SiehenerZanMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1939 Zreitag, den 10. März Nummer 20 Ortungen Wirrungen Roman Son Theodor Montane 4. Fortsetzung. „Sie kennen sie?" „Gewiß. Wundervolle Flachsblondine mit Vergißmeinnichtaugen, aber «trotzdem nicht sentimental, weniger Mond als Sonne. Sie war hier bei -er Zülow in Pension und wurde mit vierzehn schon umkurt und um» worben." „In der Pension?" „Nicht direkt und nicht alltags, aber doch Sonntags, wenn sie beim ölten Osten zu Tische war, demselben, von dem Sie jetzt Herkommen. Läthe, Käthe Sellenthin... sie war damals wie ne Bachstelze, und wir mannten sie so und war der reizendste Backfisch, den Sie sich denken können. Ich seh noch ihren Haardutt, den wir immer den Wocken nannten. Und den soll Rienäcker nun abspinnen? Nun, warum nicht? Es wird ihm so schwer nicht werden." „Am Ende doch schwerer, als mancher denkt", antwortete Wedell. „Unb so gewiß er der Aufbesserung feiner Finanzen bedarf, so bin ich doch nicht sicher, daß er sich für die blonde Speziallandsmännin ohne weiteres entscheiden wird. Rienäcker ist nämlich seit einiger Zeit in einen anderen Farbenton, und zwar ins Aschfarbene, gefallen, und wenn es wahr ist, was mir Balafrö neulich sagte, so hat er sich's ganz ernsthaft überlegt, ob er nicht seine Weißzeugdanw zur weißen Dame erheben soll. Schloß Avenel »der Schloß Zehden macht ihm keinen Unterschied, Schloß ist Schloß, mnd Sie wissen, Rienäcker, der überhaupt in manchem seinen eignen Weg geht, war immer fürs Natürliche." „Ja", lachte Pitt. „Das war er. Aber Balafre schneidet aus und erfindet sich interessante Geschichten. Sie find nüchtern, Wedell, und werden doch jolch erfundenes Zeug nicht glauben wollen." „Nein, Erfundenes nicht", sagte Wedell. „Aber ich glaube, was ich weiß. Rienäcker, trotz feiner fechs Fuß oder vielleicht auch grade deshalb, ist schwach Binb bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte." „Das ist er. Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen, und er wird siich lösen und freimachen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen. Es tut weh, und ein Stückchen Leben bleibt dran hängen. Aber das Haupt- ktück ist doch wieder heraus, wieder frei. Vive Käthe. Und Rienäcker! Wie lagt das Sprichwort: ,Mit den Klugen ist Gott.'" Neuntes Kapitel. Botho schrieb denselben Abend noch an Lene, daß er am andern Tage kommen würde, vielleicht schon früher als gewöhnlich. Und er hielt Wort und war eine Stunde vor Sonnenuntergang da. Natürlich fand er auch Frau Dörr. Es war eine prächtige Luft, nicht zu warm, und nachdem man noch eine Weile geplaudert hatte, sagte Botho: „Wir könnten vielleicht in den Garten gehen." „Ja, in den Garten. Oder sonst wohin?" Lene lachte. „Sei nicht wieder in Sorge, Botho. Niemand ist in den Hinterhalt gelegt, und die Dame mit dem Schimmelgespann und der Blumengirlande wird dir nicht in den Weg treten." „Also wohin, Lene?" „Bloß ins Feld, ins Grüne, wo du nichts haben wirst als Gänseblümchen und mich. Und vielleicht auch Frau Dörr, wenn sie die Güte haben will, »ns zu begleiten." „Ob sie will", sagte Frau Dörr. „Gewiß will sie. Große Ehre. Aber man muß sich doch erst ein bißchen zurechtmachen. Ich bin gleich wieder da.' „Nicht nötig, Frau Dörr, wir holen Sie ab." Und so geschah es, und als das junge Paar eine Viertelstunde spater auf den Garten zuschritt, stand Frau Dörr schon an der Tür, einen Umhang überm Arm und einen prachtvollen Hut auf dem Kopf, ein Geschenk Dörrs, der, wie alle Geizhälse, mitunter etwas lächerlich Teures kaufte. Botho sagte der so Herausgeputzten etwas Schmeichelhaftes, und gleich danach gingen alle drei den Gang hinunter und traten durch em verstecktes Seitenpsörtchen auf einen Feldweg hinaus, der hier, wenigstens zunächst noch und ehe er weiter abwärts in das freie Wiesengrün einbog, an dem An seiner Aiißeilseite hoch in Nesseln stehenden Gartenzaun hsnlief. „Hier bleiben wir", sagte Lene. „Das ist der hübscheste Weg und der einsamste. Da kommt niemand." ...... . ,, Und wirklich, es war der eiilfamste Weg, um vieles stiller und Menschen» eerer als drei, vier andere, die parallel mit ihm über die Wiese hm auf Wilmersdorf zuführten und zum Teil ein eigentümliches Vorstadtleben l eigten. An dem einen dieser Wege befanden sich allerlei Schuppen, zwischen •enen reckartige, wie für Turner bestimmte Gerüste standen und Bothos Neugier weckten; aber ehe er noch erkunden konnte, was es denn eigentlich sei, gab ihm das Tun drüben auch schon Antwort auf feine Frage: Decken und Teppiche wurden über die Gerüste hin ausgebreitet, und gleich danach begann ein Klopfen und Schlagen nut großen Rohrstöcken, so daß der Weg drüben alsbald in einer Staubwolke lag. Botho wies darauf hin und wollte sich eben mit Frau Dörr in ein Gespräch Über den Wert oder Unwert der Teppiche vertiefen, die, bei Lichte besehen, doch bloß Staubfänger seien, „und wenn einer nicht feit auf der Brust fei, so hätt er die Schwindsucht weg, er wisse nicht wie . Mitten im Satz aber brach er ab, weil der von ihm eingeschlagene Weg in eben diesem Augenblicke an einer Stelle vorüberführte, wo der Schutt einer Bildhauerwerkstatt abgeladen fein mußte, denn allerhand Stuckornamente, namentlich Engelsköpfe, lagen in großer Zahl