Nummer M Montag, den 12. Juni ergang 1959 eitel' ft! Dreizehntes Kapitel. 'M* ihm ihm unk von Inzwischen stöhnte Herr Heinrich: .Nur den Liebling, das Löwen- herz, nimm mir nicht, hu mächtiger Streiter Gottes! Wie wenig habe ich dich gekannt, hu heiliger Mann, in dessen Nähe und Atem ich Verworfener zu leben gewürdigt war .. Ein Hornstoß ertönt. Ich kenne das Signal: ein Reitender aus hem Heerlager meines Königs in Frankreich. Geschwind werf' ich Herrn Heinrich einen Mantel über die Striemen seiner Schultern, trete vor das Portal, empfange die Botschaft, und stürze mit dem Schreiben zu meinem Könige zurück. Ich glaubte, Herr Thomas habe ihn augenblicklich erhört und Sieg gegeben über die Söhne. Er bricht zitternd das Siegel, aber die Buchstaben schwimmen vor den Augen. .Liesl'befiehlt er, zornig vor Sehnsucht nach Steg SNüts- e|es h H'btz, m, nüj . obert: Las- k unbiiiffi I otzm L :n m : in te ? sich Mhj »r«n. zur Neige ge- vor dem Fen- Gemache, daß ötteni«] 1 tionbits i eitern,®'! „EijeSi jiit! T Mei ins 5*1 nicht Ei nchkim i OL 0*. jl" n9(W Ao««-j NieJ irinalfti Xs fa., I«t «it;i iak‘ u Friede; aber was ich las, lautete anders: .Ich, Richard Graf Poitou, klage nicht in meiner Sache, sondern in der meines Erziehers und geistlichen Vaters im Himinel, dessen Mörder heil und ledig auf der Erde umhergehen, ohne ein Königsurteil, welches sie verfolge. Ich verdamme diese Lässigkeit, und damit niemand daran zweifle, verkündige ich Königen und Völkern, daß ich mich lossage von meinem Vater nach dem Blute, wie er selber von Christus und seinem Zeugen sich los- ikn ■t, iE bit *g - *1 ie, »Kd n b« ;arlx*T tenn*£;| 0niM le 'ü ®l£;; «tzt erhoben sich aus der dunkeln Tiefe des Schiffes zerreißende rönta >töne, das Wehgeschrei wuchs und wuchs, und die Kirche füllte sich "*‘l‘ 41 Miarmem sächsischen Volke, das nach seinem Vater schrie und die Rache Schimmels auf die Mörder herabflehte. Mit unheimlicher Hast und & stürzten sich neben mir die Gestalten über den heiligen Leichnam, msßten die toten Hände und Füße, küßten die Wunden und wuschen still Tränenströmen. Ihre Kleider und Lumpen aber tunkten sie gierig « ins ausgegossene Märtyrerblut. -Mich brachte ich mich auf die Knie, zog mit noch umnebelten arsen ein Tüchlein hervor und wischte die rieselnden Tropfen von rsism Wams. Da ward mir jammervoll zumute, und ich stöhnte: ,Jti culpa, mea maxima culpa.’" DER HEILIGE Novelle von Conrad Zeröinand tTteyer (Schluß.) . Ee sich im Streite gegen die Söhne starren uno m« «j« 0«^| s?'^eten Herzen seiner Sachsen wiedergewinnen. Du selbst Hans, | .tarnt offenbart, daß dein König ein großer Sünder gewesen «ft ,s ^.1 »«» Gleisner und Heuchler, meint Ihr?" rief der Armbruster Ki | i>,^t und fuhr, durch diese Anklage weitergerissen, ^rt: „Bei de ',vr p,\. f / ^krönten Haupte Gottes, nie hat ein Mensch «'sicher gebetet, al - »;*'• ! «n der Stunde, da er die steinernen Fuße des 5ze!ligen |Öf,en Tränen bedeckte! Ein sächsischer Steinmetz; ha - ihn ab- | tz 'M M seiner Gruft liegend, die Hände über der Br",t gekreuzt, L°Helnd Nicht des Mannes Kunst, aber die Aehnlichkeit des Bildes 1 i I h'Mt°nn^n" tr. statte sich den Primas bei dessen Lebzeiten wohl e.n- Während ich stammelnd dieser grausamen Schrift Sprache gab, war der Herr mit starren, hervorquellenden Augen an mich herangetreten. Die Stimme versagte mir, er aber fuhr mir mit beiden Händen an di« Gurgel. .Das lügst du, Schandbube!' schrie er und brach ohnmächtig zusammen. Herr Thomas aber auf seinem Grabsteins lächelte." „Genug!" rief der erbleichende Chorherr und streckte seine Hände abwehrend gegen den Armbruster aus. Herr Burkhard liebte das Heilere und Ergötzliche, wie das hohe Alter pflegt, das nur noch einen letzten Rest des Lebens zu genießen hat. Als er den Armbruster in sein Gemach zog, war es ihm darum zu tun gewesen, ein paar Geschichten und Menschlichkeiten aus dem Leben des Heiligen zu belächeln und das Gold des neuen Heiligenscheines — der Bsscheidenhett zulieb — ein wenig zu schwärzen. Hans aber hatte ihm einen qualvollen Kampf und zwei schmerzverzogene Menschenangesichter gezeigt, und diesem Eindrücke war er nicht gewachsen. Er suchte nach einem Scherzworte, um ihn abzustumpfen. „Mich tröstet", sagte er nach einer Weile, „daß du vor mir sitzest als ein Frommer und Ehrbarer. Wahrlich, du bist ein schmeidiger Mann, daß dich dein König nicht am Gurt erwischt und mit hinuntergerissen hat." Der Armbruster hatte sich mit funkelnden Augen auf seinem Schemel aufgerichtet. Seine Erzählung hatte ihn erleichtert wie eine Beicht« und in allen Muskeln gestärkt; denn er besaß trotz seiner grauen Haare ein tapferes Herz, das die harten Sprüche der in den menschlichen Dingen verborgenen Gerechtigkeit ertragen konnte. , Auch ich bin nicht ungeschlagen davongekommen", sagte er, „doch ich verzog mich beizeiten und ließ es an mancherlei Heilbringendem nicht fehlen. Ich will Euch das noch in Kürze