Jahrgang My Montag, den 10. Juli Nummer 52 /' ?.) Technik unter Berücksichtigung der graften, inzwischen gesammelten Stampft, erfahrung. Erst am „Tage I" sollen, sie überraschend eingesetzt werden und wie em Hornissenschwarm die deutsche Front überfliegen, alle feindlichen Kampfgeschwader vor sich hertreibend und vernichtend Vierhundert beste Maschinen warten. Auch die Piloten sind schon eingeteilt und warten auf den Befehl zum Abholen der Maschinen. Ostersonntag erteilt Nivelle den 400 Piloten den Befehl, nach Le Bour- get zu fahren und dort ihre Maschinen in Empfang zu nehmen, um dann unverzüglich wieder zu der Flugzeugbasis hinter der Angrifssfront zurück- zukehren. Vierhundert junge, lebenslustige Piloten, ausgesuchtes Men- schenmaterial, fahren nach Paris, eine wundervolle, geradezu glänzende Abwechslung im rauhen Dienst, den diese Offensive erfordert. Es herrscht ja sowieso fein Flugwetter. Immer wieder schneit es, immer wieder schütteln dunkle Wolken aus Nordwest ihr Schneegestöber über die Landschaft. 3n Paris dagegen ijt’s schön trotz der Schlacht, die in nicht viel mehr als 100 Kilometer Luftlinie Entfernung tobt. Vielleicht ift's gerade deshalb in Paris so lustig und so nett in diesen Apriltagen 1917. Wenn die Schlachr seit Tagen unvermindert rollt und tobt, so bedeutet das doch die bevorstehende Befreiung Frankreichs. Dos weift jeder Pariser Straftenjunge, das wissen erst recht die jungen, schneidigen Flieger. Man feiert sie vielleicht etwas zu früh. Aber sie sind mit diesen Vorschuftlorbeeren zufrieden. Paris bereitet ihnen Ovationen, wo sie sich nur sehen lassen. Und sie lassen sich gern blicken. Tage vergehen Langst müßten sie wieder zurück sein mit ihren neuen Maschinen, längst müßten sie wieder bereitstehen. Denn siehe, inzwischen sind die Stunden des Trommelfeuers an der Aisne abgelaufen. Unaufhaltsam ist der „Tag I" nähergerückt. Unaufhaltsam wird der Tag versinken. Ja, er wird da sein, er wird mit allen seinen Ereignissen, die jetzt im Schoß der Ungewißheit liegen, bald vorübersein und der Vergangen- 'heit angehören. Aber die jungen Flieger werden immer noch Paris mitnehmen, Paris und seine ewige Jugend werden sie schlürfen in vollen Zügen. Und die 400 funkelnagelneuen Maschinen werden keine eherne Luftsperre gegen die Deutschen bilden. Ja, warum und wie und weshalb? Wieso wird dies möglich sein? Warum werden 400 Männer und Soldaten zu spät zum großen Einsatz kommen, 24, ja sogar 48 Stunden zu spat? Warum, wie, weshalb? Jst's das Schicksal des Generals Nivelle, von seinen Besten im wichtigsten Augenblick verlassen zu werden? Vorerst weiß Nivelle noch nichts von der Enttäuschung, die ihm durch das immerhin disziplinlose Verhalten seiner 400 Piloten bereitet wird. Er hat andere Dinge zu Überdenken und zu überlegen. Seine Augen sind nicht nur auf die Durchbruchsfront gerichtet, wo das Trommelfeuer eine satanische, eine unausdenkbare Wucht erreicht hat. Nein, der Oberbefehlshaber blickt gegen Nordweften, wo die Winterftürme immer noch Herrchen. Diese Winterstürme bringen ihm das ferne Brummen, Toben und Rollen des britischen Trommelfeuers. Die Kanoniere des Marschall Haig da oben leisten noch bessere Arbeit als die Poilus an der Aisne. So will's manchmal scheinen. Und bann wird Nivelles Aufmerksamkeit weiterhin in Anspruch genommen durch das Verhalten der Deutschen auf seiner Durch- druchsfront. General Mangin hak seine Senegalneger vorgeschickt, um die deutschen Linien abzutasten. Er muß den Schwarzen, die nächtlich unter dem Schneesturm leiden, etwas bieten, irgendeine Tätigkeit. Durch Berichte und durch Versprechungen sind die Farbigen bis zur Siedehitze aufgestachelk. Ihren Ehrgeiz und ihren Tatendrang hat man geweckt. Sie wollen jetzt endlich handeln. Kaum können die klammen Negerfäuste bas Gewehr noch halten, so bläft's über die schneebedeckte Hochfläche. Aber nun dürfen sie aus ihren Gräben, dürfen sich betätigen und werden dann, nach Beendigung des Unternehmens, in die warmen Quartiere Südfrankreichs zurllck- befördert. So hat man’s ihnen versprochen. Die Senegalneger des Generals Mangin unternehmen einen mit Wucht durchgefllhrten Vorstoß. Sie kommen gerade recht, ja, auf sie hak man in den zermalmten deutschen Stellungen gewartet. Der seit Tagen und Nächten ohnmächtig äaliegenbe Feldgraue fühlt in sich eine unerträgliche Wut aufgespeichert. Auch er ist geladen mit Tatendrang, geladen bis 3um Platzen. Das Trommelfeuer hat ihn mit bitterem Zorn erfüllt. Und nun kommen sie, die verhaßten Schwarzen, die Kulturschcmde der Welt. Vertierte Senegalneger rücken gegen die deutschen Linien vor, geduckt, bas Fafchinenmesser zwischen ben Zähnen, bas Gewehr mit dem aufgepflanzten Sreifantbnjonett in ben schwarzen Fäusten. Und da bricht aus den Trichtern, aus