Jahrgang 1959 Zreitag, den 10. November Nummer 87 hat 3. den 2. ber mit und die" sich dicke tat, Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart i. Obwohl sie nun wirklich das Schlimmste fürchtete, starrte sie auf ihre lodjter mit dem Blick Christi, der Lazarus aufweckt, einem Blick, der oues m sich Maß, was eine menschliche Seel« an Willenskraft hervor- bringenkann. Das dauerte lange, aber allmählich schwanden Kraft Entschlossenheit und der Ausdruck von Härte aus ihrem Gesicht Augen wurden feucht, der Mund zuckte, und die alt« Roosje warf über chr Kind. 1 „Nein, Baesin." „Das ist wirklich merkwürdig, schließen denn jetzt die Taten ihre Augen selbst?" Die Frau, die so sprach, war Mutter, eine alte Mutter. Bis jetzt ruhig geblieben, brach sie plötzlich in Schluchzen aus, dann beugte sie sich über das Bett und gab ihrer Tochter unzählige wilde Küsse; mit Lippen, Augen und Nase wühlte sie sich in den Hals, die Kehle, die linke Brust, weil sie glaubte, vielleicht noch einen Atemzug zu spüren, eine Bewegung der Augen, des Mundes oder des Körpers zu erhaschen, einen Herzschlag zu hören von der, die hier auf dem Bett vor ihr lag. Nach laugen, vergeblichen Bemühungen setzte sie sich verzweifelt aus einen Stuhl. „Der Doktor hat recht, Grietje ist tot." Nun nahmen sie die Hände des Kindes, auf die langsam Tränen fielen und klopfte im Takt auf die Handflächen, wie sie es als ihre Tochter klein war und Nervenanfälle hatte. Roosze weinte länger als eine Stunde und wand sich unter Tranen, di« den Körper schütteln und ihn erzittern lassen, wie der Sturmwind mit fernen Flügelschlägen die einsamen Bäume auf weiter Eben« biegt und dreht. Sie liebte ihre Tochter mit eifersüchtiger Siebe; Oöd) ihr Herz hing fast ebenso stark an ihrem am Boden des Schlaf- Zimmers festgeschraubten Geldkasten. Manchmal überwand sie sich diesem andern Gegenstand ihrer Zuneigung ein oder zwei Goldstücke zu ent.r«ben, um dafür Grietje ein Kleid zu kaufen. Dann sagte sie zugleich schmeichelnd und aufgeregt zu ihrer Tochter: „Hole den Kauf- m?™!' er f011 uns die neuen Stoffe zeigen; ich will, daß du auf der nächsten Kirmes schöner bist als all« andern." Grieche gehorchte freudig. Der Kaufmann kam. Roosje zitterte schon als sie ihn emtreten sah. Für sie war er ein mit einem Messer bemass' neter JRau'b«r, dem sie die Erlaubnis gab, ein Stück Fleisch von ihr abzuschnerden. Er zeigte die Stoffe; Roosje brauchte eine Stunde, um Hre Wahl zu treffen unb um ben Preis zu feilschen, den sie unter Murren zahlte. War der Kaufmann gegangen, so setzte sie sich wieder und unterdrückte die kleinen kalten Tränen, die sonst auf den Stoff gefallen waren und ihn verdorben hätten. Dann sagte sie zu Grietje: „Komm her, mein Lämmchen." Sie legte den Stoff chrer Tochter auf den Rücken, streichelte ihn, ordnete ihn ,n der Sonne uno im Schatten in Falten und begann ihn zu lieben wegen des Bergnügens, das er ihrer Tochter bereitete, und auch deshalb weck er die wirkliche Schönheit Grietjes noch mehr zur Geltung brachte. Ebenso uwr es mit Strümpfen aus feiner Baumwolle, öie fie tauff« und ihr selber anziehen wollte, wobei sie chrer Tochter Schmeicheleien über bw Schönheit ihrer Beine sagte, und mit dem *2®$ ST*S' “"IS großen Tuch aus weißem Kaschmir mit gestickten Palmen, zartblau rmt gelber Seide untermischt. Bei zedem neuen Opfer sagt« sie zu ihrer Tochter: „Du wärest ein Nichtsnutz, wenn du mich nicht liebtest, mich, die ich mir das Blut abzapfe, um dich schon zu machen. Küsse mich!" Grietje, liebevoll, aber stolz und etwas verschlossen, küßte ihre 9e$el0te Leidenschaften, mögen sie noch so rein l-em, erschrecken die Kinder. dem mageren Rücken fest anlag. In ruhigem Zustand erinnerte der Geslchtsausdruck Rooszes — so hieß sie — an den eines Buntspechts. Jetzt belebte nur Schmerz das böse, klein« Gesicht. Das Mädchen, dem sie ihre Weisungen gegeben hatte, war eine Dienerin mit flachem Gesicht, einer Stupsnase und kleinen, schwarzen Augen, die sich unter Achten Brauen verbargen, rmt breiten Schultern und roten Händen die kaum fertig geformt zu sein schienen, so lang und unförmig waren die eckigen Finger. Feldarbeit hatte Siska di« Gestatt eines JRannes gegeben und das Schlichte und Einfache ihrer Natur noch mehr hervorgehoben. Nur wenige Dinge konnten sie aufregen, und trotzdem wurden beim Anblick Grietjes ihre Augen feucht. „Siska" sagte plötzlich die alte Roosje ruhig, „wir werden heute noch nicht den Sarg bestellen." Sie sprach diese Worte mit fester Stimme und setzte sich neben das Bett, sichtlich entschlossen, den Kampf mit dem Tode wieder aufzu- nehmen, der, wie es ihr schien, bis jetzt Grietje noch nicht ganz in Besitz genommen hatte. Mit einer an das Todesgespenst gerichteten herausfordernden Bewegung ergriff sie von neuem den Arm des zungen Mädchens, hob ihn empor und wollte ihn biegen — er gab NM nach. Sie hob die Beine, eines nach dem andern, beide waren schwer wie Bl«. Nach der kurzen, diesen Zärtlichkeiten gewidmeten Zeit ging Roosje an den Sr^nktisch, in den Keller oder in die Küche. Hier nckschte sie Weingeist Zucker und abgekochtes Wasser in den Wein und schnitt die Ränder der Fleischscheiben in der Speisekammer ab, um für die Fleischkloßchen nicht Fleisch kaufen zu müssen. Sie traf alle