GiehenerZainilienbliitter ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1939___________________Montag, -en U Dezember Nummer 96 Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 9. Fortsetzung. „Ich sage Ihnen, daß ich es will, und ich weiß schon, was Ich tun muß. Kommen Siel' Sie verschwanden. Margarete hatte unaufhörlich Paul betrachtet. Mehrere Male wollte er durch ein Geräusch oder durch Sprechen diese Unterhaltung unterbrechen. Sie zwang ihn, ruhig zu bleiben, indem sie ihm die Hand auf den Mund legte. Sie stiegen den Abhang hinunter und gingen nach Hause. Unterwegs sagte Margarete plötzlich nach langem Schweigen: „Ich hasse diese Frau! „Laß sie laufen", antwortete Paul. Sein Ton war so sorglos, daß Margarete sich beruhigte und den Zwischenfall vergaß. 18. Sie kamen zur Zeit des Abendessens daheim an. Auf dem weißen Tischtuche lagen in Bergkristallschalen Blumen, einige Früchte, schöne Pfirsiche, verlockende Weintrauben. Die Köchin — Feinschmeckerin und verschwenderisch — zwei Eigenschaften, die Kennzeichen der Berufung und des Berufes sind, brachte eine prächtige Juliennefuppe mit geröstetem Brot, dazu bestimmt, das, was sie ihr Herz nannte, zu erfreuen. Dann folgten Pasteten, nach denen sich Brillat-Savarin ein Jahr lang die Lippen geleckt hätte. Ein ungewohntes Geräusch drang aus dem Vorraum zu ihnen. „Sie können nicht hereinkommen", erklärte die Stimme des Dienstmädchens. „Ich sage Ihnen, Sie dürfen nicht hereinkommen!" • Man hörte das Geräusch eines Kampfes und das Klatschen einer Ohrfeige. Dann wurden die beiden Flügel der Speisezimmertüre mit Getöse ganz weit aufgerissen, und herein drangen Roosje und Siska, die in dem gewaltigen Umfang ihrer Krinolinen fast verschwanden. Die alte Frau war wütend, Siska bewahrte ihre übliche Ruhe. Beide konnten sich inmitten der Schachteln, Reisetaschen, Regenschirme, Sonnenschirme, Gummischuhe, Stiefel gegenseitig kaum sehen; all diese Gegenstände hingen an ihren Armen wie gewaltige Trauben, deren Beeren dank einer meisterlichen Verknotung von Bindfaden zusammenhielten. Siska trug an ihrem kleinen Finger den Ring eines Käfigs, in dem ein vor Furcht zitternder kleiner Kanarienvogel den Schnabel und die erschreckten Augen öffnete. Vier nebeneinander "marschierende Frauen hätten nicht soviel Platz eingenommen wie Roosje und Siska. „Wollen wir das dahin fetzen", forderte Siska auf, von den Schachteln sprechend. Es waren neun an der Zahl, aus denen eine Art Pyramide entstand. Der Kanarienvogel wurde auf ein« Kommode gestellt. Die Sonne drang in das Zimmer, und der Vogel begann betäubend zu singen. Sein freudiges Zwitschern diente den lauten und bitteren Worten Roosjes, die sich zunächst an Margarete wandte, zur Begleitung: „Das ist ja sehr schön —, so also läßt du deine Mutter empfangen! Ich war gezwungen, diese kleine Sau dort zu ohrfeigen", fügte sie, auf das Dienstmädchen zeigend, hinzu. — „Hörst du, du Tochter einer Eselin, dümmer als ein Krug, hörst du, du Gans und Truthenne? Ich bin die Mutter dieser .gnädigen Frau' dort, ihre wahre Mutter, ja, obwohl sie so tut, als ob sie es eben erst bemerkte." Margarete, ebenso erschreckt und bestürzt wie der Doktor, stammelte: „Du hast gut daran getan, zu kommen, Mama. Ich war unruhig deinetwegen und sehr traurig. Ihr werdet hier wohnen. Wir haben em schönes Zimmer für dich und ein hübsches ganz nahe dabei kür Siska. Ihr habt uns ein wenig überrascht. Eure Ankunft war so bizarr." „Bizarr? Was soll das heißen, bizarr? Ist das ein neues Wort? — Ja, wir werden hier wohnen, hörst du, kleines Perlhuhn", bemerkte Roosje von oben herab und immer noch zur Dienstmagd sprechend. „Mama", bat Margarete, Roosje küssend, „wenn du doch dieses Kind nicht schlecht behandeln wolltest, sie ist uns sehr zugetan." „Zugetan sein? Schlecht behandeln? Was soll das heißen? Habe 'ch dich schlecht behandelt, kleiner Dummkopf? Antworte!" Das Dienstmädchen weinte und richtete ihre großen, traurigen Augen M Margarete. „Antworte nicht, Jeannette", sagte Margarete, „Mama ist zormg, ">eil sie so heftig in das Haus eindringen muhte." „Sie hätte mir aufs Wort glauben sollen, diese Elster", erwiderte Roosje, „und sehen müssen, daß ich deine Mutter bin." Jedenfalls nicht an der Kleidung, dachte Jeannette, die unter Tränen lach-elte. „Du lachst, glaube ich, kleiner Schwachkopf. Wagst du etwa zu bezweifeln, daß ich ihr ähnlich sehe?" Die Dienstmagd nahm die Schachteln und ging, ohne zu antworten, hinaus. „Siska, folge ihr. Laß sie nicht mit diesen Schachteln allein, mtt den Tüchern und Bändern ... diese Mädchen ... geh schnell, Siska!" Siska mußte Margarete loslassen und ging , mit Jeannette hinaus. Roosie tat so, als ob sie erst jetzt Paul bemerkte, obwohl sie ihn schon mtt dem Blick chrer bösen grauen Augen, die sie immer auf ihn gerichtet hielt, viel grausamer beleidigt hatte als die Dienstmagd „Ah, guten Tag Herr Schwiegersohn!" begrüßte sie ihn grinsend. „Ah, guten Tag! ^>ch hatte Sie beinah vergessen. Sie sind ja wunderbar gut eingerichtet hier. Ihre Kranken zahlen gut, wie es scheint. Meine Frau Tochter war traurig, mich nicht mehr zu sehen; ich dachte es wurde chr Vergnügen machen, wenn ich hierher käme, um sie einige Tage zu Mafhgen, natürlich nur mit Ihrer Erlaubnis ..." »Sehr