GichenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1939 Montag, den 9. Oktober Nummer 78 Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 13. Fortsetzung. Die Männer lachten über seine lebhafte Art unt> hielten ihn für eine Art Bajazzo. Dann nahm er eine Flasche, entkorkte sie, trank und ging steifbeinig an den Soldaten vorbei zur Treppe. Sie sahen ihm nach. Es schien sehr schwer für ihn zu fein, sich auf den Beinen zu halten. Man leuchtete ihm darum vorsorglich und menschenfreundlich mit einer Laterne, Poiporence war der neuen Flasche noch gewachsen, er kämpfte zwar mit ihr, aber sie warf ihn nicht um. Sie trat aber insofern in eine Beziehung zu Poiporence, als sie seine Sucht steigerte, den nüchternen Männern zu zeigen, daß er klüger war als sie. Es ist so leicht, jemandem, der keinen Argwohn hat, etwas vorzu- spiegeln. Nur ein Narr oder ein Dummkopf bildet sich etwas darauf ein. In seinem Zustand war Poiporence beides. Er schloß mit einiger Mühe das Schlafzimmer auf, stand an der schwelle, kicherte laut, dann stolperte er in das dunkle Gemach. Eine Sekunde später hatte der Teufel, der ihn die ganze Zeit über geritten hatte, die letzte Hürde genommen. Theophil zerrte Germaine, die schlaftrunken nicht begriff, was vor- gina in den Schein der Laterne. Weidlich und seine Kameraden starrten die Griselle an wie eine gespenstische Erscheinung. Sie stand im Nachtgewand und Häubchen an der Tür und starrte ebenso. Außer dem Licht der Laterne, das sie anleuchtete, ging ihr noch ein anderes, ein unsichtbares Licht auf. Die verklebten schlaftrunkenen Augen wurden klar und schossen Llitze. Sie erkannte, daß Theophils Verstand im Wein ertrunken war und er den Kopf und jetzt das Geheimnis verloren hatte. Poiporence aber stieß ein blödes meckerndes Lachen aus, das sich in immer neuen Stößen entlud. Die Wut der Griselle aber löste sich in einer furchtbaren Ohrfeige, mit der sie Theophil und sein Lachen zu Boden streckte. * Eine Viertelstunde später sitzen die Griselle und der vermeintliche deauvisage in der Mairie. Weidlich und Kutschbach haben sie kurzerhand dorthin gebracht. Der Unteroffizier wagt es, den Hauptmann zu wecken. Er wartet -efaßt auf das Gewitter, das nun mit Blitz und Donner losbrechen muß. ,Lch verstehe es nicht, Herr Hauptmann", beteuert er, „drei Mann haben gesehen, wie sie in die Postkutsche stieg — und auf einmal ist hie Person wieder da?l" Das Donnerwetter steht zwar in Baernburgs Gesicht, aber es bleibt bei einem mürrisch fernen Wetterleuchten. Hier liege mehr als ein bloßer Ungehorsam gegen den Ausweisungs- iefehl vor, aber er wolle das Geheimnis schon zerschlagen, meint der Hauptmann. Er ist gegen seine Leute voller Milde. Kein Wunder, er sieht ein, haß nicht nur die Gruppe Weidlich dem Fall nicht gewachsen ist. Auch 'r hat sich täuschen lassen! Er wittert Hintergründe. Die Griselle friert, sie hat in der Hast nicht genug Kleider überwerfen können, die kühle Nacht bringt in die Haut und macht die Ragd völlig wach. , Theophil, den alle außer Germaine für Beauoisage halten, lehnt an ^r Wand und schnarcht. „ Baernburg blickt böse auf den Mann. Der Sachverständige Kutsch- "^>ch erklärt: „Herr Hauptmann, der Kerl ist betrunkeni Deshalb ist ja "uch alles herausgekommen. Er war es doch, der uns die Griselle ge- Hail" , ... „Das Schwein!" sagt die Griselle, als sie merkt, daß von Theophil d - Rede ist. Kutschbach schiebt auf ein Zeichen Baernburgs den vermeintlichen Beauvisage von der Wand weg, da öffnet Theophil die Augen. Aber vor seinen Blicken verschwimmt alles. Er schwankt wie eine einsame Palme im Winde. „Wo