Vorbereitungen, um bve Bauern auszusaugen und die Reisenden zu schröpfen, ließ das Bier recht schnell einlaufen, damit es viel Schaum gab, und tat Kockelskorner und Strychnin dazu, damit es bitter und uffig wurde. Sie trocknete auch die Schnapsgläser nicht ganz aus und ließ wenigstens em Drittel Wasser, wenn nicht mehr, darin. So gewann sie auf neun Flaschen eine Flasche und fand in diesem unehrlichen Treiben genug frisches Blut, um sich, ohne zu sterben, neues Blut abiopfen und chrer Tochter ein Geschenk machen zu können. Dieser Vorgang spielte sich in einem großen gotischen Hause Thaussee de Saint-Pierre in Gent ab. Der Arzt war fortgegangen. Er war einer jener dicken Leute rotem Gesicht, die ihren Lebensunterhalt durch ärztliche Tätigkeit gewinnen; mit der Anfertigung von Sttefeln würde es ihnen nicht gelingen. Er kannte genau die zahlreichen Arten, gute Biersuppen zu bereiten, hatte aber seit seiner letzten Prüfung nichts Neues dazu- Sflernt. Beobachtung und Denken war für ihn Zufall, Essen und Trinken Gewohnheit. Man hielt ihn für einen guten Menschen, weil er gleichgültig war, für klug, weil er wenig sprach, und für «inen aus- öezeichneten Arzt, weil er selbst sehr gesund war. Die kleine, alte, blonde Frau, trie mit ihm gesprochen hatte, trug, PJJ® für eine schon vorweg genommene Trauer, ein Kleid aus dünnem I chwarzen Baumwollstoff, der sich auf ihrer flachen Brust bauschte und „Siska, wir wollen dem Kind« das weiße Kleid mit den roten Tupfen Mehen, in dem es zuletzt zum Ball gegangen ist, und die Seiden- t trumpfe und die Saffianschuhe. Sage doch dem Herrn, der da unten • m ^arm wacht, daß wir kein Beefsteak dahaben, aber daß er bald ein Kalbskotelett bekommen wird. Er soll sich nur gedulden. Wir sind jetzt nur noch zwei zur Bedienung, sag ihm das. Geh und komm schnell wieder. Siska gehorcht; sie kommt zurück. „Wo ist das Kleid mit den Tupfen, Siska?" „Hier, Baesin, unter dem Schal." „Gib her! Sind noch weiße Hemden vom Kinde da?" „Ja, Baesin." ,Mlf mir, wir werden sie jetzt anziehen." „Ja, Baesin." „Zieh ihr die Jacke aus. Ich werde sie halten. Merkwürdig, sie ist gar nicht schwer. Nur vorsichtig beim Ausziehen der Aermel. So ist's gut. Jetzt den Unterrock und dann das Hemdchen. Zieh ihr schnell das andere an, daß sie nicht so lange nackt bleibt. Weine nicht, Siska!" „Oh, Baesin, wie schrecklich! Ich habe niemals ein Mädchen gesehen, bas so schön geipachsen und auch so gut war. Sie hätte einen anständigen Mann recht glücklich gemacht." „Wollen wir eine Haube auffetzen, Siska? Sie wollte niemals eine tragen, jetzt ist es aber etwas anderes. Die Würmer werden nicht so schnell an sie kommen. Nun das rote Seidentuch unters Kinn gebunden. Das Tuch steht ihr so gut. Jetzt das Kleid. Lege den Unterrock gut um vie Beine. Ich werde die Jacke zuknöpfen. Siska, hast du Grietjes Augen geschloffen?" „Mein Gott, Herr Softort Ist sie wirklich tot?" „3a, Frau Roosje." „Daß sie nur ja nicht lebendig unter die Erde kommt; das Kind keine so starken Nägel, um ein Loch in den Sarg zu kratzen." „Sie ist tot, das sehen Sie doch, und schon ganz erstarrt." „Ja, ganz steif, ja. Sie gehen jetzt fort, Herr Doktor? Oh, ist wirklich gar nichts mehr zu machen?" „Nein, Frau Roosje! Auf Wiedersehen!" „Gute Nacht, Herr Doktor!" ®iefjcner£amilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger 6. 15, y> IW »erbe. Birten, bie Stauen «st L Iftjee, eil fri- iMn wieder hinunter. I Roosje horchte und hörte, wie sie sagte: „Glauben Sie, ich kann Sie hier bedienen und Ihnen gleichzeitig einen Eierkuchen machen?" Mr werden woanders einen bekommen , war die Antwort. Lies wiederholte sich dreimal mit drei verschiedenen Personen. Dreimal drang zu Roosjes Ohren das furchtbare Wort: woanders. In ihrer Seele entspann sich ein seltsamer Streit; die liebende Mutter wollte bei dem Körper ihrer Tochter bleiben; der Geizhals mit den Krallensingern wollte hinuntergehen und Geld verdienen. Roosje drehie sich I auf ihrem Stuhl hin und her. Bei jedem ungeduldigen Wort, bei jeder Unae chicklichkeit Siskas stand sie auf und setzte sich wieder, ging zur Tur, um zu horchen, ging wieder ans Bett und küßte die Stirn oder die I bleichen Wangen ihrer Tochter, horchte von neuem, setzte sich abermals, um, über Grietjes Gesicht gebeugt, zu weinen und zu schluchzen. Inzwischen gingen die von Siska schlecht oder gar nicht bedienten Stammgäste einer nach dem andern fort mit den Worten: „Gehen wir ^Mittels eines Stückes Blei, das, an einem Strick befestigt, als Gegengewicht diente, schloß sich die Tür hinter den Ein- und Ausgehenden. Jedesmal, wenn ein Gast sie öffnete, um hinauszugehen, schlug das Bier mit Gewalt an den Türrahmen und die Füllung, und jedesmal durch- fchauerte es Roosje, als hätte sie einen Faustschlag auss Herz be- ^"schlleßlich hielt sie es nicht mehr aus, stand endgültig aus, bedeckte das Gesicht ihrer Tochter mit dem Leintuch und ging hinunter, die Augen voller Tränen und mit schluchzender Kehle, fest entschlossen, all das schone Geld, das ihr zu entgehen drohte, festzuhalten. Die Dauern begrüßten Roosjes Erscheinen mit Hurra und Beifallklatschen. Biele, im Begriff sortzugehen und schon die Tür zu öffnen, kehrten um. „Briendjes, was wollt ihr haben?" fragte Roosje. Ein