Montag, -en U September Hummer 70 i M Herz, wo liegst du im Quartier? f) tai berg 11 Snotw ^Jahrgang 1939 greifen zu entschuldigen: „Es heißt, die Preußen stehen dicht an der Bahnlinie. Glauben Sie es?" „Es ist mir gleichgültig!" Ueber diese Antwort ist Herr Labatut verwundert, aber er nimmt sie als Scherz und versucht auch einen: „Vielleicht huschen wir vorbei wie die Maus an der Katze!" Er kichert hell. Dann fragt er: „Haben Sie Angst?" Siebener ^amilicnblätter "H Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger „Nein", erwidert Ann. n erst» n »N Ein heiterer Roman von Kurt Heynkcke Quell indem Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 5. Fortsetzung. für prtwfl ii!!*[| Labatut erwartet eine ähnliche Entgegnung, er ist weiß Gott auf alles fefa&t, auf Verzweiflung wie auf Zuversicht, aber keineswegs auf die otuswi ;rage; „Können Sie mir sagen, mein Herr, wohin dieser Zug fährt?" NM» Die kleinen Augen des Herrn Labatut blitzen. Denn das wirblige '"i al ^'genüber ist ein Rätsel. Sie sitzt aus der Bank wie eine Sphinx, die ii«l as Schicksal Frankreichs unbegründet belächelt. MM Wer setzt sich in so strenger Zeit in einen Eisenbahnzug und kennt unb*'* n. Sie nennt ihren Namen. Aber di-- K-l> r#: es * üßoraii ittein » efragt!" Labatut schweigt mißtrauisch. „Ich fahre nach Calais!" platzt Ann heraus. „Sie? Ohl Endlich! Die Frau hebt einen versiegelten Briefumschlag: Mademoiselle, dann bitte ich Sie um einen Dienst! Dies ist vielleicht iner der letzten Züge! Die Deutschen sind unterwegs, und die Post ist iteils unsicher! Bitte, nehmen Sie diesen Brief mit nach Calais und offen Sie ihn durch einen vertrauenswürdigen Boten beim Weinhändler Aber bevor Labatut die Frageflut durch die Schleuse der Neugier kaufen läßt, wird die Abteiltür aufgerissen, und eine Stimme fragt ußer Atem: „Fährt hier jemand nach Calais?" Es ist eine Frau mitt- iren Alters, dunkel gekleidet, von jenem schlichten unauffälligen Aussen, an das man sich später so schwer erinnert: eine wahre Frau jedermann. Ihre Blicke schießen verschmitzt wägend zwischen Labatut mb der jungen Dame hin und her. Da Labatut beharrlich schweigt, klagt da sie zugleich daran denken muß, auf Umwegen eingegriffen hat und daß vielleicht doch die Hammelherde Wer setzt sich in so strenger Zeit in einen Eisenbahnzug und kennt hssen Ziel nicht? Nein, Herr Labatut muß jetzt einige Fragen stellen: daher des Wegs, weshalb mit so wenig Gepäck und wohin man eigent- sch zu reisen gedenke. m M r Iriff' ihre M ttiw 11 f den Weg. Sie zieht drei Personenwagen und die vier Wagen mit Kanonen. Während zu gleicher Zeit Batterien aus Batterien nach Er sagt es mit jenem Grollen, das Ann in der letzten Zeit in Paris niner wieder vernommen hat: Ha, die Preußen! Laßt sie nur kommen! Die Frau geht so geschickt mit dem Brief um, daß er Ann rote durch säuberet in den Händen bleibt. „Ich danke Ihnen tausendmal!" Damit ist die Gestalt verschwunden, Me von großer Eile hinweggeweht. Ann blickt verlegen auf Herrn hbatut. Herr Labatut wundert sich. Ähr fällt ein, daß er sich vorge- still hat. ülupf'1 6# unhi I- Unruhige Zeiten werfen mit Gesprächen herum. Der Zündstoff herzhaftesten Auseinandersetzungen ist aus der Luft zu greifen. "ine Kanoniere ins Blaue. Nach Amiens, wie der Kontrolleur wissen il. Aber er weiß es nicht, er tut nur so. . Als der Kontrolleur kommt, löst Ann einen Fahrschein nach Calais. «Lbatut hat darnach gefiebert, die Fähnchen eines neuen Gesprächs zu Men: „Wird der Zug Calais erreichen? Welche Nachrichten gibt es? .„Die wichtigste Nachricht ist, daß man die Reisenden nicht beun- -chigen soll", sagt der Kontrolleur und schweigt bis zum nächsten Halte- b-att so hartnäckig, als hätte LabatuL eine feindliche Handlung be= 91 ngen. Dann wechselt er in einen anderen Wagen. Ein Grobian, denkt Labatut und wendet sich zu Ann, um sein um« w i« U» 6 W ...... ... ------, mH ournier abgeben!" e«Ä "”U1 L _ nun eigentlich der liebe Gott uv. -ß sie im richtigen Zug sitzt und ird)t f Rück gebracht hat, muß sie lachen. So hört Herr Labatut statt des t * d, 5 en. fc jerr Labatut greift: „Nun, ich glaube, wir kommen durch!" Sah« h-!.q gt.il ; ... ........ v... - , zM ie Frau: „Kein Mensch fährt nach Calais — ich habe alle Wagen ab« litte.» Namens nur einige Vokale, die her- dk iirsgelacht werden, aber er ist es zufrieden. Den seltsam, nun hat sich ' -ne Meinung über die junge Dame geändert. Das Mißtrauen ist zer- «ilen. Sein Herz ist berührt. Er fürchtet, daß er sich verliebt hat. t Ann legt den Brief in ihre Tasche und hat jetzt nur noch die Sorge, Gilbert darauf kommt, sie im Nordbahnhof zu suchen. Aber sie ist nun in der Glücksmühle. Sie hat noch nicht zu Ende Ader sie ist nun in der Glücksmuyle. tote yar noaj ruaji zu llu« .Vf Sidacht, da macht sich ..Perseveranee", ihrem Pamen getreu beharrlich Kanonen. Während zu gleicher Zeit Batterien auf Batterien nach IN? tut Paris geschafft werden, rollen diese vier Kinder