Bremen. Ich bin gewiß, daß noan uns dort mit Ehren empfangen wird." Der Vorschlag gefiel allen, und sie machten sich noch an demselben Tage auf den Weg. Mittlerweile war es aber Winter geworden, und der Frost stand im Linde, hart und blank wie klirrendes Glas, so daß es weit und breit weder ttoas zu nagen und noch zu beißen gab und ihnen die Gedärme zu- irnnmenschnurrten, daß es sie im Bauche schmerzte. Zu allem Unglück filjrte ihr Weg sie gegen Abend auch noch ins Teufelsmoor, und da es b; rt in alter Zeit nicht ganz leicht war, sich zurechtzufinden, am wenigsten In Winter, geschah ihnen, was dort auch ebenso klugen Leuten schon passiert [i n soll, sie kamen vom Wege ab und verirrten sich darüber so gründlich, ddh sie schließlich nicht mehr aus noch ein wußten und selbst der Hund, als der kundigste von ihnen, seine Rase vergeblich in den Wind hielt. Sie bl: eben aber guten Mutes und trösteten sich im stillen damit, daß ihnen bin dem Glück, das sie bisher gehabt hatten, schon Hilfe kommen werde. So fleißig sie aber auch danach ausschauten, begegnete ihnen angesichts dw herandämmernden Nacht weder Mensch noch Vieh. Da nun feine den oiiberen die Hoffnung schmälern wollte, doch noch zu einer Mahlzeit und (item warmen Lager zu kommen, verfielen sie darauf, sich zur gegenseitigen Aufmunterung ein wenig Musik zu machen. Also fing der Hund at zu jaulen, die Katze zu schreien und der Hahn aus Leibeskräften zu itifjen, als fei bereits der Morgen nahe, und auch der Esel versäumte nicht, bis seine zu tun, so daß es jedem, der das Konzert gehört hätte, durch Hurt und Bein gegangen wäre. „Immerhin können wir hier nicht ganz weit mehr von Bremen fein", tu inte der Esel, als ihnen der scharfe Ostwind die Kehlen genügend gekühlt bitte und sie sich verschnaufen mußten, um nicht ganz außer Atem zu tmunen. „Mir ist nämlich so, als wäre ich hier vor Jahren schon einmal bird) die Gegend gekommen, und wenn mich meine Erinnerung nicht timscht, ist es kein anderer als der Worpsweder Berg, der da vor uns liigt." Das war vernünftig gesprochen, tröstete aber die anderen nicht sehr, mfc es war zu verstehen, wenn der Hahn, schneeblind und ermattet, Etzlich einen Flügel sinken ließ, hinter den Gefährten zurückblieb und bwn zuries: „Geht in Gottes Namen weiter und kümmert euch nicht um nrf). Vielleicht finde ich einen Baum, um die Nacht darauf zu verbringen. Iber marschieren ist heute abend meine Sache nicht mehr." Als gute Kameraden wollten ihn die anderen aber nicht im Stiche iiüen, so daß guter Rat zuerst teuer war. „Komm, Rotkopf", rief der Esel zuletzt und bewies damit von neuem, ia=) er den anschlägigsten Kopf unter den vieren hatte, „spring auf meinen ti (fen, es wird mir nichts ausmachen, dich zu tragen." Also marschierten sie statt auf vierzehn auf zwölf Beinen weiter mb tarnen besser damit voran als vorher. Aber auch der Katze saß der Weg fühlbarer in den Beinen als darunter, mb sie dachte: „Warum zwölf Beine arbeiten lassen, wenn acht, dasselbe tjnffen?" sprang dem Hahne nach und begann sich gleichfalls auf des si-ls Rücken den Bauch zu wärmen. Jetzt fehlt nur noch der Hund", dachte her Esel verdutzt, mochte aber litjt widersprechen und tröstete sich damit, daß er sich für die mühselige Linderung in Bremen schon entschädigen werde. „Die Bremer sind reiche !mte und lieben die Musik über alles", dachte er bei sich. Mittlerweile war es immer finsterer geworden, und wenn der Schnee, «: der Ostwind bis dahin vor sich hergetrieben hatte, jetzt auch ihre Nasen ilqot mehr kitzelte, so war die Luft doch um nichts sichtiger geworden, und (lüft der Berg vor ihnen war in der Dunkelheit verschwunden, als hätte ir das Meer verschluckt. Da wurde es selbst dem Hund mit dem Marschieren zu viel, und er i|te sich verzweifelt auf feine Hinterbacken. „Wohin führst du uns nur? les ist ja eine Gegend hier", jappte er und ließ die Zunge aus dem Maule äs.gen, „daß sich selbst Fuchs und Wolf gute Nacht sagen würden, wenn ff« [sich hier begegneten." .