den zerschlagenen Unterstünden, aus verschlammten und halbgefrorenen Sappenköpfen, aus Mauertrümmern unb hinter Baumstümpfen hervor das wohlgezielte deutsche Jnfanterieseuer in die Linien der Angreifer. Die Neger kommen bis über die ersten deutschen Trichterstellungen hinweg und brechen in die zweite Kampslinie ein. Und da finden sie ihr Ende. Eine Armee meutert SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Ein Bericht von p. 8. Ettighoffer Copyright b y Bertelsmann Gütersloh 7 Fortsetzung Und dann haben sich plötzlich einige Spezialisten herausgebildet. Die französischen Fesselballone stehen ruhig und sicher am Horizont, dicht an dicht. Sie stehen da wie die langstieligen Augen der Schlacht und spähen weit ins deutsche Hinterland. Und die Beobachter in den Ballon- törben melden jede Munitionskolonne, jede anmarschierende Kompanie, jeden Trügerzug, der durch das Trichterfeld hastet. Melden sogar einzelne Gefechtsläufer und lenken das unerbittliche Feuer der Batterien sicher und rasch auf das erkannte Ziel. Irgendeine Gefahr kennen sie nicht, diese Fesselballone, denn sie stehen ja weitab hinter der Front. Sie schweben etwa 900 Meter hoch über dem Erdboden. Kein deutsches Geschütz wird je feine Granaten bis zu ihnen hinjagen können. Deutsche Flieger? Bah — keine Gefahr! Niemals werden deutsche Flieger in dieser geringen Höhe die brodelnde Front überfliegen und sich in das Bellen des Abwehrfeuers wagen. Und doch gefchieht's! Wenige Tage nach Ostern brechen zwei deutsche Flieger am Hellen Tage durch die strenge Frontsperre. Ganz niedrig fliegen sie, durcheilen die Wand der jagenden Geschosse. Wie schwere Brummer, wie gefährliche Hornissen jagen sie daher, sind verschwunden, vom Horizont verschluckt, ehe die Abwehr richtig zum Schuß kommt. Wenige Minuten später tauchen sie plötzlich überraschend hinten bei den Fesselballonen auf. Es geht alles fa rasend schnell, daß man erst aufmerksam wird, als der erste Fesselballon in Flammen steht. Schon sind die Flieger beim zweiten Ballon. Kurz tacken ihre Maschinengewehre. Die Brandmunition bohrt sich in die weiche Masse der Gas- hüllen. Kurzes, trockenes Aufpraffeln. Die Flamme springt auch hier auf, Zischt fteilgrabe gegen den Himmel, frißt sich in rasender Eile über die ganze obere Hälfte des gelben Riefenkörpers hinweg, unb dann beginnt der Korb zu fallen, fällt mit atemraubenber Geschwindigkeit. Noch in letzter Sekunde lösen sich zwei weiße Fallschirme aus der rettungslos ab« sinkenden Gondel, und die Beobachter schweben langsam zur Erbe nieber. Nicht jedem gelingt es, ungeschunden ben Erdboden zu erreichen. Hie und >a wird einer von der nachfallenden brennenden Ballonhülle erfaßt und geht selbst als lebendige Fackel in die grausige Tiefe. An diesem Vormittag, innerhalb weniger Minuten, stören die beiden deutschen Flieger die ganze feindliche Fernbeobachtung. Sie bringen iwischen Reims und Soiffons die gesamte französische Fesfelballonaufstel- lung durcheinander. Unberührt vom rasenden Abwehrfeuer zahlreicher Batterien und Maschinengewehre, kehren die Flieger siegreich wieder Iber die Stellungen ins eigene Hinterland zurück. Und noch stundenlang 'sickert bei den französischen Fesselballonbeobachtungen die Erregung nach. Me Ballone, die nicht getroffen worden sind, bleiben an diesem Tage tingegogen. Der ungebrochene deutsche Angriffsgeist in der Luft hat fein Sännen bewiesen. Noch am selben Abend wird dem Oberbefehlshaber Meldung über das Auftreten starker deutscher Lufteinheiten mit neuen schnellen Maschinen zemacht. „Wo bleiben die französischen Jagdflieger?" fragt General Mangin in siner Meldung an General Micheler. „Deutsche Fokkermaschinen sind im £auf des Tages durchgebrochen und haben die Barackenlager der Senegal« "eger unb anderer Kolonialsoldaten meiner Armee unter Mafchinen- sewehrfeuer genommen. Und kein französischer Flieger weit und breit, 'er es gewagt hätte, sie daran zu hindern. Wo bleibt die bisher so Gütliche französische Ueberlegentjeit in der Luft?" Micheler gibt diese Meldung mit den entsprechenden Nachsätzen sofort »eiter, an den Oberbefehlshaber. Auch er verlangt dringend französische mieger. Obendrein beschwert sich Micheler, daß es der deutschen Flieger- ruppe möglich fein konnte, mit dem geringen Einsatz von nur zwei Maschinen die ganze französische Erdbeobachtung durch Fesselballone auf ‘et 2ingriffsfront zu terrorisieren, ja teilweise sogar zu vernichten. Ein -»magticher Zustand. ^. Nivelle antwortet sofort. Nivelle ist mit dem bisherigen Verlauf dieser schlacht zufrieden. Daß die Deutschen kräftiger antworten, kann ihn »meswegs beunruhigen. Er hat noch eine große, ja eine ganz große teberrafchung im Hintergrund. Vorläufig hält er noch damit zurück, rber nun ift’s so weit. Vierhundert