einer vergessenen Order 01 ne Kanoniere ins Blaue. Nack, Amiens, wie der Kontrolleur wissen Die Ruhe verwirrt Herrn Labatut immer mehr, er hält es nun nicht mehr aus, er muß sein Amt ins Treffen führen: „Ich war bei der Regierung in Paris und habe mir Anweisungen geholt, wie ich mich verhalten soll, wenn die Deutschen in Mereville einrück-en. Ich bin der Maire von Mereville." Allein auch die Würde eines Bürgermeisters macht keinen Eindruck auf Ann. „Mereville liegt an dieser Strecke", sagt er. Ann nickt Labatut zu wie jemandem, den man ermuntern will, sich nicht allzuviel Bedeutung beizulegen. Labatut wird nervös und schreit: „Ah, die Deutschen! Das wiedererwachte Frankreich wird sie zu Paaren treiben!" Ann versteht, daß die Maire von Mereville sie auffordert, seine Sorge und Leid zu teilen. Er erwartet zweifellos auch von ihr kräftige Worte über die Deutschen. Wahrhaftig, Herr Labatut ist erschüttert. Seine Sorgen sind die Sorgen aller Franzosen und seine Flüche die Flüche aller französischen Patrioten. Aber Ann ist Engländerin: Sie sagt es. Herr Labatut horcht auf, seine Gefühle werden nur noch feuriger. Denn er sieht eine Mauer von Teilnahmslosigkeit vor sich und damit die Aufgabe, sie zu zerstören. Er beginnt, die Geschichte des Krieges aufzurollen, wie sie sich im Kopfe des Bürgermeisters von Mereville darstellt. Ann übt ihre Neutralität mit brutaler Aufrichtigkeit aus, sie schweigt. Und nach und nach ringt ihr Schweigen Labatut nieder. „Ich möchte, wenn ich nicht der Maire von Mereville wäre, das Schwert Frankreichs sein, das Sie bis Calais begleitet", ruft er zuletzt. Die englische Sphinx lächelt. Sie spürt, daß dieser Wunsch weniger vaterländischer Begeisterung als dem Beben eines reifen Herzens entspringt. Es ist übrigens der unregelmäßigste Zug, den Ann je gefahren ist. Bald liegt er auf der Strecke still, so daß Ann die Grillen auf den Stoppelfeldern hören kann. Bald hetzt er durch die Stationen, als seien die Deutschen schon hinter ihm. Auf dem Steig der Station Gonesse lagern Soldaten, es sind Tur- kos, Angehörige afrikanischer Regimenter. Hier verschnauft Perseverance. Der Lokomotivführer wirft Worte und Zigaretten zu den bunten Gestalten hinüber. Die Algerier danken in einer rauhen kehligen Sprache. Ihre dunklen Gesichter sind mürrisch und müde. Sie träumen von der Sonne Afrikas, die man ihnen genommen hat. Einige sind verwundet. Der Lokomotivführer erfährt, daß sie ein Gefecht mit den Deutschen gehabt haben und daß sie im Transportzug, der auf dem Nebengleise einfährt, nach Paris verladen werden sollen. Keiner der algerischen Infanteristen kennt die Gegend, di« Turkos wissen nur, daß der Ort, in dessen Nähe sie das Gefecht bestanden haben, Saint Grigoire heißt. Saint Grigoire ist zwar keine Bahnstation, aber der Ort liegt, wie ein mitreisender Priester behauptet, unweit der Bahnstrecke, er sei bekannt durch eine berühmte Wallfahrtskirche. Die Passagiere des Zuges haben sich rasch mit den Algeriern verständigt, ob die oder die Ortschaft bereits besetzt fei, ob man glaube, daß die Deutschen schon an den Bahnlinien seien und anderes. Man drängt sich lärmend um den Kontrolleur des Zuges und fragt, ob es denn nicht besser sei, nach Paris zurückzufahren? Der Kontrolleur, in Geduld geübt, denn er ist Vater von elf Kindern, die er rechtschaffen erzieht, versucht eine väterliche Ermahnung: er verstehe die (Erregung nicht! Die Deutschen kämpfen gegen Soldaten und nicht gegen zitternde Zivilisten! Das Schlimmste, was geschehen könnte, sei, zurückgeschickt zu werden. Das ist wahr und gerecht dazu. Aber was sollen Wahrheit und Gerechtigkeit gegen Leute, die den Kopf verloren haben? Man nennt den Kontrolleur einen Verräter, weil er den seinen oben behält. Der Ort Gonesse ist nicht zu sehen, er liegt hinter Büschen und im Feldergrau. Die Stunde verschwimmt im Abendnebel. Aus dem Nebel kommen drei Reiter. Es sind Dragoner. Und während der Nebel sich in das schwankende Licht der Dämmerung wühlt, gewinnen die Gestalten riesenhafte Umrisse. Vor dem Bahnhof steigen die drei Reiter ab. Das Schweigen umhüllt sie mit einem unsichtbaren Mantel. Die eine sehr Ann fort, kennt den ungewisse Rechnung ist. „Selbst wenn uns die Deutschen anhalten sollten", fährt schen, Gott fei Dank!" will er sagen.) Dem Maire von Mereville fällt ein, daß Ann hinter Mereville der einzige Fahrgast bleibt. Er macht ihr Mut: „Wenn Mereville vorüber ist, sind wir den Deutschen entwischt, glaube ich! Ich werde Sie auf jeden Fall der Obhut des Kontrolleurs empfehlen!" Abschiedsweh befällt Herrn Labatut. Er wird gefühlvoll, steht auf und schaut in die vorüberrollende Landschaft. Er steht nichts. Draußen ist eine harte unfreundliche Schwärze, wie eine Schiefertafel, auf die keine freundliche Hand ein Wort der Hoffnung geschrieben hat. Es strahlt kein Stern. Am Horizont färbt sich der Himmel rot. Vielleicht ist es der Mond, der sich durchquälen will. Vielleicht ein brennendes Dorf, eine