Nummer 6( Zreitag, -en U August Mrgang 1939 und setzt seine Löhnungen in „Pinard' um. Die Folgen zeigen sich tu> der tt: uns. lei uns „Wir sollen wieder stürmen da vorne, wiederum solch einen blutigen, sinnlosen Angriff unternehmen wie am 29. April", schreien einige Unzufriedene. Sie finden willige Ohren. Man schart sich um sie. Große Kreise von Zuhörern bilden sich. Der Poilu hat drei Löhnungen auf einmal empfangen, dazu noch jene Zusatzgelder, die in Zeiten der Groß- kämpse als Sonderleistungen gezahlt werden. Und der Wein in dieser Gegend ist billig, billiger als Kaffee, gesünder aber auch als das verseuchte Wasser der Dorfbrunnen. Deshalb trinkt dec Soldat nur Wein „Seht doch, wie die Russen es machen, Kameraden", schreien die Redner. „Seht doch, sie sind nicht feige wie wir. Die haben Schluß gemacht. Und wir? Was tun wir? Wir lassen uns von Nioelle und von anderen Generalen zur Schlachtbank führen. Wir lassen uns verkaufen und verraten und wehren uns nicht." Ringsum stehen sie mit glotzenden Mündern und fühlen in sich einen Bärenmut. Sie setzen immer wieder die großen horizontblauen Feldflaschen an und schütten sich reichliche Güsse des schweren dunklen Landweins hinab, bis die Offiziere sich einmengen und endlich Ordnung schaffen. Mit einer Verspätung von nur wenigen Stunden tritt das Regiment an. Die Offiziere befehlen die Marschordnung. Fast alle Soldaten gehorchen und schreiten stumm und verdrossen durch das Dorf, dem nörd- lichen Ausgange zu, Richtung Front. Nur zwei Kompanien etwa bleiben zurück und erklären, unter keinen Umständen mehr nach vorne gehen zu wollen. Man umzingelt sie, man nimmt ihnen die Waffen ab. Sie lassen alles mit sich geschehen. Man sperrt sie in eine große Scheune, um sie später dem Kriegsgericht zu übergeben. Damit scheint die Meuterei vorerst erstickt. Aber nein, sie glimmt weiter unter der Asche. Die Unzufriedenheit wächst im ganzen französischen Heer. Wenn das Regiment 128 den traurigen Mut zum Losschlagen fand, so war das vorerst nur ein Fanal. Die anderen Regimenter möchten gleichfalls die Gewehre hinschmeißen und nach Hause gehen. Aber sie finden den Absprung nicht. Ihre Vorgesetzten benehmen sich wie immer, streng und gerecht. Irgendwelche Uebergriffe ereignen sich nicht. Den Drahtziehern will kein Weizen blühen. Aber da ereignet sich etwas Unvorhergesehenes, etwas Ungeheuer- -liches. Einige Schüsse, in Paris abgefeuert, bringen den Stein ins Rollen. In Paris schießt man auf Frauen! Paris, das „rote Tuch" für die Front. In diesen kritischen Tagen, da es nur eines kleinen Anlasses bedarf, um namenloses Unglück über das Land zu bringen, in diesen Stunden der Hochspannung und des unerträglichen Wartens auf einen Ausbruch, der nur noch unter einer dünnen Decke von Disziplin schlummert, gibt es in einem der volkreichsten Viertel von Paris einen Menschenauflauf. Wie, durch was und warum, das wird nie geklärt werden können. Eine übliche Straßenfzene, weiter nichts. Zwei Menschen geraten in Meinungsverschiedenheiten und tragen ihren Zank in aller Oeffentlichkeit aus. Es kommt zu einer Schlägerei. Soldaten mischen sich ein, Franzosen und auch Farbige, Frauen schreien, immer mehr Menschen kommen und vergrößerlt die Unordnung. Man ruft die Polizei. Sie ist nicht da. Man schreit nach Ordnung. Und da kommt im Laufschritt die nächste Militärwache, um die Straße zu säubern und diese durchaus unpolitische Unruhe zu unterdrücken. Diese Wache aber besteht aus Anamiten. Man hat die Unzuverlässigkeit der Anamiten im Grabenkrieg kennengelernt. Keinem deutschen Angriff waren diese Gelben gewachsen. Man mußte sie im Hinterland verwenden, in der Etappe belassen, man bildete sie im Sanitätsdienst aus, man ließ sie Lastwagen und Prooiantfahrzeuge fahren, man benutzte sie auch als Wachsoldaten, nur um weiße Franzosen abzulösen. Kein Wunder, daß diese Anamiten bestens gehaßt waren. Der Poilu sah in ihnen nur Drückeberger, die es besser hatten als er. Die französische Frau erblickte in ihnen die Bevorzugten, die ihren Mann oder ihren Sohn von einem weniger gefährlichen Posten verdrängt hotten. Nur weil die Anamiten da waren, konnten viele französische Familienväter frei werden für den Schützengraben. Wirklich, sie waren vielgehaßte Menschen, diese Anamiten. Und nun kommen zwölf Anamiten im Laufschritt daher und versuchen, die aufgeregte Menschenmenge zu zerstreuen. Ein willkommener Anlaß für die Bürger, einmal ihren Zorn zu kühlen. Die Anamiten werden mit Hohngeschrei empfangen. Man beschimpft sie, man speit sie an, man schreit ihnen all den Haß, den man für sie empfindet, ins Gesicht. Die Asiaten verstehen nichts, sie merken nur, daß diese weißen Teufel thnen böse wollen. Sie wissen, daß man sie nicht liebt, weil sie die starken Nerven nicht besitzen, um kaltblütig, wie die Senegalneger zum Beispiel, in den Tod zu gehen, in ein kaltes Verderben, das aus hartnäckig tackenden deutschen Maschinengewehren daherpeitscht. Und jetzt fühlen sie sich bedroht. Line Armee meutert SGHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Bericht von p. L. Lttighoffer - Copyright b y Bertelsmann Gütersloh 16. Fortsetzung. unzufriedenen Etappe oder der Heimat wie 17 Monate später Frankreichs Wehrmacht ist müde und krank und erschüttert, und ... wird das Heer immer noch weiterkämpfen, tapfer und bieder iit feinen Trümmern, während Etappe und Heimat nach einem Frieden M jeden Preis schreien werden. Ach, er soll recht hoch sein, dieser $ieis, recht hoch! Nein, die