umher. „Das ist ein Engelskopf", sagte Botho. „Sehen Sie, Frau Dörr, unb hier ist sogar ein geflügelter." „Ja", sagte Frau Dörr. „Unb ein Pausback bazu. Aber is es denn ein Engel? Ich denke, wenn er so klein is und Flügel hat, heißt er Amor." „Amor oder Engel", sagte Botho, „das ist immer dasselbe. Fragen Sie nur Lene, die wird es bestätigen. Richt wahr, Lene?" Lene tat empfindlich, aber er nahm ihre Hand, und alles war wieder gut. Unmittelbar hinter dem Schutthaufen bog der Pfad nach links hin ab und mündete gleich danach in einen etwas größeren Feldweg ein, dessen Pappelweiden eben blühten und ihre flockenartigen Kätzchen über die Wiese hin ausstreuten, auf der sie nun wie gezupfte Watte dalagen. „Sieh, Lene", sagte Frau Dörr, „weißt du denn, daß sie jetzt Betten damit stopfen, ganz wie mit Federn? Und sie nennen es Waldwolle." „Ja, ich weiß, Frau Dörr. Und ich freue mich immer, wenn die Leute so was ausfinden und sich zunutze machen. Aber für Sie wär es nichts." „Rein, Lene, für mich wär es nid). Da hast du recht. Ich bin fo mehr fürs Feste, für Pferdehaar und Sprungfedern, und wenn es denn so wuppt..." „O ja", sagte Lene, der diese Beschreibung etwas ängstlich zu werden anfing. „Ich fürchte bloß, daß wir Regen kriegen. Hören Sie nur die Fröfche, Frau Dörr." „Ja, die Poggen", bestätigte diese. „Nachts ist es mitunter ein Gequäke, daß man nicht schlafen kann. Und woher kommt es? Weil hier alles Sumps is und bloß so tut, als ob es Wiese wäre. Sieh doch den Tümpel an, wo der Storch steht und guckt gerade hierher. Na, nach mir sieht er nich. Da könnt er lange sehn. Und is auch recht gut so." „Wir müssen am Ende doch wohl umkehren", sagte Lene verlegen, und eigentlich nur, um etwas zu sagen. „I bewahre", lachte Frau Dörr. „Run erst recht nich, Lene; du wirst dich doch nicht graulen und noch dazu vor so was. Adebar, du guter, bring mir ... Oder soll ich lieber fingen: Adebar, du bester?" So ging es noch eine Weile weiter, denn Frau Dörr brauchte Zeit, um von einem solchen Lieblingsthema wieder loszukommen. Endlich war aber doch eine Pause da, während welcher man in langsamem Tempo weikerschritt, bis man zuletzt an einen Höhenrücken kam, der sich hier plateanarkig von der Spree nach der Havel hinüberzieht. An eben dieser Stelle hörten auch die Wiesen auf, und Korn- und Rapsfelder fingen an, die sich bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf zogen. „Nun bloß da noch rauf", fagte Frau Dörr, „und dann setzen wir uns und pflücken Butterblumen und flechten uns einen Stengelkranz. Jott, das macht immer soviel Spaß, wenn man den einen Stengel in den andern piekt, bis der Kranz fertig is oder die Kette." , Wohl, wohl", sagte Lene, der es heute befchieden war, aus kleinen Verlegenheiten gar nicht herauszukommen. „Wohl, wohl. Aber nun kommen Sie, Frau Dörr; hier geht der Weg.", , Und so sprechend, stiegen sie den niedrigen Abhang hinauf und setzten sich, eben angekommen, auf einen hier feit letztem Herbst schon aus Peden und Nesseln zusammengekarrten Unkrauthaufen. Dieser Pedenhaufen war ein prächtiger Ruheplatz, zugleich auch ein Aussichtspunkt, von dem aus man über einen von Werst und Weiden eingefaßten Graben hin nicht nut die nördliche Häuserreihe von Wilmersdorf überblicken, sondern auch von einer benachbarten Kegelbahntabagie her das Fallen bet Kegel unb vor allem das Zurückrollen ber Kugel auf zwei klapprigen Satten in aller Deutlichkeit hören konnte. Lene vergnügte sich über die Maßen barüber, nahm Bothos Hand unb sagte: „Sieh, Botho, ich weiß so gut Bescheib damit (benn als Kinb wohnten wir auch neben einer solchen Tabagief, baß ich, wenn ich bie Kugel bloß auffetzen höre, gleich weiß, wieviel sie machen wird." „Nun", fagte Botho, „da können wir ja wetten." „Und um was?" „Das findet fich." „Gut. Aber ich brauch es nur dreimal zu treffen, und wenn ich schweige, fo zählt es nicht." „Bin es zufrieden." . . Und nun horchten alle drei hinüber, und bte mit jebem Moment erregtet werdende Frau Dörr verschwor fich hoch und teuer, ihr puppte das Herz, ! Hit ht| ta( ta iilllf Itta «ii unb ihr lei geradeso, wie wenn sie vor einem Theatervorhang sitze. „Lene, Lene, du hast dir zuviel zugetraut, Kind, das is ja gar nid) möglich." So wär es wohl noch weitergegangen, wenn man nicht in eben diesem Augenblicke gehört hätte, daß eine Äugel ausgesetzt und nach einmaligem dumpsen Anschlag an die Seitenbande wieder still wurde. „Sandhose , tief Lene. Und richtig, io war es. „Das war leicht", sagte Botho. „Zu leicht. Das hatt ich auch geraten. Sehen wir also, was kommt." Und siehe da, zwei weitere Würfe folgten, ohne daß Lene gesprochen oder sich auch nur gerührt hätte. Rur Frau Dörrs Augen traten immer mehr aus dem Kopf. Jetzt aber, und Lene hob sich sofort von ihrem Platz, kam eine kleine, feste Kugel, und in einem eigentümlichen Mischton von Elastizität und Härte hörte man sie vibrierend über das Brett hmtanzen. „Alle neun", tief Lene. Und im Nu gab es drüben ein Fallen, und der Kegeljunge bestätigte nur, was kaum noch der Bestätigung bedurfte. ,Du sollst gewonnen haben, Lene. Wir essen heute noch ein Vielliebchen, und'dann geht alles in einem. Nicht wahr, Frau Dörr?" „Versteht sich", zwinkerte diese, „alles in einem.' Und dabei band sie den Hut