herrliche neue Kampfmaschinen stehen ?ut dem Flughafen von Le Bourget bei Paris bereit. Sie sind besonders r“r die Offensive gebaut worden nach den neusten Errungenschaften der Siebener ^amilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Em entsetzlicher Nahkampf entfpinnt sich, ciusgeiragen mit Handgranaten, mit Seitengewehren, mit Faschinemnessern und scharfgeschlif- fcnen Spaten. Nur Trümmer der hochmütigen, aufgeputschten afrikanischen Angriffspatrouillen kehren in die Ausgangsstellungen zurück. .. Die überlebenden Schwarzen sind aschfahl vor Angst. Sie zittern vor Kälte und Entsetzen. Nur weg mit ihnen, nur fort, ehe sie ■ die Moral der anderen Angriffstruppen erschüttern können. Bei Nacht und Nebel schafft man sie nach hinten in die weit abgelegenen Quartiere. Als General Mangin aber die Niederlage seiner Senegalneger erfahrt, schlägt er zornig mit der Faust auf den Tisch und schreit: „Die leben also noch da drüben. Es sind tatsächlich noch einige vom Feuer verschont geblieben. Gut, dann wollen wir ihnen noch einige Tage einheizen. Dann sollen sie weiterhin unser Feuer zu kosten bekommen! Trommelt! Trommelt ohne Pause!" Ein entsprechendes Gesuch um Verlegung des „Tages I", der für den 12. April vorgesehen ist, geht an Micheler und von dort an Nivelle. Der Oberbefehlshaber sieht ein, daß es keinen Zweck hat, bei diesem Wetter am 12. April schon zu stürmen und dabei noch gegen eine ungebrochene deutsche Berteidigungsfront, zumal die Schwarzen, die in der Hauptsache bluten sollen, bei Kält« und Schneegestöber nicht voll eingesetzt werden können. Gut, man wird den Tag des Angriffs hinaus- fchieben. Man wird erst am 16. April vorbrechen. Aber bis dahin sollen die Rohre schießen, rücksichtslos schießen und dafür sorgen, daß kein Deutscher mehr brüben am Leben bleibt. Auch in den kommenden Tagen stellt es sich heraus, daß immer noch. Deutfche am Leben sind. Sie beschränken sich nicht nur aus die Verteidigung, diese Feldgrauen. Nein, sie raffen sich zu kühnen Patrouillenunternehmen auf. Sie brechen in größeren und kleineren Verbanden vor und holen sogar französische Gefangene, Maschinengewehre und Munition aus den Gräben. „Dämmert, hämmert immer weiter, schießt und zermalmt sie!" schreit Nivelle, als man ihm Meldung über dies Geschehen erstattet. Er muß nun für kurze Augenblicke sein« ganze Aufmerksamkeit der britischen Armee zuwenden, denn dort oben bei Arras ist der Angriff am 9. April losgebrochen. Um 5 Uhr 30 in der Frühe hat die britische Infanterie den Slurm- , angriff begonnen und innerhalb weniger Minuten die vordersten deutschen Linien überrannt .Nicht genug, ihre Stoßtruppen sind bis zu den deutschen Artilleriestellungen vorgedrungen. Bei Gravelle haben die Engländer an diesem ersten Tag ihrer großen Offensive eine Tiefe von 6 Kilometer erreicht. In einer Breite von etwa 15 Kilometern ist di« deutsche Verteidigungsfront tief eingebeult. Auf Lastwagen, auf Fahrzeugen aller Art und in Eilmärschen werden von allen Seiten deutsche Infanterie-Bataillone herangeschafft und in die Bresche geworfen, so daß am Nachmittag der britische Angrift schon zum Stehen kommt. Immerhin, hier hat die Nivellesch« Taktik, von britischer Seite angewandt, den richtigen Anfangserfolg erzielt. Nivelle wird zufrieden sein, wenn ihm am ersten Tag ein Gleiches gelingt. Aber sein Optimismus geht weiter. Er ist überzeugt, daß er noch mehr erreichen wird, viel mehr--- Schwere Sorgen umlaften die deutsche Heeresleitung am Abend der 9. April. Ohne Zweifel, am folgenden Morgen wird der britische Angriff wieder ausleben, wahrscheinlich mit dem gleichen, gewaltigen Einsatz von Menschen, Material und Munition wie bisher. Gibt es überhaupt ein Mittel, diesen Angriff aufzuhalten? Am 10. April steigert sich das britische Trommelfeuer zur Unerträglichkeit. Und wiederum brechen die Divisionen vor, unterstützt von Kampfwagen. Ihr Ziel im Zentrum der Angriffsfront sind die Höhen- züge im Monchy-les-Preux. Wer diese Höhenzüge besitzt, der beherrscht weithin die Gegend, der schaut nach Cambrai hinein, und über weit« Flächen von Nordfrankreich. Marschall Haig will das Dorf Monchy- les-Preux und di« Höhen unter allen Umständen besitzen. Im Mittelpunkt des Angrifts wird der britische Vorstoß abgefangen, aber südlich davon, an seinem rechten Flügel, dringt er vor. Di« deutschen Truppen, bestehend aus zahlreichen zusammengewürfelten und in Eil« herangeschafften Verbänden, müssen sich bis zum Dorf Monchy- les-Preux zurückziehen und dort die Linien nach Wancourt halten, während im Norden die Trümmer der feldgrauen Grabenkompanien Schritt für Schritt kämpfend die Vimy-Höhen räumen. Es sieht wirklich bös aus um die deutsche Front hier am linken Angelpunkt der von Nivelle befohlenen Durchbruchsschlacht. Und Nivelle