haben Sie die Postkutsche wieder verlassen — und wie ist Ihnen das überhaupt gelungen, Griselle?" fragte Baernburg. Die Griselle dreht den Kopf zu Weidlich und grinst ihn an. Wie großartig hat sie Weidlich und die Männer getäuscht! Wenn es sich geschickt hätte, hätte sie sich vor Vergnügen auf ihre starken Schenkel geschlagen, teuselauchl Aber sie zieht es vor, demütig zu scheinen. ,Lch habe tue in der Postkutsche gesessen", seufzt sie. „Weidlich!" Baernburg erinnert den Unteroffizier an feine Aussage. „Herr Hauptmann, wir haben gesehen, daß sie einftieg! Und als sie abfuhr, hat sich auch der Landwehrmann noch einmal überzeugt, daß sie tu der Kutsche saß! Ick) weiß es ganz bestimmt!" „Nun, Griselle? Der Unteroffizier lügt nicht! Sagen Sie uns die Wahrheit!" 2kf) die Wahrheit! Germaine hätte gern einen großen Bogen um die Wahrheit gemacht, um den Hauptmann zu ärgern, aber das lohnt nun nicht mehr. „In, wenn ich es gewesen märe, die in den Wagen stieg! Mer ich war es nicht!" Sie sagt das sehr langsam. Jedes Wort ein Tropfen. Jetzt schwebt, miestnan jagt, ein Engel durch das Zimmer, aber hier ist es kein guter Engel. Da poltert aber Weidlich ungefragt heraus: „Unsinn! Was ich ge- fehn habe, habe ich gesehen!" Mittlerweile stürzt sich der Schlaf wieder auf Theophil, er übermannt ihn, daß er umfällt und am Boden liegen bleibt. Die Griselle stößt mit dem Fuß nach ihm. Baernburg- aber befiehlt, den Betrunkenen liegen zu lassen. Schon lichtet sich für den Hauptmann das Dunkel: „Bann ist also jemand an Ihre Stelle getreten und statt Ihrer mit der Feldpost atM gefahren?" Sie nickt „Himmeldonnerwetter! Wer? Wer sieht so ähnlich aus wie Sie?" „Ich hatte ja den Mantel und das Kopftuch mit ihr gewechselt!" beantwortet Germaine die Frage jur Hälfte. „Mit ihr?'Wer ist das? Wer bringt Ihnen das Opfer, sich für Sie ausweifen zu lassen?" fragt er. „Ein Opfer? Im Gegenteil! Ich tat ihr einen Gefallen. Sie wollte ja schleunigst fort!" lacht die Griselle. „Wer wollte fort?" „Nun, die Engländerin! Ich wollte hierbleiben, dem zuliebe", sie stößt wieder mit dem Fuß, diesmal aber derb, gegen den schlafenden Theophil, „und Miß Moreland wollte an die Küste — und rüber nach England! So hatte jeder, was er wollte!" Die Griselle glaubt, daß sie kein großes Geheimnis lüftet, denn dl« Abwesenheit Ann Morelands muh längst entdeckt fein. Hierin täuscht sie sich jedoch. Nur Gabatut wälzt sich um die gleiche Stunde schlaflos in seinem Bett und schwebt in Angst und Höllenpein, denn er weiß, daß Ann Moreland fort ist, er hat das leere Zimmer richtig gedeutet. Doch kommt er nicht auf den Gedanken, daß die Griselle und Ann die Nollen getauscht haben, auf soviel Kühnheit zweier Weiber kann sein ängstliches Herz von Natur nicht schließen. Natürlich wagt er nicht, den Hauptmann zu verständigen! Ist er doch Bürge für Ann Moreland! Nein, er baut eine bestimmte Hoffnung in diesen angstvollen Stunden auf: genau wie die Flucht unter Führung Bregnons mißlungen ist, wird auch diese neue Vermessenheit mit der kleinmütigen Rückkehr Ann Morelands enden. Schon will er eine Zahlenreihe hersagen oder an ein wogendes Kornfeld denken, um mit solchem Kunstgriff für den Rest der Nacht ein Stück Schlummer herbeizurufen, da läßt Baernburg ihn vorladen. Ah, da hat man sie schon eingefangen, denkt Labatut. Er ist beides: glücklich und unglücklich. Wenn er doch nicht gebürgt hätte! Er wäscht sich mit harten Händen, um die übernächtige Blässe aus dem Gesicht zu entfernen. Dann kleidet er sich an. Unterdes überlegt Baernburg blitzschnell: Ann Moreland ist verdächtig. Er hat über diese Perstin dem