Spur des Krieges. Als der Zug unerwartet und kreischend bremst, wird Labatut vom Fenster auf den Schoß seiner Mitreisenden geworfen. Das ist für einen Monn immerhin eine liebenswürdige Lage. Da aber zu gleicher Zeit Feuerschein zuckt und heftige Explostonen die Luft erschüttern, Waggonfenster brechen und klirren, würgt der Schreck Herrn Maurice Labatut. Er bleibt sitzen. ,F)h", sagt Ann, denn der Maire von Mereville hat ein stattliches Gewicht. Da reißt sich Labatut hoch, stottert eine Entschuldigung, sinkt auf seinen alten Platz und ist kreideweiß. „Die Preußen ... die Preußen ...", sagt er tonlos. “ Ann aber, Weib und Engländerin, erfüllt die Minute mit jenem Mut, der den Maire verlassen hat. Sie öffnet die Abteiltür und lauscht hinaus. Denn der Zug steht. „Mein Gott, treten Sie doch zurück, man schießt!" Labatuts Aengste reichen nicht an ihr nüchternes Herz. Ihr Verstand tut kühl seine Pflicht und erforscht die Ursachen. Sie sieht: Der Lokomotivführer rennt mit dem Kontrolleur die Schienen entlang. Von dorther kommen Rufe. Ein paar armselige Laternen machen den Versuch, die Dunkelheit zu durchdringen. Herr Labatut schämt sich. Denn er merkt, daß es still ist, so füll, als sei die Natur selbst erschrocken. Der Bürgermeister von Mereville sammelt sich und tritt neben Ann. iu- ;u= „Die Lichter dort?" fragt sie. _ „Das muß Mereville sein!" sagt Labatut und weiß nicht, ob er sich erleichtert fühlen soll oder nicht. Doch bedenkt er, daß er in Mereville ein Amt zu verwalten hat. Plötzlich erhalten die armseligen Lichter vor ihm die Bedeutung von Kindern, die nach dem Vater rufen. Er klettert aus dem Waggon, stolpert über die Geleisschwellen und erreicht die Lokomotive. Der Führerstand ist verlaßen. Er beschließt, zur Station zu gehen. Aber kann er die Dame alleft lassen? Sorge und Ritterlichkeit schlagen eine Schlacht in seiner SeeU. Es ist unnötig. Ann ist Herrn Labatut bereits aus dem Fuße gefolgt. Pfahllaternen spenden dem Bahnsteig der Station Mereville ein mageres Licht. Zwischen den Geleisen prasselt ein Feuer. Es kohlt lustig die hölzerne, Schwellen an, und über dem Feuer und den Geleisen schwankt, an zwei Gabelhölzern befestigt, ein Kessel. Französische Soldaten (Gott sei Dank, denkt Labatut, keine Preußen!) schöpfen ihre Becher voll Kaffee und trinken. Ein friedliches Bild, doppelt friedlich, da ein sonst so ungebärdiges Element wie das Feuer sein ruhiger Mittelpunkt ist. Aber weshalb hck es sich auf den Eisenbahngeleisen angesiedelt? Ein Offizier spricht mit dem Lokomotivführer und dem Kontrolle,:. Es ist ein Kapitän der Pioniere, ein schlanker, hochgewachsener Mann. Der gegen den Brauch der Zeit bartlose Mund ist müde und verbittert Herr Bregnon, der Vorsteher der Station, rennt erregt hin und her, als hätte er zween Herren zu dienen und als sei er dieser für manche Menschen trotz der biblischen Behauptung nützlichen Beschäftigung nicht gewachsen. _ I Als Bregnon Labatut erblickt, schreit er ihn an: .Kommen Sie end lich? Hier und nicht in Paris ist Ihr Platz!" Labatut ist nicht beleidigt, ihm ist alles neu. „Die Geleise und die Brücken sind gesprengt! Die Unfern zieh» sich zurück!" Bregnon zeigt kreischend auf die Pioniere. „Man läßt uns allein!" Er beteuert, daß er es ablehne, die ganze Verantwortung mi Mereville allein zu tragen. Labatut begreift, daß Herr Bregnon durch die Ereignisse verwirrt ist. Bregnon klammert sich an den Maire. An wen aber kann sich der Bürger, meister von Mereville klammern? Gelassen betrachtet Ann Moreland das Bild, das sich ihr bietet. Sie hält sich bescheiden hinter Labatut, aber das Auge des Kapitäns entbedi sie. Er grüßt. Labatut bemerkt es. Er erinnert sich seiner doppelten Verpflichtung er ist hier Bürgermeister und dort Kavalier; er fragt, ob Herr Bregnon in der Aufregung vielleicht übertreibe. Der Offizier reicht Labatut stumm die Hand. Die Soldaten heben den Kessel vom Feuer und zerstören die Glut. „ „Die Maschine soll rangieren. Der Zug fährt nach Paris zurück. Wr versuchen es jedenfalls", sagt der Kapitän. Dann wendet er sich an ßJ’ batut: „Bregnon hat nicht übertrieben, Herr Maire." „Ich will aber nach Calais, meine Herren." Damit tritt Ann in den Lichtkreis der Laterne. Labatut hat die ängstliche Minute, der er sich jetzt schämt, längst ube-l- wunden. Er meint düster: „Das ist, wie Ihnen der Herr Kapitän sagen wird, unmöglich. Die Pioniere haben die Geleise zerstört." । „Warum?" forscht Ann, aber sie fühlt wohl, daß die Frage finales ist, und daß sich der Kapitän nicht in ein Gespräch über militärische Wb’ nahmen verspinnen kann. „Ich möchte eine Depesche nach England aufgeben", sagt sie bann. Alle Blicke richten sich auf Bregnon. Bregnon hat vor nicht allzulang« Zeit die Strecke geprüft. Er bemerkt, daß nur noch der Draht nach Pans einwandfreie Zeichen gibt, doch er will sein Bestes versuchen. Er hat den Befehl, die Station zu schließen. Nun ist er froh, daß « diesen letzten und ungewöhnlichen