ab und beschrieb Kreise damit, wie wenn es ihr Markthut gewesen 781 fitrtt et M kni Mi 6t Mtn trtin ii »1 I* Ütift S * tlty *lit Ithi J Ri n) tr »inW Siftenl mfts Die e-jt b bi;Ih •W Sil Ilttai fern Ii Sii|t fit! ki eii tu bi Wie ä Mit hri wie getroffen von dem Wort, auf ihn zu und umhalste und kützte ihn und war überhaupt von einet Leidenschaftlichkeit, die ihr sonst ganz fremd war. „Lene, was haft du nut?" ...... Aber sie hatte sich schon miedet gesammelt und wehrte mit rascher Handbewegung seine Teilnahme ab, wie wenn sie sagen wollte: „Frage nicht.' Und nun ging sie, während Botho mit Frau Nimptsch weitersprach, aus da« Küchenschapp zu, kramte drin umher und kam gleich danach und völlig heitern Gesichts mit einem kleinen, in blaues Zuckerpapier genahten Buche zurück da« ganz das Aussehen hatte wie die, drin Hausfrauen ihre täglichen Ausgaben aufschreiben. Dazu diente das Büchelchen denn auch wirklich und zugleich zu Fragen, mit denen sich Lene, sei's aus Neugier oder gelegentlich auch aus tieserem Interesse, beschäftigte. Sie schlug es jetzt auf und w,es auf die letzte Seite, drauf Bothos Blick sofort der d,ck unterstrichenen Hebet- schrift begegnete: „Was zu wissen not tut." „Alle Tausend, Lene, das klingt ja tote Traktätchen oder Lustspieltitel. "Ist auch so was. Lies nur weiter." Und nun las er: „Wer waren die beiden Damen auf bem Korso? Ist es die ältere oder ist es die junge? Wer ist Pitt? Wer ist Serge? Wer ist ^0 Botho lachte. „Wenn ich dir das alles beantworten soll, Lene, so bleib Eftl'tzttück,"daß Frau Dörr bei dieser Antwort fehlte, sonst hätte es eine neue Verlegenheit gegeben. Aber die sonst so flinke Freundin, flink wenigstens, wenn es sich um den Baron handelte, war noch nicht wieder zurück, und so sagte denn Lene: „Gut, so will ich mich handeln lassen. Und meinet- wegen denn von den zwei Damen ein andermal! Aber was bedeuten die fremden Namen? Ich habe schon neulich danach gefragt, als du die Tüte brachtest. Aber was du da sagtest, war keine rechte Antwort, nur so halb. Ist es ein Geheimnis?" „Nein." „Nun denn, sage." „Gern, Lene. Diese Namen sind bloh Necknamen. „Ich weiß. Das sagtest du schon." „... Also Namen, die wrr uns aus Bequemlichkeit be,gelegt haben, mit "und ohne Beziehung, je nachdem." « „Und was heißt Pitt?'' „Pitt war ein englischer Staatsmann." „Und ist dein Freund auch einer?" „Uni Gottes willen..." „Unb Serge?" „Das ist ein russischer Vorname, den ein Heftiger unb viele russische Großfürsten führen." „Die aber nicht Heftige zu sein brauchen, nicht wahr? ... Unb Gaston?' „Ist ein französischer Name." „Ja, bessen entsinn ich mich. Ich habe mal, als ein ganz junge« Dmg, unb ich war noch nicht eingesegnet, ein Stück gesehen: ,Der Mann mit bet eisernen Maske/ Und bet mit ber Maske, bet hieß Gaston. Unb ich weinte jämmerlich." „Und lachst jetzt, wenn ich bit sage: Gaston bin ich. „Nein, ich lache nicht. Du hast auch eine Maske." Botho wollte schetz- unb ernsthaft das Gegenteil versichern, aber Frau Dörr, die gerade wieder eintrat, schnitt das Gespräch ab, indem sie sich entschuldigte, daß sie so lange habe warten lassen. Aber eine Bestellung sei gekommen und sie habe rasch noch einen Begräbniskranz flechten müssen. „Einen großen ober einen kleinen?" fragte die Nimptsch, die gern von Begräbnissen sprach und eine Passion hatte, sich von allem Dazugehörigen erzählen zu lassen. „Nu", sagte bie Dörr, „es War ein mittelschet: kleine Leute. Efeu mit Azalie." „Jott", fuhr bie Nimptsch fort, „alles is jetzt für Eseu mit Azalie, bloß ich nich. Efeu is ganz gut, wenn et aufs Grab kommt unb alles so grün unb dicht eiiftpiiint, daß das Grab seine Ruhe hat und ber drunter liegt auch. Aber Eseu in’n Kranz, das is nich richtig. Zu meiner Zeit, da nahmen wit Immortellen, gelbe ober halbgelbe, unb wenn es ganz was Feines sein sollte, benn nahmen wir rote ober weiße unb machten Kränze draus oder auch bloß einen und hingen ihn ans Kreuz, unb ba hing er benn ben ganzen Winter, un wenn bet Frühling kam, ba hing er noch. Un manche hingen noch länger. Aber so mit Efeu ober Azalie, das is nichts. Un warum nich? Damm nicht, weil es nich lange dauert. Un ich denke mit immer, je länger der Kranz oben hängt, desto länget denkt bet Mensch auch an seine Toten unten. Un mitunter auch ne Witwe, wenn sie nich zu jung is. Unb das iS es, warum ich für Immortelle bin, gelbe ober rote ober auch weiße, un kann ja jeber einen andern Kranz zuhängen, wenn er will. Das is denn so für den Schein. Aber der immortellige, das ist der richtige." „Mutter", sagte Lene, „du sprichst wieder soviel von Grab unb Kranz.' „Ja, Kinb, jeber spricht, woran er bentt. Un bentt einer an Hochzeit, benn reb’t er von Hochzeit, un bentt einer an Begräbnis, benn reb’t er von Grab. Un ich habe mdj mal angefangen, von Grab un Kranz zu reden, Frau Dörr hat angefangen, was auch ganz recht war. Un ich spreche bloß immer davon, weil ich immer ne Angst habe un immer denke: ja, wer wird dir mal einen bringen?' „Ach Mutter..." „Ja, Lene, du bist gut, du bist ein gutes Kind. Aber der Mensch bentt un Gott lenkt, un heute rot un morgen tot. Unb bu kannst sterben so gut wie ich, jeben Tag, ben Gott Werben läßt, Wenn ich es auch nich glaube. Un Frau Dörr kann auch sterben ober wohnt