„Wie?" schalt der Esel. „Jetzt noch zu verzagen, nun wir es so gut wie geschasst haben? Wenn mich meine alten Augen nicht täuschen, steht dort drüben sogar ein Wegweiser! Da kann es uns doch Überhaupt nicht mehr sehlen. Denn wo Menschen zu gehen pflegen, wird für uns erst recht ein Weg (ein." „Nun, was riechst du?" fragte er den Hund, der zu dem Wegweiser hinllbergelausen war und eben zurückkam. „Zauder und Spuk", knurrte der Hund, „und das ist das Schlimmste was es für meine Nase gibt.“ „Unsinn!" tagte der Esel. „He, wohin führt der Weg da?" rief eg einer Eule zu, die über das Feld flog und sich soeben verwundert in der Nähe niederließ. ' „Zum Nobiskrug!" antwortete die Eule. „Ist das ein Räuberhaus?" fragte der Esel und richtete seine DI)red auf. „Denn mit solchen Dingen pflegen wir fertig zu werden." „Es ist der Krug, in dem die Abgeschiedenen ihre letzte Wegzehrung erhalten, ehe sie in die Ewigkeit hinauswandern", antwortete die Eule und flog davon. „Siehst du, daß ich recht gehabt habe? Zauber und SpukI" sagte de» Hund und fchüttelie sich. „Es scheint so", nickte der Esel etwas kleinlaut. „Aber wir brauchen ja dort nicht vorzusprechen. Jedenfalls können wir hier nicht stehenbleiben. Vorwärts! Der Weg geht jetzt aufwärts, wie ich merke, und aufwärts müssen wir, wenn wir den Berg hinter uns bringen wollen. Von dort aus ist es dann nur noch ein Katzensprung." Und bergan ging es, aber Zauber und Spuk waren wohl doch dabei, denn je höher sie stiegen, um so besser kamen sie voran. Ja, es war, als wenn alle Müdigkeit aus ihren Gliedern verschwunden wäre. Selbst den Hunger spürten sie plötzlich nicht mehr. Hahn und Katze sprangen vom Rücke des Esels herab und marschierten mit neuer Kraft, der Hund hielt feinen Schwanz wieder wie in allen Tagen, und der Esel trabte wie ein Füllen. Dabei tauchte jetzt ein Licht nach dem anderen vor ihnen auf, als läge nun endlich die Stadt vor ihnen, und die Bremer hätten zur Feier ihres Empfanges alle Fenster in den Häusern illuminiert. „I— a!" brüllte der Esel und sprang in feiner Freude mit allen vier Beinen zugleich in die Höhe. „Denn daß wir nun bald am Ziele sind, kann ja beinahe ein Blinder sehen!" Nun, am Ziele waren sie auch, wenn auch in einem anderen Sinne als der Esel meinte. Zu beiden Seiten des Dammes, den sie gingen, blaute das Meer der Unendlichkeit, und vor ihnen lagen die schimmernden Höhen, die Zeit und Ewigkeit voneinander scheiden. , Traumhaft und in schimmerndem Licht kam der Silberkahn des Mondes gezogen. „Seht ihr?" rief der Esel selig vor Glück. „Dort schwimmt bereits das erste Schiff, und ich will meinen Kopf darauf verwetten, daß es ein Bremer Segler ist! Nun ist es vorbei mit dem hungrigen Leben! Borbet für immer! Die Bremer sind vornehme Leute, sage ich euch, und wir wollen ihnen eine Musik machen, daß ihnen das Herz im Leibe lachen soll!" „Hallo!" schrie er über die blaue Flut des Himmels dem Monde zu. „Ist das nicht die Stadt Bremen, die da vor uns liegt?" „Nun, nun", klang es verwundert zurück. „Jedenfalls seid ihr hier in einem Lande, wo vier so mutige und getreue Gesellen wie ihr den rechten Platz finden werdet.