Austrag erhält, der seine Iraner we täubt. Denn er liebt die Bahn, die Strecke, sein Mereville. Der Morseapparat ruft, aber keine Station trägt den Ruf weiter. Und jetzt kommt auch Paris nicht mehr. Der Offizier, Ann. Labatut stehen um den Apparat. Er ist wie e-:n Vogel, der seine Gefährten verloren hat und seine Stimme klagend uw» lockend ins Leere schickt. Zwischen dort und hier ist auf einmal tote« Land, in ihm aber marschiert die Macht der Eroberer. Ann fragt in die bedrückte Stille: „Kann man mir wenigstens Fuhrwerk beschaffen, das mich zur nächsten größeren Stadt bringt, »< nicht von den Deutschen besetzt ist? Von dort würde ich sicher an Küste kommen!" . v. . „ „Mademoiselle", erwidert der Kapitän, „ich habe den Befehl, in dies« Zuge mit meinen Leuten nach Paris zu fahren. Wenn auch keine Sepep geht, so ist es doch nicht sicher, daß der Zug angehalten wird. Wahrscher^ lich hat man nur die Telegraphenleitungen zerstört! Kommen Sie uni« meinem Schutz mit nach Paris!" „ Das Wort Paris entflammt ihren Widerstand. Sie beteuert, daß »' auf keinen Fall nach Paris wolle, sie haste Paris und habe Grün « gehabt, die Stadt zu verkästen, wichtige Gründe! Der Zug rangiert. Unterdes versucht ein Bahnarbeiter im Auftro < Bregnons, ein Fuhrwerk aufzutreiben. , Nach einiger Zeit kommt der Mann zurück: Niemand gibt Pferd uri Wagen heraus. Die Menschen sind hinter verschlostenen Türen und tjw> ftcrn ängstlich wach, denn das Gerücht, die Preußen kämen noch | dieser Nacht, sitzt in Mereville. , Der Offizier versucht noch einige gute Wünsche zu sagen. Dann M der Zug langsam und ohne Lichter. Er ist bald nicht mehr zu sehen, ix» man hort ihn noch lange. Das Geleis verliert sich in der Finsternis. Es ist nun nutzlos. heute ab wird es verfallen, denkt der Stationsvorsteher, bald wird Rost kommen und es freßen. ... ^ Ein Wind bricht auf, kalt. Bregnon schließt die Station. Nun p> r das letzte Licht. Das Haus ist tot wie ein Sarg. I (Fortsetzung folgt.) gepflückter Tee spielten eine Rolle in dieser Kur. Was glaubten die Menschen jener Zeit alles: daß ein bretonischer Schäfer aus den Haaren einer meilenweit entfernten Person deren Krankheit erkennt; daß man aus den Handlinien ein getreues Abbild des Menschenlebens gewinnen könne mit allen heiteren und düsteren Z: kunftsaussichten. Und wenn eine Sibylle die Karten schlug, stand die Z kunft in den Karten und nicht in der gerissenen Rede der Kartenschlägerin, sicher war auch der Einfluß der Sterne auf Gicht, Podagra und das Schicksal. (Welch ein Unterschied der Zeitalter! Wem fällt es heute noch ein, durch einen Magier die Zukunft mit Neugier zu kitzeln, um zu sehen, ob sie lächelt oder böse aufkreischt! Wahrhaftig! Der Aberglaube ist ausgerottet, das „Aber" setzt selbst der „Magier" hinter den Glauben: „Aber ...!"---„Aber sie werden doch nicht alle, die Abergläubi- Dragoner sind hinter Gonesse auf eine preußische Streife gestoßen und haben einen Kameraden verloren. . . Aus dem Nebengleise steht der Transportzug, fein Ziel ist Paris, die Turkos find eingeftiegen. Die Fahrgäste hören von den Reitern, daß die Preußen so nahe sind. Jetzt werden die Wagen mit den Kanonen abgehängt und dem Transportzug angeschlossen. Die Geschütze kamen aus Paris, sie gehen wieder zurück nach Paris; der Teufel mag wissen, wer dafür verantwortlich ist, daß die Kanonen spazierengefahren werden. Die Fahrgäste aber haben, wie gejagt, den Kops verloren, und die Köpfe rollen über den Hang der Furcht in den Abgrund der Panik. Der Kontrolleur dankt Gott, daß es nur wenig mehr als ein Dutzend Kopflose sind. Sie greifen ihr Gepäck und stürzen sich lärmend in den Transportzug, lieber zurück in den Schutz der unangreifbaren Festung als in die Ungewißheit, die sich auftut wie ein schwarzes Tor. Lachen übertäubt die Furcht, als der Zug langsam die Richtung nach Paris nimmt. Turkos und Fahrgäste haben sich vermischt und eine Stimme schreit: „Singen!" „ Gesang erhebt sich. Die Räder rollen. Die Maschine zischt. Der Lärm zerschlägt die krampshafte Melodie. Der Bahnsteig ist leer. In dem Zug nach Calais sitzen der Maire von Mereville und Ann Moreland. Der Kontrolleur schickt ein verlegenes Lächeln zu ihnen. Der Lokomotivführer lacht. Vor dem Bahnhof stehen noch die drei Dragoner. Stumm. Sie bewegen sich nicht. Jetzt fitzen sie auf und verschwinden langsam im Nebel, mythische Ritter der Landschaft. , Perfevörance heult auf. Dreimal und scheinbar vergnügt. S,e zieht drei Personenwagen und einen inzwischen angehängten Güterwagen in die Dunkelheit hinein. Irgendwo in der Dunkelheit sind die Deutschen. „Jetzt find, wenn ich recht beobachtet habe, nur noch zwei Reifende im Zug — Sie und ich!" meint Herr Labatut. Ann nickt. und ihre Lippen schließen sich. So sehen eigensinnige Leute aus, denkt Labatut, denn er Eigensinn. Er ließ sich von dem Eigensinn seiner Frau plagen und erlebte, daß sie an ihrem Eigensinn starb, weil sie eine Kur durchführte, die ihr eine