Heeresgruppe Deutscher Kronprinz weiß nicht, daß ihr Ain eigenllich das Ende des Krieges bedeuten würde. Und die Oberste hucesleitung weiß es nicht. Kein Feldgrauer weih es. Und die Tage «streichen, und das deutsche Schicksal erfüllt sich, und dieses Schicksal bald. Es bilden sich Meetings. Und der Überreichlich genossene Wein wirkt. Die Heeresgruppe Deutscher Kronprinz sieht dies ein und ihr Der- )i6t auf den geplanten Durchbruch ist groß, weil er ihr unsterblichen Soldaten rühm streicht. Unbewußt hat die Führung der Heeresgruppe für , üge das Schicksal des Vaterlandes und der Welt in den Händen getrogen. Niemand auf deutscher Seite weiß etwas von dem Gären im jrmzösischen Heer und von der unendlichen Müdigkeit, die den Poilu griffen hat und die als rasch wirkende Seuche das ganze Hinterland «stecken soll. Aus der Front heraus quillt der Krankheitskeim, nicht icht Kampf! Der 20. Mai ist der historische Dag für den Ausbruch jener Meuterei, iii das französische Heer und damit ganz Frankreich an den Rand Abgrundes bringen fall. Drei Wochen lang werden diese Meute- |tfi,n dauern und bald in diesem, bald in jenem Regiment durch Ge- v'^oecweigerungen und auch durch Untaten jeder Art zum Aus- h gelangen' Man wird alles verheimlichen und verkleinern wollen, ,Hon wird der Presse strengstes Stillschweigen auferlegen und die Gren- Frankreichs ängstlich bewachen. Und so wird es Deutschland nicht esthcen, wird nicht erfahren, daß bis Mitte Juni 1917 nicht weniger «'s 115 Truppeneinheiten, darunter 75 Jnfanterieregimenter, 23 Elite- ioiaiüone Jäger zu Fuß und 12 Artillerieregimenter vom Taumel der limlerei erfaßt werden, nicht mitgerechnet die zahlreichen Nebenforma- ih.en an der Front, in der Etappe und sogar in der Heimat. Das 128. Infanterieregiment verliert als eins der ersten die Disziplin, iiijes Regiment war sozusagen Elitetruppe. Es halte der Armee luijesne an gehört und sich brennend auf den Vormarsch gefreut. Die teilten Poilus dieses Regiments stammten aus der Gegend von Lens Hl aus dem Kohlengebiet im Artois. Und nun brachten die franzvft- k>n Zeitungen in großer Aufmachung die Nachrichten von der Ein- niirne der Stadt Lens. Doch Lens war nicht eingenommen, und das |»i für das Infanterieregiments 128 die erste bittere Enttäuschung. nach, das Regiment tat feine Pflicht und wurde am 29. April bei |6i| .gneul eingesetzt, dazu noch unter schlechtesten Vorbedingungen. Tiichem, um sechs Uhr in der Frühe, brach das Regiment planmäßig jus seinen Sturmstellungen und erlitt schon im deutschen Drahthindernis Üi furchtbarsten Verluste. Blutig abgeschlagen der Angriff. Das Regi- Wrt zag sich in seine Ausgangsstellungen zurück, blieb dort bis zum lf. Btai unter schwierigsten Umständen. Dann schickte man bie abge- fimpften Bataillone nach Prouilly ins Ruhequartier Die todmüden Soldaten kommen am späten Abend dort an und Men keine Unterkunft, weil das Dorf schon von zwei Regimentern biligt ist. Sie müssen zum Teil draußen im Freien bei Regen und Kalte we nachten! viel zu müde zum Zeltebauen. Einerlei, man ist wohlge- ^ren im Ruhequartier, und alles wird sich jetzt finden alles. Das *?iment wird wahrscheinlich noch weiter ins Hinterland dürfen, uno Urlaubssperre wird man doch jetzt sicher aufheben. . Uber nein, schon am 30. Mai wird das Regiment alarmiert und mutz ®c,er nach vorne. Die Urlaubssperre wird nicht aufgehoben. Im Laufe letzten Nächte sind die Poilus kaum zum Schlaf gekommen, denn M0i.g waren die deutschen Flieger da. Ueberhaupt, seit Beginn der S’Un Doppelschlacht beherrschen die deutschen Luftstreltkrafte den J’nswi Raum. Die 400 Paradeflieger des Generals Nivelle lassen sich •Jr-er noch nicht sehen, oder wenigstens nur in kleinen Gruppen, die ^hichlig abdrehen, wenn die deutschen Kampfgeschwader heranbrum- rir- Dies alles erbittert den Poilu. . • Sein Urlaub, schlechtes Essen, keine Ruhe, keine anständige Unter- ,im Ruhequactier, kaum die Möglichkeit, sich mal zu waschen und $ pflegen, und jetzt schon wiederum der Befehl $um neuen Einsatz. ietzenerZammenvMer . Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Sie senken ihr« Waffen. Ganz mechanisch finden sich ihre Zeigefinger am Abzug, und dann peitschen hell und trocken dl« Schüsse aus dem Gewehrlauf. Das Geschrei der Meng« erstirbt. Zwei, drei Sekunden des blassen Entsetzens. Und wieder peitschen die Schüsse der Anamiten, und nun hebt ein regelloses Flüchten an. Die Menschenmenge flüchtet und hastet davon. An den Straßenecken werden Frauen und Kinder niedergedrückt und zertrampelt. Eine halb« Minute später ist die Straße blank und leer. Nur Handtaschen, Schirme., Hüte, Mäntel, Pakete und Stöcke liegen umher. Und dort in der Gosse, mit seltsam verrenkten Gliedern, hingeftreckt in große, gerinnende Blutlachen, liegen erschossene Frauen und — Kinder--- Am selben Abend weiß man es in den Ruhequartieren hinter der Front. Am folgenden Tag weiß es jeder Poilu zwischen Reims und Soiffons und darüber hinaus bis Moronvilliers. Di« ganze Angriffs- arm«e an der Aisne und Champagne weiß es: „In Paris schießt man unsere Frauen und Kinder kaputt. In Paris herrschen die Anamiten und terrorisieren die Zivilbevölkerung. In Paris ist dl« Regierung nicht fähig, Ordnung zu halten —" Di« Nachricht wird, wie es in solchen Fällen üblich ist, ausgeschmückt und verschlimmert. Die wahren Zusammenhänge fehlen. Man glaubt nicht an Willkür oder Panik der Asiaten, sondern an ein befohlenes Vorgehen. Wilde Gerücht« schwirren: „Unsere Frauen