“ Und darin behielt er recht. Denn der Esel steht heute noch zwischen den Fixsternen des Himmels, und wer in seine Sternkarte gucken will, wird ihn auch darin finden! Die Gelehrten streiten sich freilich noch darum, ob es der „nördliche“ oder „südliche“ Esel und ob es der „kleine“ oder „große“ Hund ist, der den Bremern aus ihrem Märchen entlaufen und an den Himmel geraten ist. Aber das ist ja zuletzt nicht weiter wichtig. Jedenfalls sind die vier braven Musikanten heute dort oben und können ihr Licht so über alle Welt hin erstrahlen lasten Denn auch Hahn und Katze blinzeln in Winternächten von dort auf die Erde herab. Ihre Namen sind allerdings in die Sternkarten noch nicht eingetragen Aber was macht das? Eines Tages wird man auch das noch nachholen. Man ist mitunter etwas langsam in solchen Dingen. Deutsche Musiker der Gegenwart Von Dr. (Ermin Stoll*. Karl Höller. Mit dem 1907 in Bamberg geborenen Karl Höller sind wir bei unserer jüngsten Musikergeneration angelangt. Auch sie ist in ihrer stilistischen Haltung keineswegs einheitlich. Natürlich haben sich alle unsere jungen Komponisten mit den gewaltigen kulturpolitischen Wandlungen auseinandersxtzen müssen, die uns das neue Deutschland bescherte, aber manche von ihnen suchen auf dem von Stravinski und Hindemith gebahnten Wege weiter zu kommen, andere erstreben eine möglichst enge Anknüpfung an den Barockstil und zu diesen beiden Gruppen kommen noch die aus der deutschen Jugendbewegung hervorgegangenen Musiker. Natürlich hat das Gemeinschastserlebnis für alle diese Söhne eines wieder geeinten Volkes eine neue Bedeutung bekommen. Ader Musik ist nun einmal eine Kunst, die auch der Einsamkeit bedarf, und so sucht mancher junge Schaffende abseits von der großen Straße seinen Weg. Zu ihnen gehört Karl Höller. Ein Kenner seiner Kunst sagte von ihm: „Er ist einer der rassigsten Vertreter unserer jungen Generation, aber er schreibt keine „Jugendmusik". Er kennt keine Bindungen an kaden- ziale Begriffe und Tonarten, aber er hat sich nie der „Zwölfton-Reihe" angegliedert. Er ist Süddeutscher, aber er schreibt keine Bauernmusik (wie sein Landsmann-Werner (Egt). (Er kommt von der Bamberger Domorgel und vom gregorianischen Choral, aber er musiziert nicht „katholisch". Er ist Romantiker ..." Höller stammt aus einer Familie von fränkischen Organisten und Kantoren. Sein Vater saß an der Bamberger Domorgel und weihte seinen Sohn schon früh in die Geheimnisse seiner Kunst ein. Dieser * Vgl. die Artikel in Nr. 86, 88, 94 des Jahrganges 1938. tnurfis mit dem Erlebnis der Gregorianik und der alten Polyphon!« aut lernte bei f) Zilcher in Würzburg die romantische Ha-montt und bald auch den Impressionismus eines D e b u s sy , R a v e l und s kr i a bin verstehen und setzte sich dann mit der Musik Stravinskis und Lindem i t h s auseinander ?(n der Münchener Hochschule pflegten Joseph Haas und Siegmund d. H a u s e gg e r bas junge, sich ztelbe- wutzt und ohne Hemmungen entwickelnde Talent, Rotier ge!angte^Ql3 Komponist bald zu allgemeiner Anerkennung und wirkt heute als Professor an der Frankfurter Musikhochschule, Schon seine ersten Werke, Orgelstücke, Chorschopfungen Lieder, Kammermusiken, bei denen die Formen der Partita, Suite, Messe und Sonate eine Rolle spielen, zeigen ein ausgesprochen persönlich gefärbtes Beieinander von kühnen Kontrapunkten und sehr ausgelockerter impressionistischer Harmonik, So verschmelzen sich> auchi m bet■ TOoteite für Männerchor op. 8 („Es ist ein Schnitter, der heißt Tod ) Akkorde nad) der Art Scriabins und Debussys mit alten Kirchentonarten und Sequenzen sowie linearer Stimmführung, Es folgen konzertierende Jn- strumentalwerke mit Kammerbesetzung, darunter ein Divertimento für Flöte, Violine, Bratsche und Klavier, op. 11, in dem sich Erlebnisse eines Aufenthalts in Sizilien widerzufpiegeln scheinen^ dann wieder vokale Kirchenmusiken, Hymnen, Chöre, Orgelwerke Mit ihrer Musizierseligkeit, ihrer romantisch-innigen, über kühnsten Harmonien und Stimmführungen sich erhebenden Melodik zeigen sie alle in steigendem Maße