alte Tante eingeredet hatte und die der Arzt von Mereville lachend verbot. Verbrannte Frauenhaare und ein zur mitternächtigen Stunde „Wenn der Zug keine Verspätung hätte und nicht mit_ Verspätung abgefahren wäre, müßte ich schon feit zwei Stunden in Mereville fein. Seit zwei Stunden elf Minuten." Herr Labatut ist nicht zuletzt wegen seiner Genauigkeit Bürgermeister von Mereville geworden. „Uebermorgen bin ich in England", rechnet Ann. „Sicher", erwidert Labatut und meint bei sich, daß dies Wettgesang. ' Don Heinrich Lersch*. Ob ich einsam geh« oder, Mensch, mit dir, durch das Stadtgewirr, durch das Wühlgeweb«, immer tönt ein fremder Klang. Tönt in Wald und Wiese, Acker, Feld und Wald, Tönen zitternd wallt, immer hör ich diese ein« ewige Melodie. Durch die sternenweiten Himmel haucht's der Wind, Licht, das niederrinnt, klingt durch Schritt und Schreiten, tönend auf di« Welt. In den Fernen braust es, in der Eng« klingt's durch den Werktag dringt's, in den Stürmen saust es, Tönen der Ewigkeit. Oh, ich höre beben, weinende Tiefen euch, zitterndes Heidegefträuch, aus dem Einsam-Leben rührt mich dein Wurzellied. ... malmend bricht die Scholle, abbröckelt Alpengrat, sprießend« Sommersaat, Stein im Stromgerolle, Zwiesprach halt ich mit euch. Geht alle ihr durch mein Ohr, orgelt der Weltenchor, wallt in tönende Welten durch meine offene Brust ... von des Himmels Zelten, des Erdenkreises Luft. Oh, allüberall ich höre dich! Schaudernd fühl ich brennen mir das Wort im Mund — fremder Ton im Rund, was willst du bekennen hier im Weltgesang! Tage mit Heinrich Lersch. Zum 50. Geburtstag des Frühverstorbenen am 12. September. Von Heinrich Zerkaulen. „Es ist ein Junge, Herr Lersch!", schreit die Hebamme in die Kessel- shmiede hinein. Die Hämmer schlagen auf die Klotze. Kein Mensch „Es ist ein Junge, Herr Lersch!", schreit die Hebamme noch lauter. Lunnerkiel!" Der Alte läßt Hammer und Eisen sollen und geht mit in sie Küche. ,.Wo ist er?" Und er sieht seiner Frau halb rauh, halb weich „Dunnerkiel! — So leicht ist das Ding?" Er hält das weiße Fleisch Artlich mit beiden dreckigen Schmiedefäusten umklammert, wickelt es in «e rußige Lederschürze und trägt es zur Kesselschmiede. Die Frau spricht In der Schmiede schlagen die Hämmer auf die Klötze. "H°lt!" brüllt ter Mann die Gesellen an. Erst wischt er mit dem Aermel den Amboß >er. Die Kesselschmiede pfeifen ihr frechstes Lied. Weit vornüber gebeugt, Ankenumsprüht, lauert der Alte. Da — das winzige Menschlein vor ihm lichelt — lächelt, dieweilen die Hämmer ein Wiegenlied singen und ihm ten Rhythmus der Arbeit ins Blut hämmern. ™. „Halt!" schreit da der Alte wonnig auf. „Er hat nicht mit der Wimper tezuckt! Er wird ein Kesselschmied!" . . . Und die Hämmer dröhnen wie Glocken gegeneinander. „Er wird em dichter!" Es war vor dem Kriege, als ich Heinrich Lersch kennenlernte. Stunden östlicher Erinnerung werden wieder wach und leben greifbar auf. «sschah es dann, daß Heinrich Lersch, eben aus dem Kessel geklettert, Schurzfell umgehängt, das Hemd auf der schwarzen noch offen,m 'oblichte Grohstadt-Äpotheke trat und dem im weißen Laboratoriums Mantel hinter dem Rezeptiertisch arbeitenden Eleven Zerkauten unbekurn' »ert um die zahlreiche vornehme oder weniger vornehme Kmidnhaftz ^tgegenrief: „Na, Hein, beste noch net bald fähig? Bis meinem Herrn ^hes die Sache zu bunt wurde und er mich bat, dem Kesselschmied Hein- . * Gedichte und Briefe aus dem Nachlaß von Heinrich Lersch er khnnen zum ersten Male in der Hanseatischen Berlagsanstalt AG ; ^mburq unter dem Titel „Heinrich Lersch Briefe und Gedichte (Leinen '•80 Ä). rich Lersch doch einen Wink zu geben, mich in einer etwas anderen Form zur abendlichen Plauderstunde abzuholen. Und Lersch nahm es sich zu Herzen. Andern Abends betrat er nicht die Offizin, er blieb im Hausflur der Apotheke und pfiff so grauenhaft und anhaltend auf zwei Fingern, daß ich künftighin immer schon eine Viertelstunde srüher entlassen wurde. Wie manchen Abend saßen wir in jener Zeit am hohen Mansarden- Fcnster in Lerschs Elternhaus und redeten hinaus in den dämmerigen Abend, wenn die Schienenstränge der eilenden Bahn blitzten und hin und wieder die rote oder grüne Signalflamme aufglühte. Elisabeth wohnte in der Nähe. Elisabeth! Ich wunderte mich nicht, als Lersch, Monate später, da er von einer Fußwanderung durch Italien zurückkehrte, mir zu erzählen hatte: Als ich am Petersdom stand in Rom, weiht du, da kam die Sehnsucht nach Elisabeth plötzlich so ungestüm und elementar über mich, daß ich mit dem nächsten Zug nach M.