Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Zahrgang (939 Freitag, den 8. September Nummer 69 Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart der Pförtner, höhnische Be- ch Fortsetzung. Vioian glaubte, er sei nur Concierge, um wer weiß welches ungewöhnliche Gewerbe mit dem harmlosen eines Pförtners zu decken, sie wollte gern wissen, was er in den Stunden trieb, in denen er m Hause niemals aufzufinden war. Aber sie jagte vergeblich dem Geheimnis nach. Er behauptete stets, er sei im Keller gewesen und »abe nichts gehört. . ,, . Aber er wußte viel und beschaffte alles. Für eine Ausländerin eie Pivian blieb er ein Juwel. Sie faßte es nie in Gold, oft aber zrundung. ,Lch bleibe", sagte Bivian bescheiden. „Madame sind Pariserin!" Er verneigte sich. Die Antwort tat Bivian wohl, obgleich sie sich nicht als Pariserin, vndern als „Engländerin in Paris" fühlte. Und das war etwas ganz inberes. „Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein lebender Mensch auf dein Bahn- >os unter so viel anderen Menschen gegen seinen Willen verschwmoet. legte Tropulleaux nach einer Weil«. . „Vielleicht ist sie wirklich allein gefahren! Em dicker Kops wie Ann «tzt alles durch! Crapulleaux, können Sie machen, daß ein Telegramm England erreicht?" fragte Vioian. ,Zch versuche mein Bestes", erwiderte der Huster. „Sie sollen es nicht umsonst getan haben , sagte sie und schrieb i „Moreland auf Morebond Castle, Essex, England. Ann verschwunden. Dffenbar Gilbert ausgerissen. Wahrscheinlich Richtung Le Havre oder llalais. Wenn nicht dort bald eintreffend, dann vielleicht Preußen in vir Öände gefallen. Was tun? Vioian.' ' . , «je gab Crapulleaux das Blatt. „Es ist für alle Falle Nicht zuviel lefagt, nicht wahr?" , „Es ist fo klar wie immer die Entschlüsse von Madame. Dann legte Crapulleaux ein Frankstück auf den Tisch. „Madame hatten nn Geldstück verloren, hier ist es." . .. , Er schob es mit dem Nagel des kleinen Fingers weit m d,e Mitte >es Tisches. Vioian sah auf die Münze wie auf den Gegenstand einer 2unde, an die man nicht gern erinnert werden will. „Ich möchte Madame vor Schaden bewahren. Das Geldstück ist falsch. Oie Menschen sind böse, Madame." . T , Dann schritt der Huster davon, das Blatt mit dem Text des e - rrainms in den spitzen Fingern. Um den Mund zitterte ein üches Grinsen. Es ließ sich nicht einmal weghusten, so wohl fühlte es tc*) auf seinen Lippen. # . Gilbert war auf der englischen Botschaft gewesen und erschien mit m-er Empfehlung des in Parts verbliebenen Botschaftssekretärs auf der ^JllingMn'glaubte daher, daß ihm nicht nur die P°liZei s°ndern auch ">e himmlifchen Heerscharen zur Verfügung stehen mußten Er wurde »der nur zu Herrn Delubac geschickt, weil dieser die Abteilung „Ausländer" bearbeitete .. o , ... Delubac hatte, um Platz auf seinem Sessel zu findendie Lehn« weg- «gen lasfen, fo dick war er. Während Gilberts Vortrag fchnaufte er ohne bewegen, wie ein Walroß. Dann bedauerte Delubac: Ick bin mcht uftandig! Ich werde Sie zu Herrn Rameau, .vermißte Personen, fch'ckem Herr Rameau versuchte den Eindruck eines Beichtvaters zu machen. 'n Silber. „Crapulleaux, kann man noch telegraphieren? „Telegramme werden von den Zensurbehörden gelesen! erwiderte Crapulleaux und hustet«. ' Jeannette hat Ihnen alles über meine Nichte erzählt? „Ich würde mir keine Sorgen machen, Madame", sagte der Huster. .Miß Moreland hat Paris bestimmt verlassen!" „Woraus schließen Sie das?" „Wer bleibt in Paris und hat es nicht nötig? sagte Das war, fand Vioian, eine verdammt billige, fast der doppelt soviel Trostworte hat, wie der Beichtende Sorgen oder Sünden. „Erzählen Sie", ries er „erzählen erleichtert." Nachdem Gilbert zum zweiten Male beschrieben hatte, wie Ann Moreland hinter seinem Rücken verschwunden war, bat Rameau um die Wiederholung der Erzählung: „Für das Protoköllchen!" Erzählen erleichterte wahrhaftig, indem es ermüdet«. Gilberts Liebe zu Ann wurde durch die Mühle der Mühsal gezogen. Oh, Ann, oh, Sir Anthony! Und Gilbert erzählte zum dritten Male. Kommissar Rameau war eitel auf feine Hände. Lange Finger widersprachen aber feinem Amt, denn mit Langfinger bezeichnet man gemeinhin das Gegenteil eines Polizeikommiffars der Pariser Präfektur. Er nannte feine Finger gotisch und schmückte sie mit Ringen. Als Gilbert erzählte, spielte er mit seiner Uhrkette. Wie sah dieser Rameau au§, fragte später Bivian. Und Gilbert mußte antworten: Weiß Gott, mir sind nur seine Hände ausgefallen. Nachdem Gilbert das Protokoll unterschrieben hatte, erhob sich Rameau und sagte: „Mylord, bedenken Sie aber, es ist Krieg! Wer weiß, wie viele Fremde Paris verlaßen hoben! Wer weiß wann, wie und wohin? Aufgescheuchte Vögel, Mylord, die die Flinte des Jägers fürchten, eh« sie geknallt hat! Haha! Die deutsche Flinte wird überhaupt nicht knallen!" Durch die Fenster zitterte ein fernes Donnern. „Ein Gewitter!" scheuchte Herr Rameau Jllingtons spötttschen Blick zurück. Es war aber zu kühl für ein richtiges Gewitter. Es waren deutsch« Kanonen. Sie schossen bei jedem Wetter. Gilbert fragte, erhitzt von Ungeduld, was der Herr Kommissar in der Sache zu tun gedenke? Rameau haßte Fragen, die in den Fluß seiner Gedanken wie Geröll polterten. Dann verlor er, wie in