angenehm!" sagte Paul. „Sie werden mit uns essen. Siska, die sicher Hunger hat, wird alles, was sie braucht, in der Küche finden." Unter allen anderen Umständen würde Roosje diese Einladung natürlich gefunden haben, aber Paul, hatte einen Willen, einen Wunsch ausgedruckt; infolgedessen verlangte sie sofort das Gegenteil. „In der Küchel? Lieber würde ich selbst in der Küche essen Im .Kaiserlichen Wappen', und das war ein geachteter Name, da äfften wir nicht die große Welt nach. Siska und ich, wir aßen zusammen in der Küche. Und da nannte man die Küche nicht .Office* wie bei den Fürsten. Jetzt geben sich alle diese Bürger und Bürgerinnen das Aussehen von großen Herren und Damen, sobald so etwas weiß, wie man den Kopf trägt und wie ein Tanzmeister den Hut abnimmt, oder wie man die Krinoline hebt, als ob eine Flamme darunter brenne. — Sei still, Kanarienvogel, oder ich erwürge dich in deinem Käfig. Seht doch diesen, Vogel an,- der sieht auch aus, als ob er sich über mich luftig macht." „Aber Mama, ich verstehe dich nicht", sagte Margarete, „er singt, well man laut ist." „Schweig, du bist ebenso böse wie die andern. Und auf jeden Fall, wenn du nicht willst, daß Siska zusammen mit mir hier ißt an diesem Tisch, so werde ich mit ihr in der Küche essen." Paul war Über diesen raschen Beginn der Feindseligkeiten bestürzt. Ein Hund, der stundenlang heult, das nächtliche Glockengeläute, das in die Ohren eines Mannes, der Leibweh hat und schlafen möchte dröhnt, ein auf einer Fensterscheibe quietschender Kork, alles hätte Paul weniger gereizt, als der grundlose und unauslöschliche Haß dieser heftigen und unvernünftigen Frau. Und doch hatte er Milleid mit ihr. Roosjes Zorn war ein Leiden. Ihre harten Worte zeigten den Ausbruch einer ungewollten Wut an. Er läutete. Jeannette kam. „Decken Sie für vier", befahl er. Roosje war ihnen keineswegs dankbar. Pauls Ruhe regte sie auf. Siska kam wieder unä> setzte sich ganz verschämt mit an den Tisch, wie es ihre Herrin nachdrücklich befohlen hatte. 19. Roosje und ihre Kleidung standen in krassem Gegensatz zur Einrichtung des Zimmers, die frisch und jung und heiter wirkte. Pauls Künstlerseele haßte die Häßlichkeit und Abgeschmacktheit der Formen. Böse, groteske oder lächerliche Wesen zu sehen, war ihm zuwider. Für seine Schwiegermutter empfand er ein aus Achtung und Haß gemischtes Gefühl, das sehr bald in Zuneigung gewandelt werden konnte, wenn die alte Frau es gewollt hätte. Er verstand, warum sie so sehr strell- süchtig war und warum sie darunter litt, es wider Willen zu sein. Daher seine Geduld, die chn jedoch nicht hinderte, zu finden, daß Roosse ebensogut wo anders hätte fein können als in dem wohligen und reizenden Rest, das er sich für fein Glück und feine Liebe gebaut hatte. __ Das Kristall, die Früchte, Blumen, Nachbildungen der schönsten alten Kunstwerke, Bronzen von Sarge, Gemälde von Alfred Stevens, von Philipp Rousseau, de Clays, weite, ttäumerifche und tiefe Seestücke von Fölicien Rops, auf denen es von markig und prächttg gezeichneten Menschen mit wunderlichen Gesichtern wimmelte; ein guter Bittens; einige holländische Studien von Schampheleer; Landschaften in ruhigen, zarten oder auch kräftigen Tönen. All« diese Kunstgegenstände schienen wie die Seele des wahren Künsllers, in vornehmer Verachtung und über alles erhaben wie die Kunst, mit Widerwillen die Schirme, Schachteln, weiten Krinolinen und auch Roosje mit ihrem Zorn, ihr galliges Aus- fit fest. 20. bewußt wieder hin. „ . . r Paul verstand und rieb sich den Arm, ohne etwas zu sagen. Er hat zwei Blaue", sagte Siska ganz leise Roos,e ms Ohr. Roosie grinste und verschlang, beglückt, ihren Feind so durch Siska behandelt zu sehen, mit Genugtuung die Pasteten roie „carabitjes und gab ihrer Sklavin unterm Tisch einen zustimmenden Fußtritt „Hehe ne sie und streckte die Hand nach der Platte aus, auf der noch zwei Pasteten übrig waren. Aber Paul war der Ansicht, daß die Diener am Lande Brabant stets einen Teil von dem, was die Herren essen, haben müssen, und gab ein Zeichen, die Pasteten svrtzutragen. v n Roosje schien das nicht zu bemerken. Wahrend sie den ersten Gang erwartete, blickte sie um sich. Sie betrachtete den bescheidenen Aufwand, mit dem die Tapete geschmückt war, sie gab sich den Anschein, als ob das Kristall die Augen blendete, und als ob sie vor den Bronzen außer sich I geriete und als ob sie vor den alten Eichenmöbeln die Arme zum Himmel erhöbe. Dann setzte sie ihre Brille auf, um den Feingehalt der Bestecke festzustellen. „Hum, hum", murmelte sie, „hier wohnen feine Leute! Ein schwerer Beruf, die Medizin! Die Kranken werden gehe.ll oder nicht, das ist ganz gleich; der Arzt muß auf leben Fall bezahlt Margarete antwortete: „Es gibt aber solche, die Leute für nichts wieder zum Leben erwecken und zehntausend Franken zuruckgewiesen haben die sie hätten bekommen können." Roosje tuschelte, ohne zu antworten, Siska ins Ohr: »„Sie ist auch gegen mich. Aber warte, sie wird schon sehen, was ich tue. .Was sagst du, Mama?" fragte Margarete, die unruhig geworden war, als sie den gereizten Zustand bemerkte, m den der hinterlistige Angriff Roosjes ihren Gatten versetzte. Jeannette brachte jetzt gedämpftes Rindfleisch, dos einen köstlichen Dust