wollten den Frieden haben. Sie marschierten zum ElysLe, um von der Regierung endlich den Beginn der Friedensverhandlungen zu verlangen. Unterwegs Hot man sie abgefangen und nieder- gefchossen. Ja, so ift’s." Diese Auslegung leuchtet dem einfachsten Poilu ein und wird weiter- gegeben, durchgesagt, tausendfach erzählt und beherrscht das ganze Denken und Fühlen der Truppe. Und nun hört man überall in den Quartieren, aus dem Marsche, in den Dörfern, überall, wo Soldaten liegen, ein wildes Geschrei nach Frieden und noch Rache. „Den Frieden wollen, wir, den Frieden, — nieder mit dem Krieg!" schreien die Poilus. „Unsere Regierung allein will noch den Krieg. Rußland geht uns voran. Rußland will mit Deutschland Frieden schließen. Warum halten wir nicht «in, da Deutschland doch nicht zu besiegen ist! Man macht uns was vor, man will uns immer noch den Endsieg vorgaukeln. Quatsch, es kann keinen Endsieg geben. Wir wollen nach Hause!" Eine Parole wird durchgegeben, heimtückisch, still, von Mund zu Mund, von Mann zu Mann, und diese Parole lautet: „Wir gehen nicht mehr in Stellung!" An diesem Tag wird kein Poilu in Stellung gehen. Und auch in den nächsten Tagen wird sich kein Mensch rühren, die Befehle der Vorgesetzten zu erfüllen. Die Vorgesetzten bleiben stumm und schauen aus der Entfernung dem Treiben ihrer Truppe zu. Sie sind müde, jawohl, auch sie sind müde, denn sie haben selbst erkannt, doh man der Truppe gegenüber unrecht handelte, daß man den Soldaten etwas vorgaukelte, was unerreichbar war, — einen Durchbruch, einen Sieg. — Dabei ein seit Wochen ausgesucht schlechtes Essen und eine lächerliche Löhnung, die noch weniger als ein Trinkgeld ist, während sie daheim in den Munitionsfabriken 18 bis 20 Franken am Tag spielend verdienen. Und der Urlaub ist immer noch gesperrt, obwohl niemand eigentlich den Grund 'hierfür erkennen kann. Di« Offizier« stehen abseits und müssen ohnmächtig zusehen, wie die Truppe auseinanderfällt. Bataillonsweise laufen die Soldaten weg, durchstreifen die Wälder, gehen in di« Dörfer, requirieren Wein, trinken und kommen abends grölend wieder in ihre Quartiere zurück. Vorne, an der Front, ist «in Regiment in harte Bedrängnis geraten. Die Divisionsreserven sollen marschieren, um das Regiment aus der deutschen Umklammerung zu befreien. Doch die Poilus der Divisions- referven verweigern den Offizieren den Gehorsam. Sie bilden Arm in Arm breite Gruppen, gehen mit dem Gesang der International« durch die Straßen d«s Ruhequartiers. Der Ortskommandant will eingreifen. Man drängt ihn ab. Man zerfchlägt in seinem Quartier alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Am 26. Mai müssen vier Bataillone vorn auf d«m Plateau von Craonne ein stark gelichtetes Stellungsregiment ablösen. Die vier Bataillone rotten sich zusammen, marschieren bewaffnet zum Quartier des Divisionskommandeurs. Vergebens versuchen die Offiziere, sogar mit Waffengewalt, die Mannschaften zurückzuhalten. Man drängt sie beiseite, man nimmt ihnen die Waffen ab. Vor seinem Frontosfizier, vor seinem Hauptmann, vor seinem Major, überhaupt vor seinen Offizieren, die mit ihm jede Not und jede Todesgesahr teilten, hat der Poilu immer noch eine grenzenlose Hochachtung. Auch der Meuterer vergreist sich nicht an seinem unmittelbaren Vorgesetzten, aber er gehorcht nicht mehr. Er drängt seinen Offizier beiseite, fertig! Am 27. Mai soll in La Före en Tardenois ein Insanteriebataillon auf Lastwagen verladen und nach vorn« gebracht werden. Die Poilus wollen scheinbar gehorchen. Aber da kommen di« Rädelsführer mit Gewehren. Pflanzen sogar ein leichtes Maschinengewehr aus, schießen di« Dorsstrahe entlang und verhindern das Besteigen der Lastwagen, di« st« unter Feuer halten. Aus Paris ruft man in Eile alarmierte Gendarmerie herbei. Sie soll die ohnmächtig gewordene Feldgendarmeri« verstärken. Beim Morgengrauen des 28. Mai begibt sich das Jnfanterie- bataillon, das nun vollständig in der Hand der Rädelsführer ist und ihnen blindlings gehorcht, geschloffen zum Bahnhof, um einen Zug nach Paris zu besteigen. Aber nun greifen die Gendarmen ein, kommen von allen Seiten, verhindern das Besteigen des Zuges und führen zahlreiche Poilus entwaffnet ab. Die anderen werden kleinlaut und begeben sich in ihre Quartiere zurück. Auch hier ist die Meuterei rechtzeitig niedergeschlagen. Der 29. Mai ist für di« französische Oberste Heeresleitung ein Tag der Schrecken. Nicht weniger als zehn Regimenter verweigern an diesem Tag geschloffen den militärischen Gehorsam. Es ist gerade allgemeiner Ablösungstag. Die Regimenter verbleiben in den Ruhequartieren. Sobald die Offiziere erscheinen und Gehorsam verlangen, singen die Poilus, unter Anleitung ihrer Rädelsführer, laut und weithinfchallend die Inte,, nationale. Sprechchöre bilden sich und grölen stundenlang di« Kamps, parole der Meuterei: „On ne montera pas!