diesem Augenblick, den Faden. Er hatte noch viel mehr sogen wollen. Aber die kohlen Wände, die fliegenoer- harschte Decke und der hochnäsige Engländer blickten ihn an und verwirrten ihn. Doch wie ein Mann, der auf einer Leiter ausgerulischt ist und die rechte Sprosse von neuem erwischt hat, fing er sich wieder. Er sagte: „Ein Bahnhof ist keine Bühne, auf der Feen ober Bösewichter wie im Zaubermärchen in einer Berfenkung verschwinden. Mylord, die Dame ist nicht mehr in Paris! Wahrscheinlich ift sie vor Ihren Augen in den Zug nach Rouen gestiegen! Vor Ihren Augen sage ich — doch behaupte ich nicht, daß Sie Miß Moreland einsteigen sahen! So war es!" Rameau richtete seinen langen Zeigefinger auf Gilberts Herz und schloß: „Gestehen Sie, gestehen Sie!" Geständnisse zu erzwingen, war die Leidenschaft des Herrn Rameau. Bei den harmlosesten Vernehmungen geriet er in solchen Taumel. Jlling- ton zog sich einige Schritte zurück. Der Zeigefinger des Herrn Rameau sank, seines Zieles beraubt, herab. „Was soll ich denn gestehen?" ärgerte sich Gilbert. „Wenn ich genau wüßte, was Sie zu wissen glauben, wäre ich ja nicht hier und ließe mich durch Sie enttäuschen!" „Ach gehen Sie", sagte Rameau, „so spurlos verschwindet kein Mensch!" Dann grollte er: „Hatte Miß Moreland Selbmordgedanken?" Die Frage war berechtigt: auf den Charakter der Verschollenen paßte sie wie ein Schneefall in den Iulimond. „Nein", lächelte Gilbert verzweifelt, „das ist ganz unmöglich!" „Weshalb?" fragte Rameau bockig. „Es paßt nicht zu ihr, wissen Sie", erwiderte Gilbert, „und ich glaube Miß Moreland sehr genau zu kennen!" „Ach, welcher Mensch kennt den andern", sagte Rameau mit der Geste eines Philosophen. Gilbert verließ die Präfektur erschöpft, ohne Hoffnung und zum Umfallen müde. Er sah, daß sich seinen Nachforschungen zwar überall Wege öffneten, daß aber jeder tückisch zu eben dem Punkt zurückführte, auf dem er stand Wenige Minuten nachdem er fein Hotelzimmer betreten hatte, sank er in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Aber beim Erwachen überfiel ihn die fönst feinem Wesen fremde Unruhe von neuem. Er bestellte Blanc- bois und ließ sich ziellos durch Paris fahren. Obwohl er Scheu vor Bivians spitzen Worten hatte, trieb es ihn doch am späten Nachmittag ?U Sie ging im Park spazieren und dachte nach. Crapulleaux hatte ihr gesagt, daß die Depesche an Sir Moreland England bestimmt erreicht ^^aben Sie etwas von Ann gehört?" fragte Gilbert. „Wer ist der Mann?" sagte Bivian und deutete mit den Augen auf Gilberts Kutscher. „Der Fuhrwerksbesitzer Blancbois, Kapitän der Nationalgarde! „Also ein Monn dos Volkes ttnti. wie ich ann.hme, von schlichtem unverbildeten Verstand?" 9(lington schmieg. Es war ihm nicht klar, was Vivian wollte. Sie sagten „Bitten Sie diesen Blancbois, ins Haus zu kommenl" Da Vivian von jeher verrückte Wünsche hatte, gehorchte Gilbert. Blancbois wurde eingeladen, an einer Sitzung teilzunehmen, bei der Vivian den Vorsitz führte. Gilbert sand die Zusammenkunft lächerlich, aber er begriff, daß sich Vivian an der strategischen Atmosphäre ihres Landkartenzimmers berauschte. Denn in ihrem Steckenpserdestall sand der Rat der vier: Vivian, Gilbert, Craputleaux, Blancbois statt. Sie wiederholte, was alle über Ann wußten und ließ dann abstimmen. Blancbois neigte zwar von Natur zum Widerspruch, und ost war ihm der Widerspruch lieber als die bessere Einsicht, aber hier war er besangen und überdies der gleichen Meinung. Es ergab sich, daß Crapullcaux, Blancbois und Vivian der Ansicht waren, Ann sei nicht mehr in Paris. Vivian meinte, daß Gilbert Paris verlassen müsse, um Arm außerhalb Paris zu suchen. Es war eine Ausgabe, gewaltsam wie Vivians Phantasie. Gilbert liebte die Bequemlichkeit und haßte das Außergewöhnliche. Er gab ohne Frage einen idealen Gatten ab, freilich nur für eine Frau, welche die Vorzüge eines überrafchungslofen Charakters zu schätzen oder auszunutzen wußte. Beides traf für Ann nicht zu. Sowohl Blancbois wie Crapulleaux beteuerten, daß man zwar jüngst noch nach Rouen gefahren fei und sogar gestern noch nach Calais, daß es aber nun keinen Eisenbahnverkehr mehr gebe.. Der Hausmeister meinte, man könne mit Schleichwegen rechnen, denn so dicht seien die Linien der Deutschen noch nicht. „Und wenn wir aus die deutschen Posten träfen?" fragte Gilbert. „Wer — wir?" erwiderte der Huster verwundert. Vivian bemerkte anzüglich, daß Lord Jllington offenbar damit rechne, von Crapelleaux einen der ihm bekannten heimlichen Wege geführt zu werden. Der Hausmeister grinste: „Von mir? Gewiß nicht!" „Und warum nicht?" fragte Vivian. „Weil ich das Leben liebe, Madame", sagte der Huster einfach. .Herr Crapulleaux meint", versetzte Blancbois, um auch etwas zu sagen, „daß man auj so heimlichen Wegen leicht von den Deutschen für Spione gehalten und erschossen werden kann!" „So ungefähr", sagte der Concierge und hustete. „Meine Herren, ich danke Ihnen!" erhob sich Bivian plötzlich und ließ durchblicken, daß sie mit Lord Jllington allein sein möchte. Gilbert wechselte das Zimmer, der Landkartenraum bedrückte ihn: er sand Vivians Leidenschaft unpassend. Nun sah er wieder auf dem Polsterstuhl, aus dem er Die Nacht verbracht hatte, aber seine Seele war freier. Vivian