Käsebrot! Schinken! Eierkuchen! ,Ballekesst Rostbraten! Bier! Absinth! Einen Bittern! Punsch!" schrie alles durcheinander. Roosje versuchte, um Zeit zu gewinnen, zu scherzen: „Trinkt erst, ehe ihr eßt, das macht Appetit! Wer kriegt Absinth? Wer Punsch? Wer einen Bittern? Wer Gerstenbier?" „ rjt . m „Hier! Ich! Bring mir Punsch! Genever! Bier!' schrien die Bauern. "Hilf mir, Siska , sagte Roosje, „und ein bißchen rasch!" Wenn sich Siska in Abwesenheit Roosjes kopflos benahm, so fand sie sich im Augenblick, da Roosje eintrat, sofort wieder. Sie bediente die Bauern schnell und fachgemäß. Im Verlauf einer Stunde hatten alle getrunken, gegessen und bezahlt. So beschäftigt auch Roosje damit war, Geld zu wechfeln und in Empfang zu nehmen, so verschwand sie doch oft, um hinaufzugehen und ©rietje zu küssen; dann kam sie mit unterdrücktem Schluchzen wieder herunter und bediente still die Gäste. So kam der Abend. 5. Das Gastzimmer leerte sich allmählich. Roosje kehrte zu ihrer Tochter 3Urein junger Mann betrat das Gasthaus und sagte zu Siska, die am Schanktisch geblieben war: „Ich möchte hier über Nacht bleiben. Geben Sie mir ein Zimmer." , „Wir haben keines mehr frei", erwiderte das dicke Mädchen traurig. Im selben Augenblick stürzte Roosje, die unaufhörlich auf das, was unten vorging, horchte, Hals über Kopf die Treppe hinunter und rief: „Du bist ein Dummkopf und weißt nicht, was du tust." „Aber Vaesin, wir haben doch nur noch das Zimmer, wo ... „Schweig!" , .. Der eben Angekommene betrachtete nacheinander die beiden Frauen. Sein aufmerksames, gutes und bestimmtes Wesen nahm gleich anfangs für ihn ein. Er war ziemlich mager und über mittelgroß. Seine kräftige Brust die beiden Schultern, die schlanke Figur und hohe Stirn, die Nase mit roeitgeöffneten Nüstern, der seine, ziemlich große, von einem kleinen braunen Schnurrbärtchen überschattete Mund, das fest«, wvhlgeschnittene So war Roosfk: gtfl und edel In ihrer Liebe, felbWchffg und in ihrem schmutzigen Geiz. Und so, sehr liebte sie ihre Tochter dah s e sie schluchzend und gebrochen mit ihren Tranen netzte und ihre Zahne m Stirn, Wangen und Hals Grietjes eingrub. 4. Sie stand beunruhigt auf und jagte zu Siska: „Du hast doch nicht etwa das Haus geschlossen?" "Wie^Weil be/liebe Gott mich mit meinem Kinde schlägt, mußt du mich hindern, meinen Lebensunterhalt zu verdienen? Geh sofort hinunter, öffne und sage, ich käme gleich." . „Sehr wohl, Vaesin", entgegnete Siska und ging hinunter, um den ^Roosje tauschte aufmerksam allen Bewegungen der Dienstmagd. Sie hörte, wie die Läden beim Oeffnen gegen die Mauer schlugen; mie em Bauer eintrat und ein Glas Genever bestellte, em anderer „eine Pinte Bier" dann ein dritter, vierter und dann nacheinander Leute aller Art, die, je nachdem ob sie Hunger ober Durst hatten, Speckeierkuchen, Rost- slei'sch, Bier oder Schnaps bestellten. . , Aus dem ungeduldigen Ton in Siskas Stimme horte Roos,e heraus, daß sie den Kopf verlor und daher wohl anfing, gegen das Wohl der Gastwirtschaft zu handeln: sie würde zu viel Speck in den Eierkuchen tun, die Biergläser zu voll füllen, die Schnapsgläser zu gewissenhaft reinigen und die Pumpe, die aus einem großen im Keller liegenden Faße das Bier saugte, nicht richtig bedienen. . ± .. «. .. Die Bauern kamen in Meng« in den Gasthof, um dort die Rachi zu verbringen. Roosje hörte, wie Siska einen nach dem andern in fern «immer brachte, in alle Stockwerke, bis unter das Dach. Sie freute sich. Als Siska an ihrer Tür vorbeieilte, hielt sie sie an, um zu fragen, ob alle Zimmer befetzt seien. v . .. „ „Alle bis auf das, in dem Sie sind", erwiderte Siska und ging schnell ■ei! a F ch « W r‘ mei topije I*I'W "Mi «15 de «Wh! s i Sb 'Mn Mn s Mit Mn W. •’ute k * •«et w Nie 'N * iS K'nti M mTffies ün5 ffohes Lochekn Mgken von Kraft und GewandkheN des Körpers, von Klarheit, Scharfsinn und Anständigkeit des Denkens., Mit ruhiger, vielleicht etwas herrischer Bewegung winkte er Roosje, die sich ihm gegenüberstellte, und verlangte ein Glas Mer. Als er seine Geldtasche öffnete, um zu bezahlen, fielen die gierigen Augen Roosies auf Silber, Gold und Banknoten. „Stimmt es", sagte er, „daß Sie kein Zimmer mehr frei haben?" Mein Herr", antwortete Roosje, die sich em wenig vor Siska schämte „wir haben eins mit zwei Betten, aber in einem der beiden Betten schlaft * „Dann werde ich woanders wohnen müssen", sagte der junge Mann und stand auf. Woanders? Nein, mein Herr", rief Roos,«. Sie zwang ihn, sich wieder zu setzen und wies auf die Zimmerdecke, „die da oben liegt, wird Sie nicht am Schlafen hindern." Und Roosje weinte still vor sich hin. Der junge Mann ergriff die Hand der alten Frau, eine fiebrige Hand, die sich ruckweise aus der seinen zog. Er betrachtete Roosje mit lenem freurtNidjen und achtungsvollen Mitleid, welches das Leiden von Greisen einflößt er sah ihre von Tränen geröteten Augen und die stumme Verzweiflung, die sich in tiefen Furchen in dieses verzerrte Gesicht eingegraben hatte, und sah die zitternd zusammengeprehten Lippen Er dachte an ihre Worte ■ , Die da oben liegt, wird Sie nicht am Schlafen fyinbern und begriff, daß die Frau gerade einen unersetzlichen Verlust erlitten haben mußte, wahrscheinlich den einer Tochter, und daß lästerliche Reden, Wahn sinn oder stumpfe Ergebung die natürliche Folge sein mußten. Der Gast war jung, und die Jugend verbringt ihr Leben damit, ein Netz mit den goldenen Maschen der Hoffnung zu stricken. Er war nicht davon überzeugt, wollte nicht davon überzeugt sein, daß die dort oben lag, ihn nicht am Schlafen hindern sollte,Er sagte zu Roosje: „Zeigen Sie das Zimmer, von dem Sie sprechen. Roosje zündete eine kleine Lampe an. 