Armeeoberkommando berichtet (viel zu milde war er, daß er sie nicht sofort verhaftet hat), der Mair« hat die Komödie mit der Bürgschaft gespielt, offenbar, um eine Verhaftung zu verhindern und der Moreland eine Gelegenheit zur Flucht zu geben. Wenn die Engländerin ein reines Gewissen hat, weshalb flieht sie? Aber sie ist die Gerifsenste von allen! schasterin." (Sortierung folgt.) streichen!" „ , E , .. Die Griselle zpckt zusammen. Ihr Gemüt, obenauf frech, sinkt nun wieder in gerissen gespielte Demut, und im Unterfinken gibt es ihr einen Ruck: Himmel, da liegt ja Theophil, und niemand weiß wer er ift' Alle halten ihn für Beauvisage, alle — nur Labatut nicht. Uno jetzt bemerkt die Griselle, wie Labatut auf Theophil starrt. Sie räuspert sich, und Labatut schaut auch wie erwartet auf. Ihre Augen flehen: Schweige, ich bitte dich, schweige! ' m „Und dieser Beauvisage ich mitschuldig!" schließt Baernburg und befiehlt: „Heben Sie den Kerl auf!" . Kutschbach und Winter stellen Theophil aus die Beme. Irgendein Rest von Disziplin zwingt Poiporence, obwohl er keine Kopfbedeckung trägt, auf französische Art militärisch zu grüßen, indem er die Rechte an jene Stelle führt, an der sonst das Käppi fitzt. Lassen Sie die Possen!" sagt Baernburg. Labatut hat das dumpfe Gefühl, daß er nun nichts mehr verschweigen dürfe, auch wenn die Griselle mit beinahe flatternden Blicken darum fleht. Und darum sagt auch er etwas: „Dieser Mann ist nicht Beauvisage! Und da geht wieder ein Engel durchs Zimmer, so still ist es, und wieder ist es ein böser Engel. „Kommen Sie einmal näher!" befiehlt Baernburg. Theophil gehorcht. Im Grunde seines Herzens fühlt er sich jetzt wohl. Endlich ist jemand da, der ihm wieder befiehlt! Es gibt eben Fälle, tn denen man einen Vorgesetzten braucht. Denn der liebe Gott, den man infolge Fehlens einer unmittelbaren höheren Instanz in persönlichen Dingen zu bemühen pflegt, gibt seine Befehle nicht immer deutlich, was freilich wiederum daran liegt, daß man es gar nicht deutlich Horen will. „Wer sind Sie?" fragt Baernburg. . „Trainsoldat Theophil Poiporence vorn dritten Trainbataillon! Zwar stottert Theophil bei Nennung seines eigenen Namens, aber er wird verstanden. „Er ist mein Bräutigam!" erläutert die Griselle. Labatut wundert sich, daß die Griselle, der man zärtliche Beziehungen i zu dem wirklichen Beauvisage nachsagt, einen richtigen Bräutigam hat. „Wir haben uns gestern verlobt —", erläutert die Griselle und setzt schnell hinzu: „Und deshalb wollte ich bei ihm bleiben!" „Wir haben also eine der Spionage verdächtige Engländerin vor uns, das heißt, wir haben sie nicht! Wir haben die Magd Griselle, die ihr zur Flucht verhalfen hat, und haben einen französischen Trainsokdaten, der sich in Zivilkleidern in der Maske des Hausherrn bei dieser Griselle herumdrückt, endlich steht vor uns der Maire von Mereville, der zweisellos für diese Ann Moreland nur deshalb gebürgt hat, um ihre Verhaftung zu verhindern!" t m ..... Diese Schlüsse wiederholte Baernburg dem Maire aus französisch. Labatut schwört, daß er Miß Moreland niemals für eine Spionin geholten hat, sonst hätte er natürlich nicht gebürgt. Jetzt sehe er freilich ein, daß fein Glaube an ihre Unschuld falsch gewesen sei. „Haben Sie hier ein Gefängnis?" fragte Baernburg. „Zwei Zellen, aber sie werden als städtische Geräteschuppen verwendet", zittert Labatut. „Alle Geräte raus, geprüft, ob die Zellen dicht sind, diesen Poiporence und den Maire in die eine Zelle, die Griselle in die andere Zelle und Wachtposten davor!" befiehlt der Hauptmann. In einer Viertelstunde sitzen die drei Verdächtigen