-Gladbach zurück mußte. Als der Krieg ausbrach, arbeitete Lersch gerade in Antwerpen. Aber ehe er sich noch freiwillig bei den 65ern in Köln melden konnte, war schon sein unsterblicher Vers in aller Deutschen Herzen und Mund: „Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Wir beide standen an verschiedenen Fronten, er im Westen, ich im Osten. Und die Briefe gingen her und hin. Während des ersten Urlaubs feierten wir di« Verleihung des Kleist-Preises an Heinrich Lersch. In oie hohe Mansardenwohnung des Elternhauses zog ein protziger Schreibtisch ein, nur: Lersch arbeitete nicht daran. Seinem neu erwachten Selbst- gesühl tat es Genüge, ein ’n mn->? Stück zu beüü-n. Schreiben tat er nach wie vor in seine'- Eine Verschüttung un Heinrich Lerhch> wieder zu seinem Beruf, den er so liebte. Die Kesselschmiede waren gesuchte Leute geworden. Zwischendurch jedoch las er aus seinen Dichtungen. Unzählig sind die Anekdoten um Heinrich Lersch aus jener Zeit des jungen Ruhms, der den Menschen in ihm nicht anzufressen vermochte. Und wenn er sich schon einmal entschloß, es der sogenannten Gesellschaft gleich zu tun, dann glückt« das restlos daneben. Bei der Dumont im Düsseldorfer Schauspielhaus war eine Lersch-Morgenfeier angesetzt. Als ich im Wandelgang auf und ab gehe, ruft plötzlich einer aufgeregt meinen Namen. Wer kommt mir mit ausgebreiteten Armen entgegen? Heinrich Lersch im Smoking, aber in der Hand ein bunt gewürfeltes Tuch, das vor unserer Umarmung behutsam auf dem roten Plüschteppich abgesetzt wurde. Darin eingewickelt waren die Bücher und Manuskripte, aus denen Lersch lesen wollte. So guckte auch aus dem feinsten Kleid immer wieder der alte, echte Kerl durch, der ein Kesselschmied war und bleiben wollte. In Berlin gab es ihm zu Ehren gar ein Bankett. Ein ganz großer Literaturbonze — ich glaube, es war Lissauer — saß da im Kreise und begann den Krieg, Deutschland, die Kunst einzuordnen nach dem Gesichtspunkt: Ich und der Krieg — Ich und Deutschland — Ich und die Kunst... Bis es Lersch zu dumm wurde, er eine Flasche beim Halse packte und sich in unmißverständlicher Art vor dem ganz großen Literaturbonzen aufpflanzte: „Wenn du jetzt net bald die Schnüss' hälft, dann werd' ich dir verzälle, wat et heißt: Ich und der Kesselschmied Lersch!" Oder er liest in einem fürnehmen Haus seiner Vaterstadt, in dem sich der Herr Professor und Hausherr bald zerreißen möchte um seinen berühmten Gast.' Bis Lersch vor versammelter Mannschaft ruhig sagte: „Mache Sie sich kein Umständ, Herr. In Italien hab ich Ihne mal die Schuh gewichst, weil et mir dreckig ging — da wäre Sie noch so knickerig, dat ich net einmal Trinkgeld gekriegt hab." In einer Fabrik ist dringend der Kessel zu flicken. Lersch wird gerufen der Dichter. Der Vorarbeiter weiß um den Mann und seinen Namen: Lersch soll sogar ein Frühstück haben. Aber zu dem Frühstück wird Lersch herausgepfiffen. Lersch hämmert weiter: einem Hund pfeift man, nicht ihm. Bis die Tochter des Hauses erscheint, ein weißes Tuch über den Amboß deckt und eine Flasche Sekt zu dem Frühstück hinstellt: „Einen Gruß von meinem Vater für den Dichter Heinrich Lersch!" „Fräulein, Sie gefalle mir!" Die Verschüttung im Felde mag wohl der erste Keim zur schweren Erkrankung gewesen sein, an der Lersch schließlich sein Leben lassen mußte Die ausreibende Sorge um Familie und Freunde war die zweite Ursache. In der Inflationszeit fuhr Lersch mit seinem Bruder Paul auf einer Lokomobile selber die Kohlen holen vom Ruhrgebiet ins nachbarliche M.-Gladbach. Es war ein schönes Stück Geld damit zu verdienen. Bis er eines Tages mit seiner Lokomobile in ein Haus rannte und den halben Giebel aufriß. Da mußte das Haus bezahlt und der Lokomobil- betrieb eingestellt werden. Seine Freunde — ja! Sie wissen ein Lied vom Hein zu erzählen. In der Kampszeit versteckte er in seiner Fabrik unten die Nazis und oben die Kommunisten vor der Polente. Er fragte immer nur nach der Ecbtheit der Empfindung und der Opferbereitschaft. Noch war das Ziel unbar, noch galt nur der Kampf: irgendwie mußte man aus dem Schlamassel herauskommen. Von Capri aus, wo Lersch die letzten Jahre vor dem Umbruch Erholung von seinem Leiden suchte, besuchte er mich eine Nacht lang in Dresden. Wir sprachen über das, was war und was werden sollte. Anderntags, der Freund war schon wieder abgereist, sand ich einen Zettel. Darauf stand: „Lieber Hein, immer und überall haben sich unsere Gedanken getroffen und in der Sprache, die ihnen eigentümlich ikt, ausgesprochen. Uns bleibt nichts, als das irdische Wort zu füllen mit dem Geist, der unsere ewige Heimat ist." War es damit getan, daß man das Gewissen einer europäischen Menschheit beschwor? Auch in einem Manne wie Heinrich Lersch mußt« sich mit Notwendigkeit jenes gewaltige Wunder innerer Umkehr und letzter Entscheidung vollziehen. Aus der Anklage wurde mahnende Stimme, wurde Gelöbnis und Beispiel, wurde Brudergruß aus der Fremde. Im neuen Deutschland war auch wieder Platz für Heinrich Lersch, den Kessel- chmied und Dichter. Dieses Deutschland, das leben muß, und wenn mir sterben müssen, wird seinem toten Sänger die Treue halten. «'Deutschland muß leben .. ” Eine Erinnerung an Heinrich Lersch. Von Hans Sturm. Erregte Tage vor fünfunzwanzig Jahren, Tage der Begeisterung! Mobil! Dieses Wort beherrschte alles Denken und Tun. Von den Schulbänken