Gießener Zamilienbläüer ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <959 Zreitag, den 8. Dezember Nummer 95 Die Hochzeitsreise Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart 8. Fortsetzung. Der Doktor und Margarete hatten mit den kleinen Spitzbuben Mitleid. Durch das Gestrüpp sahen sie große, schwarze Augen leuchten, und auf dem dunklen Hintergründe der Vertiefung ein kleines, ganz blasses Gesicht sich abheben. Trotz ihrer Kühnheit zitterte das Mädchen an allen Gliedern. Das geringfte Geräusch konnte es verraten. Es wußte, fühlte, wenn der Bauer es bemerkt hätte, würde er es getötet oder mindestens zum Krüppel geschlagen haben. Der Bauer stand eine Minute lang da und sah sich um; nach vergeblichem Suchen lief er plötzlich zu seinem Felde zurück bis zu einer Stelle, wo er vier Wege, die die ungleichen Arme eines Kreuzweges bildeten, übersehen konnte. Als er sich eine Feit- lang nach allen vier Richtungen umgeschaut hatte, sprang er schwerfällig von der Höhe des Abhanges bis zur Mitte urti> glitt von dort auf dem Hinterteil hinunter bis auf Len Hohlweg. Hier faßte er Fuß, guckte nach rechts und links, sah in die Luft, fluchend und schwörend, und durchwühlte mit den Fingern sogar die Maulwurfshügel. Hätte ihn der Zorn nicht verblendet, so würde er an das Versteck gedacht haben, in dem Las kleine Mädchen vor Furcht zitterte. — Er sah es nicht. „Welches Glück", bemerkte Margarete. Der Bauer kam wieder zurück und noch einmal an dem Geldstück vorbei. Unaufhörlich fluchend ging er bis zum Ende des Weges zum Dorf. Dort befand sich ein Wirtshaus, „Zum Horn", früher „Zum Jagdhorn", in dem einst die „Brüder vom lustigen Suff" zusammenkamen. Er ging hinein. Das kleine Mädchen, das wohl seine Gewohnheiten kannte, nahm an, er sei trinken gegangen, wartete zwei Minuten und steckte dann den Kopf aus dem Gestrüpp; es verbarg die Kartoffeln in dem Loch, in dem es gesessen hatte, glitt dann den Abhang hinab, zeichnete mit dem Nagel ein Kreuz auf das grüne Moos eines Kalksteins unterhalb des Loches und ging gradeswegs auf das Geldstück zu. Die Füße des Kindes waren bloß; trat es auf das Geldstück, so mußte bie Berührung des kalten Metalls es zwingen, zu Boden zu blicken. Die Wolke verschwand, das Goldstück glänzte. In diesem Augenblick brauchte das Mädchen sich nur zu bücken, um es oufzunehmen; aber es drehte sich um, wohl um zu sehen, ob der Bauer nicht aus dem Wirtshaus käme. Es kratzte sich am Bein und lief dann davon. Ein schöner, nachdenklicher junger Mann mit schwarzem Haar, ein wahrer Romanheld, erschien gesenkten Hauptes am Wegende. Von Zeit zu Zeit erhob er die Stirn, als befände er sich in der Oeffentlichkeit, strich sich mit feierlicher Miene durch die Haare und senkte dann, nachdem er so den Bäumen seine Würde gezeigt hatte, von neuem das Haupt. „Wenn er sich oft das Haar streicht , sagte der Doktor, „ist das Goldstück gerettet, aber schlimm ist es, wenn er wieder nach unten blickt." Der junge Mann blieb stehen, nahm einen Taschenspiegel heraus, betrachtete sich darin und senkte von neuem das Haupt. Er ging weiter, trat beinahe auf das Goldstück, sah es nicht und ging vorüber. ,Kal" rief Margarete, „das ist stark!" „Gar nicht", antwortete der Doktor. „Es war Narziß, der sich selbst betrachtete." , . Nach diesem einsamen Spaziergänger erschien ein recht schönes Paar, ein junger Mann und eine junge Frau. Sie trug ein weites, reiches, chwarzes Seidenkleid, eine Jacke aus weißem Baumwollstoff, einen raunen Hut mit einer Schnalle aus Stahlperlen und einer Fasanen- eder geschmückt. Der etwas in die Stirn gerückte Hut gab der jungen frou ein flottes und kokettes Aussehen, das ihr prachtvoll stand. Der junge Mann war groß, hatte braunes Haar, breite Schultern, em junges, etwas müdes und blasses Gesicht und geschmeidige. Bewegungen. Er war out gekleidet, allerdings etwas zu warm für das Wetter. Beide blieben ftefjen, um zu sprechen. Sie: „Wollen wir uns hier nicht ausruhen? Er: „Ja hier, warum nicht? Das Gras ist trocken, der Schatten erfrischend, die Blumen duften und die Vögel fingen." „Cs ist merkwürdig: wenn du sonst mit mir auf die Felder gingst, sagtest du über Hunger und Surft Heute sind wir fast zwei Meilen gegangen, ohne etwas zu uns genommen zu haben." o- . „Flora, der Magen ist wie die Muskeln launisch. Es gibt Tage, an d-nen ich gern zehn Meilen hintereinander zurücklegen wurde, uno rudere, wo ich für alles Gold der Welt nicht aus meinem Lehnstuhl ^fstehen möchte." „Du hast Hunger, du bist ganz blaß, sogar grün." „Wenn ich grün bin, so liegt das am Widerschein der Blätter, und sollten « °Ne ""belangt, nun, wenn alle Mallen Hunger haben „Du gähnst, aus Langerweile?" „Nein." „Hast du irgendeinen Kummer?" „Nein." „Ich habe dich fröhlicher, glücklicher gesehen..," „Ich bin weder traurig noch unglücklich." „Du bist also beunruhigt?" „Vielleicht." „Wie findest du mein Seidenkleid, das hat mir Ernst geschenkt." „Sehr schön." rA'm.e^.e 3atfe 'st hübsch, nicht wahr? Die hat mir meine Tante geschenkt. »Dann werde ich dir wohl auch irgend etwas schenken müssen?" „Du? Beeile dich nicht damit, ich liebe dich nicht aus Gewinnsucht, bas weißt du wohl. Aber es ist wirklich merkwürdig, daß du bei dieser Hitze keinen Durst hast." 1 „Das Kamel verbringt ganze Wochen, ohne zu essen und zu trinken." „Warum betrachtest du immer deine Nägel? Das tust du immer nur, wenn du in trüber Stimmung bist." „Du hast wohl Durst, nicht wahr?" Sie, nach einem Augenblicke des Zögerns: .Kein, ich habe dort an der Quelle getrunken." „Hast du nicht Hunger?" „Ich werde essen, wenn ich nach Hause komme." „Vock hier bis zu dir nach Hause ist es eine Meile. Du hast Hunger, sage ich dir!" „Nein!" „Doch!" „Du bist sehr merkwürdig heute." Er zeigte mit dem Finger auf eine Wiesenanemone: „Willst du die Blume haben?" „Ja." Als er den Abhang erklommen hatte, um die Blume zu pflücken, befand er sich ganz nahe bei Margarete und dem Doktor; diese betrachteten ihn, ohne gesehen zu werden. Er wühlte in den Taschen, drehte das Futter um und hauchte mit traurigem Lächeln: „Nichts." Flora ruft ihm von unten zu: „Was suchst du in deinen Taschen?" Er antwortet: „Ein silbernes Messer, ein Messer, das vom heiligen Vater geweiht wurde. Gott schenke ihm noch viele Jahre, dem alten Manne." „Brauchst du ein Messer, um eine Blume zu pflücken?" „Brauchen? Ob ich dieses Messer brauche? Flora, du bist beschränkt! Es war geweiht, sage ich dir, geweiht und Wunder wirkend. Die mit einer Silberklinge geschnittene Blume kann, ohne zu verwelken, den ganzen Sommer überdauern. Das Messer war für mich ein Schlüssel, mit dem ich überall Eingang fand. Ich trug es an dem Tage in der Tasche, als ich dich kennenlernte. Ich habe dir damit das Herz durchbohrt, Flora, und von diesem Tage an wurdest du sanft. Du fühltest die Wunde nicht, denn es läßt nur den Stolz bluten." „Was dichtest du da?" ,„Das Lied des Mannes, der sein Messer verloren hat. Das gute Messer! Jeder, der es nur sah, brachte mir eine unbegrenzte Freundschaft entgegen. Bei meinem Krämer, meinem Bäcker, meinem Schneider stand ich im siebenten Himmel der Achtung. Sie verachten mich, Flora, seit ich mein Mester verloren habe. Ich werde mich bemühen, ohne sie auszukommen, aber das ist schwierig." „Wie dumm du bist!" „Flora, die Dummheit ist das Ausruhen des Geistes. Wäre ich noch im Besitze des Mesters, würde ich laut und selbstbewußt sprechen; ich würde mit dem Lernen aufhören. Ich würde mich dem gründlichen Studium der Trüffeln, der Gänseleber, der Fettammern und der sechzig bis achtzig Arten guten Weines, der auf den Hügeln der fünf Wellteile wächst, hingeben. Ich würde sagen: Fort mit der Arbeit! Fort mit dem Denken! Ich würde einen Bauch bekommen, einen runden, fetten Bauch und Flora würde aufhören zu finden, ich fei dumm." Sie: ,Lch will mich hinsetzen." „Er: „Wenn die Füße müde sind, den Körper zu tragen, so gibt cs reizende, von der Natur erschaffene Kissen, auf denen sich nicht auszuruhen ein Unrecht Floras wäre." Flora verstand nicht viel von dieser Sprache. Ganz verwundert setzte ie sich mit den Worten: „Wenn alle die Dummheiten, die du sagst, dir nicht Durst verursachen, ich kann dir jedenfalls sagen, daß sie mich durstig machen." ,Äch, mein Messer, ?" ■ auf den Weg, dann auf und rief: „Ich zwischen Zeigefinger lieben Gottes." „Ich werde also aufhören, zu sprechen. Willst du diese Blume, sa oder nein?" „Das ist mir gleich." „Flora, hast du einen Magen? dachten, und jetzt ..." „ ,... . „Jetzt, jetzt- —" Sie zögerte. — „Ich erröte, ich weiß es, ich schäme mich vor Ihnen, aber ich n»erde es Ihnen sa^en. Ich bin eifersüchtig, eifersüchtig auf sie, die ihn mir genommen hat. „Aber Sie wollten doch nichts mehr von ihm wissen." „Ich hätte noch etwas von ihm wissen wollen. Ich hätte ihn vielleicht geheiratet. Ich hätte eine Mesalliance geschlossen." „Ach, gnädige Frau, und jetzt ... nach? Aber Sie können es glücklicherweise nicht mehr. Begehen Sie Torheiten, geben Sie sich Bloßen, aber schließen Sie teilte Mesalliance. Uebrigens ist gar keine Rede von Heiraten, sondern von einem fast immer hafsenswerten oder lächerlichen ff huhriiHi ** , Was macht das, wenn man liebt? Und find Sie denn, der Sie so tugendhaft