fest. „Ich bin sicher, sie stecken alle unter einer Decke!" meint Baernburg. Er läßt das Haus Beauvisage durchsuchen, man findet Theophils Uniform, sonst nichts. Auch in der Mairie wird jede Ecke durchstöbert, aber kein Fund stützt den schweren Verdacht der Spionage. Natürlich trägt Ann Moreland alle Geheimnisse im Kopf; wenn man nur diesen Kopf erst hätte! Und Baernburg schwört, daß er nicht ruhen wird, bis Ann Moreland so sicher in seiner Gewalt ist wi« der Maire, die Griselle und Poiporence. Die Fenster der Zellen sind nur noch Scherben, die lose in den Rahmen hängen und bei jedem Windhauch flirren. Gitterstäbe kreuzen einander, rostig zwar, doch fest. Aber Gitter ohne Fensterscheiben schützen nicht vor der Kühle eines Herbstmorgens. Poiporence allerdings spürt den Frost nicht, da er innerlich geheizt hat. Germaine Griselle bekommt einen alten Mantel gereicht. Nur Labatut friert in den Tag hinein, der vorsichtig herankriecht wie eine graue Katze. Labatut friert auch an der Seele. Denn wehmütig begrabt er seine Leidenschaft und flucht dem Herzen, das den Verstand verraten hat. Die Postkutsche verließ Blisseron nach einem Ausenthalt von wenigen S'unden. fragte Kelling. . . ™ „„ Der Wachtmeister hatte schon bei der ersten Begegnung auf dem ’ ä Ostpreußen? Die Vögel, sagt er, die Vogelschwärme von Rossitten! Mi» Vater ist ein bekannter Ornithologe.) Viele wollen nichts als die mw. die blaue rätselhafte Ferne hinter den Horizonten, die sich grau Ws mövenüberrauschte Wasser senken. । 6idj war eine unter ihnen, ein älteres, unscheinbares Fräulein, und 1 ’r i>m, dessen graue, unruhige Augen soviel verrieten, soll fortan die W sein. Man wußte zunächst nur, daß die altjüngferliche Reisegenossin ” Syrerin irgendwo in Niedersachsen amtierte. Warum sie sich immer ■fj &in hielt, die halbe Nacht in ihrem Lodenmantel auf Deck herum- Rierte, an der Reeling halblaute Selbstgespräche führte und dann und ? tim in einem Brevier las, wobei der Zwicker besorgniserregend auf dem s chmalen Nasenrücken balancierte — das blieb einige Zeit mel- I Weltes Geheimnis. Doch die Neugier der jungen, müßigen Seefahrer R nicht locker, und bald roar’s heraus, daß das zierliche, vielleicht o0- H» Persönchen sich seit unvorstellbar langer Zeit auf diese Reise nach M» vorbereitet hatte. Die Einspännerin stammte aus der früheren Wer Heide Der Vater, seines Zeichens Baumeister, hatte das einzige ’ ' '.ach dem frühen Tode seiner Frau zu Verwandten nach Mittel- < Maland geschickt, wo es auch feine Berufsausbildung empfing. Das Wchrzehnte zurück, und nun fuhr sie zum ersten Male in tue alte ‘ »hit. . ilincherlei Baumeister gibt es auf dieser Welt. Biele sind berufen w. nigen Auserwählten aber haben etwas vom Glanz und Geist oes SN Meisters Erwin von Steinbach, der vor Jahrhunderten das 1 jNurger Münster mit erbauen half. Solcher Art also war ihr geheb= fe«* hochverehrter Vater, erzählte die langsam gesprächiger werdende 'N: in mit brennenden Augen auf der Reise nach Kopenhagen, wer ü’Jr ihren jungen Gefährten könne denn auch wissen, daß er in nach 1900 an der umfangreichen Renovierung des Deutschordcn- I ’iMis in Marienburg, dieser gewaltigsten europäischen Burg, habe mit- iN1 dürfen? Durch tausend wundersame Erzählungen die alle um s "liiert kreisten, habe er ihr unbefangen-heiteres Kmdsein ut « . sagende und Ewige aufgeschlossen. Und noch Jeut e, nachüber 3o Nti, bewege sie in ihrem Innern des Vaters plastische Aben g p G - 3 er nach wochenlanger Abwesenheit heimkam zu den «emerN noch jwandle sie wie im Traum an seiner sicheren Hand aus des Schlosst- l* und höre sein