sitzt in seinem Hauptquartier über Meldungen und Karten gebeugt und freut sich ob dieses guten Beginns. Marschall Haig aber findet, daß nunmehr der Zeitpunkt für den eigentlichen großen Durchbruch mit der unvermeidlichen und siegreichen Verfolgung durch Kavalleriemassen gekommen ist. Ein Heldenlied für die andere Seite. Im weit gespannten Rahmen des Nivelleschen Durchbruchsplanes vollbringen britische Reiterregimenter am 11. April 1917 ein« Großtat, die ewig Anerkennung finden wird, wo soldatisch gesinnte Menschen kühnes Draufgängertum und heldisches Sterben verstehen. Vielleicht wird man fragen, ob es richtig war, Kavallerie gegen di« deutschen Schützen anreiten zu lassen. Richtig oder falsch, das ist einerlei. 3m Krieg entscheidet nur die Tat. Und dies« Tat wird sich erst später vor dem gestrengen Tribunal der Geschichte verantworten müssen. Wir aber, di« Frontsoldaten, erklären: Diese Kavallerieattacke britischer Regimenter am 11. April 1917 über das Trichterfeld bei Arras hinweg gegen di« feldgrauen Schützenlinien war eine jener heroischen Zwecklosigkeiten, vor deren Größe auch die strenge und weise abwägende Geschichtsschreibung zu schweigen hat. Britische Kavallerie-Regimenter ritten in eng gedrängter Schlachtordnung, Pferd an Pferd, Zügel an Zügel, mit geschwungenem Säbel und blitzendem Pallasch, todesmutig gegen unsere Linien. Und dieser Ritt i den Tod war so heldenmütig und so schneidig, daß wir stolz sind, ihn erlebt zu haben. Wir sind stolz auf den tapferen Gegner, weil wir uns dadurch selbst ehren. Noch ein letztes Mal, ehe Maschinen und Material die Oberhand gewannen, flatterte ein Fetzen alter Kriegsromantik über das Schlachtfeld, getragen vom Toben der Roßhufe, vom Wehen her Mähnen, vom Blitzen der Säbel. Ein letztes Mal im Westen ritt Kavallerie in den sicheren Tod, dicht gedrängt di« Kampfordnung wie ehedem, zur Zeit der Gepanzerten, Offiziere voraus, Pallasch in der Faust. Der Opfergang britischer Kavallerie-Regimenter am 11. April 1917 war groß! Marschall Haig ist am Abend des 9. April von der Richtigkeit des Nivelleschen Planes und dessen rücksichtsloser Durchbruchstaktik überzeugt. Der nicht unbeträchtliche Geländegewinn, stellenweise bis zu einer Tiefe von 6 Kilometern, das heißt bis hinter die deutfchen Datteri«- fteUungen, rechtfertigt jeden Optimismus. Jetzt ist der Augenblick zur kühnen Tat gekommen. In Notquartieren, dicht hinter der Front, wartet die Kavallerie. Mit Wucht ist die britische Infanterie vorgebrochen. Auch sie ist voller Siegesbewußtsein und sieht schon die großen Ziel« in Nordfrankreich, in Belgien oder gar am Rhein in greifbar« Nähe gerückt. Denn einen Gelände gewinn bis zu 6 Kilometern hat es schon seit Monaten nicht mehr gegeben. Und das zählt! Im Laufe des lange erstarrten Stellungskampfes mit feinem verbissenen Ringen um jeden Meter Boden hat der Soldat das richtige Augenmaß und die fachliche Schätzung für Entfernungen im Gelände eingebüßt. Man hat ihm bisher das Festklammern am geringsten Grabenstück zur heiligen Pflicht gemacht. Jede verschlammte Stellung sogar galt ihm als eine Fahne, di« man bis zum Weißbluten verteidigt, solange noch ein Schütze den Abzug eines Maschinengewehrs bedienen kann. So war es hüben, so war es drüben. Und auf einmal ein Gewinn von 6 Kilometern in der Tiefe? Verwundert zuerst, dann mißtrauisch und erst nach und nach siegesbewußt, nimmt der Tommy diesen Erfolg hin. " Das ist doch--, das ist ja der Sieg, ein glatter Sieg. Kavallerie muh her! Tanks müssen her, um den Erfolg auszubeuten! Vielleicht läßt sich beim richtigen Einsetzen der Kavalleriemassen der große Durchbruch im Nivelleschen Sinne jetzt erzwingen, jetzt--! Marschall Haig, der solchen Optimismus mit feinen Soldaten teilt, ist durchaus mit diesem Plan einverstanden. Ueberhoupt, di« Verhältnisse legen ihm diesen Plan nahe. Es gibt für ihn keine andere Möglichkeit mehr. Kavallerie muß her! Vorerst aber sollen leichte Kavallerieverbände vorrucken und vortasten, ob die deutschen Linien zum großen Durchbruch reif sind. Am 10. April, am frühen Nachmittag, wird die 8. Kavallerie-Brigade in ihrem R uhe quartier bei Arras alar miert. Vom 10. Hufaren-Regiment „Prince of Wales Own" und dem Leibregiment zu Pferde „Essex Ieo- manry" wird sofort je ein« Schwadron nach vorne geschickt. Dicht bei der Straße von Arras nach Cambrai reiten die Schwadronen über die zertrommelien ehemaligen deutschen Linien. Die Pferde traben. Nur einzelne deutsche Granaten schlagen rechts und links ein. Die beiden Schwadronen kommen vorerst gut voran. Ihren Weg können sie nicht verfehlen, denn neben ihnen läuft das hell«, noch fast makellos verschneit« Band der großen Straß« nach Cambrai. Bald Haven sie die eigene Artillerie hinter sich. Und jetzt sind sie bei den