reden, in dieser Beziehung immer ohne Tadel gewesen? .Gerade deshalb erlaube ich mir, Ihnen Ratschläge zu geben. Wenn Sie ihn wirklich lieben, wenn Sie nicht wollen, daß jede Ihrer Freuden eine Folter sei und daß Die nicht an allen Stacheln des engen und gewundenen Weges, der, wie Sie glauben, zu Ihrem Glucke fuhrt, et Stück Ihres zerrissenen Herzens lassen, dann halten Sie ein, gnädige Frau Verleugnen Sie diesen verhängnisvollen Trieb! Denken Sie daran, es ist ein namenloses L^den, ein schon vergebenes Herz teilen zu mutzen, Liebkosungen zu empfangen, die eine andere schon vor Ihnen genoßen hat, Worte zu hören, die nur der blasse Widerschein sind jener Worte, die einer anderen schon ins Ohr, auf die a.igebetete Wange gesprochen wurden. Nur der kann sich mit diesem beschämenden Gluck begnügen, »er teilen kann aber nicht töten; der, weich wie eine Schnecke, weder Gesicht, noch Geruch, noch Gefühl besitzt; der sehen kann, daß das Haar in einer nicht zu verkennenden Art verwirrt ist und es trotzdem streicheln kann, der den blassen Mut besitzt, auf einem geliebten Körper den von einer andern verbliebenen Duft zu spüren, und der seinen Mund auf UPPV' drückt, die noch von ehelichen Küssen zittern. Pfui! Was für ein Misch- mäsch!" | (Fortsetzung folgt.) Während sie diesen Gedanken nachhing, hörte sie plötzlich die Stimme eines älteren Mannes. Er sprach langsam, korrekt und höflich; eine junge, hochmütige, metallische und leidenschaftliche Stimme antwortete ihm. Es war die der Dame mit dem Windhunde, die im Gespräche mit einem etwa fünfzigjährigen Manne vorüberging, der zu einem weihen Leinenanzuge weiße Schuhe, schwedifche Handschuhe und einen eleganten Strohhut trug. , Der Windhund ging vor ihnen her mit dem diesen Tieren eigenen schwermütigen Aussehen. Er hielt seinen langen Kopf und fein weitgespaltenes Maul auf den Boden, und wenn er die Lefzen zuruckzog, sah man die Spitzen der langen Schneidezähne. Die scheinbare Ruhe, das Wiegen des großen, geschmeidigen Körpers liehen an eine Schlange oder einen Hecht denken, die, wenn sie ihre Beute erspähen, einen ruhigen und friedlichen Ausdruck haben, bis ihre Muskeln, durch den Trieb, zu töten oder zu fressen, überreizt, zu Federn aus Stahl werden und sie auf das harmlose Tier schnellen, das dazu bestimmt ist, die Beute ihrer Kriegslist zu werden. Die junge Frau sprach sehr laut „ . ... , Nein!" sagte sie stehenbleibend, den Kops hoch erhoben und mit dem Fuß aufstampfend. „Nein! Keine Ratschläge! Ich will, was ich will, und was ich will, wird..." Ihr Begleiter mar ebenfalls stehengeblieben. Sein Gesicht war das eines vernünftigen, guten, wohlgenährten Mannes: „Werden Sie stch denn niemals ändern, Amelie? Nein! Aendert man feinen Charakter? Bis jetzt habe ich immer alles gehabt, was ich wollte, alles, verstehen Sie? Warum fall ich das nicht mehr haben? Und müßte ich sie zerbrechen wie einen Zweig ... „Mit diesen kleinen hübschen Armen?" „Hübsch genug, um zu gefallen, aber auch stark genug, um... „Wie kann man tätlich werden! Ueberlassen Sie das Ihrem Kutschen Ich nehme die glückselige und lächerliche Rolle des Vertrauten an, die Sie mir auferlegen. Ich könnte Ihr Vater sein, und dal)er erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Ihnen der gesunde Menschenverstand sehlt- Amelie, Sie sind im Begriff, eine schlechte Handlung zu begehen! Wie kommen Sie dazu, für diesen Mann Liebe zu empfmden? Bor zwei Jahren haben Sie ihn unter dem Vorwand eines ärztlichen Besuchs, den er Ihnen nicht gut verweigern konnte, in Ihr Haus S^MSem Sie mißbrauchen Ihre Stellung; Sie verführen ihn das ist das riclstige Wort. Er erwidert Ihre Leidenschaft mit Liede, Ihre Laune mit Zärtlichkeit, gibt also mehr, als Sie ihm geben. Plötzlich nach Verlauf einer Woche, einem wahren Honigmondviertel erscheint Frau Amelie wieder m der WeU, von neuem Witwe, lebhaft, geschmückt, getröstet... Haben Sie ihn verlassen? Hat er Sie verlassen? Was ist der Grund zu diesem plötzlichen Bruch?" m , (, . . Die Gräfin antwortete ein wenig beschämt: „Ein Brief. Ich schriev in einem etwas zärtlichen Ton an jemanden. Man soll niemals eine Verbindung brechen, sondern nur auflosen. Der junge Mann nahm und las diesen säst beendeten Bries. Stellen Sie sich vor, was er mir ganz offen sagte, ich wage kaum, es zu wiederholen: .Gnädige Frau, sagte er ,eie haben die Liebe unter so verschiedenen Formen ausgeprobt, daß ich fürchte, eines Tages in die Bildergalerie zu geraten, deren lebenoen Vorbildern ich schon wiederholt begegnet bin. Ich furchte, auch das Lächeln, mit dem sie ihren Gruß begleiten werden, wenn s-e Sie