berichten, und wie ich der Jetzige geworden bin. v Die Gäule laufen rascher, wenn es dem Stalle zugeht. Als ich nach jener Geißelung hinter Herrn Heinrich nach Schloß Windsor zurücktrabte, ward mir zur Sicherheit, daß meines Bleib«ns im Königsdienste nicht länger fein werde. Seit dem Tode des Primas war ich den Augen meines Königs ein Aeraernis geworden, und er hatte mir meine Ohnmacht, jenen aus den Händen seiner Mörder zu reißen mit zornigen, unbilligen Worten vorgerückt. Wo der Herr mich erblickte wendete er sich ab. Ein wohlgebildeter Page von vornehmem aquitanischem Geblüt« hatte mich Bärtigen im Schenkendienst ausgestochen Auch auf die Jagd begleitete ich ihn nur noch selten, und zu seiner Buße in Canterbury hatte er mich mitreiten lassen, weil er sich vor mir nicht zu schämen brauchte Auf Schloß Windsor nahm mich der Waffenmeister, Herr Rollo, ins Verhör- denn die Geißelung des Königs war ruchbar geworden und wanderte unter den Sachsen, Erbauung und Schadenfreude verbreitend, von Mund zu Munde. Da er die schmähliche Wahrheit vernahm, schwoll ihm die dunkle Zornader auf der Stirn zum Zerspringen, und er machte sich nach seiner Weife Luft mit frechen Worten: ,An seine Gruft ist er gekrochen und hat den Feigling angebetet! Wie mag der Bleiche in seiner Höhle gekichert haben! ... Und daß er ihm noch unter dem Boden hervor einen Stich gab, das ist der Schlange würdig! ... Ein gepeitschter normännischer König! ... Aber es ist sich nicht zu wundern! Hast du gesehen, Hans, schon seit Jahr und Tag trägt König Heinrich ein Pfaffengesicht auf den Schultern!. ..... Hierin sagte Herr Rolle di« Wahrheit. Das Angesicht meines Königs iehenerZaMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger fcnJzti ' «j1’11 er yuue pci) oen Primas oel wncn ~ 7 ,UI?" sich seines Antlitzes bemächtigt. . . --wie der Friedlose den Knecht als einen Verhaßten und Mlischul- ' - |ß( von sich trieb. Und doch hat sich Herr Heinrich vor der Gruft s Getüteten gegeißelt und ihn aufrichtig angebetet, wie es in der >j "lmik verzeichnet steht." :'! der glaubwürdigen Aussage meiner Chronik", bemerkte der n bedenklich, „hat sich dein König am Grabe des heiligen ^homas imterbury gegeißelt, aber nicht ohne kluge und weltliche Absichten, ^■1 ÄÄM im Streite gegen die Söhn« stärken und d,e ihm a- war nicht mehr zu kennen. Es war zerfallen und nach unten gesunken. Statt des freudigen Leuchtens von ehemals gab es nur noch einen matten, weihen Schein von sich, wie faules Holz in der Nacht. .Die englische Luft ist mir stinkend geworden! zürnte Herr Rolle. .Ich ziehe nach der feuerspeienden Insel Sicilia, wo mir ein Neffe lebt. Hans, nimm eine Kohle dort vom Herd' — wir standen m der Waffen- kammer — .und schreibe für mich ein Valet an die Wand, daß ich keinem gegeißelten Könige diene/ Ich wußte, der edle Herr war des Schreibens unkundig, und ich brachte feine Gedanken nach Kräften m einen lateinischen Spruch, mit dessen Fassung er sich zufrieden gab, und der lautete: ,Ego — Normannus Rollo — valedico — regi Hennco. Bevor ich aber die Kohle anfetzte, bemerkte ich: .Ich habe dieselbe Mie^ du gehst, Bogner? Der König wird dich missen!' warf er hin und runzelte die Stirn. Ich wies auf die blauen Flecke meines gewürgten Halses und sagte: ,3um dritten Male schon habe ich Herrn Heinrich Unheil verkündet, was Wunder, daß er dem Raden gram wird? Mein Königs-dienst bringt ihm kein Glück mehr. Was soll ich seinen Zorn reizen! Ich will gehen, bevor er wie König Saul zur schlimmen Stunde einen Spieß nach nur wirft. Aber daß Ihr von ihm lasset, Herr, den er wert und teuer halt als den ältesten Zeugen und die Verkörperung des normännischen Ruhms, das wird ihn als ein böses Omen erschrecken und versinstern. Da riß mir der Waffenmeister die ungebrauchte Kohle aus der'Hand, warf sie gegen den Herd und wandte mir finster brummend den Rücken. Am selben Tage trat ich vor meinen Herrn und bat um Entlassung, mit schwererem Herzen noch als an jenem ersten Tage meines Herreu- dienstes, da ich ihm in demselben Gemache meine vervollkommnete Armbrust gezeigt hatte. Er schaute mich nicht unfreundlich, nur fremd und traurig an und gnadete mich ab. Ein reicher Mann wurde ich damit nicht, aber meinen ehrlichen Lohn ließ mir Herr Heinrich durch seinen Schatzmeister ausrichten. Ms ich meine Kammer in Windsor räumte, fand ich in der Tiefe einer Truhe, wohin ich cs verstoßen hatte, das Tllchlein mit dem Blute des Heiligen. Was damit beginnen? Wohl war es köstlicher als der ganze Lohn, den mir König Heinrich hatte verabreichen lassen, denn schon damals wurden die ■ geringsten Ueberbleibsel des Herrn Thomas hundert-, ja tausendfach mit Gold ausgewogen. Aber es ging mir gegen die Erinnerungen des Gemütes, ein Blut zu verkaufen, an welchem ich ohne eigene Ähuld war. Die zwei übrigen Auswege, das blutige Tiich- lein an mir zu behalten oder es zu vertilgen, waren gleicherweise bedenklich. Bevor ich Engelland