Jn- fanteriepoftierungen. Die Pferde fallen in Galopp, und im Donner der Hufe geht es über die eigenen Linien hinweg. Da drüben, irgendwo im Trichterfeld, liegen die Deutschen. Noch reiten die Schwadronen eng zusammen, Pferd an Pferd. Da setzt drüben 3nfanteriefeuer ein. Und dann ein Maschinengewehr und noch eins und noch eins. Es peitscht und zischt und pfeift den Reitern entgegen. Es wirft die Pferd« nieder, es hebt die Männer aus dem Sattel. Es ist wie ein Lied der Hölle--- das deutsche Jnfanteriefeuer. Zurück! Im Galopp wird die gefährliche Schwenkung vollzogen. Sekundenlang bieten die Schwadronen den deutschen Maschinengewehren ihre Flanke. Sekundenlang freffen sich die Spitzgeschosse in warmes, pulsendes Leben von Mensch und Tier. Dann heulen di« Granaten daher, von deutscher und feindlicher Seit«. Erdfontänen ft eigen, Pulver- qua lm und Nebelstreifen verdecken blitzschnell das Niemandsland, verschleiern di« Sicht und erleichtern den Trümmern von ehedem zwei stolzen und tapferen Schwadronen einen raschen Rückzug hinter die britischen Linien--- Die Probe ist gelungen. Marschall Haig weiß nun, daß die deutschen Linien noch nicht mürbe genug sind. Man muß sie weiter durchbruchs- reif hämmern. Artillerie nach vorn«! Die Artillerie rollt an. Stundenlang tobt, hämmert und schießt sie bis zur Erschöpfung von Mensch und Material. Und währenddessen erläßt der Kommandeur des bereitgestellten Kavallerie-Korps folgenden „Die 2. und 3. Kavallerie-Division werden vorstoßen, foweit es die Umstände gestatten, und zwar in die Linien Drocourt-Oueant, genannt Wotanftellung." Am 10. April, zur Stund«, da dieser Befehl hinausgeht, liegt di« Wotanftellung, das Ziel des befohlenen britischen Kavallerieangrisfs, noch viele Kilometer tief in der deutschen Etappe. 3m Laut« des späten Abends erteilt die 3. Kavallerie-Devision ihrer 6. und 8. Brigade folgenden Befehl: „Die 6. und 8. Kavallerie-Brigad« haben nach dem lieb er reiten der deutschen Infanterie-Linien eine Linie westlich Monchy-les-Preux auf Höhe 100, dem sogenannten Termitenhügel, zu erreichen. Di« 6. Brigade wird südlich von Monchy, die 8. Brigade nördlich von dieser Ortschaft operieren." Kommandeur der 8. Kavallerie-Brigad« ist General Bulkeley-John- son. Dem 10. Hufaren-Regiment und dem Regiment Essex Peomanry hat er befohlen, sich geschlossen auf das Dorf Monchy-les-Preux zu stürzen. (Fortfetzung folgt.) Lorelei. Von Joseph Freiherr von Eichendorfs. Es ist schon spät, es wird schon kalt, Was reist du einsam durch den Wald? Der Wald ist lang, du bist allein, Du schön« Braut! Ich fuhr dich heim! „Groh ist der Männer Trug und List, Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist, Wohl irrt das Waldhorn her und hin, O flieh! du weiht nicht, wer ich bin." So reich geschmückt ist Roh und Weib, So wunderschön der junge Leib, Jetzt kenn ich dich — Gott steh mir bei! Du bist die Hexe Lorelei. „Du kennst mich wohl — von hohem Stein Schaut still mein Schloß tief in den Rhein. Es ist schon spät, es wird schon kalt. Kommst nimmermehr aus diesem Wald!" Oie Seiltänzerin. Erzählung von Franz X aö er Stadlmayr. & gilt hier von einem Mädchen zu berichten, das vom Himmel «lierfiel und gleicherweise in den Himmel hineinfiel. Daß es beides «ilben Zeit vollbrachte und zu einem guten End« führte, mag den ■men Menschen unseres Jahrhunderts, die so gar nicht mehr an piter zu glauben bereit sind, als freundlicher Vorhalt erscheinen. s ücht allzu oft geschah es, daß die Bewohner der kleinen Stadt aus M beschaulichen Ruhe geweckt wurden. Viele bestaunenswerte Dinge, rie ihrer Fülle der Großstadt beinahe zur Alltäglichkeit geworden sind, I« ihren Weg noch nicht hierher gefunden, und daraus mag es auch Klären fein, daß alles, was nun wirklich bis zu ihr vordrang, von ii anjen Stadt mit um so größerer Freude und Andacht bestaunt Kl*. '(■ der Anschlagtafel, die sich zumeist mit allzu nüchternen und trocke- li Erlässen und Bekanntmachungen begnügen mußte, fand sich nun ui! Tages ein farbenprächtiges Blatt. Mit leuchtenden Lettern wurde tkr Darbietung einer Seiltänzertruppe berichtet, die in nächster Zeit e: urze Zeit zu verweilen gedachte, und wenn auch nicht bezweifelt leih soll, daß die daneben hängend« Ankündigung einer Zuchtvieh- ältJung int Nachbarort sicherlich ebenso bedeutsam und beachtenswert |o muß doch auch gesagt werden, daß die Neugierigen, die sich um i üel" drängten, ohne Ausnahme ihr Augenmerk der verheißungs- fai Ankündigung zuwandten. es dann freilich "geschah, daß das junge Mädchen, das allzu vor- Kiid) durch die Menge drängte, dem jungen Mann, der beschaulich id r Tafel stand, den Hut vom Kopf stieß, das ist niemals klargestellt tun, aber es mag immerhin erwähnt werden, daß das Mädchen sich Gewußt nach dem enteilenden Hut bückt« und