benn, wenn ich sterbe, vielleicht wo anbers, ober ich wohne wo anberg un bin vielleicht eben erst eingezogen. Ach, meine liebe Lene, man hat nichts sicher, gar nichts, auch nich mal einen Kranz auss Grab." „Doch, doch, Mutter Nimptsch", sagte Botho, „ben haben Sie sicher." „Na, na, Herr Baron, wenn es man wahr is." „Unb wenn ich in Petersburg bin ober in Paris unb ich höre, baß meine alte Frau Nimptsch gestorben ist, bann schick ich einen Kranz, und wenn ich in Berlin bin ober in der Nähe, bann bring ich^ihn selber." (Fortsetzung folgt.) wäre. m . Mittlerweile sank bie Sonne hinter ben Milmersdorfer Kirchtum, unb Lene schlug vor, auszubrechen unb ben Rückweg anzutreten, „es werbe so sröstlich; unterwegs aber wollte man spielen unb sich greifen: sie sei sicher, Botho werde sie nicht sangen." „Ei, da Wollen wir doch sehen." Unb nun begann ein Jagen unb Haschen, bei oem Lene wirklich rnchr gefangen werben konnte, bis sie zuletzt vor Lachen unb Aufregung so abge- äschert war, daß sie sich hinter die stattliche Fran Dörr flüchtete. „Nun hab ich meinen Baurn", lachte sie, „nun kriegst bu mich erst recht nicht." Und babei hielt sie sich an Frau Dörrs etwas abstehender Schoßjacke fest und schob die gute Frau so geschickt nach rechts und links, daß s,e sich eine Zeitlang mit Hilfe derselben deckte. Plötzlich aber War Botho neben ihr, hielt sie fest und gab ihr einen Kuß. Das ist gegen die Regel; wir haben nichts ausgemacht." Aber trotz solcher Abweisung hing sie sich doch an seinen Arm und kommandierte, Während sie die Garde-Schnarrstimme nachahmte: „Parademarsch... frei weg" und ergötzte sich an den bewundernden unb nicht enbenwollenben Ausrufen, Womit bie gute Frau Dörr bas Spiel begleitete. „Is es zu glauben?" sagte diese. „Nein, es is nich zu glauben. Und immer so un nie anbers. Un wenn ich denn an meinen denke. Nicht zu glauben, sag ich. Unb war boch auch einer. Und tat auch immer so." „Was meint sie nur?" fragte Botho leise. . „O, sie denkt wieder... Aber, du Weißt ja... Ich habe bn ja davon "^Ach, das ist es. Der. Nun, er wird wohl so schlimm nicht gewesen sein." „Wer weiß. Zuletzt ist einer wie ber andere." „Meinst bu?" ,Nein." Unb babei schüttelte sie den Kops, unb tn ihrem Auge lag etwas von Weichheit und Rührung. Aber sie wollte diese Stimmung nicht aufkommen lassen unb sagte deshalb rasch: „Singen wir, Frau Dörr. Singen Wir. Aber was?" „Morgenrot..." , , „Nein, das nicht... Morgen in das kühle Grab', das ,st mir zu traurig. Nein, singen wir: ,Uebers Jahr, übers Jahr', ober noch lieber: ,Denkst bu daran.'" . . • . ,, „Ja, das is recht, bas is schön; das is mein Leib- unb Magenlieb. Unb mit gut eingeübter Stimme sangen alle brei bas Lieblingslied der Frau Dörr, und man war schon bis in die Nähe ber Gärtnerei gekommen, als es noch immer über bas Feld hinklang: „Ich denke dran... ich danke dir mein Leben", unb bann von ber anbren Wegseite her, Wo die lange Reihe ber Schuppen unb Remisen fianb, im Echo wibetijallte. Die Dörr War überglücklich. Aber Lene unb Botho Waren ernst geworben. Zehntes Kapitel. Es buntelte schon, als man roieber vor ber Wohnung ber Frau Nimptsch War, unb Botho, ber seine Heiterkeit unb gute Laune rasch zurückgewonnen hatte, wollte nur einen Augenblick noch mit hineinsehen und sich gleich banach verabschieben. Als ihn Lene jeboch an allerlei Versprechungen unb Frau Dörr mit Betonung unb Augenspiel an bas noch ausstehende Vieftieb- chen erinnerte, gab er nach und entschloß sich, den Abenb über zu bleiben. „Das is recht", sagte bie Dörr. „Und ich bleibe nun auch. Das heißt, wenn ich bleiben darf und bei dem Vielliebchen nicht störe. Denn man kann doch nie wissen. Unb ich will bloß noch ben Hut nach Haufe bringen und den Umhang. Und denn komm ich wieder." „Gewiß müssen Sie wiederkommen'', sagte Botho, während er ihr bie Hand gab. „So jung kommen wir nicht roieber zusammen." „Nein, nein“, lachte bie Dörr, „so jung kommen wir nich wieber zusammen. Un is auch eigentlich ganz unmöglich, un wenn Wir auch morgen schon roieber zusammenkämen. Denn ein Tag is boch immer ein Tag unb macht auch schon was aus. Unb beshalb is es ganz richtig, daß Wir so jung nich roieber zusammenkommen. Und muß sich jeder gefallen lassen." In dieser Tonart ging es noch eine Weile weiter, unb die von niemandem bestrittene Tatsache des täglichen Aelterwerdens gefiel ihr so, daß sie dieselbe noch einige Male wiederholte. Dann erst ging sie. Lene begleitete sie bis auf den Flur, Botho seinerseits aber setzte sich neben Frau Nimptsch und fragte, während er ihr das von der Schulter gefallene Umschlagetuch wieder umhing, „ob sie noch böse sei, daß er die Lene wieder auf ein paar Stunden entführt habe? Aber es sei so hübsch gewesen, und oben auf dem Peden- Haufen, wo sie sich ausgeruht unb geplaudert hätten, hätten sie der Zeit ganz vergessen." „Ja, bie Glücklichen vergessen die Zeit", sagte die Alte. „Unb bie Jugenb is glücklich, un is auch gut so un soll so sein. Aber wenn man alt wirb, lieber Herr Baron, ba werben einen bie Stunden lang un man wünscht sich die Tage fort un das Leben auch." „Ach, das sagen Sie so, Mütterchen. Alt ober jung, eigentlich lebt boch jeder gern. Nicht wahr, Lene, Wir leben gern?' Lene war eben roieber vorn Flur her in bie Aube