verlieh, versäumte ich nicht, meinen frühem Meister, den Bogner in London, aufzusuchen. Er hatte mir Gutes erwiesen, und während meines Königsdienstes war ich ihm abtrünnig geworden. Er empfing mich mit großen Ehrenbezeigungen, denn er wußte nicht, daß ich in Ungnade gefallen war, und lachte und meinte wie ein Kind. Bitternis und Herzeleid hatten ihn an Leib und Seele geschwächt. Ich fragte nach Hilde. Sie liege an einem zehrenden Fieber danieder, sagte er und führte mich in die Kammer. Als sie mich erkannte, leuchtete ein Glanz aus ihren tiefliegenden blauen Augen. Sie dankte mir, daß ich gekommen sei; sie habe danach gedürstet, mich noch einmal vor ihrem Sterben zu sehen. In mit aber stieg mit dem Mitleid die alte Liebe mächtig auf, so daß ich chr Vorschlag, gebemütigt, wie ich war durch die Schläge des Schicksals, sie als mein angetrautes Weib mit mir heimzuführen, 'wenn sie nur gesunden könnte. Sie nickte, aber zweifelnd und traurig. Da stet mir mein kostbares Heiligtum ein, denn es war in Engelland ein groß Rühmen und Prahlen von den durch die Reliquien des heiligen Thomas gewirkten Genesungen und Wundertaten. Tote sogar, so predigte die sächsische Pfaffheit, seien kraft der Berührung mit denselben in die Zeitlichkeit zurückgekommen. Im schnellsten Ritte jagte ich nach Windsor und zurück. Ich eilte mit meinem Tuchlein hinauf in ihre Kammer. Sie schlummerte, und ich legte er ihr leite auf die Brust. Da regte sie sich, lächelte freundlich, tat ein paar schwere Atemzüge, schlug Die Augen strahlend auf und schloß sie wieder mit einem leisen Seufzer. Herr, sie war tot. Da faßte mich ein grimmiger Schreck und Zorn, daß Herr Thomas, der die Toten auferwecke, mich unversöhnlich verfolge und mir mein Liebes töte. Ich entfloh, und das Mutige Tüchlein ist wohl mit ihr eingesargt worden. Ich hatte eine stürmische Meerfahrt, und zweimal warf mich die Welle an die englische Küste zurück. Nachdem ich endlich festen Boden beschritt, strebte ich nach schwäbischen Landen; denn die Erfahrung des Lebens hatte mir die Luft der Wanderung und weltlichen Neugier völlig aus- getrieben. Wie ich einmal wieder mein Roß im Rhein getränkt hatte, zog mich das Heimweh unaufhaltsam stromaufwärts, bis durch das Tor Schaffhausens. Dort fand ich den Juden Manafse verschollen und wurde als welt- kundiger und namhafter Mann mit Ehren ausgenommen. Ehe der Flitter meines Ruhmes verblich, heiratete ich eine junge Witib, die mir neben zwei Knäblein ihres ersten Bettes einen Turm in Schaffhausen und einen sonnigen Weinberg am Rheine zubrachte. Ihr traut es mir zu, Herr, daß ich, obzwar ein adeliger Mann und gewesener Königsknecht, mein Handwerk nicht aufgab, vielmehr unverweilt eine fröhliche Werkstatt auftat, aus welcher ich bald einen weiten Umkreis von Burgen und Städten mit großem und kleinem Geschoß versah. Von meinem König aber erfuhr ich nichts, als daß er mit sich und seinen Söhnen nicht zum Frieden kommen konnte. Da begab es sich eines Tages, daß ich, das ältere Büblein meiner Frau an der Hand, gegen den Rheinsturz hinausging, um mit einer neuen Armbrust über den Strom zu schießen, prüfend, in welchem Maße durch den Wirbelwind, der dort über den Wassern schwebt, der Flug b« Geschosses gestört werde. Wie ich nach einem Zielpunkte am jenseitigen Ufer spähe, erblicke if die graue Gestalt eines Ritters, auf einem Felsblocke sitzend, das Schwk« i quer über die Knie gelegt, wie Euer Carolus Magnus hier am fünften türme Meinem Knäblein beginnt es zu grauen, und ich zerbreche nur ben Kopf, wer das seltsam natürliche Bildwerk über Nacht in die Wildn« i an den Strom gesetzt habe. Da hebt der Ritter langsam die geharnischte Hand empor, unb iq sehe, wie er mir winkt. Jetzt erkenn' ich ihn, springe in den Nachen b* Fergen, stoße mich über, und Herr Rollo ruft mir entgegen: ,Jch grch dich, Schwabe, und labe mich bei dir zum Nachttrunke.' Heimkehrend sagte er mir, er sei auf der Fahrt nach Palermo, fieuii in dies Städtchen am Rheine gekommen, habe er Hengst und Dienstl« ; dort untergebracht und sei dann, von einem fernen Donnern gelockt, nw gierig stromabwärts gegangen bis zu diesem tapferen Wasserspiele. Ms wir zusammen durch die Gassen von Schaffhausen schritten urt • das Volk den gewaltigen alten Herrn bestaunte, war mir, als hätt' iis vorzeiten unter einem fremden Riesengeschlechte gelebt. Herr Rollo trau! manchen Becher meines Weines und lobte ihn. Ich aber wagte endliis eine Frage nach meinem Herrn und Könige. Da blies der Wafsenmeif!