“ (Wir gehen nicht in SteUungl)- Am Abend des 29. Mai setzen sich mehrer« Regimenter in Marsch Sie wollen nach Paris. Einige möchten di« 100 Kilometer lange Streck« zu Fuß zurücklegen. Andere eilen zu den Derladebahnhöfen. In der Nacht vom 29. zum 30. Mai hat di« Aufruhrbewegung das ganye III. Armeekorps erfaßt. Frankreich steht am Abgrund. Die Schwarzen Tag« für Frankreich. Und die Generalität? Wie verhält sich di« Generalität angesichts dieser offensichtlichen Meuterei? Hier gibt es doch jetzt nichts mehr 311 verheimlichen und zu beschönigen. Di« Taffaehen sind da, traurig und furchtbar. Es muß gehandelt werden. Schnelles Handeln ist erforderlich, soll überhaupt noch etwas gerettet werden! Zuerst handelt General Duchesne. Er hat eigentlich in dieser Offen- sive eine seltsam« Rolle gespielt. Ihm sollte es oergönnt sein, den Sie, weit in die Eben« hinauszutragen. Die Kavallerie des Generals Duchesne sollte unoerwelklichen und ewigen Lorbeer pslücken. Seine siegreich Verfolgung mußte, nach dem Plan Nivelles, ewig mit der Arnue Duchesne und mit dem Namen des Armeeführers verbunden bleiben. Desto größer die maßlose Enttäuschung des Generals Duchesne. Statt Vormarsch und Sieg erlebt er nur Meuterei in seiner Arme«, die nicht einmal den ersten Ansturm mitzutragen hatte, sondern oorert in eine untergeordnete Roll« gezwungen worden war. General Duchesne erfährt zuerst von der Meuterei des 66. In sa nteri« r egim e nts, das M 18. Division vom IX. Armeekorps gehörte. Das zweit« Bataillon diese! Regiments hatte ben Gehorsam verweigert, und zwar schon am 23. Mai General Duchesne gibt Befehl, eine größere Anzahl Soldaten dies«! Regiments zu erschießen, und zwar nicht nur Angehörige dieses meuternden Bataillons, sondern aus allen Bataillonen. Duchesne will er^rn durchgreifen. Der Befehl des Armeeführers wird vor den entsetzten Augen der Mannschaften verlesen. Poilus, schuldig oder nicht, werden in der angegebenen Zahl ausgewählt, durch Abzählen ermittelt. Man nimmt ihnen die Gewehr« ab. Die Clairons blasen und die Trommeln wirbeln dumpf. Und zwischen blitzenden Bajonetten werden di« Gewählten abgeführt.--- Dies alles geschieht so schnell, daß di« Meuterer überhaupt nicht M Besinnung kommen. Ehe sie sich fassen, ist der Befehl des Armeefuhrer! in krachenden Salven ausgeführt. Am 30. Mai, in der Frühe, schickt der Generalstabschef Fach ein geheime» Rundschreiben an alle Generale, Festungs- und Platzkommandanten Darin bestehlt er, sich mit den Zivilbehörden in Verbindung zu setz« um all« Maßnahmen zu ermitteln und zu ergreifen, di« notwendig sinkt: di« öffentliche Ordnung und Ruhe in dem Gebiet der Republik aufre oder fo." Was sagen hier die Truppenoffizier« zu diesen Meutereien? 6Ü1 stehen abseits. Man läßt sie in Ruh«. Man betrachtet sie als Leito- tragende, als Kameraden, die vorläufig noch nicht offen mitmach«:» wollen, di« aber bald nicht mehr anders handeln können, als gleichfalls unter der roten Fahne zu marschieren. Die russischen OfsiziM haben ja auch zuerst abseits gestanden, dos weiß man. Ein Regimentskommandeur erklärt: „Ich bin in Ehren grau geworden. Sett einem Menschenalter fast bin ich Soldat für Frankreich, aber ich kann, so leid es mir tut, du Poilus nicht verdammen. Es ist von den Menschen zu viel verlang: worden. Zu viel hat man ihnen versprochen und zu wenig hat man gehalten. Jetzt kommt die natürliche Reaktion. Warum hat man Öen Derschen immer als dumme und brutal« Bestt« hingestellt, die nur baraiw wartet, von uns verprügelt zu werden? Jetzt rächt sich das alles. Ich bedauere vielmals, daß ich es sagen muß. Di« Soldaten sind zu diesem Schritt systematisch getrieben worden. Was hat man aus unseren brave» tapferen Poilus gemacht!?" In ähnlicher Weis« sprechen auch ander« Truppenoffiziere von ihr«» Soldaten. Jawohl, der Poilu ist schmachvoll belogen und betrogen won den. Bis zur Siedehitze hat man chn aufgeputscht und aufgepeitM Noch vor dem großen Angriff am 16. April hat General Nivelle M großen Fehler begangen, in einem gewiß ehrlich gemeinten, aber dennoch ungeeigneten Tagesbefehl zu erklären: „Greift nur an, stoßt nur vor! Ihr werdet keinen lebenden mehr vor euch finden!" Was hat die Offensiv« der franzöfischen Nation gekostet? Uebr Materialverluste spricht man nicht. Material spielt gar keine Rolle im Krieg, wenn es einmal verbraucht ist. Nur roenn's nicht mehr oder nti: schwer zu beschaffen ist, wie zum Beispiel drüben in Deutschland, bani* spiellls schon eine Rolle, dies Material, dies Herzblut der Schlachten Gut, sehen wir ab vom Material. Cs ist zu ersetzen. Amerika hat Ja titi1 zwischen den Krieg erklärt. Die USA. werden wohl kaum ausgebiü^"' Mannschaften schicken können, so denken jetzt noch di« Politiker, ad«: Material werden fi« herUbersenden in Schissen ohne Zahl. Di« werden den ganzen Reichtum ihres unermeßlich großen Landes in Waagschale werfen. Kein Grund deshalb, den Millionen verschossen« Granaten oder dem sonstigen verlorenen oder verbrauchten Gerät naä« zuweinen. Nein, wirklich kein Grund. (Fortsetzung folgt.) <1* S 8 ntbe , Mjn : Ns 1 , Wsh ; N«rt ! I'N § ; > c 'Wi K ■58 b 1 Moni :tz des t incht w M es 1 ! - * für ■«en, $1 wrung M cht । -Welt Sri)®or: Sieter '■Mun ■ «trtufen 'IttlDu ' «1 all W, 1 tta ui 1 «len b- ÄibiL ! Bei ' Ar Umch ßeoerfi nunjäi) Men! r« in d ■** uMst« : beiden ii einem 1 illein 1 tiiibet, ( ifiiem s Das Kinderspiel. Bon Herbert Böhme. Schwäne, Enten, Fische, Büren und ein weiher kleiner Hund, loht im Spiele es gewähren, seine Welt ist froh und bunt. Pserdchen zieh und Vöglein finge, Blume, bücke dich geschwind, daß es seinen Gruh dir bringe, pflückt es dich, das holde Kind. Sonne aber, der Gespielen Liebste, nimm es an der Hand, führ es iiber Traum und Zielen, all den lauten, all den vielen mitten in sein Vaterland. 6in Besuch in der Weltapoiheke. Don Dieter von der Schulen bürg. Allnächtlich erstrahlt über dem Riesenwerk der IG.-Farbenindustrie h Leverkusen das Bayerkreuz. Das Zeichen selbst ist bekannt mi unzähligen Medikamenten und deren Packungen, von Ampullen und Tabletten her, die uns der Arzt verordnete oder der Apotheker verkaufte, iier in dieser gigantischen Stadt der Arbeit ist es zur größten frei» shwebenden Lichtanlage der Welt verwendet. 