den frommen Plan i, ihn dem Besitzer wieder zuzueignen. Indessen kam es, daß auch jmge Mann das gleiche Bestreben hatte, und als sie sich nun freundlich vereint zur Erde bogen, prallten ihre Köpfe etwas hart gegen- ni«r. Sie richteten sich verwirrt auf und muhten dennoch, jeder Über bestürzte Gesicht des andern, lachen. Das nicht ganz unberechtigt« i des Unmuts auf den Lippen des jungen Mannes erstarb, und so ® sich alles zum Guten zu wenden," als das Mädchen feine Ent- ■ idgung vorbrachte und dann verlegen weitereilte. H56 kannten sich beide weder dem Namen noch, noch hatten sie ein- Irr gesehen; es schien ihnen höchst seltsam, da sie dies nun jeder für ■toad)ten auf ihrem weiteren Weg, denn es war in einer [o kleinen ■Ft wohl kaum möglich, daß einer auftaucht«, ohne daß man feinem ■'fi’t in die behütete Gemeinschaft von allen Seiten Aufmerksamkeit Mettt hätte. Indessen war dieses Rätsel nicht schwer zu lösen, denn "«singe Mann war im benachbarten Markt ansässig und soeben von R® manches Jahr erfordernden Waffendienst in die Heimat zu rück- und mochte sich darum nicht leicht eines Mädchens entsinnen, “, er5t in der Zeit feiner Abwesenheit in die Stadt mit seinen Eltern •wnten war. ^dessen hatten sie redliches Gefallen aneinander gefunden, so sellfam Urz auch ihr Zusammentreffen gewesen war, und sie bedauerten ! nichts voneinander zu wissen, nicht wo sie sich zu suchen und Ig'iDen hätten, und auch nicht, in welchem Gehege ihres Gedächtnisses t Bilder zu bewahren hätten. Xlr3 doch wäre wohl etwas wie ein leises Vergessen über sie gekom- fM »er Flamme gleichend, die sich selbft verzehrt, wenn man ihr nicht JJMafjrung gewährt, wenn nicht der Zufall sie in den nächsten Tagen zusammengeführt hätte. Es war nicht Absicht und konnte es I 22!ar nicht fein, denn sie grüßten nur fröhlich und hielten dabei nicht i «T66 an und keines wußte, wo es dem andern zu begegnen vermochte, fen sie einander in den folgenden wohl ein Dutzend mal an allen iWröglichen Orten und bei den merkwürdigsten Gelegenheiten. Dann ■ h«.®u6ten sie freilich die Gunst des Schicksals klug zu nutzen, und i w auch einander nach Herzenslust kennengelernt und wohl ■ l 'Lrzlich lieb gewonnen. , ■ di« scheuen, glückseligen Träume des Mädchen glitt manchmal ver- «der zukunftsfrohe Gedanke, es möge dem Hute, der ihr Gluck so f Kründet hatte, nun die Haube der ehelichen Frauen in prächtiger ' stacht folgen. Wenn es auch schien, als ob der junge Mann in den gleichen Bahnen dachte und hoffte, so konnte es dennoch geschehen, daß er in seltsamer Verschlossenheit allen Reden auswich, so oft es dieses Gebiet berührte. Niemand wußte sich dieses Verhalten zu erklären, sprach man doch in der ganzen kleinen Stadt von dem offenkundigen Glück der beiden jungen Menschen und vom fröhlichen Gleichklang ihrer Herzen. Und manch einer konnte berichten, daß der junge Mann von einer Heirat gesprochen habe, ja daß er an nichts anderes mehr denke, und alle waren sich darüber einig, daß beide keine bessere Wahl hätten treffen können. Indessen war der junge Mann im Elternhaus des Mädchens gerne gesehen und ging herzlich bewillkommnet dort ein und aus. Dennoch verging ein chalbes Jahr unter diesem seltsamen Zustande, der, wie jedermann erkannt«, gerade den jungen Mann am meisten zu bedrücken schien. Niemand konnte freilich den wahren Grund seines Verhaltens erkennen; der lag in dem Umstand, daß er befürchtete, abgewiesen zu werden, hatte er doch erst vor nicht allzu langer Zeit die große Enttäuschung einer einseitigen Zuneigung erlebt und erlitten. Keiner, der um dieses Geschehen wissen konnte, hätte ihm nun sein Zögern verargt, denn es war leicht verzeihlich, daß ein einsames Herz, dessen Wunden kaum vernarbt waren, sich vor neuer schmerzlicher Wund« zu hüten bestrebte. Auch hätte eine neuerlich« Zurückweisung ihn wohl noch um vieles tiefer getroffen, denn er liebte das Mädchen mit der ganzen Aufrichtigkeit und Innigkeit feines jungen und männlichen Herzens. Und doch wäre es nun vielleicht lange Zeit hindurch so weitergegangen, hätte sich nicht das Schicksal zu einem neuen Eingreifen entschloßen. Wieder einmal waren Schausteller und mancherlei fremdartige Leute vom Jahrmarkt herbeigelockt worden. Unter ihnen befand sich, wie die Neugierigen aus den farbenprächtigen Anschlägen erfuhren, wiederum eine Seiltänzergruppe, und jeder erwartete voller Spannung die erste Vorstellung, die aus dem abendlichen Marktplatz stattfinden sollte. Schon war sorglich ein starkes Seil und manches andere Bindwerk in der Höhe des ersten Stockes der den Platz umgrenzenden Häuser von einer Seite des Platzes zur andern gezogen worden, fröhlich bestaunt von der schaulustigen Jugend. Das ein« End« des Seiles war auf dem Balkon eines behäbigen Bürgerhauses befestigt