getreten unb lief, Oie Gräber der Gefallenen. Non Heinrich Frank*. Stiller, sanfter Psad: Zu den schmalen Hügeln geleitest du Der Gefallenen — Den Kränzen nah, Aber näher dem Herzen der Lebenden! Ins magere Holz geschnitten Sind eure Namen, Freunde! Wann euch der Engel rief, Deutet das karge Wort. Aber längst Entwuchs den Hügeln Unvergänglicher Lorbeer! Aus euren Gräbern, Brüder, Sprecht ihr zu uns. Oer Abschied. Bon Karl Benno von Mechow. Aus Anlaß des Heldengedenktages entnehmen wir dem im Albert Langen / Georg Müller Verlag in München erschienenen Buche „Kriegsdichter erzählen" den folgenden Beitrag. Nacht ist es. Die Schützen sitzen wieder aus den Pferden und reiten an. ziele Sättel bleiben leer. Nacht ist es, man sieht nicht, welche Pferde keinen Leiter mehr haben. Man weiß nichts voneinander. Vorne ruft einer „ijalt!". Vorne ruft einer „Anreiten!". Es ist Keften- brgs Stimme. Von Lux hört man kein Wort, kein Fauchen und Toben mb erregtes Machen. Von Lux sagt einer, er sei durch Kopfschuß ver- rundet. Der Regen fällt dichter, und niemand redet. Man muß reiten; Ostenberg gibt mit ruhiger Stimme den Befehl. Man reitet und weiß nchts voneinander ... Die Nacht brachte keine Ruhe, keine Minute für den Schlaf. Die Nacht trat brausende Flucht. Sie fuhren im Stechtrab durch dichte Wälder, aeglos unter tiefen Aesten hinweg und erhielten manchen Rutenschlag ins Besicht. Schwer hielten sie sich im Sattel. Die Gegend, die der neue Tag sparsam erhellte, sie erschien ihnen bitannt. Sie hatten sie gestern schon einmal gesehen, und dort, gar nicht irn lag die Weite des großen Gefechtes. Sie waren geritten die ganze fadjt und nicht von der Stelle gekommen! So war es oft, was fcherte es [ii! Es regnete, und sie ritten. , Sie fahen jetzt, wer fehlte auf den ledigen Gäulen. Sie fahen jetzt, daß tut der Queue Georg Helmers das schöne Pferd Quinze an der Hand schrie. Es zockelte mit krummen Hals, ging keinen Augenblick Schritt. Sie hörten von Lux, daß er lebte. Tief und schwer hätte er geatmet utter seinem riesigen Kopfverband. Wer atmet, lebt! Wer hat etwas da qiyen zu sagen! Wer ! — Nein, niemand sagt etwas dagegen, niemand tgt, daß er feine Hoffnung mehr hat. Es gibt viele Arten zu leben, zu irben. So und so . Und Lux wird leben. So reden die, die dort immer noch leben und reiten. Ihr Mund redet 5i, ihre Gedanken sagen Nein. Der Mensch hat seinen Mund, um das, ras er denkt, zu verbergen. Griesbart bekam eine Kugel durch den Hals mb erstickte. Aber Lux wird leben. Es ist Tag, und mir reiten immer noch ungestört? — Nun ja, wir fr: ben dem Zaren gestern feine Schimmelbrigade zerballert, und heute fr den wir frei. Es regnet, wir haben frei. Wegen ungünstiger Witterung it der Krieg auf den folgenden Tag verschoben. Haha? Man mag nicht Irfjen. Lux hätte gewiß, ritt er jetzt auf Quinze die Marschkolonne herauf, diesen dummen Scherz gemacht. Und dann hätten wir gelacht! Was ist mit Kestenberg? Man hört nichts von ihm als fein stilles ,fr,alt!", fein stilles „Anreiten!". Kestenberg, was soll er tun? Er singt nicht gerade Frühlingslieder angesichts dieses regnenden Herbstes, wie es »elleidjt Plön getan hätte. Er bleibt, der er ist: wacker und langweilig. 5im fehlt das zündende Leben. Plön, vor ihm aber noch Lux, — sie waren unsere Führer, sie waren 5 ihrer. Gut ist es hinter Führern zu reiten im Abenteuer ... Sie ritten um einen Hügel und sahen ein neues Stück Land. Nichts fr feite ihren Blick in dieser neuen Landschaft, nichts anderes als ein ?'dhaufen aus frischem Sand. Gelb blieb der Sand auch im strömenden fegen. Seitwärts auf dem Hügel, hoch über ihrem Wege, war er zu thetn Hausen geschichtet. „ _. . Der Kommandeur kam geritten, und der Doktor folgte ihm. Sie tarnen fr rt von dem Hügel geritten. Des Arztes Gesicht war weiß über dem !ii ifchwarzen Bart. Etwas hilflos, wie immer, steuerte er feinen Fuchs, lene Augen griffen nicht nach den Menschen. Er schien in die weite Ferne !> blicken, nach den Dächern eines märkischen Dorfes Lugau. Die beiden hielten und warteten auf die erste Schwadron. Sie sprachen mit Kestenberg ein Wort, und dieser gab es an die Tete meiter: * „Erste Schwadron, dort oben ist euer Rittmeister begraben. Ja. Machte er Worte, dieser Kestenberg? Hielt er eine Ansprache etwa so: Curt ruht Rittmeister Freiherr von Gerten, Chef usw., gefallen am K- September 1915, hier in der Wildnis, im Lande um Wilna, beim * Dieses Gedicht ist mit Erlaubnis der Schriftleitung dem März-Heft frr Zeitschrift „Das Innere Reich" entnommen. Orte Weihnichtwie, ein Reiter, ein Whrer, ein Mensch! — Sagte .Kestenberg dies? — Nein. Können uns rMt erinnern. Ein Reiter, ein Mensch, — ein Held? — Nein, nein, gewiß nicht. Dies Wort ist nicht für unsere Sprache, lieber dieses Wort spottete am allermeisten unser Lux, dieser Mensch, von Anfang nicht bester als alle. Aber eine Gnade lag über seinem Sieben, lieh aus der Gärung am End» eine Glorie steigen. Es war ihm vergönnt, sein Leben fertig zu leben —« wenn er auch Lugau nicht wiedersah. Ein Führer, ein Reiter, kurzerhand: Lux. Nahm man sich Zeit, gab es einen Aufenthalt, eine Ehrung nach Sitte und Gewohnheit? — Nein, können uns nicht erinnern. Die Schwadron blieb im Reiten, zog im Schritt fünfzig Meter entfernt am Grabe