« in die Luft, und ich verstand, Herrn Heinrichs Seele sei von hinnn gefahren. ,Unb sein Sterben?' fragt’ ich angstvoll, ,wie war es?' ,Unpfäffisch!' gab er zur Antwort. Ein roter Vaterzorn hat ihn w. der Strahl getötet. Dein Abgott, der Knabe Richarb, hatte ihn mit HD bes Sapetingers unter sich gebracht unb forberte als erste Bedingung ba Friedens einen väterlichen Segen, wenn es auch nur die leere A» bärbe wäre. Da erhob sich Herr Heinrich, von meinen Armen gehalten, voll still« Grimmes auf seinem Siechbette unb streckte gezwungen seine Rechte üb« ben Sohne aus. Aber bie falsch fegnenben Mager zog ber Sterbekrarys zusammen, unb sie erstarrten in ber Lust.' .Haltet ein, Herr Rollo!' rief ich schaubernb, unb nach einer Weile flü: ich fort: .Gestattet Ihr es, so begleite ich Euch eine Strecke weit, ich « eine Wallfahrt tun zu ber schwarzen Mutter Gottes von Einsiedeln, mii verlangt, für bie Seele meines Herrn zu beten.' Am zweiten Tage erreichten wir bie unfruchtbare Hochebene, m Meinrabs Zelle liegt. Herr Rollo kehrte nicht an, er roanbte unb (pomi sein Pferd, indem er mit leichtem Kopfnicken von mir Abschied nahm uni gegen bie Türme bes Klosters ausspie. Ich aber stieg von meinem Tiere unb zog mit nackten Füßen um barem Haupte zu ber Heilsstätte. Nachdem ich bort alles Uebliche uni Reinigende verrichtet, trank ich zum Abschiebe noch einmal von jegliche Rohre bes Brunnens, ber, wie Ihr wißt, dem gesegneten Leibe San!! Meinrads entsprungen ist. Wie in den andächtigen Mund von einer Rohre weghebe, sehe ich ber nächsten bas burftige Haupt eines Pilgers hangen, bem ber reti Aermel leer an ber Seite nieberfiel. Jetzt erhob auch er bas Angesich! gegen mich, unb wir schauten uns in bie Augen. Ehe wir uns besten weiter versahen, waren wir beibe ausgesprung « unb hielten uns an ben Gurgeln — Trustän Grimm unb ich. Da erscholl neben uns ein kräftiger Baß: .Hänbe weg!' unb ein blüh» ber, junger Mönch fragte uns nach Herkommen unb Heimat. Als er erfuhr, ber eine von uns sei ber Kreuzträger bes heiligen mas, ber anbere ber Leibknecht König Heinrichs gewesen, fanb er es mu zeihlich, bah wir uns an bie Hälse gefahren, schieb uns aber mit gW mäßiger Buße, jedem seine Zahl Vaterunser auferlegenb, unb der eist lichen Predigt, kleine Leute hätten sich nicht in ben Streit großer Heini zu mischen, zumal wenn biefe schon an einem ber brei jenseitigen Lm ihren richtigen Platz gefunben hätten. So zog jeher von uns seine Straße. Ich in meine Werkstatt am RfM Trustan Grimm nach bem Heiligen Grab, noch etwas Boses gegen ®( lauen schwäbischen Pfaffen in seinen roten Bart murmelnd. Nach zehn Jahren erhob ber noch heute regierende Papst, bem Engellanbs unb ber Christenheit Gehör gebenb, Herrn Thomas in wj leudjtenben Kreis der Kirchenheiligen. Statt ber geforberten brei Wunw wurden deren über hundert vermeldet unb verbürgt, unb das verbiem«' liehe Sterben auf den Stufen bes Altars wog nicht weniger in ber Sa® feiner Mürbigkeit. i Als solches ben christlichen ßänbern verkünbigt würbe, schrieb ich "" Namen bes Herr Thomas in meinen felbftgefertigten Kalender e» hart unter bie kleinen ersten Märtyrer, bie unschuldigen Kinblein Bethlehem, mit welchen er freilich, ben gewaltsamen Tob burch SchrW ausgenommen, nur wenig gemein hat." In biesem Augenblick fuhr Tapp scharf bellenb auf, und bald ort wartete ihm von der Gasse heraus Rübengeheul unb Rohgestampf. ® greller Fackelschein fuhr burch bas Zimmer, und wie bie beiben in® hölzernen Söller hinaustraten, erkannte ber Armbruster an ber SW bes bie steile Gasse herabreitenden Jagdzuges seinen Gönner und SM ner, Herrn Kuno, und wurde auch von ihm erkannt. Denn während Linke bes jungen Chorherrn ben Zügel kürzte, riß er mit ber ReM einen vollen Lebersäckel aus seinem Gewanbe hervor, welchen er C*1 Armbruster in großmütiger Laune entgegenstreckte Hans wollte sich beurlauben, doch Herr Burkharb legte ihm die S ternbe Hanb auf bie Schulter. _ „Freund", sagte er, „nächtige du unter bem Dache von Sankt M unb Regul! Hat dich boch ber heute hier regierenbe Heilige einen knecht genannt unb möchte dir leichtlich, unversöhnt, wie er ist, auf pc"?‘ finstern Wege zur Herberge Fallstrick und Hinterhalt legen. Gehe - und erhebe deine Schuld bei Herrn Kuno, ehe die Würfel raffeln. UN wird dir das Lager in meiner Kammer gerüstet. Ich schlafe wenig, ui) es ist mir lieb, heute nacht einen lebendigen Atem neben mir zu Lcn denn ich fürchte, das blutige Haupt des Herrn Thomas könnte mir ir Dunkel der Nacht oorschweben! Morgen aber, als am Tage des gottseligen Königs David, magst du gtrost deines Weges gehen." An die Geliebte. Von Eduard Mörike. Wenn ich, von deinem Anschoun tief gejim,, Mich stumm an deinem Heilgen Wert vergnüge, Dann hör ich recht die leisen Atemzüge Des Engels, welcher sich in dir verhüllt. Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüg. Daß nun in dir, zu ewiger Genüge, Mein kühnster Wunsch, mein einiger, sich erfüllt. Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, Ich höre aus der Gottheit nächtger Ferne Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen. Betäubt kehr ich den Blick näch oben hin, Zum Himmel auf, da lächeln alle Sterne; Ich knie, ihrem Üichtgesang zu lauschen. — Sprechen Sie italienisch? Von Or. Hildegard Geppert. Lei parla italiano? — Li, signor, un poco. Come sta, signorina? — Tante grazie, sto molto bene. Piace Italia? — La Sua patria e bellissima! Klingt hübsch, wie? Beinahe so als ob die Dame nicht über zwanzig, |mbern über tausend Worte italienisch verfügte, mit denen sie in liebenswürdiger Unterhaltung mühelos vor dem Gesprächspartner paradiert, an- nutig an die Balustrade einer Terrasse gelehnt, die den Meeresblick gibt 8i| den Golf von Napel, oder das Vorgebirge von Portofino. Aber alle Pümen, Pinien und glühenden Sonnenuntergänge helfen ihr nichts, wenn der Gegenüber nun einen Satz sagt, den sie nicht versteht. Was fügt er? Ob die Autostraße gut im Stande gewesen sei? Ob ste sich Gältet habe? Oder sprach er von Politik? Eine (grammatikalisch falsche) Litte um Wiederholung der Frage ruft einen ganzen Sturz erklärender Litze hervor, aber klarer wird die Unterhaltung dadurch keineswegs, im fegenteil: sie erzeugt ein durchdringendes Gefühl von Ratlosigkeit, das hie Dame unter einem Lächeln zu verbergen sucht. Der Italiener spurt V-s sosort, er schwärmt förmlich für hilflose Frauen, sie kommen seiner Statur entgegen, die ritterlich ist. Er versucht dem Gespräch eine andere Achtung zu geben, va bene, seine Frage war nicht so wichtig, die signorina tirb sie später verstehen, wenn sie bei ihm sprechen gelernt hat. Er fragt dieses und jenes, er ist ungemein wißbegierig — um nicht $. sagen neugierig — und wenn die signorina ihn versteht, sagt sie si, Eibernfalls no, im Zweifelsfall lächelt sie, er auch, aber er redete noch endrein! Wenn er doch die bekannten Vokabeln gebrauchen wollte, aber Enn, er drückt sich ganz anders aus als sie es erwartet, kaum ein bekann- Ita Wort fällt. Und wenn ihr sprachungeübtes Ohr glücklich eines erwischt, |i klingt es sonderbar gedehnt, verkürzt — keineswegs so gedruckt wie sie es gelernt hat. Wenn er nur nicht so rasch reden wollte! Aber vielleicht d-nkt er, daß die Menge der Worte das Sichverstehen fordert. Wie uber= ligen er mit den unregelmäßigen Verben umspringt! Hat er eigentlich eme Ahnung, wie schwer diese Biester zu konjugieren sind? Nein. Er tft Eit ihnen geboren worden, er hat sie von Jugend auf verwandt, r b aucht gar nicht darüber nachzudenken. Daher die Bezeichnung Mutt.r- n-rache. Viel Vergnügungsreisende halten es mcht für nötig, sich in der Drache des Reiselandes ein wenig umzutun; sie begnügen fid) mit ber Ssweis-Fraqe quanto costa?, die übrige Verständigung und Unterhaltung ibertaffen sie denjenigen, die sich nicht immer nur der noch fo guten beut= foen Reifeführung anoertrauen wollen, sondern auf eigne 3auft Slbetv taier, und seien es noch so harmlose, suchen. Wer auf Reisen nicht die Sfcenteuerhift seiner Kindheit wieder erwacht, diese herrlich erregende N, S er nach Fremdem und Sonderbarem, dem widerfahrt nicht die-recht S eifefreube, ber Zauder ber Ferne unb ber Verwandlung. Und es g 'Eben ben üblichen Hafenschenken unb verlassenen Räuberhöhlen m» Jen nichts, was abenteuerlicher wäre als ein Eingehen in die Sprache es Landes, für den, der Ohren hat, zu hören. Denn selten trifft derSatz ?aß die Sprache das Leben eines Volkes ist sovöllig zu wie auf das Mienifche. Richtiger gesagt: das Sprechen! Gegen Italiener wirken deutsche immer maulfaul und temperamentlos, denn alles iwas den Jta- -ner angeht unb erregt, fetzt er in-Sprache um (Daher Rtne (*«««««« s erehrung für Einsiedler jeglicher Religion, die sich m die Wüste begaben, "Vn die ^uppig^ wuchernde Alltagsrhetorik hinein begibt sich der lern- tfrige Deutsche, wohl versehen mit den nötigsten Redewendungen seines Sprachführers und meist ahnungslos, welche nicht endenden M ß tanbniffe feiner warten. Das übliche Frage- und AntwurLSp Mnfäalter, im Gasthof gebt zwar noch ohne sonderliche Schwiengkeiten sich, aber schon bas Studieren ber Speisekarte ist t : ^od) wort- und ratlosem Starren auf diese Hieroglyphen ftscht der i putsche Gast aufatmenb endlich die beiden im bekannten W > ' I 'usotto und bistecca, er braucht also noch nicht zu verhunger| , ® «ber an Hanb bes Sprachführers bie Speisekarte »u Vberfetzen, P '»rmen sich bie Schwierigkeiten ins Ungemeffene; benn welcher, bayeim wohlversorgte, deutsche Ehemann, der sich aus Küchenfeinheiten nicht ver? steht, kennt den Unterschied zwischen gedämpst, gebraten, gegrillt, geschmort, abgeschmelzt, ausgebacken usw.? Er muß mit Befremden feststellen, daß man die Mannigfaltigkeit deutscher Ausdrücke erst kennen lernt, wenn man sich mit einer fremden Sprache beschäftigt. Er aber will sich fürs erste an bas Einfache halten, an schlichte Sätze mit Verben ber ersten Konjugation, ohne Konjunktiv, an klare Aussagen unb Fragen. Leiber aber ist ber roürbige ältere Herr, den er nach dem Weg fragt, burchaus nicht fürs Einfache; er beschreibt wortreich ben Weg, rät auch zu einem Umweg, um eine berühmte Kirche zu sehen unb bietet sich schließlich als Begleiter an. Zeit haben bie! Immerhin, dieser alte Herr spricht ein sehr schönes, klangvolles Italienisch, ber Deutsche