worden, und mancher der Inwohner, unter ihnen das junge Mädchen, denn es war zugleich ihr Elternhaus, von dem die Rede galt, sahen der spannenden Neuheit dieses Erlebnisses fast begehrlich entgegen In den Aelteren wurde die Erinnerung an die längst enteilte Jugend wach; wären sie heute noch so jung und beweglich gewesen wie zu jener Zeit, so hätte wohl mancher das Wagnis erkoren und das Seil erprobt. — Und die Jungen standen mit dem Herzen voll fröhlichen Neides umher und waren dennoch nicht mutig genug, den entscheidenden Schritt in das Uferlose, das nur durch ein schmales Seil gebannt schien, zu tun. Auch der junge Mann war zu diesem Ereignis in die nahe Stadt gekommen und schritt eben in fröhlicher Einsamkeit über den Marktplatz, als er plötzlich eine zierliche Gestalt auf dem Seile sich meisterlich im Gleichgewicht halten sah. Dachte er zunächst an ein Proben der Seiltänzer, so drohte nun sein Herz mit einem starken Schlag still zu stehen, denn er erkannte in der nun ein wenig ängstlichen Tänzerin das Mädchen seiner Liebe. — Uebermütig im lustigen Wortstreit mit ihren Freundinnen, hatte sie den ersten Tritt auf dem schwanken Sell gewagt und war dann, angezogen von dem seltsamen Gefühl des schwerelosen Schwebens noch weiter vorgedrungen verfolgt von den entsetzensstarren Blicken der Mädchen. Dann aber wußte sie nicht mehr, wie sie das so kühn Begonnene weiterführen sollte und wurde ängstlich in dem Streben, das Gleichgewicht zu wahren. In diesem Augenblick nun hatte der junge Mann di« Stelle erreicht, wo um vieles höher das Mädchen mit angstverzerrtem Gesicht auf dem Seile aus hielt. Und dann geschah es, daß das Mädchen mit einem leisen Aufschrei das Seil verlor und in die Tiefe stürzte, dennoch aber unversehrt in starken Männerarmen sich geborgen und errettet fühlen durfte. Hier war es nun freilich nicht wenig gerechtfertigt, daß der junge Mann das Geschenk, das ihm der Himmel so gebefreudig zuteil werden ließ, nicht so ohne weiteres von sich gab, wenngleich auch erwähnt werden muß, daß das Geschenk des Himmels selbst von ganzem Herzen damit einverstanden war und ihm diesen Entschluß wahrhaft leicht machte. Und damit schließt auch der Bericht von dem Mädchen, das vom Himmel fiel und gleicherweise in den Himmel fiel, obwohl dieser letzte Himmel einen rechten und sicheren Boden besaß, der nicht nur aus einem schmalen Seil bestand. Oer Einsiedler. Don Joseph von Eichendorff. Komm, Trost der Welt, du stille Nach. Wie steigst du von den Bergen facht, Die Lüste alle schlafen. Ein Schiffer nur noch, wandermüd, Singt übers Meer fein Abendlied Zu Gottes Lob im Hafen. Die Jahre wie die Wolken gehn Und lassen mich hier einsam stehn, Die Welt hat mich vergessen, Da tratst du wunderbar zu mir, Wenn ich beim Waldesrauschen hier Gedankenvoll gesessen. O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so müd' gemacht,. Das weite Meer schon dunkelt. Laß ausruhn mich von Lust und Not, Bis daß das ero’ge Morgenrot Den stillen Wald durchfunkelt. Der Nrfc. Von Herbert Böhme. Wenn die Akazien am Walde blühen, der süße Duft den frühen Mond umweht, der alte Hirte schon mit seinen Kühen verstaubten Schrittes zu den Ställen strebt. Und wenn die Grillen ihre Geigen proben, steht er am Gitter unterm Kirschenbaum und faltet seine Hände wie im Traum, für diesen Gottestag das Licht zu loben. Die Bienen kehrten surrend von den Wiesen, längst ging die Sonne fromm und scheu zur Nacht, die schwankend mit dem Glast der Wolkenriesen die warme, müde Erde überdacht. Die hartgekrümmte alte Schäferhand hält einen langvergessenen Sinn gefangen: Auch damals hing Akaziendust im Land... Weiß Gott, die Jahre sind so schnell vergangen. Man achtet kaum der frohen Schmetterlinge, selbst lustig wie ein Windspiel überm Feld und sieht so schnell, als ob es kaum verginge, verlassenen Blickes in die junge Welt. Dem Kind, das übern Weg dahergekommen, streicht trunken er das aufgeschmückte Haar und hat es glücklich in den Arm genommen, als ob es seine eigne Jugend war. Salvatore. Bon W. Somerset Maugham. Ich bin neugierig, ob ich es zustande bringe... Ich sah Salvatore zum ersten Male, als er ein Junge von sünfzehn Jahren mit einem lustigen, unschönen Gesicht, einem lachenden Mund und sorglosen Augen war. Er brachte den Morgen meist damit hin, daß er, fast unbekleidet, am Strands herumlag. Sein brauner Körper war so dünn wie eine Eisenbahnschiene. Er war voll Grazie. Er war die ganze Zeit bald draußen, bald drin im Meer, wo er mit den ungeschulten, mühelosen Bewegungen aller Fischerjungen herumschwamm. Die schartigen Felsen mit seinen schartigen Füßen erkletternd (denn außer an Sonntagen trug er nie Schuhe), warf er sich in das tiefe'Wasser mit einem schrei der Lust. Sein Vater war ein Fischer, der seinen eigenen