an meinem Arme sehen, wird nicht sehr erfreulich für mich sein. In Ihrer Gesellschaft, gnädige Frau, wie auch in der meinigen, haben manche Männer, zu denen auch ich gehöre, die Krankheit der zu ruckblickenden Eifersucht; ich habe auch noch eine andere, von der Sie mich nicht werden heilen können. Ich bin kein Mitgiftjäger und will nur wirklich heben reell dies das Ziel aller meiner Gedanken ift. Sieben, mich und sie glücklich machen, nicht mehr und nicht weniger. Wenn s i c mich tauscht, wie Sie mich täuschen könnten, so würde ich sie, wenn ich kein Messer hätte, ohrfeigen, daß ihr die Zähne zerbrechen, und wenn ich eines hätte, so würde ich es ihr ins Herz stoßen und dabei denken, daß ich eine gute Tat vollbringe. Ich werde immer die Erinnerung an die teuren und zärtlichen Augenblicke bewahren, die ich mit Ihnen verbracht habe, aber, wenn ich Sie länger liebte, würde ich Sie zu sehr heben. Ich glaube, dies alles sagt Ihnen zur Genüge, daß es besser ist ich breche jetzt mit Ihnen als später, und daß wir uns von nun an als Freunde betrachten? Ich war durch diese hochmütige Sprache niedergeschmettertz fand aber trotzdem den jungen Mann während feiner Rede recht schön. Wir Frauen, die wir unsere Zeit damit verbringen, über die Männer zu lachen und darunter zu leiden, wir lieben wider Willen, worüber der Durchschnitt sich lustig macht, jene Liebenden mit unbefangenen und starken Leidenschaften die für uns sterben oder im Notfälle uns töten können. Und aus diesem Grunde will ich ihn haben und werde ihn haben.„ „Ich zweifle daran. Sie sind schön, aber auch sie ist es ..." „Sollen wir uns die Augen auskratzen?" „Was würden Sie damit tun?" „Ich würde sie meinem Hunde geben." Immer sanft! Ader nun noch einmal: Warum diese Laune? Es sah nicht so aus, als ob Sie während eines Jahres oder länger daran 0 1^1 I II Rasch schritten sie auf das Wirtshaus zu, in das der Bauer ge- fiOn$äul ”“mte nachdenklich: „Ein Künstler, der auf ungewisse Zukunfts- Hoffnungen hin seinem Magen etwas zukommen läßt. „Armer Junge", meinte Margarete. .. „Zu gut, um es je zu etwas zu bringen , ergänzte Paul bekümmert. 16. Paul und Margarete blieben, ohne sich zu erheben, dicht beieinander und träumten von den Begebenheiten wirklichen Ledens, die sich eben vor ihnen abgespielt hatten. Margarete dachte, was sie hiervon ihrem Kmde, wenn es groß fein wird erzählen würde. Das Haupt immer noch auf die Schulter ihres „Mannes" gelegt, sagte sich die Träge, sie würde dem Kleinen, einem Jungen natürlich, lieber aus dem Buche der großen und kleinen Wege vorlesen als aus den Büchern, die die Druckereien heroorbringen. Ein Junge! Welches Glück! Sie war nicht krank, und die DienstmagÜ meinte, das bedeute einen Jungen. Sie wollte, daß er Paul E- t>n den Dünen. Graf Almäsy versucht zu rufen Doch kein Laut kommt ihr feine ausgetrockneten Lippen! Zur ohnmächtigen Verzweiflung des kurückbleibenden wendet der Kraftwagen. Mit zitternden Händen tastet Ülmäsy nach der Gürteltasche seiner Kniehose, findet em, flaches Päckchen Zündhölzer, wie es viele Männer bei sich tragen, und einige Blatt dünne Mpiers. Mit beiden Händen reißt er das vertrocknete Grasringsherum «s dem Boden, wirst es unter einen verdorrten Busch und zündet es an. fine hohe Flamme schlägt empor. Starr fch°ut Graf Almssy m die Achtung, in der das Automobil verschwand. Nach emigen Mmuten Men die beiden Scheinwerfer wieder auf und kommen mit Motzer Geschwindigkeit auf den Einsamen zu. Seine beiden sudanesischen Fahrer dringen aus dem Wagen. „Wassers röchelt ihnen Almasy entgegen Der Anblick der Feldflasche jedoch beraubt ihri jeher Befmnung. Wild ’tifjt er die Flasche aus der Hand Sabirs. Doch der riesenhafte Neger dir ft den Rasenden, über den die letzte Kraft der Verzweiflung gekommen », zu Boden. Selim schleudert die Feldflasche >m ^en Augenbl ck uu^ ui den Sand hinaus, springt dann hinzu und umklammert Mit eisernem taff die Beine Almäsys, um ihn am Auffprmgen zu ^nd^rn. Schluchzend Wen ihn die beiden, ruhig zu bleiben weil er °°rerst noch mch ^tt n litf. Denn bei hastigem, unvorbereitetem Genuß von Wasser schweue einem Verdurstenden die ausgetrockneten Mund- und Rachenschleimhau 'M führen den sofortigen Erstickungstod herbei. hjr Lange dauerte der qualvolle Ringkampf: schließlich b e'bt Sabic nicht «Meres übrig, als dem Tobenden seine mächtige Faust aus- k»n Kops | ii schmettern. Dann waschen die Diener Kehle und Handgelenfe d I'nnmehr Willenlosen mit Wasser und reiben ferne Brus. mit -«um Byfen Tuch ab. Aus die Lippen legen sie ihm °ls Kompresse ■ Ner benetztes Stück vom Turban, das sie abgerissen Hadem M An diese Stunden und Minuten zuruckzudenkem f . Mlinäsy, der mit seinem deutschen Gefährten HansiaachiNi ... I öt Zeit wieder auf einer neuen Expedition in.