'äTnq voran über die ersten Stufen. einer Wendeltreppe. Er folqte ihr. Die Lampe verbreitete gerade soviel Licht, um von einem rötlich schimmernden und verqualmten Hintergründe das Schattembild der mageren alten Frau sich abheben zu lassen. Wahrend sie manchmal van Schluchzen erstickt stehenblieb und schweren Schrittes hmausttieg, gelangten sie aus einen Flur. Ein Lichtstrahl drang zwischen Rohmen und Füllung einer niedrigen alten Eichentur hervor. Roosje osfnete. Der Gast sah sich beim Eintreten in einem großen, hohen Zimmer aus dem vierzehnten Jahrhundert mit einer in Felder geteilten Decke. Die hohen Fensternischen in einer vier Fuß starken Mauer und beiden an jeder Seite der Nische angebrachten untermauerten Sitze tobirgt erinnerten an die schlichten Sitten jener einfachen, poesieumwobenen, if0lntn( so fernen Zeit. Allerdings fehlten die Bänke, die damals um das Zimmer herumliefen, und die Truhen, -bie zugleich als Sitze und Reist- koffer dienten, und in denen alle Besitztümer der Familie untergebrachl , mären. Das schlichte Bildwerk der hohen Umfasiung des großem Kamins war unter unzähligen Lagen von Kalkbewurf fast verschwunden, der von frevelnden, ihres Tuns unbewußten Händen sett vier Jayr- hunderten in kurzen Zeiträumen immer wieder ergänzt wurde. Draußen schien der Mond, und sein Licht drang durch die Fenster. Die fehlenden Vorhänge wurden durch den Stamm und die entblätterten Zweige der Linden ersetzt, die sich schwarz vorn blauen, ftemenuber- säten Himmel abhoben. Der helle Mond zeichnete trotzdem auf den abgenutzten Boden des Zimmers lichte Flecke. Zwei Betten ohne Vor hänge standen hier, eines nahe dem Fenster, das andere an der Tur. Am Kopfende des zweiten Bettes stand auf einem Tisch ein mti einem kleinen Tuch bedeckter Kasten, der ein großes Mahago^ kreuz mit dem Gekreuzigten und einen aus Buchsbaumholz ge chmtz«^ Totenkopf trug. Zwei große, gelbe Kerzen in hohen beschienen -das Bett, auf dem eine vollständig angekleidete Frau um« | den schweren Falten eines Leichentuches aus grober Leinwand letzten Schlaf zu liegen schien. Auf dem Teil des Tuches, der -die Brust bedeckte, zeigte ein n«rtroa“ neter Buchsbaumzweig seine hornigen Blätter. Schräg fiel das Licht o « Kerzen aufs Bett, lange Schatten mit stark ausgeprägten UrmW» werfend. Der Gast erbat durch eine Handbewegung von Roosje o Erlaubnis, das Grietje bedeckende Tuch zu lüften. „ „Ja, ja", sagte Roosje, „nehmen Sie das Tuch weg, dann wird ™ 'Z'ho^ langsam "das Leichentuch hoch, mit dem Zartgefühl das man Toten gegenüber bewahrt, als fürchtete man, ihnen wehe zu tun. Allmählich kam eine kleine, weiße Haube zum Vorichemdie^n niedrige, aber kluge Stirn umrahmte; starke schwarze Augenbraue wurden sichtbar, Lider mit langen Wimpern, eine Nase mit grob durchsichtigen Flügeln, in geringem Abstande der Mund. Die Lippen waren zwar ein wemg groß und dick, aber fein geze.. net und bildeten, wie die Alten es nannten, den „Bogen Amors , ganze Gesicht drückte einen zugleich milden, entschlossenen, geduld g einfachen und kindlichen Charakter aus. , ,, mM«. Unter der Musselinjacke zeigten sich kleine, runde und feste Vr i Die Füße trugen sehr feine weiße Strümpfe und GoMaferschuhe. „Sehen Sie, Herr", sagte Roosje, „sehen Sie meinen wunderschön« Liebling an, morgen wird er unter der Erde sein. Sehen Sie. Aber der Schmerz erstickte ihre Worte, und sie verbarg> ihren Rh in der Schürze; durch den Stoff drang ein Klagen, das einem V ähnelte, und das sie nicht unterdrücken konnte. Dann wieder f>i en Arme lang am Körper herunter und die Schurze nut ihnen, sc> o v Roosjes von Fieber glühendes Gesicht sah und die großen s Augen, aus denen still die Tränen liefert. 1 (Fortsetzung folgt.) Leiispmch. Von Hugo Salus. Wenn wir das Leben zu ernst genommen, Daß uns in Tränen die Augen geschwommen, Oder wenn wir, wie Jünglinge lieben, Unbehagen zu Schmerz übertrieben, Sprach die Mutter mit ruhigem Klang, Daß jedes Wort uns zu Herzen drang: „Hast du kein Leid, so mach' dir kein Leid, Dazu hast du noch später Zeit!" Später dann hat es in unserem Leben Oft recht schwere Tage gegeben. Daß wir litten und schier verzagten; Da geschah's, daß wir immer uns fragten, Ob wohl jetzt schon die Zeit mag sein? Mutter, wo bist du? Sie sprach in uns: Nein! Hast du kein Leid, so mach' dir kein Leid, Dazu hast du noch später Zeit! Und so hab' ich viel traurige Stunden, Hab' fast das Leben schon überwunden. Mutters Sprüchlein, du treuer Begleiter, Dich geb' ich heute voll Zuversicht weiter. Hoffentlich klingst du mit Mutters Ton. Präg' dir's fest ein, dann hilft's dir, mein Sohn: Hast du kein Leid, so mach' dir kein Leid, Dazu hast du noch später Zeit! Der- Erinnerung. Von Jakob Schaffner. Der schweizerische Dichter liest am Montag auf anlassung des Goethe-Bundes aus eigenen Werken. Aus diesem Anlaß bringen wir mit Genehmigung der Deutschen