2200 Lampen leuchten je ar Hälfte nach Köln sowie nach Düsseldorf hinüber. Es ist zwischen itn beiden 126 Meter hohen Schornsteinen der mächtigen Kraftanlage sit einem Durchmesser von 76 Meter gespannt .Der einzelne Buchstabe ü allein 12 Meter hoch. Würde man den Kreis, in dem sich das Kreuz l> findet, aus die Erde legen, hätten etwa 20 000 Menschen in ihm iequem Platz. Die Konstruktion und das Aushängen, das 1933 er« flgte, ist so genial erdacht worden, daß der leitende Ingenieur dafür «in besonderes Patent erhielt. Analog dieser Anlage in Leverkusen hingt das weltbekannte Buchstabenkreuz heute über allen Vertretungen üi6 leuchtet allnächtlich vor allem über den 89 Ländervertretungen der kirma, wie besonders groß etwa in Kopenhagen auf. Gleichwohl bedeutet es mehr als reine Reklame oder als ständige Anpreisung pharma- Mtischer Ware. Es ist zum Symbol geworden für deutschen Forscher- Iist, für Taten, die in stiller, unermüdlicher Laboratoriumsarbeit er« nnen, zu unendlichem Segen für die gesamte Menschheit geworden irb, im Kampf gegen Krankheit und Tod. Dieses Zeichen heißt Hilfe, nderung von Schmerzen, Heilung vom Leiden. Der Name Bayer >t nicht nur Weltruf, sondern das Weltvertrauen erworben mit seinen räparaten. Davon zeugt nicht zuletzt ein volkstümliches spanisches Sprichwort: „Si es Bayer, es buenol" Dieser Tage stand ich hoch oben aus dem Dachgarten des neuen Verwaltungsgebäudes und sah über die gewaltigen Werkanlagen von kverkusen hinweg. Welch ein Lebenswerk eines genialen Mannes! Als (arl Dulsberg hier nach dem Weltkrieg das Gelände erwarb, hatte f: an alles gedacht. Die entwicklungssähigen Großbetriebe wurden so «-gelegt, daß jederzeit, wenn es erforderlich war, die Bauten ver- ziößert und erweitert werden konnten. So sieht man von hier oben «tenthalben freie Räume, die sofort für neue Produktion und Audi ulen bestehender Anlagen herangezogen werden können. Vorbildlich ist auch für das Wohl, die Gesundheit und die Erholung «ter Werkangehörigen gesorgt. Ein breiter Parkgürtel mit wunder- diren Anlagen umgrenzt das Gesamtgelände. Hier ruht auch der kchöpfer in einem schlichten Mausoleum. Im Carl-Duisberg-Park befindet Ich des weiteren ein modernes Freibad, das an Schönheit wohl kaum km im Stadion zu Berlin nachsteht, in dem jeder, vom Direktor bis itm Arbeiter und Angestellten mit ihren Angehörigen ein erfrischendes 8-ib nehmen kann. Eine umfangreiche Werkbücherei sorgt für Unter» kltung und kulturelle Bedürfnisse. 25 000 Bände sind es allein an pöngetsttger Literatur. Dazu kommt aber für Weiterbildung und ernstes feubium die großartige Hinterlassenschaft des bekannten Chemikers Mute, die im Lauf« der Zeit auf 75 000 Bände wissenschaftlicher Werke ftroeitert wurde und endlich 30 000 Dissertationen. Jedes Tankschiff, ite mit Schwefel- oder Salpetersäure oder mit Ammoniak beladen, den Hrkehr von Werk zu Werk tal« oder bergwärts nach Uerdingen, Höchst ut-b Ludwigshafen besorgt, erhält eine Kiste mit je 12 ladenneuen kichern älterer und letzter Erscheinungen der Weltliteratur, die jeweilig «ich drei bis vier Monaten umgewechselt werden. Welche Fürsorge offenbart sich auch hier oben auf dem Dachgarten i*<3 neuen Verwaltungsgebäudes! Man tritt zu ihm durch ein kleines, ^hagljch und hell eingerichtetes Kaffee hinaus, in dem man für billiges ®Ub eine Erfrischung haben kann. Gärtner sind gerade damit beschafft, Stiefmütterchen gegen Sommerblumen in den Beeten auszuwech- jen. Bequeme Li ege stich le laden zu kurzer Siesta ein. Und nun erst btr Blick von hier oben nach Köln hinüber und feinen Dom oder aus im Sonnenglanz glitzernden Rhein und aus das beständige Kommen »tb Gehen der Schiffe! Aber was ist denn das plötzlich auf der anöeren &ite? Das Bayerkreuz wird ja lebendig! Man sieht mit einem Mal Menschen im Aufzug einige Lampen austauschen. Sie neben im lieg Stahlstränge wie Fliegen im Spinngewebe. Schwindel scheinen sie "iht zu kennen. Der technischen Wunder sollte ich indessen noch viele Iv diesem Morgen erleben. Schon beim Betreten des Dermal tun gs- ^iiies war mir aufgefallen, daß die gläsernen Flügeltüren von un- iintbaren Händen geöffnet wurden. Immer wieder war man versucht zu »üßen und für die freundliche Aufmerksamkeit zu danken. Es ftano Uer nie jemand da, so daß der Gruß jedesmal der liebenswürdigen "totozelle galt, die geflissentlich und dienstbereit das De ff n en der -kure * dem eintretenden Besucher über einen elektrischen Kontakt verursacht . sehenswert war auch der rund 16 Meter lange Konferenzsaal der Sektion, der nach neuen Gesetzen der Akustik mit runben Ecken gebaut war. Der Vortragende braucht nicht im mindesten die Stimme anzustrengen, er kann sogar ganz leise sprechen, um noch auf dem letzten gegenüberliegenden Platz im Saal verstanden zu werden. In den Direktionszimmern befinden sich neben den Schreibtischen breite Schaftbretter, eine Apparatur, die das Megaphon mit dem Diktaphon vereinigt. Der betreffende Direktor kann also von seinem Schreibtisch aus, ohne sich von seinem Platz rühren zu müssen, eine Konferenz mit allen Abteilungsleitern abhalten. Das Gespräch kann genau protokolliert werden. Ebenso werden Telephonanrufe aus allen Hauptstädten der Well sestgehalten. Will man einen eiligen Brief diktieren, braucht man nicht zu »arten, ob die Sekretärin im Zimmer ist oder nicht. Sie findet später das genaue