^llyp S n = I i-chebliche Überwindung". So schreibt er m s"Buch„D^e^ un i ^kannte Sahara"* Dieses Werk ist ein Heldenlied, aus oem - ll| kr @c"ft der großen Pioniere spricht. Almäsy, dessen ungansche Drigma - II x * „Unbekannte Sahara" (mit Flugzeug und Auto in der^ | düste), »erlag F. A. Brockhaus in Leipzig. Preis geb. 8,00 Rim Niederschrift Esch gewandt und kenntnisreich kns Deutsche übersetzt hat, berichtet darin von mannigfachen Abenteuern, die sich der an die Ordnung Deutschlands gewöhnte Leser fast nicht vorstellen kann, und von mancher wunderbaren Entdeckung. In „1001 Nacht" lieft man von Zarzura, der märchenhaften Oase, der „weißen Taube" der Wüste. War sie nur ein Kind sehnsuchtsvoller Phantasie? Oder gab es sie tatsächlich? Graf Almäsy glaubte an ihre Existenz; er meinte, daß sie einst zwischen der von dem deutschen Forschungsreisenden Gerhard Rohlfs gefundenen Oase Kufra und Aegypten gelegen habe. Er war der Ueberzeugung, daß dieses Wüsteneiland nur verschollen sei. Seinem Spürsinn und seiner Hartnäckigkeit glückte das Wunder: Zarzura wurde wieder entdeckt. Das tieft sich wie Karl May, nur „moderner", denn Flugzeug und Kraftwagen spielten eine Rolle bei dieser Eroberung. Das Märchen wurde Wirklichkeit in dieser stillen Insel der Wüste. Ueber sie strichen zutrauliche Schwalben; sie waren so zahm, daß sie sich einsangen liehen. 1870 wanderte ein einsamer Europäer durch die südliche Libysche Wüste. Nach vielen Qualen und Leiden mußte er seinen Plan aufgeben, nach Süden zum Sudan vorzustohen. Das Lager, an dem er nach Westen ging, nannte er „Regenseid", wohl weil er hier von einem der seltenen, mit wahrer Gier genossenen Regenfälle überrascht wurde. 59 Jahre später fand Gras Almäsy dieses Regenseld und die Zeichen der Anwesenheit des Deutschen Rohlfs wieder. Und während er in ernstem Schweigen des toten Vorgängers gedachte, setzte — ein leises rauschendes Rieseln ein, „Regenfeld" hatte Rohlfs diesen Ort genannt. 59 Jahre später wiederholte sich die gleiche Naturerscheinung, die bisher an keiner anderen Stelle der Libyschen Wüste beobachtet worden ist. Almäsy legte ein Dokument seiner Anwesenheit nieder, das nach Jahrzehnten vielleicht wieder einmal einen Reisenden inmitten der glühenden Einöde an die Vergänglichkeit alles Irdischen und die Unvergänglichkeit des menschlichen Forschungsdranges gemahnen wird. Wieviel Jahre aber werden noch vergehen, bis auch das letzte Geheimnis der ewigen Wüste erschlossen ist? Eins der schwierigsten Ziele der Expeditionen Almäsys war die Aufnahme von Landkarten. Diese Aufgabe hatte sich Almäsy, der aus freiem Antrieb reift, selbst gestellt. Was es heißt, wochenlang und monatelang im glühenden Sonnenbrand an topographischen Instrumenten zu stehen, kann wohl nur der voll ermessen, der es am eigenen Leib erprobt hat. Almäsy hat die letzten „weißen Flecke" auf der Landkarte der Libyschen Wüste getilgt. Die Darb El Arbe'in, die „Straße der Vierzig Tage" ist von ihm der Vergessenheit entrissen und kartographisch feftgeltgt worden. An Stelle einer anderen großen Kartenlücke stehen heute die sorgfältig vermessenen Höhenlinien des Gilf-Kibir-Plateaus. Die nördliche Hälfte der „Großen Sandsee", über deren Aufbau und Ausdehnung bisher nur ungenaue Angaben Vorlagen, ist eingehend durchforscht und vermessen worden. Der ägyptische König nahm größten Anteil an diesen Forschungen. Das Buch über sie aber ist ein Heldendrama vom Kampf des Menschen mit der Natur. Übereinzustimmen, jungen Dame aus Diese junge Dame berllhmtheit; denn Eine irische Nevolulionärin. Von Anton Schnack. Der Aufstand der Iren im Revolutionsjahre 1848 hatte eine besondere Sensation durch das überraschende und mutige Auftreten einer der vornehmen irischen Familie der Elgees erhalten, gelangte durch die Geburt eines Sohnes zu Welt- sie wurde die Mutter Oskar Wildes, der von Eng- drei Vierteln der englischen Weltanschauung nicht ist eine der ersten Forderungen des gesunden Men- land sagte: „Mit jchenverstandes." Die Mutter Oskar Wildes war zur Zeit der achtundvierziger Jahre ein Mädchen von achtzehn Jahren. Don dieser Franziska Elgee, wie Lady Wilde mit ihrem Mädchennamen hieß, erzählte einer der Führer Jung-Irlands aus jener Zeit, Sir Charles Duffy, daß sie cm hochgewachsenes Mädchen von stattlicher Erscheinung, mit blitzenden braunen Augen und kühnen antiken Zügen, die den Geist der Schwärmerei und der Revolution ausdrückten, gewesen sei. — Dies