fragte ihn: „Wollen Sie Ann suchen oder nicht?" „Und wenn ich wollte, wie käme ich heraus?" Vivians Gedanken Machten einen Sprung: „Sie lieben Ann nicht mehr!" „Ja, wenn ich das wüßte! Können Sie es nii-r aufrichtig sagen, Miß Moreland?" „Natürlich lieben Sie Ann noch!" sagte Vivian. Er lachte: „Das sagen Sie, weil Sie es für zweckmäßig halten! Nein, Sie sind nicht aufrichtig!" „Sie müssen Ann suchen!" beharrte Vivian. „In England und in Frankreich, eine Stecknadel in einem Sandberg! Wie Sie sich das vorstellen!" spottete er. „Sie müssen schleunigst weg aus Paris! Bedenken Sie, ein junges Mädchen steht vielleicht der ganzen deutschen Armee gegenüber. Er lachte. „Lachen Sie nicht! Verlassen Sie Paris! Suchen Sie Ann!" Ihr bockiger Ton verletzte ihn. Er wurde grob und verlor die Geduld: „Wie Denn? Sie hören doch, es ist nicht möglich! Ich bin kein Vogel und kann nicht fliegen!" Dann ging er, die Tür knallte wie ein Flintenschuß. Es gibt Leute, die sich eher einen Diebstahl als schlechte Manieren verzeihen. Schon als Gilbert nach seinem Hotel unterwegs war, schämte er sich. Er wollte sich am nächsten Tage entschuldigen. Aber der Wunsch, Vivian zu schneiden, war stärker. Wie gern hatte er Paris verlassen, aber auf ordentlichem Wege und nicht als Opferlamm weiblicher Launen. Lieb ich Ann noch? dachte er. So weit feine nicht allzu phantasievolle Natur träumen konnte, war Ann sein Traum gewesen. Das heißt: Er hatte sie in Gedanken mit den Eigenschaften ausgestattet, die er gern gesehen hätte. Es waren all die Charakterzüge, die zu den seinen paßten. Aber die Wirklichkeit war ein hinkender Krüppel gegen eine Halbgöttin. Träume halten mit der Wirklichkeit nicht Schritt. Sie lausen zu schnell, denn sie wollen das Paradies stürmen. Ann spottete, ohne es zu wissen, des Wunschbildes, das sich Gilbert von ihr gemacht hatte. Er hatte Angst um Ann. Ja, aber es war wohl keine Liebe mehr, sondern vielleicht nur noch eine fast brüderliche Sorge. Ann! Wo ist Ann? „Wo sind Sie, Ann?" sagte er laut gegen die Wände seines Hotelzimmers. Wände sind sprichwörtlich bekannt dafür, daß sie schweigen. Man kann höchstens an ihnen horchen. Aber geantwortet auf eine verzweifelte Frage hat noch keine richtige Wand. Es ist ganz cinfad): als Gilbert von der Menge weitergefchoben wird, widersteht Ann dem Druck der Massen, stemmt sich ein, spürt Lücken und drängt zum Ausgang. Galante Männer machen ihr Platz, und nach und nach gewinnt sie Raum. Bald ist sie dem Auge Jllingtons entrückt. Ihr Gepäck ist bei Gilbert, sie hat nur eine kleine Reisetasche in der Hand. Ein paar hundert Schritte hinter dem Bahnhof lockert sich das Ge- dränge. Ann geht die Rue St. Lazare entlang, aber sie hat kein Ziel. Ihre Schritte sind rasch, sie fürchtet, daß Gilbert ihr Verschwinden ent deckt hat und ihr auf den Fersen folgt. Gilbert wird nicht reifen, überlegt Ann, er wird zu Tante Vivian zurückkehren. Darum will aber auch Ann nicht zu Vivian. Sie hat auf einmal den alten Kinderwunfch im Herzen: lieber Golt, gib mir nur ein Zeichen, sag mir auf irgendeine Art, was ich jetzt tun soll, Ein Zeichen, lieber Gott, es ist gleich, was für eins, ich zähle bis hundert! Erst zählt sie sehr schnell. Dann aber, da das (Eingreifen des lieben Gottes sich verzögert, zählt sie immer langsamer, bei jedem zehnten Schrit! eine Zahl. Ann beschließt eine neue Herausforderung des Himmels. Sie wird bis dreihundert zählen. Es scheint aber, daß der liebe Gott aus die törichten Bitten einer jungen Dame, die sich ohnedies nur gelegentlich (einer erinnert, nidjt antworten will. Aber bei zweihunderteinundachtzig steht Ann auf dem Platz LafayelU vor einer vielhundertköpfigen Hammelherde. Ein Wunder und ein Zei- djen! Der Platz Safarjette ist noch nie eine Viehweide gewesen. Die Schafe hat der liebe Gott geschickt, um Ann Moreland ein Zeichen zu geben. Der Hammel ist ja auch ein altes Orakeltier. Wenn die Schafe links an mir Vorbeigehen, denkt Ann, ist es ein Zeichen, daß ich zu Vivian zurück muh, gehen sie rechts vorbei, bann muß dorthin, wo die Schafe Herkommen. Die Tiere kommen natürlich nur mittelbar vom Himmel, eigentlich aber vom Gare du Nord aus einem Güterzuge. Ueberall auf den Weiden rund um Paris werden die Tiere lammengetrieben und nach Paris gebracht. Im Bois d« Boulognc flanieren jetzt feine Dandys und keine schönen Frauen, das Wäldchen von Boulogne ist eine Weide geworden, ein riesiger Viehhof des be- lagerten Paris. Die himmlischen Schafe blöken langsam des Weges. Sie gehen weder links nach rechts an Ann vorbei, sondern links und rechts. Ann ist enttäuscht. Dann schlendert sie, auf das Orakel pfeifend, hinüber nach dem Nordbahnhof. Sie sieht auf einem Gleise Wagen mit leichten Kanonen, di« Kanonen haben die Rohre gehoben, sie stehen wie in die Ferne gerichtet, verträumt und unkriegerisch. Die Waggons mit den Kanonen sind an eine Reihe Personenwagen gekettet. Die Personenwagen gähnen, so leer sind sie. Ann zählt wiederum aber diesmal die Fahrgäste. Sie zählt zwanzig, aber sie irrt sich um einen Passagier, es sind nur neunzehn. Sie schiebt sich verspielt den leeren Bahnsteig entlang. Dann stehl sie in der Nähe der Lokomotive. Sie heißt „Persöverance". Die Buchstaben lachen in blanken Messingbuchstaben