verbreitete, mit gekochten, mehligen, dampfenden Kartoffeln. „Ich sagte", antwortete Roosje, „wenn man so gut ißt, so ist es nicht verwunderlich, wenn man so dick wird wie du." „Mama", sagte Margarete errötend, „>h lieber... Wer sagt, daß ich nicht essen will? Ich kenne jemanden dem ich zuviel Vergnügen machte, wenn ich nicht äße. Ich habe Appetit, einen famosen Appetit für eine Frau meines Alters, die niemals weder einen Arzt noch eine Medizin gebraucht hat." . .. .. „Nehmen Sie etwas Rindfleisch?" fragte Paul Roosje die Platte reichend Roosje bediente sich und ries, während sie ihr Fleisch mit großer Entrüstung zerschnitt: „Verdauungsstörungen?" — ___ Niemand hatte von diesem Uebel gesprochen — „Verdauungsstörungen! Das ist etwas für die Bürschchen in den großen Städten, die einen Magen so groß wie ein Schnapsglas haben, meiner enthalt, jo alt wie er ist, fünf Liter." . .Hier find Kartoffeln", mahnte Paul. „ „Ich werde einige nehmen, Herr Schwiegersohn. Sie wählte die schönsten aus und sagte dann, Siska die Platt« gebend, ganz leis«: „Nimm wie ich die schönsten, die andern sind gut genug für sie."' Mer Siska, di« nur auf Margarete sah, nahm nur efn kleines Strick ^^'roiU^bu^e 3ierpuppHpkIen?".fpruMte Roosje heraus und legte ihr selbst eine doppelte Portion auf, die Siska gehorfam verzehrte. Darauf W sie Mska wieder ins Ohr: „Ich werde ihnen den Appetit ver- ^^Hehe^^sagte" fte ganz laut, nahm Fleisch für sich und häufte »rohe KHh-fTnnf Siskas Teller auf. „Hehe, die Karbonaden sind ein wenig fett Ist es wahr, Herr Schwiegersohn, daß man >n Brussel im Hospital Saint-Pierre den abgeschnittenen Gehenkten den Bauch ofsn^ wie Schwei- n«n um das Fett daraus zu gewinnen, und daß dieses Fett an Hexen verkauft wird die es um ein Uhr nachts beim Pförtner holen, einem Kerl, blaß und fett wie richtiges Hospitalfleisch, der immer Zornig if, anm'^ama?rief Margarete, „ich bitte dich, schweige. Das ist jo, als ob du Würmer auf meinen Teller würfest. Du hast also den Appetit verloren", sagte Roosje „Die Aerzt« verkaufen hiervon ein Gefäß mit einem Lot für achtzig Franken, ohne daß man dabei sicher ist wirklich Fett von einem Gehenkten ZU bekommen. Hiernach ist'es L erftauVd), daß die. Aerzte die in Sa.nt-P.err« gewesen sind, reich werden und wie die König« leben. In Belaien wird nicht mehr gehenkt", antwortete Paul. „Den 3er- bredjem SnbeT Äo^f «bge&niBtten, öder auch diese Art wird bald QU^,Dann", sagte Roosje, „läßt man die Gehenkten aus England kom- mCn®arum lachen Sie ‘foerr Doktor", fragte entrüstet die alte Frau. Er versuchte zwar das Gesicht in fein Taschentuch zu ^stecken, aber er wand fick vor Lachen. Wenn er sie ansah, um wieder ernst werden ZU wollen mußte er noch mehr lachen, so abgeschmackt lächerlich fand er sie. ^Dieses wlle Lachen griff auf Margarete, und Siskauber unddauertt iehr lange zu lange für die überreizte Eigenliebe Roos,es. Außer sich prangte wie ein Tiger auf und bedrohte Paul mit gebauter Faust „Das ist unwürdig, Herr Schwiegersohn, sich so über eine .alte Fr u lustig zu machen! Sie brauchen nicht jo stolz zu sein, weil Sie aus die fiocmdiule gegangen sind, und nicht einfache Leute, die em wenig scherzen wollen zum Narren' zu halten, „de zot bonden“, wie man m Brabant *a0t,',2u bist häßlich", sagte Margaret«, die ruhiger wurde, als sie ihre Mutter so aufgeregt sah, zu Paul. 51a,1 du^bist"häßlich"^wiederholte Margarete, um Roosje einen und ihre bösen, kleinen, wilden und eifersüchtigen Augen, Re aeradezu ungeheuerlich wirkten, zu betrachten. , ” ffiferiüchtia? Ja sie war es sogar auf die Kleidung 'sirer Tochter. Einen Augenblick dachte sie mit Bedauern an ihren Schanktisch tm Srlichen Sßappen2 zurück; an ihre Töpfe, Tassen, Slawen und Gläser an den Kreis dummer oder schlauer Bauern, in deren Mitte sie sick, wohlfühlte, ja sogar an ihr kaltes Haus, m dem,sie. Dam« und Baesin war Hätte sie nicht ihr Ziel erreichen wollen, so hatte sie so- fort das Haus ihrer Tochter verlassen. Sie zögerte, ob auch sie sich noch der Mode anziehen sollte und Margarete bitten, ihr hienn einig Stunden zu geben oder ob sie ihr« Volkstracht behalten sollte, um Paul besser ärgern' zu können, wenn er seine „Besuche aus der großen Welt" empfangen würde. An diesem leichteren letzten Entschlüsse hi Ader weder der Doktor noch die Sonne, die Blumen, die Knstalle oder die Kunstwerke hatten Haß aus ö.sta, die m ihr Schicksal er- oebene Dienerin, di« liebende Sklavin. Mochte sie auch noch so plump gewachsen sein, di« Güte verlieh ihrem Gesicht einen vornehmen Aus- JSfTÄ $n?S K-ÄÄ"« tm X>ellcr „Was ist denn, Siska", fragte Margarete. Siska antwortete verlegen und ganz rot, wobei sie sich die Augen mit ihrer schwarzen Seidenschürze, der Sonntagsschurze, trocknete: Fräulein Frau, ich möchte Sie so gern noch küssen. " Komm Siska, komm", sagte Margarete und stand auf, um ihr entgegenzugehen. Die beiden grauen blieben sich so eine Minute lang in 96en Armen liegen. Das Geräusch der Küsse schallte im Speisezimmer wie ein Gewitter üb er quellender Freundschaft. Siska wurde dadurch so ermutigt, daß sie ausrief. „Das ist viel besser als Pasteten!" Dann näherte sie sich Paul, zwinkerte ihm einmal freundschaftlich und dann sehr „spitzbübisch ZU, um ihm so mit« zuteilen, daß sie unangenehm