war das Bild der Irin Elgee, die aufrührerische Literatur schrieb und in Gedichten gegen die Herrschaft Englands kämpfte. Es verwischt sich allerdings und wird trüb nach ihrer Heirat mit dem Vater Oskar Wildes, wo sie dann die irische Bewegung aus Bequemlichkeit und aus Gründen des gesell- schasttichen Verkehrs und der Zweckmäßigkeit aufgibt. Lady Wilde berichtet selbst, daß sie durch die Lektüre eines Bandes her „Irischen Bibliothek", die im Verlag Duffy erschien, für die Sache 6er jri chen Bewegung entzündet wurde. Dieser Band war der „Geist der Nation", ein breitspuriges Werk des Schriftstellers dÄlton Williams. Franziskas Familie war protestantisch, und stand bisher in keinerlei Beziehung zu den kacholischen und nationalistischen Kreisen Irlands. Um es nicht zum Bruche mit den Angehörigen kommen zu lassen, unterzeichnet sie ihre dichterischen Beiträge mit dem wohlklingenden Pseudonym Speranza, ihre Briefe und die Aufsätze mit John Fenschaw Ellis. Im Hauptorgan der irischen Revolutionäre, der von Duffy herausge- aebenen „«Ration", einer Wochenschrift von annähernd sechzehn eeiten tritt sie an die Oeffentlichkett. Franziska Elgee verstand es geschickt, sich hinter ihre Decknamen zu verbergen, niemand wußte, auch der Heraus- aeber der Nation" nicht, wer hinter dem Namen „speranza , wer hinter dem'Namen „John Fenschaw Ellis" steckte, bis sie eines Tages höchst dramatisch und kühn selbst den Schleier lüftete. Dies Bekenntnis mar ein ungeheurer Erfolg und ihr mutiges Benehmen, das sie vor den Schranken englischer Gerichtsbarkeit zeigte, gewann ihr für immer hie Liebe des irischen Volkes, die ihr auch später blieb, als sie die nationale Sache als eine Verirrung her Jugend längst aufgegeben hatte. -Zn der Nation" vom 29. Juli 1848 erschien ein kämpferischer und von reoolutionärem Feuer durchlohter Artikel ohne Derfasserbezeichnung, der den Titel „Alea est facta" trug. Wegen dieses Artikels war der Herausgeber, Sir Charles Buffy, als Aufwiegler anget agt und vor Ge- r ckit siliert worden. Der Staatsanwalt las zur Unterstützung und Be- träftigung der Beschuldigung aus dem Artikel vor und bemerkte habet, bag der Artikel genüge, um den Angeklagten zu verurteilen. Da erhob sich plötzlich auf der Galerie des Gerichtssaales die schöne junge Elgee und rief dem Anwalt mit vor Leidenschaft bebender Stimme zu: „Ich bin dis Schuldige, wenn cs hier überhaupt ein« Schuld gibt." Dieses kühne Gebaren hatte eine ungeheure'Wirkung und zeigte sich auch sofort in der Beeinflussung der Geschworenen, indem bei diesen keine einheitliche Haltung erzielt werden konnte. Das Verfahren wurde gegen Duffy eingestellt, der ins Ausland ging, wo er dann später von der irischen Sache abrückte. Lady Wildes Gedichte, die sie in den Spalten der „Nation" veröffentlicht hatte (sie schrieb auch für andere Blätter) sind gute Durch- fchnittsdichtungen, die sich weder durch formale Eigenart, noch durch sonderliche Tiefe der Gedanken auszeichnen, aber in ihren Arbeiten brannte das Feuer eines revolutionären Geistes. Sie zeichnen sich aus durch volkstümliche Anschauung, trotzdem gehören auch sie zu jener Gattung anarchischer Literatur, die von den Machthabern nicht sonderlich gefürchtet werden, weil alles von einem Schwall allgemeiner Redensarten überschüttet wird, weil Ueberschwang neben Unaufrichtigkeit und Phrase neben Wahrheit stehen. In ihrem berühmtesten Artikel, dem der Konfiskation verfallenen „Alea est jacta" werden Kampfmittel empfohlen, die von überraschender Modernität sind, so: wenn sie der irischen Bauernbevölkerung anrät, die englischen Besatzungstruppen auszuhungern, ihnen keine Lebensmittel zu liefern und sie durch passive Kriegführung zu vertreiben. Sie fordert die Besetzung der Hauptstadt, die Zerstörung und Einäscherung des Schlosses, sie ruft den Iren zu, sich wie eine Sturmflut aus Ost und West, aus Nord und Süd über die englischen Söldner zu stürzen und sie zu zermalmen. Sie spricht von hunderttausend Gewehrläufen, von Barrikaden, von entsetzlichen Leiden der Iren, sie rast sich wild, denkend der Knechtschaft, Verbannung und Ausrottung ihres Volkes durch englische Herrschsucht und englische Willkür, und malt mit paradiesischen Farben die Freiheit und die Gerechtigkeit in einer mächtigen irischen Republik. Das irische Volk hing mit inbrünstiger Liebe an Franziska Elgee, Und sie hätte sicherlich fortan bei ihm eine große politische Rolle gespielt, aber bald schwenkte sie in das Gegenlager über, und die ehemalige Revolutionärin hatte für die Gesellschaft der Reichen, der Adeligen und Ausgezeichneten dieselbe ausgesprochene Vorliebe