Verlags- Anstalt in Stuttgart eine Probe seines Schassens aus dem soeben erschienenen Roman „Kampf und Reife . Dieser Dag wird mir gedenken, und wenn ich hundert Jahre alt verde. Es war Sommer. Auf drei Seiten blühte und grünte unser Karten, den ich angelegt hatte, um unser Haus herum. Weiterhin dehnte sch die sonnenlichte Ebene hin, von Wäldern eingefaßt wie von sanften Krauen. Weit hinten lag wie ein Gebirge von Kummer und Unordnung las, was wir Welt und Zeit nennen, zwischen hier und dem anderen Aebirge, das ich meine Heimat nannte. Rach Norden rauschte der kommerwind in einem Wald, von dem wir nur durch die «ftahe uns tne Wiese getrennt waren. Hinter dem Wald rauschte das Meer, die kstsee. Es ging gegen den Abend. Im Hof liefen unsere Hühner herum nit friedlichem Gackeln. Mitten unter ihnen lag unsere graue Pinscherlundin und sah auf Ordnung. Auf dem Zaun saß die zahme Doh-e Fridolin und lauerte auf die Hühner, die ber chr vorbei mußten wenn sie zum Stall wollten, um sie zu rupfen. Auf dem Dach des Stalles zenossen die weißen Tauben den Abend. Eben war der Forster zu tittem kurzen Spruch bei uns gewesen. Jetzt wartete ich auf Emilie, veil wir zum Strand wollten. Ich stand im Hof. Auf dem selbstgezimmerten Tisch lag die Zeitung, lk jch eben gelesen hatte, voll von dem verworrenen unreinen Getose ier Welt, von Taten und Untaten, Reden, Ausstanden und Kriegen, in meinem Kopf klang aber schon den ganzen Tag ein Wort das mich prophetisch angeflogen war: „Bei unserem frühzeit gen und häufigen Ilmgang mit Worten bedarf es oft einer tiefen Philosophie, um unserem Gefühl den ersten Stand der Unschuld miederzugeben, damit es sich «us dem Schutt fremder Dinge herausfmden und selbst °n arnjen kann, zu fühlen und selbst zu sprechen, ja überhaupt erst einmal selbst zu»sein. Wenn einem dies Wort eine Wahrheit bedeutete, so war ich es, der rach meinem Dafürhalten knapp dem Verhängnis des geschriebenen Wortes mit feinen Schlingen und Fallen entronnen war. Beunruhigte mich das Vergangene etwa doch noch, so muhte ich nur an meme Tiere lenken, und alles war still und gut und ruhig. Rmgsherum lebten 'infache, getreue Menschen, die das Ihre taten un Dauben und bu ihr nicht leichtes Leben tapfer und auf ihre 'Weise nobel hinter s ch trachten. Gewiß, wir hatten es schwer gehabt, °g«r sehr schwer Wind und Wetter, zwei Stunden von jeder Stadt in den lange , tlirrenden Wintern, in den stumm schwingenden Einsamkeitenl un Finsternissen. Wir waren eine Zeitlang »aheam EU'egen gemest «ber wir waren nicht erlegen, sondern mir h°"°" durchgehalten, un beute galten wir den schweigsamen zögernden Menschen h'er als er st zu nehmende Nachbarn und Mitkämpfer auf hartem Boden schwerem Klima. , ... < fp. Ich aber stand da in dem Hof, wie eine Helle, l-'ck kllngende^^ schwebten mir weissagende Worte um den Kops. | P csnrhmiit Sen unHtiU. Keine Verzweiflung tobte mehr dann, kem Hochmut, leine selbstverteidigende Absprecherei. Was mcht . $. Wirklichkeit ruchtbar, wurde nicht mehr gedacht, weil es mcht z paßte. Ich lebte wie all die »°uern und Waldarbeiter E mich Ye-d Vie die guten Tiere, die Bäume, der Wind und das Meer u™> meine Vorväter und Sormutter-gelebt Ijatten. 3d) *) m^linern kam Leben wieder einfach zu sehen. Manchen ganz g sch Manschen und lch möglicherweise einfältig vor, weil ich nur .5-? glaubten und leinen Seelenpunkt suchte, wahrend sie an Emnchtunge g^auv^ n »n Verständigungen. Vor allem glaubte ich un ßH Dinge und . 'önlichkeit als an die Quelle alles Leben-b Schoerder « Gestalter jedes Verhältnisses Um das Lebens ch Persönlichkeit latte ich ja gekämpft von jung auf; für die Hoyeir ver in Rechten und Pflichten wollte ich weiter stehen In der großen Gemesttz» schäft, deren Umrisse nach meiner Meinung nun langsam am Horizont heraufzuwachsen begannen. Da Winkten unsere Blumen über den Zaun, den ich selber gebaut hatte, Nelken, Rittersporn, Flox und Rosen. Im Gemüsegarten standen die Bohnen an Stangen wie Grenadierkompanien wohlausgerichtet und exerzierten dem Herbst entgegen. Sattgrün wie ein Smyrnateppich lag weiter hinten das Kartoffelstück unter den Apfelbäumen. Seitwärts zogen sich die Erbsenwände der letzten Aussaat hin mit dem eigentümlichen Graugrün und den zarten Blüten, die einen ansahen wie kleine verschmitzte Augen. Streng an Stöcken auf einen Trieb gezogen trugen die Tomatenstauden ihre Früchte gleich Korallenschnüren. Weiterhin kamen die Felder und Gärten der Nachbarn, soweit Mein Blick reichte, und was mein Blick nicht sah, das wußte mein Kopf, denn so ging es fort westlich bis an das Weltmeer und an die Pyrenäen, geraüaus bis zum ewigen Eis, südlich und östlich, wo irgend Menschen in Dörfern wohnten und dort dem Leben und dem Schicksal standhielten. Ueberall standen Städte und ragten Dome, wurde gearbeitet, geformt, gedacht, gebaut und gegraben." Ueberall erklangen die Lieder der Völker. Jede Heimat tanzte und musizierte nach ihrer Art von Küste zu Küste. In jeder Kirche beteten sie in ihrer Sprache. Ueberall liebten sie, wurden geboren, fanden ihr Schicksal mit ein wenig Freude und viel Mühe, starben und verschwanden im Dunkel, verschwanden mit aller Bravheit, Tüchtigkeit, Liebe, mit allem Eifer und aller Leidenschaft, und andere tarnen, um es nach