auf dem runden Leibe der Maschine. Fürwahr ein absonderlicher Name für eine Lokomotive. Wahrscheinlich krönt sie, einmal in Gang gesetzt, ihren Weg mit „Pcrfe Derance", das ist mit Ausdauer und Beharrlichkeit. Der Lokomotivführer beugt sich aus seinem Stand. Die Mütze sitz' keck auf dem linken Ohr, die Zigarette hängt schief im Mundwinkel Eisenbahner plaudern zu ihm hinaus. Wahrscheinlich geben sie ihm Ratschläge. Sie drehen Ann den Rücken, aber Ann ist scheu und will niemanden fragen, wohin die Lokomotive ihre Nafe trägt, obwohl sie es brennend gern gewußt hätte. Da steht nun der Zug wie ein asthmatischer Spaziergänger, der sich verschnauft, bevor er weitergeht. Es ist ein vertrauenerweckender Z»x Der Lokomotivführer ruft zu seinen Kameraden, die ihm lauter Neuigkeiten vorsetzen, zu: „Glaubt ihr, ich habe Angst? Wenn ich die Pren- hen sehe, überfahre ick) sie einsach!" Die andern lachen im Chor, der Lokomotiosührer läßt aus laufet Vergnügen die Dampfpfeife ertönen. Änn erschrickt, sie glaubt, der schrille Pstss ist das Zeichen zur Ab- sahrt. Sie steht einen Augenblick still, bann reiht sie die Tür eines Waggons auf und stolpert in das Abteil. Es ist einer jener blitzartigen Entschlüsse, die weder den Verstand zum Vater noch die Voraussicht zur Mutter haben, und von denen man später behauptet, sie seien eine höhere Eingebung oder ein Streich des Tcusels gewesen, je nachdem sich die Dinge zum Nutzen oder Schaden des Wagemutigen entwickelt haben. Anns kleine Reisetasche fällt auf den Boden. Eine Hand hebt sie au und legt sie wieder auf die Bank. Da sieht Ann, daß sie nicht allein im „Danke!" sagt sie. „ßabatut! Maurice ßabatut!" stellt sich der Herr vor. Zunächst fallen zwei Augen auf, die klein in Lidwülsten liegen: es sind eigentlich Aeuglein. Die Wangen sind von gesunder Farbe, hier und da von blauen Acderchen bedeckt, ein Zeichen, daß Herr ßabatut leiblichen Genüssen nicht abhold ist und die Spuren der Seilerei verachtet. Der Bart ist ein Knebelbart in der Mode der Zeit, leuchtend, schwarz und ohne graue Cinlchüsse, die man, da Herr ßabatut auf die Fünfzig marfchiert, vermuten könnte. Ein mäßiges Bäuchlein stört den Eindruck einer durchaus Hanne, nischen Persönlichkeit nidjt, im Gegenteil, es rundet das Bild tatsächl'H und symbolisch ab. Herr ßabatut kleidet sich eigenwillig. Man vermag jedoch nicht ZU erkennen, ob es an ihm ober an seinem Schneider liegt Er trägt einen Rock von ausgewähltem aber aus der Mode gekommenem Tuche.. Auf der buntgestickten Weste, die dem Geschmack dcr Zeit zweifellos absichtlich widerspricht, legt eine schwere Uhrkette Zeug'»? für die Wohlhabenheit ihres Besitzers ab. (Fortsetzung folgt.) Oer Tambour. Von Eduard Mörike. Wenn meine Mutter hexen könnt, da müßt sie mit dem Regiment nach Frankreich, überall mit hin, und wär' die Marketenderin. Im Lager wohl um Mitternacht, wenn niemand auf ist als die Wacht und olles schnarchet, Roß und Mann, vor meiner Trommel säß ich dann: Die Trommel müht' eine Schüssel sein, ein warmes Sauerkraut darein. Die Schlegel Messer und Gabel, eine lange Wurst mein Sabel, mein Tschako wär' ein Humpen gut, den füllt ich mit Burgunderblut. Und weil es mir am Lichte fehlt, da scheint der Mond in mein Gezeit; scheint er auch aus sranzösch herein, mir fällt doch meine Liebste ein: Ach weh! Jetzt hat der Spatz ein End'I — Wenn nur meine Mutter hexen könnt'! 3m Armenhaus. Von Hans Kloepfer. itcf; hinten gestreckt, um die Gichtknochenhand den Rosenkranz. Der verlegt ein ewiges Murmeln und Lispeln der schwabbernden Lippen und litt doch dabei hundert alltägliche Hantierungen zu. Vor der Stubentür »ndet sie sich noch einmal um. Mit schiefem Haupt sieht sie an mir ft por. Die Augen, wie's der Beruf verlangt, demütig ausschlagend, jschelt sie mir zu:. „Die Moosmillerin gfallt mir aber heut schon gar net mehr! Kann liri Atem kriegen, schon den ganzen Nachmittag, vor lauter Lungeldampf »d den Herzschlag dazu! Han ihr schon den geistlichen Herrn angraten. !' ll ihn net. Hätt' noch Zeit, meint sie. Vielleicht bringen Sie's noch aus !l ich wegen dem Versehenlassen." Und klinkt die Tür auf. Dumpfe Luft tiigt entgegen. Alte Betten, alter Hausrat, alte Inwohner, zusammen- fl ührt aus besseren Tagen. Ein letztes Elücklein einstiger Habe hat die •iu oder die andere ins Armenhaus geborgen, Strandgut des Lebens, >i'en Schubladekasten mit würfelndem Krimskrams, ein blindes Hochzeits- fa, ein filigran umsponnenes Reliquienbild. Und llberm erinnerungs- ® rmen Kleinkram hängt stumm und steif an kalkiger Wand der Heiland •J1 Kreuz mit den vertrockneten Palmzweigen. Im rubinroten Glas zu » hen flackert ein Dochtlicht gegen den scheidenden Tag. Aufrecht im Bett kämpft die Moosmillerin um Luft und Leben, ums üwe Leben, das sie feit bald achtzig Jahren getragen hat. Als Würmlein *•" acht Tagen vor eine Wegkapelle gelegt, drüben im frohen Kärnten, sie nach leidlicher Kindheit als Bauerndirn und Schwaigerin ihre "•nfte durch Höfe und Jahre getragen, glücklich und überreich bedacht von '-'iger Liebe, handfam und emsig, gelassen und schweigsam in den Jahren Ahmender Kräfte, zuletzt als Kräuterweiblein mit ihrem letzten Weg- Fahrten, dem Wurzengraberloidl, wegkundig und berufen auf allen ’nen zwischen