und Neigung wie später ihr Sohn Oskar Mlde. Sie selbst bezeichnete ihren Nattonalis- mus nachher als eine literarische Laune, als ein Gebiet, auf dem sie sich literarisch betätigen konnte; es wäre ja auch nicht möglich gewesen, ihr revolutionäres ®ebaren ernst zu nehmen, da sie ja aus strengkon-ser- vattver Familie stammte, ihre Verwandten, auf die sie stets außerordentlich stolz war, waren wohlbestallte Würdenträger der englischen Krone, wie ja auch später ihr Gatte in ein Abhängigksitsverhättnis zum englischen Hof getreten ist. Sie selbst bezog in den letzten sechs Jahren ihres Lebens Unterstützung aus der englischen Zioilliste. Es wird erzählt, daß das Volk in Dublin sie mit Freudsngeschrei zu begrüßen pflegte, wenn sie auf dem Wege war, um im Schlosse einen Besuch abzustatten. Und sie erhoben das Jubelgeschrei deswegen, weil Lady Wilde als Franziska Elgee vorher „hunderttausend Bewaffnete" zum Marsch gegen ebendasselbe Schloß aufgerufen hatte, wo st« nun zum Nachmittagstee eingeladen war. Oer Ring für Anna. Von K. R. N e U b e r t. Auf einer kleinen Anhöhe vor dem Dorfe stand seit vielen Jahren eine Mühle. Sie war jetzt schon morsch und sozusagen auf dem Altenteil. Man mutete ihr nicht mehr zu, unentwegt zu mahlen und zu mahlen, tote sie es in ihrer Jugend getan hatte, nur hin und wieder kam der Bauer, zu dessen Besitztum sie gehörte, mit ein paar Säcken Korn heraufgefahren. Dann kam es wohl vor, daß sie bei gutem Wind einen ganzen Tag lang ihre Arme regen mußte, es waren schon «schadhafte Arme, und ■es knackte in ihren Gelenken. Sonst aber stand sie sttll und stumm da. Als der Bauer wieder einmal mit einer Kornfuhre zur Mühle kam, überraschte er einige Knaben, die in der Mühle herumgeklettert waren und jetzt in lautem Gespräch auf der Treppe hockten. „Hab ich's euch nicht verboten?" fuhr er sie an. Sie wollten sich scheu davonmachen, aber in ihrem Benehmen war etwas Sonderbares, Heimliches, das den Dauern stutzig machte. „Was habt ihr denn?" fragte er und langte sich den ihm am nächsten stehenden Knaben. Der schloß trotzig die Lippen, doch ein anderer, nachdem die Knaben Blicke miteinander gewechselt, verriet es: „Jochen hat etwas gefunden!" Es war gerade Jochen, den der Bauer a(ft Arm fefthielt. „Was hast du gefunden?" Wieder kam die Antwort von den anderen: „Einen Ring!" Der Bauer zwang den Knaben, ihm den Ring zu zeigen. Es war ein dünner, goldener Ring, der mit einem Stein verziert war. Er war ein toenig unansehnlich geworden, und die Knaben schienen schon versucht zu haben, thn blank zu putzen. „Wo hast du ihn gefunden?" fragte der Bauer. „In der Mühle, ganz unten lag er, zwischen zwei Brettern eingeklemmt", antwortete der Knabe und starrte den Bauer unruhig an, der immer noch den Ring nachdenklich bettachtete. „Es ist mein Ring", sagte da der Bauer, „ich hab ihn mal verloren, vor langer Zeit." Er zog seine Geldbörse und steckte den Ring hinein, doch dem Knaben gab er ein Markstück. Die Buden gingen eifrig schwatzend davon. Sie stritten wohl um das Geld. Emer aber, es war wohl Jochen, sagte taut: „Es ist doch ein Mädchen- ring. Wie kann er da Manthey Karl gehören?" Der Dauer hörte es noch lächelte und ging an feine Arbeit. Aber während die alte Mühle ihre müden Flügel drehte und das Korn unter den Mahlsteinen seufzte, konnte es geschehen, daß der Bauer seine Börse zog und den Ring herausnahm und betrachtete. Eigentlich gehört er Anna, dachte er. Er war nicht senti- Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. — Druck und Verla mental, der Mantheybauer mH seinen dreiundvierzig Jahren, auch war es nie seine Art gewesen, sich von Erinnerungen plagen zu lassen, aber wie er nun den kleinen Ring in seiner Hand fühlte, jenen Ring, den er vor zwanzig Jahren hier in dieser Mühle Anna hatte auf den Finger stecken wollen, da spürte er eine leise Ergriffenheit, die von der Vergänglichkeit der Jugend kam. Es war seltsam, daß er Anna traf, als er am späten Nachmittag ins Dorf zurückfuhr. Obwohl sie im Nachbardorf wohnte, hatte e^ sie lange nicht gesehen. Sie waren ja auch ganz auseinandergekommen in diesen zwanzig Jahren, mein Gott, was war alles geschehen, er war verheiratet, Anna war verheiratet, er hatte einen Sohn, Anna Halle gar vier Kinder. Ob ihr noch eine Erinnerung dämmerte, wenn sie die alte Mühle sah? „Es ist gut, daß ich dich treffe", sagte er und hielt seinen Wagen an. Sie sah verwundert zu ihm auf. Sie hatten niemals seit ihrer Jugend mehr als das Nötigste gesprochen, wenn sie sich gelegentlich trafen. Guten Tag — guten Weg! Seit drei Jahren hatten sie überhaupt kein Wott mehr