Wort, das ihr das Tiesste und Höchste ‘’^nburt Das Auge, so wußte er zu berichten, schweife vom hoher^Schloß- x Akief ms deutsche Land, ja bis zum Schornstein ihres Haschens ^n JiWler Heide Das Schloß rage in die Wolken, es beherrsche die N Von den jahrtausendtrotzenden Mauern erzah te d 6 . > „hr; von der schwingenden Fülle der Türme und Pfeiler und Port l, r. ier Bogenpracht im großen Remter des ?h * gg'inrid) t ornben Sternen über der nachtschwarzen Iruöburg, • Probe in weißem Mantel mit schwarzem Kreuz b‘e 6em 7 halte, und endlich auch von Max °on Schenkendorf und_ b m Karl Friedrich Schinckel, denen die Erhaltung der Burg >m -*n Osten vornehmlich zu danken fei. So wurde dem lauschenden und erregten Kinde die Marienburg zur himmlischen Feste, die ungeheuer das Meer Überschattete. Und hingerissen von des Vaters entflammender Phantasie war es heimlich auf das Dach des Elternhause» geklettert, nicht unähnlich einer Traumwandlerin, die eine magische Kraft aus der Ferne anzieht. Aber allzu weit war die Burg, unerreichbar für das einsame Heidekind. Das Schicksal hatte es mit der bald daraus Mutterlosen anders vor, entführte es hierhin und dorthin im deutschen Lande und sachte doch nur eins immer mächtiger in der jungen Erzieherin an: die Sehnsucht nach der alten Burg am Meer. Wenn mar^älter wird, beschränkt sich, was wir vom Leben erhoffen, weise auf Weniges. Die Lehrerin hatte, wie sie ihren jungen Freunden lächelnd eingestand, nur noch einen Wunsch. Dem Deutschordenschloß im Osten des Vaterlandes, dem sie entstammte, habe ihr Herz ein Leben lang immer begehrlicher entgegengeschlagen. Bald sei sie ja am Ziel, und sie wisse, daß sich damit ihr Dasein erfülle. Alle fühlten: hier wurde Heimat zur Gottesflamme. Und niemand spöttelte mehr nach der Erzählung der kleinen Lehrerin, als der Dampstr mit den anderthalbtausend Menschen sich der Danziger Bucht näherte. Freilich wurde sie auch bald. wieder vergessen. Des Meeres, der Küsten und Städte wechselnde Bilder lassen der schweifenden Jugend nicht Zeit, einem Einzelschicksal lange nachzusinnen. Winde und Wellen, das schrille ha-ha-ha der Sturmmöven und der scharfe Salzwassergeruch durchschauerten die Reisenden, die sich anschickten, bas alte Danzig zu durchstreifen. Auch die Lehrerin war dabei, unermüdlich, doch hatte ihre Lustigkeit etwas Nervöses, ja Gewaltsames auf dieser letzten Wegstrecke norm Ziel. Der Tag brach endlich an, der die Marienburg verhieß. Wer mochte wissen, wie die Lehrerin die letzte Nacht verbrachte? Sie wanderten und labten sich, sic staunten und plauschten, sie waren alle guter Singe. Lange vor dem Weckruf war sie schon auf den Beinen, die erste am Frühstückstisch, ein wenig blasser und wortkarger als gewöhnlich. Alle sangen — und sie sang mit. Anderthalb Tausend wallfahrten zur Marienburg und sahen nicht, daß eine unter ihnen immer stiller, immer feierlicher wurde, daß ihre grauen, unruhigen Augen sich weiter auftaten und von ihren trockenen Lippen manchmal Worte fielen, die vielleicht aus der Tiefe der Kindheitserinnerungen emporgestiegen waren. Stumm und glühend saß sie da in ihrem grünen, abgetragenen Lodenmantel. Keiner störte sie in ihrer schweigenden Versunkenheit. Plötzlich aber, wie auf ein geheimes Signal hin, starrten sie die Nächftsitzenden an. Und was sie in wundersamem Erschrecken erlebten, war dies: Die Lehrerin sieht im Schimmer des Mittags das hochgetürmte Steingebirge der Marienburg, die sich in ihrem glühenden Auge spiegelt, bis es langsam bricht und die Feste, während ihr Mund mit den ein wenig Dorgeroölbten Lippen in diesen Augenblicken der höchsten