ihres Führers vorbei. Die Schwadron ist klein, viele lebige Pferde gehen an der Hand. Die Reiter sind müde, aber sie straffen den Oberkörper, sie kneifen die Schulterblätter zusammen, sie drücken das Kinn gegen die Binde. Sie legen die Lanze nach Vorschrift auf Lende, die Spitze dicht neben dem rechten Pferdeohr. Die linke Faust steht in Nabelhöhe über dem Widerrist, und die Pferde ziehen sich zwischen Schenkel und Zügel zusammen, geben ihren steifen Hals her und gehen wie bei der Parade. Die Reiter nehmen die Augen nach rechts. Ein gelber Haufen Sand beherrscht den Hügel. Die Reiter wenden die Köpfe wieder nach vorn, sie schweigen und reiten ihren Weg, ihren Weg. Unter allen Krenzen... Von Lucie Rohmer-Heilscher. Unter allen Kreuzen, Die in Polen stehn, Muß nun meine Liebe Deines suchen gehn. Jst's im Friedhofsgarten, Wo die Glocke klingt, Oder tief im Walde, Wo die Drostei singt, Ober auf bem gelbe, Rings von Himmelslicht (Selben eingewoben? Ach, ich weih es nicht. Abends, wenn bie Lichter Ausgelöfcht im Haus, Ruh' ich von ben Qualen Meiner Ruhe aus. Denke, bah ich schreite Leis von Grab zu Grab, Unb ich streichle jebes, Weil ich bein's nicht hab'. Wirb ja deines, Liebster, Auch darunter fein, Ihrer sind fo viele, Das gibt .Stillesein. Möcht' dir Blumen bringen Unb ein Wachslichtlein, Bitt' für bich ben Herrgott, Unb bann schlaf ich ein. 3m «-Entenschnabel" von Kamerun. Don Eva Mac Lean. Ich bin im „Entenschnabel" von Kamerun. Auf bet Lanbkarte steht dieser nörblichste Teil bes Manbatsgebietes wie ein Tierkopf mit einer langen Nase aus, unb bie Franzosen nennen ihn „Antilopenkops". Es ist brüllend heiß hier. Unter dem Atemhauch der nahen Sahara ist ein ganzes Binnenmeer im Begriff, auszutrocknen, der gewaltige Tschadsee, der von Jahr zu Jahr wasserärmer wird. Aber Baumwolle wächst in der Ebene so viel, daß immer neue Speicher gebaut werden müssen, um die Fülle zu bergen. Betriebsame Städte gibt es hier, Garua, Mama Mora, an die hunderttausend Einwohner darin, alles Negervolk, das unter der Herrschaft der Fulbe steht, eines Eroberervolkes, das bie Eingeborenen zwang, Mohammedaner zu werden. An einem Nachmittag um drei Ubr kam ich in Mora an. Es ist em» alte deutsche Station, am Fuß des steinigen Mandara-Gebirges gelegen, ganz früher ein Sultansplatz mit befestigten Wällen, Gräben unb Türmen aus Lehm. „ , v , Heute refibiert ein französischer Leutnant bort unb ein Felbwebel —, in bem alten beutschen Stationsgcbäube. Der Leutnant mager, vom Fieber verzehrt, aber gastfrei unb hilfsbereit wie jeher wirkliche Afrikaner. Der Felbwebel, eine richtige Kompaniemutter, bick unb munter, und selbst in dieser Trostlosigkeit mit seinem Schicksal zufrieden. Sein Vorgänger ist vor einem halben Jahr am Selben Fieber gestorben, die Frau bes Leutnants ist boruber vor Angst nervenkrank geworben unb in bie Heimat zurückgelchickt. Der Leutnant geht in sechsunbsünfzig Tagen in Urlaub Dies teilt er uns mit, nochbem wir uns fünf Minuten unterhalten hatten. Aber ich begriff, baß dies für ihn augenblicklich bas Wichtiaste war, was er mitzuteilen hatte. In ber Nacht kam ein Tornabo. Es war wie am Jüngsten Tag. Irl ben nahen Bergen hallten bie Donnerschläge wiber, ber Himmel riß in feurigen Bächen auf, unb Wellblechscheiben von Zentnergewicht flatterten im Sturm wie Papierbogen über bie Straße. Ich war von ben ersten ungestümen Winbstöhen, die mein Moskitonetz wie eine Fahne blähten. yjhenn in den heißen Monaten DMs die durchglühten Häuser. 'uHedörrt, die Haare trocken wie tzufgewacht Mein Bett stand sa ir| April und Mai flieht hier des Durch den Wind war der Körper Stroh. In der Vorratsecke ließ ich das LichN der Taschenlampe über Tassen und Flaschen zucken, um noch etwas Trinkbares zu entdecken. Mit lauwarmem Tee netzte ich erfolglos Gaumen« und Zunge. Was haben wir getrunken in diesen Wochen! Obwohl das Herz hinterher wie wild pumpen mußte, sechs, acht Liter am Tag., Dabei nützte es nicht einmal etwas, denn nach zwei Minuten hatte der Körper alles wieder ausgeschwitzt, die Haut perlte, und die Kehle war trocken wie zuvor. Das einzig wahre Mittel gegen Durst ist, sich in ein nasses Bettlaken zu wickeln und stillzuliegen. Am andern Morgen war der Leutnant vor dem Rasthaus und holte uns zur Gäzellenjagd ab Von acht bis zwei Uhr hatte er jeden Tag 39 Grad Fieber: er sah erbärmlich aus. „Ts macht nichts", sagte er mit einem halben Lächeln, „man gewöhnt sich schließlich daran, und außerdem gehe ich in fünfundfünszig Tagen in Urlaub." Die Gazellen sprangen in langen Fluchten über baumlose Flachen, die mit goldgelbem Gras bedeckt waren. Man muß hier sehr weit schießen, so wie in Südwestairika, aber nachher wurde doch noch eine erlegt. Immer mußte ich wieder zu den Bergen Hinblicken, zu diesem höllen- heißen Mandara-Gebirge, von dem ich wußte, daß sich dort ein Stück Weltkrieg abgespielt hatte. Achtzehn Monate hat sich dort der deutsche Hauptmann von Raben der englischen und französischen Uebermacht in einem ständigen Kampf, der fast ohne Wasser, fast ohne Schatten, fast ohne alles, was eigentlich zum Kriegführen gehört, erwehrt. Er und zehn deutsche Mitkämpfer haben in jenen Bergen ein tausendköpfiges feindliches Heer anderthalb Jahre festgehalten und sich erst ergeben, als