die Eigenart des Komponisten, Ein Werk, wie die sechs geistlichen, Maria und Christus preisenden Gesänge für Sopran und Orgel, op. 17, ist von einer lyrischen Zartheit und religiösen Weihe, die wahrhaft beglückt. . ... Mit op. 18, den Hymnen für Orchester, über gregorianische Choralmelodien wurde Höller in der deutschen Musikwelt allgemein bekannt und rückte in die vordere Reihe der jungen Komponisten. Toccata, Ricercar, Adoration und Fantasie heißen die vier Sätze dieses Werkes, das der Komponist feinem Münchner Lehrer S. v. H a u f e g g e r widmete. Das „Veni sancte Spiritus“ der Pfingstfequenz, das „Victimae paschali laudes“ der Ostersequenz, das „Ave maris stella“ und das „Salve regina“ bilden nacheinander den Cantus firmus, der die einzelnen Satze zu einer gewaltigen Sinfonie prägt. Hier klingen Ekstase und mystische Schwärmerei, Frömmigkeit und Weltfreude berauschend zusammen. Hier erleben wir das Bekenntnis eines Musikers, in dem jenes bayrische Barock mit seiner ursprünglichen Schwungkraft und seinem spielerischen Auslauf wieder erstanden zu sein scheint. , Das Cembalo-Konzert, das auf dieses Werk folgte, ist mit seiner Terrassenarchitektur, mit feiner Neuprägung heiterer Barockart, seiner harmonischen Würze und rhythmischen Straffheit eine Schöpfung köstlich unbeschwerten Musikantentums. Die Sinfonische Fantasie über ein Thema von Freskobaldi op.20 reiht sich den Orchesterhymnen op. 80 würdig am Die Handschrift des Komponisten ist hier noch gebrungener die sinfonische Gestattung noch straffer geworden. Wieder bewundern wir die blühende Klangphantasie und die aller Reizsamkeit der Harmonik und kühnen Verzweigung der Stimmen durchweg zu spürende Zucht des Satzes. Berauschend bunt ist diese Musik wie ein altes Kirchensenster, dessen 'heilige Figuren von der Sonne unterer Tage durchstrahlt werden. Der Komponist gibt folgende nüchterne Schilderung des formalen Verlaufs: „Während in meinem ersten Orchesterwerk, den Hymnen für Orchester^ der gregorianische Choral als Cantus firmus die einzelnen Sätze prägte, ging ich in der symphonischen Phantasie einen Schritt weiter. Ein siebentaktiges schlichtes Thema, das mich in dm Orgelwerken von Girolamo Frescobaldi (1583 —1643) irgendwie fesselte, beherrscht als Cantus firmus das ganze Werk. Es kam mir gar nicht daraus an, ob das Thema als solches ergiebig ist ober nicht — wenn es Anstoß zu erglebiaer Musik war, hätte es feine Wahl schon gerechtfertigt — es ist lebiglich Keimzelle ber Phantasie, Keimzelle und Aus- gangspuVikt eines sinfonischen Geschehens. Eine Flöte hebt mit dem Thema an wie aus weiter Ferne, andere Instrumente nehmen es auf, es weitet sich, kommt im zweiten Satz scherzoartig, im dritten wird es zu breitem Melos, im Finale (Rondo und fugierte Form) in einen erregten Rhythmus gebannt, und am Schluß dieser symphonischen Entwicklung stellt das ganze Orchester es groß, sozusagen ganz nahe, auf.“ Frescobaldi, dieser kühne musikalische Geist, scheint den Komponisten nicht loszulassen. Hat er doch soeben ein neues Orchesterwerk, eine Passacaglia und Fuae nach einem Thema des alten Meisters vollendet. Bon den neuesten Werken Höllers seien zunächst die beiden Choral- Variationen kür Orgel, op. 22, genannt, Gebilde von zarter, schwärmerischer Romantik, die mit ihrer irisierenden Harmonik weit über das Regersche Vorbild hinausgehen. Voller Saft, und Kraft und von sprühendem Leben ist bas Ku lenkampff zugeeignete Violinkonzert op. 23. und ihm reiht sich ein nicht minder lebendiges, meisterlich geformtes Streichquartett, op. 24, an, bas am Schluß den Namen Bach in Noten beschwört und einen Scherzosatz von spukhafter Eindringlichkeit hat. Diesem Werke wird ein Cellokonzert folgen. Bedenkt man, baß Karl Höller erst am Anfang seines Schäftens steht — von der Oper hat er sich bisher fernaebalten —, so scheint es nicht zu viel gesagt, daß uns in diesem süddeutschen Volkblutmusiker ein wirklicher Meister der Tonkunst erwächst. Carl Orff. Ist die Generationszugehörigkeit ein ' wichtiges Merkmal für die Wesensbestimmung eines schaffenden Musikers, so darf man sie doch nicht schematisch verstehen. Es gibt Komponisten mittleren Alters, die durchaus zur jungen Generation rechnen, und es gibt komponierende Jünglinge, in deren Musik nichts Gegenwärtiges (ebt.