zu ihm sein wurde, um Roosie einen Gefallen zu tun. Zu diesem Zwecke drückte sie den Daumennagel heftig gegen den Zeigefinger, wandt« sich dann mit dem andern Auge zwm- kernd zu Roosje und zwickt« Paul bis aufs Blut wobei sie zu .hm in einem zugleich zärtlichen und wilden Ton äußerte: „Sie Sie sind — ich kann nicht sagen, was Sie sind. Nein!" Sie wollte, daß Roosie ver- **"«»1»- »ch ®‘f,rod>liü>X"' er Ifl WW, -»-d-chove R-o-i- unter ®r vergißt, daß ich deine Mutter bin, das kannst du nicht ertragen! Margarete eilte zu ihr, liebkoste sie, lieh st« vom Tisch gusstehen und nahm sie auf ihre Knie. Sie drehte dem Doktor den Rucken und meinte, weil sie ihre Muller traurig sehen mußte, Roos,e, die Paul «ns Gesicht leben konnte grinste und zerhackte auf ihrem Teller ein Stuck Brot nut dem Messer.'Und die kleinen spitzen Zähne Roosjes fchimmerten zwischen ihren Lippen wie die Zähn« eines ausgehungerten, bösen Haifisches. Margarete bemerkte bald, daß Roosjes Ruhe wiederkehrte und ging wieder auf ihren Platz. Jetzt gab es Rebhühner. Dieses Wildbret, das mit gerostetem Brot gereich! wurde, war für Roosje Anlaß zu einer fürchterlichen Aufregung. 8 „§s ist unwürdig", rief sie, „ja, unwürdig, Rebhuhn zu effen, wo es 1 ^Margarete^verflicht« vergeblich, ihr klar zu machen, daß ein Schmuggler, ein großer Jäger, durch Paul von Ischias gehellt, ihm ein halbes Dutzmd^ geschickt l^itt^stohlene Rebhühner", antwortete Roosje, „gestoh- lenes Gut'tut niemals gut! Wer würde für mich einen Schmuggler fm^n, dem es Spaß machte, Rebhühner, die vier Franken bis mer Franken fünfzig kosten, zu halben Dutzenden zu verschenken Das sind alles Lugen. Klappen zyn geen oorden (Lügen sind kein Geld), wie man in Brabant agt. Und selbst wenn man sie Euch gegeben hätte was nicht W )t, o hatte man sie durch diese kleine Bettlerin, der ich eben «ine Ohrfeige i gegeben habe und die sicher auch von diesen Rebhühnern zu funfFranken chren Teil essen wird, auf den Markt schicken sollen. Ich werde es ihr jedenfalls nicht nachmachen." Der Doktor nahm Roosje beim Wort und zerlegte in aller Ruhe Ute Rebhühner. Hierbei achtete er so wenig auf bu alte Frau.Äs ob sie au, dem Gipfel einer jener Pyramiden gesessen hatte die nach Bonapart während vierzig Jahrhunderten nur deshalb existierten, um auf seine Soldaten herabzuschauen. Von den zerlegten Stucken gab er die schönsten Margarete und Siska vor den erstaunten Augen R°os,esd.en,cht-°u ihren Teller kommen sah. In diesem Augenbl.ck oerschwand ihr Zorn sie versuchte zu lächeln, als ob sie zeigen wollte, daß sie den Scherz gelungen sände; sie wollte sprechen, aber grenzenloses Erstaunen heltdi «Worte auf ihren Lippen. zurück. Die Rebhühner strömten einen lieblichen Dust aus. Sie nahm ihr Messer und fuhr mit der Klinge auf dem Ranö ihres leeren Tellers umher, gleichsam em erster Anruf an ihren Fetno, es bedeutete, auf dem Schlachtfeld um Gnade bitten. Sie nahm sich vor, edel und groß zu sein, und sie wurde nachher m einem Anschein von großem Zorn vom Tisch aufttehen. Wenn nurdi^ verteufelten Rebhühner nicht vor ihr standen, deren Duft ihre Zahn um einen Zoll verlängerte! Wie sollte sie dieser Versuchung widerstehen Sie bat um geröstete Brotschnitten Paul reichte ihreine «JW- Tunke, in das geröstete Brot emgebrungen, ließ Roosie das Wasier -w Munde zusammenlaufen. Sie bat um Apfelmus, aß es und sagt« ganz leise zu Siska: „Reiche mir deinen Teller und sage, du hattest kein Hun^r me^rl zerstreut uni) hungrig, ohne etwas zu hören. Bald blieb nichts mehr auf ihrem Teller. I (Fortsetzung folgt.) Vorweihnacht. Von Herbert Böhme. Laßt um des Herdes warme Glut uns hocken, die Lichter strahlen frohe Sendung aus, indes der weiße Mond mit blanken Flocken umspinnt das so erhellte, stille Haus. Der Mutter sanfte Stimme nun zu lauschen, daraus die schönsten Märchen bunt erbluhn, derweil von fern die frommen Wälder rauschen und Sterne tief sich in den Himmel glühn, gilt unser Wunsch, daß selbst die Kleinsten schweigen, und große Augen durch die Dämmrung sehn, • bis leichte Schritte auf verschneiten Zweigen des ersten Traumes in die Weihnacht gehn. Visionen. Von Jos. Friedr. Perkonig. Es war an einem jener gottverlassenen Nachmittage, an denen die ktrohenlampen schon um vier Uhr zu brennen beginnen. Ich war traurig Ihne Ursache und konnte nicht in meiner Wohnung bleiben. So saß ich ienn in einer Weinstube, was selten genug geschah, mied die Gesellschaft mderer Gäste und schaute zu einem vergitterten Fenster hinaus, denn Üe Trinkstube befand sich in einem uralten Hause. Der Novembernebel füllte die Straßen, gespenstisch standen die laub- Iteren Bäume darin, jeder Mensch, nur für Augenblicke ein irdisches Wesen, wurde ein grauer Schatten, den die Dämmerung in sich saugte. Wie entzündete Augen brannten in dem weihen Flor die Lampen. Ich llmnte die Straße auf einmal nicht mehr, auch das gegenüberliegende Haus war mir fremd. So durch meine eigenen Sinne völlig einsam geworden, starrte ich in den Nebel hinaus. Plötzlich schrak ich zusammen: dort an der Ecke stand eine Gestalt; bas Glühlicht an der Hauskante brannte, im Dunst zerstäubt, gleich einem Glorienschein über ihrem Haupte. Es war feine Täuschung: ich kannte jede Umrißlinie, jede Bewegung des Wartenden so genau