Steiermark und Kärnten, bis der böse Lungendampf die vlterfefte und kreuzsteife Alraune ins Armenhaus vertragen hatte. Di« Moosmillerin mag mich gut leiden. Nicht nur als Arzt, auch als fen Bekannten, mit dem sie unterm Kreuz auf freier Höh manch Rast- •KMftünbdien verplaudert. -Wie geht's, Mutter?" _ . »Besser, besser", keucht sie und drückt leicht meine Hand. ,. Mur zuviel Lust hon i alleweil—", und meint damit das Gegenteil 's quälende Atemnot. Ihr zu Hilfe gehen die zahnlosen Kiefer auf und "^er, knappend, taktmäßig feit Jahren schon, mehr aus Gewohnheit, .fter der Herr Doktor hilft mir schon wieder, wie selm auf der Frauen- |J’.' wo ich vom Wandl gfallen bin und da die drei Rlpven brachen han es mi heut no haltet da aus der Seiten. Ja, wenn l so furt könnt, wie k'st kann, auf der Maralm müßt i schon a Kräutl für n Lungldampf, a f1' von Gamswurz, Hirschzungen, Lunglmoos, und Petergstamm, d l^'st kann, auf der Maralm müßt i schl Iw ' Don Gamswurz, Hirschzungen, „ ■, wie man auf der Rappoltalm sind't — roer bie fpioö kennt. •er da —", und ein geringschätziger Blick streift die Kathl unb f f K°>eise: „Die laßt ja kein Fenster net aufmachen, wegen ihm heben Mraucf; unb Betbüchlbunst Unb i so viel bie gute Liftt gwohnt! Und hielt bie ganze Nacht ihm Rosenkranz, baß ma net schlafen kann, mns eint ja einmal vergunnt wär." Unb Dernirft M)..roie6.er : ’-n uralten Volksaberglauben voll Zauberspuk und Krautersegen, wie „Die Moosmillerin will sterben!" Die üble Kunde ruft den Arzt ins k Nienhaus. In Gelb und Blau blitzt der Abendhimmel nach vergrollenden tettern. Silberne Regenschauer schüttelt der Wind aus den Obstbäumen, ir braunen Wogen rauscht der Bach. „Am Gries" heißt es da. Jahrtausende l):6en Geschiebe aus der Engfchlucht gebracht, weit her von den Almen (fiten, und den Ort ummauert. Regenverwaschen steht das Armenhaus am Ortseingang, sturm- jroorfen noch Kraut und Unkraut im Garten. Gelb liegt im Giebel- lufter der sinkende Tag. Aber die Altweiberstube, letzte Herberg der i misten, hält sich abseits und spinnt sich schon in Dämmerung. Schon in der Haustür hat mich die jüngste der drei Bewohnerinnen «»ortet. Die „Freithofkathl", wie sie als Leichenansagerin im Orte heißt, sckürft mit ihrem Siebziger am Buckel, vornübergebeugt wie eine verirrte Sonnenblume im SBauerngartl, vor mir durch den Flur, die Arme er heute noch über unsere freien Almen weht und da und dort In Köhlevi hüllen und Wetterwinkeln, bei Erzgrabern und Rutengängern mit Berg- spiegel und Wünschelrute seine verhohlene Pflege hat. Ein ©egenftanb fällt hart zu Boden. Da gewahre ich erst die eigentliche Herrin der Stube, die alte Barbara Pfundnerin. Siebenundneunzig ist sie alt. Und sitzt in der Fensternische, hoch und hager, stets und ungebeugt Wie eine hölzerne gotische Martergestalt zeichnet sich ihr dunkler Umriß gegen bas grüne Abenblicht draußen. Fast bunte! ift’s geworben. Die Wärterin bringt bie Lampe. Altraunenbe Zeit huscht in bie Winkel; ärmliche Alltäglichkeit springt vor. Die Uralte hat sich an ihr Bett gesetzt unb läßt es gleichmütig geschehen, baß ihr die fromme Kathl unter lifpelnden Sprüchen die Kiffen für die Nacht zurechtlegt. Im Hellen Lichte erst werden nun bie Falten unb Fältchen sichtbar, bie hunbertfach die harten, knöchernen Züge überlaufen. Runen des Gebens, in grauen Stein gegraben. Die starren Augen erloschen, nicht dem Lichte, aber der Teilnahme an seinen Bildern, leere Fenster, bie kein Jnnengelaß traulich erhellen. Dazu geht, bas weiß ich, bas Herz so ruhig und gleichmäßig wie der Perpendikel einer alten Holzuhr, die in einer leeren Bauernstube schlägt. Schon lange hatte ich mich um dies rätselvolle Leben bemüht. lieber die hundert Jahre wollte ich es geleiten. Das schien nicht unmöglich bei diesem Kraftstück der Natur, wenn man sorgsam beobachtend Störungen des ruhigen Ablaufs rechtzeitig und mit ehrfürchtiger Hand begegnete. Dabei wollte ich den Geheimnissen allerletzten Greisentums nachgehen und erfahren, was der Alten noch am Wege aufnehmenswert erschien, den sie aus dem warmen Leben in die Einöde ihrer Jahre gegangen. Und wieder gab's mir keine Ruhe, wie sie fo verloren [arm. „Was ift’s mit der Frau Pfundner?" klopfte ich an; hoffte etwas zu erschauen von der trauten, farbigen Behaglichkeit eines alten Hammerherrenhauses im Rahmen der guten alten Zeit, wenn auch sparsam und mehr verhalten, bis alte Leute in der Erinnerung aufleben. Als habe bie Frage aus weiter Ferne an ihr Ohr geklungen, wandte sie langsam den Kopf und nickte mir unmerklich zu. Und wieder wie aus weiter Ferne holte sie ein Bild herauf, ein einziges: „Heut vor fünfzig Jahren ist mein Mann gestorben!" „Das ist freilich ein trübseliger Gedenktag." Teilnehmend war's von mit gemeint. Hart und verweisend wandte sie aus steisem Genick die Augen nach mir: „Herr, bas war ein grober Teufel!" mahlte sie aus harten Kiefern. „Ein Sensenschmied, wie nicht leicht ein besserer ist zu finden gewesen in der ganzen Steiermark. Aber heimkommen, nach dem Essen die Schüssel wegschieben, die Glasaugen auf unb das Neuigkeitsweltblatt lesen, stundenlang, das war eins. Net ein Schaffet Wasser hat er mir herausgetragen all bie Jahr her, keinen lucketen Kreuzer hält' er mit geben fürn Markt