- Der dreiundvierzig Jahre alte Münchener Carl Orff zählt nicht zu den „Vätern", sondern zu den „Söhnen". Er ist eine musikalische Entdeckernatur, ein Künstler voller Verantwortungsbewuhtsein, in dem ber Wille zu Neuem wie eine heilige Flamme brennt. Orff studierte an der Münchener Akademie für Tonkunst, vornehmlich bei H. Kaminski, war an süddeutschen Buhnen als Korrepetitor und Kapellmeister tätig unb leitete eine Zett lang ben aKundjener Bachverein. 1924 gründete er zusammen mit Dorothee ® u nlher die Güniherschule, deren Lehrgrundsätze und Lehrwege für die rhythmisch, musikalische Erziehung etwas Neues bedeuteten. Lebte sicht hier der Pädagoge Orff schöpferisch aus, so war ber Komponist langst mit Kantaten, Gemem- fchaftsinusiken, Tanzspielen unb Jnstrumentalwerken hervorgetreten, die er heute aber ebensowenig gelten laßt wie ferne f pater entstandenen Festmusiken für Orchester, feine kammermusikalischen Ins rm mentallchöpfunqen und weiteren Gemeinschaftsmusiken. Es ist möglich, daß sich die unerbittliche Selbstkritik des Komponisten auch gegen neuere Werke'wie die a-cappella-Chorsätze „Catulli Carmin a“, bie „Cantus- kirmus-Sätze“ nach alten Melodien unb das kleine Konzert für sieben Instrumente nach alten Lautensätzen richtet. Jedenfalls Zeigen allbiete Schöpfungen einen allem „Gemischten", Chromatischen, spalromanlich Persönlichen abholden Musiker, dessen Sinn aufs Große, Ganze: und Einfache gerichtet ist. Daher Orffs innige Verbundenheit mit Volkslied unb Volkstanz. Daher feine Zuneigung zu bem ersten Gerne der Oper, zu Monteverbi, besten Werke er in Neubearbeitungen unserer Zeit nahe gebracht hat. den Mittelpunkt allgemeinen Meinungsaustauschs ruckte Orff burch feine „Olympischen Reigen", die er 1936 zur EroMungs- feier der Olympischen Spiele schuf. Dieser neuartigen und schonen Zweck- mufft folgte im Sommer 1937 bie gewaltige szenische Kantate Car. mina Burana", unb folgerichtig betrat Orff hiernach den Weg des Bühnenspiels nach feiner nach einem Grimmschen Märchen geschaffenen Oper Der Man b", deren Uraufführung im Februar kommenden Jabres unter Clemens Traufe’ Leitung in München ftattsinoen wirb. Vor kurzem hat ber Komponist einen neuen Auftrag bekommen, der ihm befonbers gut liegen dürfte: er soll für die städtische Schauspielbuhne in Frankfurt a. M. eine Musik zu Shakespeares „Sommernachtstraum schreiben. Musikerzieher, Dirigent (man denke an seine eigenartigen, auch um szenische Wirkungen bemühten Aufführungen der Lukas-Passion) und Komponist — sie drei erwachsen bei Orff einer schöpferischen Einheu. Der Musikerzieher hat die Wichtigkeit der sogenannten „rhythmischen Gymnallik" Dalcrozes (ber Name bezeichnet lange nicht alles, was bie Sache selbst bedeutet) erkannt unb bem deutschen Volke ein neues musikalisches Lehr- unb Lernwerk von unvergleichlicher Bedeutung geschenkt. Seine in der Zusammenarbeit mit gleichstrebenden Geistern gewonnenen Erfahrungen legte er nämlich in einem großen „S ch u l - werk für elementare Musikübung unb ßaienmufit nieder. Orff will die Urkräfte unb Urformen ber Musik wieder leben- biger machen. Deshalb die vielfältige Schulung im Rhythmischen, die er" forbert, deshalb