als tröre sie meine eigene gewesen — es konnte nur mein Freund Anselm Nino fein. _ , , ,, . Aber Anselm Gino war seit sieben Wochen tot; im September starb tr an einer grauenhaften Angina. Dieser heitere, gute Südtiroler, der in dem Weindorfe Terlan daheim war, hatte elendiglich ersticken müssen. $r war Musiklehrer gewesen und wir fanden uns auf Spaziergängen bie uns seltsamerweise in den verschiedensten Windrichtungen zusammen- Ireffen ließen, ohne daß je eine Verständigung vorhergegangen wäre. Wir nahmen es gläubig und abergläubig als eine Bestimmung und vurden Freunde. _ , . , . , k r. Und nun stand er da draußen im Nebel, ging auf und ab und schien jemanden zu erwarten. Die Strecken, die er so durchpendelte, waren nur kurz, aber dennoch lang genug, um mich furchten zu lassen, er konnte mit einem Male im Nebel verschwinden. Ich reckte, aus beide Arme gestützt und weit vorgeneigt, den Kopf noch näher zum Fenster so daß mein Gesicht die Kühle der Scheiben fühlte. Auf Leben und Tod. es Ich "warf Geld auf den Tisch, stürzte einen Rest des roten Wernes in mid) und trat rasch auf die Straße. Der dicke Nebel war zu riechen der Fuß glitt auf dem nassen Pflaster aus. Mit unsagbar feinen Strichen flogen die Dunsttröpfchen gegen mein Gesicht. Ich suhlte, sah und roch über nur den Bruchteil einer Sekunde, denn meine Sorge die mich völlig erfüllte, war ja die Gestalt dort an der Ecke. Ich d°"e Muhe, ihr u folgen, ohne sie aus den Augen zu verlieren. Anselm G no " war es, ich kannte seinen Gang nur zu gut! — er hatte ^ "^hr warten wollen; und nun schien er Eile zu haben. Der Nebel chlucktt '^ förmlich in sich, aber durch meinen beschleunigten Schritt blnb uh hmter der mgewissen Gestalt, in die sich an diesem Tage seder Mensch verwandelt^ Smmer wieder erschien er für einen Herzschlag lang in den jartroten und gelben Lichtkörpern, die als schiefe Schachte aus k^n erleuchteten Fenstern in die Straße herabragten, aber bann stürzte er noch rascher h ®VfamJ?nun'in die Vorstadt, wo es nach Ruß roch. Lokomotiven des Rangierbahnhofs pfiffen heiser und ich eilte uber gleißenüe Schiemm daß mich nicht ein verschiebender Zug °ufh>elte. Anselm G no Zmg den Vorort hinaus. Hier im Freien war es 8e'stechatstill, ber Jtenei fnkte sich wie eine Schranke zwischen mir und dem Lebern Aber was wollte mein Freund hier heraußen denn^hier gab es nur n°ch öjr Friedhof, dann begann das leere Land. Er trat 5 ;t,n Mir Uifd?n ben alten Bäumen bes Parkes der Toten verlor h". Mm W nur noch als hörte ich deutlich ben g Ä“ Sa chlagen. Ich ging nicht hm, ich stand ohne tbeoanren, I-lbst gerufen. Ringsum tropfen borbar die Baume mich sropei P lich und ich fühlte jetzt die unangenehme Kalte des Novembernevei - | » ,., fs (Csio trauerte um Giino^unendlich unb war eltfame Erlebnis zu erzählen. Sie trauerte um U no i n - Man i ri den fieben Wochen seit seinem Tode b ah und ärgern re(j)en | durfte auch in ihrer Nahe dasWort„Musck nst n sie konnte Die Eltern des Toten hatten sie nach Terlan getaoen, sch nicht entschließen, dorthin $u reifen. besonderen | , Das Schloß des Ganges m ihrem Hause wa dmch emen ^^nnt Druck zu öffnen; als einem Freunde des Paares in der Luft. I Kein Licht brannte und ein sonderbarer G 1, L Uebelsein, das in l öä s es- ss °°° Deutscher Spruch. Von Kurt Geucke. Solange der deutsche Eichwald braust Und der Nordsturm in blonden Locken zaust. Solange sich deutsche Mannesart In alter Kraft und Treu bewahrt: Solange soll kein Gram an deutscher Seele nagen, Und du, mein deutsches Volk, an Deutschland nicht verzagen! Männer an der Zeitenwende. Von Hans Sturm. Zukünftige ahnen, als Wahrer des Erbes An der ersten Zeitenwende der griechischen r alte böotifche Sänger. Während Nach unerbittlichen Gesetzen vollzieht sich der Ablauf geschichtliche« Epochen. An der Schwelle des Uebergangs wirken Männer, die um bas Vergangene wissen unb bas Zukünftige ahnen, als Wahrer bes Erbes unb Künder des Kommenden. An der ersten Zeitenwende der griechischen Kultur steht Hesiod aus Askra, der alte böotifche Sänger. Während Homer, fein älterer Zeitgenosse, machtvolle Epen mit ben Heldentaten von Göttern unb Heroen aus mythischen Bezirken füllt, singt er von bent uralten Tun der ßanbleute, von der sich ewig verjüngenden Kraft der Scholle und vom Adel der Arbeit; wo Homer das Lob von Gottern und Giganten heraufbefchwort, greift Hesiod den tätigen Mann von echtem Schrot und Korn, erzählt von seinen Freuden unb Selben unb länblidjen Festen und vom Schicksal ber düsteren Erbgötter. Die bebeulenbften Werke fjefiobs, bie „Theogenie" (Abstammungslehre ber Götter), „Werke und Tage", „Der Schild des Herakles", hat Thassilo von Scheffel übersetzt, mit Vorwort und Anmerkungen in ber Sammlung Bie« terich herausgegeben unb bamlt eine vorbilbliche beutsche Hesiob-Aus. gäbe geschaffen. Auch er sieht Hesiobs befonbere Bebeutung barin, baß et feine Landsleute zurückwies „auf bas naturgebunbene Leben. Das war bebeutfam unb wichtig, wo doch bie ganze hellenische Kulturentwicklung in ber Richtung ber Pollis, bes Stabtftaates, lief unb hier bei köstlichen Blüten in ihrer Wurzel arg gefährbet war". Homer blieb ber großer« Dichter, Hesiod der größere Erzieher seines Volkes. An der Wende vom Mittelalter zu Humanismus unb