ober zur Kirchweih. — Aber grob wohl, grob, allezeit, und widerborstig wie eine Wildsau. Und dazu hammertearifch wie ein Ofen. Ein grober Teufel! Aber der beste Sensenschmied in Steiermark." Unb war schon wieder in steinernes Schweigen versunken. Nur für einen Augenblick hatte sich ein Spalt aufgetan aus der leeren Erntescheuer ihres Lebens in längftoergangene Zeiten. Und hatte sie wieder den Sensenschmied Mathias Pfundner sehen lassen, am Tisch lesend und schweigsam qualmend. Aber der kurze Blick hatte halbhundert- jährigen Groll unerbittlich geweckt. Bon allem anderen wollte sie nichts wissen. Aber mit einem Male stand mir aus meiner eigenen frühesten Kindheit wieder ein Bild vor Augen. Aus ihrem Blütengarten hatte damals ein Gerücht wie ein züngelndes Schlänglein gezüngelt und fein Gift geträufelt ins friebfame Marktleben. Richtig: „Die böse Pfundnerin!" hatte man sie immer geheißen, wenn sie, schon bejahrt, im sinkenden Abend einsam unter dem weiten Nußbaum chres grauen Häusels gesessen, daß wir uns scheu vorüberdrückten. Denn von ihrem Mann, dem Sensenschmied Psundner, hatte es immer geheißen, er sei wohl sackgrob, aber im Grunde kein unebener Mensch gewesen. Sie aber habe ihn hart gequält, wo sie's nur konnte. Und da habe er, des ewigen Haders müde, im Streit einmal mit dem schnüren Hammer nach ihr geworsen. Und ist bann fort, finnverwirrt unb reuverschreckt, fort übers Gebirg und brüben in bie Drau gegangen. Sie aber ist gemieben geblieben von Stund an. — Aber daran dachte sie schon längst nicht mehr. Ich traf meine Anordnungen und ging. Ging hinaus in die tiefblaue Sommernacht, dem rauschenden Bach entlang, von hallenden Stimmen der Nacht begleitet, gehoben und heimlich beglückt vom Leben um mich her und seiner sternübersäten Unendlichkeit, vom freien weiten Leben der Nacht, das mich so harmonisch unb boch rätselvoll umfing mit verlorenem Klang und Erbgeruch und Dunkel. Wie tot und erstorben, rote Altwasser am Strome der Zeit harrten bie brei Greisinnen in der engen Hast ihrer vier Wänbe. Denn für sie hat bie Nacht kein Leben. Sie gehen burch sie wie burch bas Tor bes Tobes unb nehmen'? gleichgültig, wenn sie morgen brüben roieber der Alltag erwartet. Freilich, bi« Freithofkathl, kirchenfromm und gebetbefliffen, spinnt als Leichenansagerin noch letzte Fäden aus der verlassenen Armenstube ins Leben, trägt Blumenstöcke an bie Bahre unb an hohen Feiertagen in bie Kirche zum Schmuck bes Altars unb erntet aus Markt unb Gassen manch lieben Klatsch unb Neuigkeitskram, bem daheim nur Schweigen bankt Unb nestelt eben wieder an ihrem Rosenkranz Gebete „auf eine gute Meinung" gegen winzigen Lohn. Hat wenigstens bie geheime Borfreude auf eine „schöne Leich" bei Glockengeläut und rühmender Nachrede. Und bie Moosmillerin, scheint's, bie müht sich wohl kurzatmig Ihre letzte Strecke Wegs entlang wie an einem starren Almzaun, empor durch Stein und Gras, bis ans Tor, bas enblich ins Freie führt — auf eine selige, lichte Alm. Aber die Pfundnerin ragt noch in bie Zeit, ein Granitpfeiler, an bem bie Stürme bes Lebens vergeblich genagt. Mit allem hat sie abgerechnet als mit belanglosem Schutt und sinnt, wenn einmal ein Fünklein aus der Asche glimmt, nur mißtrauisch lauernd, ob ihr der Sensenschmied am End« nicht noch aus dem ewigen Leben entwischt, in bem sie jo manches Hühnchen mit ihm zu pflücken gedenkt. Gebiet biefts Ei Eo| »Sie' des Wallras-Richartz-Museums in Verantwortlich: Dr. Hans Tdyriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Univerjitätsdruckerei R.Lange, Dieben. er n üiboi \\ u i'itl I um die Mitte des letzten Jahrhunderts vor Vangionen im keltischen Gebiet ansässig machte, die keltischen Bewohner verdrängte und die Grundlage aller späteren Gaueinteilungen im Raune der Stadt Worms bildete. Wir können noch nicht sagen, in welchem Grad die Stadt Vobertomagus als keltisch oder germanisch anzusprechen ist. Die römische Besitzergreifung und Kolonisierung dieses Gebietes überdecke mit der Fülle ihrer Einprägungen die vorhergegangene Zeit so sehr, bog wir die Rolle nicht mehr erkennen können, die der Siedlung Borbetomagrs im germanischen Raum zufiel. Wir wissen nicht, ob die Vangionen in vor. römischer Zeit schon einen Königssttz in Worms hatten. Zu schnell breitete ich die römische Verwaltungsorganisation über dem jungen rheinischen Germanien aus. Aber die Tatsache, daß die Römer das Gebiet der sRnnnmnon in ihre regionale ßanbeseinteiluna aufnobtnen — „Civitas sonders wertvoll erscheinen läßt, ist............,-----, ton ab jedes Stück in Worms selbst und seiner nächsten Umgebung in del Rheinebene ausgegraben worden ist. Reue Räume des Museums bergt! jetzt die Funde aus burgundischer Zeit, von den Alemannen und Frank« allerdings ist es schwer das wechseloolle Geschehen jener unruhigen Johl' Hunderte der Völkerwanderungszeit nach einzelnen Kulturen zu unter1 * । ’i«S bitnie . Die 'litte »sjch • °oi Nut. ,6it Der Psingstdienstag 1689 wurde so der schwärzeste Tag in der von außergewöhnlichem Schicksal gezeichneten Stadt und ihres Domes. Was aber gerade diesen augenblicklich wieder in das Blickfeld neuester wissenschaftlicher Forschung gestellt hat, ist eine äußerst interessante Entdeckung, die man vor kurzem gemacht hat. Man