miteinander gewechselt, weil selbst in diesen kleinen Bezirken ihres Lebens ihre Wege sie nicht zusammengesührt hatten. Warum hatte der Bauer jetzt den Wagen angehalten? Sie sah, daß er Mehl auf dem Wagen hatte. Er war in der Mühle, dachte sie. Eine dunkle Erinnerung wollte in ihr aufwallen, wie sie dem Bauern ins Gesicht sah, aber es verging sogleich, denn dieses Gesicht vor ihr war Gegenwart mit seinen Falten urtb ergrauten Haaren. Nur fein Lächeln war merkwürdig jung und machte sie stutzig. „Wie lange ist es her, daß wir uns trafen", begann er, „habet wohnst du so nah, ich glaube, es sind Jahre." Er sah sie dabei aufmerksam an, und es ging ihm durch den Kops, daß sie jetzt wohl 39 oder 40 Jahre sein müßte, aber sie hatte sich gut gehalten, Wolters, ihr Mann, konnte zufrieden mit ihr sein. „Wie geht es zu Haus?" fragte er. Niemals sonst hatte er danach gefragt. Sie antwortete, und er hatte immer noch sein Lächeln. ,Aa, ja, vier Kirrder hast du, Anna, da gibt es viel Arbeit, aber du warst ja immer tüchtig." „Was hat er nur?" dachte sie, und da er sie wieder so anblickte, sagt« sie: „Ich muß nun gehen." „Wart mal!" rief er und zog seine Geldbörse. „Ich komme aus der Mühle. Kennst du sie noch, unsere alte Mühle? Wie oft haben wir uns dort getroffen! Ach, damals, weißt du noch?" er lachte leise, „wir wären sehr jung ..." Sie sah ihn erstaunt an. „Du hast wohl getrunken?" „Ich hab nur etwas gefunden — dort in der alten Mühle", sagte er, „Laß die alten Geschichten", meinte sie und wandte sich zum Gehern „Aber dein Ring, Anna, er gehört dir doch", rief er. Sie drehte sich um und sah den Ring in seiner Hand. „Was für ein Ring?" fragte sie abweisend, aber sie kam näher. Er reichte ihn ihr, und sie betrachtete ihn nachdenklich. Ein Lächeln flog über ihr Gesicht. „So lange hat er sich versteckt gehabt", erklärte er, ein Knabe hat ihn heute beim Spielen gefunden." „Zwanzig Jahre", sagte sie kopfschüttelnd. Sie blickte ihn an. Und ec sagte: „Weißt du noch, ich wollte ihn dir auf den Finger streifen, an jenem letzten Abend, bevor ich auf den Hof nach Sachsen ging." Sie nickte. „Ja, und es war gleich ein böses Zeichen, als er dir aus der Hand fiel und nicht mehr zu finden war." „Glaubst du, daß es etwas zu bedeuten hatte? Ich war so aufgeregt, Anna, der rasche Abschied, ich hatte dich gern und sollte nun von dir fort ..." Die Frau hatte inzwischen versucht, den Ring über den Ringfinger zu ziehen, aber es ging nicht, der Ring war zu klein. Sie bettachtete ihn. wieder nachdenklich: „Ein hübscher Ring. Damals konnte ich ihn mir gar nicht so genau ansehen, denn es war schummrig in der Mühle...' „Ach, Anna, was warst du für ein hübsches Mädel! Und ich, war ich nicht ein fescher Kerl?" Sie lächelte nachsichtig. „Eigentlich wolltest du mir damals einen neuen Ring aus Sachsen schicken, aber das haft du dann vergessen." Er nickte trübe. „Und dort hast du ja auch Luise tennengelernt", fuhr sie leise fort. „Ja, es ist alles anders gekommen", sagte er. „Wie geht es ihr? Die Leute erzählen, sie sei krank?" „Es geht ihr nicht gut, und Kinder wird sie nicht mehr bekommen, hat der Arzt gesagt." „Aber euer Paul ist doch ein prächtiger Junge geworden!" meinte sie und spielte immer noch mit dem Ring. „Unser Einziger!" seufzte er. In diesem Auaenblick trafen sich ihre Blicke wieder. Woran mochten sie beide denken? Wie es gekommen wäre, wenn er Anna geheiratet hätte? Straff, immer noch appetitlich anzu- fchauen, stand sie vor ihm, mit den kräftigen Armen, die anpacken konnten auf dem Feld. Sein Blick machte sie verlegen. „Ich muh weiter, Karl", sagte sie hastig und verabschiedete sich. Mit ihren immer noch schnellen, festen Schritten ging sie davon. Er blickte ihr nach. Karl hatte sie gesagt. Wie damals in der Mühle. Er schien nach dem Klang ihrer Stimme lauschen, aber dann schüttelte er die Erinnerung ab und knallte mit der Peitsche, als müßte er sich selber antreiben: „Vorwärts, alter Gaul!" Die Frau aber holte unterwegs den Ring hervor und begann, weiter an ihm zu putzen, bis er funkelte. Eine Weile hatten auch die Erinnerungen der Jugend wieder Glanz bekommen. Sie lächelte, während sie heinn eilte. Elfe wird sich freuen, dachte sie. Sie wollte Elfe den Ring geben, ihrer Aeltesten, die siebzehn Jahre alt war. Und so trägt ihn nun die junge, hübsche Elfe, den Ring, den vor zwanzig Jahren der Bauer Manthey ihrer Mutter hatte auf den Finger stecken wollen, drüben in der Mühle, an jenem letzten Abend, bevor er auf den Hof nach Sachsen ging, von dem er mit einem anderen Mädchen wiederkam. _ : Brühlsche Unioerfttätsbructerei, R. Lange, Gießen.