Reformation steht Erasmus von Rotterbam, ben man ben „geistigen König seines Iahrhunberts" genannt hat. Er war ber erste Schriftsteller, ber in Europa feit bem Untergang ber antiken Welt mit feinen geistvollen Schriften Volk und Zeit aufrief; man benke an feine „Gespräche" ober an bie „Lobrebe auf bie Narrheit". Er schrieb nach bamatigem Brauch lateinisch, aber aus ber persönlich gefärbten Ausbrucksweise klingt überall deutsche Gerad- beit auf. Besonders unmittelbar gewirkt hat er durch seine „Briefe « die er mit dem Kaiser, ben Kirchenfürsten, bem Papst, mit Heinrich VIII Franz I., mit Paracelsus, Luther, Hutten, Thomas Morus Durer Pirk« heimer u v. a. wechselte; in diesen Briesen pulst das vielfältige Geschehen ber Zeit: bie „Hohe Politik" spiegelt sich barin unb bas religiöse Suchen, bie Meinungen ber Führenben kommen zu lebenbiger Darstellung. Sobald Erasmus heftig eingreift mit neuen Jbeen, wird er verdächtigt, so da, wo er die nach den Quellen arbeitende Wissenschalt gegen bie aüe Scholastik verteidigt. Trotz größten Fleißes mißlingt feine Lebensaufgabe, noch einmal bie geistige Welt zu einen in „frommer Menschlichkeit in ber firfi Antike unb Christentum begegnen. Die „Briefe" sind von Walther «übler verdeutscht unb mit Abbilbungen herausgegeben. In ihnen er- fährt man auch, warum Erasmus bas Opfer einer vorzeitigen Ueber- legenheit würbe, warum feine Gedanken von Geistesfreiheit usw. im Widerspruch standen zu den inneren Gebundenheiten von Staatunb Kirche. Ein wahrer „Helfer m Preußens Not war Henrich «iefsens. Das Sacktuch vor Mund ünd Naf«, einen flefen Atemzug In 5er Gung«, trat ich ein unb riß bie Fenster auf. Der Luftzug wehte ben Nebel auf bem Weg« vom Fenster zur offenen Tür hin. Ich trug Frau Klara an eines der Fenster; ba ich wußte, wo auf ber Kredenz ber Kognak stand, war mir auch im Dunkeln eine belebend« Effenz in die Hand gegeben. Als Frau Klara erwachte, sagte ich leis« „Ber Nebel wird bald zu Ende sein; es muß jetzt Frost kommen." War es nun bie Aufregung ober bas Leuchtgas — als ich die Frau wieder im Leben wußte, versank ich in eine Ohnmacht. „Der Wein ist zu stark, es war ein gutes Jahr, bas Dreiunbzwan« ziger", sagte eine Stimme neben mir. Ich sah auf unb meine Augen waren voll Derwunberung: ich sah in ber Weinstube, bas Gelb lag neben mir, bie Gasse war ganz finster geworben, bas Haus am andern Straßenufer nicht mehr zu erkennen. Ich sah ratlos unb hilflos ben alten Mann an, ber neben mir stand: es war eine Art gemütlicher Kellner, ohne Uniform, außer jener der Zutraulichkeit zu ben Güsten. „Es ist ein schwerer Terlaner Wein", sagte er. „Terlaner?" fragte ich schnell. Er nickte, glücklich, bah es solchen Wein gebe. Die Weinstube war alt und hatte kein Telephon. Ich wollte in bet Nähe nicht erst eines suchen, um keine Minute zu versäumen. Die Wohnung, aus ber sie ben lieben, sonnigen Anselm Gino fort* getragen hatten, war wirklich buntel. Aber es roch nach Aepfeln, di« auf einem Kastengesims in bem Flur gereiht lagen. Als ich bie Tür öffnete, kam mir eine traurige Frauenstimme entgegen: „Es ist gut, baß Sie kommen: ich habe wieder eine Stunde, in ber ich am liebsten sterben möchte!" „Das macht ber November, Frau Klara." Ich öffnete ein Fenster und bie kühle, nebelige Nacht strömte herein. „Die ganze Stadt ist beute traurig." Schweigen, Nebel, Abend mengten sich in bem Zimmer. Endlich sagte ich: „Es wird übrigens bald Frost kommen; bann werden klare Tage sein." Doch, wer keimt ihn? Als Sohn eines-Holstninsrs in Norwegen geboren, kam er früh als Dozent nach Halle, trat Goethe und den Romantikern nahe, verfaßte „Grundzüge der philofophischen Naturwissenschaft", die Goethe 1806 „aufmerksam" las und Fritz von Stein empfahl. In Preußens schwerster Zeit erkennt er, welche Aufgaben dem Deutschtum gegenüber der westlichen Ueberfremdung erwachsen, und stellte alles Persönliche zurück, um mitzuhelsen. In Breslau weilt er unter den Männern der Erhebung, Scharnhorst, Gneisenau, Arndt, Stein gehen bei ihm aus und ein, Porck und Hardenberg stehen ihm nahe, an die Breslauer Studenten richtet er die berühmte Rede, ruft Hessen zur Erhebung auf und zieht an Blüchers Seite in den Kampf. Alle diese Erlebnisse und feine freundschaftlichen Beziehungen zu Görres, Sailer, Arnim und die Brentanos, Jean Paul, Baader, Wilhelm Grimm, Runge, Cornelius, Humboldt u. a. hat er vor rund hundert Jahren in zehn Bärchen veröffentlicht. Willi A. Koch schied alles heute Ueberholte oder von der Geschichte Richtiggestellte aus und gab „Was ich erlebte" als 12. Band der Sammlung Dieterich heraus. Vieles aus dieser Zeit, vor allem die Jahr« der Erhebung, erfahren eine neue Beleuchtung durch dieses Erinnerungsbuch, diese eindringliche Rückschau auf eine große Zeitenwende. Henrich Steffens, der Freund der Romantiber, stand auch in freundschaftlichen Beziehungen zu Novalis, dem reinblütigen Romantiker, und begeisterte sich vor allem für seine „Fragmente"; Stessens hatte schon erkannt, daß Novalis fragmentarisch bleiben mußte, weil dieser Dichter das Stichwort zum letzten Geheimnis suchte. Damit griff der Dichter des „Heinrich von Ofterdingen" weit über die Ziele seiner das Jenseitige abtastenden Zeitgenossen hinaus in „traumdunkle Bereiche", die erst viele