die Stadt Garua fiel, die im Norden der letzte Stützpunkt war. Die Engländer haben ihm bei der Gefangennahme den Degen gelassen. Er hatte natürlich Verbündete in diesem Kampf, und das waren die Berg-Heiden. Als vor hundert Jahren die Fulbe aus der Sahara mit gepanzerter Kavallerie ins Land einbrachen, haben sich einige Stämme nicht unterworfen. Sie haben sich in die Gebirge zurückgezogen und sich in den Schutz ihrer steilen Felsentürme begeben, die wie Festungen aus Gottes Hand sind. Von dort bieten sie noch heute den Fulbe und ihren Sultanen Trotz und wollen sich nicht unterwerfen. Diesen Heiden bin ich nachgegangen. , , Die Autostraße schraubt sich von Mora nach Mokolo hinauf, ein wemg befahrener Weg, und wer hier eine Panne hat, kann sein Testament machen. Gegen den Himmel hoben sich die Umrisse der seltsamen Siedlungen der Heiden ab, runde Steinhütten mit spitzen Grasdüchern. Immer zwei oder drei stehen so dicht nebeneinander, daß man von einer Hütte durch die Wand in die andere gehen kann, richtige kleine Festungen, die wie Schwalbennester an die Berghänge geklebt sind. Aus den dunklen Türlöchern kamen die Heiden angelaufen, die Sirbis, wie die Fulbe sie nennen, das heißt die Schmutzigen. Es sind große, schöne Gestalten, nackt und gesund. Ich kroch in eine Hütte hinein und sah vor mir einen alten Mann fliehen, durch die Verbindungstür in die nächste und dann in die letzte Hütte. Dort drückte er sich wie ein gehetztes Tier mit dem Gesicht an die Wand. Es war sehr dunkel und nicht viel Hausrat zu sehen. Als ich mich umwandte, hatten zwei Kerle den einzigen Ausgang besetzt. War das Absicht? Ich war wie in einer Mausefalle, bekam einen Herzschlag lang Angst, schob dann mit entschiedener Handbewegung die Männer zur Seite und war im Freien. „Wollt ihr Zigaretten haben?" Eine schwarze Hand griff nach dem dargebotenen weißen Stäbchen. „Ha, dem schmutzigen Volk nicht gut sein, Zigarette geben", sagte mein schwarzer Chauffeur im Ton tiefster Entrüstung und im Vollgefühl, lange europäische Männerhosen anzuhaben. Der Heide stand fassungslos mit der Zigarette in der Hand da, die Autostraße ging zwar an seiner Tür vorbei, aber so etwas hatte er noch nie in feinem Leben gesehen! Ich rauchte ihm eine vor, er versuchte es nachzumachen, gab es dann aber auf — an diesem denkwürdigen Tag hatte er bestimmt die erste Zigarette und die erste weiße Frau gesehen. Die Sirbis finb ein schwieriges Sapitel für bie französische Kolonialverwaltung, sie setzen allen Europäisierungsoersuchen einen zäh»" Wider- stanb entgegen. Wenn sie getrunken haben, sind sie rauflustig, kommen in die Ebenen hinunter und rauben den mohammedanischen Rassengenosfen das Vieh. Mit den Deutschen kamen sie gut aus, wie an dem Beispiel des Hauptmanns von Raben zu sehen ist, dem sie bis zuletzt treu blieben. Dabei sind sie urgesund und gar nicht unbegabt, ihre Leichen wickeln sie in schöne, selbstgewebte Streifen, und ihre Aecker haben sie tadellos in Ordnung, nach einem schwierigen Terrassensystem, durch das sie den kargen Bergen mühsam die Frucht abringen. Ein merkwürdiges Volk, das zu weben versteht und dabei nackt geht, die Ackerbauer sind und keine Kulturmenschen werden wollen. Dabei sind sie von unverwüstlich guter Laune. Am Nachmittag war Volksfest in Matafal. Trommeln dröhnten, Schellen raffelten, und ein paar hundert Menschen vergnügten sich in rhythmischen Tanzbewegungen. Frauen scheinen bei den Heiden ein besseres Leben zu haben als bei den Mohammedanern, sie tummelten sich zwischen den Tänzern umher und schienen ein gleiches Anrecht auf Frei- beit, Sonne und Lachen zu haben. Noch ganz spät tarnen zwei Heidenweibchen angelaufen, die sich wahrscheinlich bei der Toilette verspätet hatten: sie trugen Netze aus kleinen blauen Perlen um die Lenden und waren mit Stäbchen durch Ober- und Unterlippe einfach kokett heraus- geputzt. „Es sind Kinder, diese Heiden", sagte der französische Bezirksamtmann mit einem leichten Seufzer und dachte dabei wohl an die gänzliche Abneigung dieser schwarzen Leute, Steuern abzuführen. „Man muß allmählich erwachsene Menschen aus ihnen machen", schloß er feine Gedankenkette ab. Das war schön gesagt — aber ob sie bann noch so guter Laune wären? Oie $rou, da« Büro und der Film. Von Christian Bock. Man hat mancherlei Frauenbildnisse gesehen, Gemälde und alte L>tiche, Drucke und allerlei Zeichnungen, klassische und moderne, gute, teure unb schlechte auch — ich suche da unter allem, was ich sah, ein bestimmtes Bild, ich krame in meinem Gedächtnis und will herauszaubern: gab es das, nicht irgendwo? — ich suche, suche und finde nichts. Aber dann weiß ich es nun: Dieses Bild gibt es ja gar nicht. Ich meine das Bild, das die Frau im Büro darstellt. Es fehlt. Ja, es gibt die niedrigen, zierlichen Sekretäre, an denen jene hübschen Briefe ncfcßtieben tvcrbcn, bie tnon breitttol lieft, tvenn inan jie biiontmt, bie man nach einem halben Jahr noch einmal liest, "Stiefe, bte man eigenb lief) nut in einem flackernden Saminfeuer nachdenklich verbrennen dürste an einem Abend, der wunderlich gut und einsam ist. Solche alten schmalen Sekretäre also gehören zu einer Frau, sie sind von ihrer Art — aber Büro- schreibtische? Ja, wer sich einen Funken romantischer Lebensauffassung