und aus den Fabriken, von den Feldern und aus den Büros strömte Deutschlands Jugend, um an einer der weiten Grenzen zu kämpfen für des Vaterlandes Sicherheit und Ehre; das Volk war „ein eherner Schild, der sich wehrend um die Grenzen bog". Unaufhaltsam ratterten Zuge durchs Land, vom Westen zum Osten, vom Osten zum Westen, tags und in den Nächten. Das' Leben spielte sich zum größten Teile draußen ab: auf den Bahnhöfen wurden won den Frauen und Mädchen die Soldatenzüge betreut, auf den Straßen und Plätzen rasteten für kurze Zeit die durchmarschierenden Truppen, und überall wartete man auf die Extrablätter der Zeitungen, um das Neueste zu erfahren; manche Zeitungen erschienen morgens, mittags und abends mit den letzten Nachrichten und waren im Handumdrehen verkauft. Zwischen den Nachrichten und sonstigen Berichten erschienen bald die ersten Kriegsgedichte, deren Verfasser zwar alle begeistert, aber nur in ganz wenigen Fällen Dichter waren. Am Morgen des fünften Mobilmachungstages las man in einer vielgelesenen rheinischen Tageszeitung unterm Strich ein fünfstrophiges Gedicht mit dem schlichten Titel „Soldaten-Abschied". Wir lasen, lasen, waren gepackt, ergriffen, erschüttert, und lasen es immer wieder, bis wir es auswendig wußten; es prägte sich so schnell ein. In diesen Versen wurde all das gesagt, was ein jeder von uns dachte und fühlte, und dazu mit der Kürze und Kraft eines alten Volksliedes. Einer von uns, der Schauspieler werden wollte, sprang auf den Tisch und trug die erste Strophe vor mit wahrer Hingerissenheit: Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn! All das Weinen kann uns nichts mehr nützen, Denn wir gehn, das Vaterland zu schützen. Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn! Deinen letzten Gruß will ich vom Mund dir küssen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Einer der Jüngsten unter uns, der noch keinen Flaum auf der Lippe hatte, wollte vor seinen Vater treten und ihn um die Erlaubnis bitten, hinausziehen zu dürfen, mit der Strophe: Wir find frei, Vater, wir sind frei! Tief im Herzen brennt das heiße Leben, Frei wären wir nicht, könnten wir's nicht geben. Wir sind frei, Vater, wir sind frei! Selber riefst du einst in Kugelgüssen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Ein Aelterer, der sich uns angeschlossen hatte, schrieb an die Mutter seiner Kinder den letzten Brief und fügte die Strophe bei: Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft Gott! Der uns Heimat, Brot und Vaterland geschaffen. Recht und Mut und Liebe, das sind feine Waffen, Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft Gott! Wenn wir unser Glück mit Trauern büßen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Wir anderen dachten wohl alle an die vierte Strophe des Liedes das uns in Bann geschlagen hatte: Liebste, tröste dich, Liebste, tröste dich! Jetzt will ich mich zu den anderen reihen, Du sollst keinen feigen Knechten freien! Liebste, tröste dich! Wie zum ersten Male wollen wir uns küssen, Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Die berauschende, lastende und beseligende Zeit hatte uns zu Menschen gemacht, das Lied vom „Soldaten-Abschied" schmiedete uns zu Männern! In drei, vier Tagen war es draußen an den Fronten und daheim überall bekannt. Alle Zeitungen brachten es, auf hunderttausenden von Karten wurde es verschickt, auf den Truppenzügen, die über die Grenze rollten, las man die Strophen; einmal sah ich einen endlos langen Transportzug, der auf jedem Wagen ein Wort in großer weißer Schrift trug: Deutschland — muß leben! Die folgenden Waggons trugen alle mehrere !!! Diese von ungelenken Soldatenhänden aufgemalten Worte und Zeichen wirkten ungeheuer. In Konzertsälen klang der „Soldaten-Abschied", auf Flugblättern wanderte er von Hand zu Hand, allen galt die letzte Strophe: Nun lebt wohl, ihr Menschen, lebet wohl! Und wenn wir für euch und unsre Zukunft fallen, Soll als letzter Gruß zu euch hinüberschallen: Nun lebt wohl, ihr Menschen lebet wohl! „ die Jungen in den Schulen kratzten die beiden Schlußzeilen auf ihre Schiefertafel oder in ihr Heft: Ein freier Deutscher kennt feyi kaltes Müssen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Und wer war nun der Dichter dieses Liedes, das in wenigen Xacen Millionen Deutsche begeisterte? Er hatte noch keinen Namen, er kam aus dem Volke, ein Kesselschmied, der kurz vor der Mobilmachung auf 4« Walze war und im letzten Augenblick von Antwerpen sich nach feiner Vaterstadt M.-Gladbach durchschlagen konnte; er hat später durch seine mannhaften Bücher weit von sich reden gemacht, und heute kennen nir ihn alle, den wirklichen Dichter und Menschen Heinrich Lersch. Brief Heinrich Lersch an Wilhelm Gckmidtbonn. M.