Jahrzehnte nachher ein wenig aufgehellt werden konnten. Mit einem fast unheimlichen Ahnungsvermögen überschaute er Menschenwerk und Zeitgeschehen, war auf vielen Gebieten zu Hause und prägte manche noch heute gültige Begriffe, etwa ,chie Vereinigten Staaten von Europa" oder „Geschichte ist eine große Anekdote". Da die „Fragmente" nur in wenigen großen wissenschaftlichen Novalis-Ausgaben enthalten sind, hat Otto M a n n sie geordnet, erläutert und unter dem Titel „Romantische Welt" veröffentlicht. Diese mit einem Bildnis des Dichters geschmückte Ausgabe zeigt, wie nahe Novalis unserer Zeit steht. Zu den letzten Mittlern zwischen zwei Zeiten gehört der Historiker Jacob Bu'rckhardt. Seine Lebensaufgabe legte er fest in dem Satze: „Rückwärts gewandt zur Rettung der Bildung früherer Zeiten, vorwärts gewandt zu heiterer und unverdrossener Vertretung des Geistes in einer Zeit, die sonst gänzlich dem Söffe anheimfallen könnte." Der Historiker des Niedergangs, der schon die Zerbröckelung der griechischen Kultur und die Verfallserscheinungen des konstantinischen Zeitalters geschildert hatte, läßt sich auch über den Charakter seiner Zeit nicht täuschen, so daß er mit Recht als „Wächter seiner geschichtlichen Stunde" angesehen wird. Aus einem geschichtlichen Wissen, das Jahrtausende umspannte, ward Burckhardt die Erkenntnis, daß Geschichte nicht nur Wissen, sondern auch Hoffen bedeutet; dieser gesunde Optimismus wird besonders in seinen Briefen deutlich, wo man lesen kann, daß die Völker Europas „physisch noch nnerschöpft sind", daß man insbesondere für Deutschland „in geistiger und sittlicher Beziehung auf unsichtbare Kräfte, auf Wunder rechnen muß". Die Briefe ergänzen die uns geläufigen Anschauungen Burckhavdts über Kunst- und Weltgeschichte, dazu vermitteln sie ein Bild der seelischen Voraussetzungen, unter denen der Gelehrte arbeitete und zwischenher Rückschau und Vorschau hielt. Eine gute Auswahl stellte Fritz Kaphahn zusammen und schrieb eine biographische Einführung dazu; zwölf Abbildungen erhöhen den Wert dieser „Briefe" (Sammlung Dieterich, Band 6) eines Kunst- und Geschichtsdeuters, der, 1897 gestorben, mit seherischem Blick bereits unsere Zeiten-' wende oorausgeahnt hat. Die hier besprochenen Bücher sind sämtlich in der „Sammlung Dieterich" (Dieterich'sche Verlags-Buchhandlung in Leipzig) erschienen. Sie kosten einzeln in Leinen gebunden: Hesiod, Werke, 3,— RM - Erasmus von Rotterdam, Briefe (mit 8 Abbildungen), 5,80 RM.' Henrich Steffens: „Was ich erlebte" (mit 8 Abbildungen), 4,25 RM.; Novalis: „Romantische Welt", die Fragmente, 4,— RM., und Jakob Burckhardt: „Briese" (mit 12 Abbildungen), 6,— RM. Das schönste Lied. Von Hans Franke. Einer der heldenmütigsten Führer im . Kampfe der Vendee gegen die blutdürstigen Herren von Frankreich war der Marquis von Bonchamps. Er wurde in dem Treffen von Chollet am 16. Oktober tödlich verwundet. Man kann sich denken, daß das Schicksal dieses Mannes, der der Sache der Royalisten mit am treuesten gedient hatte, die Erregung seiner Mitkämpfer aufs Aeußerste steigerte: man war fest entschlossen, 5000 Republikaner, d:e sich in den Händen der Vendee befanden, zu töten! Aber £>er sterbende Marquis erhob gegen dieses Vluturteil seine Stimme und es gelang chm, der Gerechtigkeit zu dienen, nun da seiner Tapferkeit ein irdisches Ziel gesetzt war. Die Fünftausend blieben am Leben, ja sie konnten bald darauf von den vordringenden Truppen der Regierung ..Ioer$'en' zerfiel doch die aus Landleuten, Adligen, Handwerkern und Burgern bestehende Truppe der Vendee immer mehr. v!u öen Flüchtlingen aller Art, die nun in diesen Tagen das aufgewühlte Land durchzogen, des Schutzes bar und von ihren Wohnsitzen vertrieben, gehörte auch die Marquise von Bonchamps mit ihrer zwölf- Mr'gen Achter Florence. Schutzlos irrten sie beide durch Hecken und t1 ?=er' ®,ei er ur*ö Hofe, hilfsbereite Hände fanden sich, ihnen weiter- zuhelsen aber zuguterletzt fielen Mutter und Tochter schließlich in den undurchdringlichen Sümpfen im Chantenay doch in die Hände ihrer Verfolger. Man erkannte die Marquise und das Standtribunal von Cban- tcnay verurteilte sie ohne langen Prozeß zum Tode. Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lange. — Druck und Verla Dieses Urteil nun mußte von dem Tribunal In Nantes bestätigt wetz den. Unter den Richtern befand sich der Bürger Haudandine, ein Kautz mann aus Nantes, der zu jenen Fünftausend gehört hatte, denen die letzte Bitte des Grafen das Leben gerettet hatte. Es gelang ihm, die Unterschriften von zahlreichen der mit ihm Geretteten auf eine Denkschrift zu vereinen und so den Konvent zu bestimmen, die Marquise z„ begnadigen. Die Ausfertigung dieses Aktes nun blieb aus Gründen der allgemeinen Verwirrung, Unordnung und Aufregung in Nantes liegen, und niemand im Kerker zu Chantenay oder im Tribunal dieses Orter wußte, daß die Marquise von Bonchamps, die in harter Haft gehalten war und deren Verurteilung man nach Belieben jeden Tag ansetzen konnte, begnadigt war. Eines Tages erhielt nun die tapfere Frau und heldenmütige Mutter, die lieber darbte als ihre Tochter auch nur de» Begriff des Hungers und der Pein kennenlernen zu lassen, von unbekannter Hand einen Zettel, in der ihr die Tatsachen mitgeteilt wurden, und