Lust stumm bleibt, mit hinab nimmt in den ewigen Schlaf. Eine Tote ist unter den Ostlandpilgern. Eine Tote, die nicht Furcht verbreitet, sondern nur die Worte dämpft und den Schritt, der durch die Hallen, Säle und Verließe wandelt. Fünf Jahrzehnte sind gewesen wie eine einzige Minute der Vorfreude. Kann ein Dasein schöner sein? Ein Vogel war ihr Herz, der sich, als es Abend werden wollte, zum letzten Flug auf die Zinnen des Wunschschlosses kühn erhob — und dann zur Tiefe stürzte. Wie groß ist Deutschland! Ein Leben reicht nicht aus, es zu durchschreiten und ganz zu ergründen. Wer aber einen kleinen Teil davon liebt mit ganzer Seele, der gewinnt es vollends. Diese hier, unbekannte Leh- rern, ist auf eine felige Weise mit ihrer Lebensreise zu Ende gekommen. Lederstrumvf. Zum 150. Geburtslage James Jennimore Coopers. Von Rudolf Adrian Dietrich. Jeder kennt den Lederstrumpf — dem Namen nach. Die matte Erinnerung an irgendeine Jugendbearbeitung, die aus jenen ursprünglichen fünf Romanen eine blutige Jndianergeschichte machte, ist dabei für die meisten das einzige, was sie von James Fennimore Cooper wissen. Dabei umfaßte die vor rund hundert Jahren erschienene erste deutsche lieber- stizung über 250 Bändchen — ohne Coopers Briefe, die erst in den letzten^ Jahrzehnten in Amerika herausgegeben wurden. Bedeutet Cooper wirklich so Diel, daß uns heute selbst seine Briefe noch interessieren können? „ m , Es ist kein Zufall, daß zu den schönsten Alterswerken des Malers Max Slevogt seine Lederstrumpf-Jlluftrationen gehören. Denn in diesem Romanzyklus, der mit dem „Wildtöter" anfängt, steckt bis zum letzten, abschließenden Band „Der Pfadsinder" das echte, große und von Begeisterung erfüllte Leben, wie es nur aus unmittelbarer Anschauung wiedergegeben werden kann. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied gegenüber der heutigen Mode amerikanischer Geschichtsromane. Bleiben diese doch immer nur eine wehmütige Beschwörung der heroischen Vergangenheit und ein Ersatz für den Mangel an mitreißendem Gegea- wart-sttosf. Bei Cooper dagegen bedeuteten die Kämpfe zwischen den Jn- bianerftämmen der Irokesen und der Delawaren eben erst wenige Jahre zurückliegende Zeitgeschichte. Er sah die Menschen deutlich vor Augen wie die Landschaft, in der sich jene Kampfe abspielten, als er 1820 im Alter von 31 Jahren zu schreiben begann. Das Vorbild feiner ßeberftrumpfgeftalt „Natty Bumppo", Daniel B o o n e, war damals qerade gestorben, und Coopers Vater gehörte zu den Städte gründenden Pionieren des Westens. In dem mach ihm genannten Cooperstown ist der Sobn der große Erzähler, 1851 gestorben. So ruhte fein Blick bis zuletzt auf bem grenzenlos weiten Lanb, dessen Heldenlied er ausgezeichnet hatte. Schon der dokumentarische Wert der Romane Coopers erhebt sie weit über die Erzeugnisse seiner Nachfolger auf dem Gebiete der historischen Abenteuer-Erzählung Amerikas. Vcr allem aber ist es die innere Echt- 1 I E E« Watte „Bi Verantwortlich: Or. Fr. W. Lange. — Druck und Vertagt Brühlsche Universitätsdruckerei, R Lange, Gießen- „D , Der Wer Wtn .. Sn tchkne , Ts M Di «i bie ,3a „W üufgat Versunkene Städte tauchen wieder auf. Von Wilhelm von Priemern. Versunkene Städte des Altertums, die in Schutt und Asche gelegt, vom Staub der Jahrhunderte, nein, Jahrtausende immer weiter zugedeckt wurden, was können sie uns noch zu sagen haben, — ja ist man vielleicht versucht zu fragen. Sind nicht Ruinen stets Skelette, die allenfalls an den Tod gemahnen, nichts weiter? Was wissen wir überhaupt von Pompeji und Herculaneum? Vielleicht entsinnen wir uns noch des römischen