der alten Art weiterzutreiben. War es nicht so, daß sie einfach die alte Liebe weiterliebten, den alten Eifer weiters eiferten, die uralte Hoffnung weiterhofften und den Glauben weiter« glaubten, ebenso, wie sie ihre alten Städte weiter bewohnten und ihr« Wege und Straßen weiterwanderten? Da leuchteten die Meere und glänzten die Ströme, aber es leuchteten auch die Schicksalsmeere und die Seelenströme. Es blitzten die Zinnen der Gebirge, aber es blitzten auch die Namen und Häupter der großen Menschen, die ihr Herz festhielten und den Ihren ihre von Gott durchblitzte Vernunft liehen, damit sie ihr Leben wieder ein bißchen freie« und schöner gestalteten, wenn es abgenutzt gewesen war, und den Bestand an Frieden und Glück ein wenig erhöhten. Nun, seht, das waren die Umrisse der großen Gemeinschaft, die geisterhafte Zeichnung, die sich mir am Horizont ringsherum zu zeigen begann. Jch sah es noch nicht sehr deutlich und wüßte es nur unklar. Es eilte auch nicht. Es saß kein stachelnder Wille mehr dahinter. Mir war jetzt genug, zu wissen, daß „es" wollte. Und was wollte es? Mich. Uns alle. Sich. Das Ganze. Mancher findet das Wunder in Aladins Schatzkammer. Mancher findet es in einem Acker. In der Armen-Erziehung-Anstalt, dem Schauplatz meiner Kindheit, hatten wir ein Lied gehabt: „Stille halten deinem! Walten, stille halten deiner Zucht. Deiner Liebe stille halten, die von je mein Heil gesucht." Manchmal brauchen wir ein Leben, bis wir einen Kinderoers zu verstehen vermögen. Nun kam Emilie die hölzerne Außentteppe herunter. Der Hund stürzt« ihr freudig liebend entgegen. Es war nicht mehr der schiefergraue Boxe«, den wir mußten töten lassen, weil er alt und krank geworden war. Emilie war nicht mehr ganz die junge, leichte, schnelle Frau von damals. Zu viel hatte sie erlebt mit mir. Zu tief hatte sie in ihr eigenes Herz und ihren Lebensgrund hineingesehen. Zu schwer hatte sie hie« auch zu arbeiten und zu sorgen gehabt. Jetzt löste ich mich aus meinen Betrachtungen und ging ihr entgegen. Sie legte ihren Arm in den meinen. Der Hund schloß sich an. Die Hühner, die herbeigerannt ge« kommen waren, blieben enttäuscht stehen. Mir war auf einmal ausgefallen, daß sie ein neues Gesicht hatte. Wenn man lange Zeit schwelt zu schaffen hat, so achtet man nicht so genau aufeinander. Jetzt stand der Sommer auf seiner Höhe, und die Landleute hatten eine kleine Zeit zum Aufatmen. Vielleicht lag es einfach daran, daß einige vor« handene Linien sich verlängert hatten. In den Augen saß ein wissende« Ernst, der viel Güte und Liebe enchielt. Es nistete auch ein unaus« gesprochener Schmerz darin; der Schmerz galt mir, aber er hatte keine Worte. Selig ist das wortlose Mitleben der Frau. Selig ist alles Wortlose und noch das wortlose Sterben ist Erlösung. Im Wortlosen ruht die 'Kraft. Wortlos ist alles Tragende und Erhaltende. Wortlos ist die Treue und der Glaube. Noch das Höchste, was wir denken können, lebt nicht im Wort, sondern im Klang und im Licht, aber das Allerletzte beruht in unserem Gefühl der Erschütterung. Neben den verlängerten und ein wenig verschärften Linien hatte sie noch ihr schweres Haar, die großen Augen mit dem glänzenden Blick, die freie, stolze Haltung um» den lieben fröhlichen Zug um den Mund . „Hast philosophiert?" fragte sie freundlich. Wenn ich so un Hof stank» mit' beiden Händen in den Hosensäcken, so wußte sie Bescheid. Ein wenig. Ich habe an meine Kinderzeit gedacht. Jch iah am Haus im 'trockenen Sand ein paar kleine Halsfedern vom Hahn schillern. Das habe ich in der Anstalt einmal gesehen. Seltsam, wis solche kleine Begegnungen hasten bleiben, wahrend wir größere Geschehnisse vergessen. Aus der einen Bemerkung ergab sich ein ganzes Gespräch. ©ie tat eine Frage. Ich antwortete wieder. Eigentlich wußten wir ja nun alles voneinander, aber zum Glück vergißt man Einzelheiten und kann |id) die Dinge wiedererzählen lassen. Plötzlich waren wir mitten in meinen Kindheit Aus der Anstalt führte uns das Gespräch ms Heimatdorf de« Mutter, wohin uns beide ein wunderbarer Frühsommertag geführt gatte. Ick hörte durch den großen Ton des Meeres, der im Eichenwald schon! recht vernehmlich war, die beiden Bäche rauschen. Hinter den nordlicheiH Baumen erschien der alte südliche Kirchturm, lieber den Kustensaum erhoben sich die Hänge des Schwarzwaldes. Jenseits des Rheines im Mecklenburger Land fliegen die Schweizer »erge^auf. Wo das Kloster Doberan mit seiner Kreuzgang-Rmne fdjhef brcbelte bte große Stabt Basel und gegen Warnemünde zu lag d,e Anstalt, die ich verlassen hatte, drunten am Rhein. Eine sonderbare und schmerzliche Versponnenhelt ergab dies Wallen und Weben von einer Landschaft in bie anbere. Diö düster schöne Gestalt der Mutter ging groß mitten hindurch. Auf dem Meer stand der Vater und deckte die Treibhausfenster zu. Aber hinter 3< S’ Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange.— Druck und Verla g: Brühlsche Unioersitätsdruckeret, R. Lange, Gießen. beb toei toil fei uni in« anb im Hai lick wie Sri Ein i)a der hat ihm hing die Sonn« der Nordzone, und am Horszonk entlang wandelten langsam die Urgestalten der Alten im Meerdunst immer der Ewigkeit zu. Schon zweitausend Jahre wanderten sie und waren noch nicht angekommen. Wie lange war das stille, liebe Leid meiner Kindheit her, und noch nicht eingeschlafen! töni Ten deck sch »ich jur Deutsches Theaterleben in Prag. Bon Otto Schabbel. , r •Joni niet, W Sch bgß W( Hyperions Schicksalslied. Von Friedrich Hölderlin. Ihr wandelt droben im Licht Auf weichem Boden, selige Genienl Glänzende Götterlüste Rühren euch leicht, Wie die Finger der Künstlerin Heilige Saiten. Schicksallos, wie der schlafende Säugling, atmen die Himmlischen; Keusch bewahrt, In bescheidener Knospe, Blühet ewig Ihnen der Geist, Und die seligen Augen Blicken in stiller Ewigkeit Klarheit. Doch uns ist gegeben. Auf keiner Stätte zu ruhn. Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zur andern. Wie Wasser von Klippe Zu Klippe geworfen, Jahrelang ins Ungewisse hinab. In diesen Tagen ist dem Prager Deutschtum eine feiner wichtigsten und wertvollsten Kulturstätten wiedergegeben worden: das von reichster künstlerischer Erinnerung umwoben« sogenannte „Ständetzeater" Es war ein feierlicher Augenblick, als jetzt dieses Theater, unter der aktiven Förderung des Reichsprotektors von Böhmen und Mähren und dank dem lebendigen Einsatz von Reichsminister Dr. Goebbels, wieder seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt und in den Besitz des deutschen Theaterpublikums zurückgegeben wurde. Diese Stunde beschwor die Erinnerung an die ungemein reiche und lebendige künstlerische Vergangenheit Prags herauf, in der das Theater immer an führender Stelle gestanden hat. Schon vom frühen Mittelalter an blühte und wirkte im deutschen Volk dieses gesegneten Landes die Freude am Theaterfpiel. Wie sonst nur in südlichen Landen gedieh hier das Theater schon früh zu hoher Blüte. Im Rahmen der deutschen Theatergeschichte ist das Kapitel Prag eines der interessantesten. Denn hier war auch auf dem Theater deutscher Geist spürbar und wirksam. Die Parallele zu Hamburg und seinen Bemühungen zur Schaffung eines deutschen Nationaltheaters liegt nahe. Nur daß hier der Wille in diesem politisch schwierigen Raum noch um einige Grade kämpferischer und um die Notwendigkeiten des Volkstums bewußter war. Angesichts der erwachenden Nation drängte es einen dieser Prager, der wie alle seine Landsleute kunstbesessen, aber darüber hinaus auch kultur-bewußt war, im Gedanken on,andere theatralische Neugründungen zu dem Ausruf: „Sollten wir Böhmen allein eine Ausnahme machen und weniger deutsches Blut in unseren Adern fühlen?" Es war ein hervorragender Vertreter des Adels, der dem architektonischen und geisttgen Gesicht der Stadt die ent- icherdenden Züge ausprägte, Franz Anton Graf von No st iß dem em „Nationalspektakel in unserer Muttersprache" als edelstes Ziel vor- schwebte. Ein Mäzen großen Stils und in des Wortes schönstem Sinne baute er auf dem Obstmarkt jenes hohe, galerieumgebene Theaterhaus' dessen schmaler, hoher Zuschauerraum mit seinen fünf in lauter Logen aufgestellten Rangen einer ovalen Schachtel vergleichbar ist. Medaillons Amoretten und goldene Ornamente geben den Ballustraden zierlichen und festlichen Schmuck. Daß dieses '„Gräflich Noftitzsche Nationaltheater" — das spatere Standecheater — sich feiner hohen, seiner höchsten Verpflichtung bewußt war künden von der Stirnseite des Theaters goldene Lettern. „1 atnae et Musis", mit dieser Widmung übergab der Prager Theater,graf sein Haus dem deutschen Gemeinbesitz. Mtt der „Emilia Galotti wurde 1783 das Haus eröffnet, das es „an würdiger Stätte und in würdigem Rahmen die Werke deutscher Meister in deutscher Sprache pflege . Die doppelte Betonung des Deutschen ist unüberhörbar. °^ !°cherart deutscher Kulturboden hat sich dieses Haus im Leben des deutschen Volkstums würdig zu erhalten gewußt, wenn auch nicht ^"uer die manchmal mdifferent« »der zum Teil verständnislose Haltung des deutschen Teils der Bevölkerung im rechten Verhältnis zu den Be- L jungen des tschechischen Dolksteils zur Entnationalisierung des deutschen Volkslebens stand, Bestrebungen, die in den letzten Jahrzehnten immer radikaler, immer unverhüllter zutage traten Je unbeltteitbarer der urdeut che Charakter des Kulturlebens dieser Stadt war, um so zäher und verbissener wurde auf der anderen Seite für die TschechesieÄng b wissen, im letzten Enfe erfolglos. Was dem edlen Theatergrafen emst vorschwebte, hat diese Schaubuhne im Laufe eines guten Jahrhunderts gehalten. Auch gegen den Zeitgeschmack, so gut es ging. Ein „anständiger Wohnsitz für die Musen", hat dieses Ständetheater die besten Geister der dramatischen Kiust angezogen und beherbergt. Denn dieses „caput Regni boemici" ttf. wickelte sich zur Theaterstadt par excellence. Hier war echte Kurl, atmosphäre, das Theater leidenschaftliches Bedürfnis eines Publikums, das in und mit dem Theater lebte. Unseren Mozart führte die Res« nach Prag zu einer fruchtbaren und gesegneten Lebensstation. Für dich« Haus, für dieses Publikum schrieb er ja seinen „Don Giovanni" wohl selten hat sich eine Wechselbeziehung zwischen Autor und Publikum fruchtbarer und gesegneter erwiesen! Später nahm hier Carl Mar a von Weber den Taktstock in die Hand und wirkte als Operndireksr für ein neues Ideal einer deutschen Oper. Ein paar Jahrzehnte spür sehen wir keinen Geringeren als Richard Wagner, der in lebhaftem Briefwechsel um die Aufführung seiner Werke in Prag