bewahrt hat — glücklich bewahrt hat, muß dem nicht eine Frau am Büro, schreibtisch eine Unmöglichkeit scheinen, eine tief unnatürliche Sache, bte allenfalls für einen satirischen Stift ein reizvolles Thema ist. Nun, der alte Meister Daumier hat so etwas einmal mit aller gehörigen Kunst gemacht. Ohne einen einzigen schmeichlerischen Strich. Die Emanzi. pation der Frau war eines seiner Haupt- unb Staatsthemen; er liebte es, beruflich gestikulierende Frauen mit boshaften Schnörkeln aufs Papi« zu krakeln. . , , , _ Aber das alles war damals sehr ,ung, sehr neu unb ungewohnt. Da sieht es heute schon wesentlich anders aus. Trotzdem — von einem ernst- haften künstlerischen Versuch, die Frau im Büro darzustellen, weiß ich nichts. Es scheint, daß die Bürotätigkeit der Frau eher für eine zivilisatorische Störung des Natürlichen angesehen wird. Vielleicht ist der Kunst auch bte Welt der Schreibtische zu fremd, daß sie den problematischen Reiz diesci Beziehung zwischen Frau und Büroschreibtisch noch nicht entdeckte. Dem wendigeren Film entgeht so etwas nicht leicht; er hat wenigstens die simpelsten Probleme entdeckt und (mit einigem Ungeschick) verfilmt, Weiß man das Schema? Im ersten Drittel ist da eine Frau, die ganz in ihrem Büroberuf aufgeht/ darin lebt unb herrlich znfrieben ist — aber aus heiterem Filmhimmel taucht bann plötzlich ein Herr auf unb mit ihm das Problem: bie Frau entbeckt unversehens ihre weibliche Eigenart, bie sic ganz vergessen hatte. Im zweiten Drittel bes Films kämpft sie wacker mit sich, um enblich im letzten Drittel bes Films zum happy end bet Firma zu kündigen und jenem Herrn, der im ersten Drittel (Übrigens von allen Zuschauern erwartet) erschien, als Fran zu folgen. Nun, im Leben pflegen Probleme nicht so diktatorisch und drohend zu sein wie im Film, und sie lösen sich selten so eindeutig und konsequent - es ist ja alles ganz anders. Mit den Frauen, die tags am Büroschreibtisch regieren, fitzen wir abends richtig nett und gut zusammen, mit Gesprächen unb etwas Gutem zu trinken, unb es finb keine Büroamazonen, feine Suffragetten— sie verstehen es, sich zum Sonnenuntergang unversehens zu Damen zu verwanbeln, bie jeher mittelalterliche Dichter bebeufenloi besungen hätte — es wäre ihm vielleicht kaum etwas aufgesallen, baß sie etwas anbers sinb als bie Damen bes zeitgenössischen Mittelalters. Immerhin, etwas anders find sie, aber die ewigen Merkmale ihres Geschlechts sind immer geblieben. Sie kleiden sie in immer neue Formen, aber noch in der modernsten Verkleidung bleibt der gleiche Inhalt (sonsl müßte uns ja alle klassische Literatur unverständlich sein, weil wir die In- halte nicht mehr verstehen würden — aber die weiblichen Züge der biblischen Frauengestalten sind noch die gleichen wie die der modernen Frau, bie acht Stunden im Büro sitzt I) Und das ist es wohl, was die Frau besser versteht als der Mann: int Büro zu bleiben, was sie ist. Sie nimmt nicht so leicht das gleichmäßige Roboteranssehen an, das die Maschinerie des Büros gern jedem verleiht, bett sie einmal aufnimmt. Die Frau hat erwiesen, daß alles Menschliche und Persönliche im Büro nicht notwendig hinausgeschafft werden muß, um Akten Platz zu machen. Daß das alles gut und nützlich und brauchbar war, ist beispielhaft an ittem neuen Beruf nachzuweisen, den die Frau im Büro erst geschaffen gut1 den der Privatsekretärin. Und nun müssen wir uns noch einmal mit dem Film etwas zu Tische setzen. Das ist alles keine kleinliche humorlose Quengelei — aber was habt ihr da nur angerichtet! Drei, vier, fünf Dutzend Filme gibt's, die ade miteinander dieselbe naive Mär erzählen, und in einem Büro die Szenerie für eine technisch verwickelte Liebesgeschichte ausrichten, als wäre derlei in Büros grauer Alltag. Wenn spätere Generationen einmal in unseren Ruinen graben unb biese Filmstreifen einmal finben, müssen sie glauben, in unseren Büros sei ernstlich kaum je gearbeitet worben, unb Privat- Sekretärinnen hätten kebiglich bie Aufgabe gehabt, ihre Vorgesetzten in menschliche Verwirrung zu bringen. Der Film sängt an, eine Welt zu konstruieren, bie es nur int Film unb mrgenbs sonst gibt. Es war schon gesagt: Die Frau hat ben Beruf ber Privatsekretärin erst geschaffen, unb sie hat sich als Privatsekretärin, wie mans nennt, „unentbehrlich" gemacht. Sie hat sich da an eine Stelle gesetzt, wo der Mann sie als Ausgleich gegen die eigene Unerträglichkeit braucht: wenn er vok Berusseifer nach zwei Telephonen zugleich greift, wenn er von feinem Schreibtisch aus allen Ernstes gleich drei Erdteile zu regieren glaubt: die Frau nimmt ihm so obenhin linker Hand das halbe Regieren ob, glättet, beruhigt, sorgt für ein Glas Wasser zur rechten Zeit, und wenn es dann in weniger aufgeregten Stunden bte grauen Alltags- unb Geschäftswolken gibt, bie trüge über betn Tag hängen, als wollte sie kein Winb je weiten treiben, bann versteht sie es, das Graue etwas aufzuheitern, mit einem Wort, einer Geste, mit ihrem bloßen Dasein, und das alles ist weit wichtiger, weit notwendiger, als man denken möchte. Die Frau hat zweifellos dem Büro ein freundlicheres Gesicht gegeben, und wenn sie nichts als das geleistet hatte, wäre es schon viel. Derantwvrtlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.