-Gladbach, 21.12.1927. Lieber Willi! Da sitz ich nun morgens in der Früh, hab grab bin Jungen auf den Schulweg gebracht, durch die roten Morgenwolkm feuert die Sonne. Alle Schornsteine blasen den weißen Rauch burch bi« Luft, Mensch, nun sind die Hunderttausend schon über zwei Stundm an der Maschine, und die nicht daran sind, die blicken sehnsüchtig ms die weißen Dächer, als müßte in goldenen Buchstaben die verheißungsvolle Schrift erscheinen: Kommt, kommt alle, die ihr ohne Arbeit seid. Wie fremd brennt das in meine Welt hinein, die noch von gefterit nach bewegt ist. Da las ich im Verzauberten die Stücke von Adam unb Eva, Atlantik und Drachen, Riesenvögeln ... Doppelt und dreifach packt mich das, weil unser Kleinster, der gwl fünf Jahr ist, über die Märchenbücher, Sagen, Legenden dieselbe Scheu hatte: daß der Drache, der Feuer im Leib hat, aus dem Vesuv gr- krochen ist, und „wenn dat Feuer kalt wird, dann fügte schnell mit» nach Napoli und kriecht'wieder in fein Feuerhaus hinein" ... Und „Vater, warum sind wir Mansche all so abverschlisse un kein IRiek i mehr? Un warum ts die Erd so abverfchlisse, nit einmal mehr eint o endliche Berg, laßt wir doch gehn, wo die Welt nicht so verschlisse Lit, int Schweizerland oder in Italien, wo die Berge noch sind." Und: „Schad, bat et bloß noch eine einzige richtige Riese gibt, iwi ist der liebe Gott. Wenn der immer auf der Erd wär, wär hä ba.lb keine Riese mehr, bä geht immer in seine große Himmel erein ..." Lieber Will, Du glaubst nicht, wie herrlich das ist, daß Du so ein Kind bist, das noch „nit abverschlisse" ist. Daß es das überhaupt no4 gibt! Daß die Erde durch die dünne kalte Kruste zu Dir beraufatmet, Dich anbettelt: Du, Will, sieh mich doch einmal an, bin ich nicht ba» herrlichste Weib der Schöpfung? — Das ist Übertrieben gesagt. Ader Du sollst wissen, daß ich bas ■ nicht als Wissenschaft ober Phantasie nehme. Dies hab ich auch einmal gespürt, da war ich zwanzig Jahr und blind, nach dem Unglück ml meinen Augen, als die äußere Welt versank, da stieg die Erde auf un) war ein Chaos, das gestaltet werden sollte.— durch mich. Ich bin der Ueberzeugung, daß man diese Welt erlebt haben muß. und auch, daß keiner unserer Bekannten eine Ahnung von der'furche baren Realität im Blut hat und das alles als herrliche Phantasie au- sieht. Mensch, ich hab nur die Ahnung, daß es durch die fürchterlichst!! Einsamkeit geworden ist, was Du da geschrieben, unb daß es keimt „Dichtung" ist, sondern eine Sprache, die bas Blut aus sich heraus trieb, sonst wärst Du der größte „Dichter", Fabuliexer, — Macher —; aber Du bist mir mehr als der Könner, Du bist mir ein Zeilgenoslt Gottes, ein Bruder der Menschen ohne Sprache. Darum muß ich Dir das schreiben, damit wir uns auch ohne Sprach: verstehen. Ich fühle mich immer bedrängt von Dir; ich spür es durch Schrank und Kiste, wo eines Deiner Bücher liegt ober steht. Sie strahle« wie Radium durch den Pappdeckel her, und wie soll ich mich anbers dagegen wehren, als daß ich mich hinsetze, Dir das zu sagen. Ich rede nicht gern über Bücher, aber Deine Bücher sind für mich keine Büches. Briefe, direkt an mich gerichtet, Mitteilungen, Tagebücher eines Freum des, der älter ist als Jesus unb mir verwandter als ein Mensch auf bet Welt, Du unb ber kleine Fünfjährige, ihr seib meine Brüder, und bü'> ist genug. Seit ich gestern wieder Deine „Erdbeschreibung" las, überfiel miü das Heimweh nach dem Golf von Napoli: da ist die Erde noch st heiße Quellen, Schwefel, Wasser, Feuer brechen aus der Erde, die Krusl« ist glühend heiß, sie schwabbelt und schwankt, — den Vesuv sah ich am wie die Nabelschnur, die mich mit der großen feurigen Mutter öer bindet. Ich habe in einer Morgenfrühe auf dem Rand des innerem Kraters gestanden, sah den Schlund, den Feuerschoß so weit von tnii" fort, wie der Mensch ein Weib betrachtet, das vor ihm liegt. NoH schaudert es mich, — so nah stand ich am Rand, der flockenweichu Auswurf sank in sich zusammen, hätte ich mich nicht nach hinten $urüd" geschleudert, zur „Welt " hin, kopfüber auf die kalte Seite der Weill zu stürzen — ich wäre mit der glühenden Asche in den Krater gerutfdjt Der kalte Osiwinb trieb die haushohe Flamme westwärts, ich empfand eine barbarische Wollust an der Glut, der Schmerz tat mir wohl, diü Kerle, die mich nicht auf diese letzte Spitze hinauflassen wollten, schrieb wie die Sck)ulmeister — ein Ausbruch deschleuderte sie mit glühenden Asche — aber der feurige Bogen war über mir, ich stand in einen Kuppel von rieselndem Feuer. Mensch, kannst Du Dir denken, daß ich eine unnennbare Sehnsucht! nach diesem Land habe? Daß niemanb versteht, warum ich um diese» Feuer kreise, daß ich glücklich bin, im Bannkreis dieser Mächte zu (eben?6 Da müßten wir zwei einmal hin. Ich hatte das Heimweh wieder einmal verdrückt. Aber es ist aus Deinem Buch heraufgestiegen. Es ist doch nur ein Buch, aber der Desu« ist Erde, ist lebendig. Unb ich bin nur ein fanatischer Liebhaber bes Feuers, ein Schmied, der mit der Schwester Flamme Blutschande treibt. Cs ist nun nüchterner, heller Tag — ich war in der Werkstatt un« muß nun Post bearbeiten. Sei gegrüßt im stammenden Tageslichtt Dein Freund H. L.