kann sich geradezu an dem Schwung unb Tonfall seiner Sätze erbauen, er versucht unwillkürlich, bas volle offene o ber Endungen, die deutlich doppelt gesprochenen 11 und mm nachzuahmen und er merkt sich bald die unentbehrlichen Redewendungen male da poco (wenn es weiter nichts ist!), ecco (sieh dal), va bene (einverstanden, schon gut). Man kann sie bei allen Gelegenheiten in verschiedenartigstem Tonfall verwenden unb halbe Gespräche bavon bestreiten, bie sich bann bereits ungemein „italienisch" ausnehmen. Männer lernen zweckmäßiderweise einige Fluche, bie an richtiger Stelle angeroanbt, Wunber wirken unb die italienische Meinung bestätigen, daß die Deutschen ein rauhes streitbares Volk von offener Gemütsart feien. Was bie Achse Berlin—Rom auf italienisch heißt, lernt man aus jeher Zeitung unb aus den zahllosen Häuserwandinschrif- ten, die Mussolinis lapidare Sätze kundtun. Hören unb lesen — anders lernt sich eine Sprache nicht. Man kann es „herrlich weit" darin bringen, kann vom Wetter, Essen, Reisen, auch ein wenig von Politik sprechen, kann eintaufen unb mit ben Droschkenkutschern hanbeln (man muß immer mit ihnen hanbeln!). Was aber, wenn man von einem ßanbsmann in ben Nöten einer Auto- panne als Dolmetscher herangezogen wird? Der Mangel an Kenntnis ber Fachausdrücke tut sich wie ein SIbgrunb auf. Gottlob ist bas Auto- ahren eine international beliebte Betätigung unb eine Zünbkerze sieht in einem italienischen Motor genau so aus wie in einem beutschen. Man braucht also bas Ding gar nicht zu benennen, sonbern nur auszuwechseln unb schon ist der Schaden behoben! Die Dinge sprechen für sich selber. Und zudem gibt es ja noch den Zeigefinger, diese wirklich unübertroffene Erfindung der Schöpfung, mit ber man sich mangels Worten prächtig behelfen kann. Wenn er nicht wäre, wie könnte man eintau en? tinb wenn feine neun Kollegen nicht wären, wie könnte man bezahlen? Um etwaigem Mißverstehen ber Zahlennamen vorzubeugen.) Aber mehr als bas: wozu sind Hänbe, Arme, Füße, ja ber ganze Körper ba, wenn man nicht unwillkürlich burch ihn auszubrücken versucht, was man mangels Vokabeln nicht sagen kann? Diese ganze körperliche Existenz, bie bei bem verhalteneren Temperament bes Deutschen nur eine bedingte Rolle spielt, sie erweist sich als erstaunlich ausdrucksfahig, wenn die Sprache versagt. Was Hirn und Mund nicht zu formen vermögen, das vermittelt ber Blick, bie Geste, bie sich am mühelosen Ausdrucksreichtum der italienischen Körperlichkeit förmlich entzünben. Unb siehe ba, angerührt von bes Italieners Leichtigkeit fühlt sich ber Deutsche geloster, verjüngt, eine höchst erwünschte Verwandlung, und nicht nur Frauen zu empfehlen! Also: wer italienisch lernt, wird klüger, jünger, schöner. Denn Lernen ist eine Spielart bes Eroberns unb wer erobert, fühlt sich als Sieger (wenn auch nicht auf ber ganzen Linie ber verzwickten italienischen Syntax!). Was aber bas Schönerwerben beim italienisch lernen betrifft — eine Sache, bie hauptsächlich Frauen angeht —, fo sei gesagt, bah Komplimente um so wohler tun, je vollstänbiger man sie versteht. Also lerne italienisch, um bir sagen zu lassen, wie schön wie reizend du bist, denn der deutsche Mann sagt es dir nicht in ber Annahme, daß du es ohnehin schon weiht, ober baß bu feine Schmeichelei nicht glaubft. Der Italiener aber ist ber geborene Kavalier unb nichts geht ihm leichter von ben Lippen als das Lob der Frauen, llebrigens dringt bies eine angenehme Form ber Unterhaltung mit sich: bie signorina kann zuhoren, ohne widersprechen zu müssen. . ,r, _ , So paradox es klingt: man lernt beim Italienisch-Sprechen auch das Schweigen, jedenfalls bie größtmögliche Vereinfachung der sprachlichen Mitteilung. Eine geistige Entfettungskur gewissermaßen Alles Zuviel, was man im Deutschen an Flickwörtern, Vergleichen, Schachtelsätzen gebraucht fällt weg, weil es unübersetzbar ist, auch wenn man über brei- tausend Worte italienisch verfügt. Der einfache Aussagesatz, bie schlichte Frage kommen roieber zu Ehren, wie wohltuend! Ja, man wirb geradezu kühn man kürzt bereits im Italienischen selbst, man bedient fid) mit Vergnügen ber volkstümlichen Rebewendungen bes jeroeihgen 2anv- ftriches, man bekommt bas Ohr für Dialektunterschiede. Wer bas volltönende römische Italienisch oder das rasche, scharf akzentuierende Florentiner liebt, wird mit Unbehagen den Faenzer D.afekt Horen, der die Dokalschönheii und Konsonantenreinheit auf eine schier unerträgliche Weise verwäscht. Aber wie reizend klingt bie weiche, ein wenig singende Mundart von Capri! Die unwillkürlich nachzuahmen, macht insofern besonderen Spaß, als der Capreser und auch der Neapolitaner die Endsilben fallenlassen, diese peinlichen Prüfsteine genauer Sprachkenntnis und rid3a m’itUaüenerfünfreinnen will das Italienische erfaßt werden, denn die Sprache eines Volkes ist ja nichts Geringeres als (em «eben selbst im vollsten Umfange feiner dinglichen und