Schriftstellers Plinius des Jüngeren von der Schulbank her, der von beider Untergang berichtete, oder wir bekamen zur Einfeaung von einem Paten „Die letzten Dag« von Pompeji" von Bulwer (Lord Lytton) geschenkt und erinnern uns turntet der Szene im Amphitheater, da das Unheil mitten in den Gladiatorenfpielen losbricht; sie war meisterlich geschildert und blieb uns im Gedächtnis haften. Der berückende Zauber südlicher Landschaft, die blühenden Gärten, der blaue Himmel Italiens, die azurne Seide des Golfes und der phantastische Hintergrund des rauchenden Vesuvs an dieser beglllckenüsten Stell« Europas würde uns mehr in seinen Bann schlagen als das Aus- grabungsfeld, dem wir hier begegnen, sollten wir meinen. Beim Anblick Neapels scheint überhaupt für den Sterblichen das Dasein (einen Sinn verloren zu haben. Wo sähe ein Menschen äuge vollkommenere Schönheit aus der Well! Und doch wird der unvergleichliche Reiz'dieses Land- fchaftsbilLes noch durch die ehrwürdigen Stätten erhöht. Pompeji und Herculaneum sind keine toten Ruinenstätten, sie leben, sind durch die Energie Benito Mussolinis, den unbeugsamen Willen des neuen Italien und die umsichtige Leitung des rührigen Direktors vom Nationalmuseum in Neapel und zugleich Landeskonservators von Kampanien, Commendatore Amadea Maiuri auferstanden. Und wandern wir heute die cardines, die kleinen Seitenstraßen zwischen den Häuserblocks entlang, so würden wir uns wohl kaum noch darüber wundern, wenn aus der Haustür ein Einwohner aus der Zeit vor zweitausend Jahren, ein Römer, mit der Toga bekleidet, träte und uns, die Fremdlinge aus dem fernen Germanien mit seinem „Salve“ begrüßte und uns einlüde, in sein Atrium einzutreten. Mit allen Mitteln modernster Ausgrabungstechnik und einem unvergleichlichem Genie hat Professor Maiuri die großen Gefahren gebannt, die Schwierigkeiten überwunden, die die unsachgemäßen früheren Grabungen heraufbefchworen hatten. Die neuzeitlichen elektrischen Bohr- mofdjinen griffen in den geheiligten, geschichtlichen Boden von Herculaneum ein mit einem Erfolg, den weder die unterirdische Maulwurfs- akbeit des 18., noch die mißglückten Versuche, von oben her heranzu- tommen, des 19. Jahrhunderts ahnen ließen. Sobald man Widerstand fand oder Erge-bnifse erwarten konnte, setzten die Bohrmaschinen sofort aus, und eine mit äußerster Vorsicht verrichtete Handarbeit begann, bis dann die Ziegeldächer tatsächlich zutage traten. So ist heute nicht ganz die Hälfte der antiken Stadt wieder ausgegraben. Die Gründung von Herculaneum geht auf das 6. Jahrhundert v. Ehr. zurück und wurde dem Hercules zugeschrieben, nach dem es auch feinen Namen führt. Bis zur Herrschaft der Samniten einschließlich behauptete es feine Selbständigkeit, die es aber 89 v. Ehr. durch die Einnahme durch einen Legaten Sullas verlor. Im Jahre 63 n. Ehr. hatte es bereits einmal wie seine Schwesterstadt. Pompeji unter einem Erdbeben zu leiden. Die Schäden waren kaum ausgebessert, als es abermals wie Pompeji von einer Naturkatastrophe, der gewaltigsten des ganzen Altertums, vom Ausbruch des Vesuvs am 24. August 79 n. Ehr. heim- wohlbekannt sind. Prächtige Skulpturen eines unbekannten an ifen Meisters aus der Blütezeit römischer Kopisten, die der Prinz an Eupen von Savoyen schenkte. Nach dessen Tode gelangten sie in den wm August III. von Sachsen und so nach Dresden. Winckelmaen bezeichnet diese Statuen als „göttlich". Karl III. von Bourbon ernte* darauf die Villa des Prinzen d'Elboeuf in Portici und fetzte die Muil« wurfsarbeit 1738 fort, indem er sich von feinen Mrlitäringenieuren, roii namentlich dem Schweizer Karlo Weber beraten ließ. Ihm ist es oft« zu danken, daß die gefundenen Bronzestücke nicht seelenruhig in Srw gesucht wurde und vom Erdboden verschwand. Aber während der M stein- (lapilli) und Aschenregen in fünf bis sechs Meter Dicke Pompejis 1A zudeckte, war das Verschüttungsmaterial in Herculaneum von gen,] IT anderer Struktur: Ein schlammartiger Strom aus Eruptivgestein, durch I 0 sintflutartigen Regen aufgeweicht, füllte alle Räume und überzog jeden 16 Gegenstand, um dann erkaltet völlig zu verhärten. 