PHonogramm vor und kann es unverzüglich zu Papier bringen. Großartig wie die technischen Hilssmittel ist auch die Organisation. Vor den Direktorenzimmern künden Tafeln, wer von den Herren verreist »der aus Urlaub ist, wo und wann Besprechungen angesetzt sind. Einen Begriff von der bis ins Letzte durchdachten Organisationsarbeit gibt auch besonders das Bayer-Atelier, in dem geographische und künstlerische Ideen für die gesamte wissenschaftliche Werbung ausgearbeitet werden. Finden irgendwo auf der Welt Aerztekongresfe oder Hygiene- Ausstellungen statt, »erben hier die wissenschaftlichen Ausstellungsgüter und das Demonstrattonsmaterial entworfen und gezeichnet, Inserat« in allen Sprachen des Erdballs gestaltet. Es gilt bei vielen Erzeugnissen, wie etwa Neosalvarsan, 950 Originalpackungen zu beschriften, um die Produkt« der Wett zugänglich zu machen. Werden nun auch in Leverkusen die verschiedensten chemischen Erzeugnisse hergestellt, so ist die pharmazeutische Abteilung zweifellos di« wichtigste und der Bau der Ampullen-- und Ta- bl e 11 e n fa b r i t besonders interessant. „Als im Februar 1888 im Rahmen einer Aufsichtsratssitzung der damaligen Farbenfabriken norm. Friedr. Bayer 8- Co. in Elberfeld beschlossen wurde", heiß es in der Jubiläumsschrist .Fünfzig Jahre Arzneimittel, „neben der Farbenfabrikation und dem Farbengeschäft eine eigene Pharmazeutische Abteilung aufzubauen, wird wohl keiner der an dieser Sitzung Beteiligten daran gedacht haben, welche Bedeutung die Arzneimittelfynthefe mit der Zeit bekommen sollte." Im Jahre 1883 war durch Höchst das Antipyrin eingeführt worden, am 18. Februar 1888 folgte die Erfindung des Phenacetin, das zur Begründung der pharmazeutischen Abteilung Bayer im Elberfelder Werk führen sollte. Blickt man heute nach einem halben Jahrhundert auf diese Anfänge zurück, kann man nur eine ununterbrochene, fortlaufend« Kette beispielloser Erfolge feftstellen, die die Menschheit dieser Abteilungsgründung verdankt, und di« gewaltigen Fortschritte werden ersichtlich, die die Therapie auf allen Gebieten der Medizin erfahren hat. Chemo-, Serum-, Hormon-Bitamin-Therapie gehören heute wohl zum unentbehrlichen Rüstzeug des Arztes. Groß wie der Siegeszug war auch die Anerkennung für die Forschertaten In einem kleinen Werkmuseum ist der Nobelpreis ausgestellt den Emil o. Behring als erster Mediziner für seinen erfolgreichen Kampf gegen die Diphtherie erhielt. Noch in jüngster Zeit widmete General Franco dem Generaldirektor und Generalkonsul W. R. Mann sein Bild in Dankbarkeit für die tatkräftige Hilf«, die das Bayerwerk der nationalspanischen Armee in schwerstem Kampf gegen den Wettfeind angedeihen ließ. Auf eine Anerkennung durch das ägyp- tifche Königshaus weist ferner ein Mittel mit dem Namen „F u a d i n hin das mit größtem Erfolge die Bilharziosis bekämpft, eine gefährliche Wurmkrankheit, von der der ägyptische Landmann im Nildelta be- allen wird. Unaufhaltsam geht der Siegeszug weiter. Zu den neueren Entdeckungen gehört so das „Prontosil" gegen Streptokokken. Einig« wenig« neue Mittel, wahllos herausgegriffen, aber sie zeigen das beständig« Weitergehen. Im „B « t a x i n" gelang es 1938 zum erstenmal, auch das reine Vitamin Bl synthetisch herzustellen. Und mit welcher peinlichen Korrektheit bei der Durchprüfung eines Mittels verfahren wird zeigt „Bayer 2 0 5", das wettbekannte „Germanin" im Kampf gegen die Trypanosomiasis, die Schlafkrankheit, lieber tausend besonders hergestellte chemische Verbindungen wurden dabei durchprüft, von denen eine endlich allen Kriterien standhielt, das heißt, den höchsten Heileffekt und vollkommene Unschädlichkeit gewährleistete, das war dann ^Treten "mit-9 abe^nun in das Reich von Asklepios schönster Tochter, der Hygieia ein, so erfahren wir hier erst,was überhaupt Hygiene heißt. Der ganze Dau der Ampullen- und Tablettenfabrik steht unter Ueberdrück an gereinigter Luft, die durch Trichter In die Räume hineinaepreßt wird Wenn Tür oder Fenster geöffnet werden, dringt nicht die Außen- lust nach innen, damit auch kein Staub oder Bazillis, sondern tue Jnnenluft nach außen. Man atmet wie auf einem hohen Berge frei und leicht Rund tausend Frauen und Mädels sind hier beschäftigt, alle in blütenweißen Kitteln und mit peinlich gepflegten Händen. Gleichwohl kommt die menschliche Hand mit keinem Medikament in Berührung. Das Füllen Zulöten oder Schließen von Ampullen und Tablettenröhren geschieht "durch feinersonnene Maschinen. Di« feinen Hände der Mädels sind nur zur Konttolle da. Di« Kontrolle geschieht auf bunt erleuchtetem Hintergrund, von dem sich die Medikamentflüssigkeit abheben kann. Und dann fällt noch eins dem Besucher aus: Hier scheint Man stets fröhlich und munter. Ost klingt ein gemeinsam gelungenes Lied aut Es ist nicht nur die Wirkung der prachtvollen Luft, die das Herz unbeschwert macht, die Lungen tiefer atmen läßt. Es ist, als wüßten diese Hände sehr genau, daß sie die schönste Aufgabe haben, die ihnen das Schicksal zuerkannt hat daß sie mit dazu beitragen dürfen, Schwerkranken Linderung der Schmerzen, Heilung und Genesung von ihrem Leid zu bringen. So etwas macht froh und das Herz leicht. So auch mit dieser psychischen Heilkraft geladen, die von lieben, deutschen Mädeln erzeugt ist, gehen die Medikamente unter dem Zeichen des Bayerkreuzes hinaus rund um den Erdball. Im großen Packraum les« ich auf den hochgestapelten Kisten Stadte- namen aus allen Zonen und Breiten der Windrose: Colombo, Madras, Calcutta, Rangoon, Baranquilla, Kobe, Neuyork, Habana, Hongkong, Callao-Lima und Buenos Aires: „Si es Bayer, es buen!" Oie Fanny. Von Fritz Müller-Partenkirchen. Die Fanny war unser Dienstmädchen. Deutlich klingt ihr Name aus meiner Jugendzeit heraus: So etwa: Faah—nil Ich weiß heute nicht mehr, wie sie ausgesehen hat. Ihr Gesicht ist mit der Zeit verflossen. Aber „Faah—nil — Fah—nil", der Klang hat sich eingeprägt, ganz fest. Heute noch, wenn ich in eine Küche trete, wenn ich mir als alter Knabe da und dort ein RUtschlein auf einem breiten Treppengeländer nicht verbeißen kann, dann höre ich die zwei langgezogenen Silben aus der Vergangenheit herüberrauschen: „Faah—nil — Faah—nil" Und um den Klang ranken sich dann — ich mag wollen oder nicht — allerhand Erinnerungen herum, Erinnerungen aus der Zeit der kurzen Hosen. Gestern bin ich umgezogen mit Weib und Kind. Und da stand der Möbelwagen aus der Straße. Voll war er schon, die Tür zu, die dicke Etsenstange quer herüber — „Halt!" schreit es von der Treppe. Und da schleppten sie noch einen Koffer heraus, einen viereckigen, grünen Koffer, ein bissel gewölbt der Deckel und ein breites, schepperndes Schloß vorn dran. — „Was ist denn los?" ruft der Mann am Möbelwagen ungeduldig. „Der Koffer von der Köchin muß noch in den Wagen — die Tür noch einmal auf!" Und dann schieben sie ein wenig brummend den viereckigen grünen Koffer hinein'. Den Koffer von der Marie. Denn unser Mädchen heißt heute „Die Marie". Die Marie, nicht etwa „Marie". Es gibt Hauptwörter, mit denen der Artikel fest verschmolzen ist, Fleisch vom Fleische. Es wäre roh, ihn wegzulassen. Aber von der Marie habe ich gar nichts erzählen wollen. Von der sollen einmal meine Kinder was erzählen. Die verstehen sie. Wir sind zu groß dazu geworden und zu siebengescheit. Wir müssen uns auf die Erinnerungen an die kurze Hosenzeit zurückziehen, wenn wir Leute aus dem Volk verstehen wollen. Auf die Zeit, wo noch die Herzen offen standen, sperrangelweit. Und aus eben dieser Zeit scholl es mir herauf, als ich gestern den grünen Koffer sah, scholl es mir herauf: „Faah—ni! — Faah—nt!" Und eben von der Faah—ni will ich was- erzählen, eine Erinnerung, eine viereckige, eine Koffererinnerun^. Als die Fanny bei uns eintrat, das muß in grauer Vorzeit gewesen sein. Da steckte ich noch in der Kinderzeit von zwei, drei Jahren, in die keine Erinnerung mehr hinabtauchen will. Oft und oft schicken wir das Erinnern über jene Grenze. Aber es kommt zurück und weiß nichts zu berichten. Aber wenn wir die ausgeschickten und zurückgekehrten Boten nah betrachten, so sehen wir doch: sie sind mit einem dunklen Glück behangen, einem dunklen Kinderglück. Das kennt noch keine Pressung in die dürren Wörterhülsen. Damals also war die Fanny eingetreten. Und dann muß sie langsam tntt uns verwachsen sein. Mit uns, mit der Küche, mit dem langen Haus- gang, mit der Treppe, bis sie eben ein Stück von uns war und den Dingen, die uns umgaben. Ich weiß nicht mehr, ob sie tüchtig war oder nicht. Das muß in ihrem Dienstbuch stehen. Sie war ja doch ein Stück von uns. Wie mein Zeigefinger öder mein kleiner Finger. Von meinem Zeigefinger und von meinem kleinen Finger weiß ich auch nicht, ob sie tüchtig sind. Es sind meine Finger, und damit ist es gut. Die Fanny, die war unsere Fanny, und damit ist es gut. Am besten muß dies Gutsein mit der Fanny der kleine Gustl verspürt haben. Denn nicht allen von uns stand die Fanny gleich nahe. Steht Uns doch auch zum Beispiel der Zeigefinger näher als der kleine Finger. Und so war der kleine Gustl Fannys Zeigefinger. Der kleine Gustl ist mein Bruder. Er war unser Jüngster. Ihn umschloß die Fanny mit solch mütterlicher Liebe, als wenn sie selbst ihn unterm Herzen getragen hätte. Unserer Mutter war es recht. Er kann zwei Mütter brauchen, muß sie sich wohl gedacht haben, so zart und zerbrechlich war der kleine Gustl. Es muß auch schwanke Pflünz- lein geben, denk ich, denen tät es gut, wenn zwei Sonnen statt der einen am Himmel stünden. Und das ist meine früheste Erinnerung: Ich weiß noch, wie die Fanny dem Gustl das weiße Leibchen über seine dünnen Aermchen schob und wie sie ihm das kleine Löfselchen neben den Teller legte. Merkwürdig, daß eine solche Handbewegung tief im Gedächtnis eingegraben bleibt, während das Gesicht, das Gesicht der Fanny längst hinter einem Nebelberg verschwunden ist. Und dann, ja dann starb der kleine Gustl. Cs gehört nun einmal mit zu der Geschichte, und ich kann es nicht auslassen. Es ging sehr geschwind, dies Sterben bei dem kleinen Gustl. So, wie ein Fenster plötzlich aufklirrt, und ein Windstoß pfeift herein und löscht das Licht aus. Man schließt das Fenster und sieht sich wieder um: „Das Licht muß doch noch brennen", denkt man, man hat die schmale, spitze Flamme, die wie ein Kinderarm nach oben langt, doch noch so fest im inneren Gesicht. „Ei, freilich muß sie brennen, gleich da hinten bei dem vergitterten Bettstättlein." Aber die Flamme brennt nicht mehr. Es ist dunkel. Und aus dem Dunkel höre ich zwei Frauen meinen. Meine Mutter und die Fanny. Und hinter dem Schluchzen einher stolperte eine zerrissene Zeit durch unser Kinderzimmer: die Fanny wurde ungut. Die Mutter, ja, die übertrug die Liebe vom gestorbenen Gustl ohne Rest auf uns. Nicht so die Fanny. Ich weiß nicht, was es war. Vielleicht, daß ihr's nicht recht war, wie wir andern kräftig in die Höhe wuchsen Vielleicht, daß es ihr vorkam, als hätten wir dem schmalen Gustl durch unser festes Wachstum