geistig-seelischen Substanz. Kaurn jemand aber, brr lebiglich zu Reisezwecken bie Sprache erlernt, mirb sich anmaßen, sie vollkommen zu beherrschen im Gegenteil: er wirb von seiner Reise als befonbers wertvolles Ergebnis eine heilsame Bescheidenheit mitbringen, ein Sichbescheiden auf das Notwendige Nutz- lickie unb bazu ein ehrfürchtiges Staunen über bie unendliche Mannig faltigteit die das sprachliche Leben einer Nation birgt und die ihn vielleicht'zu seiner Ueben ischung — auf den Sprechreichtum des eignen Volkes hinweist. Der itöcf. Don 21 u g u |t Kopisch. Es tont des Nöcken Harfenschall: Da steht der wilde Wasserfall, Umschwebt mit Schaum und Wogen Den Nöck im Regenbogen. Die Bäume neigen Sich tief und schweigen, Und atmend horcht die Nachtigall. — „0 Nöck, was hilft das Singen dein? Du kannst ja doch nicht selig sein! Wie kann dein Singen taugen?" — Der Nöck erhebt die Augen, Sieht an die Kleinen, Beginnt zu weinen ... Und senkt sich in die Flut hinein. Da rauscht und braust der Wasserfall, Hoch fliegt hinweg die Nachtigall, Die Bäume heben mächtig Die Häupter grün und prächtig. 0 weh, es haben Die wilden Knaben Den Nöck betrübt im Wasserfall! „Komm wieder, Nöck, du singst so schön! Wer singt, kann in den Himmel gehn! Du wirst mit deinem Klingen Zum Paradiese dringen! 0 komm, es haben Gescherzt die Knaben. Komm wieder, Nöck, und singe schön!" Da tönt des Nöcken Harfenschall, Und wieder steht der Wasserfall, Umschwebt mit Schaum und Wogen Den Nöck im Regenbogen. Die Bäume neigen Sich tief und schweigen. Und atmend horcht die Nachtigall. Es spielt der Nöck und singt mit Macht Bom Meer und Erd und Himmelspracht Mit Singen kann er lachen Und selig weinen machen! — Der Wald erbebet, Die Sonn entschwebet ... Er singt bis in die Sternennacht! Oie Farm „Hoffnung"'. Erzählung von Peter Mattheus. Martin Anderson verließ die Staaten im Jahr der großen Krise, nachdem er seine Stellung verloren und eingesehen hatte, daß er eine neue nicht finden würde. Er ging nach Mexiko. Seine hübsche junge Frau und siebzehnhundert Dollar Ersparnisse nahm er mit sich. Er war damals zwei Jahre verheiratet. In San Luis Potosi lernte er einen gewissen Gonzalez kennen, der sich mit dem Verkauf von Ländereien befaßte. Dieser Gonzalez bot ihm Land in der Nähe von Colima an, geeignet zum Anbau von Mais und Tabak. Ein ziemlich großes Areal. Der Preis sollte nur tausend Dollar betragen. „Warum ist es so billig?" fragte Martin mißtrauisch. Gonzalez zögerte ein wenig, ehe er antwortete. „Es gibt keine Eisenbahn dort unten", sagte er schließlich, „nur einen Fluß. Sie müssen die Ernte mit Booten zur Küste bringen. Aber machen Sie sich keine Sorgen deshalb — der Fluß ist gut schiffbar und hat nirgends Stromschnellen." Martin beriet sich mit seiner Frau. Sie war eine Farmestochter, und er stammte von norwegischen Bauern ab. Das Wagnis schien ihnen nicht allzu groß. Zudem verließ sich Martin auf seine Gesundheit und Stärke. Eine Besichtigungsreise hätte viel Geld verschlungen. Ec wollte sein Geld besser anwenden. Kurz entschlossen kaufte er den Boden. In Colima erwartete die beiden die erste Enttäuschung. Es zeigte sich, daß ihr Land Über zwei Tagereisen von der Stadt entfernt lag. Sie mußten Maultiere mieten, um die Geräte und Sämereien, die sie gekauft hatten, hinschasfen zu lassen. Als sie am dritten Tag auf ihrem Besitz an- langten, erlebten sie die zweite Enttäuschung. Das Land war da, und der Fluß war da. Das ließ sich nicht bestreiten. Aber der Fluß hatte die eine Hälfte des Landes in Sumpf verwandelt, und auf dec anderen Hälfte wuchs Üppiger Urwald. Möglich, daß der trockene Teil des Bodens gut geeignet war zum Anbau von Mais und Tabak. Aber erst einmal mußte der Urwald gerodet und der Boden selbst urbar gemacht werden. Das Gepäck war abgeladen worden. Nachdem die Peones ausbezahlt und mit ihren Maultieren verschwunden waren, blieb Martin nicht einmal genügend Geld, zurück nach San Luis Potosi zu reisen, um jenen Gonzalez zu verprügeln. Was hätte es ihm auch genützt? Seine Frau war nicht weniger tapfer als er. Sie beschlossen, zu bleiben und der Farm, die hier entstehen sollte, den Namen „Hoffnung" zu geben. Fürs erste errichteten sie ein Zelt. Am Abend kamen große Moskitos. Gleich am nächsten Morgen begann Martin mit dem Bau des Hauses. ' Nach vierzehn Tagen stand es fertig da. Ein roh gezimmertes Blockhaus mit nur einem einzigen Raum und einem primitiven Herd Aber es genügte ihnen. Dann fing die eigentliche Arbeit an. Martin zerhieb ßianenftränge, legte Bäume um und hackte die Wurzeln ftückweis aus dec Erde. Es war ein unerhört mühevolles Beginnen, zumal feine Werkzeuge für diese Art Arbeit unzureichend waren. Mitunter war abends kaum zu sehen, was er tagsüber geschafft hatte. Dennoch verlor er nicht den Mut. Und nach vielen Wochen hatte er endlich zwei kleine Aecker bereit, auf denen er Mais pflanzen konnte. Der Boden war nicht schlecht. Der Mais wuchs