kleinen Weinberg besaß, und Salvatore vertrat bei seinen zwei jüngeren Brüdern das Kindermädchen. Er schrie ihnen zu, an Land zu kommen, wenn sie sich zu weit hinauswagten und hieß sie sich anziehen, wenn es an der Zeit war. Aber die Knaben wachsen in diesen südlichen Landstrichen rasch heran, und über ein Weilchen war er toll verliebt in ein hübsches Mädchen, das an der Grande Marina wohnte. Es hatte Augen wie ein Waldsee und hielt sich aufrecht wie eine Tochter der Cäsaren. Sie verlobten sich konnten einander aber nicht heiraten, bis Salvatore seinen Militärdienst gemacht hatte. Um Matrose in der Marine König Viktor Emanuels zu werden, verließ er die Insel und weinte wie ein Kind. Es war hart, auf einem Kriegsschiff unter Fremden zu leben, statt in einer kleinen weißen Hütte unter Reden; und wenn er an Land war in lärmenden unfreundlichen Städten durch so wimmelnde Straßen zu gehen, daß er, ber an stille Pfade und die Berge gewöhnt war, Angst hatte, sie zu überqueren. Ich glaube, es war ihm in den Sinn gekommen, daß Ischia, zu dem er jeden Tag hinüberblickte (es lag wie eine Feeninsel im Sonnenuntergang), um zu sehen, wie am nächsten Tag das Wetter werden würde, oder der Vesuv, perlfarben in der Dämmerung, überhaupt etwas mit ihm zu tun hatten. Er hatte furchtbares Heimweh. Aber am härtesten war es, von dem Mädchen getrennt zu jein, das er mit feinem ganzen leidenschaftlichen jungen Herzen liebte. Er schrieb ihr lange unrichtig geschriebene Briefe, m denen er ihr erzählte, wie ständig er an sie denke. Er wurde dahin und dorthin geschickt und endlich nach China. Hier erkrankte er an einem geheimnisvollen Leiden, das ihn für Monate ins Lazarett verbannte. Als er erfuhr, daß es eine Art Rheumatismus war, die ihn untauglich für weiteren Dienst machte, jubelte sein Herz auf, denn er konnte heim. Unö er horte kaum hin, als ihm die Aerzte erklärten, er würde nie tmeber ganz gesund werden. Was lag ihm daran, wenn er im Begriffe mar, ju der kleinen Insel zurückzukehren und zu dem Mädchen, das aus ihn wartete. 2lls er in das Boot stieg, das dem Dampfer aus Neapel entqeqen- gefafjren war, um ihn an Land zu holen, sah er seinen Vater und seine Mutter und seine beiden Bruder, jetzt große Jungens, am Kai stehen und winkte ihnen zu Seine Augen suchten unter der wartenden Menqe nach dem Mädchen. Er konnte es nicht entdecken. Es gab viele Küsse, a.s er die Treppenstufen hinaussprang und sie alle, rührende Leutchen, weinten em bißchen, als sie ihn willkommen hießen. Er fragte, wo das Mädchen sek Seine Muster sagte ihm, sie wisse es nicht; sie hcst zwei oder drei Wochen nicht gesehen. So ging er am Abend, az Mond über dem friedvollen Meer schien und die Lichter von SJleapel der Ferne blinkten, die Grande Marina zu ihrem Haus (jinunfe:. saß mit ihrer Mutter vor den Stufen der Haustür. Er war ein tue befangen, weil er sie so tätige nicht mehr gesehen hatte. Er fragte le, sie den Brief nicht bekommen habe, in dem er ihr geschrieben hatte. | er heimkomme. Jawohl, sie hatten einen Brief erhalten und ein Bursche von der Insel hatte ihnen gesagt, daß er krank wäre. Je. >1 darum war er zurück, war das nicht ein Glück? Oh. aber die >at gehört, er würde nie wieder ganz gesund werden. Die Aerzte schwitz eine Menge Unsinn, aber er wußte sehr gut, er würde jetzt, da er Bit zurück war, bald gesund werden. Sie waren eine kleine Weile still, dann stieß die Mutter das M-dh an. Es versuchte nicht, den Schlag zu mildern. Es sagte ihm $eti' heraus, mit der derben Unverblümtheit ihrer Rasse, daß es keinen R, - heiraten könne, der nicht stark genug sein würde, um wie ein Mein: arbeiten. Sie hatten ihren Entschluß gefaßt, ihre Mutter und ihr fiel und sie selbst, und ihr Baker würde nie feine Einwilligung geben Als Salvatore heimkam, entdeckte er, daß sie es alle wußten t Baler des Mädchens war dagewefen und hatte ihnen ihren Beschluß geteilt; aber sie hatten nicht den Mut gehabt, es ihm selber zu age Er weinte an der Brust seiner Mutter. Er war unglücklich, aber er 61M das Mädchen nicht. Das Leben eines Fischers ist hart, und es brm Kraft und Ausdauer Er wußte sehr wohl, daß ein Mädchen es [idjiti leisten konnte, einen Mann zu heiraten, der es vielleicht nicht Bit ernähren können. Sein Lächeln war sehr traurig, und seine Augen M den Ausdruck eines geschlagenen Hundes, aber er klagte nicht und io: nie ein hartes Wort über das Mädchen, das er so sehr geliebt sij Dann, ein paar Monate später, als er sich in den täglichen Arbeit.« eingereiht hatte, den Weinberg bearbeitete und fischte, sagte ihm |fi Mutter, es gäbe eine junge Frau im Dorfe, die willens sei, ihn z»s raten. Sie hieß Assunta „Sie ist häßlich wie Der Teufel", sagte sie. Sie war älter als oierundzwanzig ober fünfundzwanzig und war mit einem Mann o