fand nämlich bei der Untersuchung des Domuntergrundcs durch den Dombaumeister Philipp Brand sichere Anhaltsvunkte für die typischen Bauten einer römischen Forumsanlage mit Basilika, Markthalle und Tempeln, vielleicht auch mit angrenzenden Kastellbauten. Die Ergebnisse dieser Bodenunterfuchung werden in dem im Druck befindlichen großen Domwerk von Geheimrat Professor Dr. Rudolf Kautzsch im einzelnen publiziert werden; einen Sonderdruck „Forum Germannm“, Umrisse zur Geschichte der Wormser Königspfalz gab aber schon Dr. Friedrich M. Illert zusammen mit Regierungsbaumeister Adolf Heiß, der den Rekonftruktionsversuch der Wormser Königspsalz unternahm, heraus. Das römische Forum ist also in mannigfachen Fundament- und Architekturresten nachgewiesen worden. Und in Jllerts Publikationen darüber heißt es: „Wir kennen nicht die Umstände, unter denen sich Zeitwende das Volk der W: , Sie «jtniib "Sch 8er # Z chr b> *iu t Über n|tn ttül »! ill n, a «im ber ; 5ta, llnru1 «hetz m Lu Vom Forum romanum zum romanischen Dom. Die Stadt Worms vor zweitausend Zähren. Von Dieter von der S ch u l e n b u r g. Die altehrwürdige Nibelungen- und. Lutherstadt Worms am Rhein beging kürzlich ein eigenartiges Jubiläum: den schwärzesten und dustersten Tag feiner jahrtausendalten Geschichte. Der große Theatersaal des Fest- Hau,es war bis auf den letzten Platz besetzt. Am Vortragspult ftanb ber um Worms verbiente Stadtarchivar unb Museumsdirektor Dr. Friedrich M. Illert. Aus jedem Wort sprach unmittelbar die Liebe und Verehrung dieses Mannes für seine Heimat und ihre große geschichttiche Vergangenheit, eine Begeisterungsfähigkeit, die von tiefgründigem Wissen getragen ist, und alle Zuhörer sosort in den Bann schlägt. Das Thema seines Vortrages war aktueller denn je. Nur eins hat sich geändert von Grund auf: Die Gewißheit, die felsenfeste Zuversicht, daß ein solcher schicksalsschwerer Tag sich niemals wiederholen wird und kann. Aller Augen waren in dieser ernsten Erinnerungsstunde auf den Wall aus Beton und Eisen und die uneinnehmbaren Westbefestigungen gerichtet, die aus Geheiß und durch die Initiative Adolf Hitlers entstanden sind, und die Worms und seinen heiligen Strom unb bannt ganz Deutschland für immer vor sremdem Zugriff schützen. Pfingsten dieses Jahres waren genau 250 Jahre vergangen, seitdem der „allerchristlichste" König Ludwig XIV. von Frankreich Worms durch Brand von Grund aus zerstören ließ. War schon 1674 bas „Brüler le Palatmat die Losung bes Sonnenkönigs gewesen, so wurde jetzt auf seines Kriegs- Ministers Louvois Anordnung dem französischen Generalissimus Comte de Melac der Auftrag zuteil, diese Losung auf die gesamten Städte der Rheinlinie anzuwenden. Wie in Speyer sollte auch in Worms wenigstens der Dom und der Bischosshof zuerst geschont werden, und man traf alle Vorkehrungen zu ihrem Schutz auch bargen die Einwohner hier alle ihre Habe. Aber dann teilte der Oberst Paisonel dem Rate und dem Bischof mit, bah laut Befehl des Intendanten de la Fond dennoch beide verbrannt werden mühten. Am 31. Mai 1689 verkündete Trommelschlag den verzweifelten Einwohnern der unglücklichen Stadt, dah ab mittags 12 Uhr niemand mehr sich ehen lassen dürfe. Dreihundert französische Grenadiere waren bereits früh morgens eingerückt. Mit dem Glockenschlag 4 Uhr nachmittags wirbelten die Trommeln abermals, erdröhnte dumpf unb brohend Kanonenschlag, und sternhagelbetrunken gingen die Moxbbrenner an die Arbeit. 964 Häuser gingen in Flammen auf. In ben Wochen vorher waren bie äußere unb innere Stadtmauer niebergerissen unb gesprengt worben. Tore unb Türme waren gefallen, bie, wie bie Franzosen höhnten, vor bem König ihre Reverenz machen mußten. Jetzt würbe Worms in wenigen Stunben in Asche gelegt, ein einziger Stein- unb Trümmer Hausen, während bie vergewaltigten Einwohner in französisches Gebiet verbannt ober verschleppt worben waren. Die wenigen, bie auf bas rechte Rheinufer hatten flüchten können, sahen die Rauchsäule wie eine ungeheure Wolke emporsteigen, bie die Sonne verdunkelte und den Tag zur Nacht machte. Was ein Jahrtausend gebaut, verging an diesem einen grauenvollen Schrecken--tag. Das Dach bes altehrwürbigen Domes war mit Blei gedeckt gewesen, es rann in dickflüssigen glühenden Bächen herab. Das herrliche Gestühl wurde restlos vernichtet. Und doch hat das Gotteshaus als eines der schönsten romanischen Baudenkmäler Deutschlands am Rhein seine schließliche Rettung einem Zufall noch zu danken. Um bie Kirche in bie Luft zu sprengen, begannen bie Mordbrenner in sieben Pfeiler Löcher zu ftemmen, doch kostete es zuviel Arbeit, man sah von einer weiteren Sprengung ab und beschränkte sich darauf, wie man auch in Speyer vor der Schändung ber Kaisergräber nicht zurückgeschreckt war, in Worms ebenfalls bie Gräber auszubrechen, das Kostbare zu rauben, die zinnernen und wertvolleren Metallsärge wegzuschleppen, die Gebeine der Toten in alle Winde zu zerstreuen, alle Grabdenkmäler und Heiligenbilder zu zerschlagen, die Altäre mit Unrat zu besudeln. Kirchen und Kapellen wurden zu Pferdeställen gemacht, ober man hielt in ihnen Weinschänken, Garküchen unb Trödelmarkt. „So gingen alle die Stifter, Kirchen und Kapellen mit ihrem Geläute, Orgeln, Altären, Gemälden, Bildwerken, Bibliotheken unb Sammlungen zugrunde, nicht tninber bie profanen Gebäude, ber Bürger- Hos unb bie Münze mit ihren fürstlich ausgestatteten Gemächern, Kunst- sachen, Altertümern, Büchern unb Akten." (Boos: „Rheinische Stäbte- kultur."