ftarb. Als er selbst kam, konnte er sich überzeugen von der Aufgeschlossenh-it und Begeisterungsfähigkeit des wirklich kunstgebildeten deutschen PM- kums der Stadt. Vergessen wir nicht, daß Prag nahezu führend war n der frühen Pflege des Wagnerschen Werkes und sogar sein Ensemble als Bahnbrecher für den Nibelungenring auf weite Kunstreisen schickte. In den achtziger Jahren, als die altmodische Bühne des Stand» theaters für die technischen Anforderungen der großen Oper und d>s neuen deutschen Musikdramas nicht mehr ausreichte, schuf sich das rootl» habende deutsche Bürgertum, das damit dem Vorbild des Adels roürteg nacheiferte, gegen tschechische Widerstände eine zweite, vorwiegend br Oper gewidmete Bühne, das Neue Deutsche La nd e s t h e a t« i; in dem eine Tafel voll Stolz verkündet: ,D>iese Stätte der Kunst Ijwt das deutsche Volk aus eigener Kraft gegründet." So hatte Prag zmi deutsche Bühnen, in denen das deutsche Volk sich zu Hause fühlen irri die Werke deutschen Geistes erleben konnte. Hier war ein wesentlich,« Born der Erhaltung und sprachlichen und geistigen Entwicklung do deutschen Volkstums. Freilich konnte der Lauf der Dinge unter brt kapitalistischen Einfluß des Judentums, das für feine politischen Zweck! willig opferte, nicht hindern, daß der zersetzende Geist jüdischer ßiteratar auch hier sich einnistete und auf der Bühne das Emigrantentum iippz sich ausbreitete. Da obendrein die tschechischen Machthaber im Jahre 1@ die alteingestammten deutschen Besitzer aus ihrem ehrwürdigen Kultur besitz im Ständetheater mit nackter Gewalt kurzerhand verjagt hatin, war das deutsche Theaterleben in schwerster Gefahr. Jin StändetheotÄ spielten die Tschechen in tschechischer Sprach«, im Neuen Deutschen L°r- destheater mauschelte eine aus Berlin und Wien hier zusammen-,? strömte jüdische Cligue. Aus der Vergangenheit gleitet unser Blick wieder in die lebendiM Gegenwart zurück. In dieser festlichen Stunde haben die Prager Dein scheu wieder Besitz ergriffen von chrer ureigensten Kulturstätte: hat fe mals Graf Nostitz im Zeichen Lessings sein Haus eröffnet, so w schieht es diesmal unter dem erlauchten Namen Kleists hüt beim „Prinzen von Homburg". Hierin schon drückt sich Verpflichtung um» symbolische Haltung eines zukünftigen Programms aus, mit dem d>: neue Aera im deutschen Theaterleben Prags eingeleitet wird. Man fängt auf der Bühne, nachdem die politischen Voraussetzungen dafür geschafstu waren, buchstäblich aus dem Nichts an. Kein Nagel, kein Gewalt', kein Sessel, kein Versatzstück, nicht einmal eine Glühbirne ist vm Händen, geschweige denn ein darstellerischer Stamm. Alles mutz ü'« knappen zwei Monaten in rasendem Tempo und obendrein in Kriege zetten mit ihren Material- und Transportschwierigkeiten beschafft uri) aufgebaut werden. Es gehört schon ein Mann von erprobter Organist tionskraft und zuverlässigen Nerven, wie der aus München gekommen« Generalintendant Oskar Walleck sie hat, dazu, um eine solche W gäbe zu meistern. Seine Aufgabe ist es, das gesamte deutsche Theaterleben im.PM tektoratsgebiet zu betreuen, in dem das deutsche Volkstum in oerbürgti!- Ruhe seinen Hunger nach deutscher Dichtung stillen kann. Und dient Hunger ist groß. Das deutsche Publikum in Prag hat die aufgelegt«'- Abonnements für das soeben eröffnete Deutsche Schauspielhaus bereit!- völlig belegt, der Herr Intendant braucht also keine Kassensorgen F haben, ja, er hat nicht einmal Raum für KdF.- und andere Sonderven ansialtungen. Mit beruhigter Sicherheit und Zuversicht, um die ihn m« leicht der eine oder der andere seiner Kollegen im Ältreich beneidet, sieter nicht bloß die siebenhundert Plätze seines Theaters für die Wnüu dauer bereits nahezu ausverkauft; ja, er eröffnet in der nächsten W* noch eine zweite Bühne, ein intimes Saaltheaterchen für leichn Kammerspielliteratur. Und was er in diesem Deutschen Schauspielhaus im Ständetheater machen will, bezeugt fein Anfangsspielplan, der ein«M Hamsun („An des Reiches Pforten"), einen Grillparzer („Ein treu® Diener seines Herrn"), die „Minna von Barnhelm" und obendrein noA eine Uraufführung — Gerhard Menzels „Apaffionata" — vereinigt. 3«*‘ zwischen wird auch noch di« Opernbühne im Neuen Deutschen Lande«' theater einer gründlichen Modernisierung unterzogen, und GeneroU intendant Walleck ist Optimist genug, zu hoffen, daß schon im fyerW nächsten Jahres hier auch die deutsche Oper wieder ihren Einzug halt® kann. Lockende Aufgaben genug für einen Intendanten, dessen Freu!« das Aufbauen ist! In der Ferne bietet schließlich auch noch der schluß an das sudetendeutsche Schrifttum Möglichkeiten, der zeitgenoM schen Dramatik des Nachbargaues sich zur Verfügung zu stellen un- eine Quelle neuer Anregungen zu erschließen. „ Während die tschechischen Volksteile gerade in Prag eine Reihe vo Bühnen verschiedenen Genres bespielen,"hat nun auch deutsches Draw und deutsche Schauspielkunst nach langen Zeiten des Kampfes um> »«■ Entsagung eine Pflegestätte im deutschen Prag gefunden. Damit ist auf diesem Gebiet ein wichtiger Ausgleich der kulturellen Sphären 9 beiden Dolksteile geschaffen. Das Moment des Kampfes der stuher. Zett ist fortgefallen, eine ruhige, durch nichts gestörte Arbeit veryeiF «ine neue Zukunft voll künstlerischer Fruchtbarkeit.