und gedieh. Wenn Martin trotzdem nie dazu kam, die Ernte mit einem Boot zur Küste zn bringen und zu verkaufen, so lag es daran, daß er erstens kein Boot hatte und zweitens die Ernte regelmäßig gemeinsam mit seiner Fran aufaß. Sie lebten in all diesen Jahren hauptsächlich von Mais. Mit dem Anbau von Tabak wurde es nichts, weil Martin niemals Zeit fand, ein drittes Feld zu roden. Er mußte alle Kraft aufwenden, die gewonnenen zwei gegen den wuchernden Urwald zu verteidigen. Eines Tages fand er beim Umgraben einen alten tönernen Topf, der zur Hälfte mit einem Gemisch von Erde, Asche und schwärzlichen Knochen gefüllt war. Ein unansehnliches Ding, grau und verwittert, mit einem abgebrochenen Henkelstumpf. „Häßlich", sagte Martin, „sehr häßlich." Er kippte den Inhalt aus, sah den Topf noch einmal an und wollt! ihn fortwerfen. Dann besann er sich. Vielleicht konnte man ihn noch einmal brauchen. Er trug ihn zum Haus und legte ihn draußen unter das vorspringende Dach. Dort lag er lange Zeit unbeachtet und vergessen, bis der Fremde kam. Der Fremde erschien, als sie im vierten Jahr auf der Farrn lebten. Er kam allein in einem Boot den Fluß herauf, legte an bei ihnen und fragte, ob er eine Weile bleiben dürfe. Er fei Amerikaner, Professor an einer Universität, und wolle sich ein wenig das Land ansehen. Er würde ihnen nicht zur Last fallen. Ein Zelt führe er mit sich und auch sonst alles, was er brauche. Martin und seine Frau waren froh, in ihrer Einsamkeit endlich wieder einmal einen Menschen zu haben, mit dem sie sprechen konnten. Sie sonderten ihn aus, nur recht lange zu bleiben, und stellten ihm ihren ganzen Besitz zur Verfügung. Uebnigens sahen sie den Mann tagsüber selten. Tagsüber pflegte er kreuz und quer den Urwald zu durchstreifen. lieber eine Woche war der Professor schon bei ihnen, als er den alten Topf an der Hauswand entdeckte. Martin konnte durchaus nicht begreifen, weshalb er so viel Aufhebens davon machte und fo viele Fragen stellte. Besonders wollte er wissen, wo der Topf gefunden worden war. „Dort drüben, am Rand des Ackers", sagte Martin und deutete aus eines feiner Maisfelder. Ob er noch mehr gefunden habe, fragte der Professor. Er habe nicht weiter nachgesucht, antwortete Martin. Immer wieder drehte der Professor den Tops hin und her. Offenbar konnte er sich von dem Anblick gar nicht losreißen. Ob er, der Professor, selber dort drüben graben dürfe, fragte er schließlich. „Bitte", sagte Martin bereitwillig. „Nur möglichst außerhalb des Feldes." Drei Tage lang arbeitete der Professor mit Axt, Hacke und Spaten. Mitunter am Rande des Ackers, mitunter drinnen im Wald. Dann wies er eine Reihe ähnlicher Töpfe vor, die er gefunden hatte, und fragte kurzerhand, ob die Fann verkäuflich sei. „Die Farm?" fragte Martin entgeistert. „Diese Farm?" Jawohl — diese Farm, entgegnete der Professor. Er wolle nicht nur den bebauten, sondern auch den unbebauten Boden kaufen. Alles zusammen. Martin solle gleich einen Preis nennen. Es käme ihm auf tausend Dollar mehr ober weniger nicht an. Er habe genügend groß! Vollmachten. Martin sah ihn an, etwa wie man einen Menschen ansieht, der einem klarmachen will, daß der Himmel grün und das Gras blau ist. Er begriff erft, als der Professor ihm erklärte, hier sei ein uraltes aztekisches Gräberfeld, das er für ein Museum in den Staaten ausgraben wolle. Ob denn die alten Töpfe wirklich einen Wert hätten, fragte Martin verblüfft. 0 ja, sie hätten schon einen Wert, entgegnete der Professor und lachte. Außerdem seien nicht nur Töpfe da, sondern auch Gerätschaften und Schmuck. Ec zeigte Martin ein Kettchen, an dem kleine grünliche Melall- plältchen bringen. Das sei Gold, sagte er. Martin verkaufte die Farm dann aber doch nicht. Er zog es vor, sie zu tauschen. Der Gedanke an jenen Gonzalez war mitbeftimmeri dabei. Leute wie Gonzalez mochte es viele geben. Und Martin hatte an der einen Erfahrung genug. „Beschaffen Sie mir", sagte er zu dem Professor, „eine ähnlich große Farm, aber mit besserem Boden. Dann können Sie diese haben." Der Professor ließ sich das Angebot schriftlich von ihm geben uni paddelte mit seinem Boot den Fluß hinab. Ein Vierteljahr später siedelten Martin und seine Frau auf eine Farm in der Provinz Tabasco um. Sie war nicht ganz fo groß wie die Farm „Hoffnung". Der Boden jedoch war ausgezeichnet, und Urwald gab es nirgends auf ihrem Gebiet. Von Anfang an war der Ertrag gut. Aut sind seither abermals vier Jahre vergangen. Martins junge Frau ist hübscher denn je. Er selbst ist braun wie ein Indianer und auf dem besten Wege, ein wohlhabender Mann zu werden. Und unter dem Sonnendach der Veranda kugeln zwei kleine Kinder umher. Ein Junge und ein Mädel. Die neue Farm hat übrigens den Namen „Erfüllung" erhalten. Martm fand, es sei in der Ordnung so. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriok. - Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsbruckerei A. Lange, Gieße».