! Vangionen in ihre regionale Lanbeseinteilung aufnahmen — Vangionum“ — läßt erkennen, baß bei ihrer Ankunft bas Geb Stammes eine beutliche Ausprägung unb einen stabtähnlichen Mittelpunkt gehabt haben wirb. Vierhundert Jahre bleiben nun im Schatten bet römischen Imperiums." Naturgemäß lag das römische Provinzialsorum mit seinen verschit» denen Gebäuden auf der erhöhten Stelle der Stadt, dem heutigen Don- bezirk, denn der Domberg trat sicherlich um diese Zeit deutlicher m Erscheinung als jetzt, wo bie Arbeit von zwei Jahrtausenden b>e Nwelüi- rung vollzog, vor allem nach Norden und Süden. Dr. I l l e r t brmjt ferner den Nachweis, daß eng verbunden mit dieser nahe an den Mein heranreichenden Höhenlage der Zug der großen Fernstraßen nicht nur von Norden nach Süden, vom Gebiet der Wikinger (Haithabu) nah Gallien, sondern auch von Wesst von der Kaiserslauterner Senke heraus nach Osten gehend den Wormser Rheinübergang benutzt und sich bann zum Main, Neckar und zur Donau ostwärts fortsetzt. Der Domberg ju Worms wird also schon in srühester Zeit Straßenkreuzungs- und Knotenpunkt und ist es durch Jahrhunderte hindurch geblieben. Von einem germanischen Königssitz in Worms hören wir zum ersten» Mal, als König Gunther am Ende des römischen Imperiums sein Rech zu begründen versuchte. Allerdings nennen die zeitgenössischen Quellen] den Namen der Stadt nicht, in der er seine Residenz aufschlug. Emdeutiz!, und ohne Variante preist nur das Heldenlied die Königsstadt Worms. Es erscheint unmöglich, daß ein späterer dichterischer Einfall allein |ol viel Bedeutung aus eine bestimmte Stadt hätte häufen können. Erst eint systematische Untersuchung der Burgundenspuren quer durch Deutschlaiito wird bie Frage bes Wormser Burgunberreichs im einzelnen klären. Wir wissen aber heute, bah bie Angaben des Nibelungenliedes auf Wahrheit beruhen und eine burgundische Königspsalz in Worms bestanden hat. N jenem frühen Jahrhundert war noch die Civitas Vangionum mit provinzialrömischem Gepräge vorhanden. Die Burgunder waren als Hllssvcm der Römer in dieses Gebiet gekommen und in die römische Staatsver-, waltung eingegliedert worden. Es kann als wahrscheinlich angenommen werben, daß bie bewegten geschichtlichen Ereignisse ber Erhebung mw-- des Untergangs Gunthers sich im Raum des römischen Forums vollzogen haben. Hier dürfen wir die Oertlichkeit des tragischen VerhangnisstF suchen, die nie mehr aus dem Gedächtnis des Volkes schwand und die die Königspfalz um 1200 zum Vorbild der Burgunderresidenz im Nibt- lungenlied werden ließ. Die Burgunder wurden auf einem ihrer kriegerischen Einsälle 435 von Aetius besiegt und im salzenden Jahre bni Königsgeschlecht bes Gundicar nach einem hunnischen UeberfaU vernicht Dem burgundischen Volk wurden neue Wohnsitze im Innern Gallie angewiesen. Der Untergang der Burgunder bedeutet aber trotzdem zuale-i das Ende der Römerherrschaft am Rhein. Nun setzt die endgültige San! nähme durch die Germanen ein, und zwar durch bie Alemannen. 10 I * ’n •N. $ Ai ‘hi A w I ■It 6 »> ? scheiden. Zu machtvoller Blüte stieg Wormatia unter den Karolingern auf. Ar» monumentalen Verherrlichung des neuen Reichsgedankens wurde nun auf dem alten Forum die städtische Königspsalz errichtet. Kein Köniz, kein deutscher Kaiser schon von Pipin ab, der hier in Worms die all1 gemeine Reichsversammlung, das Märzfeld 764 abhielt, bis zu Karl V. mit dem Reichstag 1521, auf dem der Heros der evangelischen Kirche our dem Forum ber Welt ftanb, der nicht immer roieber in Worms residiert hätte. Der große Bischof Burchard, Berater ber Oktanen, war es bare, ber im Raum ber Königspfalz als Gaukirche den gewaltigen Dom ® das noch heute beherrschende Wahrzeichen der Stadt und der ganjt! Rheinebene errichtete, den Heinrich II. 1018 weihte. Wenn man heute in ihm dem Hochamt vor dem wundervollen Ho-!>« altar im reinsten Barock folgt, wenn man zu diesen wuchtigen Pfeileck» aufblickt, bann ist es, als beginne ber rötliche Stein aufzublühen uwj in den Gewölben raune es von vergangener Macht unb Kaiserherrlichkeit-« Jahrhunberte ziehen vorüber. Schauer ber Ehrfurcht können uns über-» riefeln, denn die Stelle, auf der wir sitzen, war einst vor zwei JahM tausenden ein römisches Forum. Der römische Legionär ist hier vorbei geschritten, dann der Burgunder, der Alemanne, wie der Franke. findet sich wieder so leicht eine ehrwürdige Stätte in Deutschland, an bef| sich bie Zeitalter begegnen unb ihre Spuren hinterlassen haben, oo"« Rom, den Burgundern, Merowingern, Karolingern, sränkisch-salisch!" 1 Kaisern bis zu diesem Tag und dieser Stunde? Das Wormser Stadtmuseum im altehrwürdigen Kollegiatstist St. Ais dreas, das weit über das lokale Interesse von großer Sehenswürdigst und Bedeutung ist, zeigt die Spuren der Römer in reichster Fülle. A schönsten vielleicht ist das Glas: Sturzbecher ohne Standfläche, Nuppe wie Rüsselbecher, die an Form wie Patina kaum den besten Schätzt» " " ' ■ — - Köln nachstehen. Was die Funde bi1 aber der Umstand, daß vom Neolillji-