1 TT Die Abtragung geschieht heute wie in einem Braunkohlenbergbau. Wr Die Dicke dieser Masse beträgt 12 bis 25 Meter. Noch in ihrer geringsten Stärke hat sie also rund das Doppelte an Höhe wie in Pompeji. Dich: „Gipsverband" bewahrte allerdings auch dann Herculaneum mehr ter Ausplünderung. Sicherlich ist auch im Charakter der Verschüttung von Herculaneum der Grund zu suchen, weshalb man noch nicht zehn Dpjer der damaligen Katastrophe bisher gefunden hat, während die Steltite von Pompeji nach Tausenden zählen. Die Bewohner konnten sich sectile, bei dem kein Motiv sich streng wiederholt, sowie Wandmalerc,!' jeder Art. Wie gab sich der antike Mensch, wie aß er, wie trank er, tu» brauchte er zu seinem Leben? Das Hgnfseil über der Winde, die Tavec« mit ihren Gesäßen, in denen sich noch die letzten Bohnen oder Kich'N' erbsen befinden, die den Gästen am 24. August 79 vorgesetzt werte’ sollten, verrät es, oder der Marmortisch mit den gefundenen AuslaM> im Laden, ober in einem Patrizierhause der Schrank der Domina, uni® mit Gewändern gefüllt, oben von Türen verwahrt, als Schrein für Hausgötter, die Laren. Dann wieder der heitere Lebensgenuß, Lug«« und Reichtum, wie er sich in den Panvramahäusern offenbart, die w dem Meere zu gelegen sind; mit ihren Solarien, von denen aus nun einst hinausträumte auf den tief blauen Golf und die fast überirbiM1 Herrlichkeit dieses Paradieses genoß, ober den blütenbehangenen ®artü< mit Bilbwerken erlesenster Kunst, in dem man feine Freunde em pW Ja, Lebensfreude, hier steht vielleicht Herculaneum im Gegensatz noch!> Pompeji ttotz seiner Casa dei Vettii ober Casa del Fauno, denn Poms«! war doch noch mehr geräuschvolle Handelsstadt, während Herculaneut mehr Ruhe, Muße, Beschaulichkeit war. Lebensfreude und Lebensgeimi bezeugt auch vor allem eine Statue, die man in der Villa Suburbu fand, die noch ihrer Auferstehung entgegensieht, ein trunkener Satyr, « dem wir das Symbol der Lebensfreude in der glücklichen KampaW der Campagna Felix sehen können. Den rechten Arm hat der S» erhoben, mit dem Zeigefinger ein Schnippchen schlagend, liegt er lall!» selig über dem Weinschlauch, der ihm als Ruhekissen dient... Ä b( JtiDas ütiitiu Da: in bet *<« Der Jim ÜDte(( •iiotati , Sie tonti Eik •«!«, h >5 Ls S (l ?’n i St A Si Ä A b. N $ ii! A nen umgegossen worden sind. Zu seiner Zeit trat auch schon die Vorderwand des Proszeniums vm antiken Theater mit Nischenarchitektur zutage. Aber man vat hfik schlimm gehaust, indem man Stollen, von den Grabungsschächten Ijtr, vortrieb und Unersetzliches damit zerstörte. Zwei Hauptstraßen durchzogen Herculaneum, die nördliche führte zur f»genannten Bafilica, eitM Gebäude, dessen Bestimmung noch nicht ganz feststeht. Hier fand mit vor allem ein Wandgemälde der Arkadia mit Telephos, dem Sohn ins «M Hercules. Ihre Augen find weit geöffnet, als sehe sie die Zukunft 6ü Kindes vor sich, den Ahnherrn des pergamenischen HerrschergeschleHü, K||ta d^m wir unseren herrlichen Altar in Berlin verdanken. Als Bekrönuip wahrscheinlich der Basilika, ragte ein ehernes Viergespann, J Schlamm erdrückt, hervor.