sein eigenes Erdreich irgendwie verkürzt. Sei's wie's sei — die Fanny wurde ungut. Sie schalt auf uns. 6it sah uns nur mit einem Auge an und kniff das andere zu. Es war ihr nicht mehr recht, daß wir am Speicher Fangamandl spielten. Sie sagte ei der Mutter, daß wir die Hosen auf dem Treppengeländer verrutschten. Git saß oft stundenlang allein in der Küche und ließ uns nicht herein, wem wir Seifenblasenwasser zubereiten wollten. Auch mit den Eltern hatte fie’s verdorben. Wie, weiß ich nicht, ich hab, es nicht verstanden damals. Aber das weiß ich, daß eines Tages Vater, auf den Suppenteller klopfte und energisch sagte: „Das geht nicht mehr. Der Fanny muß gekündigt werden." Kündigen? Was das ist, wußte ich nicht. Ich verwandelte es in meinet Knabenphantasie in „kindigen", und auf einmal hatte ich's: Von bet Kindern wegtun, das bedeutet kündigen. Und siehe da, es stimmte. Eines Tages hatte die Fanny einen Hut nut einer Feder auf und einen Mantel überm Arm. So stand sie breit In Gang und meinte kein bißchen, sondern sagte mit einer starken Stimm, zu einem Mann mit einem Messingschilde auf der Mütze: „Helfen Sie mir den Koffer heraustragen!" Und dann trugen sie zu zweit einen viereckigen grünen Koffer heraus. Einen großen Koffer mit einem Deckel, der ein wenig aufgebaucht tm Und ein Riesenschloß schepperte dran. I Wir Kinder waren über alle Maßen neugierig. Das hatten wir ji nicht gewußt, daß die Fanny einen solchen großen grünen Koffer fjatte, Was da wohl alles drin fein mochte? Da stieß die Fanny mit dem Fuß auf irgend etwas, was am Bode« lag. Ich weiß nicht, was es war. Aber später habe ich mir immer ooi> gestellt, es müsse ein Spielzeug vom Gustl gewesen sein. Und als die Fanny stolperte, krachte der schwere, grüne Koffer auf be-n | ibrt ba In Maf Sol wi'wg | M Son« | M Mo Flur, überschlug sich und sprang auf ... Ich dachte ... „Jetzt wird aber die Fanny ein großes Geschrei machen." Aber (le machte gar kein Geschrei, sondern stand mit langen herabhängenden Armen da und rührte sich nicht, sondern sagte nur: „Ach Gott, ach Gottl" Da war plötzlich die Mutter aus dem Wohnzimmer gekommen um) überschaute die herausgequollenen Sachen. „Fanny", sagte die Mutter ernst, „Fanny, was ist das für ein Wäsch» stück?" Und sie zeigte auf ein weißes Leibchen. Nun ging auch noch die Gangtür auf. Der Vater kam vom Geschüsi. Und nun standen wir alle um den umgestürzten Koffer herum. Ich weih noch, daß ich mich wunderte, was doch alles in einen solchen Koffer hineiui- geht. Besonders fiel mir ein rot und grüner Wachsstock in die Augen uni eine goldige Gürtelschnalle, eine großmächtige, und ein dickes Album nE silbrigen Beschlägen. Aber das alles schien meine Mutter nicht zu b» merken. Sondern jetzt wies sie auf einen unscheinbaren kleinen Lössel i in«. Sii | M ter Bo In W I iis farl [Nirb n Rs ein M Kraft, || Modi ntojffl B 16:116 mc Job n>h •hr,bi< 1 iTdjei Ries, bi F Sie bo * bie 8 geschlagen und rief einmal übers andere .Nein, jetzt fo was! Da muß man Jawohl, nach der Polizei! „Ruhe!", sagte jetzt mein Vater, bückte sich und nahm ein weißes BW aus dem Gemengsel. Das weiße Blatt habe ich heute noch. Es ist eil” Hotte-Hii drauf. Ein Hotte-Hü, das war ein Pferd gewesen bei unserem Gustl. Und er hatte es selbst gezeichnet als eine Walze mit vier Steckem Dieses Hotte-Hü zeigte der Baier unserer Mutter und sagte nur ei» r«it M R5,1 Ht 7-» ÄS Ne Wort dazu: „Gustl!" ; Und bann griff die Mutter in das Durcheinander, nahm das Läffelche« heraus, hvb's in die Höhe und sagte auch weiter nichts als „Gustl!" Und dann tauchte noch einmal ihr Arm in das Gewühl und hielt et« weißes Leibchen in der Hand, ein kleines, weißes Leibchen. Und aus dem kleinen Löchern dieses Leibchens wuchsen plötzlich zwei dünne Aermcheu: durch, nach oben, wie eine Kerzenflamme, die noch einmal aufwärts flackert, bevor sie auslischt. Und die Mutter wollte wieder „Gustl" sage«. Aber es ging nicht. Denn es kam ein Schluchzen heraus, ein langes Schluchzen. Und dazwischen legte sie der Fanny die Hände auf bin Schulter und sagte stoßweise: „Faah—ni. Sie müssen verzeihen — verzeihen — aber bas Löfselchen — ja, bas Löfselchen — unb bas Leibchen — ja, bas Leibchen — bas gehen ja alles — ja, alles Ihnen — unb —" „— unb nur bas kleine Stück Papier mit dem Hotte-Hü barauf", fi” hier ber Vater ein, „nicht wahr, Fanny, das schenken Sie uns wieder? Und jetzt fing die Fanny auch zu weinen an. Und die Tante Paulms war in ihr hinteres Zimmer zurückgefchlichen. Unb ber Sienftmann ftan® noch immer ba unb drehte verlegen an feiner roten Mütze mit dein blitzenden Blechschild darauf. Und auf den trat jetzt der Vater zu, schrieb etwas auf ein Stück Pople”' holte seine Geldbörse heraus und sagte: I „So, diesen Monatslohn tragen Sie an diese Adresse von dem neuen Mädchen und sagen ihr, sie soll sich einen anderen Platz suchen, wir Höllen unsere Faah—ni wieder." Unb bann war die Fanny noch viele, viele Jahre über meine kurz« Hafenzeit hinaus bei uns. Aber da war die Tante Pauline dazugekommen, die im Hinteren Zimmer wohnte, unb bie hatte bie Hände auf bem Kopf zusammen srffl u, ..(x,-------->. u.. ---' -----^ere Mal: i doch sofort nach der Polizei schickem. H; ju ( Km i. $ Ineos S Wann (! «nun JM und sagte: Ntfo »Fanny, was ist bas für ein Löffel?" 'Nennu Und die Fanny stand noch immer da mit hängenden Armen und fagm , p, nichts. Kein Sterbenswort sagte sie. Aerial w Oft.„v. ss;Sin Uv» Mnioroin A. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.