bie bamit verbundene Auswertung von Volkstanz und Volkslied, die Schaffung eines neuen, bewußt „primitiven", urtümlichen Instrumentariums von Flöten, Gamben, Lauten, Gitarren, Stabsspielen, Trommeln und Pauken, deshalb endlich — unbeschadet der Verwendbarkeit des „Schutzverks" für Gymnastik, Tanz unb Berufs« musikertum — das Ziel Orffs: von den Urformen bes Rhythmisch-Melodischen unb ihrer bewequngsmäßigen Erweckung her durch bewußtes Erleben und eigenes Gestalten neue unb dauerhaftere Grundlagen einer ßaienbilbung zu schaffen, bie auch die Möglichkeiten zum Verständnis hoher Kunst in sich birgt. Viele Besucher bes bie Olympiade eröffnenden Festspiels „Olympische Jugend" werben sich noch bes überwältigenben Eindrucks erinnern, den sie gleich zu Anfang erhielten, als mit den tausendfältig hereinströmenden Kinderscharen eine" Frühlingssinfonie von Formen und Farben, von Licht und Ton anzuheben schien. Es war Orffs Musik, die hier die treibende Kraft bildete, und dem unschuldigen Zauber dieser volksnahen Bewegung fordernden und von einem Orchester nach der Art. des „Schul- werks" getragenen Melodien konnte sich damals niemand entziehen. Das war dienende Musik. Freier konnte sich ber Musiker Orff in ber szenischen Kantate „Carmina Burana“ entsaften, obschon ihm auch hier jedwede „persönliche" Offenbarung durchaus fern tag. Wenn er zu den „bura- uischeii , b. h. Benebiktbeuernschen Gebichten griff, jener im reizvoll beschwingten Neulatein der Fahrenden gehaltenen ßieberfammlung aus dem 13. Jahrhundert, in der sich sübdeutsche, „heidnische" Weltlichkeit gegen die Kirche auflehnt, so geschah bas aus bem Empfinden eines Musikers heraus, der schon längst von den Reizsamkeiten der letzten musikalischen Vergangenheit zu den strengeren Formen des Mittelalters zurückgekehrt war. Was beim „Schulwerk" und bei Orffs „Olympischem Reigen" so stark fesselte: die durch mannigfaches Schlagzeug gegebene Betonung des Rhythmischen, bie Bindung an Volkslied und Volkstanz, die entschlossen jede „Mischung" meidende Harmonik — all das kehrt, vom „Schulmäßigen" befreit und schöpferisch ins Monumentale erhoben, bei den „Carmina Burana“ wieder. Dabei führte bie strotzende Lebendigkeit des Textes ganz natürlich zu szenischer tänzerisch belebter Darstellung, ohne daß der Bewegungsmusiker Orff hier nach der Oper schielte. Ein Chor, der bie launische Schicksalsgöttin anruft umrahmt das Ganze. Drei in viele kleine (gefangene und getanzte) Stücke sich gliedernde Teile bandeln nacheinander vom Frühling, vom Trinken und von der Liebe. Gleich aufrüttelnd für Hörer wie Schauer, wie hier Musik unb Szene neuartig zusammenklingen, wie aus bem bie Szene beherrschenden Chore das Einzelne her au 5 tritt unb sich immer persön- sicher belebt. Kein Wunder, daß die Anteilnahme ber deutschen Bühnen für dieses richtungweisende Werk langsam aber sicher wächst. Daß Orffs neueste Schöpfung, „Der Mond", keine landläufige Oper sein wird, ist nach dem bisherigen Entwicklungsgänge des Komponisten sicher zu erwarten. Es scheint sich hier um eine Art Mnsterienspiel zu handeln, bei dem Szene, Handlung und Musik eine Einheit bilden, die zugleich realistisch und ftiliflert, naturalistisch und phantastisch ist. Derantw örtlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Berlag: Brühlsche Untversitäksdruckerei R. Lange, Gießen. btt ' r .War „Weil iinen Le Radei „Ae tzt dar Martin . ,.®ä । Ein ikrum? „Weil Md senk! eie i H ne ha teuer F Die liefen flje au Erft ,;m n-r eint Ute übi dchtstrei Stiege f teil oot Rade !er Zch tu und Nische, fousflut Wrde i leime I le nieb , Er d «rsichii Mild; toben ! Jut ne ixigte >Iii freit ut M d bfien f toen. 1 ">e ma> Der Me Näh Der -N "Äkh tä 68 , Rad fc? Aren iiet d° *»|Pen