sie beschworen wurde, so rasch als irgend möglich einen Boten nach Nantes zu senden, den Begnadigungsakt zu holen, der sonst unter de» Akten begraben werde, zumal die Gefahr bestünde, daß das befreiende Urteil widerrufen werde. Er selbst, der Schreiber, habe im Andenken an ihren heldenmütigen Gatten die Sache soweit geführt, es sei ihm aber unmöglich, mehr zu tun, wolle er sich nicht dem Rufe aussetzen, mit de» Royalisten zu konspirieren. Die Marquise von Bonchamps wußte sich in ihrer Seelennot keinen anderen Rat, als sich ihrem Kerkermeister anzuvertrauen. der wiederholt Zeichen menschlicher Gesinnung an den Tag gelegt hatte, im Gegensag zu anderen Wachtern und Soldaten, die nicht nachliehen, di« Gefangenen zu quälen und seelisch zu martern. Der gute Mann machte nach einigem Nachsinnen den Vorschlag, man solle die kleine Florence nach Nantes schicken, denn man könne einem Kinde diese Bitte, die ja gerechtfertigt schein«, nicht abschlagen. So kam es, daß Florence von Bonchamps, zwölf Jahre alt, an einem kalten, regnerischen Novembertage 1793 den Weg von Chantenay nach Nantes lief, ein Kind, in den Tiefen feiner Seele aufs tiefste gestört. Sie sah nun noch einmal die niedergebrannten Gehöfte, schlug die Hände vor die Augen, wenn Tote am Wege lagen, unbeerdigt und erschauerte, wenn hinter dumpfen Scheiben die bleichen Gesichter Hungernder erschienen. Des Gehens seit Wochen ungeübt, war selbst der Weg von drei Stunden für das Kind, das in ein großes Umfchlagetuch der Mutter gehüllt war, sehr anstrengend, zumal es sich vor vorüberziehenden Truppen uni) Hausen oft genug int Walde oder in Gräben verbergen mußte. Heftig schlug drum das kleine Herz gegen die Rippen, zitterten ihr vom eiligen, oft flüchtigen Laufe die Knie. Aber schließlich kam Florence doch in bi« Vorstädte von Nantes; und hier auf einem freien Platz sah sie auf' schauend ein Peloton Soldaten, das vor einer Mauer ausgestellt war, an dem ein Häuflein Menschen lehnte, mehr tot als lebendig, bleich, in zerrissener Kleidung. Das Kind verbarg sich hinter einem Baume und sali nun viele der Verurteilten in die Knie sinken und beten, nur ein junger großer Mensch stand aufrecht und sein Ruf ,„Vive le roi!“ gellte noch über den Platz und bis tief in das Innere der schluchzenden Florence, als das Knattern der Gewehre schon längst verstummt war und das Echo der Schüsse sich in ein tätliches Schweigen verwandelt hatte. Mit diesem Bild vor den Augen kam Florence mehr stürzend als eilend, mehr tot als lebendig in Nantes an, und in einer fast schlafwandlerischen Sicherheit fand sie das Regierungsgebäude, fragte sich durch und stand mit einem Male in einem Saale, den eine lange Tafel beherrschte, an dem viele Männer in den verschiedensten Kleidungen saßen. Sie wußte nicht, daß der Mann, der diesen Konvent präsidierte, der Volkspräsident Carrier war, jener feigherzige Blutmensch, der ständig um fein Leben zitterte und der Nantes zum Schauplatz von Verbrechen gemacht hatte und noch machen sollte, die alles übertrafen, was menschliches Gehirn je ausgesonnen hatte. Gerade in jenen Tagen begannen die Massenurteile, begann die Ausrottung ganzer Landstrecken, ganzer Sippen, die Vernichtung ganzer Städte und Dörfer. Carrier war es, dec „republikanische Heiraten" stiftete, bei denen man Jünglinge und Jungfrauen, Männer und Frauen zusammenband und in die Fluten der Loire warf, wahrend der Bluthund Carrier an schwelgerischer Tafel saß und sich an diesem Schauspiel, ein zweiter Nero, weidete. Neger mußten bie Kinder zusammentreiben und wenn die Kleinen von diesen Wildem ertrankt wurden, scherzt« er über das Geheul feiner „Wölflein". Diesem Manne sah Florence ins Auge und in ihrer Kindlichkeit er- rannte sie, daß sie und die Mutter vielleicht mit dem Leben davonkormnem würden, heute, für einige Zeit, daß aber die unmenschliche Rache dieses feigen Tyrannen sie dennoch einholen und sie wie alle die ihren vernichten: werde. Carrier und die anderen Richter blickten nicht ohne Wohlgefallen: auf das Kind, dem der feuchte Hauch des November die Kleider genäßt- dem die Sträucher am Wege die Haare zerrissen, dem die Not der Stunde die Wangen gebleicht hatten. Und wie um sich an der Qual dieses Kindes ZU weiden, hörte Carrier ihre Bitte wohl an, nickte mit dem Kopfe und fragte bann: „Kann die Klein« auch fingen? Ich will die Gnadenschrift für deine Mutter dir wohl geben, unter der Bedingung, daß du uns hier dein schönstes Lied vorsingst." Florence von Boychamps kannte viele Lieder, aber keines war ihr fo vertraut wie eines, das bei den Festen in der Vendee auf dem Schloß ihres Vaters gesungen wurde, das sie gehört hatte, wenn die Bauern und Adligen sich sammelten und das die Mutter ihr noch jetzt des Nachts m das Ohr gesummt hatte, wenn sie beide keinen Schlaf fanden. Und der Ruf jenes jungen Menschen, den sie eben erst hatte sterben sehen, ver- mischte sich mit diesem Lied und ohne zu fragen, was werden könne, ohne der Mutter zu denken, sondern vor sich ahnend nur ein stolzes Frankreich, begann die klein« bleiche Florence und sah dabei den Schergen voll ins Gesicht: „Vive, vive le roi ä bas la röpublique!“ Mit diesem Liede hatten sich zwei Schicksale erfüllt.. : Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.